“Das freut mich zu hören.“, kommentierte ich den Umstand, dass es so bald zum Prozess kommen würde. Allerdings kratzte es ein wenig an meinem Stolz, dass ein einfacher Liktor, wie attraktiv er auch sein mochte, meinte, mir Anweisungen geben zu können. “Wenn der Praetor das will, werden wir ihm den Gefangenen natürlich überstellen.“, stimmte ich kurzangebunden zu. Lautlos huschte eine grosse Ratte an unseren Füssen vorbei. Der kalkige Wärter trat nach ihr, doch er verfehlte das Ungeziefer, das spurlos in der Dunkelheit des Ganges verschwand. Vielleicht sollten wir uns auch ein paar Frettchen zulegen.
“Miles“, wies ich den Wärter (dessen Namen ich nicht kannte) an, “notiere den Prozesstermin gleich auf der Übersicht am Eingang.“
Ich wollte den Soldaten nicht länger hier herumstehen haben. Das Erscheinen des Quintiliers war überraschend, ich wusste nicht so recht ob ich es gut fand oder nicht, wahrscheinlich wäre es besser, wenn er mir überhaupt gar nicht mehr über den Weg gelaufen wäre, aber was ich auf jeden Fall und mit Sicherheit sagen konnte, das war, dass er mich nicht kalt ließ.
Der Wärter bejahte und verschwand, ebenso spurlos und ebenso zielsicher wie die Ratte eben, im dunklen Gang. Ich griff mir die Fackel, hielt sie nahe an das Guckloch und leuchtete, soweit das durch die kleine Öffnung möglich war, in die Zelle, um einen kurzen Blick auf den Gefangenen zu werfen. Dazu war ich ja eigentlich hier runter gekommen. Der Komfort da drin ließ zwar zu wünschen übrig, aber es war eine deutliche Verbesserung zu dem Loch, in dem wir ihn zuvor hatten schmoren lassen, und somit war ich zufrieden.
Wieder wandte ich mich dem Liktor Quintilius Sermo zu. Die Ähnlichkeit, die mir nach dem Verhör auf einmal so evident erschienen war, war nun wieder schwer zu fassen. Es war nicht so sehr die Physiognomie... oder doch, ein wenig schon... aber es war vor allem die Ausstrahlung... nicht die ganze Zeit... aber in manchen Momenten schimmerte da etwas durch, und dann war es... als würde ich einem Geist gegenüberstehen.
“Bist du dann fertig hier?“
Ich machte eine auffordernde Geste, und setzte mich mit der Fackel in der Hand in Bewegung, Richtung des Ausganges.
So, Faustus, jetzt gehst du mit ihm bis zur Treppe, und zwar schweigend, da sagst du dann: 'Adios', und dann gehst du wieder an deine Arbeit und machst, das du ihn dir ganz schnell aus dem Kopf schlägst! - Das war meine innere Stimme der Vernunft. Aber sie stand auf verlorenem Posten.
“Quintilius“, begann ich wagemutig, mit einem schrägen Seitenblick zu ihm, “wegen der Unannehmlichkeiten, die du hier hattest – ich würde das gerne, also ansatzweise jedenfalls, wieder gut machen...“ “Oh, Verzeihung!“, höhnte meine innere Stimme, “Wie unachtsam von mir! Darf ich dich vielleicht zur Entschuldigung auf einen Becher Wein einladen?“ Aber ich hörte gar nicht hin.
“...indem ich dich zur Cena einlade. Was hältst du von, ähm, sagen wir in vier Tagen, in der Taberna zum Centauren? Die ganz oben auf dem Esquilin.“ Ich blickte ganz ernsthaft drein, als ginge es mir hier wirklich nur darum, ein bedauerliches Mißverständnis wieder gut zu machen. “Oder, wenn du etwas exotischeres bevorzugst, auf der Tiberinsel hat gerade ein arabisches Lokal aufgemacht, das auch nicht schlecht aussieht.“