Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Celerina erhob sich und würde den Raum wohl gleich verlassen. Ich würde mit meinem Kopf voller Fragen zurück bleiben. Zumindest glaubte ich es, bis meine Frau sich plötzlich herumdrehte und mich anfunkelte. Plötzlich war sie also sauer. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Sie hatte doch gehen wollen? Perplex sah ich sie an, während sie ihren Sermon herunterbetete. Als sie fragte, ob sie so abstoßend sei, runzelte ich die Stirn und wollte schon verneinend entgegnen, wie es bei solchen Fragen die Pflicht des Ehemannes war, doch Celerina sprach einfach weiter und schrammte damit an der Patina meiner Ehre entlang. Ich tat mein Äußerstes, um ihr weiterhin ins Gesicht zu schauen. Und ich verschloss meine Gefühle vor ihr. Natürlich hatte sie mich eiskalt erwischt.


    Celerinas Gesicht hatte eine rote Färbung angenommen. Ich haderte mit mir, ob ich mich ebenfalls erheben sollte, denn ich war größer als sie. Doch ich entschloss mich, ihr diesen kleinen Triumph zu lassen und blieb sitzen. Stattdessen steckte ich mir eine Muschel halb in den Mund, schlürfte sie aus und legte sie mit einer Grimasse zurück auf die Platte. Ich mochte keine Meeresfrüchte, das hatte sich eben wieder bestätigt. Erst dann hob ich den Blick wieder und sah Celerina an. "Du bist nicht abstoßend. Und ich verstecke mich nicht. Aber ich habe gewisse Pflichten zu erfüllen und bin abends müde. Hättest du es lieber, wenn ich dir die Kleider vom Leib reißen und dich gleich hier auf der cline nehmen würde?" Jetzt stand auch ich auf. Konnte man diesen Disput als unseren ersten Ehestreit betrachten? Ich runzelte verstimmt die Stirn. "Gedulde dich. Ich bitte darum. Wir sehen uns heute abend zur cena", sagte ich gefasst, nickte ihr zu und machte mich dann daran, das tablinum zu verlassen.


    Vermutlich dachte sie nun...ich wusste nicht was sie dachte. Dass ich meine Krankheit noch nicht zur Gänze wieder auskuriert hatte, wäre wohl noch das Angenehmste. Mir ging es selbst nicht so gut bei dem Gedanken daran, wie ich sie abspeiste. Die Müdigkeit war auch nur eine vorgeschobene Ausrede gewesen. Langsam begann diese Dreieckssituation, mir zuzusetzen.

    Ich hatte dieses Hin und Her so dermaßen satt! Ich musste dringend an die frische Luft, sonst würde ich noch daran ersticken. Mit verbissener Miene zog ich durch das nachtschlafende Haus, vorbei an der Küche und diversen anderen Örtlichkeiten, bis ich die an den Garten grenzende exedra erreicht hatte. Mich zog es ins Peristyl, dem überdachten Säulengang. Hier draußen gurgelte und plätscherte es, das waren die einzigen Geräusche, die zu existieren schienen. Hin und wieder durchzuckte ein Blitz den nachtschwarzen Himmeln, offenbarte gezackte Blätter und dichtes Gestrüpp. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Innerlich war ich so aufgewühlt, dass ich beinahe zu platzen drohte. Wie gern hätte ich irgendetwas zerschlagen, doch hinterher würde es mir nur wieder leid tun.


    Also verließ ich die Überdachung und gin geradewegs in den Regen hinein. Im Nu waren meine Haare und der Stoff durchnässt, Wasser rann mir übers Gesicht. Es tat so gut, diese kalte Dusche zu spüren. Inmitten des Gartens blieb ich stehen und wandte das Gesicht gen Wolkenhimmel. Die Hände hatte ich auf Hüfthöhe erhoben, die Handflächen nach oben gekehrt. Als Knabe hatte ich so versucht, die Regentropfen mit dem Mund aufzufangen, jetzt tat ich es wieder.


    Ich stand sicherlich zehn Minuten solchermaßen im Regen. Kälte spürte ich nicht, auch dass ich vor kurzem so krank gewesen war, war mich in jenem Moment gleich. Ich genoss schlichtweg das kalte Fließen des Wassers, diese unbändige Kraft der Natur, die da aus vollen Rohren schoss, nur untermalt von den Blitzen, die Iuppiter schleuderte. Dann hatte ich genug. Ich war inzwischen wenigstens soweit abgekühlt, dass ich wieder klarer denken konnte. Und ich wusste, was mir helfen würde. Ich ging zurück ins Haus und zielstrebig auf Celerinas Gemächer zu. Dass es mitten in der Nacht war, kümmerte mich herzlich wenig, als ich die Tür öffnete und in ihr Zimmer ging. Ich wusste nicht, ob sie schlief oder oberhaupt da war, immerhin hatte Charis etwas von nächtlichen Ausflügen erzählt. Ich ging trotzdem geradewegs auf ihr Bett zu. Meine Augen hatten sich sehr schnell an die Dunkelheit gewöhnt, und ich erkannte jetzt, dass sie tatsächlich dort lag. Ob sie schlief oder wach war, wusste ich nicht - es war mir in diesem Moment aber gleichgültig. Ich war ein wenig grob, das war mir durchaus bewusst, aber ich hatte eine hundsmiserable Laune - und Celerina hatte sich ohnehin beschwert, dass ich sie nicht öfter aufsuchte. Vermutlich bot ich ihr so nur einen weiteren Grund zur Unzufriedenheit.


    Es klatschte - meine durchnässte tunica fiel auf den Boden. Dann zog ich Celerina schlichtweg die Decke fort und schob ihr Schlafgewand aus dem Weg, um sie zu nehmen, schlafend oder wach. Für mich zählte jetzt nurmehr das Ziel, das diese Begegnung haben würde. Ich schwieg, abgesehen von gelegentlichem Schnaufen. Es war wie Raserei. Ich war über ihr, und ich griff fest zu, denn ich wollte selbst den Schmerz spüren. Ohne Zweifel hatte ich sie inzwischen geweckt.

    Die Tür öffnete sich, fiel dann wieder ins Schloss, als Siv versuchte, sich zwischen die Tür zu drängen. Ich funktelte sie zornig an. Ich griff sie grob am Oberarm und schob sie einfach aus dem Weg. Hässliche Dinge kamen mir in den Sinn und verursachten, dass ich vor mir selbst erschrak. Das hielt mich allerdings nicht davon ab, ihr die schöneren der hässlichen Dinge an den Kopf zu werfen. "Ja, was weißt du schon", sagte ich gehässig. "Ich bin dieses Theater so leid, diese immer wieder neue Diskussion. Das zerreißt mich. Es ödet mich an. Und ich kann nichts daran ändern, um es jedem recht zu machen. Hat mich jemand nach meinen Wünschen gefragt? Nach meinen Vorstellungen? Das interessiert hier keinen, nicht einmal die Götter. Solange du die Familie achtest und die Götter, wird alles gut - ha, dass ich nicht lache! Seitdem ich nach Rom gekommen bin, passiert eine schreckliche Sache nach der anderen. Ich habe Pech, bin gezeichnet durch die Parzen. Mir steht das alles bis hier!" Ich machte eine shwungvolle Geste zur Unterstreichung meiner Worte, die tatsächlich extremst pessimistisch und verdreht waren. Immerhin waren auch gute Dinge passiert, seitdem ich in Rom lebte. An und für sich gesehen womöglich sogar mehr als Negatives. Doch das sah ich nicht. Ich sah es nicht, weil ich es nicht sehen wollte. Außerdem vermischte ich so ziemlich alles, was sich vermischen ließ. Der Wein, den ich am Abend getrunken hatte, tat sein übriges. Erneut schob ich Siv unsanft beiseite. Am nächsten Morgen würden meine Finger blaue Abdrücke hinterlassen haben. "Aber warum erzähle ich dir das. Und jetzt geh mir aus dem Weg. Ich muss an die frische Luft. Du bleibst hier, ich kann dich nicht gebrauchen." Und damit verließ ich meine Gemächer, und wenn sich klug war, blieb sie tatsächlich, wo sie war.

    Zunächst sagte sie nichts, dann klang sie, als stünde sie zwischen Wut und Weinen und versuchte, nicht von dem schmalen Grat dazwischen in irgendeine Richtung zu kippen. Es war, als hätte Siv ein Ventil geöffnet, durch das es nun zischte und dampfte. Mir ging es auf gewisse Weise gut dabei, wenngleich die Thematik alles andere als leicht verdaulich war. Gut, sie war alt, dementsprechen hatte Siv durchaus recht, was die Wiederholung derselben Diskussion betraf - doch es war mir egal.


    "Ach!" blaffte ich sie direkt nach ihrer Frage an, ob ich sie wegschicken würde. Als ob ich eine schwangere Frau quer durch Italien schicken würde! Was glaubte sie denn, wer ich war? Ich machte eine wegwerfende Geste und schnaubte verächtlich. "Das wäre wohl das Beste, meinst du nicht auch? Dann wäre ich alles mit einem Schlag los und könnte mich wichtigeren Dingen widmen als diesen Streitereien mit einer Schwangeren! Weißt du was? Mir reicht es!" Ich schlug die Decke zurück und war aufgestanden, ehe Siv noch recht schalten konnte, was geschah. Mit ein paar schnellen Schritten war ich bei der Tür, unterwegs hatte ich mir eine tunica geschnappt, die ich mir soeben umständlich über den Kopf streifte. Ich wusste noch nicht, wohin ich gehen würde, aber ich hatte das dringende Bedürfnis, dem Zimmer und der immer wiederkehrenden Diskussion mit Siv zu entkommen. Ich streckte die Hand nach der Klinke aus und war gerade im Begriff, die Tür aufzureißen, als...

    Meine Brauen rutschten ein wenig nach oben, als Celerina plötzlich ganz interessiert wirkte. Sie verwirrte mich. Wollte sie, dass ich mehr erzählte? Mehr wovon? Ich runzelte die Stirn und beschloss, nachzufragen, doch ehe es dazu kommen konnte, wirkte sie enttäuscht. Obwohl es gut war, legte sie dann ihr Häppchen kaum angebissen zurück auf den Teller. Ich gab es auf, diese Frau verstehen zu wollen, zumal sie kurz darauf beinahe schnippisch und entnervt klang. Blinzelnd versuchte ich, zu erahnen, was Celerina überhaupt wollte, das ich tat. Was ich überhaupt gewollt hatte, als ich sie hierher gebeten hatte. Es wollte mir partout nicht mehr in den Sinn kommen. Da war die Sache mit den Olivengütern - doch das nun anzusprechen, wäre selbst mir seltsam vorgekommen. Das konnte man auch später noch regeln. "Hm, nein. Nichts, was man auch später noch klären könnte", erwiderte ich also und sah sie flüchtig an. Warum sie plötzlich den augenscheinlichen Drang verspürte zu fliehen, ging mir einfach nicht auf. Aber ich würde sie nicht zurückhalten, wenn sie gehen wollte.

    Spielte Siv ihre Unwissenheit? War sie so unverfroren? Ich mochte es nicht glauben. Bestimmt dachte sie nur daran nicht, dass es unpassend wäre, ein nicht anerkanntes Kind nach meiner Familie zu nennen. Wieder überlegte ich. Wenn jedermann wusste, dass das Kind von mir war, wäre daran noch nichts Schlimmes. Abgesehen von Celerinas Empfinden vielleicht. Das Kind, gleich ob Junge oder Mädchen, konnte ich aber nicht anerkennen, es nicht offiziell zu meinem Sohn oder meiner Tochter machen. Im Grunde blieb dann nur mehr ein Schritt übrig, den ich in Angriff nehmen konnte. Aber wollte ich das?


    "Es würde implizieren, dass ich nach außen hin dazu stehe, wenn das Kind einen dieser Namen bekommt", sagte ich schlicht. Ich hörte, wie Siv sich die Zukunft scheinbar unbedacht ausmalte. Sie wollte allem Anschein nach alles so beibehalten, wie es war. Ich schwieg und fragte mich, ob sie die Situation nicht belastete. Natürlich musste sie das. Zu Wissen, dass man nicht an dem Platz sein konnte, an dem man sein wollte, an den man gehörte, belastete einen ganz sicherlich. Aber mich wollte sie etwas anderes glauben machen Ich richtete mich auf, setzte mich hin und stützte mich mit einer Hand ab. Ein wenig verärgert sah ich sie an. "Glaubst du, ich weiß nicht, dass das eine verfahrene Situation ist?" fragte ich sie und herrschte Siv damit unnötig an. "Ich kann nicht ewig so weitermachen. Glaubst du denn, es wir bei einem Kind bleiben, wenn das so weiter geht? Denkst du, Celerina wird nicht dahinter kommen? Ich kann mir eine öffentliche Bloßstellung nicht leisten, Siv!" Es tat gut, etwas Dampf abzulassen, ob das nun berechtigt war oder nicht. "Das zermürbt mich", sagte ich. "Das geht nicht länger so weiter. Ich..." Ich fuhr mir durchs Haar und sah Siv dann an, und der Ausdruck in ihre Augen ließ mich tief seufzen und den Kopf schütteln.

    "Sehr gut." Ich sah zu Laevina und Arvinia hinüber. "Gibt es sonst noch etwas zu klären?" Mir fiel zwar auf Anhieb nichts ein, aber es mochte auch gut sein, dass ich etwas vergaß. Auch ein Corvinus konnte nicht an alles denken. :D


    Es galt dann, bald alles nötige vorzubereiten. Es würde nicht mehr lange dauern bis zur Hochzeit. Laevina würde Hilfe benötigen beim Weben der tunica recta. Vielleicht wollte sie aber auch eine kaufen, wer wusste das schon? Ich war in jedem Falle dafür, dass sie sie selbst webte, wie es Tradition war. Und mit etwas Hilfe sollte es auch zu schaffen sein. "Ah, wenn du mit Albina sprichst, kannst du ihr sagen, dass sie gern schon vorher eingeladen ist, vorbeizuschauen. Oder Laevina kann sie besuchen. Wie es ihr lieber ist." Frauendinge, eben.

    Ich nickte. Das war ein Kompromiss, mit dem ich leben konnte. Nicht, dass ich einen Streit mit den Claudiern hatte. Nur war es mir lieber, ich müsste mich auf Laevinas Hochzeit nicht mit meiner ehemaligen Adoptivschwester und Verlobten beschäftigen, und das wäre dann unweigerlich der Fall gewesen. Außerdem war aus Menecrates ein seltsamer alter Kauz geworden, das hatte ich auch auf Durus' letztem Gastmahl festgestellt. Hoffentlich wurde ich nicht so, wenn ich alt war.


    Auf Durus' Frage hin konnte ich leider nur bedauernd den Kopf schütteln und verneinen. "Das würde sie sicherlich gern, aber Celerina war bereits einmal verheiratet", erklärte ich. Wovon kaum einer wusste - ebenso, wie von dem mysteriösen Tod, den ihr Exmann erlitten hatte, mich eingeschlossen. "Aber was wäre mit Albina? Sie würde sich doch hervorragend eignen", schlug ich stattdessen vor. Ich kannte Albina, und sie würde Laevina sicherlich eine wertvolle Stütze sein.

    Ich war eben von einer Tempelbesichtigung gekommen und beim Hereinkommen wie immer Leone über den Weg gelaufen. Während der letzten paar Tage hatte ein fragender Blick genügt, doch Leone hatte stets den Kopf geschüttelt, wenn ich ihn stumm gefragt hatte, ob Minervinas Leichnam während meiner Abwesenheit eingetroffen war. Heute aber öffnete er mir die Tür und strahlte mich an. Ursus hatte den Weg nach Hause gefunden und befinde sich im tablinum, teilte er mir mit. Ich reichte ihm meinen Umhang und machte mich auf, um ihn zu begrüßen. Es war ein gefühlt langer Weg, auf dem ich dennoch nicht genug Zeit hatte, um mir die passenden Worte zurechtzulegen.


    Im Raum saß bereits meine Frau. Zwischen ihnen stand ein ansehnlicher Obstteller. Und wider Erwarten strahlte Ursus förmlich. Dieses Lächeln brachte mich vollends aus dem Konzept, so dass ich auch die spärlichen Worte vergaß, die mir auf dem Weg hierher eingefallen waren. Ich blieb in der Türöffnung stehen. "Titus. Wie schön, dass du zu Hause bist", sagte ich, und für meinen Geschmack klang es etwas zu aufgesetzt, obwohl es ganz bestimmt nicht so gemeint war. Mich irritierte nur das Lächeln auf seinen Zügen, wo doch eigentlich tiefe Trauer stehen sollte. Ich gab mir einen ruck, stieß mich ab und ging auf meinen Neffen zu, um ihn zu umarmen.

    Es schien so, als hätte ich mit meiner Frage nicht nur mich selbst abgelenkt, sondern auch Siv auf andere Gedanken gebracht. Zumindest wirkte es so, als sei sie gedanklich irgendwo ganz anders gewesen. Sie sah mich fragend an und zögerte, dann teilte sie mir ihre Ideen mit. Eila oder Ferun. Ingraban oder Sintram. Germanische Namen. Ich hätte damit rechnen sollen, hatte es aber nicht. Die Bedeutung hinter den Nameen blieb mir verborgen. Für Siv war es nur logisch, ihrem Kind einen germanischen Namen zu geben. Warum auch sollte es einen römischen erhalten? Überlegungen, die mich wieder über die Möglichkeit nachdenken ließen, die mir schon einige Male in den Sinn gekommen waren. Ich musste auch an den Besuch von Duccius Vala denken. Die Duccier trugen zwei Namen. Das Kind in Sivs Bauch würde auch ein Kind zweier Welten sein.


    So richtig sagte mir keiner der Namen zu. Ich dachte noch darüber nach, als Siv ihre Gegenfrage stelte. Ich nickte. "Severina", sagte ich augenblicklich. Meine Mutter hatte so geheißen, und für einen Römer war es ganz normal, dass man die Kinder durchnummerierte oder ihnen bereits in der Familie vorkommende Namen gab. "Prisca. Oder Corvina. Wenn es ein Mädchen wird. Wird es ein Junge, vielleicht Marcus Cotta." Ich hatte Cotta sehr geschätzt. Dann fiel mir ein, dass es wohl wenig von Vorteil war, wenn man das Kind direkt mit mir in Verbindung bringen konnte, weil es hieß wie mein rechtmäßiger Spross. Ich seufzte und schüttelte den Kopf. "Besser nicht." Diese Namen würden für Celerinas Kinder herhalten müssen. Die Kinder, die ich anerkennen konnte, ohne damit der familia zu schaden. Ich drehte mich auf die Seite und vergrub mein Gesicht in Sivs Haaren. "Was machen wir, wenn es da ist?" fragte ich unbestimmt.

    Es knisterte Leise. Ich stellte mir vor, dieses verheißungsvolle Geräusch sei die Vorfreude der Götter. Wie konnten sie anders zum Ausdruck bringen, dass sie anwesend waren? Die Räuchermischung zischte und schmurgelte leise. Rauch wand sich empor. Schlängelte sich um die Kopfe der Figürchen, zu denen sich eine neue gesellt hatte. Wieder einmal. Das Geschlecht der Aurelier war nicht mehr so stark wie einst. Immer weniger Kinder wurden geboren, immer mehr von uns schieden dahin. Wenige zog es nach Rom. Viele hielten sich lieber fern von Politik und Intrige, Lärm und Dreck. Ich betrachtete die schmale Figur, die als letztes hinzu gekommen war. Ein Schleier verbarg die jugendlichen Züge, die, kunstvoll geschnitzt, dennoch zu erahnen waren.


    Bald würde ihr Bruder hier eintreffen. Bisher hatte ich keine Nachricht von ihm. Ich seufzte tief. "Dis Pater, gewähre meiner kleinen Nichte eine sichere und schnelle Reise nach Hause", bat ich den Gott der Unterwelt. "Lass ihren Körper schnell heimkehren, damit wir sie bestatten können, wie es Recht und Sitte ist." Ich brach ein Küchlein und legte beide Teile vor die finster dreinblickende Statuette des Pluto. In Gedanken sprach ich erneut ein Gebet. Minervinas Figur platzierte ich etwas abseits der Familie. Nicht, dass sie nicht hinzugehört hätte. Doch noch war nicht sicher, dass sie in Frieden ins Totenreich eintreten würde. Es mochte sein, dass in larva an ihr haftete, bis sie endlich ihren Frieden gefunden hatte. Mit dem Zeigefinger strich ich der Figur über den Kopf. "Kehre schnell heim." Dann wandte ich mich nach rechts und verließ den Raum. Dabei zog ich mir den Zipfel der toga vom Kopf. Ich hatte heute noch eine Priesterprüfung abzunehmen und musste mich beeilen.

    Anders. Ha, anders war es mit Helena nicht gewesen, fand ich. Sie hatte auch den Lebenswillen verloren und sich damit selbst beinahe umgebracht. Was zählten da schon die Gründe? Aber Siv konnte sich das nicht vorstellen. Sie war eine Frohnatur und ganz anders als Helena oder Minervina. Vielleicht war in ihrer Heimat auch nie so ein Fall eingetreten. Vorstellen konnte ich mir das zumindest recht gut. Die Germanen lebten einfacher und zwangloser. Um nicht zu sagen zügellos.


    Was passiert war, wollten die Götter also. Wieso wollten sie das? Wenn ich das nur gewusst hätte. Hatten wir denn so viel Schlechtes auf uns geladen, dass sie nach Helenas Selbstmordversuch, Cottas Schwäche und Orestes' Wanken nun Minervina zu sich holten? Ich schüttelte frustriert den Kopf, sagte aber nichts weiter. Es gab nichts, das ich hätte sagen können. Nichts würde meine Nichte wiederauferstehen lassen. Helligkeit durchzuckte das Zimmer. Ich schloss die Augen und drehte den Kopf zu Siv. Ihr Haar roch angenehm. Ich sollte vielleicht mehr Wein trinken, um Minervina zu vergessen. Oder mich von Siv ablenken lassen, wie auch immer. Allerdings stand mir der Sinn gerade nicht nach Ablenkung dieser Art. "Wie willst du es nennen?" fragte ich daher unvermittelt, in der Hoffnung, mich auf diese Weise ablenken zu können. Interessant war, das bisher niemand mich direkt auf Sivs Schwangerschaft angesprochen hatte. Nicht einmal indirekt. Ob Siv jemand nach dem Vater gefragt hatte? Vielleicht hatte sie es mir nur nicht erzählt? Gerüchte waren eine schlimme Sache, zumindest in der Theorie. In der Praxis würde sich wohl niemand groß darum scheren, dass Siv mein Kind austrug. Bis auf Celerina vielleicht. Und zumindest, solange ich es nicht anerkannte.

    "Nicht?" fragte ich enttäuscht auf ihre Bemerkung hin, sie sei kein kleines Mädchen mehr. Selbstverständlich wollte ich sie damit aufziehen. "Für mich wirst du immer meine kleine Prisca bleiben", versicherte ich ihr dann umgehend, legte ihr den Arm um die Schultern und grinste. "Hm. Um ehrlich zu sein... Celerina sagte, dass ihre Freundinnen sie eingeladen hätten. Ich vermute derzeit nicht anderes als ein Kaffeekränzchen dahinter. Tut mir leid. Ich denke nicht, dass ich sonderlich gut in eine Horde schuhbegeisterter Frauenzimmer passen würde." Ich stockte und sah an mir herunter. "Nun ja, zumindest nicht mit den Schuhen..." bemerkte ich schmunzelnd. Noch wusste ich ja nicht, dass sich auch Senatoren dort tummeln würden. Und auch nicht, dass Celerina unpässlich sein und ich damit verschont bleiben würde.


    Dass sie plötzlich Stockte und empört realisierte, dass wohl auch Männer bei dem geplanten Ausflug zu den Spielen dabei sein würden, nahm ich selbstverständlich für bare Münze. Dementsprechend ernst war mein Ausdruck auch. "Sofern dieser reiche Plebejer sich anständig verhält, schon. Sollte aber jemand zudringlich werden, hoffe ich, dass Hektor und Trautwini sich entsprechend darum kümmern werden, denn die beiden werden dich begleiten, da lasse ich nicht mit mir diskutieren. Aber wenn einer deinen Vorstellungen entspricht, ist das natürlich umso besser. Sofern er von entsprechendem Stand ist und über die nötigen Mittel verfügt, heißt das." Ich nickte gewichtig. Prisca an den Erstbesten zu verschachern, war für mich unmöglich.


    Ich sah wieder zu den Pflanzen hin, gepresst atmend. "Das waren keine Tiere. Hier sind nirgendwo Spuren", bemerkte ich aufgebracht. Hatte sie eben 'Das wächst wieder nach' gesagt? Anklagend sah ich Prisca an. "Das sind - waren! - Orchideen, Prisca!" sagte ich, als sei damit alles Nötige gesagt. Dann erinnerte ich mich, dass ich derjenige war, der sich in dieser Familie für exotische Pflanzen interessierte. "Die brauchen eine halbe Ewigkeit, bis die wieder so hoch sind wie sie mal waren. Mpf." Ich zog eine verärgerte Grimasse, hakte mich bei Prisca unter und zog sie verstimmt fort vom Ort des Geschehens. Das würde ein Nachspiel haben. Für wen auch immer. "Komm, lass uns hier entlang gehen. Darum kümmere ich mich später. Erzähl mir lieber, wie es dir sonst so geht? Hast du in letzter Zeit aufregende Dinge erlebt?"

    "Empfehlen? Hm..." Ich überlegte, aber nur kurz. "Im Grunde ist jedes Amt im cursus honorum ein ehrenvolles Amt. Du solltest den Senat wissen lassen, dass du jedes Amt ausführen würdest. Als ich die Wahl hatte, hatte ich es auch so gehandhabt. Sie werden dich fragen, welche Position du bevorzugst und warum. Ich habe damals nicht in die Provinzen geschickt werden wollen und das auch gesagt. Was du letztendlich wählst und ob du selbst in diese Position gewählt werden wirst, ist eigentlich einzig und allein deine Entscheidung. Vielleicht reist du ja gern und willst es deswegen anders handhaben als ich?" Ich zuckte mit einer Schulter. "Ich kann dir da keine Empfehlung erteilen. Aber ich weiß, dass du in jeder Position dein Bestes geben wirst."

    Wer wusste nicht, dass Durus die Germanicer nicht riechen konnte? In ganz Rom gab es gewiss keinen, der es nicht wusste. Ich hätte allerdings darauf gehofft, dass er mit sich reden ließe. Wie verfahren die Situation in Wirklichkeit war, realisierte ich erst jetzt. Es erschien mir äußerst makaber, dass Durus lieber einen Vescularius auf der Gästeliste gesehen hatte als einen Germanicus. Ich hätte augenblicklich benennen könne, welcher von beiden das kleinere Übel war. Als Durus seine Ablehnung kund tat, hob ich nur die Brauen, sagte aber vorerst nichts dazu. Durus machte deutlich, dass die Einladung eines Germanicus nicht zur Debatte stand. Als er jedoch das Gemeinwohl ansprach, blickte ich ziemlich verdutzt drein und versuchte, diese Reaktion zu verstehen. Ich brauchte einen Moment dazu, streifte beim Sammeln Arvinia und Laevina mit einem Blick.


    "Ich bitte dich, mein Freund, was hat Germanicus Avarus schon groß getan, um der res publica zu schaden? Sicher, er hat so manches Mal eine recht gewöhnungsbedürftige Sicht der Dinge, und diesen gotteslästerlichen Ausfall von damals schätze ich ganz gewiss nicht. Aber er zählt dennoch zu den führenden Senatoren Roms mit seinen Anhängern, das dürfen wir nicht vergessen." Ich runzelte die Stirn. Schließlich wollte ich nicht in letzter Sekunde noch einen Streit vom Zaun brechen. Diplomatie wäre also von Vorteil. "Nun denn, lassen wir das. Du weißt, dass ich deine Ansichten teile. Der Germanicus hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich wäre zu einem Kompromiss bereit. Wir lassen die Germanicer außen vor, wenn auch kein Claudier kommen wird. Zumindest nicht Menecrates mit seiner Gattin. Vermutlich würde Avarus ohnehin nicht kommen, da es deine Hochzeit ist. Da hast du wohl recht."

    "Mhmm", machte ich, in Gedanken versunken. Vielleicht hatte sie deswegen dieses rote Kleid haben wollen. Nun, wenn Prisca dabei sein würde, wäre es vielleicht doch nicht ganz so schlimm. Andererseits war sie eine junge Frau, und sie würde sich vermutlich liebend gern über Sandalen und Stoffe und Diäten unterhalten. Zumindest lieber, als mit mir dem Ende der Festivität entgegen zu fiebern. Noch wusste ich nicht, dass Celerina das Fest doch nicht besuchen würde, doch sobald ich es wissen würde, wäre ich wieder guter Dinge.


    Vorerst jedoch hatte ich mit der Entrüstung meiner Ehefrau zu kämpfen. Und mit meiner eigenen Verwunderung darüber, dass sie exotisch aß, aber doch nicht schwanger war. Vielleicht konnte man das Essverhalten verschiedener Frauen eben doch nicht miteinander vergleichen? "Ehm. Entschuldige bitte. Ich meine: Schade. Ich dachte nur..." Ich versuchte, den Kloß hinunterzuschlucken, der sich rasend schnell gebildet hatte, und bog die Mundwinkel nach oben. "Vielleicht sollte ich öfter... Nun ja. Schmeckt es dir wenigstens?" Welche Desaster, in das ich mich selbst hineinmanövriert hatte!

    Ich überlegte. "Wir sollten unserem patronus zumindest eine formale Einladung zukommen lassen, auch wenn er wohl deswegen nicht anreisen wird. Außerdem halte ich es für angemessen, Germanicus Avarus ebenfalls einzuladen. Ich weiß", sprach ich schnell weiter, "dass du ihn nicht ausstehen kannst. Allerdings hege ich keinen Groll gegen ihn, wenngleich er hin und wieder etwas eigen ist. Ich würde viel eher auf Claudius Menecrates verzichten. Er scheint sich ohnehin zurückgezogen zu haben, zumindest sieht und hört man von ihm nichts mehr." Von seinem Auftritt während Durus' Gastmahl einmal abgesehen.

    Phelan? Ah, ich erinnerte mich. "Ist das nicht für euch ziemlich verwirrend, wenn ihr zwei Namen tragt?" fragte ich Vala. "Und wenn nicht für euch, so nach außen hin. Ich hätte mit dem Namen Phelan nichts anfangen können." Schmunzelnd griff ich nach meinem Becher und trank einen Schluck. Es freute mich, dass Duccius Verus scheinbar so hart für die Götter und ihre Gläubigen arbeitete. Ich war mir sicher, dass er irgendwann eines der höheren Ämter des Provinzkultes bekleiden würde.


    Die Nachfrage musste ich nicht entschuldigen, sie war schließlich berechtigt. So platzierte ich das Trinkgefäß wieder auf dem Tisch und wandte mich erneut Vala zu. "'Viel' kann man so und so definieren. Ich kenne Verus und Lando, Verus von seiner Ausbildung her und Lando, weil er für mich arbeitet. Ich bin auctor der Acta Diurna, Lando ist einer der subauctores. Und ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich bisher nur von ihr gehört oder Duccia Venusia tatsächlich auch kennengelernt habe. Aber im Prinzip war es das auch schon. Die wenigen Bekanntschaften mögen nicht ausreichen, um mir ein Gesamtbild zu machen, aber sie reichen für einen durchwegs positiven ersten Eindruck. Beantwortet das deine Frage?" Ich schmunzelte, verlor den freundlichen Gesichtsausdruck jedoch, als Vala erneut den Stadtpräfekten ansprach. "Das ist richtig, aber fragwürdig. Denn der Senat ist eine der tragenden Säulen Roms, und Vescularius geht nicht immer mit der Meinung des Senats konform. Ob er nun mit unserem Kaiser verbrüdert ist oder nicht." Es war im Grunde wohl nur eine Frage der Zeit, wann es zu ersten öffentlichen Reibereien kommen würde. "Zumal ich persönlich manchmal glaube, dass Valerian nicht recht darüber informiert ist, was sein Stellvertreter in Rom so treibt. Aber das ist eine Mutmaßung. Leider findet man kaum etwas Hilfreiches heraus. Es bleibt wohl nur, abzuwarten."


    "Hm", machte ich dann, als er wieder von der geplanten Renovierung sprach. "Das ist natürlich deine Entscheidung, ich will dir da nicht reinreden. Ich halte es nur für durchaus lohnenswert, das Grundstück zu veräußern. Wie die Bausubstanz aussieht, kann ich nicht beurteilen."

    Ich erwiderte den fragenden Blick meines Mündels mit einem Nicken. "Ich bin mit allem einverstanden", sagte ich. "Meinen Glückwunsch, Laevina. Du heiratest einen bedeutenden Mann Roms." Ein Lächeln folgte, dann prostete ich ihr und Durus mit meinem Weinbecher zu, vergoss einen Schluck für die Götter und trank hernach selbst vom Rebensaft.


    Durus war nicht nur mit allen Wassern gewaschen, sondern auch gut vorbereitet, wie ich kurz darauf feststellen musste. Er hatte bereits einen Ehevertrag aufsetzen lassen und reichte ihn nun Laevina zur Unterschrift. Vermutlich würde es einen weiteren Vertrag bezüglich der dos geben, überlegte ich. Und irgendwo musste auch ich noch meine auctoritas verschriftlichen, damit der Ehe nichts im Weg stand. "Wen wollt ihr einladen?" fragte ich außerdem.