| Caius Optimus
Als Caius aus der zweiten Kurve auf die Gerade kam, hatte er es doch wieder geschafft, den Decimer hinter sich zu bringen. Ein Blick über die Schulter zeigte jedoch, dass die Zugtiere des Goldenen noch immer auf Kopfeshöhe neben ihm liefen. Und irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Gespann neben ihm auch ein wenig schneller war als er! Digitus um Digitus sah er Serapio näher kommen. Er musste handeln!
"Lauft, ihr Großen, los!"
heizte er seine Tiere an und versuchte, noch mehr aus ihnen herauszuholen. Das konnte doch nicht sien, dass er sich in der dritten Runde bereits abhängen ließ! Dafür würde ihn Tiberius Durus vierteilen und das Geld für das verlorene Pferd verlangen! Und was würde sein armer Vater sagen, wenn er sich von einem Soldaten, der wahrscheinlich das erste Mal auf einer Biga stand (obwohl das eher unwahrscheinlich war), besiegen ließ?
Schon raste die nächste Kurve auf das Feld zu und Caius stemmte sich in die Zügel, um das Gespann möglichst eng um die Spina zu lenken. In seinen Augen verschwamm die Masse der Rennsportfans, die nun vor seinen Augen auftauchte - trotz ihres Lärms ignorierte er sie gänzlich. Seine Beachtung lag auf Serapio, der ihm noch immer an den Fersen klebte (oder inzwischen wohl eher seinen Pferden, so nah war er bereits!). Vielleicht wenn er ihn doch ein bisschen abdrängte? Er musste es versuchen:
Anstatt weiter möglichst eng um die Kurve zu fahren, ließ er seine beiden Pferde in der zweiten Hälfte der Kurve einen etwas weiteren Bogen zu fahren, sodass Serapio noch mehr Weg zurücklegen musste, wenn er sich nicht zurückfallen lassen wollte. Dann lenkte er endlich weiter und kam so auf die Gerade. Einen Augenblick glaubte er, wieder etwas Abstand gut zu machen, doch dann schien Serapio wieder anzugreifen.
Voller Panik ließ Caius die Zügel schnalzen, ließ gar die Peitsche knallen! Doch offensichtlich hatte er seinen Pferden ein wenig zu viel abverlangt, denn nun schien der Decimer umso schneller an ihn heranzukommen! Und dann sah er neben sich zuerst die beiden Pferdeköpfe und dann den Arm des Serapio, der die Zügel fest in der Hand hielt!
Was nun? Die Pferde seines Konkurrenten schienen einen richtiggehenden Flow zu haben, langsam, aber beständig holten sie den Abstand auf. Und dann tat Caius etwas, was er gelegentlich in den Circi des Imperiums gesehen hatte und was auch ein berühmter Lenker namens Messala vor über sechzig Jahren auf einer Rennbahn in Iudaea getan hatte: Er holte mit der Peitsche aus, doch anstatt nach seinen Pferden zu schlagen, ließ er sie zur Seite sausen, genau auf Serapio gezielt!

AURIGA - FACTIO VENETA