Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Die Tür schwang auf, und Pyrrus steckte seine Nase herein. Mit Ursus war ich überein gekommen, dass ich meinen scriba wieder selbst in Anspruch nehmen würde, während er selbst dem Iulier Aufgaben zuwies. "Da ist nen Brief", sagte Livius Pyrrus und wedelte mit einer Schriftrolle herum. "Herrje Pyrrus, dann her damit!" fuhr ich ihn an, und scheinbar hatte es gefruchtet. Pyrrus reichte mir das Pergament mit dem Siegel der Claudier prangte und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust. "Scheinbar klappt das mit der Bürokratie hier noch nicht so. Der ist schon fast nen Monat alt", bemerkte er, während ich bereits las und nur mit einem abwesenden "Mhm" antwortete. Claudius Myrtilus wollte also entlassen werden. Ich runzelte die Stirn. Die Reihen lichteten sich fortwährend. Ob ich vielleicht Ursus das Priessteramt würde schmackhaft machen können?


    Eine Viertelstunde später reichte ich Pyrrus die Akte des Claudiers, sowie den Brief und einen Vermerk von mir. Eine Auszeichnung sollte er nicht bekommen, sonderlich viel geleistet hatte er aufgrund seiner Krankheit nicht. Ein mulmiges Gefühl hatte von mir Besitz ergriffen. Ich wollte nicht auch einst so enden. "Bring das zum scriba Valerius", sagte ich, und Pyrrus verschwand.

    Die liebevolle Berührung Priscas schien meinen Arm hinaufzukriechen und alles Trübsal aus mir hinfortzuwaschen. Schließlich erreichte die wärmende Herzlichkeit auch meine Lippen und nötigten sie, sich zu einem ebenso herzlichen Lächeln zu formen. Mit dem Daumen strich ich dankbar über Priscas zarte Haut, dann nahm sie ihre Hand wieder fort. Mein Blick sprach Bände. Es gab vermutlich niemanden in der Familie, dem ich so uneingeschränkt vertraute wie Prisca. Das hatte in Germanien begonnen und würde sich fortsetzen, wenn sie in die villa Flavia eingezogen war. Ein kleiner Seufzer kam über meine Lippen.


    "Nun, nicht direkt", erwiderte ich ausweichend und fuhrte ein Stück Käse zum Mund. Natürlich war dies ein Gesprächsthema zwischen uns gewesen. Das musste Prisca eigentlich klar sein, immerhin wusste sie, dass Aquilius und mich eine enge Freundschaft verband. "Mir wurde zugetragen, dass er dich auf einen Ausflug mitgenommen hat. Genaugenommen habe ich es nur durch Zufall erfahren, weil mir Tilla über den Weg gelaufen war... Ich wollte dich eigentlich bitten, mir zumindest Bescheid zu geben, wenn du dich auf einen solchen Ausflug begibst." Was noch recht harmlos formuliert war. Immerhin hatte ich nicht geahnt, dass die Sache zwischen Aquilius und Prisca bereits im Ausreifen begriffen war, und das in dieser Zeit. Des weiteren stand ich ihren verstorbenen Eltern gegenüber in der Pflicht, auf sie acht zu geben, was ich nicht konnte, wenn sie mich nicht in Kenntnis setzte. Aber ich war ihr nicht gram, immerhin war Prisca eine anständige junge Dame, und ich vertraute ihr. Statt eines mahnenden Tonfalls war also nur ein gutmütiger zu hören, gewürzt mit etwas ernsthaftiger Besorgnis. "Vielleicht sollten wir Caius einmal einladen, was meinst du?" bot ich an und streifte Prisca mit einem Seitenblick, ehe ein weiteres Stück Weißbrot mit Honig seinen Weg in meinen Mund fand.


    Eine steile Sorgenfalte erschien kurz darauf auf meiner Stirn. Die Erwähnung der Ernennung zum septemvir überging ich einfach. Da war sie wieder, die Last, die ich auf meine Schultern geladen hatte. Seit Helenas Selbstmordversuch hatte ich noch nicht den Mut aufbringen können, sie zu besuchen. Vermutlich war das auch besser so. "Ich weiß es nicht", gestand ich daher nach einer Weile des Schweigens mit unglücklichem Gesichtsausdruck ein. "Am besten fragst du Titus...." Ich wich ihrem Blick aus und fixierte stattdessen das Honigbrot auf meinem Teller, bis ich erneut Priscas mitfühlende Hand spürte und schwach lächelnd aufsah. "Ja", erwiderte ich auf ihre Frage nach dem Opfer für Volcanus. Ich holte tief Luft. "Das mit Helena", sagte ich gepresst, "das...also, das ist meine Schuld." Jetzt war es raus. Ich hatte Ursus gebeten, niemandem davon zu erzählen, also konnte Prisca nichts davon wissen, wenn nicht Helena es ihr anvertraut hatte. Schlagartig hatte ich keinen Appetit mehr und vermied es, Prisca anzusehen. Ich fühlte mich nun tatsächlich so, wie ich aussah.

    Ich warf Ursus einen Blick zu, den ein Stirnrunzeln begleitete. Es war offensichtlich, dass er keine der fünf Sklavinnen erworben hatte, und vielleicht wäre das tatsächlich das Klügste gewesen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass anfangs widerwillige Sklaven, die später erkannten, dass sie es sehr viel schlimmer hätte treffen können, meist die dankbareren waren. Die Rothaarige jedenfalls schien noch mit sich zu hadern, doch dann ließ sie sich herab, mir ihren Namen zu nennen. Fhionn. Warum nannten sich diese Kelten stets so seltsam, dass man ihren Namen nicht aussprechen konnte? Bei Caelyn und Cadhla hatte ich mich unlängst daran gewöhnt, aber noch jemanden im Hause zu haben, dessen Name ein barbarisches Kauderwelsch sondergleichen war - nein. Ich würde ihr einen neuen Namen geben, dann hätte sich das Problem gelöst. Sofern ich sie wirklich kaufen wollte.


    Nachdenklich musterte ich Fhionn also und schritt einmal um sie herum. Etwas mager wirkte sie, und dieser Händler wäre definitiv der Letzte, dem ich noch einmal ein Besuchsrecht in diesem Hause einräumen würde. Fhionn schien das genauso zu sehen, denn auf eine weitere unsanfte Berührung mit dem Sklavenhändler hin spuckte sie ihn an. Einerseits belustigt, andererseits skeptisch, blieb ich schräg vor ihr wieder stehen und beobachtete sie. "Bist du des Lesens und Schreibens mächtig?" fragte ich sie. Latein konnte sie bisher nur ansatzweise, aber wenn sie in ihrer Sprache schreiben und lesen konnte, war es nurmehr ein kleiner Schritt bis hin zum Lateinischen. "Vielleicht musikalisch?" wollte ich von ihr wissen. Den Händler ignorierte ich.

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    Matho war gerade aus der Stadt wiedergekommen, wo er sich mit einem Lieferant getroffen hatte, und eilte durch das atrium, als er rein zufällig in eine Ecke sah. Augenblicklich blieb er stehen. Dort, hinter einer Büste des Aurelius Crassus, befand sich etwas, das sein Interesse erwckt hatte. Missmutig kniff er die Augen zusammen und stellte in einer endgültigen Bewegung den Korb ab, den er bis eben noch getragen hatte. "Da soll mich doch..." fluchte er leise vor sich hin und schüttelte den Kopf. Eine eingehendere Inspektion des atrium ergab, dass eine intensivere Maßnahme vonnöten war, und zwar baldestmöglich. Schlecht gelaunt stemmte sich der maiordomus die Hände in die Hüften, baute sich neben dem impluvium auf und brüllte:


    "CaelynSofiaCadhlaSivSabaTillaHektorSertorioDinaFhionnBrix und Alexandros - ich will euch SOFORT hier im atrium sehen, und zwar plötzlich!"

    Fragend blickte ich sie an. Zwar hatte ich in den vergangenen Tagen so einige Worte gelernt, aber was genau sie erwiderte, verstand ich nicht. Dafür war mein Wissen zu rudimentär. Indes, Ja, Herr, Garten und fragen verstand ich durchaus. Ich verkniff mir eine entsprechende Frage und entgegnete stattdessen beipflichtend: "Natürlich." Dann jedoch stutzte ich. "Bist du denn öfters nachts hier?" fragte ich. Einerseits konnte ich dies nicht recht glauben, andererseits hätte es zu Siv gepasst, so viel zeit wie nur möglich draußen zu verbringen. Aber nachts? Ich runzelte nachdenklich die Stirn. Italias Nächte waren im Winter nicht gerade angenehm, wenngleich die Sommernächte durchaus geeignet waren zum Schlafen im Freien. In Griechenland, erinnerte ich mich, hatten wir so einige Nächte unter sternenklarmen Himmel verbracht und die Sternbilder betrachtet. Unweigerlich trat ein vages Lächeln auf meine Lippen und ich sah hinauf zum Himmel. Auch hier sah man Sterne leuchten, wie ich zufrieden feststellte. Und der Mond schien hell und überzog Blatt und Geäst mit seinem silbrigen Licht.


    Verlegenheit überzog Sivs Gesicht, als ich sie hernach leicht belustigt musterte. Ihr Blick irrte auf der Suche nach einem Fixpunkt herum und blieb schlussendlich doch an mir hängen. Sie bedankte sich, und das trieb mir Runzeln auf die Stirn. Dafür, dass ich aufgehoben hatte, was ihren Fingern entglitten war? Forschend taxierte ich die hellen Gesichtszüge der jungen Germanin. Erstaunt weiteten sich dann meine Augen, als sie sich zu dem Geschenk äußerte, das sie augenscheinlich erst jetzt ausgepackt hatte, was das Papier bewies. Allmählich bildete sich ein breites Schmunzeln auf meinem Gesicht. Ich neigte den Kopf ein wenig zur Seite. "Es freut mich, wenn es dir gefällt", sagte ich, ehe eine Windbö meinen Mantel aufbauschte.


    "Darf ich?" fragte ich hernach und deutete auf die Decke hinter Siv, trat jedoch den Schritt an ihr vorbei, ohne eine Antwort abzuwarten. Zum einen erwartete ich ohnehin kein Nein, zum anderen würde ich ein Nein nicht gelten lassen. So setzte ich mich auf die Decke am Boden, und wieder fühlte ich mich den - eindeutig laueren - Nächten in Achaia wieder ein Stückchen näher. Ich stellte die Füße auf und legte die Unterarme auf meine Knie. Dann sah ich zu Siv hinauf. Eine Frage brannte mir auf der Zunge, seitdem ich Brix die für dieses Geschenk wichtige Information abgerungen hatte, und jetzt schien der passende Augenblick für die Frage gekommen. "Weiß du, was ich mich die ganze Zeit schon frage? Warum magst du ausgerechnet Pferde?" Tiere, denen ich persönlich rein gar nichts abgewinnen konnte.

    Während ich mich noch vergebens mühte, eine toga praetexta im Gewimmel auszumachen, als ich hinter mir eine vertraute Stimme vernahm. Einen Blick später stellte sich heraus, dass es wahrhaftig der vermutete Annaeus Modestus war. "Modestus. Ja, und wenn das ein schlechter Scherz ist, dann hoffe ich, dass die Götter den Schuldigen gnädiger sein mögen als ich es wäre", murrte ich. Der besorgte Unterton allerdings war deutlich zu vernehmen.


    Mein noch immer suchender Blick erspähte nun eine winkende Hand. Eine Hand, an der Decima Lucilla hing, wie ich kurz darauf feststellte. Kurz erhellte sich meine Miene zu einem erheiterten Schmunzeln, als ich an die Hochzeit der kleinen Frau dachte, doch dann erschien die Sorgenfalte wieder auf der Stirn. Lucilla näherte sich allmählich durch die Menschenmasse. "Salve, Lucilla - und salve auch dir, Titus", sagte ich und schüttelte dann bedauernd den Kopf. "Leider nicht. Ich habe selbst gerade versucht, einen Senator zu erwischen. Es geht das Gerücht, die curia Iulia sei bereits geschlossen worden. Wenn das stimmt, so befürchte ich das Schlimmste."


    Plötzlich umringten uns - meine Gesprächspartner, meine Sklaven und mich - einige Fremde, und noch jemand trat hinzu. Der Mann war mir gänzlich unbekannt, und was er sagte, ließ mich skeptisch die Augenbraue hinaufziehen. Vermeintlich feindlich? Brix runzelte bereits drohend die Stirn, beließ es aber vorerst dabei. Und dann ergriff Lucilla das Wort und veranlasste meinen Mundwinkel dazu, sich belustigt hinaufzubiegen. Ich konnte mir Lucilla prima als alte Matrone vorstellen, die jeden aus den Sandalen hauen würde. "Mit wem haben wir die Ehre?" wiederholte ich Lucillas Forderung in etwas ruhigerem Tonfall. Wie jemand, der sogleich überrannt werden würde, sah ich nun wahrhaftig nicht aus, und zudem war ich schließlich nicht allein auf dem forum, sondern in Sklavenbegleitung.

    Ein amüsiertes Schmunzeln spiegelte sich auf meinem Gesicht wider ob Ursus' Bemerkung. Indes war es nicht nötig, selbst eine Frage an das vorletzte Angebot des Händlers zu tätigen, dies hatte meine Neffe bereits übernommen. Die Sklavin konnte ich mir, entgegen seiner Meinung, recht gut als Gehilfin für Niki vorstellen. In der Küche wäre es gleich, wie gut sie sprach oder ob sie stotterte. Nur mäßig erstaunt, aber dennoch verwundert, sah ich Ursus an, als dieser ablehnte. Ich beschloss, nichts weiter hierzu zu sagen und ihn gewähren zu lassen.


    "Genug." Ein Wort, doch mit Nachdruck gesprochen und mit erhobener Hand, sollte ausreichen, um den Händler innehalten zu lassen. "In diesem Hause wirst du deine Gerte nicht benutzen." Das Zucken eines Mundwinkels verriet, was ich von der Präsentation des Händlers hielt. Ich sah die Letzte in der Reihe an. Die Rothaarige. "Dann wirst du wohl für eine sehr lange Zeit schweigen müssen, denn wir sind hier in Rom", rief ich ihr ins Gedächtnis und hob eine Braue. "Nun?"

    Die Nachricht war von einem kreidebleichen Klient mir überbracht worden, dem ich, obschon sonst recht zuverlässig, keinen Glauben schenken mochte ob dieser entsetzlichen Meldung. So brach ich die salutatio ab und begab mich ins Herz der römischen Politik, auf das forum romanum, um dort selbst eben jenen Ausruf zu vernehmen, den dutzende, gar hunderte Bürger Roms gleichsam vernahmen: Der Kaiser ist tot.


    Verleumderische Ketzerei oder nackte Wahrheit? Die Suche nach demjenigen, der diesen Satz zuerst in den Mund genommen hatte, war selbstverständlich aussichtslos. Schon zu viele Nacheiferer gab es, und vermutlich auch skeptische Seelen wie mich, in einer Menge aus Ungläubigen, Panischen, Prophezeihenden, Schreienden und Weinenden. War dies wahr, wirklich und wahrhaftig wahr, so galt es, Entscheidungen zu treffen. Mit mahlenden Kiefern, umgeben von einigen mich begleitenden Sklaven, suchte ich nach einem Senator Roms. Der Senat, dessen war ich mir sicher, würde Klarheit in das Chaos bringen.

    Von all jenen Dingen, die Gracchus beschäftigten und welche schlussendlich zu seinem Besuch hier geführt hatten, war mir nichts weiter bekannt. Einzig der gewaltsame Tod seiner Schwester und der Schwierigkeit seiner engeren Beziehung zu Aquilius – falls denn wahrhaftig vorhanden - waren mir bekannt. Bei all den Feindseligkeiten und Problemen, die ich in den letzten Wochen innerhalb meiner eigenen Familie zu bewältigen hatte, fiel der Zorn des Flaviers auch nicht weiter ins Gewicht. Zwar war ein solches Verhalten einem Beinahefremden gegenüber weder üblich noch angemessen, doch sah ich darüber hinweg. Die kürzlich verstrichene Vergangenheit war schließlich auch für Gracchus nicht gerade ideal verlaufen, zudem würden wir baldig miteinander verschwägert sein, zumindest in weitestem Sinne.


    Als er Platz genommen hatte, sah ich ihn aufmerksam an. Er wirkte bei weitem nicht mehr so zielstrebig wie noch vor wenigen Augenblicken, was mich zugegebenermaßen irritierte. Irritierte insofern, dass ich Gracchus als einen Mann sah, der niemals leichtfertig zu Gefühlsausbrüchen jeglicher Art neigte, geschweige denn sich einfach den Wind aus den Segeln nehmen ließ. Seit geraumer Zeit war er derjenige, an dem ich mich – wie ich mir inzwischen selbst eingestand – orientiert hatte und dies tat ich manches Mal immer noch. Sei es nun die Arbeit eines decemvir gewesen oder die Art seines Auftretens, welche mich zumeist wünschen ließ, selbst derart gefasst und souverän zu wirken wie er. Nichtsdestotrotz war ich eigen, und ich wusste, dass ich niemals die virtutes so würde leben und verinnerlichen können wie Gracchus, dessen pure Existenz mich dennoch ehrgeizig zu Verbesserungen meinerselbst anstachelte. Seine Worte empfand ich als ungewöhnlich kraftlos, gar deprimiert, was mich dazu veranlasste, verwundert wie skeptisch zugleich die Augen zu schmälern, während ich ihn ansah. Im Verlauf seiner Worte jedoch verstand ich, und die Gewissheit schlich sich in die Vermutung, Gracchus sei zumindest partiell wie Aquilius. Seine Stimme war bereits einige Momente verstummt, als ich träge nickte. „Caius ist mein Freund. Der engste, den ich habe. Er weiß in vielen Belangen weitaus mehr von mir als meine Verwandten. Mir liegt seine Unbescholtenheit ebenso am Herzen wie dir selbst. Ich würde diese Freundschaft niemals leichtfertig aufs Spiel setzen, noch zulassen, dass ihm jemand Schaden zufügt, so ich dies verhindern kann.“ Diese Versicherung mochte vielleicht Gracchus zu weiteren Spekulationen anregen, doch meinte ich vollkommen ernst, was ich sagte, und dieser Ernst spiegelte sich auf meinem Gesicht durchaus wieder. Die Angelegenheit diese Tragikomödie betreffend war indes etwas heikler. Wie sollte ich hierzu etwas sagen, ohne Gracchus zu kränken oder ihm zu offenbaren, was ich wusste, gar selbst erlebt hatte? Ich fuhr mir mit der Zungenspitze über die Lippen, dekuvrierte somit die Nervosität, die mir plötzlich innewohnte. Nichts schien ich mir nun sehnlicher zu wünschen als einen Becher Wasser - um die Lippen zu benetzen und gleichsam Zeit zu schinden. Ich wollte mich nur ungern vor meinem Gegenüber verstellen, würde es doch einer Abwertung Gracchus’ gleichkommen, wenn ich behauptete, niemand würde je etwas so Entsetzlichem Glauben schenken. Meine Achtung ihm gegenüber gebot mir nachdrücklich, ihn nicht zu belügen, und mein Selbstwertgefühl verhalf mir zu den richtigen Worten. „Wir überschätzen oft, wer wir sind, doch wir sollten zumindest für uns selbst akzeptieren, was wir sind“, sagte ich in leiserem Tonfall und sah hernach Gracchus an. Vielleicht würde er es verstehen. „Ich für meinen Teil werde niemanden aufgrund eines schlecht inszenierten Theaterstücks dehumanisieren. Die Menschen setzen ebenso schnell Dinge in die Welt, wie sie sie vergessen, wenn man diesen Geschichten die Nahrung entzieht.“ Ich zögerte nur einen flüchtigen Moment, dann hängte ich an: „Mit der Wahrheit zu leben bedeutet, in die Zukunft leben zu können, ohne sich vor seinem eigenen Spiegelbild zu beschuldigen, nur um damit sich und anderen zu gefallen, Gracchus.“ Es wäre sinnfrei gewesen, ihn angesichts dieser Worte mit Senator oder Flavius zu betiteln, daher gab ich es auf und griff abermals auf die vertrautere Anrede zurück, wie schon bei unserer Begegnung am Tempel der Vesta. Eine steile Falte hatte sich indes auf meiner Stirn manifestiert, vom Ernst der Worte kündend, als hätte der Ton allein nicht schon hierfür gereicht. Das Thema dieses regelrecht auf uns lastenden Gesprächs versetzte mich um Jahre zurück und beschwor Bilder und Szenen herauf, die ich tief in mir vergraben hatte, damit niemand sie je mehr fand. Der Aufenthalt in Griechenland war in vielerlei Hinsicht interessant und anders gewesen. Auch die Szenerie im flavischen Garten vor nicht allzu langer Zeit stieg aus den Untiefen meines Geistes empor, verwirrend und drängend gleichermaßen, als ich mich der Gefühle erinnerte, die mich neben Aquilius sitzend beschlichen hatten.


    Darum bemüht, die Ganzheit meiner Aufmerksamkeit erneut auf Gracchus zu richten, sah ich auf und wieder ihn an. Die Wahrheit absprechen konnte ich ihm nicht ganz, doch sie ihm zuzusagen, war ich auch nicht im Stande. „Die Nachfrage mag sich nicht gehören, doch ein Gesprächsthema wird sowohl das eine noch das andere ohne Zweifel dennoch sein, gerade beim Pöbel. Spekulationen wird es immer geben, Gracchus, ganz besonders über Angehörige unseres Standes. Es liegt jedoch an uns selbst, wie wir damit umgehen. Deine Gemahlin wird nicht im Zugzwang sein, wenn sie sich nicht selbst darin sehen will. In jedem Falle kann sie sich glücklich schätzen, einen Ehemann zu haben, welcher jedweden Makel von ihr abwenden will. Du weißt ebenso gut wie ich, wie wichtig es ist, die Götter zu Ehren und sie nicht zu vernachlässigen. Gewiss liegt es an der schlechten Lage des cultus deorum dieser Tage, dass euer Elternglück auf sich warten lässt.“ Obwohl ich meiner Stimme die mir größtmögliche Überzeugung verlieh, schien Gracchus dennoch fest vom genauen Gegenteil überzeugt. Er stellte mit einer unumstößlich anmutenden Gewissheit fest, dass es keinen Erben geben würde, was mich selbst wiederum dazu veranlasste, die Stirn zu runzeln und nachzudenken. Zum passenden Anstoß gereichten schließlich jene Worte über das Vertrauen innerhalb einer Freundschaft. Ich bemühte mich, bei der darauffolgenden Erkenntnis möglichst ausdruckslos zu wirken, und ein mir unangenehmes Schweigen breitete sich aus, während ich mit dieser Kognition gedanklich jonglierte. So es an Gracchus’ Gemahlin lag, würde sich eine Trennung in unmittelbarer zeitlicher Nähe ereignen, wenn nicht…


    Unwillkürlich duplizierte ich Gracchus’ vermeintliche Schwachstelle auf mich selbst und gelangte zu der Feststellung, dass ich trotz diverser Kontakte ebenfalls nicht sicher sein konnte, meiner späteren Pflicht als Ehemann nachkommen zu können. Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen drängte ich diese Gedanken hinfort, und an die nun freie Stelle rückten augenblicklich Mitgefühl und jähes Verständnis besagten Artikel betreffend. „Ich werde bei den zukünftigen Ausgaben auf Diskretion in dieser Sache achten“, versprach ich schlicht. Beileidsbekundungen hielt ich für unangebracht, war dies doch eine recht delikate Angelegenheit. Dass Gracchus dies gerade mir offenbarte, touchierte mich, und in der auf die Worte folgenden Stille fragte ich mich, ob er diese Information nur Aqiulius’ wegen anvertraute, oder ob es einen anderen Grund gab außer jenem, die Gewissheit zu haben, dass die acta nicht nochmalig etwas dieser Art publizieren würde.


    Schlussendlich zierte ein flüchtiges Lächeln mein Gesicht, und ich winkte einen der Diskretion wahrenden Sklaven heran, damit er uns etwas zu trinken brachte. „Es gibt nichts zu verzeihen. Jeden anderen hätten die Ereignisse noch sehr viel weiter aus der Bahn geworfen. Ich schätze dich und deinen Intellekt, was, so denke ich, kein Geheimnis ist. Es würde mich freuen, so du noch etwas Zeit erübrigen kannst.“ Ein Sklave reichte uns nun zwei Kelche aus ägyptischem Glas an. „Auf den Wert der Familie“, sagte ich und vergoss einen Schluck für die Götter, ehe ich den Pokal selbst an die Lippen setzte.


    Hiermit wird Tiberius Duccius Lando nun als vollwertiger subauctor in die Redaktion der acta diurna aufgenommen. Er hat schon eine Zeit lang die acta diurna mit seinen Artikeln als freier Redakteur bereichert und wird dies nun auch als vollwertiger subauctor tun.


    Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und die kommenden Artikel.


    Die Redaktionsleitung

    Nicht nur Gracchus' offizielle Aufmachung, auch seine Haltung in Verbindung mit der gezeigten Mimik ließen ein ungutes Gefühl in mir erwachsen, noch ehe er überhaupt meine Begrüßung erwiderte. Als er dies sodann tat, hob ich fragend eine Braue und wandte meine Aufmerksamkeit hernach nur flüchtig der Abschrift eines Artikels der letzten acta zu, welche mir der Sklave des Flaviers reichte. Schließlich kannte ich diesen Artikel, da ich jede neu erscheinende Ausgabe der Zeitung sorgfältig las und schlussendlich auf meine Verantwortung hin freigegab. Mein Blick - und damit meine Aufmerksamkeit - ruhte nun abermals auf dem Gesicht meines Besuchers und suchten die Nuancen seiner Verstimmung zu erfassten. Dennoch kam die Forderung nach einer Erklärung unerwartet. Wie ein Fels in der Gischt des Meeres stand ich hernach vor Aquilius' Vetter und ließ mich umschäumen, darauf bedacht, Ruhe zu bewahren. Gracchus, so dachte ich mir insgeheim, war ein Mann, dem schlicht und ergreifend etwas Humor fehlte. Ob er je mehr als das Mindestmaß besessen hatte oder ihm der Witz einfach abhanden gekommen war, vermochte ich nicht zu wissen. Und so befand ich mich bereits nach meiner zweiten Ausgabe der acta auf dem Prüfstein, und das in meinem eigenen atrium und vor einem Menschen, bei dem ich niemals vermutet hätte, dass er zu einem solchen Ausbruch überhaupt fähig war.


    Was war hier wohl nun klüger? An Gracchus' eventuell nicht vorhandenen Humor zu appellieren oder kleinbei zu geben? Ich entschloss mich nach einem kurz währenden Moment des Schweigens weder für das eine noch für das andere, sondern wählte eine Art Weg auf der Schneide des Damoklesschwertes. Wie jenes hernach fallen würde, konnte die Geschicke unserer beider Familien bestimmen. Mich hatte in nicht ungefährlichem Maße seine Annahme verärgert, ich wolle meine über seine Familie stellen. Zudem war die Bemerkung über meine Mühen bezüglich meiner gens nicht ganz ohne Spur an mir vorübergegangen. Nun waren es meine Lippen, welche sich schmälerten. Doch gezwungen ruhig rollte ich zufürderst die Abschrift zusammen, derer es nicht bedurft hatte, ehe ich zu der Antwort ansetzte, welche Gracchus verlangt hatte.


    "Als auctor der acta diurna bin ich für jedes Wort verantwortlich, welches publiziert wird, das ist korrekt. Ich sah in diesem humoristischen Artikel weder Diffamierung noch Abwertung irgendeines der Erwähnten. Viel eher bereitete mir ein anderer Artikel Kopfzerbrechen, doch nicht dieser. Was dort geschrieben steht, wurde Mitarbeitern der acta zugetragen und spiegelt nicht die Meinung eines bestimmten subauctors oder gar die meine wider. Zudem wurde der Artikel in einer Klatschspalte veröffentlicht - einer Rubrik, in welcher sich die Aurelier nur allzu oft selbst befinden, wie du zwei Absätze oberhalb der Erwähnung deines Namen wirst feststellen können." Ich schwieg einige Herzschläge lang und reichte dem Sklaven des Flavius sodann den Papyrus. "Als Marcus Corvinus bleibt mir indes nur übrig, dir zu versichern, dass Verleumdungen nicht das waren, was erzeugt werden sollte. Es mag vielleicht mein Fehler gewesen sein, die Inszenierung in die Hände anderer zu legen und mich nicht selbst hierum zu bemühen, doch war es mir anders nicht möglich - und das Ergebnis schien auch dich belustigt zu haben an jenem Abend. Der ein oder andere wird gewiss fiktive Namen mit realen assoziiert haben, das ist nicht von der Hand zu weisen... Dennoch bleibt das Ergebnis rein fiktiv und wurde auch so aufgenommen. Es lag jedenfalls nie in meiner Absicht, Caius zu infamieren, noch jemanden aus deiner gens, dessen kannst du dir gewiss sein." Ich hielt kurz inne. "Zumal wir alle parodiert wurden, mich selbst auch eingeschlossen."


    Dass ich nicht um die Position des auctor gebeten hatte, sondern dieses Angebot überraschend an mich herangetragen worden war, verschwieg ich, denn das tat hierbei nichts zur Sache. Und fortwährend fragte ich mich nach dem wahren Grund für diesen Auftritt. Gracchus konnte doch kaum wirklich der Meinung sein, ich würde danach streben, seine Familie entweder zu übertreffen oder zu infamieren. Unangenehm schlug mir hierbei auf, was Aquilius mir über Gracchus erzählt hatte an jenem Vormittag im Garten des flavischen Anwesens. Und wenn Gracchus nun tatsächlich ähnliche Ansichten besaß wie Aquilius? Eine steile Falte bildete sich auf meiner Stirn. Eindrücke von der Begegnung vor dem Tempel drängten sich in mein Bewusstsein. Mir wurde klar, dass ich eine Menge riskierte, und dass ich mir eine solche Situation ganz gewiss nicht gewünscht hatte. Dennoch riskierte ich es. "Du kommst nicht nur deswegen", stellte ich mehr fest als ich fragte, und setzte mich.

    Da ich meinen Besucher weder erwartet noch einen Ahnungsschimmer hatte, warum er mich gerade jetzt aufsuchte, ließ ich mir ein wenig Zeit auf dem Weg ins atrium, und dachte über den Besuch nach. Es handelte sich um eine private Angelegenheit, hatte mir der Junge mitgeteilt, was mich noch um einiges mehr verwunderte. Ob es etwas mit dem Tod der Vestalin zu tun hatte? Oder er mich gar wegen der geplanten Verbindung zwischen Prisca und Aquilius aufsuchte? Trotz allen Grübelns zu keiner Antwort gekommen, betrat ich schlussendlich das atrium und gewahrte Gracchus, stehend am impluvium. Seine Miene war für mich undeutbar, so trat ich ihm entgegen und verbarg die sichtbare Überraschung auf meinem Gesicht nicht.


    "Senator Flavius", hörte ich mich sagen, wohl wissend, dass die Benutzung seines cognomen während des gräuelichen Ereignisses vor dem Tempel der Vesta seinerzeit mir eigentlich nicht zugestanden hatte, aber dennoch herausgerutscht war. "Was führt dich her? Ich muss gestehen, dass ich einigermaßen überrascht bin. Etwas Wein?" fragte ich und deutete auf eine der gepolsterten Bänke, die Gracchus bereits zuvor ausgeschlagen hatte.

    Ich tauschte einen vielsagenden Blick mit Ursus und sagte leise: "Passt zu Naavi. Das wär vielleicht sogar nen Zuchtversuch wert. Eventuell haben die Nachfahren dann keinen Fehler." Mein Blick ging zu der rothaarigen Sklavin hin, und ich taxierte sie einen Moment lang. Als der Händler sie unsanft anrempelte, hob ich die Hand, um Einhalt zu gebieten. "Ruhig Blut", gemahnte ich, immerhin hatten wir es hier nicht eilig. Allerdings antwortete die Sklavin immer noch nicht. "Wie ist dein Name? Verstehst du, was ich sage?" fragte ich sie und sah dann wieder zu dem Händler. "Können deine Sklaven kein Latein oder sprechen sie alle so schlecht wie sie?" fragte ich ihn und deutete auf die Schwarzhaarige, die inzwischen wieder bei den anderen in der Reihe stand.

    Skeptisch wölbte sich eine Augenbraue empor, als der Händler allgemeinen Quark quasselte. Alles, was eine Sklavin können musste, also - nur was genau war alles? Ich runzelte marginal die Stirn und sah zu dem Mädchen, das ebenso gleichgültig wirkte wie die Nubierin verängstigt.


    "Hmmm", machte ich nachdenklich und betrachtete mir die verbleibenden drei Sklavinnen. Nur zwei von ihnen schienen ein gewisses Feuer in ihren Augen zu besitzen, was auf Intelligenz und Charakter hindeutete. Gefühllose Marionetten waren allenfalls für die Säuberung der Latrinen gut, doch auch hier konnten und hatten wir uns etwas Besseres geleistet. "Was meinst du, Titus?" fragte ich Ursus rein interessehalber, deutete danach aber auf eine Rothaarige und eine kleine dickliche Schwarzhaarige. "Kann einer von euch beiden Lesen und Schreiben? Singen? Vielleicht tanzen oder ein Instrument spielen?" ich blickte zuerst von Sklavin zu Sklavin, dann zu dem Händler hin.

    Einige der Worte des Sklavenhändlers gingn an mir vorüber, als Ursus eintraf und knapp grüßte. Ich nickte ihm zu, einerseits erstaunt über seine Anwesenheit, sie andererseitsjedoch gutheißend. Wenn er lernen wollte, so bekam er hier die Gelegenheit dazu. Nicht, dass ich ihm nicht zutraute, selbst einen Sklaven zu erstehen, doch Verhandlungen führen war immerhin etwas, dessen er sich lernwillig geäußert hatte. Zudem hatte ich ihn später ohnehin aufsuchen wollen wegen des Briefes, der mich in der Früh erreicht hatte. Die galanten Umschmeichelungen des Händlers indes waren mir wohlbekannt, und ich nahm sie kommentarlos hin. Wissend, dass ich nichts auf sein Gewäsch geben würde.


    Ich besah mir das schwarzhäutige Mädchen und entschied mich gegen sie. Sklaven von zu schwachem Charakter waren nichts für den Haushalt, da brauchte man eher robuste Naturen als verzagte Kinder. "Keine Nubierin", sagte ich und deutete stattdessen auf die hochgewachsene Brünette in der Mitte der Reihe. "Was ist mit ihr?"

    "Ihr Wohl liegt mir am Herzen. Täte es das nicht, würde mich der Umstand, dass sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen, wohl kaum so berühren", erwiderte ich nüchtern und ließ eine Hand matt auf den Tisch fallen. "Ich treffe solche Entscheidungen nicht leichtfertig, Titus. Irgendwann wird sie ohnehin heiraten müssen, damit sie nicht ins Gerede kommt. Vielleicht ist der Zeitpunkt jetzt gerade deshalb gut, weil es für sie einen Umbruch bedeutet. Wie dem auch sei... Ich werde darüber nachdenken und mich umhören, wer überhaupt infrage käme." Allmählich gewann die Rationalität wieder die Oberhand, und das machte mich sicherer.


    Ich sah Ursus an und seufzte. Er sah schrecklich aus. So, wie ich mich fühlte. "Titus, du solltest dich waschen und ins Bett gehen", sagte ich und zog einen Mundwinkel nach oben. "Du siehst grauenvoll aus, mein Neffe."

    Ich traf zuerst ein. :D


    Mich erwarteten fünf mehr oder minder nett anzuschauende Sklavinnen und zwei Männer, welche neben dem impluvium Aufstellung bezogen hatte. An sich war eine solche Verkaufsstrategie schon recht selten - oder eher seltsam - doch war sie ebenso willkommen. Schließlich konnte man Sklaven immer gebrauchen... Daher hatte ich der schriftlichen Anfrage zusagen lassen und dem Händler einen Termin genannt, an dem er mir seine Ware vorführen sollte.


    "Salve", grüßte ich ihn und nickte in Richtung der fünf Damen. "Was hast du denn im Angebot?" erkundigte ich mich, unwissend darüber, dass Ursus mit Matho ebenfalls auf dem Weg hierher war.