Die richtige Lage und die richtige Situation waren in vielerlei Hinsicht essentiell, nicht nur das Reiten betreffend. Eine meiner Brauen wölbte sich vielsagend in Verbindung mit einem Schmunzeln, doch weiter ging ich auf das Thema nicht ein, sondern beließ es dabei.
Versunken in meine eigenen Gedanken, dachte ich nicht mehr daran, dass Sivs Verständnis von meiner Sprache ihr Schwierigkeiten bereiten würde, wenn ich mir keine Mühe gab, nur leicht verständliches Vokabular zu nutzen. Ich ordnete ihren erstaunten Gesichtsausdruck daher der falschen Ursache zu, und glaubte, sie sei erstaunt über meine geäußerten Ansichten bezüglich der Menschen. Stumm saß ich auf der grobwollenen Decke am Fuße des Baumes und betrachtete das silbrigmatte Antlitz der Germanin. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und wachsamen Augen manifestierte sich allmählich ein schwaches Lächeln auf meinen Zügen. "Es sollte so sein, ja. Es ist aber nicht so. Von dir hat man erwartet, dass du Ragin eine gute Ehefrau wirst, obgleich du es nicht wolltest", gab ich zu bedenken. "Ein jeder muss sich anpassen, Siv. Manchen fällt es leichter als anderen, und wieder andere scheitern gänzlich." Ich zuckte mit den Schultern und brachte beide Hände hinter meinen Oberkörper, um mich abzustützen, derweil ich Sivs Worten mit verengten Augen zu folgen suchte. Wie ungläubig sie mich fragte, ob ich hilflos sei... Es klang so verständnislos, und doch überraschte mich diese Reaktion in keinster Weise. Auf fremde Völker mussten wir Römer unfehlbar wirken. Wir nahmen ihre Ressourcen, ihre Söhne und Töchter, ihr Land und ihre Freiheit. War es da nicht purer Hohn, von Hilflosigkeit zu sprechen? Seit unser Sklavenstand größtenteils aus entwurzelten Angehörigen fremder Völker bestand, bekam ich ein Gefühl für solcherlei Ansichten, was gewiss nicht hieß, dass ich sie teilte. Doch wenn man tagtäglich indirekt oder auch direkt mit den Unterschieden und Gefühlen von Menschen fremder Völker konfrontiert wurde, gewann man einen weitaus besseren Einblick als durch das bloße Studieren von Schriftstücken zu diesem Thema.
Mit keiner Wimper zuckte ich, als sie mir über die Wange strich, welche bereits wieder zu kratzen begann. Es war einen Schererei mit dem Bart. Und nun war es erneut Siv, ob derer ich die Brauen leicht hob, als ich spürte, wie sie sich an mich lehnte. Ihr delektabler Duft stieg mir nur wenig später in die Nase, und ich richtete den Blick hinauf in den Himmel, um die helle Mondscheibe auf samtenem Grund zu betrachten. Ich hatte den Wunsch, Siv einen Arm um die Schultern zu legen, mochte mich aber nicht recht entscheiden, ob das wirklich sinnvoll war. Ganz gleich, was die Situationen zwischen uns mir auch vorgaukeln mochten, dies hier war nicht, wie es schien. Sie war eine Sklavin, ich hatte sie gekauft. Damit war sie mein Besitztum, nicht mehr und nicht weniger. Sie besaß zwar eine ganze Reihe an Vorzügen, aber was würden sie wert sein, wenn es darauf ankam? Und doch... Was war so falsch daran, sich einer Illusion hinzugeben, einer privaten Inszenierung, persönlich und exklusiv? Langsam wandte ich den Kopf und sah von schräg oben zu Sivs Kopf an meiner Schulter herunter. Solange ich darauf achtete, sie weder bevorzugt den anderen gegenüber noch ungebührlich ob ihres Standes als Leibsklavin zu behandeln, barg ein solches Spiel keine Gefahr. Ich wandte mich kurz um, blickte hinter mich und rutschte dann ein Stückchen zurück, um mich gegen den kühlen, knorrigen Stamm des Baumes zu lehnen. Die Beine winkelte ich an, die Füße stellte ich auf und Siv zog ich zu mir heran, sodass sie vor mir saß und sich anlehnen konnte, geborgen zwischen den Knien des Römers, dem sie gehörte. Nachdenklich lehnte ich auch den Kopf an die zerfurchte Rinde, den Himmel nach bekannten Sternbildern abtastend. Es verging eine geraume Weile, in der ich nichts weiter tat als so zu sitzen und in den Himmel hinaufzuschauen.
"Meine Mutter war krank. Als sie starb, ist mein Vater ihr aus freien Stücken gefolgt. Zu diesem Zeitpunkt war ich in Germanien stationiert, bei der legio secunda. Ich habe es durch einen Brief erfahren, den mein Vater selbst geschrieben hatte, ehe er Mutter ins elysium folgte", sagte ich schließlich mit belegter Stimme. "Seit dem Tod meines Vaters bin ich für die Familie verantwortlich, Siv. Mir obliegt es, sie zusammenzuhalten, sie zu stützen und zu lenken. Aber es läuft alles aus dem Ruder. Titus...hasst mich, ich weiß nicht weshalb. Camilla und ihre Söhne zogen nach Mantua. Meine Verlobung endete in einem Fiasko. Und Helena... Nun, du weißt, was sie getan hat, und das war meine Schuld. Ich frage mich, warum ich versage, Siv. Immer und immer wieder. Titus wirft mir vor, die Zügel zu fest zu halten. Er begreift nicht, dass ich nicht auch ihn noch auf diesen Weg lenken will. Helena wird mich nun gewiss hassen. Es ist nicht gerecht. Aber das Leben ist wohl nie gerecht." Versonnen starrte ich das Coma Berenices an, das Haar der Berenike, dessen nur verhalten glühende Sterne ich neben dem Bären entdeckt hatte. "Einst opferte die Königin Berenike ihr rabenschwarzes Haar der Aphrodite, da ihr König, Ptolemaios, den Sieg gegen die Seleukiden errungen hatte. Am Morgen nach dem Opfer war ihr Haar nirgends mehr aufzufinden, und die Priester erklärten, dass der Göttin diese Gabe so sehr gefallen hatte, dass sie sie auf ewig am Himmel sichtbar gemacht hatte. Selbst Catull hat darüber geschrieben", sinnierte ich leise vor mich hin, den Blick versunken im dunklen, mit Lichtpunkten gespickten Nachhimmel. "Manche behaupten allerdings, es sein nicht das Haar der Berenike, das dort prangt, sondern lediglich die Schwanzquaste des benachbarten Löwen..." Verwundert war der Tonfall, mehr geistesabwesend denn bei Sinnen, und als ich den Blick schließlich wieder senkte und Siv erneut gewahrte, lächelte ich milde. "Erzählst du mir, was dich bewegt? Warum Kopf und Herz nicht ruhen können?" fragte ich sie.