Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Das ehrlich gemeinte Lächeln blätterte förmlich von meinem Gesicht und hinterließ für einen Kurzen moment einen schmerzlichen Ausdruck darauf, der kaum einen Wimpernschlag später schon wieder undeutbar wurde. Zumindest glaubte ich das. Tja, und nun? Einfach mit der Entscheidung herausplatzen, die ich getroffen hatte? Ihr gar nichts davon sagen oder sie langsam heranführen? Es dauerte ziemlich lange, bis ich mich zwischen diesen drei Möglichkeiten entschieden hatte, sodass eine unangenehme Pause entstand, in der ich mit mir selbst und meinem widerwilligen Geist beschäftigt war. Schließlich jedoch hatte ich mich entschieden, und zwar für die dritte Variante. Sicherlich würde sie es missbilligen, wenn sie nichts davon erfahren würde und sie würde es auf den Wein schieben, wenn ich gleich damit herausplatzte. Also wollte ich zuerst, dass sie mir nicht mehr böse war, was sie ja augenscheinlich war. Ich zog die Brauen kurz zusammen und verringerte die Distanz zu Deandra erneut, dann hob ich eine Hand und strich ihr flüchtig über die Wange. Ehe sie die Hand fortwischen konnte, nahm ich sie selbst wieder herunter.


    "Du weissss dass ich ge-gerade an dich gedacht hab", hauchte ich ihr mit Falernerdunst angereicherter Stimme entgegen. Schnell sprach ich weiter, ehe sie etwas einwenden konnte.
    "Ich weiß, du denksss, ich bin nichmehr ganz klaah im Kopf. Das stimm dauch sicher. Aber wenn... wennsch eins weiß, dann isses dass ich das ernst meine."


    Jetzt hatte ich mich selbst nicht verstanden, hoffte aber, dass Deandra mit ihrem klaren Verstand wusste, was ich meinte. Insgeheim verfluchte ich die Neigung zum Wein ind prekären Situationen, da sie mich jetzt unzurechnungsfähig erscheinen ließ und die Zunge schwer werden ließ.


    "Ich war...blind", redete ich weiter und musterte Deandras Reaktionen.

    Da ich an die Säule gelehnt da stand, bemerkte mich der nächtliche Besucher nicht, der nun ebenfalls den Weg ins Peristyl gefunden hatte. Um bei der Wahrheit zu bleiben, bemerkte ich sie zuerst auch nicht, Deandra, da sie kaum ein Geräusch mit ihren Schritten verursachte. Als ich sie dann schließlich sah, wirkte sie gedankenverloren und glitt auf unsichtbaren Schienen dahin, wie die Peregrine, die vor einer Weile ihren Körper auf recht ansehnliche Weise zum Takt der Musik bewegt hatte.


    Statt mich zu erkennen zu geben, machte ich noch einen Schritt weiter zurück, in die Schatten der Säule und des hortus hinein, um Deandra verstohlen zu beobachten, wie sie die Schritte der Tänzerin nachahmte. Sie wirkte nicht so geübt wie diese, aber für mich war sie in diesem Moment das schönste Geschöpf unter dem Himmelszelt. Ich dachte an die Gegebenheiten des Bades am Vortag nach, was angesichts des Alkoholeinflusses schon nicht mehr so flüssig ging.


    "Nnie gab es eine sch...önere Frau", sagte ich leise und kam zurück ins Licht, wenn man denn von Helligkeit sprechen mochte. Im Garten war alles dunkel in dunkel, und so auch hier. Dennoch konnte man einander im beinahe gespenstischen Licht der schmalen Mondsichel erkennen. Meine Augen leuchteten, die Zunge war schwer, das Sprechen nicht mehr ganz so einfach - aber ich gab mir Mühe, und Wunsch und Wille waren eins, als ich auf sie zu trat und zwei Schritte vor ihr stehen blieb.

    Der Abend des Banketts war schon recht weit fortgeschritten. Einige Gäste hatten sich sogar schon auf ihre Gästezimmer zurückgezogen, doch noch unterhielt man sich angeregt, und eine ausgelassene Stimmung hatte sich bei den meisten Gästen breit gemacht. Die Damen waren schon alle verschwunden oder hatten sich zumindest gut versteckt, denn ich hatte keine erblicken können, als ich den Festraum verlassen und die Latrinen aufgesucht hatte. Schwankend, aber schlussendlich war ich doch am Ziel angelangt. Der claudische Wein war mild und schmeckte herrlich, sodass ich mich nicht sonderlich gezügelt und Becher um Becher genossen hatte. Deandra hatte ich den ganzen Abend lang nicht gesehen. Zu Anfang hatte ich noch Ausschau gehalten, verstohlen und insgeheim, doch durch die gute Unterhaltung mit dem Flavier und den fortwährenden Genuss beim Essen hatte ich es schließlich aufgegeben und weiterhin dem Wein gefrönt.


    Nun wollte ich eigentlich zurück zu Gästen, ausgelassener Stimmung und Wein. Man hatte schließlich zur Freude vieler Gäste doch noch irgendwo her Musikanten organisiert, sodass nun die Klänge von Musik von fern an mich heran drangen. Es musste nach Mitternacht sein. Auf meinem Weg kam ich an einer Säule vorbei, auf der die Büste eines verflossenen Claudiers stand. War ich hier eben nich schon einmal gewesen? Angestrengt dachte ich nach, kam aber zu keinem Ergebnis, weswegen ich mit den Schultern zuckte und einfach weiterging. Die kühle Luft des Gartens drang vom peristylium her herein und ließ mich verweilen. Unschlüssig wägte ich Für und Wider ab, entschloss mich aber dann, einen Moment frische Luft zu atmen und lenkte meine unsteten Schritte hinaus in die Dunkelheit des Säulenganges, der an den claudischen Garten des Gutes grenzte. Dort lehnte ich mich an eine Säule. Stehen war zwar noch möglich, aber warum eine Stütze verschmähen, wenn sie doch vorhanden war? In meinem Kopf drehten sich die Gedanken um sich selbst und ineinander, benebelt vom Wein und träge vom Essen.

    Zitat

    Original von Marcus Flavius Aristides
    .....


    Ich musste unweigerlich grinsen, als der Flavierseinen verdünnten Wein leerte und sich sogleich nachschenken ließ. Ich war immer noch bei meinem ersten Becher, er hingegen mindestens beim zweiten. Es war daher nicht vorauszusehen, wer von uns beiden schneller dem Alkohol erliegen würde. Die Gespräche um mich herum wären vermutlich gut gewesen, um Kontakte zu knüpfen, die dereinst wichtig sein konnten, doch in meiner momentanen Verfassung hätte ich vermutlich keinen sonderlich guten Gesprächspartner abgegeben, was gerade die Thematik der Politik und Senatsbeziehung betraf. Das war eine Crux, doch ich konnte mich nicht aufraffen und an eben jenen Gesprächen teilnehmen. Die Jagd war jedenfalls gerade weitaus interessanter.


    "Deinen Worten von eben nach zu urteilen, scheinst du beides zu sein: passioniert und begnadet."


    Ich grinste und prostete ihm zu. Aufmerksam lauschte ich der Erzählung, während ich genüsslich ein Stück des umschriebenen Schwarzwildes vertilgte. Aristides sprach von Löwen und Bären, die ich natürlich schon bei den ludi gesehen hatte, doch niemals auf freiem Gelände.


    "Es hätte durchaus seinen Reiz", entgegnete ich auf seinen Vorschlag hin.
    "Wenn es dir dein Dienst erlaubt, bin ich sehr gern mit von der Partie. Als duumvir kann ich meine Arbeitszeit gewiss besser einteilen als ein Soldat, daher richte ich mich gern nach dir. Schlage Ort und Zeit vor, und ich werde da sein.


    Claudia Epicharis erhob sich und verließ den Raum. Ob ihr nicht gut war? Doch mir bleib keine Zeit, um darüber nachzudenken, also wandte ich mich wieder dem Flavier zu, der mich eben etwas gefragt hatte, worauf ich ihm keine eindeutige Antwort geben konnte.
    "Das entscheidet sich bedauerlicherweise erst, wenn wir Rückmeldungen aus der Gladiatorenschule in Tarraco und von der germanischen Theatergruppe haben. Aber keine Angst, wir werden es groß ankündigen."


    Nun trat Tiberius Durus heran und nahm auf einer nahen Liege Platz, wo ich ihn mit einem Nicken grüßte.
    "Salve, Tiberius Durus. Das ist Flavius Aristides. Vielleicht kennt ihr euch ja schon?" stellte ich die beiden gegenseitig vor und warf einen munteren Blick in die Runde. Sollte ich gleich um ein Gespräch mit Vesuvianus bitten? Nein, das war unangebracht. Morgen, wenn die Gäste fort und der Kater gegangen war. Dann war die Zeit recht. Deandra sah ich immer noch nirgends.

    Meines Katers wegen blieb ich heute der curia fern und sandte lediglich Livius Pyrrus aus, der die unterzeichneten Formulare zu Didius Albinus bringen und zu unterzeichnende Dokumente und Notizen abholen sollte. Ich hatte mich früh morgens aus dem Bett gequält, obwohl ich lange wach gewesen war. Auf das ientaculum allerdings hatte ich verzichtet, mir war ganz bestimmt nicht nach essen zumute. Mein Brummschädel vertrug keine Sonne, also blieben auch die Vorhänge geschlossen, als ich mich endlich aufgerafft und zum Schreibtisch geschleppt hatte. Mühsam hatte ich meinen Namen unter die Siegel mit dem wuchtigen Löwen gesetzt, hatte Pyrrus zurechtgewiesen und ihm aufgetragen, mich vor dem frühen Abend nur ja nicht zu belästigen. Anschließend war ich wieder im Bett verschwunden, um erst spät am Tag wieder daraus aufzutauchen und Camryn fauchend nach dem balneum zu schicken, um mir ein Bad bereiten zu lassen, das den Körper reinigen und die Sinne klären sollte.


    Während sie beschäftigt war, saß ich in meinem cubiculum herum und trommelte nachdenklich mit den Fingern auf dem schweren Holz der Tischplatte. Schließlich kam sie, um mich zum Bad zu rufen. Ich dankte und schickte sie fort. Vermutlich nicht das, was sie erwartet hatte. Soviel konnte ich an ihrem verwunderten Ausdruck ablesen, ehe sie mich allein ließ. Noch eine Weile verharrte ich in dieser Denkerpose, dann raffte ich mich einem alten Mann gleich auf und verließ mein Zimmer, um mich dem Bad zu widmen.


    Das balneum war angefüllt vom duftigen Wasserdampf des edlen, in den Boden eingelassenen Marmorbeckens. Auf dem Wasser schwammen Blütenblätter und das Becken wurde erhellt vom Schein der darum aufgestellten Kerzen, was mich dazu veranlasste, mit den Augen zu rollen und ergeben zu seufzen. Frauen! Kein Mann brauchte einen solchen Schnickschnack. Erlesene Öle und eine angenehme Temperatur waren alles, was für ein wohltuendes Bad vonnöten war. Die tunica fiel, ebenso wie das darunter befindliche subligaculum. Beides ließ ich in einem unordentlichen Stapel liegen, wie es sich gehörte, damit die Sklaven auch mal etwas für ihr Brot taten. Einzig den Siegelring von Onkel Cicero zog ich vom Finger und legte ihn behutsam auf den Hocker mit der frischen Kleidung. Dann stieg ich ohne die Temperatur des Wassers zu prüfen in das Becken, ließ mich bis zu den Schultern einsinken und seufzte wohlig. Nach einer kurzen Weile hielt ich die Luft an und tauchte unter, bis meine Lungen nach Luft lechzten. Das belebte die Sinne und erfrischte, auch wenn das Wasser wärmer als meine Körpertemperatur war. Dichte Nebelschwaden zogen inzwischen durch den Raum, benetzten meine feuchte Haut und auch die Mosaike an den Wänden. Kondenswasser perlte von den winzigen Steinchen ab, während ich vollkommen entspannt bis zum Kinn im Wasser lag und mir jetzt doch wünschte, ich hätte Camryn nicht fort geschickt.


    Doch gerade als ich ernsthaft in Erwägung zog, mir das Bad auch ohne weibliche Anwesenheit zu einer vollkommenen Entspannung zu machen, tauchte Deandras Bild in meinem Kopf auf. Verwirrt blinzelte ich in den Wassernebel hinein, doch zum ersten Mal seit der Entgleisung in ihrem cubiculum zeigte ich weder Scham noch Reue bei diesen Gedanken an sie. Im Gegenteil, ich erkannte, dass ich das Bild durchaus nutzen konnte, und baute es daher weiter aus. Mit halb geschlossenen Augen, benebelt von dem Gedanken, sie real hier zu haben, hatte meine Hand ihren Weg nahezu von allein gefunden und gab sich beste Mühe, das Bad zu einem wahrlich entspannenden Abschluss des verschlafenen Tages zu machen.


    Deandra in einer flammend roten tunica, wie sie ihr Haar verführerisch aus dem Nacken strich und mir den Hauch eines Blickes zuwarf... Ein Blick, wie sie ihn mir an jenem Tage in ihrem Zimmer zugeworfen hatte. Nicht der Bruder war ich, den sie so lange gehabt hatte. Ich stand nun direkt hinter ihr, setzte die Lippen auf ihren Nacken und zog eine feurige Spur aus flüchtigen Küssen zu der Fibel auf ihrer Schulter, welche die Kleidung hielt. Mit eiligen Fingern löste ich zuerst die eine, dann die andere, bis sie schließlich entblättert in den sanften Wellen ihrer tunica stand und ich an ihren Rücken heran trat. Meine Hände erkundeten ihren Körper, berührten die verlockende Haut und drehten Deandra schließlich herum, um das gleiche nun von dieser Seite zu tun....


    Was war der Mensch ohne Fantasie? Mein Herzschlag hatte sich beschleunigt, Blut rauschte in meinen Ohren, der Atem ging keuchend und alles Denken klammerte sich an die samtigweiche Haut Deandras und was noch passieren würde. Nebenbei lief meine Hand zu Höchstformen auf, fuhr mit kraftvollen, aber dennoch bedachten Bewegungen weiter den Weg entlang, den ich ihr zugedacht hatte, und versetzte mich allmählich in euphorische Höhen. Es waren längst nicht mehr nur Wasserperlen, die auf meiner Stirn standen und diesen Höhenflug begleiteten. Mit einem letzten Bildnis Deandras im Kopf, wie sie mir diesen Blick zuwarf, von dem ich nicht genug bekommen konnte und den ich zuerst und zuletzt in ihrem Zimmer gesehen hatte, als ich mich erdreistet hatte, sie zu küssen, entlud sich meine Anspannung. Den Kopf bog ich in den Nacken, erleichtert aufseufzend, blutberauscht und erlöst. Die Hände ließ ich allmählich sinken, vollkommen entspannt und kein bisschen beschämt. Die Ahnen hatten mir nicht geholfen, mich zu entscheiden, doch spätestens nach diesem Bad wusste ich, was ich wollte.


    Ich verweilte nicht mehr lange, vielleicht den sechsten Teil einer Stunde, ehe ich mich um einiges positiver gestimmt aus dem Marmorbecken stemmte, mir ein Tuch schnappte und mich notdürftig trocknete, was sich angesichts der Luftfeuchte als gar nicht so leicht erwies. Doch schließlich hatte ich mich angekleidet und steckte den Ring zurück auf den ihm angestammten Finger. Ich verließ das balneum, um mir etwas zu essen organisieren zu lassen. Auf dem Weg in mein Arbeitszimmer summte ich leise vor mich hin. Mit dem Bad waren nicht nur Anspannung und Missmut von mir abgefallen, sondern auch diese grässliche Unentschlossenheit, gepaart mit Unsicherheit war verschwunden, als sei sie niemals da gewesen.

    "Sehr schön. Ich nehme an, die ausgefüllten Unterlagen müssen auch hier wieder abgegeben werden. Vielen Dank. Vale", gab ich erfreut zurück, nahm die Pergamentrolle und verließ das officium des tüchtigen Schreibers.



    Sim-Off:

    Ich bin um 500 Sz ärmer ;)


    Appius Tiberius Iuvenalis
    Primicerius Notariorum
    Palatium Augusti
    Roma



    Aurelius Corvinus Tiberio Iuvenale s.d.


    Tiberius, deine Anfrage habe ich erhalten und möchte dir hierauf mitteilen, dass ich mich in Kürze in der Akademie einschreiben und das examen primum absolvieren werde.


    Hochachtungsvoll,


    [Blockierte Grafik: http://img261.imageshack.us/img261/2963/siegelmactest5ft.gif]



    Mantua, an den ID FEB DCCCLVII A.U.C. (13.2.2007/104 n.Chr.)


    Sim-Off:

    edit: Inzwischen hab ich es bestanden. ;)

    Ich hörte mir die Erläuterung äußerst interessiert an und nickte anschließend in Verbindung mit einer lässigen Handbewegung.


    "In Ordnung. Dann würde ich die Fragen gern gleich mitnehmen, falls dies möglich ist. Ich werde einen Sklaven anweisen, das Geld umgehend vorbeizubringen. Soll er es bei dir abgeben oder gibt es eine Zahlstube?" fragte ich den routiniert wirkenden Mann.



    Sim-Off:

    Wohin soll ich überweisen?

    "Das ist korrekt. Marcus Aurelius Corvinus. Und nein, ich bin und war kein Soldat", erklärte ich dem scriba geduldig, während ich mich im Raum umsah. Unzählige Regale, in denen vermutlich Listen, Zahlen, Daten und Fakten vermerkt waren.


    "Ich hätte da auch noch eine Frage. Wie genau geht die Aufnahmeprüfung von statten?"

    Das Schreiben der administratio imperatoris hatte mich erreicht, als ich schon beinahe im Begriff war, nach Rom zu reisen. Während der zweitägigen Reise hatte ich Für und Wider gegeneinander abgewägt und war schlussendlich zu dem Entschluss gekommen, mich bei der Akademie einzuschreiben. Nützen konnte es mir sehr wohl, schaden auf keinen Fall, auch wenn es vielleicht nicht notwendig war, um einen Posten als tribunus beim Militär zu besetzten. Ich ließ einen Sklaven klopfen und trat ein, als die Aufforderung hierfür erklang.


    "Salve. Ich bin hier, um mich einzuschreiben."

    Ich nickte geflissentlich.
    "Ich kenne ihn nicht persönlich - zumindest kann ich mich nicht mehr an ihn erinnern - aber der Name sagt mit etwas. Mein Vater und er pflegten nach dem Aufkauf und Anbau des Hauses noch Kontakt miteinander. Er ging zurück nach Griechenland. Irgendwann riss der Kontakt dann ab, mehr kann ich dir leider nicht sagen. Warum suchst du ihn denn, vielleicht kann ich irgendwie behilflich sein?"

    Der Wein, den ich den Ahnen angedacht hatte, war nur zu einem verschwindend geringen Teil in der Opferschale gelandet. Den größten Teil der stattlichen amphora hatte irgendwie seinen Weg in meinen Magen gefunden, wo er nun hin und her schwappte und meinen Geist benebelte. Auch stand ich ganz und gar nicht in betender Pose vor dem Altar, sondern saß mit einem Bein aufgestellt neben dem Gabentisch aus Stein und Holz im Dunkeln. Nun gut, ganz und gar Dunkel war es nicht, da waren schon die paar Kerzen, die ich entzündet hatte, und auch der verkohlte Weihrauch, der seit über einer Stunde darauf wartete, nicht umsonst verbraucht worden zu sein. Seit dieser Zeit befand ich mich nämlich im Raum und suchte nach Antworten, ohne sie zu finden. Oder waren sie es, die mich nicht fanden? Ursprünglich hatte ich die Ahnen um einen Tipp, einen winzigen Hinweis bitten wollen. Gesagt hatte ich allerdings nichts, abgesehen von "Verdammte Scheiße", als mir eine der Holzfigürchen in den schmalen Ritz hinter dem Altar gefallen war, weil meine Hände so sehr zitterten. Zu allem Unglück war das auch noch Großtante Apollonia gewesen, die eh immer schon eine Furie gewesen war. Das war ihr Pech, denn ich ließ sie einfach hinter dem Altar liegen und achtete nicht weiter auf das kleine Figürchen.


    Mit der amphora, die guten Falerner enthielt, hockte ich also auf dem recht kühlen Boden und starrte Löcher in die Luft, als wäre sie Ziegenkäse. Die Vorstellung an sich war schon recht witzig, so ein durchlöcherter Ziegenkäse. Wer hätte auch ahnen können, dass man viel später wirklich Käse mit Löchern erfinden sollte? Vor meinem inneren Auge (und in den Ziegenkäse, der mich umgab) erschien immer wieder die Situation, in der ich mich vorhin noch befunden hatte. Deandra, wie sie mit dem Rücken zu mir vor dem Fenster stand, wie ich auf sie zuging und sie frech überrumpelte, sie einfach küsste, ohne nachzudenken und ohne auch nur im mindesten das Gefühl von Schuld oder Reue zu empfinden. War ich deswegen nun ein schlechter Mensch, weil ich der Frau nahe gekommen war, die einst meine Schwester gewesen war? Vielleicht war ich eines jener Ungetüme, die sich selbst nicht kontrollieren konnten und alle anderen damit unweigerlich verdammten. Dieser Gedanke schmerzte, und ich ertränkte den Stich rasch mit einem tiefen Schluck aus der Amphore.


    Ich schloss die Augen, mein Blick war ohnehin verschleiert und in diesem schummrigen Licht konnte sowieso ich kaum etwas erkennen. Wie sehr wünschte ich mir jemanden, den ich mit dieser Last beladen konnte, die schwer wie ein Mühlstein auf meiner Brust lag. Aber da war niemand außer Camryn, und die hatte ich fort geschickt, um allein sein zu können. Vater und Mutter waren nicht im Haus, Merkur allein wusste, wo sie waren. Mein Bruder war ebenfalls absent, und damit gab es niemanden, der sich um mich scherte und um den ich mich scheren musste. Das hatte durchaus auch Vorteile, wenngleich die Nachteile doch erheblich überwogen. Wenn niemand anwesend war, konnte man mit niemandem reden. Das war das Hauptrpoblem, und ganz nebenbei löste das mein Problem in keinster Weise, sondern verursachte nur, dass es sich noch tiefer in mich hineinfraß.


    "Wenn...wennsch nur wü...wüsse was in deim' Kopff..f..f...vorgeht", lallte ich in die Stille. Der Klang meiner eigenen Stimme ließ mich erschaudern, und so trank ich mir mit einem neuerlichen Schluck etwas Mut an. Vielleicht war es auch Leichtsinn. In zwei Tagen gab Vesuvianus das Bankett. Bis dahin musste zumindest ich wissen, was ich wollte. Der Ausdruck auf ihrem Antlitz kam mir in den Sinn, als ich mir die Freiheit nahm und sie küsste. War das nicht Erwartung gewesen, Freude, Verlangen? Ich schüttelte den Kopf und stieß ihn mir an einem hölzernen Teil des Altars zu meiner Rechten.


    "Blöder Mist, blöder", knurrte ich und rieb mir den Schädel. Auf diese Weise etwas ernüchtert, dachte ich noch einmal über die Szenerie nach. Hatte ich wirklich von ihr verlangt, sich zwischen Bruder und entfesseltem Etwas zu entscheiden? Ich grinste ziemlich blöd und war zum ersten Mal an diesem Abend irgendwie froh, dass ich allein war, weil so niemand das lächerliche Gesicht sah, das ich gerade hatte. Ich war ja nun kein Monster, auch wenn ich gern nahm. Bei Deandra war das allerdings schon immer anders gewesen, auch als sie noch meine Schwester gewesen war. Unsere Beziehung war immer schon besonders gewesen. Denn wer sagte denn, dass besondere Beziehungen stets aus bedingungsloser Liebe resultieren mussten oder sie erforderten? Nein, man konnte auch besonders sein, wenn man...wenn man....eben besonders war. Verwirrt stellte ich das Grinsen ein und blinzelte einer Kerze zu, die eben aufgrund von Wachsmangel abgedankt hatte. Was machte Besonderheit aus? Dass man für den anderen da war, wenn er Hilfe oder einfach nur ein offenes Ohr brauchte? Auf jeden Fall. War es die Freude, wenn man jemand bestimmten sah oder auch nur etwas in schriftlicher Form von ihm oder ihr erhielt? Auch das. Dass man sich verstand, ohne große Worte zum Erklären zu verwenden? Ganz bestimmt.


    Ich kratzte mich gedankenverloren am Hinterkopf und tastete dann über das gefurchte Holz des Altars, um eines der Püppchen zu greifen, die dort standen. Es stellte Maxentius dar, und ich fühlte einen schmerzlichen Stich. Abwesend drehte ich das Holzfigürchen zwischen den Fingern und fragte mich, was er wohl sagen würde, wenn er von dem wüsste, was ich mit Deandra angestellt hatte. Der Gedanke erinnerte mich an einen Abend im Sommer, an dem wir beide im hortus gesessen und uns Dinge über die Zukunft ausgemalt hatten. "Marcus", hatte er gesagt, "Du wirst einmal ein Herzensbrecher werden." Wie recht er damit hatte! Denn auch wenn es nicht Deandras Herz war, was ich gebrochen hatte, so war es dennoch das Band, das sie und Sophus immer noch verbunden hatte. Beschämt senkte ich den Kopf. Ja, ich hatte etwas zerstört, obwohl ich davon wusste und bei vollem Bewusstsein war. Und doch keimte die Frage in mir auf, ob es nicht auch an Deandra gewesen war, einzuschreiten und mich zurückzustoßen wenn...ja, wenn sie es denn nicht gewollt hätte? "Bitte geh nicht", hatte sie gesagt, und ich war ihrer Bitte nur zu gern nachgekommen. Herrje, das war a eine verzwickte Angelegenheit!


    Im Grunde hatte ich mich nun zu entscheiden, wie ich mich ihr gegenüber verhalten wollte. Wollte ich so tun, als sei das alles nicht passiert und ihr und mir die Möglichkeit geben, das Tuch der Verhüllung darüber auszubreiten? Nebenbei bemerkt würde das ein recht großes, robustes Tuch sein müssen, dessen Enden fest verknotet sein mussten. Oder war es besser, mir ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wie eine Zukunft mit Deandra aussehen würde? Ich lachte trocken auf.


    "Du sch...spinnst!" redete ich mir selbst ein, leider erfolglos. Verrückt war ich nämlich nicht. Zumindest glaubte ich das. Ein Schluck Wein brachte Gewissheit und die Erkenntnis, dass ich etwas unternehmen musste. So ging es ja nicht weiter. Ich begehrte sie und....Moment, hatte ich das eben tatsächlich gedacht? Schockiert starrte ich eine Kerze an, die empört flackerte. Ich senkte den Blick auf die Maxentiusfigur, die meinen Bruder verkörperte, lächelte wehmütig und tippte ihr dann stichelnd auf den Holzkopf. "S-sach schon was da...suuuh", forderte ich, doch die Figur blieb stumm. "Wah ja klar. Immer wennsss um die..die Wursss geht, bissu lieber sch...still." Ich seufzte vernehmlich und stellte das Figurchen wieder zurück zu den anderen, die ich nur ertasten, aber nicht sehen konnte. Allmählich wurde ich müde. Zu allem Übel ging mir auch langsam der Wein aus. Mürrisch versuchte ich im Dunkel zu erkennen, wie viele Schlucke noch in dem Tongefäß vorhanden sein mussten. Traurig, bald würde ich gezwungen sein, aufzustehen und Nachschub zu holen. Oder ich blieb einfach hier sitzen.


    Traurig war auch Deandra oft gewesen. Ich mochte es nicht, wenn sie weinte. Und noch weniger mochte ich, wenn ich der Grund dafür war, dass sie weinte. Das war schon damals so gewesen, als sie noch hier in der villa gewohnt hatte. Irgendwie fühlte ich mich stets als schlechter Mensch, wenn sie weinte. Nur dieser Tage zeigte ich ein erstaunliches Geschick dafür, ihr Tränen zu entlocken, die sie einzig und allein wegen mir vergoss. Ich war zwar selbstbewusst und nach außen hin zeigte ich das auch, ebenso wie meinen Ehrgeiz, aber dass Deandra wegen mir weinen musste, ließ mich klein und unnütz fühlen. Wie ein Niemand. Ich hatte schließlich nicht das Recht dazu, sie zum Weinen zu bringen. Trübselig und langgezogen seufzte ich, immer noch hatte ich keine Eingebung bekommen, die auch nur annähernd zu einer Entscheidung geführt hätte. Mir kam die Reaktion meines Körpers auf die innige Umarmung in den Sinn, und damit wieder das Verlangen, das ich in ihrer Nähe spürte.


    "M-ma-marcus alter Junge, dasss kann schlimm end’n", seufzte ich kopfschüttelnd und malte mir bereits aus, was für eine Tortur das Bankett werden würde. Vermutlich sprach sie nicht ein einziges Wort mit mir uns würde mir aus dem Weg gehen. Ich hoffe es nicht, aber ich sollte Recht behalten. Mit einem gewaltigen Schluck leerte ich die amphora und stellte sie weg. Hohl kollerte sie über den Steinboden, weil ich sie nicht richtig aufgestellt hatte. Schmatzend streckte ich mich, dankbar dafür, dass die Dunkelheit sich allmählich nicht nur des Raumes, sondern auch meines Verstandes bemächtigte, der klaren Denkens einfach nicht mehr fähig war.

    Zitat

    Original von Marcus Flavius Aristides
    ...


    "Ich denke nicht, dass das Verlangen nach unverdünntem Wein die anderen schockieren wird. Vermutlich wird es für falsche Annahmen oder gar Gerüchte sorgen. Damit kann ich leben", entgegnete ich leichthin und trank einen Schluck. Der Falerner war gut und ich vertrug schon einiges. Ich legte es allerdings auch darauf an. Den Grund dafür kannten nur zwei Personen in diesem Raum, und ich würde mich hüten, einen dritten einzuweihen. Der Wein hatte es mir angetan, wenn ich mit Gedanken oder Vorstellungen nicht zurecht kam, wenn Entscheidungen mich selbst betreffend zu verzwickt waren, um zu einer klaren Meinung zu kommen. Oft passierte es nicht, doch wenn es passierte, half mir der Wein, wenn ich nur genug davon trank. So hoffte ich auch heute auf das baldige Einsetzen der Wirkung des Rebensaftes. Beinahe glaubte ich, dass der Flavier meinen Gesichtsausdruck oder - noch schlimmer - meine Gedanken gelesen hatte und mich nun mit den Worten über Frauen aufzubauen versuchte. Dementsprechend verblüfft sah ich ihn auch an, bis mir schließlich aufging, dass dem nicht so war. Nachdenklich nickte ich einige Male, ehe ich langsam und gedehnt sprach.


    "Wie wahr, mein Freund, wie wahr..."
    Vielleicht war es die Art, wie er sprach und was er sagte, ich konnte es nicht genau benennen, aber ich mochte den Flavier. Das Gespräch verlief angenehm und ausnahmsweise beinhaltete es weder politische noch militärische Dinge, was man sonst doch eigentlich von den Gästen erwartete, die auf solch einem Bankett anwesend waren. Die Jagd war ein Thema, das um so vieles angenehmer war, auch wenn ich selbst kaum Erfahrung darin hatte. Vielleicht war die Aussicht, jagen zu gehen, aber gerade deshalb so verlockend. Ich lehnte mich interessiert etwas weiter hinüber, während mein Gegenüber seine Worte mit ausschweifenden Gesten untermalte und mir ein Schmunzeln entlockte.


    "Wildschweine gibt es durchaus, ja. Du scheinst ein begnadeter Jäger zu sein, wenn ich mir deine Erzählungen so anhöre. Ich bin mir nur nicht sicher, ob du mit einem absolut Unerfahrenen, wie ich einer bin, auf die Jagd gehen möchtest. Solltest du es dennoch wagen, wäre ich auf jeden Fall mit von der Partie. Es wäre ein Jammer, wenn ich mir eine solche Gelegenheit entgehen ließe."


    Mit leuchtenden Augen malte ich mir aus, wie wir uns Seite an Seite an einen Eber heranpirschten. Ich trat auf einen Zweig und das Geräusch verjagte das imposante Tier. Über mich selbst lachend schüttelte ich den Kopf und deutete auf Aintzane und Assindius, die eben mit den Platten herein kamen.


    "Bestimmt ist auch Wildschwein dabei", sagte ich grinsend.

    Im ersten Moment erinnerte mich ihr Verhalten an das eines trotzigen Kindes, das nicht bekam, was es begehrte. Im zweiten Moment sah ich es als das, was es meiner Meinung nach war, nämlich eine verletzt Abwehrreaktion, resultierend aus Enttäuschung. Ich hatte Deandra nicht oft so erlebt, aber wenn, so war es stets sinnlos gewesen, weiter mit ihr reden zu wollen. Es kam meist nicht einmal eine Antwort, und so wartete ich auch hier vergeblich darauf, dass sie noch etwas sagte. Stattdessen verschränkte sie sogar noch die Arme vor der Brust, was die Distanzierung von mir noch deutlicher machte. Ich fühlte mich schlecht, trug es aber mit Fassung. Lediglich ein vernehmbares Seufzen drang über meine Lippen, während ich sie betrachtete.


    "Ich wüsste nur zu gern, was nun in dir vorgeht, Deandra, aber das wird vermutlich dein Geheimnis bleiben."


    Die Situation erforderte eigentlich keine Worte, nur die Zielstrebigkeit meinerseits, und doch konnte ich mich nicht dazu durchringen, ihr erneut nahe zu kommen. Nicht mit dem Wissen darüber, dass sie morgen vielleicht schon in Sophus' Armen liegen und das gleiche tun würde wie mit mir eben. Deandra war nicht die einzige, die ihren Stolz hatte, auch wenn er jetzt vielleicht etwas angeknackst sein mochte. Mir blieb im Grunde nichts anderes, als nun zu gehen, sie allein zu lassen mit sich und ihren Gedanken. Und wenn sie nur halb so aufgekratzt war wie ich, reichte das immerhin, um sie mehrre Stunden mit Nachdenken zu beschäftigen.


    Ich senkte kurz den Kopf und verweilte, dann wandte ich mich um, klaubte das Pergament, meinen Vorwand, vom Nachtspint und ging zur Tür. Dort blieb ich noch einmal stehen und blickte zu Deandra.


    "Überlege, was du willst, Deandra. Den Bruder oder etwas, das du nicht beeinflussen kannst", sagte ich leise und ohne ihr damit einen Vorwurf zu machen.
    Die Tür öffnete und schloss sich leise, und ich war fort.

    Gut eine Woche später rückten die ersten Arbeiter an. Mit Schaufeln und Hacken bewaffnet, brachen sie die Erdkruste dort auf, wo es der Bauplan erforderte. Ich hatte Livius Pyrrus, meinen scriba personalis, in meiner Abwesenheit mit der Aufsicht über die Baustelle betreut, da sowohl Albinus als auch ich in letzter zeit viel zu tun hatten.


    Der mürrische Pyrrus stand also hinter einem Tisch in einem provisorisch aufgestellten Zelt und brütete griesgrämig über dem Bauplan. Der Übersichtlichkeit wegen hatten wir das gelände in mehrere Quadrate unterteilt. Hin und wieder kamen Sklaven herein, informierten den hageren Mann über den Fortschritt oder gegebene Schwierigkeiten. So auch jetzt.


    "Herr, wir können die Erde im dritten Quadranten nur etwa zwei Handbreit wegschaffen", informierte ein Arbeiter den Schreiber, der misstrauisch nach dem Warum fragte, da dort eine Senke für den Teich geplant war. "Steine, Herr. Mit der Hacke bekommen wie sie nicht klein. Da liegen sehr große Wackersteine im Boden." "Dann grabt sie aus und schafft sie weg!" "Ehm, Herr?" "Was genau hast du daran nicht verstanden?" "Nichts, Herr. Bin schon unterwegs", gab der Sklave kleinlaut von sich, wandte sich um und trollte sich.


    "Laien. Alles Laien", murrte Pyrrus und malte kleine Figuren auf eine Wachstafel.

    Zitat

    Original von Marcus Flavius Aristides
    ....


    "Ah, richtig", sagte ich und nickte einige Male. Flavius Aristides, der optio. Dass er zwischenzeitlich befördert worden war, wusste ich nicht. Die legio prima war zwar in Mantua stationiert, doch liefen Ernennungen und Beförderungen im castellum selbstverständlich ganz eigenständig. Wie auch Aristides fröhnte ich der dargebotenen Speisen. Der Tintenfisch war sehr köstlich, ebenso wie das augenscheinlich frisch gebackene Brot mit moretum sesamum. Das leise Lob des Flaviers konnte ich demnach nur teilen, wenngleich ich es auch stumm tat.


    "Ja, ich hatte bisher auch den Eindruck, dass er weiß, was er tut", bestätigte ich die Aussage bezüglich des primus pilus der legio. Allerdings wünschte ich mir so manches Mal, er möge die Stadt vertreten, in der er stationiert war, und nicht die Familienbeziehungen pflegen. Albinus hatte mir einiges erzählt. Wie es der Zufall wollte, erblickte ich meinen Kollegen in diesem Moment auch und wunderte mich kurz über seine Anwesenheit zwischen Senatoren und Patriziern, doch dann fiel mir ein, dass er mit seinen Ansichten ein enger Freund der Familie war. Ich nickte ihm zu und deutete auf einige der noch nicht belegten Liegen in der Nähe, dann wandte ich mich wieder um, denn der Flavier erwähnte die älteste - leibliche - Tochter des Hausherren und rang mir damit einen erstaunten Blick ab.


    "In der Tat, sie ist ein anmutiges Wesen. Und wie ich bereits feststellen konnte, ist sie zudem recht gebildet. Man kann sich gut unterhalten", gab ich zur Antwort und hielt wie beiläufig einem Sklaven meinen geleerten Becher hin. "Unverdünnt", gab ich zur Auskunft. Wieder glitt mein Blick durch den Raum, doch Deandra entdeckte ich nicht. So wandte ich mich um und prostete Flavius Aristides zu.


    "Auf die Frauen", intonierte ich und grinste kurz. Nach enem Schluck fuhr ich fort.
    "Die Claudier sind schon sehr lange mit den Aureliern eng befreundet. Wir sind politisch verbündet und unterstützen uns gegenseitig. Als die beiden größten gentes patricii Mantuas haben wir bisher auch viel gemeinsam für die Stadt getan. Man könnte also durchaus behaupten, dass ich die Claudier lange kenne."


    Ein Schmunzeln folgte den Worten. Ich war guter Stimmung, auch wenn ich jemanden vergeblich im Raum suchte. Dafür blieb mein Blick an der jungen Epicharis hängen, die ich eine Weile betrachtete. Sie schien perfekt gekleidet, die Perlen schimmerten verführerisch in ihrem Haar, und doch war sie nicht interessant für mich. Nicht mehr. Verstohlen wandte ich den Kopf um zu sehen, wo Aristides wohl in dieser kleinen, entstandenen Pause wohl hinsehen mochte.


    "Nun, Mantua kann ein gymnasion vorweisen. Die dortigen thermae mantuae sind sehr zu empfehlen. Man kann dort ringen, sich massieren lassen oder einfach nur ausspannen. Ich wage zu behaupten, dass die Thermen im gymnasion komfortabler sind als jene, welche die legio vorweisen kann. Zwar habe ich letztere noch nicht gesehen, aber sie werden wohl eher praktisch denn exklusiv gebaut worden sein. Vom amphitheatrum hast du bereits gehört, dort werden in Kürze auch regelmäßig Spiele und Vorführungen stattfinden. Mein Kollege kümmert sich um die Organisation. Derzeit wird zudem an einem Park mit Spielgelegenheiten gebaut. Und die Wälder um Mantua herum birgen Wild in sich, zwar keine Bären, aber es ist durchaus möglich, einen stattlichen Hirsch zu erlegen. Planst du denn ene Jagd? Ich muss gestehen, dass ich auf meiner letzten Jagd gerade einmal neun Jahre alt war. Mein Onkel hatte mich mitgenommen."

    Dass sie näher trat, veranlasste mich, den Blick von den Dingen außerhalb des Hauses zu reißen und sie wieder anzuschauen. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht gefiel mir nicht, er war eine Mischung aus Verständnislosigkeit und Verwirrung, und noch weniger verstand ich ihn. Bedeutete das nicht, dass es für sie in Ordnung gewesen war? Dachte sie denn nicht mehr an ihre bevorstehende Verlobung, so Sophus sie noch wollte? Mein Gesicht wies einen prüfenden Ausdruck auf, während ich über ihre Fragen nachdachte.


    "Vielleicht ist es Unsicherheit, die meine Worte beeinflusst, Deandra. Es war nicht beabsichtigt, ich hatte mich nicht..." Unter Kontrolle? Im Zaum? Sie musste unweigerlich denken, dass ich jeder tunica mit einem weiblichen Wesen darin nachstieg, und so war ich ganz sicher nicht. Um das Satzende unter den Tisch fallen zu lassen, hob ich eine Hand und strich ihr über Strin und Wange.


    "Mir tut leid, dass ich dich überfallen habe. Weißt du, ich habe in letzter Zeit das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein. Ich bewege mich auf unbekanntem Terrain."
    Ich blickte sie ernst an, musste dann aber schmunzeln und fügte hinzu:
    "Und unsere Gespräche in letzter Zeit haben nicht gerade dazu beigetragen, dass ich mich besser zurechtfinde, seitdem du ausgezogen bist."


    Und dann war da natürlich noch mein Vetter Sophus, den ich im Hinterkopf behielt. In mir reifte ein Entschluss, über den ich ausschließlich im geheimen nachdachte. Je länger ich darüber nachgrübelte, desto erforderlicher schien mir der Gedanke. Er würde an anderer Stelle und zu einer anderen Zeit erörtert werden. Vorerst stand ich noch nahe bei Deandra und rief mir ins Gedächtnis zurück, dass ich die Nähe zu ihr unterbrochen hatte, um ihr und mir ausreichend Zeit zu geben, über das Geschehene nachzudenken. Doch noch wollte ich ihre Reaktion abwarten.