Was nun folgen sollte, löste so einiges an Empfindungen in mir aus. Zum einen ärgerte ich mich über Ursus, da er meiner Meinung nach aus einer Mücke einen Elefanten machte. Noch dazu aus einer Mücke, die nicht einmal immer anwesend war - denn was hätte er schon für die Familie tun können? Was gab es da noch, das erledigt werden musste, abgesehen von den Finanzen, auf die man ein Auge werfen sollte, abgesehen von zu treffenden Entscheidungen, von der Verwaltung von Ländereien, Betrieben und sonstigen Besitzen, und abgesehen vom Epmfang gelegentlicher Besucher, die meistens ohnehin konkrete Anliegen hatten. Abgesehen davon gab es so gut wie nichts. Gespräche mit dem maiordomus, organisatorische Dinge und sofort zählte ich nicht einmal dazu, genausowenig wie salutationes. Es lag also auf der Hand: Ursus wollte Cotta die Finanzbuchhaltung streitig machen, oder er war einfach unwissend und hatte in Achaia nicht sonderlich gut aufgepasst. Zudem gingen mir diese fortwährenden Diskussionen schlichtweg auf den Senkel. Ursus forderte stets nur, eingebunden zu werden. Nur in was, das sagte er nicht. Auf entsprechende Nachfragen kamen stets nur grimmige oder gar freche Worte zurück.
Eie gänzlich andere Empfindung war die Verwunderung darüber, dass er nun Griechisch sprach und die rhetorischen Finten einzusetzen versuchte, die ich selbst auch in mich aufgenommen hatte. Mir kam es vor, als das Jahrzehnte her, doch in Wirklichkeit waren seitdem nicht einmal eine Dekade vergangen. Eines jedenfalls hatte Ursus erreicht: Ich hörte genauer hin als zuvor. Das war zwangsläufig so, wenn man sich nicht in der Sprache unterhielt, die einen seit seiner Geburt begleitete. Schnell jedoch stellte ich fest, dass Ursus nicht unbedingt präziser oder gar besser Argumentierte. Er redete wie ein Wasserfall, machte zwischendurch kleine Abstecher zurück ins Lateinische und ließ Pausen, mit denen er mich scheinends verhöhnen wollte - immerhin hatte ich vor ihm Griechisch gelernt und war geübt in dieser Sprache, vielleicht sogar geübter als Ursus selbst. Ebenso missbilligte ich seine fortwährenden Wiederholungen und die weit übertriebenen Betonungen bestimmter Dinge. Er tat ganz so, als sei ich nicht ganz richtig im Kopf. Ich schwieg beharrlich und wartete auf ein Ende, dass allzu bald jedoch nicht in Sicht war. Immer weiter steigerte sich Ursus in seine Verbitterung hinein, und ich fragte mich, was ihn wohl hatte so werden lassen. Sein überaus großzügiges Angebot, die vorausgegangenen Gespräche unter den Teppich zu kehren, nahm ich mit einer hinaufrutschenden Braue zur Kenntnis. Vielleicht, überlegte ich mir, hatte Ursus bei der Überfahrt von Griechenland hierher einen Schlag auf den Kopf bekommen? Oder aber, ihm waren seine vorausgegangenen Worte peinlich, und er schlug deswegen den vermeintlichen Kompromiss der Vergesslichkeit eingehen. Dann plötzlich verstummte Ursus, und Stille breitete sich im Raum aus. Sicherheitshalber wartete ich, doch dies schien keine der Denkpausen zu sein, die er während seines Monologs des Öfteren eingelegt hatte. Also war ich nun an der Reihe. Ich faltete die Hände und ließ sie locker auf meinem Bauch liegen, die Daumen berührten einander und bildeten ein kleines Dach. Dann räusperte ich mich. Auch ich sprach griechisch, dieses Spielchen wollte ich mir nun wirklich nicht entgehen lassen.
"Dann fasse ich das mal zusammen. Du willst lernen. Du willst etwas für die Familie leisten. Du möchtest Arbeit übernehmen und dich einbringen. Korrekt?" fragte ich und sah mit nach unten geneigtem Kopf meinen Neffen an, als würde ich mit einem Geschäftspartner verhandeln. "Weiters kritisierst du mein Verhalten, was dir zweifellos zusteht. Niemand ist perfekt, Titus, das weiß ich mit ebensolcher Bestimmtheit zu sagen, wie ich behaupten kann, dass am Morgen die Sonne aufgeht. Mein Verhalten mag für dich nicht immer zum Vorteil gereichen, es mag dir auch nicht immer einleuchten, was ich tue, was ich anordne oder sage, doch ich gebe mir wahrhaftig Mühe, das Richtige zu tun. Manchmal ist das Richtige nicht klar und deutlich, und manchmal erscheint es auch falsch. Dies ist der Grund, aus dem ich unsere vorausgegangenen Gespräche nicht vergessen werde, denn ich finde, dass sie einen essentiellen Beitrag geleistet haben: Sie haben uns hingeführt, wo wir uns nun befinden. Ich kann nicht guten Gewissens behaupten, dass es mir gleich ist, wenn du mir nicht vertraust. Ganz im Gegenteil, es enttäuscht und verletzt mich. Doch ich kann nachvollziehen, dass manche Lektionen nicht einfach sind, denn diese Erfahrung habe ich auch schon kennengelernt, und dass man gerade in solchen Situationen einfach ein Ventil sucht. Wenn ich jenes Ventil bin, dann kann ich das akzeptieren."
Ich musterte Titus ruhig und löste die Hände, um die Rechte auf die Lehne des Stuhls zu legen. "Ich habe mich beispielsweise gefragt, warum du gerade mir grollst und nicht Appius. Ich bin hier zu keinem Schluss gekommen, einzig hege ich die Vermutung, dass ich es bin, da ich die Fäden zusammenhalte." Denn was hatte ich getan, dass ihn derart verärgerte? Hatte er nicht immer schon mit neiderfülltem Blick auf mich gesehen? Oder hasserfülltem? "Du kannst jederzeit mit meiner Unterstützung rechnen, Titus. Wie wir auch zueinander stehen, wie viele Zwiste wir noch austragen werden - es ist wichtig, dass wir nach außen hin als unerschütterliches Bollwerk dastehen, nicht als windschiefe Hütte, deren Fenster aus den Angeln kippt, wenn man die Tür zu wuchtig schließt." Vielleicht hatte er bemerkt, dass ich anwesend war, als er seinen Amtseid abgelegt hatte. Dann würde er wissen, was ich meinte.
Ich erinnerte mich nun an seine Aufforderung, weder rhetorisch kunstvoll noch umschiffend zu antworten. Diesen Befehl ignorierte ich auch weiterhin, immerhin hatte er selbst soeben glanzvoll vorgeführt, was er mir kurz darauf untersagen wollte. "Ich möchte dir eine ganz simple Frage stellen, Titus, um meine eingängliche Frage wieder aufzugreifen: Was genau möchtest du tun?" Und diese Frage interessierte mich nun wirklich, ja sie brannte förmlich unter den Nägeln. Hier würde sich nun zeigen, ob sich diese ganze Diskussion überhaupt lohnte, ob sie es wert war.