Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Der Kuss war befreiend. Nichts anderes beschrieb das Gefühl im ersten Moment besser als jenes Wort. So lange war ich hin und her gerissen gewesen, hatte nicht gewusst, was ich wollte und was angemessen sein würde. Für den Augenblick der Nähe wusste ich es mit unumstößlicher Sicherheit, doch mit dem Entzug der Lippen war ich noch ratloser als zuvor. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich Deandra derart überrumpelt hatte, weil ich meinem Verlangen nachgegeben und Schwäche gezeigt hatte in einem Moment, in dem ich doch eigentlich hätte stark sein sollen für sie, hätte ihr eine Stütze sein und sie auf den rechten Weg bringen sollen. Obwohl er nicht anwesend war, schien Sophus einen Schatten auf mich zu werfen.


    Die Lippen nur wenige Zentimeter von ihren getrennt, verhielt ich und sah sie beinahe zerknirscht an. Ich konnte mir nicht erklären, warum sie den Kuss erwidert hatte, daher suchte ich in ihrem Blick nach Anhaltspunkten, huschte flüchtig zu ihrer schmalen Hand, die auf meiner ruhte, und wieder zurück. Nein, ich wusste weder, was in mich gefahren war, sie so zu bedrängen, noch wusste ich, warum sie darauf eingegangen war. Doch, was schlimmer war, die Situation erforderte beinahe, dass ich mich nicht umwandte und ging, sondern mich ihr erneut zuzuwenden. Dachte ich auch nur einen flüchtigen Moment daran, Widerstand zu leisten, erlag ich der Versuchung schon in der nächsten Sekunde. Meine Rechte glitte unter Deandras Hand hervor und wanderte in ihren Nacken, die Linke glitt über Schulter und Oberarm und suchte ihren Weg an ihren Rücken, um sie noch näher zu mir zu holen. Der Duft ihres Haares war betörend, jener ihres Körpers nahezu narkotisierend. Es war schwer für mich, einen klaren Gedanken zu fassen, daher gab ich es bald auf und dachte an nichts mehr außer ihr und ihrem Körper, den ich in den Armen hielt, die zarten Lippen und die warme und seidige Haut.


    Irgendwann fragte ich mich, was ich hier eigentlich tat. Doch ich kam zu keinem rühmlichen Ergebnis, daher beendete ich den Kuss und entzog mich wieder, diesmal noch etwas zerknirschter dreinsehend als zuvor. Etwas hatte unsere Beziehung zueinander infiltriert und beeinflusst. Und mit meinem unbedachten Verhalten hatte ich es in eine Richtung gelenkt, die Deandra einfach nicht recht sein konnte, wenn man es eingehender betrachtete. Sie liebte Sophus und war versprochen. Ich hatte demnach kein Recht, mich einzumischen, auch wenn mein Wunsch war, genau jenes zu tun.


    "Es tut mir leid", flüsterte ich bei dieser Erkenntnis, wich ihrem Blick aus und sah aus dem Fenster, vor dem weiße Wolken in Freiheit vorbeizogen.

    Von einem Corvius Lunaris wusste der ianitor nur dunkel etwas. Das Glück des Besuchers allerdings war, dass der Sklave überhaupt etwas wusste. Er öffnete die Tür etwas weiter und legte den Kopf schief.
    "Der wohnt hier nicht mehr. Hier wohnen nun die edlen Aurelier. Wie du sicher bereits bemerkt hast, ist dieses Haus nun eine villa. Soll ich dich vielleicht bei jemandem anmelden?" klärte er den Mann auf.


    Wie es das Schicksal wollte, hatte ich nach Aintzanes Auskunft zuerst vergeblich nach Deandra Ausschau gehalten und anschließend auf jener cline Platz genommen, die neben der des Flaviers stand, den ich noch von der Legion kannte. Sein freundliches Nicken erwiderte ich, wenn auch die Erinnerung ihm einen Streich spielte und ihm mein cognomen nicht ins Gedächtnis sandte. Doch es war nicht schlimm, denn ich wusste nicht einmal mehr den Anfangsbuchstaben.


    "Corvinus", ergänzte ich daher bereitwillig und mit einem Lächeln.
    "In der Tat, es war sehr informativ, danke der Nachfrage. In deiner toga hätte ich dich beinahe nicht erkannt. Es ist doch ein gänzlich anderes Erscheinungsbild als das mit cingulum militare und Optiostab. Verzeih mir allerdings, wenn ich mich auch noch einmal nach deinem Namen erkundigen muss."


    Ich schmunzelte und kostete etwas von der sepia, die wirklich köstlich schmeckte. Viele der Gäste standen noch. Die Claudierin machte sich an Vesuvianus' Seite recht gut. Sie würde vermutlich ein recht tüchtiges Eheweib abgeben, doch kein Gedanke lag mir derzeit ferner als jener, sie mein eigen zu nennen.

    Zitat

    Original von Tiberia Albina


    Das was du meinst, ist Blödsinn. So war meine Aussage sicher nicht gemeint. "War ja nur Handball" ist Unfug, zumindest für mich ist Handball die wichtigste aller Sportarten und Fußball oder anderen weit überlegen.


    Du hast mich falsch verstanden. Es kommt natürlich auf das WIE an beim Gewinnen, nicht nur auf den Umstand, DASS man gewonnen hat. Das war meine Aussage. Und dass ich nach dem Chat weiß, dass der Handball eine Familientradition bei dir ist, hast du vergessen. ;)


    Zitat

    Ich nehm mal an der Weltmeistertitel im Dreisprung der Damen ist dir ähnlich egal wie den meisten der in Handball.


    Die Sportart interessiert mich nicht, aber die Weltmeisterschaft darin wäre mir nicht egal, sondern würde mich für die Hochspringerinnen freuen. Es geht doch auch darum, was eine Weltmeisterschaft für das Land nach außen hin bedeutet, nicht nur für ein Individuum. Und wir haben hier ja von der Merkel geredet.

    Ich wollte weitergehen, obwohl mir ihre Worte in den Ohren klangen. Es blieb bei dem Versuch. ich wurde langsamer, blieb schließlich stehen und wurde meiner Haltung gewahr, die nicht wie sonst aufrecht und entschlossen wirkte, sondern gebeugt wie ein flüchtendes Tier. Schnell korrigierte ich die Fehlhaltung und starrte die Tür an.


    Herrje, wenn ich mich nun umwandte, würde das Folgen haben. Es war wahrhaftig besser, wenn ich nicht zurückblickte, sondern durch die Tür ging und das Haus verließ, ehe ich eine Dummheit begehen würde. Aber das konnte ich nicht. Meine Füße wollten herumdrehen oder stehen bleiben, mich jedoch keinesfalls der Tür näher bringen. Ich schluckte, doch der Kloß in meiner Kehle schwand nicht. Ich ballte die Händen zu Fäusten, doch die Entschlossenheit kam nicht. Ich schickte ein Stoßgebet zu den Göttern, doch nichts geschah. Ich stand weiterhin im Raum, auf halbem Weg zur Tür aufgehalten von einer unsichtbaren Wand.


    Sieben Worte, die mich baten, zu verweilen. Eines, mit dem ich mich zwingen wollte, zu gehen. Nein!


    Deandra gewann. Sie hatte sich mit meinem insgeheimen Wunsch verbündet, mit meinem Unterbewusstsein zusammengeschmiedet. Wie sollte man da obsiegen? Ich unterlag, doch ich tat es seltsamerweise gern. Mit einer raschen Bewegung fuhr ich herum, verweilte noch einen Moment an Ort und Stelle und ging dann langsam auf Deandra zu. Tu es nicht. Nein, Corvinus. Du weißt, was das nach sich zieht. Ich wusste es, doch es war mir egal. Unaufhaltsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich schließlich vor Deandra stand. Mein Herzschlag hatte sich erhöht, eine Vene an der Schläfe pochte angestrengt. Atmen konnte ich kaum mehr ruhig und regelmäßig.


    Wie von selbst hoben sich alsbald meine Hände, legten sich sachte an Deandra Wangen, die Daumen ruhten auf den feinen Wangenknochen. Mein Blick musste eine Mischung aus unterdrückter Zurückhaltung und Vorsicht sein, aus süßer Qual und gleichzeitig einem Verlangen, das ich Deandra gegenüber zum ersten Mal offen zeigte, als ich meine Stirn an ihre legte. Unsere Nasen berührten sich. So verweilte ich, sie ansehend. Tausend Worte hätten dem Moment nicht zur Erklärung gereicht, hunderte nicht zur Beschreibung des Aufruhrs im Inneren. Meine Lippen näherten sich ihren, berührten sie flüchtig und zogen sich wieder zurück. Die Augen nurmehr halb geöffnet und jeglicher Zurückhaltung beraubt, schenkte ich ihr schließlich einen zaghaften Kuss.

    Zitat

    Original von Tiberia Albina
    Naja, alles nicht so wichtig. Hauptsache wir haben gewonnen.


    Wenn das bei der Fußball WM passiert wäre...
    Auwei. Das hätte mächtigst Ärger gegeben. Aber "war ja nur Handball". Leider ist diese Mentalität in vielen Köpfen drin. -.^


    Zum Spiel selbst ist zu sagen, dass das Halbfinale bedeutend besser war, auch von technischer Sicht. Dass die Franzosen nur vierter werden, hab ich nicht vermutet nach diesem Kampf im Halbfinale. Dagegen war das Spiel heute ein Klacks.

    Zitat

    Original von Herius Claudius Vesuvianus
    Endlich stand Epicharis neben ihm und er trat auf Aurelius zu.


    "Salve, Aurelius! Und mich freut es, dich begrüßen zu können. Seit du nicht mehr in der Provinzkurie bist, haben wir kaum noch Gelegenheit für einen Gedankenaustausch und auch dazu soll dieser Abend dienen.
    Zunächst aber..."
    Claudius blickte seine Tochter an und anschließend wieder zu Aurelius. "Ich möchte dir meine Tochter Epicharis vorstellen. Sie ist kürzlich aus Griechenland zurückgekehrt."


    Ich lächelte erfreut, wandte mich kurz Epicharis zu und neigte den Kopf, ehe ich wieder Vesuvianus meine Aufmerksamkeit zukommen ließ. Was er sagte, erinnerte mich an die hitzigen Debatten in der curia und ließ mich nicht unbedingt betrübt sein, dass ich dem entflohen war. Dennoch wäre ein Platz in der curia meine Pflicht als duumvir gewesen.
    "Nun, ich denke, dass es ein netter Abend werden wird. Es scheinen viele bekannte senatores anwesend zu sein."
    Er stellte Epicharis vor und ich lächelte erneut.
    "Einen schönen guten Abend, Epicharis. Du siehst bezaubernd aus. Wir haben uns bereits kennengelernt", erklärte ich Vesuvianus anschließend, als gerade neue Gäste eintraten und ich ihn mit einem Nicken entschuldigte, immerhin oblag es ihm als Gastgeber, die Gäste zu empfangen. Ich sah mich derweil im Raum um und griff mir von Aintzane einen Becher Falerner. Eine sehr gute Gelegenheit, mich privat zu erkundigen, also fragte ich sie beiläufig, während ich vom Wein nippte und den Blick über die Menge schweifen ließ:
    "Sag, wo ist Deandra, Aintzane?"

    Eine Ewigkeit verging, in der wir beide unseren eigenen Gedanken nachgingen und keiner sie laut aussprach. Gern hätte ich gewusst, was in ihrem Kopf vorgehen mochte, doch fragen wollte ich nicht. Also beschränkte ich mich darauf, sie anzustarren und auf ihrem Gesicht nach einem Hinweis zu suchen, doch leider sah sie alsbald fort, wandte sich um und ging zum Fenster, Scheinbar, um hinauszusehen. Wenn mir jemand einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen hätte, hätte ich mich vermutlich nicht sonderlich anders gefühlt als nun. Deandra konnte nicht sehen, dass ich ihre Kehrseite betrachtete, starrte sie doch aus dem Fenster.


    Sie trug das Haar offen, verziert mit Klemmchen und dem Kram, den Frauen eben zum Verzieren nutzen. Etwas Magisches ging davon aus, abgesehen von dem Duft. Ich sollte gehen. Mit Absicht lenkte ich meinen Blick auf das breite Bett, das sich im Zimmer befand. Daneben stand der Spint mit dem Pergament, das ich mitgebracht hatte. Überflüssigerweise. Ich sollte wirklich gehen.


    Und dennoch, wenn ich die Augen schloss, war ein Verlassen dieses Raumes so ziemlich das letzte, was ich wollte. Das, was ich am meisten wollte, bleibt allerdings besser unerwähnt. Es war dicht gefolgt vom Wunsch nach dem Vergessen diese ganzen unnötig gesagten Worte, der unnützen Fragen, der peinlichen Situationen und unbedachten Worte zwischen mir und Deandra. Aber man konnte nicht alles haben, das wusste ich. Und in Bezug auf Frauen schien das so zu stimmen, wie auf nichts anderes. Entweder, sie waren gescheit oder schön. Zusammen gab es das nur bei unerreichbaren frauen, die wie Juwelen aus der breiten Masse herausstachen.
    Deandra war genau so "ein Juwel".


    Als ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, merkte ich, dass ich ihn ausgesprochen hatte. Auch stand ich nicht mehr an der gleichen Stelle wie zuvor. Es sollte mich verwundern, doch das tat es nicht. Zwei Schritte später und hinter Deandra blieb ich stehen. Mein Atem strich an ihrem Nacken entlang. Ich erkannte die Gefahr dieser Situation, konnte sie jedoch nicht unterbinden oder umschiffen: Ich konnte nicht gehen. Ihr bezauberndes Wesen hielt mich fest, es hatte mich gefangen und ließ mich nicht los. Wie von selbst fand meine forsche Hand den Weg in Deandras Nacken, verweilte einen flüchtigen Moment und zog die scharze Haarpracht beiseite. Ehe ich mich zurückhalten konnte, küsste ich ihren Nacken. Die Berührung meiner Lippen auf ihrer samtigen, nach Rosenöl duftenden Haut, riss mich zurück in die Realität. Ich blickte entsetzte auf den entblößten Nacken und machte einen Schritt rückwärts.


    Beim iuppiter! Was dachte ich mir? Wieso hatte ich mich nicht im Griff? Warum nur verschmähte ich seit einigen Tagen auch nur die Gedanken an eine Frau, die mir die Zeit versüßte? Warum erschien immer wieder ihr Gesicht vor meinem Inneren Auge? Und warum, bei mars, hatte ich das nun getan?


    "Mir tut es leid. Achte nicht weiter auf mich. Ich werde gehen", flüsterte ich kaum vernehmbar, unterdrückte jede Heiserkeit in meiner Stimme und ebenso jedes Gefühl darin, sodass es seltsam metallisch und monoton klang. Einen Moment noch blieb ich stehen, dann wandte ich mich um und trat mit großen Schritten auf die Tür zu.

    Meine kleine Welt bestand gerade nur aus Deandra, diesem Raum und mir selbst. Mit beinahe übernatürlicher Intensität nahm ich den Teppich unter meinen calcei patricii wahr, hörte das Knistern des Stoffes, als Deandra sich bewegte und drang in die Tiefen ihrer Augen vor, die mich als Seelenspiegel ansahen. Sie wirkte, als hätte sie Angst, bat um Verzeihung für etwas, das ich nicht einmal wahrgenommen hatte. Ich hatte keinen Schimmer, wovon sie sprach, starrte sie lediglich an und versuchte zu erkennen, was ich bisher nicht erkannt hatte. Unsere Blicke trafen sich, und doch konnte ich den ihren nicht ergründen. Er blieb verschlossen und nichtssagend, außer diesem profunden Gefühl der Angst und Unsicherheit.


    Still versuchte ich, die Puzzleteile zusammenzusetzen, doch es gelang mir kaum. Sophus. Meine Sorge um Deandra und ihre Traurigkeit über sein Verhalten. Die Berührungen, die zwischen uns stattfanden und nicht mehr die von Bruder und Schwester waren. Ihr beschleunigter Atem, meine Reaktion auf ihre Nähe vorhin auf dem Bett. Ich blinzelte verwirrt und betrachtete nachdenklich eine Staubfluse auf einer nahe stehenden Anrichte. Ich reimte mir etwas zusammen, ganz gewiss. Es konnte nicht sein. Das war unmöglich. Wir hatten als Kinder zusammen im gleichen Zuber gesessen und uns von Ocellina schrubben lassen. Bilder keimten in mir auf, vor Urzeiten gesäht, doch nie vollkommen abgeerntet. Eine junge Deandra vor dem Altar, ein Opfer darbringend. Ein kleiner Junge, der sich hinter der Tür versteckt und lauscht. Die singende Schwester, die sich unbeobachtet fühlt und verträumt an einer Blüte riecht. Raufende Geschwister. Ein weinender Junge mit einem tiefen Kratzer, den seine Schwester tröstet. Ein junger Mann, der vor Heimweh in der Ferne beinahe vergeht. Die Freude, als er heimkehrt und seine Familie wieder in die Arme schließen kann.


    Ich blinzelte die Bilder fort und zwang mich, erneut zu Deandra zu sehen. Der Junge war ich. Die Arme waren inzwischen an meine Seiten gesunken. Ich sah Deandra ruhig an und kam mir vor, wie der berüchtigte Fels in der Brandung. Alles prallte von mir ab, doch spülte es zugleich wichtige Empfindungen von mir fort und ließ ein vacuum zurück, das ich nicht ertrug. Ich atmete rasch, verstand das alles nicht, doch mein Gesicht blieb starr, meine Lippen stumm. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Selbst der Raum war nun vergessen, vorhanden waren nur noch sie und ich.
    Deandra und ich.

    Von Samira hergeführt, öffneten sich die Türe zum Saal vor mir. Ich trat ein und fand darin schon eine beträchtliche Anzahl der Gäste vor, die geladen worden waren. Neben dem legatus der prima erblickte ich auch meinen Kollegen und einige andere bekannte Gesichter. Ein bestimmtes Gesicht allerdings fand ich nicht im Raum vor. Epicharis erhielt ein Lächeln, die Senatoren ein grüßendes Nicken, mein Kollege ein Grinsen. Ich trat zu Vesuvianus, dem Gastgeber.


    "Salve Claudius, es ist mir eine Freude, heute Abend hier zu sein. Hab Dank für die Einladung."

    Langsam wurde die Sache seltsam. Deandra rührte sich nicht, sondern sah nach wie vor stur auf einen Punkt. Sie antwortete auch nicht auf meine Frage. Also suchte ich den Auslöser für dieses Verhalten bei mir. Was hatte ich zuletzt gesagt? Irgendetwas musste sie verletzt haben, gekränkt oder verwirrt. Dabei war es doch nichts Schlimmes gewesen? Ich dachte ernsthaft und angestrengt darüber nach, doch mir wollte der Auslöser einfach nicht einfallen. So kam es, dass ich Deandra behutsam an den Schultern ergriff und eine Armlänge von mir schob. Anschließend legte ich Zeige- und Mittefinge der Rechten unter ihr Kinn und zwang ihren Blick sanft nach oben. Fragend sah ich sie an.


    "Na was ist, hm?" fragte ich und versuchte verständnisvoll zu klingen. Einerseits glaubte ich, dass sie gedanklich noch bei meinen Worten verweilte, dass Sophus ihr im Kopf herumging und ihre Zukunft. Andererseits verhielt sich Deandra äußerst mysteriös, um nicht zu sagen sonderbar. Ihre Wangen waren gerötet, ihr Atem beschleunigt, eigentlich ein Zeichen, dafür, dass...


    Meine Augen weiteten sich, ich stockte inmitten des Gedanken. Ein Kloß bildete sich aus dem Nichts und setzte sich in meiner Kehle fest, die plötzlich ausgedörrt war und nach Wasser lechzte.


    "Äh", krächzte ich in Ermangelung einer sinnigeren Bemerkung.
    Nun war ich es, der starrte.

    Zitat

    Original von Samira
    'Ach, schon wieder', dachte Samira, lächelte und begrüßte den "Gast" anschließend korrekt.


    "Salve, Herr." Diese Anrede hatte sie einfach beibehalten, obwohl sie inzwischen keine Sklavin des aurelischen Haushalts mehr war. Sie wartete wieder, bis Aurelius die warme Kleidung abgelegt hatte und ging ihm anschließend voraus. Mit einer Armbewegung wies sie am Ende des Wegs zu dem entsprechenden Durchgang.


    Ich gab Samira meinen Mantel und bedachte sie mit einem warmen Blick.
    "Danke, Samira", sagte ich. Dann folgte ich ihr.

    Ich hatte eine ähnliche Wahrnehmung wie Deandra in diesem Moment. Meine Nase nahm ihren Duft auf, ich hörte das leise Rascheln der Kleidung und ihren Atem. Ich spürte meinen Herzschlag, die Wärme ihrer Haut undihren Körper an meinem. Bewusst verdrängte ich jeden Gedanken, den ein Mann denken musste, unweigerlich, wenn er mit einer anziehenden Frau so dastand wie Deandra und ich in diesem Moment. Ich seufzte leise und intensivierte die Umarmung noch etwas, suchte Deandra mit meinen Armen zu umpfangen und ihr das gefühl zu vermitteln, dass ich immer für sie da sein und sie nie allein lassen würde. Sie wusste das natürlich, das musste sie nach all der Zeit als meine Schwester wissen, doch es schadete nichts, es noch einmal zu bestätigen. Dass meine Bemühungen Früchte trugen, konnte ich nicht wissen, nur hoffen.


    Ich wusste nicht, wie lange wir so dagestanden hatten, doch auf einmal drehte sie den Kopf und ich war gezwungen, meinen anzuheben. Ich lehnte ihn etwas zurück, um zu ihr heruntersehen zu können, ohne die Umarmung zu lösen. Sie hingegen blickte auf meine Brust, heute verhüllt von einer weißen toga. Stumm betrachtete ich Deandra eine Weile, ohne die Stille zu brechen, doch mir wollte nicht in den Sinn kommen, was sie dachte, warum sie so stand, wie sie stand. Also kam ich nicht umhin, nachzufragen.


    "Hm?" brummte ich daher fragend und blinzelte sie an.

    Ich verstummte bereits, als Deandra die Hände übre ihre Ohren legte, um mich nicht mehr zu hören. Schon bereute ich meine Worte, auch wenn sie die Wahrheit waren. Sie in dieser Situation zu wählen, war einfach falsch gewesen. Deandra wirkte nun kraftlos und ausgebrannt. Sie tat mir leid. Und so erhob ich mich ebenfalls und ging die wenigen Schritte zu ihr, legte meine Arme um sie und hielt sie fest. Eine Hand strich ihr das Haar aus dem Nacken, um sie dort beruhigend zu streicheln. Das hatte Mutter stets gemacht, wenn einer von uns krank gewesen war. Bei mir hatte es geholfen, ob es bei Deandra half, wusste ich nicht, aber es war einen Versuch wert. Meinen Kopf legte ich auf ihr Haar. Alle Gefühle verdrängte ich aus mir, bis nur noch der Wunsch zurückblieb, ihr Trost zu spenden.


    "Es liegt nicht an dir. Das kann es gar nicht. Du bist noch genauso liebreizend undverständnisvoll wie eh und je. Er muss es sein, der sich verändert hat, nicht du. Nur dir obliegt es jetzt, das einzusehen. Das ist schwer, aber ich glaube fest daran, dass du das schaffen wirst, Deandra", murmelte ich.

    Es kam mir schon fast wie Gewohnheit vor, mit Trautwini im Schlepptau zur villa Claudia zu gehen, die kaum mehr als ein paar Steinwürfe entfertnt lag. So auch an diesem Abend, an dem ich eine helle toga trug. Der Sklave klopfte, ich wartete. So war es bisher stets gewesen und so war es auch am heutigen Abend.