Der Kuss war befreiend. Nichts anderes beschrieb das Gefühl im ersten Moment besser als jenes Wort. So lange war ich hin und her gerissen gewesen, hatte nicht gewusst, was ich wollte und was angemessen sein würde. Für den Augenblick der Nähe wusste ich es mit unumstößlicher Sicherheit, doch mit dem Entzug der Lippen war ich noch ratloser als zuvor. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich Deandra derart überrumpelt hatte, weil ich meinem Verlangen nachgegeben und Schwäche gezeigt hatte in einem Moment, in dem ich doch eigentlich hätte stark sein sollen für sie, hätte ihr eine Stütze sein und sie auf den rechten Weg bringen sollen. Obwohl er nicht anwesend war, schien Sophus einen Schatten auf mich zu werfen.
Die Lippen nur wenige Zentimeter von ihren getrennt, verhielt ich und sah sie beinahe zerknirscht an. Ich konnte mir nicht erklären, warum sie den Kuss erwidert hatte, daher suchte ich in ihrem Blick nach Anhaltspunkten, huschte flüchtig zu ihrer schmalen Hand, die auf meiner ruhte, und wieder zurück. Nein, ich wusste weder, was in mich gefahren war, sie so zu bedrängen, noch wusste ich, warum sie darauf eingegangen war. Doch, was schlimmer war, die Situation erforderte beinahe, dass ich mich nicht umwandte und ging, sondern mich ihr erneut zuzuwenden. Dachte ich auch nur einen flüchtigen Moment daran, Widerstand zu leisten, erlag ich der Versuchung schon in der nächsten Sekunde. Meine Rechte glitte unter Deandras Hand hervor und wanderte in ihren Nacken, die Linke glitt über Schulter und Oberarm und suchte ihren Weg an ihren Rücken, um sie noch näher zu mir zu holen. Der Duft ihres Haares war betörend, jener ihres Körpers nahezu narkotisierend. Es war schwer für mich, einen klaren Gedanken zu fassen, daher gab ich es bald auf und dachte an nichts mehr außer ihr und ihrem Körper, den ich in den Armen hielt, die zarten Lippen und die warme und seidige Haut.
Irgendwann fragte ich mich, was ich hier eigentlich tat. Doch ich kam zu keinem rühmlichen Ergebnis, daher beendete ich den Kuss und entzog mich wieder, diesmal noch etwas zerknirschter dreinsehend als zuvor. Etwas hatte unsere Beziehung zueinander infiltriert und beeinflusst. Und mit meinem unbedachten Verhalten hatte ich es in eine Richtung gelenkt, die Deandra einfach nicht recht sein konnte, wenn man es eingehender betrachtete. Sie liebte Sophus und war versprochen. Ich hatte demnach kein Recht, mich einzumischen, auch wenn mein Wunsch war, genau jenes zu tun.
"Es tut mir leid", flüsterte ich bei dieser Erkenntnis, wich ihrem Blick aus und sah aus dem Fenster, vor dem weiße Wolken in Freiheit vorbeizogen.