"Ein erstaunliches Tier," meinte sie überrascht und blickte zweifelnd zu Ajax hinauf. Ein Hengst, der trotz der Reize einer rossigen Stute nicht auf diese ansprang, war schon ausgesprochen selten. Eigentlich hatte sie so etwas noch nie erlebt. Aber es erstaunte sie gleichzeitig auch nicht besonders, dass ein Mann wie er, der für einen Patrizier ebenfalls ziemlich aus der Art schlug, ein besonderes Pferd hatte. "Solange er irgendwann seine Traumstute findet und es dann einige Fohlen gibt, die seine Stärke und Schönheit vererbt bekommen, warum nicht," schloß sie das Thema schmunzelnd ab. Ein Hengst mit einem eigenen Kopf, was die Fortpflanzung anging, davon hatte sie wirklich noch nicht gehört, aber man lernte bekanntlich schließlich nie aus.
"Ah, eine Ziehtochter," sagte sie sinnierend und war innerlich doch gewaltig erleichtert. Keine unangenehmen Affären, keine früheren Ehen, das klang doch vielversprechend. Wenigstens aus diesem Teil der Familie schien kein weiterführendes Problem zu erwarten sein, was sie ziemlich beruhigte. Es war schon schlimm genug, auf die Tochter ihres Onkels ein Auge halten zu müssen und dabei zu versagen. "Ich hoffe sehr, dass er mit meiner Verwandten glücklich wird, aber sie scheinen auch ein gutes Paar zu sein. Beide sind sehr freundlich, und ich denke, sie können sich gut ergänzen. Wenn er wirklich den Weg eines Senators dereinst einschlägt, wird er sicherlich eine starke Stütze zuhause brauchen, und sie wird ihm diese ganz bestimmt sein." Ihr Eindruck von Andreia war wirklich positiv und sie sah der Hochzeit mit einer großen Hoffnung entgegen.
"Ich danke Dir ... und dennoch ist das eine höchst schmeichelhafte Wahrheit," erwiederte sie auf seine Worte und lächelte etwas, mit einer Hand ihre Palla zurecht zupfend, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Es war ihr wirklich peinlich, dass er sie so lobte, nicht zuletzt, weil sie es nicht mehr so gewöhnt war. Titus war mit Lob sparsam gewesen, und ihre Eltern nicht minder, und die lockeren Schmeicheleien der Gesellschaft hatte sie auch bisher eher wenig erlebt. Der Fischer rettete sie glücklicherweise und sie warf einen sehnsüchtigen Blick in den Eimer mit den Hummern. Wie lange war ihr letzter her? Wahrscheinlich eine halbe Ewigkeit, eine so teure Spezialität kam im Haus der Iulier nicht auf den Tisch.
"Heute kann ich Dir leider nichts abkaufen, aber wenn Du morgen wieder etwas anzubieten hast, sehe ich gern vorbei und nehme Dir einige Fische ab," erwiederte sie freundlich, aber durchaus bestimmt. Dieser Abend würde mit Bohnenbrei und Akten vorüber gehen, sie würde nicht nach Rom zurück reisen, sondern in Ostia bleiben müssen - und in dem kleinen Zimmer, das sie für die Übernachtung angemietet hatte, blieb kein Platz für ein offenes Feuer oder Kochgegenstände. Eigentlich war es seltsam, dass sie als Magistrata lebte wie ein einfacher Arbeiter, aber etwas in ihr sträubte sich dagegen, das sauer verdiente Geld für eine bessere Unterkunft herauszuwerfen, wenn es auch so ging.