Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Auch wenn die Bemerkung an sich sich weder geziemte noch als besonders höflich zu werten war, musste ich dennoch lachen. Als es wieder verebbte, winkte ich ab. "Tjaja. Da sind sie noch nicht einmal in Rom und haben ihren Spitznamen schon weg. Wir nennen sie auch die Blümchen, musst du wissen. Aber das sollten sie besser nicht unbedingt erfahren, Flavius." Das wäre ja noch schöner, wenn sie mich irgendwann darauf ansprachen, ein Flavier habe sie ungebührlich angesprochen.


    Bezüglich Pisos Gedankengang in Richtung Prisca wusste ich selbstverständlich keine Regung entsprechend zu deuten. Wohl aber hätte ich zähneknirschend beigepflichtet, wenn er seine Vermutungen laut offenbart hätte. Was er dann jedoch sagte, ließ mich unwillkürlich die Augen weiten. "Du hast ihr Kleider gekauft?" wiederholte ich vollkommen perplex und erstarrt. Und tatsächlich, jetzt wo er es sagte...da war doch dieses wunderbare Kleid, das ihr ganz hervorragend stand... und das einen tiefen - einen in meiner Erinnerung sehr tiefen - Ausschnitt hatte. Ich runzelte augenblicklich die Stirn. Darüber würde ich wohl auch mit Prisca reden müssen. Sie konnte sich doch nicht einfach so Kleider kaufen lassen! Schmuck, nun ja, Tand und Glitzereien, meinetwegen. Aber etwas so Essentielles wie Kleider! Die weiteren Erklärungsversuche des Flaviers hörte ich nur noch wie durch dichten Nebel. "Welches Missgeschick", artikulierte ich mit der Bemühung, es nicht allzu sehr zu knurren, und ungeachtet seiner Bitte. Ich stand kurz davor, ihn nach der Summe zu fragen und sie ihm postwenden zurückzuzahlen. Hämorrhoiden wären nicht Schlimmer gewesen als das, weswegen ich nun möglichst unsichtbar auf dem Stuhl herumrutschte.

    Auf der anderen Seite der Wand stand ich, mit der Stirn und den Händen an den rauhen Putz gelehnt, einfach da und lauschte auf die harschen, gutturalen Laute, die leise aus dem Nebenraum zu hören waren. Ich verstand nur wenig, eigentlich gar nichts, sah man von gelegentlichen einfachen Worten wie Zimmer, Sklavin oder ja ab, die ich auch nur dann vernehmen konnte, wenn sie sich neben dem Licht durch den Türspalt zwängen konnten. Irgendwann kehrte Stille ein. Ich drehte den Kopf, aber es war nichts mehr zu hören. Brix war scheinbar gegangen. Ich hätte gern gewusst, worüber er mit Siv geredet hatte. Ich hätte ihn herzitieren und ausfragen können. Aber es war so schwer, mich von dieser Wand loszureißen.


    Ich versuchte, mich an die besseren Momente mit Siv zu erinnern, aber alles, was ich in meinen Erinnerungen sehen konnte, waren Streit, Verletzung und Wut. Zwei Begebenheiten stachen ganz besonders heraus. Der letzte größere Streit und der anschließende Besuch bei Celerina. Und der gestrige Tag. Wenn ich daran zurück dachte, sehnte ich mir einen vollen Weinkrug herbei, denn jener auf dem Tisch war inzwischen leer. Doch eigentlich hinderte mich nichts daran, eine Nachfüllung zu ordern. Ich wankte irgendwie zur Tür und öffnete sie. "Mehr Wein!" brüllte ich hinaus. Dann warf ich die Tür wieder zu, drehte mich herum und ließ mich an der Wand daneben zu Boden gleiten. Ich musste es ihr sagen. Sie würde sich sonst fragen, warum ich nichts erzählt hatte, und womöglich schlussfolgern, dass ich es nicht für wichtig genug erachtet hatte, ihr davon zu erzählen. Aber wenn ich es tat, würde sie es sicherlich auch schlecht auffassen, weil ich sie nicht mitnahm. Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und seufzte. Wenn nur der Wein endlich käme.

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    Es war Brix alles andere als angenehm, sie so zu sehen. Und er hatte das Gefühl, dass er an ihrer deutlich sichtbaren Resignation nun eine Teilschuld besaß. Auch, wenn er wusste, dass er derjenige war, der am wenigsten dafür konnte, eben weil er nun einmal seine Arbeit machen musste. Er schürzte bedauernd die Lippen, brachte jedoch keine Entschuldigung hervor. Er musste sich nicht rechtfertigen, hatte nur das Bedürfnis, sie zu trösten. Aber er kannte Siv und ahnte, dass es genau das nicht war, was sie wollte. Insbesondere, weil sie es vermutlich als Mitleid auffassen würde. Also sagte er auch dazu nichts. Er war sich sicher, dass sie wusste, dass diese Sachen nicht seine Entscheidungen waren. Corvinus hatte nichts explizit erwähnt, aber ein guter Sklave handelte stets im Sinne seines Herrn, und Brix konnte sich vorstellen, dass niemand wollte, dass Siv womöglich ihr Kind verlor, nur weil sie die Hände nicht still halten konnte. Und die Arme, Beine, Füße - und was sonst noch an ihr dran war.


    Brix nahm seine Hand von ihrer Schulter, nachdem er sie einmal sanft gedrückt hatte dort, und sah Siv an. Aber immer noch sagte er nichts. Er brachte ein einseitig verkniffenes Lächeln zustande. "Ist gut. Geh jetzt schlafen. Das war ein langer Tag", sagte er schließlich. "Brauchst du noch etwas?" fragte er sie noch. Wenn sonst nichts mehr war, würde er ihr eine gute Nacht wünschen und dann den kleinen Raum verlassen.

    Während ich so dasaß und Ruhe hatte vor meiner Frau, die sich seit - wie es mir vorkam - Stunden frisch machte, dachte oich darüber nach, was ich mir von diesem Kurzaufenthalt in andersartiger Umgebung erwartete. Die Ehe würde wohl ganz gewiss nicht besser verlaufen, überlegte ich mir. Doch vielleicht konnte ich Celerina zumindest meinen guten Willen zeigen. Als sie nun auf die Terrasse kam und sich zu mir setzte, beschloss ich, diese Absicht sogleich in die Tat umzusetzen. Je früher, desto besser. Also wandte ich mich ihr zu, gab ihr meinen Weinbecher und fragte, in der Hoffnung, dass sie sich an ihren Vorwurf diesbezüglich erinnern würde, artig: "Ja. Wie geht es dir eigentlich?"


    Von ihren Besichtigungsplänen ahnte ich ja noch nichts, sonst hätte es mich vermutlich jetzt schon zu einem ergebenen Seufzen hingerissen. Diese Bank, auf der wir saßen, schien für alte Leute gemacht. Sie war aus sehr fein verarbeitetem Holz gemacht, mit floralen Aussparungen und geschwungenen Linien. Zwischen dem Holz und unseren Hintern befanden sich purpurfarbene Kissen mit goldenen Quasten. Ich schob einen Arm um Celerinas Schultern, weil man das eben so machte. Noch ging es mir erstaunlich gut dabei, auch wenn ich glaubte, dass ein falsches Wort von ihr genügte, um das ins Gegenteil zu verkehren. Ich dachte an den Sonnenuntergang. An guten Wein, gutes Essen und eine Mütze voll Schlaf. Und solange das so blieb, war vermutlich alles in bester Ordnung.

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    Brix folgte Siv mit Blicken. Er hätte ihr gern geholfen, erkannte aber recht schnell, dass das nicht möglich war. Schließlich stand er auf. Sie wirkte geradezu schockiert darüber, dass er das Zimmer erwähnt hatte. Er ging hin zu ihr und legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. "Siv", sagte er, als ob er Minus, dem Sklavenknaben, etwas erklären wollte. "Du kannst nicht hier bleiben. Du bist keine Sklavin mehr. Außerdem bekommst du bald dein Kind." Er sah sie an und versuchte wirklich, ihr das alles so behutsam wie möglich beizubringen. Vielleicht sogar lebte in dieser Kammer, wie sie ein jedes der Schlafgemache hatte, bald schon wieder eine neue Leibsklavin. "Das Zeichen in deinem Nacken wird auch getilgt werden. Ich hatte gedacht, wir warten, bis das Kind da ist, aber ich kann gern auch früher bescheid geben", sagte er. "Du musst dich nicht sofort entscheiden. Das hat sicherlich noch ein paar Tage Zeit. Bis zur Geburt wirst du ohnehin nicht mehr arbeiten können. Keine Widerrede."

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    Brix begann, mit dem Kopf zu schütteln. "Ach Siv", sagte er und seufzte dann tief. Er hatte eigentlich keine Lust, sich da nun hineinzuhorchen. Nicht, weil es ihn nicht interessiert oder weil er Siv nicht mochte, sondern weil er hier bleiben und weiterhin arbeiten musste, vorbehaltlos, und weil ihm das vielleicht nicht mehr möglich war, wenn er mehr von allem wusste, was Siv umtrieb. "Und im Norden, was da? Bist du da weniger verloren?" fragte er sie, winkte dann aber ab. "Ich weiß nicht, was ich machen würde. Und ich kenne mich ja nun einmal besser als dich. Deswegen kann ich dir auch nichts raten. Ich kann dich nur bitten, keine Dummheiten zu machen." Brix zog eine Grimasse. "Eigentlich bin ich gar nicht her gekommen, um die Vorwürfe zu machen. Oder um dich zu belehren. Ich wollte dich nur fragen, ob es dir gut geht, ob du etwas brauchst und welches der freien Zimmer du haben möchtest. Unter uns gesagt: Das im Südflügel würde ich nicht nehmen, nebenan wohnt dieser Livius Pyrrus", sagte er zu ihr und schmunzelte.

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    Während der nächsten paar Augenblicke schien Siv mit sich selbst zu hadern. Diesmal sah Brix, dass sie den Tränen nahe war. Er beschloss, darauf nicht einzugehen. Zumindest jetzt hätte sie das sicher als unangenehm empfunden, aber er wäre da, wenn sie Trost brauchte, und sie wusste das. Brix senkte den Kopf ein wenig, sah dann aber nach oben, was ihn durchaus und nicht zuletzt wegen der vielen Falten Schulmeisterhaft wirken ließ. "Ich sollte dazu nichts sagen. Vieleicht steht er gerade hinter der Tür und hört alles, was ich von mir gebe. Ich habe keine Ahnung, was da zwischen euch ist, aber ich sehe, dass es euch beiden nicht gut geht. Er war schon lange nicht mehr so gereizt wie in der letzten Zeit. Ich hüte mich, da nachzufragen. Aber dich kann ich fragen, auch wenn es mich eigentlich gar nichts angeht." Brix seufzte leise und kratzte sich dann seitlich am Rücken. "Und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen. Mir genügen schon die Gerüchte, die im Haus kursieren. Ich muss nicht alles wissen. Aber was ich weiß, ist dass er dich sicherlich nicht freigelassen hat, weil er dich loswerden will. Da hätte er dich auch zu Fhionn und den anderen nach Sardinien auf die Plantage schicken können. Und dabei hätte er nicht mal einen Verlust gemacht." Birx sah aufmerksam zu der Zwischentür hin. Im anderen Raum war es still, aber das war es auch gewesen, bevor er dort hinein gegangen war.


    "Naja. Du willst mir aber doch nicht allen Ernstes erzählen, dass du mit diesem Bauch da nach Norden gehen willst", fuhr er fort und deutete dabei auf Sivs Ausmaße. "Wenn du es hier gar nicht mehr aushältst, sagst du mir bescheid. Dann finden wir etwas, wo du unterkommen kannst. Aber in Rom, nicht irgendwo im Wald zwischen Germanien und hier", sagte er tadelnd.

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    "Ach Siv", beklagte sich Brix nun. "Du musst einmal deine Augen aufmachen. Soweit du mich fragst, will hier keiner, dass du deine Sachen packst und gehst. Das Schöne ist, dass du auf keinen mehr Rücksicht nehmen musst. Wenn du gehen willst, dann gehst du. Und wenn du bleiben willst, dann bleibst du eben. So einfach ist das. Störe dich nicht an dem Geschwätz von Dina und Sofia und den anderen. Die sind neidisch, aber die kriegen sich schon wieder ein. Genau wie damals, als das mit Matho war und du Leibsklavin geworden bist." Brix lächelte ihr aufmunternd zu, sah dann wieder fort. "Wir verändern uns doch alle mit der Zeit. Und gerade unsereins verändert sich. Deine Umwelt verändert dich, deine Mitmenschen verändern dich, deine Arbeit tut es, Routine tut es... Und die Liebe tut es auch." Brix sah Siv kurz an und blickte dann wieder auf seine Hände hinunter. Er hatte nur das Lächeln gesehen, nicht aber die Tränen. "Es ist seins", sagte er nur.

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    Brix war ein guter Beobachter. Und Siv sah ziemlich fertig aus. Ihm entging das nicht, und sicherlich entging Siv ihrerseits nicht seine besorgte Miene. "Du gibst doch gut auf dich acht, ja?" ermahnte er sie und zwinkerte ihr zu.


    Dann musste er lachen. Es war ein gutmütiges Lachen, das allmählich verebbte, als Brix gewar wurde, dass Siv das tatsächlich ernst gemeint hatte. Und das nicht, weil sie sich nur nicht entscheiden konnte. Ein besorgtes Runzeln fand abermals Platz auf seiner Stirn, als er sich vorlehnte und ihre Hände einfing. "Das meinst du tatsächlich ernst, nicht wahr?" sagte er. "Weißt du, wenn ich frei wäre, dann wüsste ich nicht, ob ich bleiben oder gehen sollte. Nach Hause..." erzählte er ihr. "Manchmal glaube ich, dass sie zu Hause ohne mich besser dran sind. Dass sich alles verändert hat. Ich würde die Menschen hier vermissen. Und ich wüsste nicht, ob ich es wollen würde, dass mich alle anstarren wie eine Ausgeburt Hels, nur weil ich damals nicht schnell genug war, als die Römer kamen." Brix sah auf und lächelte Siv leicht an. Dann ließ er sie los und lehnte sich zurück.
    "Ich weiß, warum du rastlos bist", sagte er.

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    Brix lächelte zurück, ehe er eintrat und sich zu Siv umwandte. Er beobachtete sie, wie sie, hre Kugel vor sich her schiebend, die Tür schloss und sich dann zu ihm drehte. Auf ihre wie immer kecke Frage hin musste er schmunzeln. Er hob die Hand, kniff ich sanft in die Wange und zwinkerte ihr zu. "Eigentlich nichts. Ich wollte nur mal nach dir sehen... Und dir gratulieren. Ich hab Corvinus gerade die Urkunde gebracht. Herzlichen Glückwunsch Siv." Brix war nicht neidisch oder sogar sauer, weil Siv, die ja viel kürzer in Gefangenschaft gewesen war als er selbst, nun viel eher die Freiheit erlangt hatte. Nun, Brix war auch nicht dumm. Deswegen war er der maiordomus geworden. Auch wenn es keiner von beiden jemand gesagt hatte, so wusste er dennoch, dass Siv und Corvinus mehr verband als nur das Verhältnis zwischen Sklave und Herr.


    Er umarmte Siv kurz und ließ sich dann auf dem kleinen Schemel nieder, der neben dem Bett stand. "Komm, setz dich wieder. Ich möchte nicht der Grund für eine verfrühte Geburt sein", scherzte er und deutete auf das weiche Bett. "Tja. Nun bist du frei. Was machst du als erstes?" fragte er sie.

    Bereits nach dem ersten Tag war mir klar, dass mir ein solcher Fehler niemals wieder passieren durfte. Ich hatte mich gut gelaunt gegeben, doch in Wirklichkeit war ich der ganzen Angelegenheit bereits überdrüssig gewesen, noch ehe wir Rom verlassen und uns südwärts gewandt hatten. Dennoch! Man musste mir zumindest zugute halten, dass ich mich redlich bemühte. Es kratzte an meinem Ego, dass ich nicht fähig sein sollte, einen guten Ehemann zumindest zu mimen, und auch wenn es mir schwer gefallen war, Rom während dieser Phase der Kandidatur und nicht nur deswegen überhaupt zu verlassen, so hatte ich es dennoch getan. Und das aus einem einzigen Grund: Ich wollte, dass Celerina keinen Grund mehr hatte, mir Vorwürfe zu machen. Es reichte, dass ich sie mir selbst machte.


    Irgendwann waren wir dann an einem kleinen, beschaulichen Heim angekommen. Im Südosten lag, nicht einmal zwei Stunden entfernt, die Stadt Puteoli. Im Nordwesten befand sich Cuma, und wir hockten sozusagen mitten dazwischen. Keinerlei Gedanken hatte ich daran verschwendet, dass Celerina vielleicht auf den Gedanken kommen mochte, das Sibyllinische Orakel aufzusuchen und sonstwas zu fragen. Und als es mir an diesem lauen Abend auf der Terrasse sitzend in den Sinn kam, hoffte ich, dass sie mich nicht mitnehmen würde, wenn sie es denn tat.


    Wir waren inkognito gereist. Eine toga hatte ich nur für den Notfall mitgenommen, sonstiger Ringschmuck war sorgfältig verwahrt. Mitgenommen hatten wir nur Sklaven, die sich in ihrer Treue und im Schweigen ausgezeichnet hatten. Einerseits war ich froh darüber, andererseits fehlte mir etwas. Das war Celerinas Idee gewesen, also hatte ich ihr diesen Wunsch gelassen. Mit fünf Leibwachen und einer Handvoll Sklaven, welche die übrigen anfallenden Arbeiten erledigen konnten, verzichteten wir damit auf das Übermaß an Luxus, das uns in Rom zur Verfügung gestanden hatte. Deswegen musste ich mich selbst aufrichten, um mir Wein nachzuschenken. Ich trank ihn, während ich, in eine wollene Decke gehüllt, auf der Terrasse saß und dem Licht zusah, das sich langsam rötlich färbte. Dies war die erste Nacht hier mitten im Nirgendwo. Und ich wusste, dass es eine Nacht voller Erwartungen werden würde.

    Nur du und ich, Marcus! Ich unterdrückte ein Schaudern. Das klang wie eine Drohung. Ich lächelte arglos zurück. "Schön. Ich..." Ich blinzelte. "Ich freue mich. Bis später." Ich trat auf sie zu, drückte ihr rasch einen Kuss auf die Wange und war dann verschwunden, noch ehe sie einen Piep machen konnte.


    Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen und war erfolgreich geflohen, fiel die Maske von mir ab und ich hastete mit selbstverärgertem Gesichtsausdruck in mein Arbeitszimmer, um dort wie ein eingesperrter Tiger hin und her zu laufen und mich über mich selbst zu ärgern. Urlaub! In Campanien! So kurz vor den Wahlen! Was hatte mich nur geritten, einen solch selten dämlichen Vorschlag zu machen? Ich mochte gar nicht daran denken, was während dieser Ferien passieren mochte, weder hier im Hause noch bei Celerina. Ruhe gönnen, ha! Ich hatte mich selbst vor ein Wespennest gestellt und darin herumgestochert. Das Dumme war nur, dass ich den Lohn dafür ernten würde, gleich ob ich den Finger aus dem Loch zog und den Schwarm mich erfassen ließ - oder den Finger darin stecken ließ und gezielt gestochen wurde! Stöhnend lehnte ich den Kopf an das Regal mit meinen Dokumenten darin. Und dann die Sache mit Siv. Ich würde ihr sagen müssen, dass ich nicht ihretwegen das Weite suchte. Oder hatte ich aus genau diesem Grund den Vorschlag gemacht?

    Es war der Abend nach Sivs Freilassung. Der Tag von Celerinas Rückkehr. Ich war am Morgen früh aufgestanden, weil ich ohnehin nicht mehr hatte schlafen können. Und überhaupt hatte ich kaum geschlafen in der Nacht, trotz des Weines nicht, den ich getrunken hatte. Eingekleidet hatten mich Dina und Sofia, die beide überaus stumm gewesen waren. Dann hatte ich einer Senatssitzung beigewohnt, anschließend Apollo ein kleines Opfer dargebracht. Als ich davon heimgekehrt war, hatte mich die Nachricht erwartet, dass Celerina inzwischen eingetroffen war, und nach unserem Gespräch hatte ich mich in meinem Arbeitzimmer mit unwichtigen Dokumenten und der ergebnislosen Prüfung von Gesuchen und Angeboten vergnügt. Die cena hatte ich erfolgreich und allein hinter mich gebracht. Und nun war es Abend, die Dämmerung war bereits vor einer Stunde der Nacht gewichen, und ich stand in meinem Schlafgemach und sah in die Dunkelheit hinaus. Der rechtsseitig gelegenen Verbindungstür zu Sivs Schlafkammer war ich mir so bewusst wie sonst selten. Ab und an hörte man ein leichtes Schaben durch den Türspalt, wie als ginge jemand auf und ab oder als schlage jemand eine Buchseite um. Oder tat etwas anderes. Ein mattes Leuchten quoll unter dem Türblatt hindurch und verriet zusätzlich zu dein kaum wahrnehmbaren Geräuschen, dass jemand anwesend war. Mein Zimmer hingegen war dunkel, und ich hatte von meinem Platz am Fenster schon beobachtete, wie der Tag allmählich zur Nacht wurde.


    Ich wollte es ihr sagen. Das wollte ich wirklich. Aber bewies es nicht ungeheure Schwäche, sie an mich zu pressen und ihr zu sagen, dass ich sie liebte? Und gerade jetzt, wo Celerina nach Hause gekommen war, wäre es erst recht falsch gewesen. Mehr noch als am Tag zuvor, wo ich es nicht gekonnt hatte.


    Mitten in meine Überlegungen hinein öffnete sich die Tür. "Oh. dominus, da steckst du. Es tut mir leid, ich hätte anklopfen sollen. Ich hätte nicht gedacht, dass du hier bist." Brix. Ich wandte mich um und sah ihn an. "Schon gut", erwiderte ich. Er trat ein und schloss die Tür. In der Hand hielt er ein Pergament. "Ich habe hier die Abschrift der Freilassungspapiere", sagte er dann und legte sie auf den Tisch neben eine halbvolle Karaffe Wein. "Ich wollte sie dir herlegen. Ich wusste nicht, ob du sie ihr geben oder selbst verwahren willst." Mein Blick folgte ihm. Ich sah dabei zu, wie er das Dokument auf das dunkle Holz des Tisches legte und mich dann anssah, als läge ihm sonst noch etwas auf dem Herzen. "Und?" fragte ich daher und hob die Brauen. "Und... Ich wollte dich fragen, was mit ihr wird. Ob sie hier bleiben wird", sagte Brix und beobachtete mich. "Das ist ihre Entscheidung", erwiderte ich eine Spur zu schnell, und Brix hob eine Braue um eine Spur, was ich ob der Lichtverhältnisse nicht sah. "Ich nehme an, sie wird ein eigenes Zimmer bekommen? Ein größeres, meine ich. Zumindest bis zur Niederkunft... Du kannst sie in diesem Zustand nicht fortschicken, dominus. Sie würde es nicht schaffen, von dem Kind einmal abgesehen." Brix' Stimme war zwar leise, doch nachdrücklich. Ich starrte ihn einen Moment lang an, wandte mich dann mit einer ärgerlichen Geste ab. "Gib ihr ein Zimmer, wenn sie das will. Ich werde sie nicht hinauswerfen, sie kann bleiben, wenn sie das möchte. Das weiß sie!" fauchte ich. Brix erwiderte nichts. Und kurz darauf hörte ich, wie die Tür leise ins Schloss fiel.


    Ich schalt mich in Gedanken einen Narren. Warum brachte es mich derart aus der Bahn, darüber nachzudenken? Allmählich begann ich, Campanien doch als eine gute Alternative zu sehen. Vielleicht würde es mir gelingen, all das hinter mir zu lassen, zumindest für ein paar Tage? Ich stand wieder am Fenster und sah hinaus. Von einem Ast starrten kurz zwei goldgelbe Augen zurück, dann raschelte es und der Uhu flog davon in die kalte Nacht.



    - Ein Zimmer weiter -


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    Eine Tür weiter stand Brix im Gang und überlegte. Weder Siv noch der Hausherr sahen besonders glücklich aus während der letzten Tage. Und Wochen. Wenn er es sich recht überlegte, wann hatte Siv dann zum letzten Mal glücklich auf ihn gewirkt? Brix war ein Mann, der seine Pflichten ernst nahm. Und dazu gehörte, für einen reibungslosen Ablauf der häuslichen Abläufe zu sorgen. Allerdings hätte er auch an Sivs Tür geklopft, wenn er nicht der maiordomus gewesen wäre. Denn er war Germane und ein lebenslustiger Mensch, und außerdem mochte er Siv. Deswegen klopfte er an ihre Tür. "Siv?" fragte er leise.

    Ich unterdrückte ein Grinsen. "Ich muss zugeben, dass ich selbst jetzt nicht viel mit einem Schwert ausrichten könnte, selbst nach meinen zwei Jahren als Tribun nicht", gestand ich also. Wenn man mich zur achten Nachtstunde aus dem Bett geworden hätte, selbst als senatorischer Tribun, wäre ich vermutlich ziemlich verstimmt gewesen. Von Kampfbereitschaft keine Rede. Mein Tribunat war zwar lehrreich gewesen und ich selbst lernwillig, doch viel mehr als ein Herumgefuchtel mit dem Schwert hatte ich nicht zustande bekommen. Deswegen hatte mich mein ehemaliger Legat auf eigenen Wunsch hin auch eher mit verwaltungstechnischen Ausfgaben betraut denn mit Aufklärungs- oder Kampftätigkeiten. "Ich bin froh, wenn ich das richtige Ende erkenne, ganz im Gegensatz zu meinem Neffen." Ich lächelte schief und zuckte im Laufen mit den Schultern. Mein Metier war ein anderes, und darin war ich besser als Ursus. Doch so sollte es auch sein, denn nicht jeder hatte die gleichen Qualitäten.


    "Oder auf Hochzeiten", pflichtete ich bei und dachte an die Feier anlässlich Durus' Hochzeit zurück, bei der Macer und ich auch kaum ein Wort gewechselt hatten. "Ich wollte deiner Frau eigentlich noch dafür danken, dass sie sich Laevinas angenommen hat", sagte ich dann und spielte auf Albinas Funktion als pronuba an. Sicherlich hatte sie ihrem Mann erzählt, dass wir uns von früher kannten. Ich wurde allmählich langsamer, da unsere Sklaven samt den üblichen Utensilien bereits wieder in Sicht kamen. Ich selbst war nun genügend warm.

    Ich lehnte mich zu Ursus hin. "Unruhig! Welch nette Umschreibung für die Machenschaften des Fabius Antistes!" flüsterte ich ihm zu und schürzte ein wenig die Lippen. Imbrex konnte ja nicht ahnen, welche Ungeheuerlichkeit dieser Mann sich geleistet hatte. Und irgendwie hatte der es sogar geschafft, sich nicht nur aus den Anschuldigungen zu winden, sondern auch, magister der collinischen Salier zu werden. Cotta war seit Monaten nicht mehr bei einer ihrer Sitzungen erschienen, auch wenn er nicht darüber gesprochen hatte. Vermutlich hatte Antistes ihn gleichsam behandelt, so dass dieser Schritt nun allzu verständlich war.


    Imbrex machte seine Sache gut, wie auch im Senat schon. Ich nickte ihm anerkennend zu. Der Stimmen seiner Familie konnte er sich ohnehin sicher sein, und die übrigen sodales hatte er hoffentlich auch von sich und seinem Bruder überzeugt. Ich wartete darauf, dass Avianus die Abstimmung einleiten würde.

    Es war lange her, dass ich selbst unter den Interessenten bei einer SKlavenauktion gestanden hatte. Und lange, dass ich tatsächlich Interesse gehabt hatte. Interesse, das sowohl von Statur und Aussehen, als auch von Wildheit und Widerspenstigkeit genährt worden war. Bei Siv war es damals auch so gewesen, obwohl ich sie nicht selbst gekauft hatte. Und dennoch hatte sie mich in ihren Bann geschlagen.


    Aufmerksam verfolgte ich die eingehenden Gebote. Es war schon seltsam, was manche für eine ungelernte Sklaven boten, die störrisch und halsstarrig zu sein schien. So seltsam wie ich wohl war, dass ich hier verhielt und stehen blieb, um zuzusehen, wer diese kleine Wilde erwerben würde. "Herr, wir müssen-" Ich hob die Hand mit dem Senatorenring daran. "Scht. Es genügt, wenn wir ein wenig später kommen", erwiderte ich, und der Sklave schwieg.

    "Malleola", warf ich ein wenig abwesend ein, während Orestes sprach. "Hm. Du hast recht. Vielleicht solltest du sie darauf ansprechen. Es wäre sicherlich nicht schwer, sie dem Kaiser so nahe zu bringen, dass er eine von ihnen in Erwägung zieht", überlegte ich laut und nickte nachdenklich hin und her. "Deine Mutter hat diesbezüglich nichts geraten?" fragte ich noch einmal nach.


    "Du wirst das schon machen", erwiderte ich dann auf seine Gedanken hinsichtlich der Wahl. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass Orest in Bälde auch im Senat sitzen würde. Mit Avianus wären wir dann schon zu viert, und das war eine durchaus starke Vertretung dieser Tage, zumal auch Imbrex es sicherlich schafftn würde, irgendwann unter uns zu sitzen.

    Nach wie vor kam ich nicht einmal auf den Gedanken, dass die zwei nicht wussten, wer ich war. Ich rieb ein wenig die Hände aneinander, weil sie kalt waren, und pustete warme Luft hinein. Als Narcissa das Wort ergriff, sah ich sie überrascht an. Warum entschuldigte sie sich? Ich griff nach dem heißen Getränk, ließ dann die Hände sinken und sah die zwei nach wie vor erstaunt an. Es fiel ihnen schwer, sich an Namen und Gesicher zu erinnern? "Das macht gar nichts", erwiderte ich und musste amüsiert schmunzeln. "Wir werden euch schon auf die Sprünge helfen, wenn es notwendig wird." Zuversichtlich lächelte ich Narcissa an, freilich ohne dass mir dabei auffiel, dass sie auch mich damit meinen könnte.


    Und so war es wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass ich den Faden wieder aufnahm und die beiden weiter ausfragte. "Ihr werdet sicherlich bald Prisca kennenlernen. Sie kann euch ein wenig in die Damengesellschaft einführen und euch sicher auch Roms interessanteste Ecken für junge Damen zeigen", plauderte ich und nippte an dem heißen Wein. "Celerina hilft euch auch sicherlich gern dabei. Habt ihr denn schon eine Vorstellung davon, wie ihr eure Zeit hier verbringen mögt?" fragte ich die beiden aus.