Ich pickte mir wahllos einen Holzsplitter heraus, um etwas in den Händen zu haben, um mich körperlich zu beschäftigen und damit einen Ausgleich zu den sich im Kreise drehenden Gedanken zu schaffen. So leise sprach er, dass ich genau hinhören musste, um zu verstehen, was er flüsterte. Ich konnte mich eines gewissen, neidvollen Gedankens nicht erwehren, als ich vernahm, was er da sagte. Doch konzentrierte ich mich auf den Grund meiner Anwesenheit, den eigentlichen Grund, aus dem ich hergekommen war und welcher ihm nicht ganz klar zu sein schien. Zuerst zu Aquilius, nicht zu Gracchus. Der Hilfe wegen, nicht der Gefühle.
Ein Kloß hatte sich in meiner Kehle gebildet, und jener wuchs noch an, während er weitersprach, mich an diese naive Frage erinnerte, die ich ihm - so schien es - vor unzähligen Jahren nach zu viel Wein und dennoch klaren Verstandes gestellt hatte. Damals hatte er nicht geantwortet, zumindest nicht direkt. Ohne mit der Wimper zu zucken, sah ich Aquilius an, während er sprach. Selbst die dunkelste Wolke am tristesten Herbsthimmel vermochte den salzigen Tropfen nicht zu verdecken, der sich aus seinen Wimpern löste und einen Weg die Wange hinab suchte. Gleichsam fasziniert wie tief bewegt folgte ich der feuchten Bahn, welche die Träne zog, mit den Augen. Der Kloß hatte ein vermutlich nicht mehr zu toppendes Ausmaß angenommen. Seine Worte zogen an mir vorbei, wie die Träne seine Wange hinabrann. Verwunderung füllte mich aus, gleichsam Mitgefühl. Wann waren mir das letzte Mal Tränen gekommen. Bei der Nachricht über den Tod meines Vaters. Und zuvor? Ich konnte mich nicht erinnern.
Nach kurzem Zögern hob ich doch die Hand und strich die Träne mit dem Daumen fort. Kurz ließ ich sie an Ort und Stelle verweilen, dann legte ich ihm die Hand in der gleichen vertrauten Geste auf die Schulter, die ihm stets vor Augen stand. "Es wäre vermessen, zu behaupten, ich wisse wovon du sprichst oder könne es nachempfinden. Ich hatte ja keine Ahnung... Caius, wenn du nur einmal etwas gesagt hättest..." Ein Kopfschütteln unterstrich die Worte. "Es ist eine...hm, schwierige Konstellation. Und dennoch gäbe es Möglichkeiten. Ihr lebt im gleichen Haus, seine Gattin ist ihm nicht sonderlich zugetan und sollte er gleich empfinden..." Es waren Worte eines Unwissenden, die im Raum standen. Was wusste ich schon von Flavius Gracchus, von der Beziehung in welcher er zu Aquilius stand oder Aquilius zu ihm? Ich zog kurz in Erwägung, auch die andere Hand auf seine andere Schulter zu legen, entschloss mich aber anders und rutschte so herum, dass ich nun neben Aquilius saß. Alsdann legte ich ihm einen Arm um die Schultern. Er schien wie ausgewechselt, seitdem er seiner Wut ein Ventil dargeboten hatte, auf dessen Ergebnis wir nun hockten. "Als wir uns zum ersten Mal trafen, warst du mir gleich sympathisch. Die Schicksalsfäden der Parzen haben nur kurz zwischen zwei Varianten der Webkunst geschwankt, Caius, sich dann aber in Freundschaft verwoben, untrennbar. Niemals würde ich etwas tun in dem Wissen, dass es dich quält. Niemals würde ich dir wissentlich schaden, sei es durch Wort oder Tat. Wenn ich dir helfen kann, in welcher Weise auch immer, so zögere nicht. Es gibt nur eine einzige Bedinung, die ich stelle. Sprich nicht mehr so über den Tod, Caius. Wenn es etwas gibt, wovor ich Angst habe, so ist es der Verlust meiner Familie, und du bist unlängst ein Teil davon, ganz gleich was du auch je im Zorn behaupten magst", sagte ich leise.
"Ovidius Naso war ein wankelmütiger Mensch, Caius", fuhr ich fort. "An einer Stelle behauptet er, die Liebe brächte dem Liebenden nichts als Leid, an anderer sieht er die Hoffnung als die Liebe nährend an. Wenn du mich fragst, ist die Liebe selbst launisch. In welchen Farben sie schillert, kommt auf die Beteiligten und die Umstände an." Und meine glitzerte derzeit in tristem Grau vergangener Zeiten, dachte ich, doch hätte ihn die Erwähnung Deandra vermutlich nur wieder in Grübeleien gestürzt. Egal was ich sagte, nichts würde ihn vermutlich aufmuntern können. Auch wenn die Gefahr, welche er in mir sah, vielleicht gebannt sein mochte, so würde ihn doch das liebende Verhältnis zu seinem Vetter stets wieder in tiefe Depressionen bringen. Ich betrachtete Aquilius' Profil und seufzte tief. Alles, was mit jener meiner Sichtweise von Aquilius oder auch Gracchus zu tun hatte, schloss ich tief in mir ein, in die hinterste Kammer meiner Selbst. Es hatte schlichtweg hier nichts zu suchen.