Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Einen Moment lang fürchtete ich, Seiana würde jetzt empört ablehnen, an meinem lasterhaften Vorhaben teilzunehmen – aber nein. Sie war nicht abgeneigt. Ich grinste verschwörerisch zurück, dann ließ ich mich kurzerhand auf dem Boden nieder, im Schneidersitz und begann meine Utensilien vorzubereiten. Das Gras zerrieb ich grob zwischen den Händen, fein zwischen den Fingerspitzen, atmete einen Augenblick lang genießerisch den verheissungsvollen Duft ein, stopfte dann sorgsam den tönernen Pfeifenkopf, wobei ich gut Acht gab, nichts zu vergeuden.
    "Oh, findest du echt? Danke." Ich blickte von meinem Werk auf, zu Seiana, und freute mich über das Kompliment. Meine Schwester hatte Stil, ich schätzte sie als arbiter elegantiarum. Mit der rechten Hand fuhr ich mir übers Haar und strich ein paar Strähnen zurecht.
    "Dieses ganz Kurzgeschorene hab ich ja nie gemocht. Und mein neuer Barbier, er ist wirklich fabulös, er meint man könne es jetzt, unter dem neuen Kaiser, durchaus etwas länger tragen. Dieser Schnitt nennt sich ein 'schräg gestufter Germanicus', also, nach dem Feldherrn natürlich, nicht nach der Gens!" Sonst würde ich das natürlich nicht tragen. "Ich habe mir auch überlegt, mir einen Bart stehen zu lassen, macht ja auch älter, und ich habe schon immer noch das Problem dass ich halt recht jung bin für einen Centurio, und manche dann komisch gucken sobald ich den Helm abnehme, aber ich weiß nicht so recht ob ein Bart zu mir passen würde.... Was meinst du?"
    Das war eine Frage, die mich ernsthaft beschäftigte. Ich nahm meine Zunderbüchse, und schlug ein paar Funken, aber vorsichtig. Eigentlich war es nicht erwünscht, hier im Stall zu rauchen, aber drüben im Haus würde der Duft uns womöglich verraten, und ich wollte nicht, dass Livianus oder Venusia davon was mitbekamen.


    Ein kleines Flämmchen flackerte auf, ich ließ es auf einen Span wandern und steckte die Pfeife an, zog ein paar mal daran, bis die Glut weit genug vorgedrungen war, und sog den kratzigen Rauch tief in meine Lungen. Natürlich war die Wirkung nicht zu vergleichen mit der meiner liebsten Droge, aber es war doch ein ganz passabler Ersatz. Ich fläzte mich auf einen Haufen von Stohballen und nahm noch ein paar tiefe Züge, bevor ich die Pfeife an Seiana weiterreichte.
    "Hier..."
    Den Kopf auf die Hände gestützt, betrachtete ich meine Schwester. Schön ruhig war es hier. Der Geruch der Pferde, von Heu und frischer Farbe mischte sich angenehm mit dem süßlichen Rauch, man hörte nur mal ein Schnauben, oder Knistern, oder Scharren eines Hufs am Boden.
    "Also, meistens habe wir nicht mit Mördern zu tun. Eher mit Schlägern, Besoffenen, Zechprellern und Eseldieben... aber halt nicht nur...", begann ich dann zu erzählen, und sobald ich einmal damit angefangen hatte, brachen die Worte nur so aus mir heraus.
    "Es gibt eben diese Ecken, wo wir kaum was machen können, in der Subura, auf dem Aventin, in Trans Tiberim, und bei den Elendshütten vor der Stadt... Das ist echt deprimierend. Ständig werden da Menschen überfallen, erpresst, umgebracht und ausgeraubt, und alles was wir machen können ist morgens die neuen Leichen zu Protokoll zu nehmen.... Du musst mir versprechen, dass du nicht ohne Leibwächter in diese Gegenden gehst, ja? - Die sind wie ein Sack Ratten, die Leute dort, aber uns gegenüber halten sie zusammen und haben nie was gesehen oder gehört. Verbrechen ist halt lukrativ, und wir sind einfach zu wenige, dazu ist die Hälfte der Soldaten korrupt... Es gibt Strassenzüge, da ist es wie Krieg...
    Die allermeisten Verbrechen bleiben ungesühnt. Dieser Mörder, den ich da verhöre, dem war ich ewig hinterher, aber es war nur möglich, dafür soviel Zeit und Ressourcen aufzuwenden, weil er ein Mitglied des Ordo Senatorius umgebracht hat."

    Ich lachte bitter auf. "Sonst hätte das überhaupt keinen interessiert. Und die grausamsten Dinge, nämlich wie die Leute ihre Sklaven übelst mißhandeln, das ist ja nicht mal verboten..."

    Als ich des Abends in meine Unterkunft kam, hatte mein Bursche die Post schon ordentlich auf den Tisch gelegt. Ich seufzte leise, als ich mich auf Berichte von den Landgütern gefasst machte, lange Listen, Zahlen und Fragen die mich überforderten. ("Winterweizen, Emmer oder eine Jahreszeit brachliegen lassen?" Oder: "Sollen wir es mit Perlhühner versuchen, oder bleiben wir bei den Hausgänsen?")
    Aber zu meiner Freude sah ich, dass zuoberst ein Brief von Lucilla lag! Lächelnd nahm ich das Schreiben zur Hand, aber der Vorfreude wegen zögerte ich das Lesen noch hinaus, erst machte ich mir eine Tasse heißen Melissensud mit Honig (der tat der Stimme gut), dann setzte ich mich gemütlich neben den Ofen, legte die Füße hoch, nippte an meiner Tasse und brach das Siegel.
    Mein lieber Faustus! begann es, immer so energisch, dachte ich lächelnd, und dann gefror mir das Lächeln im Gesicht, mit jeder Zeile die ich weiterlas, bis ich nur noch fassungslos auf den Brief in meiner Hand starrte. Nein. Nein. Nein. Das konnte doch einfach nicht wahr sein...


    Centurio Faustus Decimus Serapio
    Cohortes Urbanae,
    Roma


    Mein lieber Faustus!


    Es ist ungeheuerlich, ja geradezu skandalös, was mir da aus Rom berichtet wird! Also wirklich, Faustus, dass du dich auf ausschweifenden Orgien und ausgelassenen Gelagen herumtreibst, das kann ich dir noch verzeihen. Wir waren doch schließlich alle einmal jung, ich denke da nur an die Nacht, als ich mit Hungi. Dass du dich aber einem Senator an den Hals wirfst, wirklich Faustus, das enttäuscht mich zutiefest! Schätzt du meinen Einfluss wirklich so gering, dass ich (gemeinsam mit meinem Patron) nicht alles für dich erreichen könnte? Was ist es, das du dir mit deinem Körper zu erkaufen versuchst, was ich dir nicht auf anderem Weg hätte beschaffen können? Ausgerechnet auch noch dieser Senator! Spekulierst du etwa auf ein Amt in einem kultischen Kollegium? Auch wenn ich immer dafür bin, dass meine Männer sich andere Aufgaben suchen und das Soldatenleben sein lassen - es muss doch nicht auf diesem Weg sein! Gerade bei diesem Senator habe ich noch einen Trumpf im Ärmel und wenn du Septemvir werden willst, oder Augur oder was auch immer, dann brauchst du mir das nur schreiben und es wird geschehen! Aber ich bitte dich, Faustus, beschmutze nicht deine, meine und meines Patrons Ehre, in dem du deinen Körper verkaufst! Ist dir etwa nicht klar, zu was für einem Gerede das führt? Ich kann den Artikel in der Acta schon förmlich vor mir sehen - „Einfluss der Decima Lucilla und ihres Patrons Vinicius in Rom schwindet - Klient der Decima muss sich nach oben schlafen!“ - Bona Dea, zum Glück habe ich noch gute Kontakte zur Redaktion! Also bitte unterlasse solche Aktionen und wende dich lieber gleich an mich, und denk immer daran, die Parzen sind unbestechlich!


    Caius und mir geht es hier in Hispania fabelhaft. Habe ich dir schon von der Casa Lucilla erzählt? Ich habe über das vergangene Jahr hinweg einen wunderschönen kleinen Garten angelegt, beziehungsweise anlegen lassen, so dass wir auch in den trockensten Zeiten immer eine blühende Oase vor der Haustür haben. Cossus weiß das natürlich nicht so sehr zu würdigen, wie jeder kleine Decimus streunt er viel lieber mit seinen Freunden in der Stadt oder im Hinterland herum. An manchen Tagen weiß ich von morgens bis abends nicht, wo er steckt. Daher bin ich doch ganz froh, dass er in Tarraco aufwächst, und nicht in Rom. Auch wenn ich selbst die Hauptstadt natürlich jeden Tag vermisse.


    Pass auf dich auf, mein lieber Faustus, und wenn du etwas brauchst, dann melde dich [strike]gefälligst[/strike]!


    Deine Tante
    Lucilla


    Bei allen Göttern. Wie in aller Welt hatte sie davon erfahren?! Die Parzen sind unbestechlich... Die Parzen! Diese drei verrückten Weiber, die mir dunkle Prophezeiungen ausgesprochen hatten! Sie mussten die Quelle von Lucillas Informationen sein!
    "Ich fasse es nicht! Ich fasse es einfach nicht!! Die PEST über diese Klatschweiber!!! Oh Pluto, brate sie auf glutroten Kohlen!"
    Die Teetasse flog quer durchs Zimmer und zerschellte an der Wand, der Brief flog zerknüllt hinterher, ich raste, ich tobte!!
    "Gare sie in einem Sud von Schwefel und... und... rostigen Schuhnägeln! Reiß diesen Aaskrähen jede Feder einzeln aus! Die falschen Parzen haben mich verraten! Oh, ooh... das sollen sie büßen, an ihren eigenen LÄSTERZUNGEN SOLLEN SIE ERSTICKEN!!!

    Ich hatte mich neben meinen Männern postiert und verfolgte aufmerksam den Beginn der Verhandlung. Das einzige was mich doch ein wenig ablenkte, was ich irgendwie ständig in meinem Hinterkopf hatte, war das Wissen, das ein gewisser Quintilius Sermo nur ein paar Meter weiter stand. Sein Nicken hatte ich grüßend erwidert, und dann gar nicht mehr in seine Richtung geblickt. Auch wenn das Überwindung kostete. Ich konzentrierte mich auf den Prozess.
    Gegen die wüsten Beschimpfungen des Angeklagten war ich nach all den Verhören, wo ich reichlich in deren Genuss gekommen war, so ziemlich immun. Nur der Vorwurf an die "Schweine in Uniform", der machte mich dann doch ärgerlich. Denn ich war sehr maßvoll mit der rohen Gewalt gewesen, wenn auch nicht zimperlich, aber unter den gegebenen Umständen hätte es dieser Meuchelmörder auch wesentlich schlechter treffen können.
    Dass er sein Geständnis jetzt zurückzog, war nicht so verwunderlich. Was mich überraschte, war als Zeuge aufgerufen zu werden, denn ich hatte ja so gut wie alles schon fleissig ins Protokoll geschrieben. Aber ich trat beherzt vor, schwungvollen Schrittes, und erwartete bereitwillig die Fragen des Anklägers.

    Zuerst einmal bestärkten mich Livianus' Worte. In letzter Zeit war ich mir mit meinen Ansichten wie auf verlorenem Posten vorgekommen, ein einsamer Standartenträger in einem Meer pseudo-fortschrittlicher Beliebigkeit. Es war gut, dass Livianus die Sache auch so ähnlich sah, aber nicht gut, dass er enttäuscht von Seiana war. Seiana konnte ja (fast) nichts dafür, es war natürlich dieser Aelier der Schuld war, er allein war die Wurzel allen Übels. Bevor ich aber den Mund aufmachen konnte, um meine Schwester in Schutz zu nehmen, klopfte es an der Türe, also beherrschte ich mich, auch wenn es mir auf der Zunge brannte. Und wer stand in der Türe? Ausgerechnet Seiana.
    Mit einem Mal fühlte ich mich wie ein Verräter. Ich grüßte betont unbefangen, sah sie aber kaum an, als sie eintrat.

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    "Sei gegrüßt, Tiberius Octavius Dragonum. In der Tat, der Dominus ist mit dem Segen der Götter aus der Fremde hierher zurückgekehrt.", bestätigte der Ianitor freudig. "Bitte, tritt ein."
    Mit einem Blick auf die Equites und die Pferde bemerkte er ausserdem: "Zum Stall geht es hier entlang." Er bedeutete ihnen den Weg, dann führte er Dragonum (mitsamt eventueller Begleiter) in das Atrium des Hauses. Dort bat er Platz zu nehmen, sodann schickte er einen der Haussklaven los, um dem Senator Bescheid zu geben, dass er Besuch hatte.

    Der junge Soldat schien etwas unschlüssig, straffte sich aber dann, ganz rot vor Aufregung, und wollte eben wieder den Mund aufmachen, als ihm ein älterer Kollege von hinten die Hand auf die Schulter legte, und, als der Junge sich umblickte, andeutungsweise den Kopf schüttelte. Die Schultern des eifrigen jungen Urbaners sackten ein wenig nach unten.
    "Ja... ich wollte es ja nur gesagt haben... aber wenn das so ist...dann ist das wohl... [SIZE=7]ganz was anderes....[/SIZE]" Seine Stimme verklang, und er entfloh, um das Gladius in der Wachstube zu deponieren.
    Der ältere Wächter, welcher auch schon zu Zeiten des Tribuns Octavius Dragonum hier Dienst getan hatte, übernahm, und nach einer knappen Durchsuchung führte er den Besucher direkt zum Vorzimmer des Stadtpräfekten Vescularius Salinator.





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    Decima Amaesia ist die Tochter des Marcus Decimus Nepos und der NSC-Mutter Saenia Rufina. Die drei Söhne des Nepos, die schon im Stammbaum stehen, stammen allerdings von einer anderen Mutter und sind Amaesias Halbbrüder.


    Danke! :)

    [Blockierte Grafik: http://img165.imageshack.us/img165/3010/princepspriorgargoniusrl1.jpg] | Princeps Prior M. Gargonius Marsus


    ”Hmhm. Sagen sie alle...” gab Gargonius mürrisch von sich, doch für den Moment schien er tatsächlich nichts weiter auszusetzen zu haben.
    Er notierte, dann schob er Furius Orestes mit Schwung eine Tabula über den Tisch zu, auf der die Fragen des kleinen Aufnahmetests vermerkt waren, dazu einen Stylus, und kommandierte:
    ”Setzen, Fragen beantworten!”





    Der angesprochene Soldat - sehr jung, mit nur dem Schatten eines Bartes im milchigen Gesicht - nahm Haltung an und räusperte sich nervös. Seine Augen flackerten hilfesuchend zu den Kollegen, doch die waren schon damit beschäftigt, andere Besucher abzufertigen. Es war mal wieder viel los am Tor.
    "Salve Praefectus Octavius..."
    Der junge Urbaner salutierte, nahm das Gladius entgegen, und es war ihm anzusehen, dass er sich gar nicht wohl in seiner Haut fühlte.
    "Ich muss dich, ähm, darauf hinweisen, dass das mit sich führen von Waffen innerhalb des Pomeriums verboten ist... und, ähm, mit Verlaub auch das Reiten innerhalb der Stadtmauern... und für gewöhnlich eine Geldstrafe nach sich zieht..."




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    Zuerst erschien Tante Venusia. Mit ihren beiden Sprösslingen und in ihrer klassischen Farbwahl erschien sie mir wie das Urbild einer eleganten Matrona. Ihr Anblick ließ mein Dilemma mit der "netten Freundin", die ich ihr doch vorführen sollte, wieder siedendheiß aufflammen. Zum Glück fragte sie diesmal nicht danach.
    "Salve Tante Venusia! Ja, ziemlich, heute haben wir Kontrollen am Handelshafen gemacht, und es ist unglaublich wie viele Leute da versuchen die Zölle zu prellen..." (Es war wichtig zu betonen, wie beschäftigt ich doch war, damit ich glaubhaft behaupten konnte, keine Zeit für das fatale Freundin-Präsentations-Essen zu haben.)"Und du, hast du schon all die Möbel und, ähm, Einrichtungsdinge besorgen können, die du für Misenum brauchst?"
    Die beiden Kleinen hatten mich längst erobert, und ich ließ sie geduldig auf meinen Knien reiten, der eine rechts, die andere links, bis sie genug davon hatten. Galas trat ein und brachte die Getränke, und ihm auf den Fuß folgte eine Fremde, die uns etwas befangen grüßte – das musste sie sein.


    "Salve!" Ich stand auf und reichte ihr breit lächelnd die Hand, wobei ich in ihren Zügen nach einer Ähnlichkeit zu der armen Caia suchte. "Du musst Valeria sein. Ich bin Faustus Serapio, der Adoptivsohn von Livianus. Es freut mich sehr dich kennen zu lernen!" Bona Dea, sie sah ja schon sehr schlank aus, aber als ich ihre Hand drückte, spürte ich, wie mager sie wirklich war. So sehr, dass ich schnell wieder losließ, aus Angst zu fest zugepackt zu haben.
    "Wenn ich vorstellen darf - dies ist Duccia Venusia, die Gemahlin von Magnus, und die beiden Kleinen sind ihre Zwillinge Secundus und Sevilla. - Oder kennt ihr euch etwa schon?"

    Es war als würde ich gegen eine Wand reden! Nein, schlimmer, ich machte Bridhe offensichtlich bloß Angst. Irgendwie hatte ich die Vorstellung gehabt, meine eigenen Erfahrungen mit Tiberbrücken könnten auch hier so etwas wie eine Brücke sein, aber diese Frau war so... eingekapselt in ihre Misere und verquere Untergangs-Logik, sie schien immerzu nur ihr Unglück zu sehen, war taub für meine Worte, unerreichbar für was auch immer. Es war zum Verzweifeln! Ich atmete schwer aus, fühlte mich innerlich leer, ausgehöhlt nach meinem Ausbruch, und verspürte vor allem den Wunsch umgehend wieder in das Etablissement zurückzukehren, in dem ich so angenehm die Nacht verträumt hatte.
    "Ein Kind braucht seine Mutter.", widerholte ich resigniert. "Und es ist egoistisch, und grausam, deinen Sohn einfach alleine zu lassen, und dabei ist es ganz gleich ob du ein Schiff nach Britannien besteigst oder dich im Tiber ertränkst..."
    Allerdings begann ich mich zu fragen, ob nicht doch ein Fünkchen Wahrheit in Bridhes Worten steckte, ob eine dermassen verzweifelte Mutter nicht vielleicht doch eher eine Last für das Kind war... keine Ahnung.
    Jedenfalls musste ich sie zu ihrer Familie zurückbringen. Ich ging zur Feuerstelle und nahm die Kleidungsstücke, die ich dort aufgehängt hatte, ab, warf Bridhe unwirsch ihre halb-getrocknete Tunika und meinen Umhang zu. Dann wandte ich ihr den Rücken zu, um sie nicht zu bedrängen, zog mir wieder meine Tunika über, die immer noch unangenehm klamm war, und gürtete sie. Aus meinem Geldbeutel fischte ich eine Handvoll Sesterzen und legte sie auf den Kaminsims.
    "Bist du fertig? Können wir gehen?" fragte ich, ihr noch immer den Rücken zuwendend, während ich die Decke, in die ich mich gehüllt hatte, ordentlich zusammenlegte, und und solange zurechtstrich bis die Kanten messerscharf waren.


    Wenn ich noch weiter dieses Lächeln hier simulieren müsste, würde mein Gesicht einen Krampf bekommen. Es würde sich zu einer schrecklichen Fratze verzerren, dann würde mir das Fleisch von den Wangen platzen, und all die fröhlichen Kinder hier würden schreiend vor mir davonlaufen!
    Ich hatte mich reingeritten. Tief reingeritten! Eine Lüge zog die nächste nach sich. Ja, wer hätte denn ahnen können, dass Tante Venusia meine imaginäre Freundin kennenlernen wollte. (So was abwegiges!)
    "Ja, ich werde ihr das mal vorschlagen." antwortete ich schwach. Es war einfach zum Verzweifeln. Wo zum Henker sollte ich in so kurzer Zeit ein "nettes Mädchen" auftreiben, das ich meiner Tante vorführen könnte?! (Und dass ich danach auch wieder loswerden könnte!) Bona Dea! Wo nur?!! (Vielleicht könnte ich eine Hetäre engagieren?)
    Weil ich so von meinem Dilemma absorbiert war, fiel es mir schwer der Geschichte meiner Tante zu folgen. Ich machte immer "Mhm." und nickte interessiert, wenn die Satzmelodie eine Erwiderung zu erfordern schien. Soviel bekam ich immerhin mit, das meine Tante wichtige Ämter innegehabt und stürmische Zeiten erlebt hatte. Und sogar mit dem Kaiser diniert hatte. Das beeindruckte mich dann doch sehr.
    "Und das war noch bevor du dich mit Magnus vermählt hast? Ja, das kann ich mich vorstellen, dass so etwas furchtbar peinlich ist......"


    Aber mich verschonte sie deswegen nicht mit solchen Fragen! Ich griff tief in die Knuspertüte und stopfte mir den Mund mit Pistazienkeksen voll. Dann konnte ich wenigstens nicht falsches mehr sagen! Ich aß meine Kekse, und sah dabei einem possierlichen Hündchen zu, das erst auf den Hinterbeinen trippelte, dann demonstrierte der Dresseur mit kleinen Speckstücken, dass das Tier sogar bis fünf zählen konnte! Ich staunte, wie klug es war, und überlegte mir ausserdem derweil ein (hoffentlich) harmloseres Thema.
    "War das eigentlich eine große Umstellung damals? Ich meine, von den Sitten und Gebräuchen her. Die sind doch sicher ganz anders, da wo du herstammst, oder nicht?"

    Es war schon dunkel, als ich in die Casa kam. Im Atrium lief ich Eubulus über den Weg, der mir ganz aufgeregt die große Neuigkeit erzählte: Decima Valeria sei zurückgekehrt. Man habe sie längst für tot gehalten. Ich musste erst mal überlegen - Valeria? - bis mir einfiel, das musste die Schwester von Caia sein. Ich hatte sie nie getroffen, aber mit Caia hatte ich mich richtig gut verstanden... meine arme kleine Cousine.
    Im Triclinum war groß gedeckt, anlässlich der Rückkehr der Verschollenen. Kerzen tauchten den Raum in ein warmes Licht, ihre Flammen spiegelten sich in blank geputztem Silber. Auf dem Tisch stand eine große Obstschale, und Candace brachte auch schon eine Platte mit hübsch arrangierten Eiern, Kräutern und bunten Saucen herein.

    Ich streifte meine Caligae ab, wusch die Hände in einer Schale mit Limonenwasser und ließ mich auf der linken Kline nieder. Auch wenn meine Familie mir zur Zeit schon mal auf die Nerven ging, war ich neugierig, meine geheimnisvolle Cousine kennenzulernen. Ob ich mir was schickeres hätte anziehen sollen? Ich war wie fast immer in meine Tunika militaris gekleidet, gegürtet mit dem Cingulum. Hatte ja nicht gewusst, dass es ein besonderer Abend war. Aber das würde schon gehen. Ich angelte mir einen Apfel aus der Schale und verspeiste ihn, während ich auf die anderen wartete.




    Simoff: Freu mich über Mitspieler! :)

    [Blockierte Grafik: http://img165.imageshack.us/img165/3010/princepspriorgargoniusrl1.jpg] | Princeps Prior M. Gargonius Marsus


    "Das heißt: mein Name ist, et cetera, et cetera, PRINCEPS PRIOR!" polterte Gargonius, und dabei schien der griesgrämige Alte förmlich aufzublühen.
    "Verstanden?! - Und Haltung, Tiro! Haltung!"
    Gargonius notierte. Dass der Anwärter seine Eltern nicht kannte, ließ ihn stutzen. Wie konnte er denn da sicher sein, römischer Bürger zu sein? Allein der Umstand, dass die Stadtkohorten mal wieder dringend neue Rekruten brauchten (ein ganzer Schwung hatte erst neulich noch während der Grundausbildung das Handtuch geworfen - Ja, die Jugend von heute war weichlich und wankelmütig...!), ließ ihn gnädig darüber hinwegsehen. ;)


    "Hmpf. Aha. Hast du's mit den Ohren, Furius? Ich will wissen ob du LEDIG bist. Und was hast du bisher getrieben, in deinem Leben? Hast du ein Handwerk gelernt, irgendwas nützliches? Oder lesen, schreiben? Und sag mir ehrlich, Furius..." Gargonius beugte sich vor und durchbohrte den Anwärter förmlich mit seinem forschendem Blick. Dabei wehte auch sein Atem über den Tisch herüber. Er roch nach saurem Wein.
    "...bist du jemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten?"






    Ein berittener Sklave der Gens Decima gab folgenden Brief in der Castra ab. Die Hülle war versiegelt, und enthielt (unter dem Brief verborgen und erst auf den zweiten Blick sichtbar) auch eine Besitzurkunde, die auf den Namen Marcus Iulius Licinus ausgestellt war.



    An
    Centurio Marcus Iulius Licinus
    Centuria IV Cohors IX
    Legio Prima Traiana Pia Fidelis
    Mantua



    Salve mein Freund!


    Wie läuft es denn so in Mantua? Ich habe gehört ihr baut fleissig jede Menge Strassen. Das klingt wunderbar, nach frischer Luft und einsamer Natur... Du weißt ja wie sehr ich Rom liebe, aber manchmal kann einem diese Stadt wirklich auf den Geist gehen. Egal wie viel wir hier auf den Strassen herumpatrouillieren, egal wie viele Übeltäter wir verhaften, die Leute lassen sich davon beim Stehlen, Rauben und Morden höchstens marginal irritieren. Und die Nähe zur Familie ist auch ein zweischneidiges Schwert. Meine liebe Schwester hat es sich felsenfest in ihren Dickkopf gesetzt, irgend so einen Kerl zu heiraten, der sie kein bisschen verdient hat, und meine liebe Tante hat beschlossen, dass sie mich unbedingt verheiraten muss, und meine andere liebe Tante wacht sogar aus Hispania mit Argusaugen darüber, dass ich mich auch ja anständig benehme. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich nach einem ruhigen, abgeschiedenen Legionskastell irgendwo im Grünen sehne!

    Aber zu etwas anderem: ich besitze ein Gehöft bei Cremona, etwa eine Centuria Land, mit ein paar Weinbergen und Obstwiesen. Leider ist der Verwalter ziemlich schlampig, und da es so weit von Rom entfernt liegt, kann ich ihm kaum auf die Finger sehen, also hab ich so gut wie nichts von dem Land. Es wäre großartig, wenn Du da hin und wieder mal vorbeischauen und ein bisschen nach dem Rechten sehen könntest, du hast es ja nicht so wahnsinnig weit. Deine Mühe soll natürlich nicht umsonst sein, also kurz, ich habe dir das Land überschrieben, und ich lasse in dieser Hinsicht auch nicht mit mir diskutieren.
    Mach es gut und lass von Dir hören!


    Vale,
    Faustus Decimus Serapio

    Es war einige Tage vor Beginn des Prozesses gegen Varius Burrus, als ein Soldat der Stadtkohorten zum Haus der Octavier kam, und Octavius Macer eine Antwort auf sein Schreiben vorbeibrachte.


    An
    Faustus Octavius Macer
    Casa Octavia
    Roma



    Salve Decemvir Octavius Macer,


    es gibt nichts zu danken, wir haben nur unsere Pflicht getan.
    Ich sende Dir hier das Protokoll der Verhöre, und wünsche Dir für die Verhandlung den Segen der Iustitia.


    Vale,
    F. Decimus Serapio
    Centurio IV Cen I Coh, Cohortes Urbanae, Castra Praetoria, Roma



    ~ ~ ~


    Protokoll – Verhör des Gnaeus Varius Burrus


    Name des Gefangenen:
    Gnaeus Varius Burrus alias "Sadales Polxemidas"
    Stand:
    Römischer Bürger
    Festname:
    ANTE DIEM IV NON SEP DCCCLIX A.U.C., Petersilienweg, Subura, wegen Verdacht des Mordes an Caius Octavius Cato



    Ergebnisse des Verhörs:


    Vorgeschichte:
    Gnaeus Varius Burrus stammt aus Lanuvium in den Albaner Bergen. 33 Jahre alt. Ledig. Eltern sind Kleinbauern, konnten sich nicht gegen Latifundienbesitzer behaupten, sind verarmt. Varius ging nach Rom, um Arbeit zu finden. Wohnt seitdem in der Subura. Wechselnde Tätigkeiten als Tagelöhner, Hafenarbeiter, Fuhrknecht und Rausschmeißer. Änderte seinen Namen in Sadales Polxemidas. (Sadales nach einem Gladiator aus Lanuvium, Polxemidas nach dem Protagonisten der Schundgeschichte "Polxemidas, Held der Ägäis".) Verfiel der Trunksucht und dem Wettfieber, machte Schulden.


    Tathergang:
    Am Wahltag ANTE DIEM VIII KAL SEP DCCCLVIII A.U.C. wurde Varius wegen Mietschulden von seinem Vermieter (L. Ennius Probus, Besitzer einer Insula in der oberen Kanalgasse) vor die Türe gesetzt. Ebenso sein Kumpan "Strepitus", mit dem er sich das Zimmer geteilt hatte. Die beiden Männer lungerten daraufhin am Fuße des Viminal herum, tranken und bettelten um Almosen. Gegen Mittag trafen sie auf ihr Opfer: Caius Octavius Cato, ohne Leibwächter oder sonstige Begleiter, auf dem Rückweg von der Curia Iulia, wo er sich vergeblich zur Wahl gestellt hatte. An der purpurgesäumten Toga erkannten sie seinen Stand. Bettelten ihn vergeblich an. Folgten ihm bis in die Gasse "Krumme Stiege", wo sie ihn hinterrücks angriffen.
    Varius hat im Verhör gestanden, Octavius mit einem Messer in den Rücken gestochen zu haben. Das Opfer drehte sich daraufhin um, es kam zu einem kurzen Handgemenge. Laut Aussage des Varius war es Strepitus, der den Octavier dann mit einem Stich ins Herz endgültig tötete. Nach dem Mord raubten die beiden dem Opfer die Geldbörse, wurden dann gestört und flohen.
    Sie teilten die Beute. Varius verbrauchte seinen Anteil u.a. für seine Wettleidenschaft. Sein Komplize Strepitus starb im letzten Sommer an einem Fieber. (Diese Aussage bez. Strepitus wurde inzwischen von uns überprüft, sie entspricht der Wahrheit.)


    Einschätzung des Gefangenen:
    In unserem Gewahrsam zeigte sich Gnaeus Varius Burrus als abgestumpfter Gewalttäter mit verrohtem Wesen. Er offenbarte einen starken Groll gegen bessergestellte und reiche Personen, und legte keinerlei Reue für seine Bluttat an den Tag.

    Zitat

    Original von Potitus Vescularius Salinator
    Potitus ließ seinen Centurio nicht einen Moment aus den Augen, während dieser sprach. Durch nichts ließ er sich anmerken, wie er darüber dachte, bis er das Wort ergriff. "Ich habe schon schlechtere Empfehlungen für eine Erhebung in den Ritterstand gehört." Eine ebenso trockene wie wahre Feststellung. Salinator notierte sich den Namen. "Gibt es sonst noch etwas?"


    Das konnte ich mir vorstellen. Und nach dem Bangen machte es mich geradezu euphorisch, dass der Präfekt sich da tatsächlich eine Notiz machte! Auch wenn das natürlich gar nichts bedeuten musste. Aber immerhin hatte er es nicht von vornherein abgeschmettert.
    “Im Moment nicht, Praefectus.“ antwortete ich zackig und erwartete die Erlaubnis zum Wegtreten.

    "Gut. Wo liegt das Lagerhaus?"
    Wie praktisch, dass hier an der Wand eine große Karte der Stadt hing.
    "Und wie ist das Gebäude beschaffen? Wie groß, hat es verschiedene Räume, steht es alleine oder angrenzend an ein anderes Gebäude, und wo liegen die Eingänge?"
    Ich nahm mir eine bereitliegende Wachstafel, und einen Stylus, notierte mir die Namen, die gefallen waren, und schob dem Aedil eine andere hin. Er schien ungeduldig. Ich hoffte, dass er sich das Zielobjekt schon genauer angesehen hatte, das würde uns Zeit sparen.
    "Am hilfreichsten wäre, wenn du es aufzeichnen könntest, Aedilis. - Ausserdem wäre natürlich interessant, wie viele Angestellte des Rabuleianus sich für gewöhnlich dort aufhalten. Und ob du auf bestimmte Beweise abzielst - gefälschte Gewichte, oder Dokumente, oder geht es um die Waren? Und wir brauchen eine Beschreibung des Vilicus."