Tiberius Durus erwachte am Tag nach seinem kleinen Unfall und dem damit verbundenen Gespräch mit der Caecilierin früh. Am Tag zuvor hatte ein medizinkundiger Sklave seine Wunde versorgt und mit Wein ausgewaschen. Er hatte auch Blutegel empfohlen, doch Durus hatte dankend abgelehnt - er hasste die hässlichen kleinen, ekligen Tiere, die ihm den Lebenssaft aussaugen wollten.
Trotzdem hatte er von ihnen geträumt: Er war mit Caecilia Calena durch einen See auf die untergehende Sonne zugeschwommen. Sie hatten fröhlich geredet und geschäkert, als plötzlich etwas seinen Fuß gebissen hatte. Als er nach unten gesehen hatte, war es ein menschengroßer Blutegel gewesen, der ihn langsam aufgefressen hatte. In seinem Kampf mit dem Tier war er plötzlich schweißgebadet erwacht.
Sein Körper war schweißdurchnässt und sein Leibsklave, der mit ihm im Raum schlief, stand über ihm und blickte etwas besorgt drein.
"Herr, du hast sehr unruhig geschlafen!"
erklärte er, was sich Durus allerdings schon gedacht hatte. Er konnte sich sehr gut an seinen Traum erinnern, wollte aber nicht mit einem Sklaven darüber sprechen.
"Bring mir...einen Becher Wasser!"
meinte er und grub seinen Kopf ins Kissen, als er erneut den von gestern vertrauten Schmerz fühlte. Er rappelte sich etwas auf und betastete vorsichtig sein Gesicht.
"Bring mir einen Spiegel mit!"
rief er seinem Sklaven hinterher, denn eine böse Ahnung hatte ihn ergriffen. Der Sklave kam rasch wieder, einen Becher mit klarem Wasser, sowie einen Silberhandspiegel in der Hand. Durus riss ihm den Spiegel aus der Hand.
"Mach' die Vorhänge auf!"
befahl er und der Sklave gehorchte prompt. Als das Licht ins Zimmer trat, wurde seine Ahnung zur Gewissheit: Er hatte ein blaues Auge. Der gestrige Sturz hatte offensichtlich zu Blutergüssen in einer Gesichtshälfte geführt. Wie sah er nur aus? Damit konnte er sich ja niemals unter Leute begeben! Und ausgerechnet heute, wo die Ludi Romani stattfanden!
"Hol' sofort Capsa!"
Es dauerte nicht lange, da kam der Hausarzt tatsächlich angerannt. Er hatte wie üblich seine Capsa mitgebracht und wirkte etwas besorgt.
"Was ist das da?"
fuhr Durus ihn an und zeigte auf seinen großen blauen Flecken. Capsa legte den Kopf schief und betrachtete das ganze.
"Sieht wie ein blauer Fleck aus, Herr. Ich habe Dir ja geraten, Blutegel zu setzen, aber-"
Durus schnitt ihm nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit einer Geste das Wort ab.
"Ja, ja - wie kriege ich das wieder los?"
fragte er ärgerlich. Er sah es überhaupt nicht ein, seinen Fehler von gestern einzugestehen - dann hätte sein Sklave sich eben eine andere Methode ausdenken müssen!
"Abwarten, Herr. Du hättest es gestern etwas kühlen sollen, dann wäre es nicht so schlimm geworden."
Noch sehr genau erinnerte sich Durus, den Rat gestern schon gehört zu haben. Er hatte es auch einige Zeit gekühlt, dann jedoch war es ihm zu blöd geworden und er hatte den feuchten Lappen auf seinen Schreibtisch gelegt. Doch 'Abwarten' war genau die falsche Lösung. Er wollte heute die Ludi besuchen - und morgen gab er ein Gastmahl! Wie sah er denn jetzt aus?
"Wie lange dauert das?"
fragte er leicht säuerlich. Der Arzt sah sich Durus' Gesicht genauer an, dann schien er zu überliegen.
"Mindestens eine Woche, wenn nicht zwei."
erklärte er dann. Durus stöhnte auf und sank in sein Bett. Eine Woche? Die Ludi konnte er ausfallen lassen, das Mahl war jedoch schwieriger zu verschieben. Vielleicht war es ja möglich, das ganze zu überschminken...
"Holt eine Ornatrix!"
befahl er und blieb reglos liegen, bis sich die Tür wieder öffnete und eine junge Sklavin hereinkam. Sie wirkte etwas nervös und verwirrt - vermutlich hatte ihr niemand erklärt, was sie hier tun sollte. Mit einem Ruck setzte er sich auf und deutete auf sein Gesicht.
"Kann man das hier überschminken?"
Die Ornatrix wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Dann jedoch meinte sie zaghaft.
"Nuja, Herr - das geht schon. Aber nur so, dass man es sieht..."
Durus wollte sich enttäuscht über das Gesicht streichen, ließ es jedoch sofort los, als hätte er sich verbrannt. Es tat weh, die blauen Flecken auch nur zu berühren! Es war zum aus der Haut fahren! Er seufzte laut und meinte dann knapp.
"Los, los - alle raus! Sag meinem Sekretär, dass er alle Gäste ausladen soll. Das Mahl wird verschoben - er soll sich etwas ausdenken!"
Er sank wieder nieder. Alle seine Pläne zunichte gemacht - wegen einem blöden blauen Flecken! *O Fortuna, was habe ich dir getan?*, fragte er sich still...