Als nächstes rief der Nomenclator einen leicht nervös wirkenden Mann mit Stirnglatze herein. Nach einer kurzen Begrüßung nach er Platz und der Nomenclator unterrichtete Durus flüsternd, dass es sich um den Libitinarius Bonius Vesper aus Misenum handelte. Vor Jahren war er Durus' Klient in der Hafenstadt gewesen, doch alles, was die Informanten des Tiberius herausgefunden hatten, war, dass der Bonier sich vor geraumer Zeit nach Rom begeben hatte, dennoch jedoch nie zur Salutatio erschienen war.
"Ich liebe Rom. Rom hat mir mein Vermögen gegeben. Ich habe ihr Freiheit gegeben, aber ich habe ihr beigebracht, niemals die Familie zu entehren. Sie hat einen Freund gehabt - keinen Kampanier. Sie ging mit ihm in den Circus, sie blieb Abends lange weg - ich habe mich nicht beschwert. Vor zwei Monaten hat er sie mit einem anderen Freund zu einer kleinen Reise mitgenommen. Sie haben ihr ungemischten Wein gegeben und dann versucht, sie zu vergewaltigen."
Er blickte einen Augenblick zu Boden.
"Sie hat sich gewehrt, sie hat ihre Ehre bewahrt. Dann haben sie sie geschlagen wie ein Tier. Als ein Medicus sie nach Hause brachte, war ihre Nase gebrochen, ihr Kiefer war zerschmettert. Sie konnte nicht einmal weinen wegen des Schmerzes."
Er wurde immer angerührter und seinen Augen wurden feucht.
"Aber ich habe geweint. Warum habe ich geweint?"
Er machte eine kleine Pause.
"Sie war das Licht meines Lebens. Sie war ein hübsches Mädchen. Jetzt wird sie nie wieder hübsch sein."
Er begann zu weinen und entschuldigte sich verhalten. Auf einen Blick von Durus brachte ein Sklave einen Becher mit verdünntem Wein. Bonius trank einen Schluck.
"Ich ging zu den Vigiles wie ein guter Römer. Die zwei Burschen wurden vor Gericht gestellt. Der Richter hat sie mangels Beweisen freigesprochen!"
Ein zorniges Funkeln zeigte sich in den Augen des Mannes.
"Sie waren am gleichen Tag frei! Ich stand in der Basilica wie ein Idiot! Diese zwei Bastarde haben mich ausgelacht! Und dann sagte ich zu meiner Frau: 'Wenn du Gerechtigkeit willst, müssen wir zu Dominus Tiberius.'"
"Warum bist du zu den Vigiles gegangen? Warum bist du nicht gleich zu mir gekommen?"
fragte Durus mit ruhiger Stimme. Er erinnerte sich dunkel an den mann.
"Was verlangst Du von mir? Sag mir, was es ist, aber tu, worum ich Dich bitte!"
"Was soll ich tun?"
Vesper erhob sich und stellte den Becher auf dem Schreibtisch ab. Dann kam er um den Tisch herum und flüsterte Durus ins Ohr:
"Ich will sie tot."
Durus machte einen leicht angewiderten Gesichtsausdruck und schwieg eine Weile. Er kratzte sich kurz an der Wange und meinte dann kurz
"Das kann ich nicht tun."
"Ich gebe dir alles, was du willst!"
"Wir kennen uns jetzt seit vielen Jahren und dies ist das erste Mal, dass du mich um Hilfe bittest. Ich kann mich nicht an deine letzte Salutatio erinnern, obwohl meine Mutter die Patrona deines einzigen Kindes ist.
Aber lass uns offen sein: Du hast nie meine Freundschaft gewollt und hattest Angst in meiner Schuld zu stehen. Ich verstehe. Du hast in Rom das Paradies gefunden: Du hattest ein gutes Leben, Schutz durch die Cohortes Urbanae und Vigiles und Gerichte. Du hast keine Freund wie mich gebraucht!"
Er blickte auf seine Hände und sah dann auf.
"Aber jetzt kommst du zu mir und sagst: 'Dominus Tiberius, gib mir Gerechtigkeit!' - aber du fragst ohne Respekt! Du bietest mir keine Freundschaft an, du nennst mich nicht einmal Patronus! Du kommst während der Megalesia und bittest mich, jemanden für Geld zu töten."
Er ließ die Worte ein wenig wirken.
"Ich bitte um Gerechtigkeit! Das ist keine Gerechtigkeit - Deine Tochter lebt!"
Einen Augenblick wirkte der Libitinarius überrascht, dann meinte er jedoch
"Dann lass sie leiden, wie sie leidet. Wie viel soll ich zahlen?"
Durus spielte inzwischen mit einem silbernen Stilus auf seinem Tisch und sah auf. Langsam erhob er sich und legte das Schreibgerät beiseite. Er blickte aus das Fenster hinter ihm, das in den Garten des Anwesens wies.
"Bonius Vesper, Bonius Vesper..."
Dann drehte er sich wieder um und breitete die Arme aus.
"Was habe ich getan, dass du mich so respektlos behandelst? Wenn du in Freundschaft gekommen wärst, würde der Abschaum, der deine Tochter ruiniert hat noch am heutigen Tag leiden."
Er ging auf Vesper zu und kam dicht an ihn heran.
"Wenn ein ehrenhafter Mann wie du sich Feinde machen würde, wären es meine Feinde. Dann würden sie dich fürchten."
Er deutete nun mit dem Zeigefinger auf ihn und setzte eine unheilverheißende Miene auf. Vesper schluckte und rang nach Worten.
"Möchtest du...mein Freund sein...Patrone?"
fragte er dann kleinlaut und neigte sein Haupt, während Durus weiterhin die ände hinter dem Rücken verschränkte. Dann jedoch gab er dem Libitinarius die Rechte und dieser küsste sie.
"Bene."
erwiderte Durus schließlich und legte den Arm um die Schulter des etwas kleineren Mannes.
"Eines Tages, vielleicht auch niemals, werde ich dich um einen Gefallen bitten. Aber bis dahin..."
Der Tiberier machte eine kleine Pause und klopfte dem Bonier auf die Schulter.
"...nimm diese Gerechtigkeit als ein Geschenk zu den Megalesia."
Er Lächeln malte sich auf die Lippen des Klienten und er ergriff die Hand seines Patrons. Auch Durus lächelte freundlich.
"Danke, Patrone!"
"Bitte."
Bonius Vesper verließ das Tablinium und Durus wandte sich an seinen Scriba Personalis, der still in der Ecke gesessen hatte. Einen Augenblick kratzte er sich am Kopf, dann meinte er
"Gib die Sache an Clemens weiter - ich will Leute, die von so etwas nicht mitgerissen werden. Wir sind keine Mörder, egal was dieser Libitinarius sagt."
| Caius Lupus