Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Lag es an meiner Mitteilung oder war es etwas anderes, das Deandra zum Aufsprung veranlasste? Mit stummem Blick verfolgte ich ihre Bewegung, als sie so dastand und verlegen wie beschämt wirkte.


    "Er würde es nicht....?" begann ich schon verwirrt, da dämmerte mir, dass sie nicht den verehrten imperator meinte, sondern meinen Vetter. Diese Erkenntnis machte mich melancholisch. Ich seufzte und versuchte, nicht allzu offen zu zeigen, dass mich Sophus' indirektes Einmischen in mein Leben allmählich ziemlich verärgerte. Deandra schien von ihm zu sprechen, wann immer sie konnte, dauernd war die Rede von ihm. Und was tat er? Aus Bedauern für das Herz Deandras schüttelte ich den Kopf.


    "Deandra, weißt du...." fing ich an und sah schließlich zu ihr auf.
    "Ich glaube nicht, dass er..." noch ernstes Interesse an dir hegt? Dass du ihm wichtiger bist als einer seiner probati? Dass du ihm auch nur den Bruchteil von dem bedeutest, was du ihm bedeuten solltest - was du mir bedeutest? Und immerhin war ich einmal dein Bruder. Alles keine besonders netten Worte, und doch verkörperten sie das, was ich dachte.


    "Ich will damit sagen... Wann habt ihr euch zuletzt gesehen? Wann hat er dir einen Brief zukommen lassen? Hat er seit der Adoption überhaupt von sich hören lassen? Hat er mit Vesuvianus gesprochen, will er um dich werben? Wann habt ihr das letzte Wort miteinander gewechselt?" bombardierte ich sie mit Fragen, die allesamt nur einem Zweck dienen sollten: Deandras Selbsterkenntnis.

    Stille lag schwer zwischen uns. Bedrückende Stille, nich jene, die Freunde miteinander teilten, weil sie dasselbe empfanden und daher keine Worte von Nöten waren. Nein, diese Stille war anders. Es war eine einengende, atemraubende Stille, eine dedrückende und zugleich erdrückende Stille. Und Deandra brach sie schließlich, indem sie unendlich langsam ihre Hand hob und meine Strin berührte. Anspannung viel von mir ab, weil sie mich nicht gebeten hatte, zu gehen. Sie wich zugunsten der Erleichterung. Ich seufzte auf und schloss die Augen. Für einen winzigen Moment hatte ich das gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, doch ehe sich nachforschen konnte, von welcher Entscheidung mein Unterbewusstsein überzeugt war, war das Gefühl verschwunden, hinfortgeweht von Deandras Berührung. Zurück blieb das ureigenste Gefühl tiefer Zuneigung, als ich meine Hand hob und ihre damit umschloss, sie an mein Gesicht drückte und einen Kuss darauf setzte. Die ganze Zeit sah ich Deandra dabei an, las in ihrem Gesicht und fragte mich, ob ihr diese ganze Situation wohl auch seltsam befremdlich vorkam.


    "Schon gut. Ich bleibe hier", gab ich nun ebenfalls flüsternd zurück. Unsere Hände lagen nun an meiner Wange; ich hielt ihre Hand dort fest, weil von der Berührung ein angemehn tröstliches Gefühl ausging, das ist genoss und nicht missen wollte. Ich fand mich wahrhaftig ungeschickt im liebevollen Umgang mit Frauen, die mehr als körperliche Zuwendung verdient hatten, und das waren wahrlich nicht viele. Dennoch war es schwierig für mich, in prekären Situationen wie dieser die richtigen Worte zu finden. Ein Themenwechsel erschein mir essentiell, um der Situation angenehm zu entfliehen.


    "Ich habe den Kaiser ersucht, mir einen Platz als tribunus zuzuteilen", sagte ich daher plötzlich, um das Thema zu wechseln. Ob es mir gelang, war eine andere Frage, doch noch hatte ich niemandem diesen Schritt mitgeteilt, nicht einmal Vater, denn der war ja nie zu Hause.

    Eigentlich grübelte ich noch darüber nach, wie ich selbst herausfinden sollte, ob ich die Veränderung guthieß oder ablehnte, dich sich bezüglich Deandra ergeben hatte. Wie sollte ich ihr dann die Frage beantworten? Herausfinden...das war vermutlich auch leichter gesagt als getan. Wie fand man heraus, ob man jemand mochte oder nur mochte? Ob man jemanden schätzte oder schätzte? Sogar die umschreibenden Worte waren die gleichen, wie sollte man da jemals Ordnung in seine Gedanken bekommen?


    Ich blickte Deandra an und sie sah mich an. Zwei ratlose Menschen, jeder auf seine Art verwirrt, jeder auf seine Art von der Adoptionssituation zermürbt und gequält. Wie automatisch hob ich meine Arme und hielt Deandra meine nach oben zeigenden Handflächen hin, aufdass sie mir ihre Hände reichen möge. Es vergingen einige Sekunden, dann hielt ich ihre zierlichen Hände geborgen in meinen. Mit einem nachdenklichen Ausdruck sah ich darauf hinab und strich mit dem Daumen über ihre zarte Haut ihres Handrückens. Einem inneren Impuls folgend zog ich sie näher heran, was angesichts der bereits vorhandenen Nähe zu mir unweigerlich darin gipfelte, dass sie seitlich auf meinen Knien Platz nehmen musste. Hier ließ ich eine Hand nun los und legte sie locker um ihre Hüfte, sie von unten ansehend.


    "Ich habe nicht die leiseste Ahnung, Deandra. Mir kommt alles unwirklich vor. Falsch. Als sei es nicht ich, der hier ist, sondern jemand anderer, der nur meinen Namen trägt. Ich kann mich nicht mehr so verhalten wie früher, wenn ich dir nahe bin. Es ist, als sei da ein Abgrund und ich balancierte daran entlang. Jeden Moment drohe ich abrutschen, jede falsche Bemerkung, jedes unbedachte Wort erhöht die Absturzgefahr."


    Ich verstummte und blickte bedrückt drein. Mit einer Hand strich ich Deandra mit dem Anflug eines Lächelns über die Wange, dann ließ ich sie wieder sinken.


    "Du hast Recht, es steht etwas zwischen uns. Ich habe die vage Ahnung, worauf das hinausführen mag. Deandra, sage mir hier und jetzt, dass ich gehen soll, und ich schwöre dir, dass von meiner Seite aus nie wieder eine Situation entstehen wird, in der ich nicht Herr über mein Empfinden bin. Per iovem lapidem", sagte ich endringlich und leise, um den Worten das nötige Ambiente zu verschaffen.

    Deandra floh. Und wieder verstärkte sich das Gefühl des Alleinseins, obwohl sie doch nur wenige Schritte entfernt stand und zu mir hersah. Die folgenden Worte waren hart und ließen mich ob der Situation sogar den Kopf senken. So konnte ich besser überlegen, doch schuldig fühlte ich mich nicht. Auch nicht peinlich berührt. Natürlich hatte ich ab und an Mädchen bei mir, die meine physischen Bedürfnisse stillten oder es zumindest versuchten, doch das geistige Befinden blieb unangetastet. Ich hob den Kopf und sah Deandra ernst an. Der angriffslustige Ton in ihrer Stimme war mir keinesfalls entgangen und verärgerte mich, was vermutlich auch auf meinen Zügen zu sehen war. Ich erhob mich ebenfalls und demonstrierte Deandra nun die Wirkung, die sie eben auf mich gehabt hatte, denn ich war um einiges größer als sie. Nun war ich es, der von oben herab sah.


    "Das habe ich auch nicht behauptet", entgegnete ich, ebenfalls schärfer als beabsichtigt.
    "Du jedoch scheinst dir ziemlich sicher zu sein, dass körperliche Vergnügen ein Mittel gegen das Alleinsein sind, obwohl du noch nie in den Geschmack gekommen bist."


    Vielleicht war das zum Teil auch mein Verdienst, überlegte ich. Immerhin war sie zu mir gekommen, um Aufklärung zu erlangen. Vielleicht war diese Annahme meine Schuld, die nun in ihrem Kopf spukte. Das stimmte mich milder und ich seufzte resigniert. "Wie dem auch sei, ich bin nicht gekommen, weil ich mit dir streiten will, sondern weil ich dich vermisse."


    Nun setzte ich mich wieder, es brachte nichts, vor ihr zu stehen und sie auf einen nonverbalen Kampf herauszufordern. Auf ihrem Bett sitzend sah ich erneut zu ihr auf. Diesmal stützte ich mich mit beinen Armen ab.
    "Veränderungen sind nie leicht. Man kann sie nur akzeptieren oder ablehnen. Und wenn man sich nicht sicher ist, muss man es herausfinden", erklärte ich kategorisch und gab mir damit selbst die Antwort auf eine Frage, die seit einer Weile in meinem Kopf herumspukte, wie ich verblüfft bemerkte.

    Während Livius Pyrrus noch aufdringlich grinste, versuchte ich, nicht ganz so entnervt auszusehen. Dieser scriba würde mich noch einmal in den Wahnsinn treiben, das wusste ich einfach. Trotzdem war er einer der wenigen, die ihr Geld wert waren, wenn es um die eigentlichen Aufgaben eines Schreibers ging. Ich blickte geflissentlich auf den Knirps herunter und folgte dann seinem ausgestreckten Zeigefinger, bis mein Blick auf eine Dame in Blau mit roten Haaren fiel. Nicht weit davon entfernt erspähte ich auch den Soldaten, auf den mich der kleine Mann eben aufmerksam machte.


    "Ah, ja..." begann ich, als ich mich auch schon gezupft und geschoben fühlte, da der Zwerg mir einen Weg bahnte und dabei nicht gerade zimperlich umging. Weder mit mir, noch mit den Passanten, die im Weg standen. Pyrrus tapste schadenfroh grinsend hintendrein.


    Kurz darauf kamen wir bei den beiden an. Ich konnte mir nicht helfen, irgendetwas an der Situation war kurios, doch vermochte ich nicht zu sagen, was es denn war. Die Frau grüßte, stellte sich aber nicht vor. Dafür übernahm dies Matinius Plautius. Ich neigte grüßend den Kopf in Richtung der Artorierin. Ihr Name war mir durchaus ein Begriff, denn wer kannte nicht die Geschichten der selbstbewussten Medeia oder auch Medea, die man sich in Griechenland erzählte? Ich war praktisch damit groß geworden.


    "Medeia, welche ein seltener Name, verbindet man doch zumeist bestimmte Charakterstärken mit ihm. Erlaube mir zu erwähnen, dass du einer eben erblühte Knospe Konkurrenz machst. Dein zukünfitger Ehemann kann sich glücklich schätzen", sagte ich mit durchaus ernst gemeintem Ton, wenngleich mir rothaarige Frauen persönlich nicht zusagten. Außerdem wusste ich, dass sie einst aedilis gewesen war. Etwas, das ich nicht schätzte, doch deswegen hatten wir uns hier nicht eingefunden, also tat es momentan nichts zur Sache. Man wusste sicherlich ohnehin, wie ich zu diesen Dingen stand.


    "Und auch dir ein salve, Matinius Plautius. Dies ist übrigens Livius Pyrrus, mein scriba personalis. In seinen Händen befinden sich weiterführende Informationen zu den vier Häusern, die es zu besichtigen gilt. Er ist also quasi unser Führer an diesem Tage."
    An dieser Stelle traf Pyrrus ein Blick, der besagte, dass er längstens mein scriba gewesen war, wenn er diesen wieder einmal Tag vermasselte. Pyrrus schaute griesgrämig drein, rang sich aber immerhin zu einem "Tag." durch.
    "Wie steht es, wollen wir gleich losgehen?

    Venus erhörte mich nicht, doch die nachfolgenden Worte Deandras taten ihr übriges. Das Verlangen verschwand dorthin zurück, wo es aufgekeimt war und zurück blieb wieder Verwirrung und das Gefühl, dass sich ein kaltes Band um meine Brust legte. Deandra fühlte sich an, als widerstrebte ihr die Umarmung aufs äußerste. Ich seufzte und entließ sie, verfehlte die freundliche Geste doch ihren Zweck. Stattdessen hob ich die Hände und umschloss ihr Antlitz. Meine Stirn legte ich an ihre.


    "Du hast mich nicht enttäuscht. Ich war verletzt und traurig, weil du die einzige Person bist, die beinahe alles über mich weiß. Und dann kamst du und erzähltest mir von der Adoption. Du zogst hierher und ließest mich allein. Die villa Aurelia ist kalt und leer, seitdem du sie verlassen hast und nur noch eine Nuance deines Geistes durch die leeren Räume des Gebäudes streift. Vater und Mutter sind kaum mehr anwesend und verbringen die Zeit lieber mit sich auf dem Landgut, Corus ist absent, Eugenius in Germanien. Und nun hast du dich so lange Zeit nicht mehr gemeldet. Ich fühle mich allein, Deandra."


    Ich legte all meine Überzeugungskraft in ein Lächeln, das dennoch nur halbherzig ausfiel, daher schaltete ich es ab und seufzte stattdessen.


    "Vielleicht hast du nicht verloren, was du verloren glaubst, sondern hast es nur verändert."

    Hatte ich sie eben noch mit jenem Ausdruck angesehen, der interessiert und bedauernd zugleich erschien, fiel mir eben jener Ausdruck nun vom Antlitz ab und machte der reinen Verwirrung Platz. Ich hätte damit gerechnet, dass sie gut ohne mich auskam, dass es ihr nichts ausmachte, mich nicht mehr so oft wie sonst zu sehen oder sogar, dass es ihr schlecht ging und sie ein seelisches Leiden gleich welcher Art hatte, aber diese Frage war etwas, mit dem ich weniger als gar nicht gerechnet hatte. Die Verwirrung wich zugunsten eines unsichern wie einnehmenden Lächelns, das allerdings nicht lange von Bestand war. Zurück blieb ein leicht melancholischer Ausdruck, mit dem ich Deandra nun bedachte, da sie näher an mich herangerückt war. Ich bemerkte wohl, dass sie mich nicht ansah. Mir fiel bei der näheren Betrachtung ihres Gesichts die Farbe auf ihren Lidern auf, zum ersten Mal. Auch die Wangen waren bedeckt von der Farbe eines Pfirsichs, der gerade reif geworden war, die Lippen schienen -


    Ich blinzelte erschrocken und sah weg, irgendwo in den Raum hinein. Mein Blick fand Halt an der glatten, kalten Oberfläche eines Kosmetikspiegels, der nicht weit entfernt aufgebaut war. Mein Spiegelbild blickte mich an und ich erkannte, dass es in einer Zwickmühle steckte. Auf Antwort auf ihre Frage musste Deandra noch einen Moment warten. Zuerst fuhr ich mir durchs Haar und übers Gesicht, dann wandte ich den Kopf und griff nach einer ihrer Hände, um sie locker in meiner kalten Hand zu bergen. Mein Blick spiegelte große Zuneigung wieder, gleichzeitig wirkte ich gefasst. Ich mochte Gefühlsduselei eigentlich nicht, aus dem einfachen Grund heraus, dass sie mir nicht lag.


    "Deandra", begann ich in leicht tadelndem Tonfall.
    "Wieso sollte ich das denn nicht tun? Dafür gibt es doch gar keinen Grund."


    Was tun? Um eine klare Antwort hatte ich mich ja bereits gedrückt. Ob mit Erfolg oder nicht, galt es abzuwarten. Vorerst aber schob ich meinen freien Arm um ihre Taille und zog sie in eine Umarmung. Vertraut sollte sie ausfallen, brüderlich, warm. Aber nein, mein Körper machte mir einen Strich durch die Rechnung. Deandra war eine Frau, sie war nicht mehr meine Schwester, sie war anziehend und wirkte in diesem Moment schutzlos und zerbrechlich. Etwas, das mich an Frauen schon immer gereizt hatte. Wenigstens musste ich sie nun nicht mehr ansehen, denn ihren Kopf hatte ich durch die "erzwungene" Umarmung an meine Halsbeuge gebettet. Die Augen schlossen sich fast von allein, während ich mich gegen das aufkeimende Gefühl wehrte. Deandras Duft und ihre Nähe machte es nicht gerade einfacher für mich. Ich befand mich in einer Zwickmühle und betete zu Venus, mich nur einen einzigen Tag lang nicht mit Aufmerksamkeit zu beehren.

    Meines Erachtens nach war die Frage nicht schwer oder gar zweideutig formuliert gewesen, sondern klar und unmissverständlich. Daher war es auch eher eindeutig für mich, was sie mit ihrer Nachfrage beabsichtigte. So schenkte ich ihr nur einen zweifelhaften Blick und schmunzelte anschließend, als sie behauptete, das Buch sei nichts für mich.


    "Ah. Na wenn das so ist... Vielleicht hättest du den Inhalt eher ergründen können, hättest du es richtig herum gehalten, aber vermutlich hast du ein Abbild betrachtet und wolltest es nur aus einem anderen Blickwinkel ansehen", sagte ich mit leicht spottendem Unterton in der Stimme. Ihr Erröten zeigte mir, dass die Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hatten, und ich lachte kurz und lehnte mich zurück. Eine Hand lag nun nahe Deandras schlankem Knöchel, an welchem das Abbild eines kleinen, elfenbeinfarbenen Halbmondes zum Zeichen unseres Standes baumelte. Ich sah darauf hinab, er übte eine ungeahnte Faszination auf mich aus, sodass ich nicht umhin kam, die Hand wieder zu heben und die Konturen des kleinen, schmuckvollen Standesabzeichen mit dem Zeigefinger nachzufahren. Wie durch Nebel drangen Deandras Worte in meinen gedankenlosen Verstand ein.


    "Eh, ja. Genau."
    Ich ließ die Hand wieder auf die weiche Unterlage sinken und blickte sie an. Ihr Gesicht war immer noch gerötet, die Nervosität war ihr deutlich anzusehen. Meine verbarg ich so gut ich konnte.


    "Richtig. Ich wollte dich fragen..." Ich dachte an das Dokument auf dem kleinen Tischchen neben dem Bett und konnte mich einfach nicht entsinnen, von welchem Stapel ich es genommen hatte. Was darauf stand, wusste ich auch nicht mehr. Seltsam. Alle Gedanken schienen wie fortgeweht, nun, da ich hier war. Ich schloss die Augen und suchte in der Dunkelheit nach einem Gedanken. Schließlich fand ich ihn, öffnete die Augen und formulierte ihn.


    "...wie es dir geht. Ich habe schon seit einer Weile nichts mehr von dir gehört, und, nun ja, ich habe mir Sorgen gemacht, dass es dir vielleicht nicht gut geht", beendete ich den Satz recht ungelenk. Eigentlich hatte ich an kaum etwas anderes denken können als an sie, aber das musste ich ihr schließlich nicht jetzt anvertrauen. Vielleicht später einmal, wenn sie ihren Verehrer geheiratet und Kinder hatte. Ja richtig, dann wäre es an der Zeit. Oder wenn ich selbst ein Eheweib gefunden hatte, das eine Bereicherung der gens und eine Verschönerung meines eigenen Daseins darstellte. Dann.

    Es war alles gesagt, was zu sagen gewesen war. Ich neigte den Kopf und deutete eine Verbeugung an.
    "Ich danke für die Zeit, die du für diese Unterredung geopfert hast, mein imperator. Mögen die Götter dich segnen."


    Und da die Audienz nun offensichtlich vorüber war, nickte ich ihm noch einmal zu und verließ die aula regia sodann. Ich war nicht in Eile, was das vigintiviratium betraf, und so fand ich es nicht bedauerlich, dass die Frist für eine Kandidatur bereits abgelaufen war. Meine Zeit würde kommen und ich würde auf des Kaisers Entscheidung warten.

    Kaum war die Sklavin Deandras Zimmer entschlüpft und teilte mir mit, dass Deandra Besuch empfangen würde, schob ich die Tür wieder auf und trat ein. Hinter mir schloss ich sie und blickte zu der kleinen Sitzecke hinüber. Dort standen eine amphora und eine stattliche Obstschale. Keine Deandra. Ein Rascheln erklang und ich wandte den Kopf zur Seite. Sie lag auf dem Bett und schien in ein Buch vertieft. Erst beim Näherkommen sah ich, dass sie es verkehrt herum hielt. Mit einem flüchtigen Schmunzeln auf den Lippen legte ich meinen Entwurf auf den Nachtspint und setzte mich auf das letzte Drittel des Bettes, Deandra anblickend.


    "Was liest du da, Deandra?" fragte ich sie leise und ohne sie richtig zu begrüßen. Meine Hände waren locker gefaltet und die Ellbogen ruhten auf meinen Oberschenkeln, wodurch ich leicht vorgebeut saß und den Kopf in Richtung der hübschen Dame auf dem Bett gedreht hatte. Und sie war wirklich hübsch. Ein Maler hätte vermutlich gejauchzt und sogleich Staffelei und Pinsel hervorgeholt, um dieses Bild für die Ewigkeit festzuhalten. Der verkehrt herum gehaltene, schwere Lederband wäre ein belustigender Akzent gewesen.

    "Du hast recht, mein Kaiser, doch fragte ich mich, inwiefern mich das Amt eines vigintivir auf das nachfolgende Tribunat vorzubereiten vermag. Ich fand für mich selbst keine Antwort außer jener, dass ein tribunus hauptsächlich zu Verwaltungszwecken benötigt wird. Meine zwei Amtszeiten als duumvir Mantuas sollten mich dahingehend vorbereitet haben", sagte ich.


    "Ich danke dir. Ich vertraue auf deine Entscheidung und werde, so du es verlangst, Rom und dir auch zuerst als vigintivir dienen", fügte ich an und nickte dem mächtigsten Mann des imperium zu. Von meiner Seite gab es sonst nichts weiter zu besprechen, also schwieg ich aufmerksam für den Fall, dass der Kaiser noch etwas zu sagen hatte.

    Zwei Wochen waren vergangen. Zwei Wochen, in denen sich die Dokumente und Wachtafeln auf meinem Schreibtisch angehäuft hatten. Zwei Wochen, in denen ich kaum etwas anderes getan hatte, als mich in Arbeit zu stürzen. Zwei Wochen, in denen ich versuchte, etwas aus meiner Brust zu verdrängen, das ich nicht dort wissen wollte. Eifersucht. Sorge. Ärger. Und sehr oft, wenn ich gerade nichts tat und entspannen wollte, tauchte Deandra vor meinem inneren Auge auf, wie sie an jenem Tag der Erkenntnis auf ihrem Bett saß, umgeben von halb gepackten Kisten und Truhen und im Begriff aufzuziehen. Ich fühlte mich immer novh verletzt, doch seit ihrem endgültigen Fortgang aus der villa Aurelia war noch etwas anderes hinzugekommen. Ein Gefühl, das mir durchaus nicht unbekannt war, und doch beim Gedanken an Deandra so fremd wie nur irgendmöglich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Zwei Wochen hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Man konnte sagen, was man wollte, sie fehlte mir schrecklich in der Kühle der entsetzlich leeren villa. Natürlich waren die Sklaven da, doch sonst niemand. Vater lief man gelegentlich über den Weg, Mutter sah ich nie, Corus war nicht zu Hause, Sophus in Rom. Führte ich mir dies vor Augen, wurde mir wieder bewusst, wie allein ich war ohne sie. Ohne Deandra. Ich hatte gewiss versucht, mich abzulenken, in jeder Art und Weise, in der man einen Manne ablenken konnte, aber es half nichts.


    So kam ich an diesem Morgen zur Erkenntnis, dass es an der Zeit war, das Stillschweigen zu brechen, mein selbstgewähltes und vermutlich auch selbstverschuldetes Exil aufzugeben und die villa Claudia aufzusuchen, in der hoffentlich Deandra anzutreffen war. Vielleicht ließen sich auch ein oder zwei Worte mit ihrer hübschen Schwester wechseln, aber der Grund, aus dem ich herkam, war... Nunja, ein Vorwand, um ehrlich zu mir selbst zu sein. Unter dem Arm Trautwinis befand sich ein willkürlich gegriffenes Dokument an irgendjemanden. Es war auch vollkommen gleich, an wen es gerichtet war. Ein Vorwand brauchte keine Begründung für seine Existenz zu haben, er war da, um eben das zu sein, was er war. Trautwini klopfte an der Porta, man öffnete und bat uns herein, immerhin kannte man mich hier bereits. Ich äußerte den Wunsch, dass man mich zu Deandra bringen möge, welcher auch umgehend gewährt wurde. An der Tür zu ihrem Zimmer bedeutete mir die Sklavin zu warten, was ich ungeduldig tat. Das Dokument hatte indes den Träger gewechselt und ruhte nun unter meinem Arm, Trautwini wartete unten in der Haupthalle, bis ich hier fertig war. Hoffentlich kam die Sklavin bald wieder aus Deandras Zimmer. Ich war recht nervös.


    edit: Thementitel

    "Wein", sagte ich zu Assindius, der ohnehin wusste, dass ich nichts anderes zum Essen trank. Während der Sklave bereits meinen Becher füllte, versicherte ich Epicharis: "Nein, nichts Wichtiges bleibt liegen. Es ist ohnehin eine schlechte Angewohnheit von mir, Arbeit mit nach Hause zu nehmen."


    Mein Blick streifte Deandra. Sie wusste, dass ich sehr oft noch über Schriften, Listen und Briefen der curia gebrütet hatte. Teilweise arbeitete ich bis weit in die Nacht hinein. Vermutlich einer der Gründe, aus dem ich morgens nicht gut aus den wärmenden Federn meines Bettes kam und mein ientaculum lieber allein einnahm, und nicht in Gesellschaft. Verwundert nahm ich zur Kenntnis, dass Deandra tatsächlich kicherte. Nun ja, vermutlich waren sie und Epicharis sich inzwischen so vertraut, dass diese kleine Entgleisung nicht mehr als unsittliches Verhalten einem Gast gegenüber galt, wobei ich genaugenommen ja nicht einmal ein normaler Gast war. Meine Bemerkung bezüglich des Abends schien für allgemeine Erheiterung zu sorgen, sodass ich, während Aintzane servierte, etwas erwiderte.


    "Wie könnte ich, Deandra? Epicharis ist deine Schwester, du warst einmal die meine. Da ist es ganz und gar unmöglich, bei diesem Essen an etwas zu denken, was jedem anderen Manne bei eurem Anblick in den Sinn käme", sagte ich und lächelte charmant. Noch während Aintzane die Speisekarte herunterrasselte, pflückte ich den Schinken vom Grünzeug auf meinem Teller. Salat war in meinem Empfinden etwas für Ziegen und dem Schlankheitswahn verfallene Frauen, aber nicht für einen Mann, doch ich hütete mich, meine Gedanken in Anwesenheit der beiden bezaubernd schlanken Damen zu äußern. Nur die Götter und sie selbst wussten, wie sie sich diese Figur bewahrten. Vermutlich gar mit Hilfe von, wie nannte Aintzane es doch gleich, griechischem Salat. Einen Unterschied zu italischem fiel mir zwar nicht auf, aber ich war eben auch keine Frau. :D

    Zitat

    Original von Marcus Decimus Livianus
    Der Legat sah seinen Gesprächspartner verwundert an.


    “Euch fehlen Sponsoren? Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass eine Stadt wie Mantua zahlungskräftige Einwohner oder zumindest einen reichen Stadtpatron hat, der sich um solche Ausgaben kümmert. Ich bin jedoch durchaus bereit mich daran zu beteiligen. Welche Summe hast du dir vorgestellt.“


    "Nun, wir duumviri selbst werden einen Teil der Kosten übernehmen, die für das Eröffnungsfest geplant sind, daneben gibt es noch weitere Sponsoren, die für verschiedenes aufkommen. Einen Stadtpatron gibt es bisher nicht, Senator. Mantua wurde stets von den beiden Patriziergentes unterstützt, so wie auch bei der Eröffnungsfeier. Dennoch ist die Stadtkasse nicht gerade gut gefüllt, das meiste kommt durch Privatspenden zusammen. Bisher hat das immer gut funktioniert. Eine konkrete Summe möchte ich dir nicht nennen, es käme mir unpassend vor, legatus, denn eine Spende zu tätigen oder Spondor zu werden ist eine freiwillige Entscheidung. Die Sponsoren werden bei der Feier namentlich erwähnt", sagte ich.

    "Mein Kaiser, schon mein Vater und dessen Vater dienten in der legio prima, meine Cousins dienten und dienen ebenfalls im Militär und Aurelius Sophus war gar praefectus castrorum der prima. Es ist nicht nur mein Wunsch, dir zu dienen, sondern auch meine Verpflichtung, diese Tradition mit einer Zeit beim Militär aufrecht zu erhalten. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel von jenen halte, die einen Platz im Senat anstreben, ohne das Lagerleben kennen gelernt zu haben. Mir ist bewusst, dass das Tribunat für mich keine Pflicht darstellt, und doch möchte ich es absolvieren, ist es doch ein für mich wichtiger Bestandteil des cursus honorum.


    Die Antwort auf deine erste Frage ist um ein Vielfaches einfacher: Weil ich es kann. Ich habe den erforderlichen ordo inne und ich fühle mich dem gewachsen."


    Ich stand mit auf dem Rücken gekreuzten Armen und gerade vor dem imperator und harrte seiner Antwort. An Selbstbewusstsein hatte es mir noch nie gemangelt, so auch jetzt nicht. Ich hatte mir das alles gut überlegt und vertraute darauf, dass der Kaiser meinen guten Willen sehen würde.

    Deandras Verhalten wirkte seltsam wächsern und das Lächeln aufgesetzt. Ich hatte schließlich lange Jahre mit ihr zusammen gewohnt, da kannte ich sie nun recht gut und bemerkte, wenn sie schauspielerte, was sie im übrigen recht gut beherrschte. Mit hochgezogenen Brauen musterte ich sie in ihrer überspielten Unsicherheit, als ihre Schwester hinzutrat, eine ebenso vollkommene Schönheit wie Deandra selbst eine war. Hatte ich das eben gedacht?


    Verwirrt setzte ich ein erfreutes Lächeln auf und begrüßte meinerseits die dunkelgrün gewandete Frau.
    "Salve, Claudia Epicharis. Die Einladung kam unverhofft und kurzfristig, und dennoch habe ich zu danken, denn sie hält mich glücklicherweise von einem langen Abend hinter dem Schreibtisch ab", erwiderte ich mit einem Neigen des Kopfes. Ich folgte ihrer Einladung und legte mich auf die Liege, von dem aus ich problemlos den Tisch würde erreichen können. Deandras Bemerkung verwunderte mich etwas. War sie früher auch so gewesen? Verwundert sah ich von ihr zu Epicharis und wieder zurück.


    "Ich hoffe, sie hat nicht übertrieben", sagte ich und schmunzelte mit einem Seitenblick auf meine ehemalige Schwester.
    "Deandra hat natürlich recht, ihr beide seht umwerfend aus. Für jeden anderen Mann wäre es sicher eine gewagte Herausforderung, allein mit euch zu Abend zu essen."
    Und für mich würde es das auch sein.

    Vielleicht hatten spitze Ohren meine Absichten schon vernommen und sie dem Kaiser als Gerüchte zugetragen, doch nichts bestätigte ein Gerücht so sehr wie die Bestätigung aus dem Munde des Mannes, um das es sich drehte.


    "Mein Kaiser, ich strebe den cursus honorum an, dessen Verlauf ja auch eine Zeit als tribun vorsieht. Durch meines Vaters Engagement ist mir bereits die Ehre einer Aufnahme in den ordo senatorius zuteil geworden. Nun möchte ich dem imperium dienen wie auch viele Männer vor mir und ersuche dich darum, mich vor dem vigintivirat in einer militärischen Einheit einzusetzen, so du befindest, dass ich mich hierfür eigne. Ich werde mich deinem weisen Rat beugen."