Von all jenen Dingen, die Gracchus beschäftigten und welche schlussendlich zu seinem Besuch hier geführt hatten, war mir nichts weiter bekannt. Einzig der gewaltsame Tod seiner Schwester und der Schwierigkeit seiner engeren Beziehung zu Aquilius – falls denn wahrhaftig vorhanden - waren mir bekannt. Bei all den Feindseligkeiten und Problemen, die ich in den letzten Wochen innerhalb meiner eigenen Familie zu bewältigen hatte, fiel der Zorn des Flaviers auch nicht weiter ins Gewicht. Zwar war ein solches Verhalten einem Beinahefremden gegenüber weder üblich noch angemessen, doch sah ich darüber hinweg. Die kürzlich verstrichene Vergangenheit war schließlich auch für Gracchus nicht gerade ideal verlaufen, zudem würden wir baldig miteinander verschwägert sein, zumindest in weitestem Sinne.
Als er Platz genommen hatte, sah ich ihn aufmerksam an. Er wirkte bei weitem nicht mehr so zielstrebig wie noch vor wenigen Augenblicken, was mich zugegebenermaßen irritierte. Irritierte insofern, dass ich Gracchus als einen Mann sah, der niemals leichtfertig zu Gefühlsausbrüchen jeglicher Art neigte, geschweige denn sich einfach den Wind aus den Segeln nehmen ließ. Seit geraumer Zeit war er derjenige, an dem ich mich – wie ich mir inzwischen selbst eingestand – orientiert hatte und dies tat ich manches Mal immer noch. Sei es nun die Arbeit eines decemvir gewesen oder die Art seines Auftretens, welche mich zumeist wünschen ließ, selbst derart gefasst und souverän zu wirken wie er. Nichtsdestotrotz war ich eigen, und ich wusste, dass ich niemals die virtutes so würde leben und verinnerlichen können wie Gracchus, dessen pure Existenz mich dennoch ehrgeizig zu Verbesserungen meinerselbst anstachelte. Seine Worte empfand ich als ungewöhnlich kraftlos, gar deprimiert, was mich dazu veranlasste, verwundert wie skeptisch zugleich die Augen zu schmälern, während ich ihn ansah. Im Verlauf seiner Worte jedoch verstand ich, und die Gewissheit schlich sich in die Vermutung, Gracchus sei zumindest partiell wie Aquilius. Seine Stimme war bereits einige Momente verstummt, als ich träge nickte. „Caius ist mein Freund. Der engste, den ich habe. Er weiß in vielen Belangen weitaus mehr von mir als meine Verwandten. Mir liegt seine Unbescholtenheit ebenso am Herzen wie dir selbst. Ich würde diese Freundschaft niemals leichtfertig aufs Spiel setzen, noch zulassen, dass ihm jemand Schaden zufügt, so ich dies verhindern kann.“ Diese Versicherung mochte vielleicht Gracchus zu weiteren Spekulationen anregen, doch meinte ich vollkommen ernst, was ich sagte, und dieser Ernst spiegelte sich auf meinem Gesicht durchaus wieder. Die Angelegenheit diese Tragikomödie betreffend war indes etwas heikler. Wie sollte ich hierzu etwas sagen, ohne Gracchus zu kränken oder ihm zu offenbaren, was ich wusste, gar selbst erlebt hatte? Ich fuhr mir mit der Zungenspitze über die Lippen, dekuvrierte somit die Nervosität, die mir plötzlich innewohnte. Nichts schien ich mir nun sehnlicher zu wünschen als einen Becher Wasser - um die Lippen zu benetzen und gleichsam Zeit zu schinden. Ich wollte mich nur ungern vor meinem Gegenüber verstellen, würde es doch einer Abwertung Gracchus’ gleichkommen, wenn ich behauptete, niemand würde je etwas so Entsetzlichem Glauben schenken. Meine Achtung ihm gegenüber gebot mir nachdrücklich, ihn nicht zu belügen, und mein Selbstwertgefühl verhalf mir zu den richtigen Worten. „Wir überschätzen oft, wer wir sind, doch wir sollten zumindest für uns selbst akzeptieren, was wir sind“, sagte ich in leiserem Tonfall und sah hernach Gracchus an. Vielleicht würde er es verstehen. „Ich für meinen Teil werde niemanden aufgrund eines schlecht inszenierten Theaterstücks dehumanisieren. Die Menschen setzen ebenso schnell Dinge in die Welt, wie sie sie vergessen, wenn man diesen Geschichten die Nahrung entzieht.“ Ich zögerte nur einen flüchtigen Moment, dann hängte ich an: „Mit der Wahrheit zu leben bedeutet, in die Zukunft leben zu können, ohne sich vor seinem eigenen Spiegelbild zu beschuldigen, nur um damit sich und anderen zu gefallen, Gracchus.“ Es wäre sinnfrei gewesen, ihn angesichts dieser Worte mit Senator oder Flavius zu betiteln, daher gab ich es auf und griff abermals auf die vertrautere Anrede zurück, wie schon bei unserer Begegnung am Tempel der Vesta. Eine steile Falte hatte sich indes auf meiner Stirn manifestiert, vom Ernst der Worte kündend, als hätte der Ton allein nicht schon hierfür gereicht. Das Thema dieses regelrecht auf uns lastenden Gesprächs versetzte mich um Jahre zurück und beschwor Bilder und Szenen herauf, die ich tief in mir vergraben hatte, damit niemand sie je mehr fand. Der Aufenthalt in Griechenland war in vielerlei Hinsicht interessant und anders gewesen. Auch die Szenerie im flavischen Garten vor nicht allzu langer Zeit stieg aus den Untiefen meines Geistes empor, verwirrend und drängend gleichermaßen, als ich mich der Gefühle erinnerte, die mich neben Aquilius sitzend beschlichen hatten.
Darum bemüht, die Ganzheit meiner Aufmerksamkeit erneut auf Gracchus zu richten, sah ich auf und wieder ihn an. Die Wahrheit absprechen konnte ich ihm nicht ganz, doch sie ihm zuzusagen, war ich auch nicht im Stande. „Die Nachfrage mag sich nicht gehören, doch ein Gesprächsthema wird sowohl das eine noch das andere ohne Zweifel dennoch sein, gerade beim Pöbel. Spekulationen wird es immer geben, Gracchus, ganz besonders über Angehörige unseres Standes. Es liegt jedoch an uns selbst, wie wir damit umgehen. Deine Gemahlin wird nicht im Zugzwang sein, wenn sie sich nicht selbst darin sehen will. In jedem Falle kann sie sich glücklich schätzen, einen Ehemann zu haben, welcher jedweden Makel von ihr abwenden will. Du weißt ebenso gut wie ich, wie wichtig es ist, die Götter zu Ehren und sie nicht zu vernachlässigen. Gewiss liegt es an der schlechten Lage des cultus deorum dieser Tage, dass euer Elternglück auf sich warten lässt.“ Obwohl ich meiner Stimme die mir größtmögliche Überzeugung verlieh, schien Gracchus dennoch fest vom genauen Gegenteil überzeugt. Er stellte mit einer unumstößlich anmutenden Gewissheit fest, dass es keinen Erben geben würde, was mich selbst wiederum dazu veranlasste, die Stirn zu runzeln und nachzudenken. Zum passenden Anstoß gereichten schließlich jene Worte über das Vertrauen innerhalb einer Freundschaft. Ich bemühte mich, bei der darauffolgenden Erkenntnis möglichst ausdruckslos zu wirken, und ein mir unangenehmes Schweigen breitete sich aus, während ich mit dieser Kognition gedanklich jonglierte. So es an Gracchus’ Gemahlin lag, würde sich eine Trennung in unmittelbarer zeitlicher Nähe ereignen, wenn nicht…
Unwillkürlich duplizierte ich Gracchus’ vermeintliche Schwachstelle auf mich selbst und gelangte zu der Feststellung, dass ich trotz diverser Kontakte ebenfalls nicht sicher sein konnte, meiner späteren Pflicht als Ehemann nachkommen zu können. Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen drängte ich diese Gedanken hinfort, und an die nun freie Stelle rückten augenblicklich Mitgefühl und jähes Verständnis besagten Artikel betreffend. „Ich werde bei den zukünftigen Ausgaben auf Diskretion in dieser Sache achten“, versprach ich schlicht. Beileidsbekundungen hielt ich für unangebracht, war dies doch eine recht delikate Angelegenheit. Dass Gracchus dies gerade mir offenbarte, touchierte mich, und in der auf die Worte folgenden Stille fragte ich mich, ob er diese Information nur Aqiulius’ wegen anvertraute, oder ob es einen anderen Grund gab außer jenem, die Gewissheit zu haben, dass die acta nicht nochmalig etwas dieser Art publizieren würde.
Schlussendlich zierte ein flüchtiges Lächeln mein Gesicht, und ich winkte einen der Diskretion wahrenden Sklaven heran, damit er uns etwas zu trinken brachte. „Es gibt nichts zu verzeihen. Jeden anderen hätten die Ereignisse noch sehr viel weiter aus der Bahn geworfen. Ich schätze dich und deinen Intellekt, was, so denke ich, kein Geheimnis ist. Es würde mich freuen, so du noch etwas Zeit erübrigen kannst.“ Ein Sklave reichte uns nun zwei Kelche aus ägyptischem Glas an. „Auf den Wert der Familie“, sagte ich und vergoss einen Schluck für die Götter, ehe ich den Pokal selbst an die Lippen setzte.