Ob sie nun Cousine des kleinen Flavius von Epicharis werden würde oder nicht, er würde sie wohl dennoch eine Tante nennen, sobald er sprechen konnte. So war das eben mit Kindern, jeder, der älter war als sie, war automatisch ein Onkel oder eine Tante. Selbst, wenn nur wenige Jahre zwischen ihnen liegen mochten, erinnerte ich mich an meine eigenen Verhältnisse und schmunzelte ein wenig.
Ein wenig abwesend griff ich nach einem gefüllten Ei und ließ es im Mund verschwinden, dann brach ich mir einen Zweig Trauben und zupfte hin und wieder an einer der süßen Früchte. Das Schauspiel auf der Bühne gefiel mir, es passte zu diesem Abend, und auch Celerina schien ihre Freude zu haben. Hin und wieder betrachtete ich Celerina mit einem Seitenblick und stellte ebenso erleichtert wie erfreut fest, dass wohl ihr Geschmack getroffen war. Insgeheim nahm ich mir vor, Brix für die Wahl des Stückes zu danken. Allmählich wurde es heikel auf der Bühne, und die Freude neben mir konnte ich nun auch deutlich spüren. Die Tatsache, dass Celerina flüsterte, obwohl wir das gesamte Theater für und allein hatten, war mir Indiz genug dafür, dass sie wirklich mitgerissen war. Ein zufriedenes Lächeln umspielte meine Mundwinkel. "Was meinst du, ob der Freund wirklich seinen Kopf hinhält für diesen Damon?" fragte ich sie.
Derweil verschwanden kurz alle Mimen von der Bühne, und ein bisher Ungesehener betrat sie, sitzend auf einem Stuhl. Damon folgte, sichtlich geknickt, griff nach der Hand des Freundes und stand mit hängendem Kopf vor ihm. Grave und gramerfüllt war seine Stimme.
Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben.
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme zu lösen die Bande.«
Eine Weile geschah nichts, dann stand der Mann von seinem Stuhl auf und schloss Damon in seine Arme.
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Plötzlich sah man Soldaten außerhalb der Bühne warten, und als sich die beiden Freunde aus ihrer Umarmung gelöst hatten, huschte Damon eilig von der Bühne, sein Freund jedoch begab sich mit hoch erhobenem Haupte zu den wartenden Soldaten, die ihn sogleich in ihre Mitte schlossen und abführten.
Im folgenden Akt geschah zunächst nichts Besonderes. Man sah Damon, wie er mal hierhin, mal dorthin über die Bühne huschte. Man sah am Rande der Bühne ein glückliches Paar einherschreiten. Und nur die angenehme Stimme des Erzählers war zu vernehmen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.
Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel herab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Dem Gewölbes krachenden Bogen.
Paukenschläge undTambourin machten den Regen hörbar. Damon stand inmitten der Bühne und starrte auf den Boden hinab, den ein blaues Tuch zierte - der Fluss. Hin und her lief er, zunehmend panisch, schaute rechts, schaute links, doch vergebens.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.