Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Während der langen Reihe von Verhören, die ich mit diesem Kerl durchführte, geschah etwas seltsames. Ich begann ihn zu verstehen... ein wenig jedenfalls. Nicht, dass er mir dadurch weniger verworfen, weniger widerlich vorgekommen wäre. Nicht, dass das etwas an seiner Schuld geändert hätte. Aber mir wurde bewusst, dass der Hass, den er gegen die reichen Römer hegte, seine Wurzel in der Armut hatte, und in den demütigenden Umständen, die mit ihr einhergingen. Sadales, beziehungsweise Varius Burrus, sah sich im Recht, dafür dass er den Octavier getötet hatte, nicht weniger als ich mich im Recht fühlte, dafür dass ich in dieser einen Nacht vor den Toren der Stadt den Brutalo erstochen hatte, der die kleine Camilla hatte umbringen wollen.
    Ich begann mich zu fragen, welche Umstände dazu vonnöten sind, dass unsere allseits gepriesenen Tugenden im Handeln eines Menschen bestehen können. Oder dass sie überhaupt verinnerlicht werden. Und... und überhaupt stellte ich mir mal wieder viel zu viele unnötige Fragen. Ich war unheimlich erleichtert, als Varius Burrus endlich den Mord gestand, und ich die Verhöre benden konnte.


    Danach sorgte ich dafür, dass er in eine bessere Zelle verlegt wurde und ordentliches Essen bekam. Denn ich wollte, dass er, wenn er bei der Verhandlung auftrat, nicht zu schwach und ausgezehrt erschien – das könnte Mitleid wecken, was im schlimmsten Fall Einfluss auf das Urteil haben könnte.
    Gleich im Anschluß schrieb ich einen Brief an die Gens Octavia, um sie zu informieren und zur Anklage zu ermuntern. Und meinem Kommandanten würde ich auch gleich noch Bericht erstatten.

    “Gnaeus Varius Burrus“ wiederholte der Optio carceris, und es war ihm anzusehen, das der Name ihm gerade nichts sagte. Er nahm ein Bündel von Wachstafeln zur Hand und blätterte es durch.
    “Hm... nein... nein......nein. Hamwa nich.“
    Aber dann hielt er inne.
    Ah! Hamwa doch. War nur zuerst anders eingetragen. Nannte sich Sadales. Die lügen hier halt alle erst mal wie gedruckt. Aber sein richtiger Name ist“ – und Accoleius las mit zusammengekniffenen Augen von der Tabula ab: “Gnaeus Varius Burrus. Aus Lanuvium. 33. Hat gestanden, zusammen mit einem Komplizen den Caius Octavius Cato ermordet und beraubt zu haben. Verhört hat ihn der Centurio Decimus Serapio.“
    Er sah zum Liktor.
    “Gibt's denn einen Prozess?“





    Irritierend war nicht das richtige Wort. Als ich ihm dann gegenüber sass, als das Licht voll auf sein Gesicht fiel und die prägnant geschnittenen Züge dem Dunkel entriss... da wurde mir das klar. Er gefiel mir. Sehr! Und die lässige Mimik, die, auch in dieser nicht gerade angenehmen Situation, furchtlose Wortwahl... diese Art habe ich schon immer äusserst attraktiv gefunden. Ich stützte den Kopf auf die Hände, betrachtete ihn auf eine vollkommen andere Weise, als noch vor einem kurzen Moment, und seufzte innerlich. Ach!
    Zu schade, dass wir uns nicht unter anderen Bedingen über den Weg gelaufen waren. Aber wie die Dinge standen, musste ich ihn verhören. Musste professionell sein. Ach!
    Wie gut, dass die Beleuchtung so geschickt plaziert war. Ich blinzelte, riss meinen Blick kurz los und machte mir Notizen auf der Tabula. Was der Mann sagte, und wie er es sagte, klang eigentlich recht plausibel. Allerdings war ich mir gerade nicht so ganz sicher, ob ich noch objektiv war? Tief durchatmen. Auf die Arbeit konzentrieren. Ruhig Blut, Soldat...


    Klar war jedenfalls, allein anhand seiner Sprechweise, des gepflegten Lateins, dass der Mann nicht aus der Subura kam. Die Gens Quintilia war meines Wissens nach eine respektable Familie. Und hatten sie nicht irgend so ein gehörntes Tier als Wappen? Ich griff nach dem Anhänger, besah ihn mir und überlegte, ob ich einen Soldaten rüber zu den Prätorianern schicken sollte, da gab es doch einen quintilischen Centurio, der könnte seine Identität bestätigen. Aber als aufrechter Urbaner und vor allem Ex-Primaner wollte ich mir nur im Notfall Unterstützung bei den Kollegen in Schwarz holen.
    Ein Liktor des Praetors? Das erstaunte mich. Und es schoß mir durch den Kopf, dass ich es mir natürlich nicht mit dem Praetor, der ja auch die Academia kommandierte, verderben wollte. Aber ich tat ja wirklich nur meine Pflicht.
    Quintilius Sermo, wenn er denn wirklich so hieß, war entweder ein richtig guter Lügner, oder er sprach die Wahrheit.


    “Mhm. Das ist ja ein erstaunlicher Zufall.“ kommentierte ich seine Geschichte trocken. Mit Mühe sah ich über die gefesselten Handgelenke hinweg, ich wusste, dass das verteufelt weh tun konnte, aber so schnell war ich noch nicht bereit ihm Glauben zu schenken. Zunächst ergriff ich den Dolch, der da vor mir auf dem Tisch lag. Ich hielt meine Hand quer neben die Klinge, als ob ich deren Länge überprüfen würde, auch wenn es offensichtlich war, dass sie mehr als eine Handbreit maß.
    “Du weißt sicher, dass du alleine für das Tragen dieser Waffe innerhalb des Pomeriums eine ganze Weile in unseren Carcer wandern kannst?“ meinte ich, so unbarmherzig wie möglich. Ich wollte ihn aus dem Konzept bringe, aber das war echt nicht einfach, so sehr wie der im Gegenzug mich aus dem Konzept brachte. Dabei war das mit den Waffen auch so eine Sache... eigentlich bin ich der Meinung, man sollte jeden, der nachts unbewaffnet in die Subura geht, wegen Dummheit in den Carcer werfen und nicht umgekehrt. Unbewusst rieb ich mir meine Narbe, und zuckte zurück als ich die malträtierte Wange berührte. Morgen würde ich bestimmt ein blaues Auge haben.
    “Was hast du mitten in der Nacht in der Subura gemacht? Warst du beim Rattenbeissen? Was hast du dort getrieben? Warst du alleine dort oder in Begleitung?“ Ich stellte die Fragen scharf, und schnell hintereinander, damit er keine Zeit zum Nachdenken hatte. “Und du widersprichst dir, Quintilius, du sagst, du seist vom Platz des Rattenbeissens aus vor der Schlägerei geflüchtet, ich habe dich jedoch aus einer Insula herauskommen sehen, als du dich auf meine Männer gestürzt hast! Ja was denn nun?!“

    Aah, das tat so gut!!! Ich hätte gar nicht wieder damit aufhören wollen, ihm in die blasierte Fresse zu schlagen. Leider gelang es ihm dann doch sich zu befreien, wobei ich einen schmerzhaften Tritt gegen die Hüfte kassierte. Autsch! - Was?! Was sagte der da über meine Schwester?!
    "Imbecil! Willst du etwa sagen meine Schwester sei eine Schlampe, willst du das?! Perro asqueros! Ich mach dich fertig..."
    Der Staub stiebte nur so, als ich auf die Füße sprang und mich wutentbrannt wieder auf meinen Gegner stürzte. Er tat genau dasselbe, wir kollidierten und unsere öligen Arme verknäuelten sich, als wir verbissen darum rangen die Oberhand zu gewinnen.
    "Ich will dir sagen was das Problem ist, Tonto!" knirschte ich, und grub die Fersen in den Sand um meinen Stand zu festigen, "...Das Problem ist so ein Schnösel von Aelier, der meint, er hätte es nicht nötig, ordentlich um die Hand meiner Schwester anzuha.....aa....aaa..."
    Da war ich doch glatt in einen Griff geraten, der mir die Luft knapp werden ließ. Und immer knapper... Ich rang um Atem und stemmte mich mit aller Kraft dagegen, dann gab ich urplötzlich nach und ließ mich nach unten hin weggleiten – ich mag diesen Kniff, mit dem hab ich gegen den gigantischen Marcus von der Classis gewonnen, oh ja, und der war, jedenfall in meiner Erinnerung, mindestens drei Köpfe größer als dieser Archias.
    Ich tauchte unter dem Arm meines Gegners ab, sog tief die Luft ein, und schlang ihm von hinten blitzschnell den rechten Arm um den Nacken, packte ruppig sein Kinn, riss es zur Seite und vervollständigte mit der Linken einen fiesen Nackenhebel. Nimm dies!

    "Salve" grüßte ich arglos zurück, als ich Elenas Stimme hörte, ohne dabei von meiner Lackiererei aufzusehen. Ich wollte ja nicht kleksen. Dann allerdings machte Seiana sich bemerkbar, und prompt rutschte mir der Pinsel aus, und verunzierte die elegante Linie mit einem plumpen Zacken. "Jolín!" fluchte ich leise, hielt die Augen aber trotzig weiterhin auf meine Arbeit gerichtet. Hoffentlich, sagte ich mir, hoffentlich verziehen die beiden sich jetzt einfach wieder, ich kann's echt nicht brauchen, dass die mir jetzt auf den Geist gehen! Natürlich, eigentlich würde ich mich schon gerne wieder vertragen, aber im Moment war ich so resigniert, dass ich bloß meine Ruhe wollte. Oder doch nicht? Jedenfalls konnte ich auf einen weiteren Streit gut verzichten.
    Mit zusammengepressten Lippen und angespannten Schultern griff ich nach einem Leinöl-getränkten Lappen und wischte die unsauber aufgetragene Farbe weg. Elena, die gute Seele, schien fest entschlossen uns hier zur Aussprache zu nötigen. Wahrscheinlich dachte sie, wir müssten nur reden, dann würde sich alles in Wohlgefallen auflösen.


    "Ja. Neu."
    Dann war ich wieder still, pinselte, rührte in der Farbe herum und tat beschäftigt. Aber irgendwie kam ich mir dann etwas albern vor. Ich gab mir einen kleinen Ruck.
    "Ich habe ihn gebraucht gekauft. Ist aber in sehr gutem Zustand, der Vorbesitzer hatte ihn fast nur in der Remise stehen. Jetzt hat er sich einen neuen angeschafft, ein leichteres Modell für die Rennbahn, aber ich finde den hier eigentlich genau richtig. Er hat eine besonders solide Steineichenholz-Achse, und sechsspeichige, doppelt beschlagene Räder, damit kann man auch mal auf einer holprigeren Strasse fahren, und so... ähm... aber du hättest sehen sollen wie der Wagen vor dem Anstrich ansah, ganz orange mit so komischen Blitzen, echt geschmacklos... hier kommt dann noch unser Wappen drauf, und hier..."
    Ich zeigte auf die Seiten der Kanzel, und blickte dann auch mal Seiana ins Gesicht. So wahnsinnig fröhlich sah sie ja auch nicht aus.
    "Wie findest du ihn? Und neue Pferde hab ich auch dazu. Die beiden hier, schau."
    Ich wies betont unbeteiligt auf die Boxen, wo meine beiden hübschen Stuten, die eine schneeweiß, die andere ein Apfelschimmel, gemütlich an ihrem Heu knabberten. Auf mein Gespann war ich ziemlich stolz, und zeigte es natürlich gerne vor. Und irgendwie war mir gerade wichtig, dass es Seiana auch gefiele... – obwohl mir das ja eigentlich vollkommen egal sein konnte!

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    Die Schreibstube des Optio carceris lag am Eingang zum Gefängnis, und sie war genauso düster und muffig, wie man sich solche Kammern vorzustellen pflegt. Der Optio kam gerade, mit einem großen, rasselnden Schlüsselbund in der Hand, den Gang entlang, als die Torwache mit dem Besucher eintraf.
    “Salve Princeps Prior Accoleius“, grüßte der Wächter. “Liktor Mettius hier kommt vom Praetor Urbanus wegen eines der Insassen.“
    “Um wen geht's denn?“ fragte der Optio, und ließ die beiden in seine Kammer eintreten.




    ... fragte ich. Hannibal lächelte rätselhaft. Wir standen am Meer. Der Apoll räkelte sich auf einem Felsen. Er strähnte sein goldenes Haar, und in seinem Antlitz stand nur selbstverliebte Leere.
    Nichts. verriet mir Hannibal. Höchstens wann er von diesem Felsen wieder heruntersteigen kann.
    Wir gingen am Wasser entlang. Hand in Hand. Der Pfad wand sich auf hohe Klippen. In der Tiefe brauste das Meer, aber vielleicht kam das Geräusch auch von den Tieren, die im Gesträuch raschelten. Mohnblumen wuchsen dort und Hyazinthen. Ein Hund mit roten Lefzen streckte den Kopf aus dem Gebüsch. Schnell wandte ich den Blick ab, doch auch so wusste ich, dass er scharfe weiße Reißzähne hatte.
    Was bedeuten die Hunde? In luzider Klarheit war mir bewusst, dass ich träumte. Und dass ich etwas vergessen hatte. Irgendetwas wichtiges.
    Was fragst du mich? Hannibal schien belustigt. Faustus, schöner Faustus, vielleicht will er dich fressen!
    Ich beschleunigte meine Schritte. Die Felsen flogen nur so an uns vorüber. Doch dann konnten wir nicht mehr weiter. Chrysanthemen überwucherten den Pfad. Ihre Stengel verflochten sich zu einem undurchdringlichen Dickicht, Büschel saftgrüner Blätter versperrten den Weg, schwellende Blüten ballten sich zu obszön grellen Farbklecksen.
    Ich wendete mich Hannibal zu. Sein Bild verschwamm vor meinen Augen, und seine Hand in meiner verflüchtigte sich... wie Nebel in der Morgensonne.
    Habe ich dich jemals gekannt? Die dritte Frage.
    Seine Antwort konnte ich schon nicht mehr hören. Aber sehen, wie er den Kopf schüttelte. Und sein sarkastisches Lächeln. Dann tat er einen Schritt zurück und stürzte von den Klippen. Und während er fiel, fiel es mir wieder ein, was ich nicht mehr gewusst hatte, dass er ja tot war, dass sein Herr ihn gekreuzigt hatte, und auch dass ich ihn schon viel früher verloren hatte... soweit man etwas verlieren kann, das man nicht gehabt hat.


    Ich erwachte, mit dem letzten Traumbild vor Augen – er trieb in den Wellen, das Meer nahm ihn mit sich fort. Es sah ein bisschen so aus wie bei der Najade, die ich neulich aus dem Tiber gefischt hatte. Mit weitgeöffneten Augen starrte ich an die Decke meines Schlafzimmers. Hannibal, "mein Erastes"... Ich wollte nicht mehr an ihn denken, und ich wollte schon gar nicht von ihm träumen. Viel schöner wäre es doch, zum Beispiel an den aufregenden Sonnengott von den Meditrinalia zu denken, als an diesen verlogenen Sklaven. Unwirsch wischte ich mir die Tränen weg, die sich so penetrant in meinen Augen sammelten. Dann stand ich auf.
    Es war kurz vor der Morgendämmerung. Ich machte Feuer im Ofen, dann nahm ich eine Wachstafel zu Hand und begann darauf herumzukritzeln. Viel zu viele wiederstreitende Empfindungen spukten in mir herum, Seelenregungen die für einen römischen Soldaten nicht statthaft waren... um sie zu bannen, hatte sich für mich die Poesie bewährt. Ich schrieb die Wachstafel voll. Dann verschloss ich sie sorgfältig in der schweren, eisenbeschlagenen Truhe, in der ich eine ganze Menge unstatthafter Dinge aufbewahrte. Da war die Tabula in guter Gesellschaft.



    meum savium


    Hab ich jemals dich gekannt?
    Niemals, nimmer, kennst du mich.
    Wars dein Blick, der mich gebannt?
    Augen, Lippen, fesseln dich.


    Sklave, will dich rasend lieben,
    Sklave, der mir fremd geblieben,
    Du hast diese Welt verlassen.
    Muss dich lieben, will dich hassen,


    Will dich rächen, will verfluchen,
    Was dein Herr dir angetan! -
    Will mich rächen, und versuchen
    Zu verstehn, wie's dazu kam,


    Dass du mich verraten hast!
    Lügen, Küsse, Messer, Last
    Des Verbor'gnen lockte mich.
    Bloß die Leiber fanden sich.


    Flosculus, der Narr, der Tor,
    Wähnt sich einen deiner Träume
    Doch du hieltest ihm nur vor
    Einen Spiegel: blanke Räume,


    Leer. Die hat er angefüllt
    Mit der Wünsche Irrlichtbild.
    Wie soll ich dich nennen?
    Lieben heißt nicht kennen.


    Verdammt! Trotz der späten Stunde war der andere Verhörraum besetzt. Princeps Prior Cotius versuchte dort wieder einmal, dem Falschmünzer, den er neulich erwischt hatte, seine Geheimnisse zu entlocken. Manchmal drangen die Geräusche, die dumpfen Laute der Schläge, das Ächzen des Gefangenen bis hier rüber.
    Notgedrungen hatte ich also, nachdem ich den ersten Gefangenen eigenhändig in den Carcer gebracht hatte, Paeonius eine Standpauke gehalten hatte, Furius ein Lob ausgesprochen hatte, mich frisch gemacht, meine Wange gekühlt, und die zivilen Klamotten gegen meine Uniform getauscht hatte, unseren zweiten Gefangenen, der uns beim großen Rattenbeißen unerwartet ins Netz gegangen war, hierher führen lassen. Ich hegte eine tiefe Abneigung gegen diesen Raum, deren Ursache mir natürlich ganz klar war – was die Abneigung aber kaum dämpfte.


    “Ist er bereits durchsucht?“ fragte ich Miles Marius Musca, der den Gefangenen, welcher noch immer an den Handgelenken gefesselt war, in das kahle Zimmer hineinführte.
    “Nein, Centurio.“
    “Dann tu es jetzt.“ Und während Musca sich ans Werk machte, entzündete ich mit einem glimmenden Kienspan die Öllampen, um den Katapult-Mann endlich richtig sehen zu können. Natürlich standen die Lampen strategisch günstig, ihr Licht fiel direkt ins Gesicht des zu Verhörenden, während meines bei der Befragung im Schatten liegen würde. Da meine Männer schon schliefen, bis auf die, die Nachtwache schoben, verzichtete ich auf einen Schreiber, und nahm selbst Tabula und Stylus zur Hand. Ich ließ mich hinter dem Schreibtisch nieder und betrachtete gespannt, was Musca da ans Licht förderte. Er legte alles, was er dem Gefangenen abnahm, vor mich hin, und hieß den Mann dann auf einem Stuhl vor dem Tisch Platz zu nehmen.
    “Dann erzähl mal. Wie lautet dein Name?“ begann ich ganz konventionell, in kühlem Tonfall, und nahm ihn dabei scharf ins Visier. Dieser Gefangene hatte etwas an sich, was mich irgendwie... irritierte.
    “Wo wohnst du? Was ist deine Profession? Und was, in Plutos Namen, hat dich dazu getrieben, meine Männer bei der Festnahme anzugreifen?“

    Die Gassen wurden breiter, die Häuser niedriger, die Luft frischer, als wir das Elendsviertel endlich hinter uns ließen. Ich war stolz auf die gelungene Festnahme, und ich glaubte in dem Augenblick beinahe wieder daran, dass unsere Arbeit einen Sinn hatte.
    Zuerst ging es zur nächsten Wache, der am Argiletum, wo jetzt nach und nach auch die anderen Soldaten, die sich beim Rattenbeißen eingeschlichen hatten, eintrudelten. Mehrere von ihnen hatten kleine Blessuren davongetragen, zum Glück nichts ernstes dabei, aber die Prügelei, von der sie berichteten, musste wirklich höllisch gewesen sein! Das dämpfte meine Zuversicht gleich wieder. Dass es mitten in Rom solche rechtsfreien Gebiete gab – was warf das für ein Licht auf die Autoritäten? Auf die Wirksamkeit unserer Arbeit?
    Im Anschluß kehrten wir in die Castra zurück, um dort zumindest einen Verbrecher, möglicherweise auch zwei, hinter Schloss und Riegel zu bringen.

    Zitat

    Original von Aurelia Prisca


    [Blockierte Grafik: http://img25.imageshack.us/img25/7963/alexanderdergroe.jpg| Alexander der Große


    Wenn die Sittsamen erst mal aufgetaut waren, dann wurden sie hemmungslos. Von dieser Weisheit war der Darsteller des großen Alexander überzeugt, und er fand sie heute wieder einmal bestätigt. So hinreißend dünkte ihm der Tanz der Athene mit ihrer Sirene, die unschuldige Verruchtheit, die zögernde Lust an der Verführung, dass er den Blick nicht mehr von der Göttin zu wenden vermochte, dass sich gar die ein oder andere Bresche in seiner Schlachtformation auftat.
    "Eine vortreffliche Idee!" lobte er, und legte genießerisch den Kopf ein wenig zurück, als die Hände der Göttin sich in seinem Nacken trafen.
    "Herrlichste Athenaia, ich werde dich lieben als ob es kein morgen gäbe..." Was es ja auch nicht geben würde, für die Götter und Heroen, die mit dem Ende des Festes wiederum zu Sterblichen würden. Alexander grinste selbstgefällig und schlang die Arme um die Taille der Göttin, zog sie fordernd an sich, als er ihr voll unerschütterlichen Selbstvertrauens noch weitere Versprechungen gab.
    "Deine alabasternen Wangen werde ich röten, und deinen süßen Lippen die allerschönsten Laute entreißen. Niemals, Athenaia, niemals wirst du die Nacht vergessen, die du in den Armen des Königs der Welt verbracht hast!"
    Nicht dass er je daran gezweifelt hatte, dass auch die jungfräuliche Göttin am Ende in seine Arme sinken würde. Trotzdem, dieser Sieg war besonders süß.
    Die Mänade? "Bring sie ruhig mit." beschloss Alexander, und ließ ein verruchtes Lächeln aufblitzen. Nur ungern gab er die Göttin aus seinen Armen frei, erst nach einem weiteren, unersättlichen Kuss, gegen den der erste beinahe keusch wirkte.
    "Ich werde hier ausharren." Welch Versprechen, welche Verlockung legte der Feldherr allein in diese vier kleinen Worte. (Trotz seiner Triumphgewissheit widerstrebte es ihm, sich jetzt schon zurückzuziehen – was wenn in dem zügellosen Durcheinander ein anderer ihm die reizende Göttin raubte, bevor sie den Weg zu ihm gefunden hatte?)
    "Lass mich nicht zu lange warten...", sprach er neckend, und entließ Athenaia nun endgültig aus der Umarmung, warf ihr noch einen tiefen Blick und ein verheißungsvolles Lächeln hinterher.
    Dann war sie fort.
    Alexander der Große wartete.



    [Blockierte Grafik: http://img83.imageshack.us/img83/2044/signaturconvimmortal.gif]

    An
    Gaius Octavius Victor
    und Faustus Octavius Macer
    Casa Octavia
    Roma



    Salve Senator Octavius Victor,
    salve Decemvir Octavius Macer,


    es gibt Neuigkeiten im Bezug auf das Verbrechen, dem euer Verwandter Caius Octavius Cato am Wahltag ANTE DIEM VIII KAL SEP DCCCLVIII A.U.C. zum Opfer fiel. Ich bin seit damals mit den Ermittlungen in diesem Fall betraut, und ich kann euch mitteilen, dass es mir letztendlich gelungen ist, einen der Täter zu fassen.
    Es handelt sich dabei um einen Tagelöhner aus der Subura mit dem Namen Gnaeus Varius Burrus. Er hat das Geständnis abgelegt, euren Verwandten aus Geldgier überfallen und gemeinsam mit einem Komplizen getötet zu haben. Wir halten den Mann im Carcer der Stadtkohorten fest.


    Ich wende mich an euch als die Vertreter eurer Gens, welche am aktivsten im öffentlichen Leben stehen. Es wäre nun an einem von euch, beim amtierenden Praetor Urbanus eine Anklage gegen den Täter einzureichen, damit ein Prozess gegen ihn eingeleitet werden kann, auf dass er so schnell wie möglich für seine ruchlose Tat zur Rechenschaft gezogen wird.


    Des Weiteren möchte ich euch bitten, den Vater des Ermordeten über diese neue Entwicklung in Kenntnis zu setzen. Es war mir leider nicht möglich seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.



    Valete,
    F. Decimus Serapio
    Centurio IV Cen I Coh, Cohortes Urbanae, Castra Praetoria, Roma

    "Nicht? - Oh, dann entschuldige bitte!"
    Das war mir jetzt aber unangenehm! Der Protest klang so ehrlich, dass ich mir vornahm, dem alten Strabo in Zukunft nicht mehr alles abzunehmen. Womöglich gab es auf dieser Insel verschiedene Barbarenstämme, von denen nur manche Kannibalen waren. Und den schrecklichen Winter dementierte Bridhe ebenfalls.
    "Ach so." Aber ganz überzeugt war ich nicht. Eine Insel im Norden, am Ende der Welt – ohne Schnee und Eis? Allerdings... "Das erinnert mich an etwas anderes, was ich über deine Insel gelesen habe." Ich hatte es aber nicht für bare Münze genommen. "Dass die Wiesen im Sommer angeblich so grün und nahrhaft sein sollen, dass die Kühe einfach platzen, wenn man sie unbeaufsichtigt grasen lässt. Wie angestochene Schweinsblasen. Sag nicht, das stimmt wirklich!"


    Wie sie von ihrer Heimat sprach, so... - wie soll ich sagen – schlicht aber stolz, fand ich es nicht mehr ganz so unbegreiflich, dass Rom sie nicht halten konnte. Aber sich deswegen umbringen zu wollen! Diese Frau schien mir wie eine Figur aus einer Tragödie... schön, verzweifelt, und absolut in ihrem Handeln. Es war bewegend, und auf eine düstere Weise poetisch... und aus den Tiefen meines Geistes begannen Worte aufzusteigen, die der Beginn eines Verses sein könnten. Ich schwieg, während ich versuchte diese Worte festzuhalten, und eine Weile lang herrschte Stille in dem Zimmer, bis auf das Knacken des Feuers.


    "Ich glaube, dass... dass es nicht grundlos war, dass ich dich da im Wasser habe treiben sehen.", sagte ich schließlich nachdenklich. "Ich meine, es war neblig und dämmrig, und das Ufer da ist echt kein belebter Ort, ich war nur dort weil ich, naja, spät, also schon wieder früh aus der Taverne kam, und da runter gestiegen bin um meinen Gedanken nachzuhängen... will sagen, die Chance dass alles so kommt wie es gekommen ist, ist ja eigentlich verschwindend gering. Sicherlich steckt da irgend etwas dahinter. Fortunas Hand... In der Vergangenheit hab ich sie schon oft zu spüren bekommen. Das ist schwer zu erklären. Also, nicht dass ich unbedingt immer jede Menge Glück habe. Aber schon relativ häufig. - Ausser in der Liebe."
    Jetzt hatte ich mich irgendwie in meinen Worten verstrickt. Es war etwas an dieser Morgenstunde nach der Opium-Nacht, und an der verhinderten Selbstmörderin vom Ende der Welt, die Kombination von beidem war so bizarr, es ließ diesen Morgen aus dem gewöhnlichen Rahmen meines Lebens herausfallen. Mir war als könnte ich alles sagen, alles tun, alles was sich nur denken ließ.
    "Also, zum Beispiel wenn es darum geht, etwas zu finden. Etwas bedeutendes. Da habe ich manchmal unverschämtes Glück. Zum Beispiel, als mein Centurio damals in Parthien vermisst wurde. Auf der Rettungsmission bin ich fast über ihn gestolpert. Und das Gebiet war absolut unwegsam, und unübersichtlich und zerklüftet. Oder... à propos gestolpert! Als unser Primus Pilus gegen einen feindlichen General gefochten hat, vor Edessa, da ist der Parther während des Kampfes über mich gestolpert. Das hat man mir jedenfalls später erzählt, ich selbst lag verwundet auf dem Boden und habe nichts davon mitbekommen. Und ich habe einen Haufen solch komischer Zufälle schon erlebt. Manchmal ist es natürlich auch bloß Glück im Unglück."
    Ob sie verstand worauf ich da hinauswollte? Und wollte ich damit wirklich sagen, dass Fortuna damals durch mich gewirkt hatte? Ich war mir nicht sicher, es wäre natürlich schön wenn. (Andererseits hatte ich, voll guter Absichten, auch schon alles andere als Glück gebracht.)


    "Vielleicht kann ich dir ja helfen. Du sagst, du kannst nicht zurück, aber - warum nicht? Ist es, weil dich etwas hier hält, oder wegen der Reise? Es gibt doch Schiffe nach Britannien. Das ist natürlich eine lange, sehr gefahrvolle Passage, aber mit dem Segen Neptuns ist der Weg nicht unmöglich. Und von dort aus müsste man doch eigentlich nach Hibernia übersetzen können, oder nicht?"

    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus
    ".... weshalb ich darauf brenne, die hitzige Glut in einem mir ebenbür..tigen Leib zu entfachen, dass er meinem lodernden Korpus glei'h im Feuer der Leidenschaft, welches mich nährt, versinkt - und wel'her Leib wäre hierzu opportuner als ein solcher, der bereits aus sich selbst heraus strahlt in heroischer Herrlich..keit!? Wenn also du, Hephaistion, mir den Nektar zeigen mö'htest, der aus ma..kedonischen Heldenleibern rinnt, so will ich ihn kosten und glei'hsam dich mit der feurigen Glut der Sonne erfüllen."


    Was sollte man da noch sagen? (Ausser 'Nimm mich!' natürlich. Aber das wäre so prosaisch.)
    Mit vor Verzückung halbgeöffneten Lippen, nahm ich den Strom der Worte in mich auf, flüsterte mit belegter Stimme: "Mich dürstet nach deiner Glut, göttliche Sonne... Ich will vergehen in deinem Feuer, es schreckt mich nicht, mein Leib ist gestählt durch die Fährnisse all meiner Eroberungen. Ich will dir den köstlichsten Nektar zu trinken geben, und mit makedonischer Härte bestehen, seien deine Flammen auch noch so lodernd, mag deine Hitze mich auch versengen, doch was könnte schöner sein, als in deinem goldenen Glanz unterzugehen und wie der Phoenix wieder daraus aufzuerstehen!"
    Jetzt wurde getanzt. Ich liebe es zu tanzen! Leider hat man so selten die Gelegenheit dazu. Ich verstehe nicht, warum es verpönt ist, so einen Spass kann man doch nicht den Sklaven überlassen.
    Der Rhythmus fuhr mir in die Beine, aber ich wollte mich keinen Zoll von Aton entfernen. Erst als Alexander mich ansprach, riss ich meine Augen los von der göttlichen Sonne und sah überrascht zu meinem ursprünglichen Begleiter auf. Anscheinend hatte er Athene jetzt rumgekriegt, aber das schien ihm noch immer nicht genug zu sein. (Ich fragte mich, ob Tricostus vieleicht immer genau das wollte, was er gerade nicht hatte.)
    Nicht dass ich auch nur ein bisschen in Versuchung gewesen wäre, auf Alexanders Aufforderung einzugehen! Aton hatte mich voll und ganz gefesselt. Das einzige was mich einen kurzen Augenblick lang zögern ließ, war der Gedanke, dass ich Tricostus ja die Einladung hierher verdankte, und sogar mein Kostüm von ihm ausgeliehen hatte, und dass ich als Hephaistion gerade ein bisschen aus der Rolle fiel... aber...


    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus
    "Was willst du dich mit einem Menschen abgeben, wo du do'h einen Gott haben kannst?"


    Das beendete diesen kleinen Zwiespalt unverzüglich. Aton hatte absolut recht, und mein wankelmütiger König konnte mir ein für alle Mal gestohlen bleiben! Kokett zupfte ich an einer Haarsträhne, rückte meinen Kranz zurecht, und schenkte Alexander einen schmelzenden Augenaufschlag, als ich ihm mit Genuss eine Abfuhr erteilte.
    "Oh!" hauchte ich, und legte affektiert die Fingerspitzen an den Mund, "das tut mir leid, mein teurer König, aber ich habe diesen Tanz schon Aton versprochen!"


    Alexander nahm es gefasst zur Kenntnis und stürzte sich mit Athene ins Getümmel. Ich erhob mich mit einem breiten Grinsen, richtete die Augen wiederum unverwandt auf den schönen Sonnengott, und begann mich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Im Rausch nicht ganz trittsicher, aber dafür um so gelöster tanzte ich vor ihm, für ihn, und löste dabei eine Schnalle nach der anderen an meinem Linothorax. Lasziv entledigte ich mich der Rüstung, warf sie lässig hinter mir auf die Kline, und schob mir zuletzt forsch das Oberteil des Chitons von der Schulter, so dass ich nun meinen bloßen Oberkörper präsentierte.
    Dann streckte ich Aton beide Hände entgegen, "Komm!" und zog ihn tanzend von der Kline hoch, eng an mich, und hinein in den wilden Reigen.
    Das klingt leider besser als es war, denn trotz der enormen Anziehungskraft, dem Knistern zwischen uns, trotz des besinnungsraubenden Taumels der Musik harmonierte unser Tanz irgendwie nicht, kamen wir ständig aus dem Tritt, schließlich musste ich sogar beherzt in eine Girlande hineingreifen die sich um eine Säule wandte, damit wir nicht das Gleichgewicht verloren. Waren wir schon so betrunken? Egal. Ich lachte über unser Mißgeschickt und drückte Aton feurig gegen die Säule. Um uns herum wogte der rasende Tanz, kurz sah ich Isis sogar hoch über den Köpfen der Menge dahinfliegen!
    Atemlos lehnte ich mich gegen meinen Gott, legte eine Hand an seine Wange, die andere auf seinen wohlgeformten Hintern, meine Lippen auf die seinen, und tauschte mit ihm einen wilden, einen gierigen, einen langen und tiefen Kuss aus.
    "Aton... wenn du nicht willst, dass ich dir hier auf der Stelle die Kleider vom Leib reiße, dann lass uns jetzt sofort ein Separé suchen!"


    Aber... Moment... dieses Blondhaar, das ich da, aus dem Augenwinkel, schwingen sah... war das nicht... Oh, Bona Dea!



    [Blockierte Grafik: http://img83.imageshack.us/img83/2044/signaturconvimmortal.gif]

    Am Tag nach dem großen Rattenbeißen führte ich das erste Verhör mit unseren neuen Gefangenen durch. Zwei Soldaten holten ihn aus dem Carcer und lieferten ihn in dem kahlen und trostlosen Raum ab, den wir für die Verhöre benutzten. (Es gab noch einen anderen, aber ich bevorzugte diesen hier.) Gefesselt wurde der Gefangene auf einen Hocker gedrückt, dann bauten die Soldaten sich neben der Türe auf und ich begann meine Fragen zu stellen. Ich saß hinter einem massiven Tisch, und vor dem einzigen Fenster, an der Seite des Zimmers hatte auch noch ein Immunis, der alles interessante mitschrieb, seinen Platz.
    Von Anfang an gab ich vor, wir seien ganz sicher, dass unser Gefangener der gesuchte Messermörder war, und jetzt bloß noch an den Hintergründen des Verbrechens interessiert. In Wirklichkeit hatten wir ja nur Indizien, die für seine Schuld sprachen. Ich war nicht besonders zimperlich, und ließ die Soldaten dem Gefangenen auch mal eine verpassen wenn er nicht mitzog. Der Mann war Abschaum, echt das Letzte (und zudem hatte er mir ein blaues Auge geschlagen), da hielten sich meine Skrupel in Grenzen. Aber schön war diese Aufgabe trotzdem nicht. Beileibe nicht.
    Es blieb nicht bei dem einen Verhör. Danach steckte ich den Mann wieder in Einzelhaft, aus der ich ihn noch viele Male zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten in den Verhörraum zerren ließ. Irgendwann würde er schon weich werden, irgendwann würde ich dieses verdammte Geständnis aus ihm rausbringen...!

    Das Knirschen des Riegels war Musik in meinen Ohren. Die langen Ermittlungen hatten sich endlich ausgezahlt. Zufrieden wandte ich mich von der dunklen Kerkerzelle ab, in der wir den (mutmaßlichen) Mörder von Octavius Cato eingesperrt hatten, nachdem wir ihn auf ziemlich abenteuerliche Weise beim großen Rattenbeissen festgenommen hatten. Was ich jetzt noch brauchte, das war natürlich ein Geständnis, aber vor dem ersten Verhör sollte der Mann erst mal eine Weile in der Zelle darben. Seine Wunden, die nur oberflächlich waren, hatte ein Capsarius versorgt. Jetzt würde der Verbrecher schmoren, alleine und im Dunklen. Ich wusste ja aus eigener Erfahrung, wie sehr das an den Widerstandkräften zehrte. Mit einer Fackel in der Hand, fröhlich das Marschlied 'Von Britanniens fernen Küsten' pfeifend, ging ich den Gang zwischen den Zellen entlang, vorbei an den schweren Türen und Gitterstäben, hinter denen Schuldige und sicherlich auch der ein oder andere Unschuldige ein erbärmliches Dasein fristeten.


    Es war eine lange Nacht gewesen, aber sie war für mich noch nicht zu ende. Ich wollte den anderen Festgenommenen gleich im Anschluß vernehmen. Voll Tatendrang nahm ich die Stufen der Treppe, die aus dem dunklen Gefängnis hinaus führte, begierig herauszufinden, was es mit dem "Katapult-Mann" auf sich hatte.


    Ein Wind kam auf, trieb ein paar welke Blätter über den Sand des Platzes, ließ sie ziellos herumtrudeln, als der Aelier und ich langsam aufeinander zu gingen. Die blasse Wintersonne stand über unseren Köpfen, schwach zeichneten sie unsere Schatten auf dem Boden ab. Das war er also.
    Eiskalt taxierte ich meinen Gegner. Und stellte mit Erleichterung fest, dass meine Schwester und ich keineswegs den selben Geschmack hatten. Immerhin, er sah nicht wie ein Schwächling aus. Vielleicht sollte ich doch auch die rechte Hand mit dazunehmen.
    Augen. Sie verraten einem viel. Seine waren von einem dunklen Braun... schmal zusammengekniffen... und irgendwie... arglos? Wir standen uns gegenüber, massen uns mit den Blicken. Sand wehte um unsere Füße. Irgendwo fiel eine Türe zu. Die Spannung wuchs ins unermessliche, ich wusste, jetzt würde jede kleine Geste, jedes Wort dazu führen, dass sie sich in Gewalt entlud. Da... er öffnete den Mund... ich erwartete eine kernige Herausforderung... doch was musste ich hören?!
    "Decimus Serapio? Freut mich, dass du es einrichten konntest." Als wären wir die besten Freunde. Und dazu reichte er mir die Hand! Diese Szene war verdorben. Aber sowas von verdorben.


    "Die unschuldige Tour kannst du dir sparen, Aelius" sprach ich kalt (eiskalt!), tat einen Schritt auf ihn zu und ergriff mit unheilvoller Miene seine Hand, aber nicht um sie zu schütteln, sondern um ihm eine Lektion zu erteilen (eine schmerzliche Lektion!) – indem ich mit einem Mal auch noch seinen vorgestreckten Arm packte und mit einem Ruck zu mir hin zog, zugleich trat ich ihm ein Bein weg und fuhr geschmeidig herum, um den Kerl über meine Schulter hinweg mit Schwung in den Sand zu werfen. Da hast du's! Wie gut fühlte sich das an. All der Ärger, den ich mit Seiana hatte – hier konnte ich ihn endlich an dem auslassen, der der Grund dafür war.
    Sofort war ich über ihm und schwang mit wutverzerrtem Gesicht die Fäuste, in der Absicht sie in sein Gesicht krachen zu lassen, einmal rechts, einmal links, als wäre ich die Bestie von Misenum persönlich.
    "Das ist dafür, dass du sie bei dir einquartiert hast! Du Lump!! Und das ist dafür, dass du es gewagt hast, dich ohne die Erlaubnis meiner Familie mit ihr zu verloben!!"

    Ein Cubicularius deponierte folgenden Brief gut sichtbar auf einem Tischchen, das gleich neben der Türe stand. Dann machte er sich daran Staub zu wischen, zu lüften und das Zimmer auf die baldige Ankunft seiner Bewohnerin vorzubreiten.


    An
    Duccia Venusia
    Casa Decima



    Liebe Tante Venusia,
    es ist schön, dass Du wieder einmal nach Rom kommst, ich freue mich schon sehr auf Deinen Besuch. Sicher findest Du hier alles was das Herz begehrt um euer Quartier weniger spartanisch zu machen.
    Leider kann ich mich ANTE DIEM IV NON IAN nicht vom Patrouillendienst freimachen, aber tags darauf, zu den Compitalia hätte ich nachmittags Zeit. Wenn es Dir genehm ist würde ich vorschlagen, dass wir zur hora nona gemeinsam das Fest in unserem Stadtteil besuchen?


    Viele Grüße,
    Dein Neffe
    Faustus

    An dem großen Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer sitzend, öffnete ich den Brief, der soeben von einem Boten aus Misenum überbracht worden war. Ich las – zuerst erfreut, dass mein germanisches Tantchen mir geschrieben hatte... dann weniger erfreut... dann ein wenig beunruhigt. Der Tonfall war doch sehr resolut. Hatte ich was angestellt? Ich war mir keiner Schuld bewusst, jedenfalls keiner, deren Fama bis nach Misenum gereicht hätte. Vielleicht lag dieser bestimmte Ton daran, dass meine Tante Venusia eine der Frauen war, die hohe Ämter innegehabt hatten, damals als das noch nicht unüblich gewesen war. Wenn man sie so mit ihren kleinen Zwillingen sah, konnte man das kaum glauben, aber sie war ja sogar Comes gewesen. Solch ein Amt machte wahrscheinlich mit der Zeit ein bisschen herrisch.
    Ganz pflichtbewusster Neffe griff ich nach Papyrus und Tinte und schrieb unverzüglich eine artige Antwort, damit ich sie gleich dem Boten mitgeben konnte. Er sollte den Brief in die Casa Decima bringen und bei dieser Gelegenheit auch das Hauspersonal vorwar... will sagen informieren.


    An
    Duccia Venusia
    Casa Decima



    Liebe Tante Venusia,
    es ist schön, dass Du wieder einmal nach Rom kommst, ich freue mich schon sehr auf Deinen Besuch. Sicher findest Du hier alles was das Herz begehrt um euer Quartier weniger spartanisch zu machen.
    Leider kann ich mich ANTE DIEM IV NON IAN nicht vom Patrouillendienst freimachen, aber tags darauf, zu den Compitalia hätte ich nachmittags Zeit. Wenn es Dir genehm ist würde ich vorschlagen, dass wir zur hora nona gemeinsam das Fest in unserem Stadtteil besuchen?


    Viele Grüße,
    Dein Neffe
    Faustus

    Bei Mars und Bellona! Mit einem Anflug von Erstaunen besah ich mir meine Faust, dann machte sich ein triumphierendes Grinsen auf meinem Gesicht breit, und unwillkürlich blickte ich auf, um mich zu vergewissern dass meine Tat auch nicht unbemerkt geblieben war. Musca hinkte heran, auf seinen Stab gestützt, er hatte beim ersten Handgemenge, als er dem Schurken sein Messer abnahm, einen „Kratzer“ an der Wade abbekommen. (Bei sowas war Musca ein Pechvogel.) Zusammen fesselten wir den Gefangenen, verschnürten ihn gut und durchsuchten ihn auf weitere Waffen. Ich vergewisserte mich, dass er noch atmete, und dass die beiden Wunden nur leicht bluteten, band ihm einen Stoffstreifen um den Kopf, dann schleppten wir die schlaffe Gestalt zu zweit, zwischen uns, zurück zu den anderen.
    Bei mir setzte jetzt die Erleichterung nach dem Kampf ein, und mit ihr das flaue Gefühl in den Beinen, dazu die Euphorie es gut überstanden zu haben. Nur meine linke Wange, die schmerzte und fühlte sich geschwollen an, und als ich vorsichtig mit den Fingerspitzen mein Jochbein betastete, zuckte meine Hand gleich wieder zurück. Autsch.


    Natürlich war die Sache noch nicht gegessen, wir waren noch immer inmitten der Subura, und jetzt, wo ich mich wieder auf meine Umgebung konzentrierte, hörte ich deutlich den Lärm, der aus der Richtung der „Arena“ der Rattenbeißer drang. Da schien es drunter und drüber zu gehen. Auf das Einlösen meines Wettscheines sollte ich wohl verzichten. Ich erwog einen Moment lang, dort nach dem Rechten zu sehen... aber nur einen sehr kurzen Moment lang. Wir mussten den Gefangenen hinter Schloss und Riegel bringen, ausserdem hatte ich nur drei Männer bei mir und (begründete!) Angst vor den hiesigen Banden.
    Mit angespannten Sinnen sah mich nach weiteren Angreifern um, spähte in die Schatten, und tatsächlich konnte ich vage eine Gestalt ausmachen, die uns im Visier hatte... erst auf den zweiten Blick erkannte ich in ihr Celeste. Dankbar grinste ich ihr zu und hob kurz verstohlen die Hand zum Gruß, doch um unsere Zusammenarbeit nicht an die große Glocke zu hängen nahm ich ihre Anwesenheit ansonsten nicht weiter zur Kenntnis. Von Celeste abgesehen, schien die Gasse bis auf uns leer zu sein, trotzdem nahm ich an, dass der ganze Aufruhr nicht unbemerkt geblieben war und befand, dass wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub machen sollten.


    Zuvor galt es aber noch, unseren Lockvogel zu belohnen. Ich überließ Musca für den Moment den Gefangenen, und nahm die Hure beiseite, wobei ich ein zerknirschtes Gesicht machte. Es war mir doch etwas unangenehm dass sie so rüde behandelt worden war. Ausserdem hoffte ich, dass sie nicht zu verstimmt war, dass ich nichts von Stadtkohorten gesagt hatte als ich sie anwarb.
    “Auf ein Wort, Venustas. Ich danke dir für den Dienst, den du uns erwiesen hast.“, meinte ich zu ihr, wobei ich meine Stimme gedämpft hielt, um die Frau nicht als „Kollaborateurin“ bloßzustellen. Im Schutze meines Umhanges kramte ich in meiner Börse, suchte die Summe, die ich ihr schuldete zusammen, und legte für ausgestandene Ängste noch eine Handvoll Denare drauf. “Ich hoffe, du nimmst meinen Männern ihren, ähm, Übereifer nicht zu sehr übel“, entschuldigte ich mich und reichte ihr möglichst diskret das Geld. Da fiel mir noch was ein... “Und falls dir bei deiner Arbeit mal was interessantes über die Banden hier in der Gegend zu Ohren kommen sollte... – ich bin Centurio Decimus von den Stadtkohorten. Vale!“


    Darauf kehrte ich zu meinen Soldaten und zu unserem Fang zurück.
    “Abmarsch.“
    Mit aller Strenge musterte ich den mutmaßlichen Komplizen, der da in unsere Verhaftung geplatzt war (im Geiste nannte ich ihn den „Katapult-Mann“). So auf den ersten Blick machte er vor allem eine schlammige Erscheinung, aber ich würde ihm auf jeden Fall noch genauer auf den Zahn fühlen – in einer angemessenen Umgebung, versteht sich.
    “Und du kommst mit. Furius, sorg dafür. - Pergite!“
    Gemeinsam mit Paeonius lud ich mir unseren bewusstlosen Gefangenen auf und gebeugt von der schweren Last, wie ein Jäger nach einem erfolgreichen Beutezug, schickte ich mich an, mit meinen Männern das Feindesland, die Subura, zu verlassen.