Für Durus erschien die Eröffnungszeremonie nicht unbedingt dem Anlass angemessen: Der Kaiser schien zwar bei der Sache zu sein, doch eine eigentliche Sitzung, die von dermaßen großer Tragweite war, mit den Worten 'Ich höre eure Vorschläge' zu beginnen, war doch etwas...ungewöhnlich. Wie der Senat, so war auch das Collegium Pontificium ein Ort für große Worte und schöne Reden!
Andere schienen von der Eröffnung nicht ganz so überrascht, denn sofort meldete sich einer der Pontifices zu Wort.
"Pontifices!
Diese Sitzung ist von großer Bedeutung für unser Collegium, wie auch die gesamte Res Publica! Wie jeder von Euch weiß, müssen heute vermutlich gleich drei Männer oder Frauen kooptiert werden - denn ich gehe davon aus, dass wir den Rex Sacrificulus aus unseren Reihen wählen und nicht einen völlig Fremden bestimmen!
Ich schlage daher vor, zuerst den neuen Rex Sacrorum zu bestimmen. Dieses Amt gehört zu den Ältesten unserer geliebten Res Publica! Seit der Vertreibung der Könige muss er die Kulthandlungen vollziehen, die zuvor dem Haupt des Staates vorbehalten waren, das sollten wir bei seiner Wahl bedenken! Wir müssen also jemanden bestimmen, der von großer Ansehen ist - auch vor den Göttern! Und wer könnte diese Stelle besser ausfüllen als unser guter Marcus Curiatius Fistus?
Er sitzt seit langer Zeit in unserem Collegium, dient den Göttern aber noch länger. Aus edlem, patrizischen Geschlecht stammend hat er die Quaestur bekleidet, mit Erfolg wie man weiß. Er stieg auf zum Aedilis Curulis und ist seit langem Senator! Und neben seinem Pontifikat engagiert er sich auch im Collegium der Arvales Fratres und der Sodales Augustales! Ich denke, dass er als Vorbild der Tugend gelten kann und hervorragend dafür geeignet ist, das Amt des Rex Sacrorum zu bekleiden!"
Er blickte zustimmungsheischend in die Runde, woraufhin Curiatius ein wenig schüchtern und bescheiden tat. Jeder wusste, dass der Redner ein guter Freund des Fistus und die Sache sorgsam einstudiert worden war. Curiatius entstammte zwar patrizischem Geschlecht, doch seine Stirps verfügte längst nicht mehr über größeren Einfluss oder Macht. Das zeigte sich schon darin, dass Fistus es nur bis zum Aedilat geschafft hatte, obwohl er bereits ein betagter Mann war. Vermutlich hatte er die Gelegenheit genutzt, um als Rex Sacrorum doch noch ein wenig Ansehen für seine Familie zu retten - Durus hatte fast Mitleid! Aber immerhin stellte sich jemand freiwillig zur Verfügung - die meisten Senatoren machten einen großen Bogen um diese speziellen Ämter, da sie jede politische Karriere weitestgehend beendeten. So hatte auch Durus kein Interesse.
Aber natürlich wäre dies nicht das Collegium Pontificium gewesen, wenn sich nicht sofort jemand anderes zu Wort gemeldet hätte.
"Curiatius Fistus? Mit Verlaub, aber ich bin mir nicht sicher, ob er der geeignete Mann dafür ist! Caius Sestius Gallius hat ebenfalls viel geleistet und wäre geeignet, das Amt zu bekleiden!"
Sestius Gallius war uralt und manch einer behauptete, dass er auch ein wenig senil war. Vor vielen Jahren hatte er eine politische Karriere hingelegt, war bis zum Praetor aufgestiegen und hatte verschiedene Curatoren-Posten bekleidet. Irgendwann war er dafür zu alt geworden und Kaiser Nerva hatte ihn ins Collegium Pontificium erhoben, wo er seitdem saß, meist anwesend war aber selten etwas sagte.
"Er gehört wohl zu den verdientesten Männern unter uns, überragt auch Curiatius an Alter und Lebenserfahrung, hat darüber hinaus sogar die Praetur bekleidet und gehörte zu den Vertrauten des göttlichen Nerva!"
Fistus wirkte etwas beschämt - auf seine gescheiterte politische Karriere reagierte er stets etwas empfindlich und dieser indirekte Hohn traf ihn wohl ziemlich.
Durus war sich nicht sicher - einerseits hatte Sestius den Vortritt, da das Senioritätsprinzip noch immer von Bedeutung war. Andererseits hatte er keine Lust auf einen senilen Greis, der wahrscheinlich die Hälfte seiner Kulthandlungen vergaß und ebenso vor sich hinvegetierte, wie es der Flamen Dialis war (der heute übrigens tatsächlich anwesend war, obwohl er einen dicken Mantel über seiner doppelt gefalteten Toga trug und immer wieder hustete).