Einen Moment lang fürchtete ich, Seiana würde jetzt empört ablehnen, an meinem lasterhaften Vorhaben teilzunehmen – aber nein. Sie war nicht abgeneigt. Ich grinste verschwörerisch zurück, dann ließ ich mich kurzerhand auf dem Boden nieder, im Schneidersitz und begann meine Utensilien vorzubereiten. Das Gras zerrieb ich grob zwischen den Händen, fein zwischen den Fingerspitzen, atmete einen Augenblick lang genießerisch den verheissungsvollen Duft ein, stopfte dann sorgsam den tönernen Pfeifenkopf, wobei ich gut Acht gab, nichts zu vergeuden.
"Oh, findest du echt? Danke." Ich blickte von meinem Werk auf, zu Seiana, und freute mich über das Kompliment. Meine Schwester hatte Stil, ich schätzte sie als arbiter elegantiarum. Mit der rechten Hand fuhr ich mir übers Haar und strich ein paar Strähnen zurecht.
"Dieses ganz Kurzgeschorene hab ich ja nie gemocht. Und mein neuer Barbier, er ist wirklich fabulös, er meint man könne es jetzt, unter dem neuen Kaiser, durchaus etwas länger tragen. Dieser Schnitt nennt sich ein 'schräg gestufter Germanicus', also, nach dem Feldherrn natürlich, nicht nach der Gens!" Sonst würde ich das natürlich nicht tragen. "Ich habe mir auch überlegt, mir einen Bart stehen zu lassen, macht ja auch älter, und ich habe schon immer noch das Problem dass ich halt recht jung bin für einen Centurio, und manche dann komisch gucken sobald ich den Helm abnehme, aber ich weiß nicht so recht ob ein Bart zu mir passen würde.... Was meinst du?"
Das war eine Frage, die mich ernsthaft beschäftigte. Ich nahm meine Zunderbüchse, und schlug ein paar Funken, aber vorsichtig. Eigentlich war es nicht erwünscht, hier im Stall zu rauchen, aber drüben im Haus würde der Duft uns womöglich verraten, und ich wollte nicht, dass Livianus oder Venusia davon was mitbekamen.
Ein kleines Flämmchen flackerte auf, ich ließ es auf einen Span wandern und steckte die Pfeife an, zog ein paar mal daran, bis die Glut weit genug vorgedrungen war, und sog den kratzigen Rauch tief in meine Lungen. Natürlich war die Wirkung nicht zu vergleichen mit der meiner liebsten Droge, aber es war doch ein ganz passabler Ersatz. Ich fläzte mich auf einen Haufen von Stohballen und nahm noch ein paar tiefe Züge, bevor ich die Pfeife an Seiana weiterreichte.
"Hier..."
Den Kopf auf die Hände gestützt, betrachtete ich meine Schwester. Schön ruhig war es hier. Der Geruch der Pferde, von Heu und frischer Farbe mischte sich angenehm mit dem süßlichen Rauch, man hörte nur mal ein Schnauben, oder Knistern, oder Scharren eines Hufs am Boden.
"Also, meistens habe wir nicht mit Mördern zu tun. Eher mit Schlägern, Besoffenen, Zechprellern und Eseldieben... aber halt nicht nur...", begann ich dann zu erzählen, und sobald ich einmal damit angefangen hatte, brachen die Worte nur so aus mir heraus.
"Es gibt eben diese Ecken, wo wir kaum was machen können, in der Subura, auf dem Aventin, in Trans Tiberim, und bei den Elendshütten vor der Stadt... Das ist echt deprimierend. Ständig werden da Menschen überfallen, erpresst, umgebracht und ausgeraubt, und alles was wir machen können ist morgens die neuen Leichen zu Protokoll zu nehmen.... Du musst mir versprechen, dass du nicht ohne Leibwächter in diese Gegenden gehst, ja? - Die sind wie ein Sack Ratten, die Leute dort, aber uns gegenüber halten sie zusammen und haben nie was gesehen oder gehört. Verbrechen ist halt lukrativ, und wir sind einfach zu wenige, dazu ist die Hälfte der Soldaten korrupt... Es gibt Strassenzüge, da ist es wie Krieg...
Die allermeisten Verbrechen bleiben ungesühnt. Dieser Mörder, den ich da verhöre, dem war ich ewig hinterher, aber es war nur möglich, dafür soviel Zeit und Ressourcen aufzuwenden, weil er ein Mitglied des Ordo Senatorius umgebracht hat."
Ich lachte bitter auf. "Sonst hätte das überhaupt keinen interessiert. Und die grausamsten Dinge, nämlich wie die Leute ihre Sklaven übelst mißhandeln, das ist ja nicht mal verboten..."