Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    "Germanien", erklärte ich gerade noch rasch, als sich die Tür auch schon öffnete und der scriba eintrat. Beinahe augenblicklich begann er mit einer kurzen Zusammenfassung der Dinge. Seine ungestüme Art ließ mich lächeln, waren Albinus und ich doch gerade mitten im Gespräch gewesen. Und doch schenkte ich seinen Worten interessierte Beachtung, nickte schließlich und sah von Albinus zu Modestus und wieder zurück.


    "Ich finde diese Idee wirklich gut. Der legatus Decimus Livianus war vor wenigen Stunden hier und sicherte mir eine nicht unerhebliche Summe für die Eröffnungsfeier zu - viertausend Sesterzen! Er entschuldigte sich für die verzögerte Kontaktaufnahme, und wir kamen darin überein, dass Stadt und Militär zukünftig besser zusammenarbeiten sollten, und damit auch effektiver. Ich denke, deine Idee könnte ein guter Start sein, Modestus."

    Zitat

    Original von LUCIUS ULPIUS IULIANUS
    Der Kaiser erwidert den Dank des neuen Tribunen ebenfalls mit einem militärischen Gruss.
    "Du wirst in Germania zweifellos Erfahungen sammeln, die dir in der Zukunft sehr nützlich sein werden, Tribun."
    Er übergibt die Schriftrolle und lässt ihr dann wieder zurück treten, bevor er sich dem dritten Anwesenden Kandidaten zuwendet.


    Es war das erste Mal, dass nun ich auch militärisch zurückgrüßte. Stolz erfüllte mich, denn es war der Kaiser, dem dieser erste Gruß gebührte. Ich nahm die Schriftrolle entgegen, verbeugte mich kurz und trat auf sein Geheiß hin zurück. Während der Octavier nun ernannt wurde, stand ich in der Nähe und drehte die Schriftrolle zwischen den Fingern. Ich fragte mich. wie die Zeit in Germanien sein würde. Zweifelsohne hatte der Kaiser vollkommen Recht: Es würde eine lehrreiche und spannende Zeit werden. Kurz darauf hatte auch der glatzköpfige Octavier seinen Marschbefehl erhalten, und nun folgten die ritterlichen Offiziere. Ich folgte der Prozedur aufmerksam, war aber dennoch erleichtert, als das langwierige Geschehen vorbei war und sich unten im Sande der Arena erneut Wägen bereit machten. Der Kaiser setzte sich, und für mich war dies ein Zeichen dafür, dass es nun nicht mehr unhöflich war, mich meiner reizenden Begleitung zuzuwenden.


    So ging ich die wenigen Schritte zu Deandra zurück und stellte mich mit der Schriftrolle in der Hand neben sie. Ich lächelte sie an und sagte kein Wort. Mir genügte es, den Stolz in ihren Augen funkeln zu sehen, und damit war ich für den Moment recht gut gefordert.

    Als Schritte hinter mir laut wurden, wandte ich mich mit pochendem Herzen um. Statt des Hausherren war es allerdings nur ein Sklave, der mich aufforderte, ihm zu folgen und etwas von einem gemeinsamen ientaculum murmelte. Angespannt folgte ich dem Blondschopf, der mich ins triclinium dirigierte, wo Vesuvianus sich bereits aufhielt. Ich straffte mein Erscheinungsbild und trat nach einem Durchatmen ein.


    "Salve, Vesuvianus", grüßte ich. Schon länger benutzte ich nur noch den cognomen zum Gruß, denn ihn Claudius zu nennen, erschien mir unpassend, da wir uns inzwischen recht gut kannten. Konnte ein Vorteil sein, musste es aber nicht.


    "War deine Nacht angenehm? Ich scheine Glück zu haben, dich heute früh hier anzutreffen und nicht von einem Sklaven ins castellum verwiesen zu werden. Das Fest war...." Ich dachte an die vergangene Nacht.
    "...oh, es wird mir gewiss in Erinnerung bleiben."

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    Original von Herius Claudius Vesuvianus
    Claudius hatte ganz sicher nicht vor, in ungeschickter Weise vorzugehen, es gab immerhin einen Ruf zu verlieren. Aber es interessierte ihn durchaus, wie der Aurelier zu gewissen Dingen stand.


    "Es macht den Anschein, dass den aurelischen Männern wenig am Erhalt ihres Zweiges gelegen ist", sagte er einleitend, grinste kurz und schob sich einige Oliven in den Mund, die er zunächst bedächtig kaute. "Der alte Präfekt, wobei er keineswegs von den Jahren her alt zu nennen ist, hatte sich bereits wenig für Frauen interessiert und über dich hört man auch nichts Entsprechendes. Gut, ich weise auch nicht eine großartig andere Lebensweise vor, dennoch: Ich stehe einer Verbindung unserer Häuser nicht abgeneigt gegenüber."


    Das Lächeln war offen, der Inhalt der Sätze nicht ungewöhnlich, das Angebot durchaus ernst gemeint, ohne sich in irgendeiner Form anzubiedern oder bereits festzulegen.


    Just in diesem Moment wurde ich der Musik gewahr, die sich vorher zusammen mit tanzenden Damen in einem mir akustisch unzugänglichen Eckchen des Raumes aufgehalten hatte. :D


    Vesuvianus' gute Laune steckte an, und während mein Fuß im Takt der Musik wippte, fiel mir das Lächeln kurzzeitig aus dem Gesicht, ehe er seine Worte als Scherz deklarierte. Potzblitz, und ich hatte gedacht, er konnte Gedanken lesen! Unsicher lächelnd verbarg ich eben jenes in einem Weinbecher, trank einen ansehnlichen Schluck und musste schlussendlich nur noch auf die letzten Worte eingehen. Eine bessere Vorlage hätte der alte Claudier auch nicht liefern können.


    "Welcher Mann kann schon ohne Frauen leben, Vesuvianus? Ich bin durchaus glücklich darüber, dass man bisher keine Gerüchte über meine Hingezogenheit zu Frauen hört. Bei deinen Töchtern möchte ein Mann glatt schwach werden."
    Nun war ich es, der zwinkerte.
    "Ich bin mir sicher, dass eine Verbindung beider Häuser durchaus vorteilhaft für beide Parteien wäre."



    Zitat

    Original von Manius Tiberius Durus
    ...l.


    "Zwanzig Jahre sind wirklich eine lange Zeit. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt", entgegnete ich. Die nächsten Worte ließen mich schmunzeln und ich deutete zu Vesuvianus.


    "Nun ja, du hast es ja eben gehört: anscheinend sind die Verbindungen noch nicht gut genug", sagte ich und lachte gutgelaunt.
    "Nein, im Ernst, unsere Familien haben viele gleiche Ansichten und sind verbunden, solange ich zurückdenken kann."

    Entgegen der gegnerischen Annahme, die salii collini hätten kaum etwas zu bieten, führte ich meine Gruppe recht selbstsicher und mit dem guten Gewissen, dass sich keiner einen Fehltritt erlauben würde, durch die rasch gebildete Gasse zwischen den zuschauenden Menschen ins comitium hinein. Zuletzt folgten die Bläser, die während des Marsches nicht vom Rhythmus abwichen und ihre Schritte gleichwohl mit jenen der anderen sodales im Takt setzten. Mit wehender Kleidung und Schild wie Schwert stets in einheitlicher Position langten wir also auf dem Platz an. Augenblicklich wurde es still, als Flavius Gracchus und ich uns gegenüber standen, die jeweiligen sodales im Rücken, und sich nurmehr der Stoff sachte im Wind bewegte.


    Mir war gleich, was im Kopf meines Gegenübers vorgehen mochte, wie er diese Situation warhnahm und wie er sie später niederschreiben würde, so er dies denn tat. Was zählte, war, wie der nun beginnende Tanz auf die Zuschauer wirkte, wie perfekt die Schrittfolgen der Männer waren und mit welchem Gefühl er den Tanz absolvierte. Meines setzte sich zusammen aus Stolz und Ehrgeiz, als ich die Stimme erhob und die Männer in meinem Rücken ebenfalls mit einfielen. Die den Tanz begleitenden Gesänge wuchsen zu einem wohlklingenden, tosenden Crescendo an, begleitet von Hornbläsern und den Geräuschen der Schwerter, wenn sie auf die Schilde schlugen. Rings um und herum fielen ehrfürchtig die Menschen Roms leise in die traditionellen salischen Verse ein, Kinder harrten bewegungslos und mit starr auf die Tanzenden gerichteten Blicken aus und weit über uns zoge ein Schwarm Vögel gen Westen über den Himmel.

    "Es sollte allgemein bekannt sein, dass die Söhne Roms das imperium nur mit Hilfe des Wohlwollens der Götter so weit ausdehenen konnten. Sieh dir an, wie weit entfernt die Grenzen des römischen Reiches liegen, Drakontios. Nicht nur bei genauer Betrachtung dieses Umstandes kann man darauf schließen, dass die römischen Götter die mächstigsten sind, die existieren. Die Christianer haben kein vereintes Reich, sie haben nur einen Gott. Einen, der keine Opfer verlangt und trotzdem gutmütig sein soll, allein aus jenem Grund, dass man an ihn glaubt? Oh, ich habe mich durchaus informiert über diese Seuche, die neuerdings auch im imperium eingezogen ist. Meiner Meinung nach sind die Christianer verblendet, vielleicht besessen von schlechten Geistern, wer weiß. Aber ernst zu nehmen sind sie auf keinen Fall."


    Ich stellte meinen Becher zurück auf die Tischplatte und schloss damit das Thema. Drakontios berichtete mir von einer Tätigkeit in Germanien, und das war wiederum recht interessant für mich. Ich legte dien Zeigefinger an die Lippen und nickte.


    "Ich weiß nicht, ob sich eine Ortskenntnis nur auf Colonia beschränkt, doch da ich nach Mogontiacum versetzt werde und zuvor lediglich für die Kurzweil eines Besuchs in Germanien weilte, könnte sich dein Wissen um die Gepflogenheiten der romanisierten Römer und auch jene der freien Germanen durchaus als nützlich erweisen. So du also mit einem Aufenthalt von rund einem Jahr zufrieden bist, ehe es nach Gutdünken des Kaisers wieder ins heimische Mantua zurück geht, hätte ich dich sehr gern als meinen scriba."


    Ich legte die Fingerspitzen aneinander und sah Drakontios darüberhinweg an.


    "Kommen wir nun zur Bezahlung,würde ich vorschlagen. Was hast du dir vorgestellt? Vorab sollte ich vielleicht gleich erwähnen, dass du Arbeitsmaterial und Unterkunft nicht zahlen musst, und ich dich für eventuell anfallende Extra-Arbeit angemessen entlohnen werde."

    Ich blinzelte irritiert, denn eigentlich konnte man meinen vorangegangenen Worten doch schon entnehmen, dass ich beabsichtigte, das Tribunat im Zuge des cursus honorum zu bekleiden, doch der Wein hatte vermutlich bereits sein Übliches getan.


    "Geplant ist eine Amtszeit, doch liegt mein Einsatz jederzeit im Ermessen des Kaisers. Will er mich länger im Amt sehen, werde ich seinem Wunsch gern folge leisten. Da dieses Tribunat ein Amt im Zuge des cursus honorum ist, beabsichtige ich, nachfolgend auch jenen ehrbaren Weg zu beschreiten und meines Standes gerecht zu werden. Doch werde ich jene Brücken erst überqueren, wenn sie in Sichtweite kommen. Vorerst warte ich ab, ob der princeps mich bei der Verteilung der Marschbefehle berücksichtigen wird oder nicht, danach entscheidet sich alles."


    In jenem Moment wurde ich des Senators Decimus gewahr.


    "salve, Senator Decimus Livianus. Eine Freude, dich hier zu sehen."

    Kurzzeitig bedauerte ich, dass ich sie nicht vorgewarnt hatte, damit sie sich rechtzeitig hätte zurückziehen können, doch es schien ihr nicht viel auszumachen. Vielleicht, weil es Neuland für Deandra war, vielleicht, weil es ihr gefallen hatte. Ich wusste es nicht. Ich lag einfach nur da, seufzte zufrieden und war bereit, sie in den Arm zu nehmen. Doch noch zog es sie nicht zu mir. Sie spielte, wie ich mit einem Zipfel meines Verstandes registrierte. Da war der Drang, mich waschen zu müssen, den ich jedoch noch unterdrückte. Ich mochte es nicht, wenn ich so übernachten musste. Dass ein Aufstehen einem Abbruch gleich kam, war mir durchaus bewusst, deswegen hielt ich dieses Gefühl des Unwohlseins noch aus und duldete die Spielereien, die Deandra vollbrachte, bis sie sich schließlich doch nach meinen Armen sehnte und zu mir kam. Ich drehte mich auf die Seite, begleitet von einem Schwappen, als Flüssigkeit sich verlagerte, legte locker einen Arm um Deandra und drückte sie an mich heran. Worte waren unnötig, denn auch so drückte dieser Abend aus, was ich für sie empfand. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass ich es tat, denn wie viele Patrizier gab es, die nur aus einem bestimmten Nutzen heraus heiraten wollten oder dazu genötigt wurden? Mit geschlossenen Augen und der Nase dicht an Deandras weicher Haut sagte ich schließlich doch etwas, bei dem sich meine Stimme leicht brummig anhörte und unbewusst ausdrückte, dass ich nun schläfrig war.


    "Ich werde morgen Vesuvianus um deine Hand bitten."

    An jenem Tage, der auf das Bankett folgte, fand ich mich früh in der villa claudia ein. Mein Kopf schmerzte nur wenig, denn der Wein war ein guter gewesen und der Kater im Vorfeld mit genügend Wasser an seiner Entstehung gehindert worden. So sah ich mich durchaus in der Lage, bei Deandras Vater vorzusprechen, auch wenn er mich am Abend zuvor noch für Epicharis hatte begeistern wollen und ich jenes zuerst nicht gemerkt hatte. Ein Sklave öffnete die porta - des guten Wetters und der Bewegung wegen hatte ich bei dieser geringen Entfernung zwischen den villae auf eine Sänfte verzichtet und war zu Fuß gekommen. Ich trug dem Sklaven auf, Claudius Vesuvianus, sollte er denn schon wach und noch zu Hause sein, um ein Gespräch zu bitten, dessen Wichtigkeitsstufe für mich bedeutsam hoch war, und vertrat mir derweil die Beine im atrium, indem ich bedächtig immer wieder mit verschränkten Armen um das impluvium herum schritt, ohne es jedoch wirklich zu sehen. Meine dunkelblaue, mit goldenem Rand verzierte toga schwankte bei jedem Schritt mit.

    Zitat

    Original von LUCIUS ULPIUS IULIANUS
    "Marcus Aurelius Corvinus, tritt vor, um deinen Marschbefehl zu erhalten."
    Der Kaiser greift nach der nächsten Rolle, aber auch hier ist ihm das Ziel auch ohne sie bekannt.
    "Es wurde entschieden, dich zum Tribunus laticlavius der Legio II Germanica zu ernennen. Diese Einheit wird in Kürze auch einen neuen Kommandeur erhalten. Du wirst ihm voraussichtlich voraus reisen."


    Deandra schien sprachlos, und auch als ich mit zwei Schritten vortrat, um den Marschbefehl zu erhalten, bemerkte ich keinerlei reaktion von ihr. Nicht verwunderlich, denn sie stand schließlich irgendwo hinter mir. Die Ernennung des Tiberiers löste ein Bedauern in mir aus, denn ich wusste zum Einen darum, welch böses Blut sie provozieren würde, zum Anderen bedeutete diese Ernennung, dass ich Mantua verlassen würde. Und nichtsdestotrotz trat ich stolz hervor, um die Worte des Kaisers zu vernehmen. Germanien also. Ich neigte dankend den Kopf.


    "Ich danke dir für dein Vertrauen, mein princeps", ließ ich sicher verlauten. Die Versetzung nach Germanien war ein geschickter Schachzug seitens des Kaisers in einem Spiel, das geprägt war vom bisherigen Ruf der Aurelier. Ich würde mein bestes geben, um meine Arbeit im fernen Germanien gewissenhaft und ordentlich zu erfüllen, um des Kaisers Willen, um meiner selbst Willen und für das Ansehen der gens, der ich angehörte.

    Heizten mir gerade noch Berührungen und Bewegungen ein, verhielt sich Deandra plötzlich tatenlos und still. Einzig mein Herzschlag musste laut im Raum zu hören sein, nahm ich an. In der Stille drehte Deandra den Kopf und blickte mich mit ihren warmen Augen an, blinzelte und bat so zuckersüß um Hilfe, dass ich sie ihr kaum verwehren konnte, selbst wenn ich sie nicht hätte gewähren wollen. So aber schenkte ich ihr einen kurzen, verlangenden Blick mit halb geöffneten Lippen und hob die Rechte, um ihr zur Hilfe zu kommen.


    Meine Hand lag nun auf ihrer und fuhr in kräftigen Bewegungen einen Weg, den sie schon unzählige male beschritten hatte. Der Umstand, dass ich sie führte, reizte mich auf mit unerklärliche Weise noch weiter. Der Atem kam stoßweise, das Blut peitschte durch meine Venen und die Anspannung stieg steil an, einer Welle gleich, die alsbald ihren höchsten Punkt erreicht hatte und in einer erlösenden Woge niederprasselte. Mit einem langgezogenen Laut der Erleichterung auf den Lippen wurde auch ich recht zügig von der Anspannung erlöst, die sich stetig aufgebaut hatte. Da war sie, die kleine Freiheit, das Gefühl, unbezwingbar und unantastbar zu sein. In jenem Moment dachte ich nicht. Kein Mann dachte wohl in diesem Moment.


    Was Deandra denken mochte, wusste ich nicht, doch dass sie alles verfolgt hatte, war mir durchaus bewusst. Dem erlösenden Gefühl folgte eine angenehme Mattigkeit, die sich von der Körpermitte in alle Glieder ausdehnte und mich zusammen mit dem Wein in meinem Blut etwas schläfrig, zumindest aber recht träge machte. Ich angelte nach Deandras Kinn, zwang es sanft zu mir herum und küsste sie liebevoll und mit noch rasch klopfendem Herzen. Ein Lächeln folgte.

    Wir passierten die Wache und fanden uns auf der Tribüne wieder, nahe des Kaisers und doch entfernt. Ich sah Deandra flüchtig lächelnd an, denn sicher fragte sie sich, warum wir die Ehre hatten, uns auf der Tribüne zu befinden und nicht an einem anderen Platz. Deandra und ich verfolgten das erste Rennen namenloser Wagenführer ziemlich schweigend. Wie es ihr bei diesem Spektakel erging, vermochte ich nicht zu sagen, doch ich hatte schwerlich damit zu tun, dem Rennen zu folgen. Zu aufgeregt war ich insgeheim, strahlte nach außen allerdings eine beinahe stoische Ruhe aus, die ich selbst nicht einmal erklären konnte.


    Das Rennen war recht plötzlich vorbei, wie ich fand, da erhob sich der prinecps und geschäftige Diener ordneten die Mäbel der nahen Umgebung neu an. Kurz darauf erklang die Aufforderung, vorzutreten. Deandra erntete ein kurzes Lächeln, ehe ich ihr bedeutete, zu verweilen. Sodann trat ich vor und nahm meinen Platz neben dem in der Mitte stehenden Octavier ein, dem ich kurz zunickte, ehe meine volle Aufmerksamkeit dem Kaiser galt.


    "princeps", grüßte ich und neigte den Kopf zum Gruße, darauf bedacht, ich selbst zu sein und mich nicht zu verstellen.

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    Original von Claudia Aureliana Deandra
    ...


    "Ich habe nicht den leisesten Schimmer, Deandra. Um ehrlich zu sein, weiß ich selbst kaum mehr als von der Existenz jenes Gerüchts. Ich dachte, du wüsstest mehr, da du mit dem Senator in Briefkontakt stehst. Nun ja, lassen wir uns überraschen."


    Wie um das Ende des Satzes zu bestätigen, ruckte sie Sänfte kurz und stand dann sicher auf dem Boden vor dem Platz des Geschehens. Ein Sklave kam herum und schob die Vorhänge zur Seite, damit wir aussteigen konnten. Zuerst entkletterte ich der Sänfte, dann reichte ich Deandra eine helfende Hand, und bald standn wir beide nebeneinander auf dem schmutzigen Pflaster inmitten der anpreisenden Händler. Einige der teils aurelischen, teils claudischen Sklaven schafften die Sänfte beiseite und der Großteil verblieb bei Deandra und mir. So traten wir den Weg an.


    "Ein Geschmeide, um die Schönheit der jungen Dame vorzuheben?" erklang es von der Seite. Ich wandte den Blick nicht einmal, doch wenn ich es geta hätte, so hätte mir ein zahnloses Gesicht entgegengegrinst und mit einem goldenen Kettchen geklimpert. "Wahre Schönheit hat keinen billigen Tand nötig", entgegnete ich nur im Vorübergehen und führte Deandra auch weiterhin unbehelligt weiter.


    "Was den Vinicier betrifft, so kann es eigentlich nur der vinicische Konsular sein, ein anderer käme nicht in Frage," erklärte ich meine Vermutung und deutete dann nicht nach links, sondern weiter geradeaus, was bedeutete, dass wir nicht jene Tribünen ansteuerten, die für Patrizier reserviert waren, sondern uns den Weg zur Tribüne des Kaisers bahnten.


    "Hier entlang, meine Liebe. Ahm...es kann sein, dass es eine Überraschung für dich geben mag", begann ich vorsichtig und schenkte Deandra ein verschmitztes Grinsen. Für mich gab es vielleicht auch eine. Ich wünschte mir so sehr, in der Legion meiner Ahnen dienen zu dürfen, der legio prima. Und doch würde ich dem Kaiser ohne zu zögern dort dienen, wo er mich sehen wollte, denn die Kaisertreue war neben der Familientreue das höchste Gut eines Mannes, genaz besonders eines Patriziers. "Semper fidelis, semper paratus", murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart und drückte mir selbst mit klopfendem Herzen die Daumen.


    Prätorianer schirmten die Tribüne ab, und da es in dem Brief gehießen hatte, dass ich mich bei der kaiserlichen Garde anmelden sollte, nickte ich einem der Soldaten knapp zu und stellte mich also vor, während mein Sklave Trautwini dem Mann den Brief zeigte.
    "salve, ich bin Aurelius Corvinus, das ist Claudia Deandra. Ich erhielt einen Brief."

    Der Hand folgte einer unbestimmten Bahn über meine Haut. Was sie denken mochte, erriet ich nicht, denn abgesehen von dem Umstand, dass man anderen schwerlich in den Kopf schauen konnte, gab ich mir auch äußerste Mühe, mich auf ihre Tätigkeit und die Auswirkungen der Berührungen ihrer Hand zu konzentrieren. Zuerst musste ich mich wirklich anstrengen, dann jedoch, indem sie tiefer glitt und neugierig vorwärtsstieß, leiß ich mich gleiten, vergaß die Anspannung und den Ärger über mich selbst und genoss schlichtweg ihre Streicheleinheiten. Die Worte blieben unbeantwortet, zumindest, was Worte anging, denn Deandra siegelte meine Lippen mit einem Kuss und ich verstand. Worte störten, ob es nun jene der Begierde oder der Entschuldigung waren, jene der Selbstzurechtweisung oder welche der Ursachenforschung für diesen wirklich unschönen Zwischenfall.


    Der Hand folgte nun der Kopf, und da ich somit beide Arme frei hatte, hob ich einen und strich Deandra damit durchs Haar, während ich mir diese Innigkeit einprägte und mit jener Deandra verband, die ich begehrte. Ich musste lernen, dass ich Deandra nicht in zwei unterschiedliche Frauen - die begehrenswerte und die Schwester - zerteilte, sondern als ein einziges Geschöpf sah, das sich nicht verändert hatte, sondern schon immer so gewesen war, wie sie nun einmal war. Ich war es, der sie nun anders sah. Das Problem lag also bei mir, nicht bei ihr.


    Mein Gedankenfluss wurde von einer Berührung unterbrochen, die mich jäh daran erinnern ließ, dass sie eine Frau war und nackt neben mir lag. Meine Hand hielt für Sekunden im Streicheln inne, griff dann in ihr Haar und verdeutlichte, dass mir gefiel, was sie tat. Mit geschlossenen Augen entsann ich zu dem Wissen um die reale Anwesenheit Deandras und ihrer Hand die balneum-Fantasie. Und das half augenblicklich, um aus dem kleinen Etwas wieder den Anflug dessen zu machen, das sich so spielverderbend aus der Affäre gezogen hatte. Sie musste es bemerken, es ging gar nicht anders. Meine Atmung beschleunigte sich wieder etwas, die Hand in Deandras Haar suchte Möglichkeiten, ihr zu zeigen, dass es mir sehr gefiel, während die andere noch locker neben dem Oberkörper lag.


    Binnen weniger Augenblicke war ich also wieder da und einsatzfähig, die Gedanken verdrängt. Dennoch hatten ihre Worte der beinahe begangenen Dummheit selbst mir aufleuchten lassen, wie wichtig die Jungfräulichkeit ihr war. Da war es ganz und gar nicht gleich, ob ich sie dessen nun jetzt beraubte oder bis zur Nacht der nuptiae wartete. Laute des Genusses verließen meine Lippen. Ich sehnte mich nach mehr, nach der Freiheit des flüchtigen Augenblicks, und doch dirigierte ich Deandra weder mit Wort noch mit Hand. Sie schien aus so zu wissen, was gut war.

    Als die Sonne sich an diesem kühlen Februarmorgen träge über den Horizont gen Himmel schob, hatte Pyrrus ganze einhundertundzweiundachtzig Mal Wachstafeln verziert und wieder löschen lassen, um sie erneut zu bemalen. Er schnarchte gerade genüsslich mit hochgelegten Beinen in seinem Aufseherstuhl, den er sich von seinem Extrageld gekauft hatte, als wieder einmal ein Sklave das Zelt betrat, und dies nicht gerade gemächlich. Mit dem Sklaven rauschte auch kühle Morgenluft in die Stoffbahnen und ließ die drei Kohlebecken flirren, die aufgestellt worden waren. Pyrrus verschluckte sich an einem Schnarcher, erwachte nach Luft schnappend, hustete und ruderte mit den Armen. Dabei fielen zwei mit obszönen Bildern bemalte Wachstafeln klappernd zu Boden und der Griffel kullerte unter den Tisch. Pyrrus schnappte nach Luft, der Sklave ging einen Schritt rückwärts und sah sich aus den Augenwinkeln nach einer Fluchtmöglichkeit um.


    "Ich...äh..." begann er verzagt, da traf ihn auch schon der Blick des Zerberus. "WAS - IST - LOS???" Der Sklave nestelte an seiner tunica herum und vermied es, den scriba anzusehen, der den Sklaven feurigen Blickes aufzuspießen suchte. "Es ist alles fertig bis auf den zehnten Quadranten, Herr." "Und?" schnauzte Pyrrus und angelte nach seinem Griffel, erreichte ihn jedoch nicht. Seinen Ärger machte er in einem Tritt gegen den Tisch Luft. Kerzen, Pergamente, Tafeln und ein Butterbrot hoben sich kurzzeitig ab und fielen im gleichen unordentlichen Muster zurück auf die zerfurchte Platte. Pyrrus sammelte die Wachstafeln vom Boden auf. "Naja, mit dem zehnten Quadranten können wir nicht weitermachen..." Pyrrus hielt inne und spießte den Sklaven mit seinem Blick an die Stoffbahn des Zeltes. "Wirst du mir auch sagen warum oder muss ich dich erst ans Kreuz nageln, du dämlicher Dakier?" Entweder war der scriba zu Scherzen aufgelegt oder er hatte das Ernst gemeint. Vermutlich beides. Der Sklave sah Pyrrus entsetzt an und schüttelte den Kopf. "M-mein Herr, es...da...also...es steht ein Ochse drauf." Jetzt war es raus und der Sklave ließ die Schultern hängen. Das Kreuz schien ihm nahe, doch Livius Pyrrus starrte ihn nur an, als hätte er sichtbar einen an der Mütze. Dann lachte er schallend, verstummte jedoch, als er des Sklaven ernstes Gesicht bemerkte. "Du meinst das ernst, hä?" "Ich fürchte schon, Herr." "Dann schafft das Vieh da weg." "Aber He-" "Schafft es weg und lasst mich damit zufrieden. Ich habe wichtigeres zu tun." "Aber-" "NICHTS aber. Tu was ich dir sage, sonst gebe ich dein Kreuz in Auftrag, noch ehe das Vieh einmal muhen kann."


    Just in diesem Moment muhte es draußen, und sowohl der Sklave als auch der Schreiber fuhren verblüfft herum und starrten die Zeltplane an, als könnten sie durch sie hindurchsehen. Zwei Sekunden später schrieen mehrere Kehlen und lautes Getrappel erklang. Der Sklave einlte zum Zelteingang, zuckte merklich zusammen und suchte ebenfalls schreiend das Weite. Als Pyrrus sich endlich aufgerafft hatte und ebenfalls am Eingang stand, wusste er auch warum, denn außer auf ihn zu kommenden und äußerst Spitz aussehenden Hörnern sah er für den Moment nichts. Auch später am Tage sollte er nichts sehen, außer der dumpfen Schwärze, die ihn umpfing.

    An diesem milden Februartag waren auch Deandra und ich unterwegs zu den equirria. Zuvor waren wir aus Mantua angereist. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Deandra auf der Reise zu erzählen, warum ich so unbedingt die Rennen anschauen wollte, auch wenn keine factiones vertreten waren. Irgendwie hatte ich es dennoch vor mir her geschoben, denn ich wusste nicht, wie sie es aufnehmen würde, wenn der Kaiser mich wirklich zum tribunus ernennen würde. Ich ahnte, dass ich nicht in Italien bleiben würde, wenn man mich ernannte. Warum, vermochte ich nicht zu sagen, aber das Gefühl war einfach präsent.


    Nun bewegte sich die Sänfte mit Deandra und mir als Insassen langsam ihrem Ziel entgegen, durch die Gassen und Straßen Roms, begleitet von einer Handvoll Sklaven gen campus martialis, das wir bald erreichen würden. Unruhe machte sich allmählich in mir breit.


    "Es finden nicht nur Rennen statt", erklärte ich gerade.
    "Es werden auch die tribuni für die nächste Amtsperiode ernannt. Man munkelt auch davon, dass ein Vinicier der neue legatus augusti pro praetore von Gemanien werden wird. Hast du eine Ahnung, warum man Decimus Meridius abzieht?"

    Felsenfest davon überzeugt, dass es Achaia hieß, dachte ich nicht über einen möglichen Fehler meinerseits nach und lauschte zunächst Drakontios' Worten, die ich recht gut nachvollziehen konnte. Athen war groß und lärmend, doch wer Rom gewohnt war, der wusste die Hauptstadt Griechenlands dennoch zu schätzen. Zweifelsohne jedoch befanden sich die bedeutendsten Philosophen und Rhetoriker in dieser Stadt oder hatten zumindest eine gewisse Zeit ihres Lebens dort verbracht. Das und die Mentalität der Griechen war es, die mich seither fasziniert hatte. Interessiert vernahm ich, dass der Grieche scheinbar eine unglückliche Liebe hatte oder etwas in der Art, doch ich ging nicht weiter darauf ein, da ich keine alten Wunden wieder aufbrechen wollte. Der Werdegang erschien mir recht stimmig, die Erwähnung der Christianer allerdings brachte meine Nase dazu, sich zu rümpfen.


    "Eines Tages werden diese Verräter an den einzig wahren Göttern das bekommen, was sie verdienen. Eine gerechte Strafe für ihr Tun. Stell dir vor, auch in Ostia haben sie einen Tempel gebaut, in dem sie ihren Gott anbeten. Ist man denn nirgends vor diesem falschen Denken sicher? Man muss dieser Tage noch besser auf seine Sklaven und Kinder aufpassen. Nicht auszudenken, was geschähe, liefen sie diesen Christianern in die Hände."


    Ich trank einen Schluck Wein und schüttelte den Kopf. Mir fiel der Brief wieder ein, über dem ich gebrütet hatte.


    "Drakontios, es gibt noch eine Frage, dich ich dir stellen muss. Der Kaiser schickt mich demnächst als tribunus nach Germanien in die legio secunda. Wärest du gewillt, mit mir nach Germanien zu reisen? Wenn ja, würde ich dich mit Freuden als meinen scriba personalis einstellen."




    Gegen Mittag klopfte ich an und trat nach Aufforderung ein.
    "Salve, Didius! Ich hörte, du hast einen neuen Schreiber eingestellt?" fragte ich und setzte mich. Es war wirklich schade, dass die Linke nicht wusste, was die Rechte tat. Aber deswegen war ich heute nicht hier.
    "Albinus, ich habe ein Schreiben des Kaisers bekommen. Man wird mich voraussichtlich recht bald zum tribunus ernennen. Als Datum sind die equirria genannt, zu denen ich mich in Rom einfinden soll."

    "Dann bist du mit der Eröffnungsfeier das Theaters betraut, nehme ich an? Nun, zu diesem Zweck muss auch noch ein Brief an Valentin Duccius Germanicus gesandt werden. Er betreut die Anfragen zur Theaterspielgruppe Mogontiacums und Albinus und ich wollten die Gruppe für die Eröffnung buchen. Es gilt, einen Termin herauszufinden, zu dem die Truppe hier sein kann. Ein Stück von Juvenal wäre recht nett, was meinst du?"


    Sim-Off:

    Konkret bedeutet das: Er soll dir einen Termin nennen und der wird dann genommen. Es soll diesmal klappen und nicht wieder schief gehen. :)