Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Nicht ganz also. Nicht, dass mir diese Formulierung etwas über die Beziehung der Germanica zu meiner Frau gesagt hätte. Genau genommen hatte ich immer gedacht, dass man entweder befreundet war - oder eben nicht. Wie viele verschiedene Abstufungen die Freundschaft haben konnte, war mir zwar klar, dch das Grundprinzip war recht einfach. So nickte ich nur zustimmend und machte mich darauf gefasst, einen Abend als unnützes Anhängsel meiner Frau zu verbringen. Wenn es sie denn glücklich machte, dass ich sie begleitete, wäre das zumindest ein strategischer Grund, aus dem ich dieses Kaffeekränzchen nicht verpassen sollte. Einen anderen sah ich gegenwärtig nicht.


    Die beiden erschienen mir zudem auch nicht sehr gesprächig. Die Iunia war dabei noch schweigsamer als ihre Begleitung. Ich überlegte nach einem Gesprächsthema, das beide ansprechen mochte. "Habt ihr denn schon öfter solch großen Opferzeremonien beigewohnt?" Immerhin mochte es auch gut sein, dass die beiden neu in Roma waren und bisher nur kleine Riten auf dem Land gesehen hatten.

    Es war deutlich, dass es Durus egal war, was Laevina sich wünschte und wie sie dazu stand. Ich hob eine Braue und unterdrückte abermals ein Schmunzeln. "Wenn ich dir einen Rat geben darf, mein Freund: Unterschätze nicht die Launen einer Ehefrau, auch nicht die einer zukünftigen. Ist sie zufrieden, lebt es sich leichter, glaub mir. Allein schon deswegen solltest du ihr zeigen, dass sie ein gewisses Mitbestimmungsrecht hat", sagte ich zu ihm und dachte dabei an Celerina. Mir ging es so, Bekannten ging es ebenfalls so - und Durus würde es wohl nicht anders ergehen.


    Das, was Durus Orestes für Arvinia anbzubieten gedachte, war zwar nicht herausragend, aber passabel - ebenso wie das, was ich geboten hatte. Orest war noch kein Senator, obschon auf dem besten Wege dorthin, dafür allerdings ein angesehener augur. "Das klingt mir nach einem sehr vernünftigen Angebot. Allerdings wäre es mir lieber, mein Vetter würde sich selbst mit dir darüber unterhalten. Im Idealfall wird er nur einmal über eine dos verhandeln, die er bekommt, diese Chance will ich ihm sicherlich nicht wegschnappen." Ich grinste Durus an. Wo steckte Orest nur? Später am Abend sollten wir erfahren, dass er sich übergeben hatte und nach Hause geleitet worden war. Die Verhandlungen würden ein wenig später stattfinden.


    In diesem Moment waren die Stimmen der Mädchen zu hören? Kamen sie tatsächlich in genau dem Moment zurück ins Haus, in dem wir die Verhandlungen sozusagen beendet hatten?

    In dem kurzen Moment, bevor es klopfte, wusste ich nicht recht, was ich sagen sollte. Einerseits schien Siv glücklich zu sein, vielleicht auch froh, weil ich nicht gestorben war - so schlecht war es mir nun auch wieder nicht gegangen. Andererseits wirkte sie auch betrübt, wie ich fand, doch die Gründe hierfür konnte ich kaum erahnen. Vermutlich zermürbte die Langeweile sie doch allmählich. Vielleicht fand sich auch eine Tätigkeit für sie, die sie mehr forderte? Doch den Gedanken verwarf ich schneller als er meinem schwachen Geist entgleiten konnte. Brix wäre nicht Brix gewesen, wenn er nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft hätte.


    So blieb mir denn nichts weiter übrig, als die Augen zu schließen und den flüchtigen Moment zu genießen, in dem wir beieinander waren. Siv liebte mich, das sagte sie mir und sie sagte es laut. Ich erwiderte nichts. Keine Worte zumindest. Stattdessen strich ich ihr über die Wange, ehe sie aufsprang und zur Tür lief, um Saba einzulassen. Ich sah ihr hinterher und fühlte mich ein wenig durcheinander. Ein Mann in meiner Stellung sollte wissen, was gut für ihn war, und das war es ganz sicher nicht. Dennoch hätte ich um ein Haar auf ihr Bekenntnis geantwortet. Diesen Satz zu sagen, kostete mich allerdings immer noch meine gesamte Willenskraft. Außer einer hatte ihn bisher keiner gehört, und das war es, was mir die Sache so schwierig machte.


    Sabas Eintreten und die Ehrlichkeit in ihrer Stimme waren schön zu hören und freuten mich aufrichtig. Es konnte jetzt wohl nur noch bergauf gehen. "Danke, Saba. Ein Bad, denke ich. Unbedingt zuerst ein Bad. Ich rieche mich schon selbst..." Verschämt lächelnd zog ich mich an der schmalen Anrichte hoch, vor der ich saß, und bewegte mich Richtung Tür. Hilfe nahm ich nicht an, so sie denn kommen sollte, sei es von Siv oder Saba oder beiden. Noch war ich kein alter Mann. Ein wenig kränklich und schwach auf der Brust vielleicht, aber nicht alt. Und das würde ich den beiden auch sagen. Nun ging es also ins Bad. Und der Genesung konnte damit eigentlich nichts mehr im Wege stehen.




    ~ finis ~

    Beipflichtend nickte ich meinem Gast zu. Es wäre nicht nur schade, sondern auch eine Schande, wenn er sich das Kapitol nicht anschauen würde. Das, was Vala anschließend über seine Erfahrung mit dem römischen Lauf der Dinge berichtete, kam mir selbst nur in Teilbereichen bekannt vor. "Ich kann nachvollziehen, was du da sagst, auch wenn das bei mir anders war. Ich habe schon früh gelernt, mich in diesen Dingen zurechtzufinden, und war bereits kurz nach dem Ablegen meiner bulla Magistrat der norditalischen Stadt Mantua. Damals befand sich unser Familiensitz dort. Andererseits weiß ich genau, was du meinst, denn gegenwärtig beschäftige ich mich mit unserem Rechtssystem und finde mich dabei nicht immer so zurecht, wie ich es gern täte. Es gibt viele Eventualitäten und Ausnahmen, und die Dinge erschließen sich mir nicht unbedingt immer sofort. Ähnlich muss es dir gehen. Aber wie du sagst, wird dir dein Arbeitgeber sicherlich gut weiterhelfen können." Ich überlegte, ob ich ihm meine Hilfe anbieten sollte oder nicht, entschied mich aber vorerst dagegen, da er in erster Linie in Balbus' Pflicht stand und jener ihm sicher gut weiterhelfen konnte.


    Ein mildes Lächeln entstand auf meinen Zügen, als Vala seinen Scherz mit dem Reichtum machte. "Ah, du hast mich nur unvorbereitet erwischt", erwiderte ich den Flachs und schmunzelte. "Du wirst mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit auch Römern begegnen, die bereits von weitem glitzern und funkeln und somit versuchen, ihr geringes Selbst aufzuwerten. Aber eigentlich dürftest du tatsächlich nicht enttäuscht sein, wenn ich es recht bedenke. Du dürftest Decimus Duccius Verus kennen, und er kennt mich und hat schließlich seine Ausbildung in Rom vollendet. Da hat er dir gewiss das ein oder andere erzählt?" Auf diese Weise würde ich nun sicher auch erfahren, wie Verus und Vala verbunden waren und vielleicht auch, wie es ihm erging. "Ich schätze deinen Verwandten sehr. Er ist verantwortungsbewusst und zielstrebig. Wenn ich es recht bedenke, habe ich bisher noch keinen Duccier getroffen, der das nicht wäre", überlegte ich vor mich hin.


    Ich hob abwehrend die Hände und lachte dabei. “Oh, immer langsam. Der Kaiser ist gegenwärtig nicht in Rom, das ist richtig. Er hält sich in Misenum auf. Was er dort tut und weshalb er dort ist, kann ich dir nicht sagen“, führte ich aus, obwohl das nicht ganz den Tatsachen entsprach. Als auctor erfuhr man einiges mehr als andere, doch bedeutete dies nicht, dass man das, was man wusste, allen weitererzählen durfte. “Der Stadtpräfekt…Vescularius….versucht, in Abwesenheit des Kaisers die Geschicke des Reiches so gut als möglich zu lenken. Einige empfinden seine Maßnahmen dabei vielleicht als unorthodox oder zu radikal...“ Ich schwieg und runzelte die Stirn. Ich überlegte, ob ich dem jungen Mann sagen sollte, wie ich selbst dazu stand. “Vescularius Salinator und unser Kaiser sind durch eine tiefe Freundschaft miteinander verbunden, heißt es. Nur so kann ich mir erklären, weshalb er seinem Stadtpräfekten über eine so lange Periode absolut freie Hand lässt. Ich persönlich sähe es nur zu gern, wenn der Kaiser gesunden und seinen Platz hier in Rom wieder selbst einnehmen würde.“ Das war diplomatisch genug ausgedrückt, um es zu verstehen, es aber auch gleichzeitig nicht gegen mich verwenden zu können.


    “Was die beiden Senatoren anbelangt, kann ich dir leider auch nicht viel mehr erzählen, als mir erzählt wurde. Ich war einige Zeit lang gesundheitlich nicht auf der Höhe, weshalb einige Sitzungen im Senat ohne mich stattfanden. Aber einige Klienten haben mir erzählt, dass es wohl einen Prozess gegeben hat aufgrund verleumderischer Äußerungen, und dass das Urteil dieses Prozesses dergestalt ausfiel, wie du es wohl erlebt hast. Es sollte eine öffentliche Aussöhnung mit Opfer sein. Wie lange sie etwas bringt, wird man sehen. Aber du hast recht, das hätte nicht unbedingt öffentlich sein müssen, da bin ich mit dir einer Meinung. Allerdings – so macht man auch von sich reden.“ Ich grinste.


    Ich überlegte. In der domus der Duccier war ich bisher nicht gewesen. Ich konnte mich allerdings daran erinnern, wie sie von außen aussah. So heruntergekommen hatte sie auf mich nicht gewirkt. Aber vielleicht hatte ich das Haus auch schlecht in Erinnerung. “Habt ihr schon mit dem Gedanken gespielt, es zu verkaufen? Unsaniert, meine ich? Soweit ich mich erinnern kann, liegt das Grundstück nicht schlecht. Es dürfte einige Interessenten dafür geben, vom Haus einmal abgesehen. Und wenn deine Familie nicht oft in Rom weilt, ist es auf Dauer sogar günstiger, das Haus abzustoßen und bei den wenigen Gelegenheiten bei Freunden oder in einem Gästehaus unterzukommen.“

    Ich nickte beipflichtend und goss mehr Wein ein. "Wir werden sie mit allen Ehre verabschieden", stellte ich fest und nickte abermals, mehr zu mir selbst als zu Orestes. "Ja. Dank den Göttern." Und als Trankopfer goss ich einen Schwapp Wein auf den Boden. Eine Weile hing ich - und Orestes vielleicht auch - meinen eigenen Gedanken nach. Dann fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht und stellte seufzend den Becher zurück. Gung Trübsal, irgendwann musste man weitermachen. "Wie geht es dir, Manius? Hast du dich gut auskuriert? Wirst du jetzt länger in Rom bleiben? Ich habe mich für dich auch bei Tiberius Durus erkundigt. Er hat seine Verwandte bisher keinem anderen versprochen." Und Orest täte wohl gut daran, sich der noch bestehenden Zusage zuversichern und alles weitere in die Wege zu leiten, ehe Arvinia am Ende doch noch einen anderen Ehemann fand. "Was weißt du über die politischen Angelegenheiten, die in deiner Abwesenheit stattgefunden haben? Oder eher: Was willst du wissen? Auf Sardinien beschreibt die Sonnenuhr einen anderen Kreis, so scheint es mir mitunter."

    Ich sollte die Germanica bald kennen lernen, noch ehe Celerina mich auf dieses Fest mitschleifen würde. In jenem Moment allerdings erschien mir die Aussicht, sie auf ein Kaffeekränzchen begleiten zu müssen, eher öde als interessant. Vermutlich würde ich bei keinem einzigen Gesprächsthema mitreden können, geschweige denn wollen. Aber, so sagte ich mir, so war es immerhin besser, als wenn Celerina ein ebensolches Fest hier in der villa würde veranstalten wollen. Denn bei den Germanicern waren wir Gäste - die jederzeit gehen konnten - wohingegen man hier in den eigenen vier Wänden als Gastgeber schlecht verkünden konnte 'Mir reicht's, ich gehe!' Celerinas zuckersüßes Lächeln durchschaute ich gleich als das, was es wohl auch war: Gute Miene zum bösen Spiel. Ich wäre allerdings nicht so weit gekommen, wenn ich das nicht ebenfalls beherrschen würde. Und so sprach mein Blick eine fürsorgliche Sprache, während mein Mund verlauten ließ: "Wie könnte ich einer so höflichen Einladung meiner reizenden Frau widersprechen?" Oh, ich wusste, wie ich gekonnt hätte. Nur das wäre vermutlich dem Eheleben nicht sonderlich zuträglich gewesen. Also biss ich in den sauren Apfel und hoffte, das collegium würde tagen, der Senat eine wichtige Sitzung einberufen oder der Himmel auf die Erde fallen. "Es wird um Rückantwort gebeten. Übernimmst du das? Und weißt du zufällig, wer sonstig eingeladen ist?" Am Ende war ich gar einsam und allein, ein trauriger Tropf inmitten einer flatterhaften Hühnerschar...


    Ich warf erneut einen Blick auf Celerinas Teller und unterdrückte ein schaudern. Am besten fragte ich gerade heraus, überlegte ich mir. Um es zuwenigst einigermaßen angemessen zu tun, räusperte ich mich und sah Celerina ernst an. "Bist du in...anderen Umständen?" Ein Blinzeln, skeptischer Natur. Wenn ich nun falsch lag, gab es mehrere Möglichkeiten. Sie konnte fragen, ob ich sie zu dick fand, sie allfällig deswegen nicht nachts aufsuchte. Ihre Laune konnte augenblicklich auf Minusgrade sinken. Vielleicht würde sie Tränen lachen über meine alberne Frage. Vermutlich auch nichts von alledem. Ich harrte.

    Während die Eine die Selbstsicherheit in Person zu sein schien, wirkte die Andere regelrecht verschüchtert - was mich wiederrum dazu veranlasste, meine Miene noch ein wenig freundlicher zu gestalten. "Minerva und Iuno also", fasste ich zusammen und nickte anerkennend. "Dann kann euch Durmius sicherlich viel beibringen. Würde ich eine einzelne Gottheit wählen müssen, so könnte ich mich schwerlich entscheiden", gab ich zu und überlegte. Vermutlich würde ich Jupiter selbst wählen, oder Quirinus.


    Der Vorplatz war inzwischen doch recht leer geworden. "Dann seid ihr befreundet, du und Celerina?" hakte ich nach. Mit den Germanicern hatte ich persönlich noch nie viel zu tun gehabt. Allerdings war mir der Senator Avarus das ein oder andere Mal ins Auge gefallen, sowohl positiv als auch negativ. Ob meine Frau dieser Festivität beiwohnen wollte oder nicht, galt es noch herauszufinden.

    Ich blickte auf, als Orest eintrat. Er wusste es also schon. Ich stellte den Becher weg und stand - ein wenig schwankend - auf, um Orestes schweigend zu umarmen. Die Begrüßung viel ein wenig länger aus als es vielleicht üblich war. Abschließend klopfte ich ihm auf die Schulter, dann seufzte ich und setzte mich wieder. "Es tut gut, dich zu sehen, Manius, und ich hoffe inständig, dass es dir wieder besser geht", sagte ich mit einer ein klein wenig schweren Zunge. Ich griff nach der Karaffe und schenkte einen zweiten Becher ein. Dunkelroter, purer Wein ergoss sich in das Gefäß. Wie Blut, das sprudelte. "Die Nachricht kam heute morgen. Ich habe Titus gleich informieren lassen", erzählte ich und nahm einen tiefen Schluck. "Wenn er nach Hause kommt, müssen wir alle ihm eine Stütze sein. Er wird sich die Schuld geben, denn er hatte entschieden, dass sie sich am Meer erholen soll... Es hätte ja keiner ahnen können, dass sich ihr...Zustand...noch verschlimmert." Ich warf Orestes einen kurzen Blick zu, als ich den Zustand erwähnte. Immerhin hatten auch in die Depressionen heimgesucht, ihn aber den Göttern sei Dank nicht derart überwältigt, wie sie es bei Minervina getan hatten.

    Die Worte Durus' aufgegriffen, war ich davon ausgegangen, dass allen klar war, dass ich nicht die Legaten in Person meinte, sondern Abgesandte. So nickte ich ob seiner Bemerkung lediglich zustimmend und folgte seinem Blick hin zu Curiatius Fistus, den etwas zu beschäftigen schien. Ich überlegte - war es nicht seine Tochter gewesen, die von einer politisch günstigen Partie sitzen gelassen worden war? Oder hatte ich etwas durcheinander gebracht?

    „Germanica Calvena?“ wiederholte ich erstaunt. “Dann hat meine Frau dir die Einladung zum Ehrenfest des Fons zu verdanken.“ Eine Feststellung, die durchaus interessant zu nennen war, auch wenn die Germanica vielleicht nicht wusste, mit wem ich verheiratet war. Die andere war eine Iunia und entstammte damit einer gens die bisher weder in der Politik noch sonst in Rom groß vertreten war. Ein wenig belustigt darüber, dass die Germanica sogleich mit für ihre Freundin sprach, lächelte ich sie beide an.


    “Tatsächlich? Dann habe ich ja gut geraten. Ein gelungenes Opfer, nicht wahr? Darf ich fragen, welcher Gottheit ihr am Ende eurer Ausbildung das Opfer darbringen werdet?“ Immerhin würde ich vielleicht dem Opfer als Prüfer beiwohnen. Und gleich in welchem Tempel die beiden später ihren Dienst verrichten würden, so mussten sie sich doch zum Ende der Ausbildung hin eine Gottheit aussuchen, der sie ihr Prüfungsopfer darbringen würden. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass meine Krankheit zu Umstrukturierungen geführt hatte, auch wenn sie nur zeitweise so blieben. Sonst wären mir beide Damen bereits früher begegnet, da für gewöhnlich ich selbst die neuen Schüler ihren zukünftigen Lehrern zuteilte.

    Ich griff träge nach einer Karaffe, um mir einzuschenken, musste dabei jedoch feststellen, dass der Wein bereits zur Neige gegangen war. Wie gerufen kam da der kleine Knabe, der Leone an der Tür zur Hand ging. Noch ehe er etwas sagen konnte, trug ich ihm auf, den Krug aufzufüllen. Der Junge nahm das tönerne Gefäß, teilte mir mit, dass Orest heimgekehrt war und gleich zu mir stoßen würde. Dann verschwand er und ließ mich und meinen umnebelten Geist mit leerem Becher und schalem Geschmack im Mund zurück. Orest war also wieder da. Nun, sagte ich mir. Immerhin war nicht auch er dahingeschieden, so wie meine Nichte, deren Tod ich zu ertränken suchte, um stark sein zu können, wenn Ursus mich vielleicht brauchte zum Trost. Ich riss die Augen auf, um meinen Blick zu klären, blinzelte viele Male hintereinenader - und gab schließlich auf. Ehe Orestes erschien, brachte der Knabe stumm neuen Wein und einen zweiten Becher. Ebenso lautlos, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder, und ich wartete mit trüben Gedanken und halbleerem Becher auf Orestes‘ Erscheinen.

    Gleich zu Beginn meiner Wiederaufnahme von Pflichten und Aufgaben standen nicht nur Wahlen - und damit verbunden auch die Anhörung vieler Kandidaten - an, sondern auch eine lange, etwas trocken anmutende Sitzung des collegium pontificium. Nachdem bereits im Vorfeld einiges an Feiertagen besprochen und die Aufgaben verteilt worden waren, kam so nun auch das Armilustrium an die Reihe. Da ich mich selbst nun aufgrund des dreisten Engagements des Fabius Antistes zu den salii palatini zählen konnte, räusperte ich mich. “Die Salier werden in der nächsten Sitzung mit ihren Planungen beginnen. Was die Idee des Miteinbeziehens des Militärs anbelangt, finde ich das eine fabelhafte Idee. Ich würde mich bereit erklären, die Legaten und Präfekten aus Mantua, Misenum und Rom darüber in Kenntnis zu setzen, dass ihre Anwesenheit nicht nur erbeten wird, sondern auch ausdrücklich erwünscht ist.“

    Nicht nur der Verwandtschaft wegen hätte ich mich für Avianus eingesetzt - trotz seines Alters hatte er eine große Einsatzbereitschaft ebenso gezeigt wie er sein Pflichtgefühl unter Beweis gestellt hatte. Das hätte bei jedem anderen Mann zum Anlass genommen, ihn zu wählen, und so war es bei meinem Neffen kein Wunder, dass ich ihn wählen würde.


    Dass er zum quaestor consulum kadidierte, unterstützte ich ebenfalls, denn mit Durus und Vitorius gemeinsam würde er vermutlich ein gutes Gespann abgeben. So nickte ich ihm aufmunternd zu, als sein Blick den meinen streifte, und schwieg sonstig.

    Zitat

    Original von Manius Tiberius Durus
    Dann erhob sich der Pontifex erneut und begrüßte Corvinus samt Gattin mit dem modischen Wangenkuss.
    "Corvinus, es freut mich. Besser spät als nie, nicht wahr?"
    Er lachte kurz auf, jedoch nicht allzu laut, denn so gut war sein Spruch nun auch wieder nicht gewesen! Dann beschloss er, das übliche Ritual gleich hinter sich zu bringen.
    "Die meisten Gäste kennt ihr ja sicher! Dort hinten liegt Vitorius Marcellus - den kennt ihr vermutlich noch nicht! Er ist aufgrund des Anlasses dieser Feier hier. Die übrigen Gäste habe ich bereits informiert - ich werde für das kommende Jahr zum Consul kandidieren, gemeinsam mit Vitorius Marcellus. Warum und mit welchen Plänen werden wir sicherlich noch am Tisch erörtern."
    Zwei Sklaven traten unauffällig von hinten heran und bekränzten auch die beiden frischen Gäste mit Blumen.


    Frisch geküsst und bekränzt war ich ein wenig besserer Laune als zuvor. Celerina wurde gebeten, sich zu den Damen zu gesellen. Ich warf ihr noch einen kurzen Blick zu, dann nahm ich Platz auf der mir zugewiesenen Liege. Mir entging dabei nicht, dass Claudius Menecrates seinen Platz bei den Damen hatte, noch den derangierten Blick Gracchus'. Ich grüßte die Anwesenden mit Nicken oder Grußworten. Dann wurde mir bereits ein Teller gereicht, und ich schwieg einen kurzen Moment, um ins Gespräch zu finden. Augenscheinlich ging es um angestrebte Ämter und geplante Kandidaturen. Vitorius hatte ich bereits im Senat kennen gelernt, er war ein fähiger Mann, soweit mir bekannt, und dass Durus' Konsulat ein Erfolg werden würde, daran zweifelte ich nicht.


    Einen taxierenden Blick auf mir spürend, wandte ich den Kopf und sah Antonia an. Ich lächelte ihr kurz zu und widmete mich dann wieder dem Teller vor mir und dem Gespräch. Der Annaeer würde also für das Ädilat kandidieren und die ludi plebei ausrichten. Ich beobachtete Gracchus, der ein wenig still auf seiner Liege wirkte. "Es ist gut, Flavius, dass du wieder in Rom weilst", sagte ich, um etwas Nettes zu sagen, und verzehrte eine Olive. "Dem collegium hat deine Absenz nicht eben gut getan."

    Die Zuneigung im Blick des zweiten Mädchens fiel mir auf. War sie womöglich Durmius' Tochter? Mir war nicht bewusst, dass der Alte je verheiratet gewesen war...aber ich wusste schließlich auch nicht alles.


    Es war ein schöner Tag, ein wenig kühl vielleicht, aber dennoch recht nett. Ich hatte heute keine weiteren Verpflichtungen, der Senat tagte nicht und meine Klienten würden mir erst morgen wieder ihre Aufwartung machen. Den Ausschlag, die beiden Damen anzusprechen, gab jedoch der Umstand, dass zu Hause meine Frau auf mich wartete, was zugegebenermaßen ein wenig harscher klang, als es für mich üblich war. So räusperte ich mich und schlenderte den beiden entgegen. Der Sklave, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, bemerkte mein Vorgehen und wollte mich den beiden Damen vorstellen. Ich jedoch hob den Zeigefinger und sprach sie selbst an. "Salve. Verzeiht, dass ich euch so von der Seite anspreche, aber nachdem Durmius euch so herzlich begrüßt hat, stellte sich mir die Frage, ob ihr seine Schüler seid", sagte ich. "Gestattet mir, mich vorzustellen. Marcus Aurelius Corvinus." "Senator, pontifex und auctor der Acta Diurna!" fügte der Sklave hinzu, der sich wohl dachte, wenn er mich nicht vorstellen durfte, so wollte er wenigstens mit Titeln um sich werfen. Dafür erntete er einen tadelnden Seitenblick.

    Zufrieden lächelnd nahm ich ihre schon beinahe brave Antwort hin. Ich würde darauf achten, dass es nicht nur dahergesagt war, sondern sie die probatio auch tatsächlich ablegte. "Natürlich nicht. Ich freue mich für dich, dass du so viele gute Freundinnen hier in Rom hast", fügte ich höflich hinzu. In Lutetia war das wohl anders gewesen. Und vielleicht ließ sich für mich ja auch etwas daraus etwas gewinnen. Wer wusste schon, wer genau Celerinas Freundinnen waren - vielleicht Ehefrauen angesehener Senatoren, die man auf diese Weise beeinflussen konnte. Ich nahm mir vor, Charis zu beauftragen, sich die Namen der Damen dieses Kaffeekränzchens zu merken. "Da ist heute auch eine Einladung gekommen. Ein Fest bei den Germanicern, zu Ehren des Fond. Ich nehme an, du möchtest dort hingehen?"


    Als wir dann allein waren, ich den Teller in der Hand hielt, sie fragend ansah und sie mir ihre Freude über die kuriose Vielfalt auf der Silberplatte entgegen jauchzte, gab ich mir große Mühe, nicht entsetzt auszusehen. Die vielen Monate im Senat hatten dazu beigetragen, dass ich meine Miene inzwischen recht gut beherrschte und für Celerina daher wohl unverändert aussah. Insgeheim jedoch fragte ich mich Fragen über Fragen. Konnte es denn sein, dass eine einzige schief gelaufene Nacht zwischen zwei Fremden ausreichte, um den Samen keimen zu lassen? War Celerina tatsächlich freudiger Erwartung? Und war sie es wegen mir oder wegen dieses stämmigen Masseurs, von dem Charis berichtet hatte? "Also Muscheln und Aprikosen mit garum", resümierte ich, während ich das Gewünschte auf den Teller schaufelte und ihr dann reichte. Ohne mich selbst zu bedienen, betrachtete ich meine Frau. "Du eh..." begann ich viel zu unkoordiniert und räusperte mich. "Dir schmeckt das so? Ich meine, in dieser Konstellation?"

    Unter den Anwesenden in meiner unmittelbaren Nähe schienen sich auch zwei ganz besonders ehrfürchtige junge Damen zu befinden. Eine von beiden wirkte regelrecht befreit, sobald der flamen Dialis die Annahme des Opfers verkündet hatte. Ich konnte mich eines Schmunzelns nicht erwehren - hatte ich vor zehn, fünfzehn Jahren ebenso hier gestanden? Ich wusste es nicht mehr.


    Während ein älteres Ehepaar vor mir ausscherte und sich in Bewegung setzte, um den Heimweg anzutreten, beobachtete ich ein wenig die beiden jungen Damen. Die andere, die nicht so erleichtert wirkte, hing ganz offensichtlich träumerischen Gedanken nach. Beide bewegten sich nicht vom Fleck. Ich lächelte vor mich hin und wandte den Blick ab, um festzustellen, dass die flamines inzwischen wieder auf dem Wagen saßen, der soeben kehrt machte und den Tempelvorplatz verließ. "Ah, salve, pontifex Aurelius!" grüßte mich da plötzlich Decimus Durmius Verus, den ich von der Koordination der Ausbildungen der Priesterschaft her kannte. Ich nickte ihm grüßend zu und bemerkte, wie er auch die beiden Damen begrüßte, ehe er weiter ging. Ob sie discipulae waren?

    Ich nickte zufrieden. Celerina gab sich recht unkompliziert und fügsam, Eigenschaften, die von einer römischen Ehefrau durchaus zu erwarten waren, mich aber gerade bei ihr überaus positiv überraschten. "Sehr gut. Sicher kannst du dich mit den anderen Damen austauschen." Und Dinge besprechen, für die ich nicht geeignet war. Schuhkauf und die trefflichsten Winterfarben von Tuniken, beispielsweise. "Da ist noch eine weitere Angelegenheit. Als tugendhafte Römerin hast du natürlich schon Opferungen und religiösen Riten beigewohnt, sicherlich auch bereits einige Opfer selbst durchgeführt. Als Frau eines pontifex wirst du vermutlich schärfer beobachtet werden als bisher, was das betrifft... Es würde mich freuen, wenn du dich in der Öffentlichkeit sicher zeigen kannst, was Kulthandlungen anbelangt Ich würde es außerdem begrüßen, wenn du außerdem deine theoretischen Kenntnisse noch weiter ausbauen wolltest und dir selbstverständlich dabei zur Seite stehen." Im Grunde hatte ich keine Ahnung, wie viel Celerina wusste und wie oft sie sich gottesfürchtig gab. Ich hoffte nur, sie würde mich nicht blamieren. Das Ablagen zumindest des theoretischen Teils der probatio war eine gute Option.


    Ein Räuspern später fiel mir ein weiteres Anliegen ein. "Ah, um noch einmal auf die anderen Damen zurückzukommen... Ich habe natürlich nichts dagegen einzuwenden, wenn du Besuch empfängst. Ich bitte dich nur, es in...hm, Maßen zu tun." Damit das nicht ganz so gebieterisch daherkam, schob ich ein freundliches Lächeln nach. Dennoch kam ich mir dabei seltsam vor, mehr so, als würde ich mich mit Prisca oder Laevina unterhalten, und nicht mit meiner Frau. Woran das lag, war mir nicht auf Anhieb ersichtlich. Glücklicherweise kam da plötzlich Nikis Küchenhilfe herein und platzierte ein gewichtiges Tablett aus poliertem Silber auf einem nahen Tisch. Ehe sie auffüllen konnte, schickte ich sie jedoch weg und griff selbst nach den Tellern. "Ich habe mir erlaubt, eine Kleinigkeit zu essen zu organisieren", sagte ich zu Celerina. "Was hätte meine Frau denn gern?" Womit der Moment der Wahrheit gekommen war. Erwartungsvoll sah ich sie an.

    Nachdem Charis so rasch verschwunden war, dass es beinahe wie eine Flucht anmutete, war ich allein zurück geblieben und überlegte. Was, wenn meine Frau tatsächlich schwanger war? Würde es mein Kind sein? Und wie würde ich merken, wenn es nicht meines war? Mit einer tiefen Falte auf der Stirn erwartete ich meine Frau. Als sie eintrat, ließ ich den angestrengten Ausdruck verschwinden und hob einen Mundwinkel zum Lächeln. „Celerina“, grüßte ich sie und beugte mich hinüber, um ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu geben, als sie sich neben mich setzte. „Ja. Schön, dass du Zeit gefunden hast.“ Wie ein Patron mit seinem Klienten, dachte ich mir ein wenig belustigt und räusperte mich. „Wie geht es dir denn? Hast du dich gut eingelebt?“ fragte ich sie höflicherweise und warf ihr einen schrägen Seitenblick zu. Bisher hatte mir niemand von irgendwelchen Umbau- oder Umgestaltungsmaßnahmen erzählt, die meine Frau vornehmen wollte. Vermutlich, dachte ich mir, hatte sie genug mit ihrem kretischen Figaro zu tun. Ich warf einen flüchtigen Blick auf ihre Bauchgegend.


    „Es gibt da auch einige Dinge, die wir noch besprechen sollten. Wir sind übermorgen bei den Tiberiern zu einer cena candidati eingeladen worden. Es werden vermutlich noch einige andere Ehefrauen anwesend sein, so dass du dich sicher nicht langweilen wirst…“ Ich stellte mir die schnatternde weibliche Schar vor und hoffte, dass Celerina nicht tatsächlich die einzige sein würde. „Du kennst Tiberius Durus sicher noch, er war auf unserer Hochzeit anwesend. Ich nehme an, dass außerdem einige bekannte Größen der Stadt ebenfalls eingeladen sind.“

    Der Festtag der Fides Publica Populi Romani war wie in jedem Jahr ein stolzes Fest. Die flamines maiores befuhren Rom mit einem zweispännigen Wagen und scheuchten damit so manchen Fußgänger beiseite. Vor dem Tempel der Fides zum Halt gekommen, war der flamen Dialis derjenige, welcher die zeremoniellen Riten zu vollführen hatte. Mit der von einem schneeweißen Tuch verdeckten rechten Schwurhand war es umso schwieriger, die Handgriffe zu vollführen, die dazu vonnöten waren, jedoch hatten die flamines selbstverständlich zahlreiche Helfer und Helfershelfer, die ihnen behilflich waren, und so auch hier. Die Worte des Ersten – denn der Kaiser weilte wie so oft nicht in Rom - unter den Gottesdienern an die Göttin der Zuverlässigkeit, der Hoffnung und Treue waren wohl gerichtet und weise, wie ich fand. Auch, wenn mir die vortragende Stimme ein klein wenig zittrig vorkam und ich glaubte, den kränklichen flamen Dialis ab und an schwanken zu sehen. Offensichtlich hatte er sich immer noch nicht von seiner Krankheit erholt.


    Nachdem das Opfer angenommen und die litatio verkündet worden war, begann sich die Menschenmenge allmählich in den vielen Straßen und Gassen Roms zu zerstreuen. Einige Jungen versuchten zwar, den gedeckten Zweispänner der flamines näher in Augenschein zu nehmen, doch wurden sie von den Leibwachen der Priester erfolgreich daran gehindert, sodass sie schließlich aufgaben und sich eine andere Beschäftigung suchten. Ich wartete noch ein wenig, ehe ich mich ebenfalls zum Gehen wenden würde. Erfahrungsgemäß war so kurz auf ein Opfer ohnehin kaum ein Durchkommen möglich.