Die Lippen schürzten sich im Verständnis, als ich den Kopf neigte ob der Worte Gracchus’. Letztendlich blieb es unser Umfeld, was uns beurteilte, kritisierte und vom Taugenichts zum angesehenen Mann erhob. Die Welt, wie sie einen jeden von uns sah, war ein Teil unseres Seins. Es schien keine passende Antwort auf Gracchus’ Formulierung zu geben, zumindest wollte mir keine in den Sinn kommen, und so schwieg ich, versonnen in meinen Gedanken und den Blick nachdenklich auf ihm ruhend. Das Gespräch hatte eine ebenso unerwartete wie jähe Wendung genommen, wie ich ein wenig verwundert feststellte. Hinfortgeweht war der Sturm, in welchem Gracchus in die villa gesegelt war, und was zurückgeblieben war, ähnelte am ehesten einer sanften Brise in der Abenddämmerung. Ich hob einen Mundwinkel und sagte schlussendlich doch noch etwas dazu, unterbrach so die mir unbewusste Musterung seitens meines Besuchers. „Man sagt zwar, dass die Kunst des Lebens darin bestehe, zu lieben was man tut, statt zu tun was man liebt, doch habe ich selbst bisher die Erfahrung gemacht, dass das Sein leichter ist, wenn man beides beherzigt und nicht nur eines.“ Und auch, wenn ich in einem Punkt damit gehörig auf die Nase gefallen war, so bemühte ich mich doch, nicht nur die Pflichten zu erfüllen, die meine Position innerhalb der Familie und auch innerhalb der Gesellschaft mit sich führte, sondern versuchte gleichsam, das zu tun, was ich gern tat – auch, wenn dies selten nur möglich war. Gracchus würde schon verstehen, wie ich es meinte.
Auf seine erneute Beteuerung hin erwiderte ich nichts. Ich war nicht sonderlich nachtragend, und angesichts der Umstände, die Gracchus hierher geführt hatten, war ich nicht gewillt, ihm einen Vorwurf zu machen. Zudem baldig eine Verbindung unserer beider Familien anstand, und ein Zwist keine gute Basis hierfür war. Danach stand mir nicht der Sinn. Ein erheitertes Schmunzeln zeigten meine Züge, kaum dass Gracchus auf seine Entgleisungen in meiner Gegenwart anspielte. “Dies ist auch meine Hoffnung, doch ich glaube nicht, dass es allzu viele Punkte gibt, die wir absolut gegensätzlich betrachten.“ Vermutlich gab es sogar gar keine. Zumindest keine, welche den Senat tangierten. Immerhin schienen wir auch der gleichen Auffassung zu sein, was die Familie anbelangte, und Gracchus’ nachfolgende Bemerkung erinnerte mich nur zu deutlich an mich selbst. “Ein Umstand, denn ich vollumfänglich nachvollziehen kann“, bemerkte ich daher und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, die Lippen zu einem ebenso feinsinnigen wie beschämten Lächeln verzogen. Nur noch schwach sah man die Schnitte auf meinen Unterarmen und Händen, die von meiner eigenen Entgleisung Helena betreffend zeugten, aber dennoch waren sie vorhanden und erinnerten mich an meine eigene Fehlbarkeit. Doch wohl nichts konnte die Seele eines Mannes so sehr belasten wie die Erkenntnis, keinen Erben zeugen zu können. Obwohl inopportun, brachte ich Gracchus mein tiefstes Mitgefühl hierfür entgegen, doch hütete ich mich davor, ihm das zu sagen. Ich selbst wäre mir erniedrigt vorgekommen, wie musste er sich dann erst fühlen, wo er über die Phase der Spekulation bereits hinaus zu sein schien? Nein, ich schwieg besser. Es langte bei weitem, wenn Gracchus sich seine Gedanken machte, da musste nicht auch noch jemand ihn vor den Kopf stoßen.
Ich stellte den Glaspokal auf die ebenmäßige Oberfläche des Tischchens, die aus kleinen Mosaiksteinchen in verschiedensten Blauschattierungen bestand, und musterte Gracchus ein weiteres Mal. Es war gewiss keine unglückliche Verkettung von Zufällen, dass Aquilius Gefallen an ihm gefunden hatte, ihn gar liebte. Sie waren sich ähnlich und doch wieder divergent, gleich einer piacevolen Melodie, der man gern lauschte. Dem Umbruch des Gesprächsthemas schloss ich mich, nachdem den Blick losgerissen hatte, gern an, auch wenn ich zweifelnd drein sah. Immerhin konnte mein Vigintivirat nicht ganz so erfolgreich gewesen sein, wie Gracchus behauptete. Gewiss hätte man mich dann für eine Auszeichnung in Erwägung gezogen, was jedoch noch nicht der Fall gewesen war bis dato. „Das ist eine Frage, die ich mir schon eine geraume Weile selbst stelle, wenn ich ehrlich bin. Es ist nicht so, dass ich in Eile wäre. Vielmehr strebe ich danach, meine Aufgaben gewissenhaft zu erledigen, und was meine Position als septemvir angeht, muss ich gestehen, dass ich noch nicht allzu zufrieden mit den von mir erbrachten Leistungen bin. Ich habe mich letztendlich allerdings doch für die Kandidatur zum quaestor entschlossen, da ein Amt im cursus honorum meine Tätigkeit im religiösen Sektor nicht gänzlich ausschließt. Meine Hoffnung hierbei ist, vom Senat in Rom eingesetzt zu werden. So kann ich dem Septemvirat auch weiterhin achgehen. Zudem gedenkt mein Neffe, das freiwillige Tribunat abzuleisten, und wird aufgrund dessen mit Sicherheit die Stadt verlassen. Ich würde ungern meine Basen und Nichten auf sich allein gestellt hier zurücklassen, sollte man mich in einer Provinz sehen wollen.“ Helena, Minervina und Prisca allein unter Sklaven – das konnte nicht gut gehen... Ich verdrängte den Gedanken daran. “Und wie steht es mit dir? Wenn ich nicht irre, käme für dich das Amt des aedilis curulis in Frage. Wirst du dich zur Wahl stellen?“