Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Als Dina mich gefunden hatte, hatte ich gerade im Garten gestanden und das traurige Resultat des ersten richtigen Herbststurmes betrachtet. Er hatte uns unerwartet erwischt, und das Ergebnis präsentierte sich mir nun in Form von abgeknickten Zweigen, wirren Beeten und einem bunten Durcheinander von Blättern. Drei Sklaven waren bereits dabei, wieder Ordnung in das Chaos zu bringen, aber Siv entdeckte ich nicht.


    Als ich das atrium betrat, sah ich auch, warum sie nicht im Garten steckte. Seit dem Zwischenfall am Tag der Nachricht von Minervinas Tod hatten wir nicht mehr als ein paar Worte miteinander gewechselt. Celerina war seit gestern in Ostia. Mein Leben war also perfekt, dachte ich ironisch, während ich Publius und Siv ansteuerte. Da ich direkt aus dem hortus kam, trug ich einen warmen Überwurf und hinterließ unbewusst erdig-feuchte Fußspuren auf meinem Weg. Ich warf Siv einen kurzen Blick zu, widmete mich dann aber gleich Imbrex. "Publius! Schön, dass du da bist. Hat dich der Wind hergeweht?" scherzte ich. Wein und einige Happen hatte man ihm bereits kredenzt, wie ich sah. Ich wies mit einer einladenden Geste auf die Sitz- und Liegegelegenheiten. "Nimm doch Platz - oder möchtest du erst ein Bad nehmen?" fragte ich. "Wie war deine Reise? Ich hoffe, es hat nicht so sehr gestürmt wie heute Nacht."

    Ich winkte ab, als er sich selbst dafür scholt, nicht viel für die Acta geschrieben zu haben. "Wie dir geht es momentan allen subauctores. Mach dich also nicht verrückt. Regelmäßige Ausgaben kann ich schon seit einem Jahr nicht mehr rausgeben", erwiderte ich und schenkte uns beiden nach.


    "Gut. Ich werde mich dann wohl auch noch einmal mit Durus treffen. Seine Unterstützung als consul ist nicht zu unterschätzen", fuhr ich fort. "Ich heiße deinen Entschluss gut, Titus. Es ist besser, wenn wir überall vertreten sind. Nicht, dass ich dir den cultus absprechen möchte. Aber abgesehen von dir und eventuell Tiberius ist keiner von uns so recht warm geworden mit dem Militär." Was Imbreax plante, wenn er hier war, wusste ich noch nicht, aber Orest und auch Cotta interessierten sich ebenso wie ich eher für die religiösen Belange denn für die militärischen. "Wen, Vescularius? Nein", gab ich zur Antwort auf Ursus' Frage nach dem persönlichen Kennenlernen. "Aber der Kaiser ernennt die Legaten, nicht der Stadtpräfekt. Ich woll doch meinen, dass sie ihn bei solch wichtigen Entscheidungen nicht übergehen. Dafür wird, denke ich, Quarto schon sorgen."

    Ich schmunzelte amüsiert, als Ursus genau das ansprach, was für mich eher weniger infrage kam. "Ah, ich weiß nicht", erwiderte ich und wiegte den Kopf. "Zudem dürfte es wohl generell etwas schwierig werden, einen Posten zu ergattern. Immerhin ist allgemeinhin bekannt, dass unser geschätzter praefectus urbi jene von unserem Stand nicht eben schätzt." Ich zuckte mit den Schultern und trank erneut einen Schluck. "Wir werden sehen. Ich habe es ja nicht eilig." Immerhin brachte die Position als pontifex auch einen netten Nebenverdienst ein, wo ich für die Acta schon ehrenamtlich arbeitete. "Da fällt mir ein... Wir haben schon länger keinen Artikel mehr von dir einbringen können", sagte ich zu Ursus.


    "Teilweise. Ich wusste, dass Flavius Aristides dabeisein würde, von den anderen jedoch nicht, abgesehen von Macer. Dass der Annaeer dabei war, hat mich ebenfalls überrascht. Naja. Du wirst es schon sehen", gab ich auf die Frage hin zur Antwort. "Gesetzt den Fall, dass du bestehst - und davon will ich ganz stark ausgehen - solltest du dir überlegen, ob die Leitung einer Legion das ist, was du als nächstes tun möchtest, Titus. Denn wenn das so ist, sollten wir dich entsprechend gut einbringen in der Diskussion um diesen Platz. Ich nehme an, du wirst zuvor auch mit deinem Patron und einigen anderen darüber sprechen."

    "Nein", erwiderte ich. "Und vor einem zweiten Ädilat wird das sicherlich auch nichts werden. Bisher war es nur so eine Idee. Ich müsste mich erst einmal schlau machen, was denn überhaupt infrage käme." Eines aber stand fest: curator aquarum wollte ich nicht werden. Die Fußstapfen des Purgitius Macer konnte nur jemand ausfüllen, der die nötigen Kenntnisse mitbrachte, und die hatte ich nicht, ehe ich mich nicht schlau gemacht hatte.


    "Naja. Ich drücke dir in jedem Falle die Daumen für dein colloqium. Bei mir war damals neben Macer auch Annaeus Florus anwesend, aber von ihm hat man auch schon länger nichts mehr gesehen oder gehört, soweit ich weiß. Hast du denn schon eine Ahnung, wer noch eingeladen wurde?"

    Es nahm alles seinen Lauf. Der haruspex trat vor und begann mit seinem Werk. Ich beobachtete ihn dabei genaustens. Zwar wusste jeder, dass der Tarquinier kein Geld nahm, doch hatte mich das nicht davon abgehalten, es dennoch zu versuchen. Immerhin wünschte man sich für sein Mündel das Beste, und zudem war es gängige Praxis, dass man bei einem solch wichtigen Anlass etwas nachhalf.


    In dem Moment, als der Tarquinier das Resultat seiner Eingeweideschau verkündete, wünschte ich mir, hartnäckiger gewesen zu sein was das kleine Geldgeschenk anbelangt hatte. Ich wurde kurzzeitig bleich und ein Schwapp Adrenalin durchflutete mich - meine Haut prickelte. Doch der Mann verlor sein Grinsen nicht, und im nächsten Moment erfuhr ich auch, warum. Erleichterung durchflutete mich. Beruhigt atmete ich auf. Es war doch alles gut. Auch ich nickte dem Mann kurz dankend zu.


    Im nächsten Schritt würde nun der Vertrag unterzeichnet werden, ehe es mit den Riten weiterging. Doch Albina und ihren Ehemann hatte ich noch nirgends entdeckt. Ich tat es Durus gleich und sah mich kurz um. Statt Albina entdeckte ich Prisca, der ich fröhlich zuzwinkerte.

    "Es ist gut, wenn man seine Ziele nicht aus den Augen lässt", sagte ich und erinnerte mich dabei an einen Nachmittag im circus, als mein Vater mir diesen Satz ebenfalls gesagt hatte. Ich seufzte leise - schon wieder war zuwenigst einer von uns gedanklich bei den Toten angelangt.


    "Ich? Oh je, das weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, meine Teilnahme an dem dritten Kurs war eher spontan, weil gerade einer angeboten wurde, da genug Interessenten zusammengekommen waren", überlegte ich mit gerunzelter Stirn und nickte dabei langsam. "Ja, doch. Wir waren zu viert, glaube ich. Flavius Aristides war dabei und der verschwundene Prätorianerpräfekt. Artorius.... Artorius Avarus? Nun ja, wie auch immer. An den vierten im Bunde erinnere ich mich nicht mehr. Aber meine Teilnahme an diesem Kurs hat mir erneut gezeigt, dass ich doch eher weniger Interesse daran hätte, eine Truppe zu kommandieren. Allerdings", fuhr ich fort, "hatte ich vor einer weile überlegt, ob ich nicht vielleicht wieder ein zweites Standbein in der Verwaltung haben sollte."

    Bei dem Dank des jungen Duccius winkte ich ab und lächelte. War er nervös, oder warum sah er so seltsam drein? Doch er schien sich zu fangen und erzählte dann, wonach ich ihn zuvor gefragt hatte. Zunächst hoben sich überrascht meine Brauen, dann musste ich schmunzeln und letztendlich bahnte sich ein kurzes Lachen einen Weg nach draußen. Ein Sklave reichte uns beiden je einen Becher verdünnten Weines an. "Verzeih mir, es ist nicht nett, sich über das Pech eines anderen lustig zu machen. Aber bei deiner Schilderung ist mir wieder eingefallen, wie verwundert ich damals über die Instandsetzungssumme für die villa rustica in Mogontiacum war, als mein Verwalter sie mir präsentierte. Ich hatte die sechsfache Summe angenommen, deswegen muss ich wohl ebenso verdutzt ausgesehen haben wie du, als du deine Handwerker auszahlen solltest." Ich schmunzelte immer noch, hob aber meinen Becher und prostete Vala zu, um anschließend einen Schluck zu nehmen. "Ich hoffe, dass es jetzt etwas wohnlicher bei euch ist. Aber kannst du jetzt meine Frage nach dem Verkauf bei unserem letzten Treffen verstehen?"


    In jenem Moment steckte eine Küchensklavin ihren Kopf hinein und sah fragend in meine Richtung. Nach einer entsprechenden Geste verschwand sie wieder, um den ersten Gang aufzufahren. "Wie ist es dir denn in der Zwischenzeit ergangen? Hast du dir all das ansehen können, was dich interessiert hat?" fragte ich.

    Insgeheim hatte ich mich schon gefragt, wann dieses Thema erneut aufkommen würde. Die letzte Diskussion dazu war im Sande verlaufen. Avarus hatte damals auf stur geschaltet und auf mich ganz den Eindruck gemacht, nur ja keinen digitus breit einer anderen, ebenso angesehenen Institution weichen zu wollen. Heute gab er sich genauso. In der Tat musste ich auf einige ob dessen etwas wenig interessiert wirken, doch war ich es sicherlich nicht, denn ich verfolgte die Diskussion mit großem Interesse.


    Meine eigene Meinung dazu hatte sich während der vergangenen Monate nicht geändert. Die Diskussion zur Idee, einen neuen Kurs zu schaffen, sah ich allerdings wenig positiv, hauptsächlich aus dem Grund, dass es nicht Aufgabe des Senats war, darüber zu entscheiden. Wozu hatte die schola so viele Mitarbeiter? Hier ging es vielmehr um die eingangs angebrachte Frage nach der Anrechnung der Kurse am Museion.


    "Ich unterstütze heute wie damals den Antrag des consul Tiberius", sagte ich. "Das, was am Museion Alexandria gelehrt wird, befasst sich oftmals eingehender mit wenigen Details und vielleicht mitunter mit Dingen, die stark ägyptisch geprägt sind und daher den Anschein haben mögen, weniger römisch zu sein. Ich habe bereits damals den Vorschlag gemacht, Kriterien aufzustellen, die ein angebotener Kurs erfüllen muss, um als cursus continuus angerechnet zu werden - gleich welche Institution einen Lehrgang anbietet. Denn dass es ohne entsprechende Grundlage zum Vergleich - gerade bei unterschiedlichen Kursthemen - schwierig ist zu vergleichen, kann ich durchaus nachvollziehen."

    Im triclinium war bereits alles für diese kleine cena vorbereitet worden. Dies war der Abend des Tages, an dem Celerina sich dazu entschlossen hatte, einen Aufenthalt in Ostia dem in Rom vorzuziehen. Dementsprechend schwankend war meine Laune, da ich mich einerseits seltsam losgelöst von alledem fühlte, andererseits ein innerer Aufruhr von mir Besitz ergriffen hatte, der mir sagte, dass es dringlichst eines Gesprächs mit ihr bedurfte, um die Angelegenheit zu klären. Praktischerweise aber gingen mir die Ausreden nicht aus, weshalb ich nicht einfach umgehend nach Ostia reisen und mit meiner Frau streiten sollte. So bot beispielsweise diese cena im gemütlichen Rahmen einen vortrefflichen Grund.


    Als der Türgehilfe den Duccius ins Esszimmer führte, erhob ich mich von der cline, um ihn zu begrüßen. "Duccius! Schön, dich so bald wiederzusehen. Bitte, lass dich nieder. Ich hoffe, dein Hunger ist genauso groß wie der meine", begrüßte ich meinen Gast. Als ich selbst wieder bequem lag, fragte ich ihn: "Wie geht die Renovierung eures Hauses voran?"

    Brix ließ mir einen Moment Zeit und wartete. Dann, als nichts weiter geschah und ich immer noch versonnen das Gemälde an der Wand betrachtete, häuften sich die Runzeln auf seiner Stirn. Schließlich fragte er doch. "dominus? Was möchtest du unternehmen? Möchtest du, dass ich jemanden nach Ostia schicken? Oder gar selbst hinreisen?" Ich blinzelte mich aus der verträumten Starre fort und sah Brix an, als würde ich seiner eben erst gewahr werden. "Nein", sagte ich schlicht, was brix dazu veranlasste, mich vollkommen perplex anzusehen. "Nein?" wiederholte er unpassend, räusperte sich darauf hin jund versuchte es anders: "Was sollen wir sonst tun, Herr?" "Wir tun nichts, Brix." "Aber..." Ich wandte den Kopf und sah ihn direkt an. "Du hast mich gehört. Wenn sie es hier in Rom nicht aushält, lassen wir ihr ihren Freiraum. Schicke ihr allenfalls Trautwini mit zwei Männern. Sie soll mir nicht vorwerfen können, ich würde mich nicht einmal um ihren Schutz sorgen." Brix fing sich, nickte dann aufgeräumt. "Jawohl. Soll ich ihn gleich entsenden?" "Ja. Das heißt... Nein. Ich werde ihm eine Nachricht mitgeben, auf die soll er warten." Brix nickte und deutete eine Verbeugung an. "Ja, Herr. Brauchst du mich noch?" Ich winkte ab. "Nein. Du kannst gehen." Und daraufhin verließ er das Bad und ließ mich mit Saba und Dina allein.

    Statt mich in die begonnene Unterhaltung der beiden Damen einzumischen - ohnehin hätte ich nicht viel mehr als ein "Freut mich, dich kennenzulernen" beisteuern können und das hatte ich bereits getan - zog ich es vor, dem Geschehen auf dem Tempelvorplatz zu folgen. Doch kaum dass jenes seinen gelungenen Abschluss gefunden hatte, zog es die junge Tiberia auch schon fort, ihrem Onkel hinterher. Ich verabschiedete mich höflich - nicht ohne verwundert gehobene Braue, hatte sich doch bis zuletzt keine Gelegenheit für weitere Unterredung geboten, da das Opfer in vollem Gange gewesen war.


    Als Septima uns verlassen hatte, wandte ich mich an Celerina. "Lass uns auch gehen." Ehe die Straßen überfüllt und der Heimweg beschwerlicher sein würden. Nach einem letzten Blick auf die Tempelbediensteten, die bereits wieder fleißig aufräumten, setzte ich mich in Bewegung.

    Es war ein herrliches Gefühl, das warme Wasser auf der Haut zu spüren. Allmählich war wieder Ruhe eingekehrt im Haus, nachdem Laevina nun verheiratet und das Haus in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt worden war. Da kam ein wenig Entspannung gerade recht, zumal ich mit Siv und Celerina seit jener Nacht kurz vor der Hochzeit nicht mehr zu tun gehabt hatte als gelegentliche Treffen beim Essen, Ankleiden oder gemeinsamen Unternehmungen für die Öffentlichkeit. Ich wusste, dass es ausschließlich an mir lag, diese Wogen wieder zu glätten. Ich hatte sie schließlich selbst verursacht. Nur wie? Seltsamerweise erschien es mir bei Celerina einfacher als bei Siv. Für Celerina hatte ich mir etwas einfallen lassen - der Gedanke dazu war mir gekommen, als ich die Damen auf Laevinas Hochzeit näher angeschaut hatte. Das Resultat der Überlegungen lag auf meinem Schreibtisch. Ich würde es ihr überreichen, wenn wir zusammen zu Mittag aßen, denn auch das war Teil der Wiedergutmachung. Bei Siv hatte ich nach wie vor keine Ahnung. Allerdings stand gleich erst einmal der Klientenempfang an.


    Vollkommen unplanmäßig platzte dann Brix herein. Ich öffnete die Augen und sah ihn fragend an. "Ist es schon soweit?" fragte ich ihn verwundert, da mein Zeitgefühl etwas anderes implizierte. Brix hatte die Stirn gerunzelt und trug tiefe Gräben um die Mundwinkel herum. Kurzum: Er wirkte nicht glücklich. "Nein Herr. Allerdings muss ich dich über etwas informieren, das dich vermutlich nicht eben gelassen stimmen wird", erwiderte er steif und räusperte sich. Ich sah ihn nur abwartend an, und er verstand den Blick. "Deine Frau ist heute am frühen Morgen unvermittelt abgereist. Sie hat ihre Sklaven mitgenommen und Milos beauftragt, dir auszurichten, dass sie sich für eine Weile auf einem flavischen Landsitz bei Ostia aufhalten wird." Ich sah Brix immer noch fragend an, dann war ich es, dem tiefe Furchen auf der Stirn standen. "Ah", sagte ich. Nichts weiter. Plötzlich war mir seltsam leicht ums Herz.

    Gewiss hatte er recht, nur was brachte es, sich für wenige Wochen in ein neues Amt einzuarbeiten, um sich dann wieder einem neuen zu widmen? Unsere Auffassungen mochten da nicht konform gehen, aber ich war mir mit Ursus einig, dass Untätigkeit weder ihn selbst noch die Familie weiterbringen würde, also nickte ich nur uns sagte nichts dazu. Meiner Meinung nach sollte er versuchen, seiner neu entdeckten Passion zu folgen und der Heerführer einer der Legionen des Kaisers zu werden. Nicht etwa nur, weil es ihm Spaß machte und scheinbar lag, sondern auch, weil der Kaiser schwach war und Männer um sich herum benötigte, die in seinem Interesse handelten, wenn es hart auf hart kam. Dass Ursus dazu imstande war, davon war ich überzeugt.


    Als er dann von den höchsten Priesterämtern sprach, die unser Reich kannte, wölbten sich meine Augenbrauen der Decke entgegen. Ehe ich etwas erwiderte, trank ich einen Schluck. Jemandem, der sich unsicher war - oder gewesen war - was die Götter anbelangte, hätte ich kein solches Amt in den Schoß gebettet, nicht einmal, wenn es ein nahe stehender Verwandter von mir war. "Hehre Ziele", kommentierte ich daher nur trocken. Für den Anfang hätte ich ihm geraten, sich als aedituus zu verdingen und eines der collegia anzustreben, nicht nach der höchsten Priesterwürde Roms zu greifen. "Versteh mich nicht falsch, aber du solltest dann die Leiter von weiter unten erklimmen um zu beweisen, dass es dir ernst ist" Ich selbst war stets gläubig und religiös gewesen, als Knabe schon, was aus meiner Sicht der Beginn meiner religiösen Karriere als septemvir rechtfertigte. Ursus hätte ich von Haus aus zwar als den Göttern treu ergebener Römer eingestuft, doch auch als weniger religiös als ich selbst es war.


    In diesem Moment klopfte es und Caecus trat ein. "Verzeih, Herr, aber - oh, störe ich?" begann er und brach ab, als er sah, dass Ursus nicht allein war. Ich schüttelte den Kopf und machte eine Geste mit der Hand, sodass Caecus etwas näher kam. "Ich habe hier eine Nachricht von Senator Purgitius Macer für dich, dominus. Es ist eine Einladung zu einer Prüfung." Und er überreichte Ursus die Wachstafel. Ich grinste. "Sieht so aus, als müsste ich nicht zum Haus der Purgitier laufen", bemerkte ich mit kaum verkniffenem Grinsen.

    Mit einem Schlag trafen nun viele Hochzeitsgäste ein, darunter wichtige Größen des Reiches. Durus hatte für jeden ein freundliches Wort und eine Begrüßung auf den Lippen, und auch ich verschaffte mir einen Überblick und hieß nach und nach die Gäste in unserem Hause willkommen. "Senator Aelius", grüßte ich diesen und wunderte mich, warum er wieder einmal ohne die Begleitung von Frau und Sohn erschienen war. "Es freut mich, dass du es einrichten konntest."


    Im Gegensatz zu ihm hatte Flavius Gracchus seine Familie mitgebracht, wie ich kurz darauf feststellte. "Flavius, sei willkommen." Mein Blick fiel auf seinen Sohn und weckte ihn mir den Gedanken, dass ich so langsam auch einen Erben gebrauchen konnte. "Flavius Minor, du bist ganz schön gewachsen", kommentierte ich seinen Schuss in die Höhe. "Ich habe gehört, dass du dem Brautpaar heute abend den rechten Weg leuchten wirst? Eine wichtige Sache! Ah, Claudia, schön dich zu sehen." Wäre Sisenna noch hier gewesen, hätte man vielleicht etwas zwischen den beiden arrangieren können. Sie waren um ein Haar gleichalt. Andererseits, überlegte ich mir, gab es noch andere Möglichkeiten... Doch darüber wollte ich später nachdenken.


    Ich wandte mich um und entdeckte Tiberia Septima, halb verdeckt von einer Säule und bei einem mir Unbekannten stehend. Grüßend neigte ich ihr den Kopf. Wo steckte nur Celerina? Ich warf einen prüfenden Blick zur Tür hin und danach die Treppe hinauf. Es wurde wirklich langsam Zeit, dass sie sich an meine Seite gesellte. Da wurde ich Arvinia gewahr. Ich lächelte ihr zu und freute mich insgeheim für Orest, der gemeinsam mit Ursus nun ebenfalls das atrium betrat. So langsam füllte sich der geräumige Raum, sowohl mit den Gästen als auch mit beständigem Murmeln, zu dem der kleine Springbrunnen am impluvium seinen Teil beitrug.

    Was Decimus Livianus und Annaeus Florus betraf, hatte ich mir durchaus meine Meinung gebildet. Dass es nicht leicht sein würde, davon wieder abzuweichen, war eine Sache, die mir zu eigen war. Jeder Mensch hatte seine Schwächen. Auch Ursus mochte welche haben, auch wenn er sich nach außen hin anders präsentierte. Ich seufzte tief, nickte dann aber, als er mich bat, mit Macer zu sprechen. Ich würde jemanden schicken, einen Termin mit ihm zu vereinbaren. Unangemeldet dort aufzuschlagen, machte keinen Sinn, nun wo er ein aufwändiges Amt inne hatte.


    "Ja, das plane ich. Die Krankheit hat mich in sehr viel schlechterem Licht dastehen lassen, als ich das beabsichtigt hatte. Mann soll weder mir noch den Aureliern im Allgemeinen nachsagen, dass wir unsere Aufgaben nicht richtig erledigen", erwiderte ich. "Unsere Güter auf Sardinien laufen extrem gut. Wir alle haben Arbeit und erwirtschaften damit eine nicht geringe Menge. Es würde reichen, aber du hast natürlich recht." Es erstaunte mich, dass Ursus tatsächlich in Erwägung zog, dem cultus beizutreten, wo er sich doch sonst immer dagegen ausgesprochen hatte, weil es ihm angeblich nicht läge - oder irrte ich mich da? In jedem Falle beglückwünschte ich nun dieses Interesse. "Ich stelle die Frage mal anders herum: Was könntest du dir denn vorstellen? Du solltest dabei aber auch bedenken, dass es eine zeitintensive Aufgabe ist. Ich weiß nicht, ob dir das neben schola und Acta nicht zu viel werden würde."

    Ich nickte nur. Mehr gab es auch nicht zu sagen zu Cottas Heimkehr. Es war wahrlich an der Zeit, und ich freute mich darauf, ihn wieder hier im Haus zu haben.


    "Ich bitte dich, Titus. Annaeus Florus mag die classis gut geführt haben, aber eine Legion? Er ist ein homo novus, noch dazu politisch nicht sehr involviert, obwohl er einen Senatssitz ergattert hat. Ich möchte wetten, dass niemand im Senat darauf käme, ihm den Legatsposten anzubieten. Und Decimus Livianus mag geeignet sein, hatte aber seine Chance. Wenn du mich fragst, wäre es unklug, nicht zu versuchen, die Möglichkeiten zu nutzen, die du hast", erwiderte ich auf seine mir zu unsicher erscheinenden Worte. "Es wird wohl auch kaum jemand auf die Idee kommen, dich unerfahren zu nennen, wo du doch diesen Tiberius ein Jahr lang vertreten hast. Du musst es nur sagen, dann werde ich mich an Macer wenden. Oder du fragst Tiberius. Er ist schließlich sein Klient. Aber versuchen würde ich es in jedem Falle, wenn ich du wäre." Mich selbst sah ich nicht auf diesem Posten. Würde der Kaiser es befehlen, würde ich mich fügen und ihn annehmen - war ich doch einer der wenigen, die nicht nur derzeit verfügbar war, sondern auch die nöigen Voraussetzungen vorweisen konnte. Aber auf die Idee, mich selbst darauf zu bewerben, kam ich nicht. Das Militär war eine nette Erfahrung gewesen, mehr aber auch nicht für mich. Im Gegensatz zu Ursus, dem das Lagerleben zu gefallen schien.


    "Hm. Einen Rat, wie du schnell an Geld kommen kannst?" Ich runzelte die Stirn. "Ich muss wohl nicht darauf hinweisen, dass unsere Familie das nötige Kleingeld besitzt, um Spiele auszurichten", bemerkte ich mit einem Seitenblick und fuhr dann fort. "Du könntest es im cultus versuchen, die haruspices beispielsweise suchen einen Nachfolger für Gemmius Norus. Oder ein höheres Verwaltungsamt. Sie suchen einen neuen curator aquarum, jetzt wo Macer Prätor ist. Und der curator rei publicae soll angeblich auch neu besetzt werden. Allerdings dürftest du es auf beiden Positionen schwer haben, da Salinator entscheidet, wer das Amt bekommt - und dass er nicht allzu gut auf Patrizier zu sprechen ist, ist leider nicht bloß eine Vermutung, sondern vielmehr eine Tatsache." So schloss ich mit einem leisen Seufzen und zuckte mit den Schultern. "Entweder cultus oder Militär", fasste ich dann salopp zusammen und nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinbecher.

    [Blockierte Grafik: http://img158.imageshack.us/img158/4099/pyrrusqa0.jpg]


    Livius Pyrrus höchst selbst war es, der die Antwort in Wachs gebannt überbrachte. Er begnügte sich allerdings damit, sie einfach dem Türsklaven zu geben, statt sich selbst davon zu überzeugen, dass sie auch tatsächlich ankam. So würde Duccius Vala vermutlich bald die Tafel in Händen halten - sofern der ianitor sie nicht unterschlug.



    Aurelius Corvinus Duccio Valae s.d.


    Ich würde deiner Bitte gern nachkommen und dich für übermorgen* zur cena einladen.


    gez.
    M. Aurel. Corvin.



    Sim-Off:

    * komm einfach vorbei, wann es dir passt :)

    Unter all den Schreiben am heutigen Tage hatte man auch eines von Duccius Vala aus dem Postkasten gefischt. Für eine Antwort allerdings bedurfte es meiner Befragung, und das holte Livius Pyrrus soeben nach. "Ein gewisser Duccius Vala erfragt einen günstigen Zeitpunkt für einen Besuch. Er schreibt von konkreten Anliegen, die er hat", berichtete Pyrrus und hob dann den Blick von der Wachstafel in seinen Händen. "Hmm. Sag ihm, es passt mir übermorgen nach der salutatio gut", erwiderte ich. "Da findet die Prüfungsvorbesprechung dieses neuen Marspriesters statt. Da kannst du nicht. Wie wäre es mit morgen oder am Tag danach?" Ach je, diese Besprechung hatte ich vollkommen vergessen! "Ah. Nun gut. Dann frag ihn, ob er am gleichen Tag abends zur cena kommen möchte." Pyrrus runzelte die Stirn, sagte aber nichts weiter dazu, sondern nickte. "Wie du möchtest."

    Die ungeweinten Tränen in Ursus' Augen ließen mein herz schwer werden. Ich hatte es noch nie gemocht, wenn um mich herum jemand weinte. "Gib dir nicht die Schuld daran, Titus. Du hast alles getan, was in deiner Macht stand. Letztendlich hat sie es selbst so beschlossen. Und es war schon immer schwer, eine Aurelia von einem einmal gefassten Entschluss abzubringen."


    "Appius geht es scheinbar besser. Wir standen ja in ständigem Briefkontakt. Selbst seine Briefe klangen zuletzt beschwingter und voller Tatendrang. ich bin sehr gespannt, was seine zukünftigen Pläne anbelangt. Ahja, er wünscht sich keinen großen Empfang, also werden wir es bei einer einfachen cena belassen, dachte ich mir. Die anderen wissen auch schon bescheid, glaube ich." Zumindest hatte ich ja den Auftrag erteilt, diese Neuigkeit zu verkünden.


    "Ah, schau an", bemerkte ich. Artorius Reatinus war also in Italien. Und er ließ sich als ehemaliger Klient nicht einmal bei mir blicken. Das nahm ich ihm durchaus übel, ganz gleich, wie hoch Ursus den Mann lobte. Mir war seine Begründung damals schon fadenscheinig genug erschienen, mit der er sich aus dem Patronat gewunden hatte, kaum dass er zum Ritter ernannt worden war. Nun denn, ich schob den Gedanken beiseite. "Mit anderen Worten, wärest du dazu bereit und willens, wenn du diese letzte Voraussetzung erfüllen würdest", fasste ich Ursus' Aussage zusammen. "Ich bin mir sicher, dass sich da etwas drehen ließe. Macer ist mit Tiberia Albina verheiratet, und die kenne ich einerseits von früher, andererseits ist sie mit durus verwandt. Es sollte sich also in jedem Falle mit Macer reden lassen. Vielleicht gibt es ja eine weitere Möglichkeit, wie du deine mündliche Prüfung ablegen kannst, ohne auf genügend Mitstreiter zu warten. Das heißt, wenn du das möchtest. Im Senat dürftest du genügend Befürworter haben."