Beiträge von Manius Tiberius Durus

    Durus' Blick streifte das Fenster. Die Zeit verging viel zu schnell, die Senatssitzung hatte sicherlich bereits angefangen. Und er stand hier in diesem Officium und ließ sich von einem eingebildeten Offizier sagen, dass man ihm nicht trauen könnte!


    "Dann war es ein voreilig erteilter Befehl. Werden eigentlich die Praetorianer kontrolliert, wenn sie ihren Dienst am Palast antreten? Es ist völlig absurd, einen Senator, der vom Imperator Caesar Augustus zu einem solchen gemacht wurde, zu überprüfen, während ein Praetorianer, der wahrscheinlich von irgendeinem beliebigen Offizier ernannt wird, mit voller Bewaffnung in den Palast gelangt.


    Ich verlange, dass mein Protest dem zuständigen Befehlsgeber mitgeteilt wird. Ich betrachte dieses Vorgehen als Misstrauen gegenüber meiner Person, das mich zutiefst kränkt. Nur aus dem Grund, dass der Senat zu einer wichtigen Sitzung hier her berufen wurde, beuge ich mich heute dem Befehl."


    erwiderte er, wobei diesmal geradezu vor Zorn sprühte. Dann riss er seine Toga herunter - eine Tat, die er wenige Augenblicke danach bereute.


    "Muss ich die Tunica auch ablegen?"


    fragte er mit bösartigem Unterton. Dann kam ihm, dass er ja jetzt zu einer Senatssitzung musste und größte Schwierigkeiten haben würde, seine Toga wieder einigermaßen in Form zu bringen.

    Auch Tiberius Durus hatte sich an diesem Tag aufgemacht, den neuen Kaiser zu begrüßen. Mit gemischten Gefühlen hatte er sich ankleiden lassen und einen Schluck Wasser zum Frühstück genommen. Einerseits würde nun hoffentlich wieder Normalität einziehen, andererseits hatte man dem Senat nun wieder einen Mann vor die Nase gesetzt, über den er nicht entscheiden konnte. Würde Valerianus wie sein Vetter Quintus sein? Ein alter Soldat ohne Sinn für Politik? Oder war er wie Iulianus, der sich eher in seinen Palast zurückzog und den Senat handeln ließ? Oder gar ein neuer Domitianus, der keine Rücksicht auf Traditionen nahm, sondern sich wie ein Gott gebahrte? Das alles würde sich in den nächsten Tagen entscheiden und Durus fühlte förmlich die Last der Verantwortung für die Res Publica auf seinen Schultern.


    Dann war er jedoch zu Fuß aufgebrochen, umringt von einer besonders großen Schar an Klienten und Sklaven. Er war angekommen und hatte sich unter die Praetorier eingereiht, sodass er ebenfalls einen relativ guten Blick auf den einmarschierenden Zug hatte. Als er nun jedoch die Begrüßung des Consul hörte, entfärbte er sich leicht. Hatte dieser Mann gerade einfach so, mir nichts, dir nichts, dem Caesar die volle Machtfülle des Imperator Caesar Augustus verliehen, ohne den Senat auch nur zu fragen? Zweifelsohne wäre Durus bereit gewesen, für diesen Antrag zu stimmen, aber dass man ihn gar nicht um eine Abstimmung bat, war schon ein starkes Stück! Man hätte ihm den Ehrentitel verleihen sollen, wie man ihn an die anderen, göttlichen Kaiser verliehen hatte! In einer Senatssitzung! Doch nun wurde es als Marginalie abgetan, man teilte es dem Caesar gewissermaßen zwischen Tür und Angel mit. Der Tiberier schüttelte leicht den Kopf und wartete dann mit düsteren Vorahnungen, was folgen würde.

    Ein wenig gönnerhaft wirkend lächelte Durus den jungen Mann an und erwiderte den Gruß


    "Salve, Claudius! Ein schönes Wetter hast du dir zum Opfern ausgesucht! Der Weihrauch kann ungebremst in den Himmel aufsteigen!"


    Im Prinzip war es völliger Schwachsinn: Auch bei bewölktem Himmel fand der Rauch zweifelsohne seinen Weg hinauf zu den Unsterblichen. Dennoch wollte er die sichtbare Aufregung des Claudiers ein wenig lösen. Außerdem hieß ein klarer Himmel, dass ein Blitz eher unwahrscheinlich war - und das konnte ja häufig ein böses Zeichen sein!


    "Bist du bereit?"

    Auch Tiberius Durus war selbstverständlich zu der Sitzung erschienen, schließlich hatte er einen jungen Mann vorzustellen, der unterdessen draußen wartete. Bis die Sitzung begann, hatte er sich in seinen Stuhl gefläzt und mit ein paar Mitbrüdern geplaudert.


    Als Quintus jedoch begann, setzte er sich auf und wartete, bis die Eröffnung vorüber war. Dann war er an der Reihe:


    "Verehrte Fratres!


    Wie der Magister bereits erwähnt hat, möchte ich dem Collegium einen jungen Mann vorstellen, der mich persönlich aufgesucht hat, um sich um einen Platz in unserem ehrenwerten Collegium zu bewerben. Sein Name ist Lucius Claudius Brutus, er ist der Sohn des allseits bekannten Senators Herius Claudius Menecrates. Er wird in Kürze zum Sacerdos Publicus gemacht werden und hat sich dem Dis Pater verschrieben, zu dessen Ehren wir ja bekanntlich ebenfalls Opfer abhalten. Er erscheint mir als ein tüchtiger junger Mann, daher kann ich ihn nur empfehlen."


    Er blickte sich fragend um.

    "Für die Fragen eines jungen Römers habe ich doch immer Zeit!"


    erwiderte Durus freimütig, obschon er dabei wohl fast ein wenig schwindelte. Doch dann fügte er ein


    "Vale!"


    an und beendete damit die Audienz. Ein Sklave führte den Claudier wieder zur Porta, wo die Sänfte wohl noch wartete.

    "Ich habe hier lange Zeit als Procurator a cognitionibus gearbeitet - damals wäre ich wohl sehr viel wahrscheinlicher eine Gefahr gewesen, zumal damals auch der Kaiser selbst im Palast zugegen war. Und dann betrachtet man mich mit derartigem Misstrauen, schützt den Palast schärfer als mit Kaiser? Wer hat diese Neuerung denn eingeführt und seit wann ist sie in Kraft?"


    fragte er. Vielleicht konnte er ja einfach eine Station weitergehen! Sicherheitshalber betonte er seine Kampfbereitschaft durch das Verschränken der Arme.

    Am festgesetzten Tag erschien Manius Tiberius Durus, gehüllt in seine Toga Praetexta und gegürtet mit dem reich verzierten Culter, das als Abzeichen der Pontifices galt. Den Tempel der Venus Libitina suchte der Tiberier selten bis nie auf, denn er fürchtete den Tod in gewisser Weise. Selbst die Austragung aus der Bürgerliste hatte er seinem Sklaven Jakobus überlassen.


    Heute würde er jedoch kommen, um etwas Neues entstehen zu lassen - beziehungsweise die Entstehung zu überwachen. Claudius Brutus sollte heute ein Opfer abhalten und er darüber wachen, dass alles mir rechten Dingen zuging.

    Durus hatte nichts beizusteuern. Er war ämterfrei (abgesehen von seinem Pontifikat) und damit keine handwerklich begabten Untergebenen (mit Ausnahme seiner Sklaven, aber die brauchte er selbst). Er würde sich eher Gedanken um ein Geschenk machen müssen. Im Prinzip hatte ein Kaiser alles, was er brauchte...es musste sich also um einen dekorativen Gegenstand handeln...

    "Ich wurde noch nie vor dem Palast durchsucht! Wieso bringt man mir also jetzt plötzlich kein Vertrauen mehr entgegen?"


    Man konnte sehen, dass dieses Misstrauen ihn tatsächlich kränkte. Insbesondere jedoch diese Prinzipienreiterei dieser Soldaten, die wahrscheinlich beiweitem kürzer im Dienst der Kaiser standen als er.

    Durus war der Meinung, dass seine Position von dem Prätorianer unzureichend, genaugenommen sogar gänzlich unpassend zusammengefasst worden war. Aus dessen Sicht schien es ja wirklich so zu sein, aber mit seiner Sicht hatte das nur wenig zu tun.


    "Um es zu konkretisieren: Ich halte es für nicht angemessen, beim Besuch des Palastes von einem Prätorianer durchsucht zu werden in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich hochgradig um das Wohl des Staates im Allgemeinen und das des Imperator Caesar Augustus im Besonderen verdient gemacht habe und es als entwürdigend betrachte, unter diesen Umständen von einem Prätorianer durchsucht zu werden, als wäre ich ein potentieller Mörder."


    erklärte er daher. Er bemühte sich, ruhig und bestimmt zu klingen, doch ein ärgerlicher Unterton ließ sich dennoch nicht verbergen.

    "Natürlich wäre es sehr schön, wenn du deine Beweggründe selbst vor den Brüdern vertreten würdest. Es findet ohnehin demnächst eine Sitzung statt."


    meinte Durus und gab dem Sklaven ein Zeichen, dass er seine Arbeit unterbrechen sollte. Dann stützte er sich wieder auf die Ellbogen und sah Brutus an.


    "Ich werde noch einmal mit dem Magister sprechen und dir den Termin zukommen lassen."


    Durus hätte fast vergessen, dass Quintus ja der eigentliche Magister der Arvalbrüder war - nun war es wieder seine Aufgabe, das Collegium einzuberufen!

    Durus nickte langsam. Richtig, Olivenbäume brauchten ewig, bis sie Frucht trugen - selbst unter optimalen klimatischen Bedingungen. Also vielleicht doch keine so gute Idee...zumal er keinen Erben hatte, der etwas davon haben konnte! Die Verlobung mit Fabia Vibulana war geplatzt - sein angeblicher "Freund" Fabius Vibulanus hatte sie nun doch mit einem Consularen verlobt. Eine Unverschämtheit so kurz vor dem praktischen Heiratsversprechen!


    "Bei Beerensträuchern ist es wirklich eine schwierige Sache - wohin verkaufst du deine Erträge übrigens? Belieferst du die Prima Traiana?"

    Durus stellte fest, dass Flavius Gracchus wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Mochte Fabius Antistes eher ein Knauserer sein und gerne Entscheidungen abgeben, so wollte Gracchus stets vorankommen und klare Entscheidungen treffen.


    Andererseits musste er auch dem Rex Sacrorum Recht geben: Im Prinzip war das Collegium Pontificium für die Interpretation von religiösen Problemen zuständig - die Verwaltung von Gebäuden gehörte eigentlich nur nebenher dazu.


    "Wenn du, Flavius, diese Entscheidung auf dich nehmen würdest und unsere informelle Empfehlung berücksichtigen würdest, wäre das meiner Meinung nach tatsächlich die beste Vorgehensweise."


    Ein alter, etwas schwerhöriger Pontifex beugte sich vor und fragte


    "Und wenn der Senat etwas dagegen hat?"


    Durus machte eine wegwerfende Handbewegung


    "Wie Flavius bereits gesagt hat: Er ist von Rechts wegen mit der Aufsicht und Instandhaltung der Tempel beauftragt. Er wird die Sache mit jeder Berechtigung angehen können."


    "Dann ist die Frage, was wir eigentlich wollen."


    meinte Fabius Antistes und sogleich meldeten sich verschiedene Pontifices zu Wort. Der Flamen Quirinalis meinte


    "Ich denke, dass es eigentlich eher in der Tradition ist, dass der Aedil, der die Renovierung vornimmt, verewigt wird."


    "Aber nur, wenn er es auf eigene Kosten macht!"


    warf ein greiser Pontifex ein, wobei er den Finger belehrend hob.


    "Es ist jedenfalls ohne Tradition, dass ein Mann ohne Amt auf eigene Kosten einen Tempel renoviert und dafür mit einer großen Inschrift geehrt wird."


    Bevor die Pontifices sich nun in theoretischen Debatten verloren, beschloss Durus etwas einzuwenden.


    "Genaugenommen ist es ohne Tradition, dass ein Mann überhaupt ohne Amt einen Tempel renoviert. Wir sollten Germanicus Avarus als das sehen, was er sein wird: Der Architekt! Und der wurde in der Geschichte Roms noch nie auf einem Bauwerk vermerkt, soweit ich mich erinnern kann. Also eine Bezahlung."


    Da eine Argumentation über die Traditions-Schiene im Collegium Pontificium immernoch am besten zog, war Durus ganz glücklich über seinen guten Einfall.


    "Da hat Tiberius Recht. Ich stimme ihm zu."


    "Ich denke, dass eine Inschrift auch niemandem wehtun würde. Iuppiter gefällt unser Vorschlag, also können wir ihn guten Gewissens auf dem Bauwerk vermerken."


    wandte ein anderer ein, der für seine Sparsamkeit bekannt war. Durus mochte ihn nicht - man munkelte, er hätte zwar ein großes, altes Haus, dieses jedoch an Arbeiter und Händler vermietet, während er selbst nur in seinem Tablinium wohnte - aber das war wohl eher ein böses Gerücht.

    "Den Empfang auf den Forum unterstütze ich. Man sollte den Tag der Ankunft als allgemeinen Staatsfeiertag ausrufen, damit das Volk von Rom seinen neuen Herrscher gebührend empfangen kann. Außerdem sollten die Consuln und einige hochrangige Senatoren dem Caesar entgegenkommen."


    erwiderte Durus, obwohl er etwas verwirrt war, dass man das eine Thema anschnitt und dann abbrach, um das andere zu diskutieren - aber gut, solange es den Consuln gefiel, war es Gesetz.


    "Man sollte die Straßenzüge, die der Caesar auf seinem Weg zum Forum und dann zum Palatin besonders reinigen und schmücken, vielleicht auch Tribünen für Zuschauer errichten. Ich kann mir vorstellen, dass es an diesem Tag zugehen wird wie auf einem Triumphzug. Ein Begrüßungsgeschenk wäre ebenfalls angemessen."

    Offensichtlich kam der Caesar endlich in Rom an. Die Reise hatte sich ziemlich lange hingezogen, wie Durus wusste. Vermutlich lag es an der Krankheit des Caesar, doch um den Zustand des zukünftigen Princeps schwirrten nur Gerüchte - kaum einer hatte ihn wirklich gesehen.


    Langsam beruhigte er sich, sodass er schließlich antwortete


    "Der verstorbene Augustus wird von seinem Sohn beigesetzt werden, wie es üblich ist. Allerdings ist ein Staatsbegräbnis durchaus angemessen, nachdem Iulianus sich derartig für die Res Publica eingesetzt hat. Eine Mitwirkung des Senates wäre daher angemessen.


    Beispielsweise könnten wir anbieten, angesehene Männer für das Tragen der Totenbahre abzustellen. Die Laudatio Funebris sollte jedoch Valerianus selbst halten. Außerdem könnte man natürlich anbieten, die Kosten für die Beisetzung zu übernehmen. Außerdem könnte man natürlich auf Staatskosten das Familiengrab der Ulpii renovieren."


    erklärte er kurz, dann kam er zum zweiten Punkt: Der Caesar!


    "Der Caesar müsste natürlich gebührend empfangen werden. Gemäß der bisherige Sitte sollte Valerianus außerdem das Amt des Pontifex Maximus übernehmen. Dafür müsste er selbstverständlich inauguriert werden."

    Der Masseur begann wieder, den Tiberier durchzukneten, sodass Durus sich wieder hinlegte und ohne den Claudier anzusehen zu erzählen begann


    "Furianus ist ein Freund von mir. Er hat eine beachtliche Karriere hingelegt und schätzt gute Mitarbeiter. Wenn du dich engagierst, hast du gute Chancen, weiterzukommen - etwa in das leitende Priester-Collegium von Hispania. Privat ist er ein Freund des Wagenrennsports."


    Er stieß einen langen Seufzer aus, als der Masseur begann, eine etwas verspannte Stelle auszumassieren. Mehr hatte Durus nicht vor zu erzählen - immerhin war Furianus ein Freund und Claudius ein völlig fremder.

    "Nunja, ein wenig Geflügel, aber hauptsächlich Schweine und Schafe. Es ist wahr, dass Vieh nicht ganz so einfach ist, dafür kann man sie bei Futterknappheit immer noch schlachten, während unfertiges Getreide bei schlechter Witterung verbrennt. Außerdem wirft es ein Vielfaches an Gewinn ab - Fleisch wird immer beliebter, wie mir scheint.
    Abgesehen davon können sie die Wiesen abweiden, auf denen meine Obstbäume stehen."


    antwortete Durus dazu. Mit einem Mann, der sich für seine Güter mehr interessierte als den bloßen Umstand, dass sie existierten, zu sprechen, gefiel ihm. Er selbst hatte zwar ebenfalls wenig praktisches Wissen zur Landwirtschaft, aber da er regelmäßig Berichte forderte, konnte er doch zumindest das ein oder andere zu verschiedenen Dingen sagen.


    "Es wird auch nicht übermäßig viel nach Hispania verkauft - es bietet sich ohnehin an, da das hochwertige Kirschholz aus meinem Gut sowieso in die Sägewerke meines Vetters verschifft werden - da fallen die Kosten für den Getreidetransport kaum ins Gewicht.


    Allerdings überlege ich, ob ich meinen fruchtbaren Boden nicht lieber mit Oliven oder Wein bebauen sollte - allerdings fürchte ich, dass der Markt da etwas überlaufen ist..."