Mein Kinn war selbstverständlich rasiert, nur eben morgens, und da es gerade Abend war und zwischen dem gegenwärtigen Zeitpunkt und der morgendliche Rasur gute zwölf Stunden lagen, kratzte es nun mal ein wenig... 
"'Kennen' ist zuviel des Guten. Er war mein direkter Vorgesetzter, aber gesehen haben wir uns so gut wie nie, sieht man von den üblichen Stabsbesprechungen einmal ab", sagte ich und grinste kurz. "Jeder Kommandeur, der seine Truppe noch nicht auf Valerianus hat schwören lassen, macht sich verdächtig, Titus. Ihm blieb nichts anderes übrig, selbst wenn er nicht hinter dem Kaiser stünde. Aber du hast ganz recht, der Vinicier ist kaisertreu, so wie sein Bruder auch. Hungaricus, den praefectus urbi - du kennst ihn doch?" fragte ich nach und nahm erneut einen Schluck Wein. Selbstverständlich schmeckte er pur am besten, doch hatte die unverdünnte Flüssigkeit zudem die Eigenschaft, recht schnell auf Zunge und Geist einzuwirken. Noch verspürte ich allerdings nur eine angenehme Wärme in der Bauchgegend, die mir zudem das wölfische Grinsen erleichterte.
"Wenn es dir nur um eine schneidige Germanin ginge, müsstest du dich nicht einmal nach Germanien begeben. Manchmal glaube ich, wir haben die meisten germanischstämmigen Sklaven in ganz Rom", witzelte ich - nicht ahnend, wie groß der Wahrheit Kern in diesen unbedacht gewählten Worten doch war. Hätte ich es geahnt, wäre der Abend wohl anders verlaufen als geplant. Es gab nur weniges, das ich ganz ausdrücklich untersagte, doch wer mich kannte, der wusste, dass ich es dann bitterernst meinte, wenn ich es tat. So aber dachte ich mir nichts weiter dabei und nickte nur. "Natürlich, nichts anderes habe ich auch erwartet, Titus. Und wenn du Sertorio mitnehmen möchtest, kannst du das gern tun. Niki kam jahrelang allein mit den anderen aus, da wird sie ein weiteres Jahr nicht umbringen", fuhr ich fort. "Das kann man tatsächlich nur hoffen. Caelyn sollte vorerst nicht mehr allein umherwandern, damit so etwas nicht nochmals passiert. Aber daran hast du sicher gedacht. Was Lucius Funeribus betrifft...nein, du kennst ihn nicht. Er war schon Klient meines Vaters, kein allzu großes Licht, wenn du verstehst. Aber er ist treu und hat das Herz am rechten Fleck. Ich bin mir sicher, dass er zusammen mit Matho ein Auge auf die Gruppe werfen wird." Genaugenommen war ich mir da gar nicht so sicher, sondern hoffte einfach das Beste - was in diesem Fall bedeutete, dass der alte Lucius noch lebte, wenn die aurelische Truppe wieder hier ankam.... "Nicht länger als es notwendig ist", schloss ich schließlich.
Ob jetzt der passende Moment war, ganz nebenbei das zu fragen, was mir auf der Zunge lag? Ich verschob ihn noch etwas und konzentrierte mich einen Moment lang auf mich selbst. Mein Gefühl sagte mir, dass dies hier alles nur Schein war. Noch hatte die große Aussprache nicht stattgefunden, auch wenn sie längst ausstand. Aber weder Ursus noch ich überwand sich dazu, den ersten Schritt zu machen. Warum er es nicht wagte, wusste ich nicht zu sagen, bei mir indes war es einfach die Zermürbnis, nicht wieder einen Streit entfachen zu wollen. Als auch der zweite Becher geleert war, räusperte ich mich schließlich, blickte Ursus ernst an und sagte folgendes: "Angesichts deiner Abreise vielleicht auch nicht gerade der beste Zeitpunkt, aber ich wollte dich bitten, die tutela für deine Schwester zu übernehmen." Da war der Schritt, der erste, und er war von mir gekommen. Zwar hatte es sich als recht schwierig herausgestellt, mich zu überwinden, aber schlussendlich war es mir doch gelungen, und Ursus würde ganz gewiss auffallen, dass ich ihm damit ein Stück weit Verantwortung übertrug.