Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Zitat

    Original von Gaius Octavius Victor
    Wiedereinmal erschien Victor vor dem Tor zur Castra Praetoria aber diesmal zum ersten Mal in Begleitung des Freigelassenen Polychares aus seinem Officium. "Salve, ich möchte zum Praefectus Urbi!", begrüßte der Senator die nächststehende Wache.


    Wobei abzuwarten blieb ob er heute einfach so einen Termin bei seinem Vorgesetzten bekommen würde, wenn nicht stand sowieso noch eine Besichtigung des innerstädtischen Teils der via nomentana an.



    "Salve Senator. Du kennst ja die Prozedur."
    Zügig durchsuchte der Soldat den wohlbekannten Besucher und seinen Begleiter, darauf brachte er die beiden zum Officum des Stadtpräfekten.




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    "Salve Praetor Purgitius!" grüßte der Soldat zackig den Praetor (aber nicht den Sklaven). Er wusste schon Bescheid wer heute erwartet wurde und bedeutete dem Besucher, an der Schlange der Wartenden vorbei zum Eingang zu treten.
    "Ich werde dich und deinen Begleiter zuvor auf Waffen untersuchen müssen."
    Dies war zügig erledigt, und der Soldat geleitete die beiden Männer direkt zum Officium des Praefectus Urbi.




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    "Viel zu lange." Ich schloss die Arme um die Schultern meiner Schwester und hielt sie eng an mich gezogen. Wirklich viel zu lange. Mit niemandem sonst teilte ich diese Vertrautheit, die ich jetzt verspürte, dieses warme und geborgene Gefühl... Doch es zuzulassen weckte in mir auch ganz stark die Erinnerung an das was wir beide schon verloren hatten... von unserer engen Familie waren ja nur noch wir beide übrig. Ich wollte das nicht aufwühlen, und ich wollte auch nicht über Appius sprechen, vor allem nicht da ich, seitdem ich von Hannibals Tod erfahren hatte, sowieso mehr als dünnhäutig war. Verstohlen schluckte ich, streichelte Seiana über den Rücken, dann machte ich einen Schritt zurück und löste die Umarmung, beließ nur einen Moment lang noch meine Hand an ihrer Schulter. Elenas Rückzug war mir gar nicht so recht, die Anwesenheit anderer schützte vor zu ernsten Themen.
    "Seid ihr gerade erst angekommen?", fuhr ich in munterem Tonfall fort und überspielte das Unbehagen mit einem breiten Lächeln. "Ich bin unheimlich gespannt was du alles zu erzählen hast! Aber ich wette du hast noch nichts gegessen. Wollen wir in die Cenatiuncula gehen, und mal sehen was Candace uns gekocht hat?"

    [Blockierte Grafik: http://img25.imageshack.us/img25/3069/hephaistion.jpg|Hephaistion



    Wo war ich gerade gewesen? Mitten in der Lobrede und... ach ja, beim Wein!
    "Der Wein, der edle Rebensaft ist es, der uns beflügelt, das Geschenk des nächtlichen Dionysos ist es, das alle Bande löst, alle Schwermut vertreibt, alle Fesseln sprengt, in die der Tag uns zwängt! Wie ein gleißender Blitz trifft uns die Erkenntnis im Rausch, doch anders als der Zeus die arme Semele, verbrennt uns die Macht des Dionysos nicht, nein, sie befreit uns, reißt uns mit sich fort, hebt uns in göttlicher Verzückung über uns selbst hinaus: sie löst dem Zagen die Zunge, schenkt dem Zaudernden Mut, erfüllt die Reden mit Schwung und die Herzen mit Feuer!"
    Ja, genauso fühlte ich mich in diesem Augenblick, göttlich beflügelt, glühend begeistert, und zugleich irgendwie.....konfus... und zudem voll und ganz erfüllt von der betrunkenen Gewissheit meiner umwerfenden poetischen Qualitäten. Die Gesichter der Gäste verschwammen in einem bunten Nebel, ich blickte ins Unendliche, meine Worte rissen mich mit, als wäre ich in einen reissenden Strom gefallen. Geleitet mehr vom ihrem Klang als von ihrem Sinn, sprach ich weiter, meine Sätze mit feuriger Gestik begleitend.
    "Ja! Grenzenlos sind wir im Rausch! Schrankenlos! Entgrenzt durch die Macht des weinbekränzten Gottes, gelöst durch Dionysos Lyaios, der das Einzelne zusammenführt, das Fremde vertraut macht, das Feindliche versöhnt, das Versprengte zusammenfügt und läge es noch so unendlich weit voneinander entfernt!
    Seht um euch: Götter unterschiedlichster Herkunft, nicht allein römische und griechische, auch keltische, mesopotamische, etruskische und ägyptische, von den am hellsten strahlenden..."
    – ach, da schweifte mein Blick schon wieder schwärmerisch zu Aton, der göttlichen Sonne – bis zu den allerfinstersten Peinigern der Menschheit" – da wies ich auf den unheimlichen Pluto – "all diese Vertreter von Pantheonen aus den entlegensten Gebieten der Welt hat der große Thyrsosschwinger an seiner Tafel versammelt, erhabene Himmelsherrscher sind seine Gäste und speisen hier gemeinsam mit sterblich geborenen Heroen!
    Zwischen Menschen und Göttern, zwischen Männern und Frauen (und was könnte sich fremder sein als Männer und Frauen...!), zwischen Erdkreis und Kosmos schlägt er die Brücke, so zeigt der tanzende Gott seine Macht, so vereint er alle und alles in seinem Mysterium des grenzenlosen Genußes, der allumfassenden Ekstase, und darum sage ich:
    Dionysos ist der größte aller Götter!
    Lasst uns also seine Gaben nicht verschmähen! Wir wollen trinken..."
    – hier hob ich meinen Kelch und trank einen guten Zug, bis dass mir die Tropfen roten Weines über das Kinn liefen – "...und schmausen. Wir wollen uns küssen..." – hier bedachte ich meinen hübschen, stützenden Satyr mit einem leidenschaftlichen Kuss – "...und in Lust vereinen, und wir wollen ihn lobpreisen in schönklingenden Reden und dithyrambischen Gesängen, Dionysos, den Ewigen Fackelträger!"
    Die Hand huldigend zu unserem Gastgeber öffnend, schloß ich meine Rede schwärmerisch mit meinem Lieblingsvers aus den Bakchen:
    "Ioh! Feueratmender
    Sterne Chorführer, nächtlicher
    Gesangestöne Gebieter,
    Sohn, von Zeus entsprossen: Sei gepriesen
    o Herrscher! Mit dem Schwarm deiner
    Thyiaden, die im Wahnsinn verzückt dich die ganze Nacht
    tanzend feiern, den Meister Iakchos!"


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    [Blockierte Grafik: http://img25.imageshack.us/img25/3069/hephaistion.jpg|Hephaistion



    Verstohlen lockerte ich die Schnallen meines Linothorax, und verschaffte mir damit wieder etwas Luft. Ich hatte jetzt schon viel zu viel gegessen, und wie es aussah war das Festmahl noch lange nicht zu Ende. Meistens aß ich ja bloß Puls mit irgendwas, da konnte ich mich hier natürlich nicht zurückhalten. Sowieso, wozu zurückhalten? Es schmeckte köstlich, und so eine kleine Wachtel konnte ich schon noch vertragen. Und ein paar Schnecken. Und von dem Schwan musste ich unbedingt auch noch probieren. Mein Satyr brachte mir alles was ich wollte. Genüsslich biss ich in das zarte Fleisch, und streckte mich, wobei mir mit einem mal sehr bewusst war, wie nahe ich an dem schönen Sonnengott lag. Ich müsste mich nur ein wenig zur Seite bewegen, um ihn zu berühren... Mir war so, als könne ich schon die Wärme spüren, die von seinem Körper ausging, aber das kann natürlich auch die Hitze gewesen sein, die bei dieser Vorstellung in mir aufstieg. Später vielleicht... Im Moment entschuldigte er sich leider und verließ uns. Hoffentlich nicht für lange.


    Aton war jedenfalls tausendmal interessanter als Alexander. Der hatte bloß noch Augen für Roxane – ich meine: Athene. Sie reichte uns Oliven, und Alexander nahm seine natürlich mit dem Mund, und obwohl ich das eigentlich gar nicht so genau sehen wollte, entging mir nicht, wie er die Gelegenheit nutzte, seine Lippen liebkosend über die zarten Finger der Athene hinweggleiten zu lassen. Dann machte er ein großes Theater darum, wie ihm diese Olive mundete, rollte vor Verzückung mit den Augen und schwärmte:
    "Mhm! Deine Früchte sind Nektar und Ambrosia! Und hätte ich diesen goldenen Apfel in die Finger bekommen, damals, und nicht Paris der Idiot – ich hätte nicht lange überlegen müssen, wem er gebührt: der Schönsten!"
    Dazu verschlang er Athene so begeistert mit den Augen, dass ich mir ersthaft überlegte, nach Ägypten auszuwandern. Ich aß meine göttliche Olive ganz schnörkellos, und fragte mich ob ich mich, wenn ich jemanden umgarnen wollte, auch so albern anhörte... Was wir uns von Athene wünschen würden? Also, ich sicher was anderes als Alexander.
    "Edle Athene, ich kann da nur für mich sprechen, aber diese Frage will wohlbedacht sein. Göttergeschenke können ja fatal sein... Nicht dass wir uns das falsche wünschen, und so enden wie Midas...."


    Ich wurde abgelenkt von zwei Dionysos-Dienern, die mir ein Duftfläschchen überreichten. Darauf konnte man drei fröhliche Satyren sehen, die sich miteinander vergnügten. Ich grinste ein bisschen dreckig und entkorkte das Fläschchen, um daran zu riechen. Dabei fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Duftöl! Aton! Ein wunderschöner Rücken! Ringen! Verblüfft von meiner plötzlich Erkenntnis, blickte ich dem gerade wiederkehrenden Aton ganz erstaunt entgegen. Der Mann war ein Pontifex! Vor solchen Leuten hatte ich eigentlich einen Heidenrespekt. Aber die Atmosphäre des Abends lullte mich erstaunlich schnell wieder ein. Wir waren unsterblich! Was wir draussen darstellten, spielte hier keine Rolle... und die Art und Weise, auf die er Mundwinkel und Braue gleichzeitig anhob, die war einfach... zum Schwachwerden!


    Atons Mitgöttin – oder wie sagt man... Con-pantheonalis vielleicht? - Isis schlug einen Wettstreit vor, und Athene stachelte uns an, daran teilzunehmen. Ich sträubte mich lachend:
    "Aber, unüberwindliche Athene, ich bin doch nur ein Heroe, würde ich hier in dieser Versammlung der allerhöchsten Götter das Wort ergreifen, wäre das wie... das Quaken eines Frosches im Odeion, glaub mir!"
    Aber natürlich war ich in Versuchung, denn ich liebe die griechischen Bräuche, und fand so einen Redewettstreit wahnsinnig schick. Ausserdem, bei so vielen Gästen bestand nicht die Gefahr, dass ich gewann und wirklich Isis küssen müsste. Aber vielleicht könnte ich ja Aton beeindrucken, durch meine kühne Entschlusskraft! Ich stupste Athene an und zwinkerte zurück.
    "Na gut! Aber nur wenn Du auch mitmachst, göttliche Athene!"


    Ein Mann, ein Wort. Ich lies Athene gar keine Zeit zu widersprechen und setzte mich auf, als ich mich dann aber von der Kline erhob und in die Senkrechte begab, merkte ich erst wieviel Wein ich schon intus hatte. Hui, wie unstet der Boden auf einmal war. Mein Satyr war aber gleich an meiner Seite und stützte mich, das war wirklich aufmerksam, ausserdem war er ein sehr gutaussehender Satyr und ich legte ihm nicht nur des Haltes wegen gerne den Arm um die kräftigen Schultern.
    "Göttin Isis! Ich nehme Deine Herausforderung an. Denn ich bin Hephaistion von Pella, und ich bin noch nie vor einem Wettstreit zurückgeschreckt. Ja, bei aller Bescheidenheit, man sagt mir nach, dass ich der einzige bin, der jemals den göttlichen Alexander besiegt hat!" So brüstete ich mich zur Einleitung mit einem vergnügten Grinsen.
    "Das ist ein Gerücht!", protestierte Alexander lautstark.
    "Ja, der Arme hat es noch immer nicht verwunden..." Ich zog eine Grimasse der Betroffenheit, zuckte dann die Schultern. Mit einem "Aber zum Thema." warf ich mich in die Brust und ließ meine campusgestählte Stimme ertönen:


    "Götter und Göttinen, Heroen und Heldinnen, Satyren und Mänaden! Ich sage: unser Gastgeber Dionysos ist der größte aller Götter. Denn er verbindet die Dinge, die am weitesten voneinander fort liegen – und das macht ihn notwendigerweise zu dem mit der längsten Gestalt, und damit zum Größten." Dabei nickte ich todernst, und so andächtig, als wäre ich ein graubärtiger Naturphilosoph, der gerade einen archimedischen Punkt gefunden hat.
    Ich will euch sagen, was der Dionysos da verbindet: es sind die Sterblichen und die Unsterblichen, die Menschen und die Götter, es ist die Erde und das Firmament! Denn Dionysos stammt ja bekanntlicherweise von einer sterblichen Mutter, Semele, während sein Vater der Götterfürst Zeus selbst ist. Seine Mutter ertrug nicht den Anblick von Zeus' wahrer Gestalt, und verlor ihr Leben, als er sich ihr in seiner göttlichen Form zeigte. Zeus trug den Dionysos selbst aus, in seinem Schenkel, und damit hat unser hoher Gastgeber also schon vor seiner Geburt diese beiden Seiten in sich aufgesogen und birgt nun in seinem Wesen: das Sterbliche und das Göttliche!"
    Auch wenn ich nicht gerade ein Agathon war, es machte mir Spass, mich da vor aller Augen zu produzieren. Ich untermalte meine Rede mit theatralischen Gesten, ja, es war fast wie Theaterspielen, und etwaige Hemmungen hatte ich mit meinem Weinpegel sowieso abgelegt.
    "Und wenn wir nun das Geschenk betrachten, das Dionysos uns allen gemacht hat: den edlen Rebensaft..."
    Ich wurde langsam warm. So bald würde ich nicht wieder verstummen...



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    Seiana war zurück! Sobald ich am Abend zur Haustüre hereingekommen war, hatte Marcus mir die Neuigkeit verkündet. Natürlich eilte ich sofort zum Zimmer meiner Schwester. Als ich dann vor der Türe stand, zögerte ich aber doch einen Moment lang: ob sie mir noch böse war? Wegen meines dummen Briefes... Wir hatten einfach das Talent, uns bei jeder Gelegenheit in die Haare zu bekommen. Mit dem festen Entschluss, dass das heute nicht passieren würde, klopfte ich schnell an und riss auch schon die Türe auf.
    "Seiana! Elena!" Ich stürmte in den Raum, im Slalom um die Reisekisten herum, und schloss meine Schwester in die Arme, drückte sie fest und strich ihr liebevoll übers Haar. "Bona Dea, wie schön dass du wieder da bist! Wie geht es dir, wie war die Überfahrt, du siehst ganz schön erschöpft aus!"
    Es war eine gewaltige Erleichterung, meine Schwester wohlbehalten hier zu sehen, wo ich mir doch jede Menge Sorgen gemacht hatte, bei dieser ganzen Ägypten-Geschichte. Und dann eine Überfahrt, so spät im Jahr, das war auch nicht ohne.
    Elena umarmte ich ebenfalls herzlich zur Begrüssung, ich hab sie ja immer sehr gemocht. (Im zarten Alter von 15 Jahren war ich sogar eine Zeitlang der Meinung gewesen, unsterblich verliebt in sie zu sein und ihr Herz mit Gedichten gewinnen zu müssen.)
    "Ihr beiden Abenteurerinnen..." Grinsend blickte ich hin und her, von einer zur anderen, und neckte sie: "Ihr seid ja ganz sonnenverbrannt."

    Der Strom der Speisen und des Weins nahm kein Ende. Immer weitere Gänge wurden aufgetragen, immer neue Gerichte den Gästen vorgesetzt, und während all der Zeit sorgten die Musiker für Zerstreuung, zeigten die Akrobaten ihre Künste.
    Nereiden und Wassermänner traten ein, in blauschimmernden Gewändern, mit Muschelschmuck in den Haaren und Korallen um den Hals, sie servierten eine Reihe von Fischen auf silbernen Platten: Scholle, Aal, Meeräsche, Seebarbe, Octopus. Am imposantesten war eine riesige Muräne, die lebensecht drapiert, das Maul bedrohlich aufgerissen, die nadelspitzen Zähne gebleckt, einem Ungeheuer der Tiefe gleichkam. Doch auch dieses Ungetüm wurde kurzerhand zerlegt und das würzige weiße Fleisch den Olympiern vorgelegt. Dazu wurde ein frischer Weißwein ausgeschenkt.


    Der nächste Gang bestand aus Wildbret und wurde von schwer beladenen Sklaven, gewandet im Stil einer Jagdgesellschaft, hereingebracht. Mehrere zarte Rehe, ein Eber und ein kapitaler Hirsch waren so kunstvoll zubreitet und hergerichtet, dass es schien, sie könnten sich jeden Moment von ihren Platten erheben und davonspringen. Der Eber trug an seinen Hauern kleine Körbchen mit süssen Datteln gefüllt, der Hirsch an seinem stattlichen Geweih große Büschel getrockneter Kirschen, von denen man sich während des Defilees der Speisen bequem welche pflücken konnte.
    Ein unterhaltsames Schauspiel war es auch, dem Anführer dieser Jäger, einem schmalen doch sehnigen Mann, beim Zerlegen der Beute zuzusehen. Das Tranchiermesser zückte er temperamentvoll, ließ es gekonnt in der Hand kreisen, dann blitzschnell auf den Eber zusausen, dem er zuerst längs den Bauch aufschlitzte. Und – was für eine Überraschung – aus der Bauchhöhle quollen lukanische Würste und kampanische Schinken. Mit großem Geschick und in atemberaubender Geschwindigkeit zerteilte der Tranchiersklave darauf das ganze Wildbret, dergestalt dass es in hauchdünnen und vollkommen ebenmäßigen Scheiben den Weg auf die Teller der Gäste fanden, begleitet von würzigen Saucen, vielfältige Beilagen und einem kräftigen Rotwein.


    Dem Auge gefällig war auch der anschließende Gang, bei dem weißluftig gekleidete Sklaven viele Sorten von geflügelten Braten auftrugen. Darunter war ein Flamingo, geschmückt mit seinem ursprünglichen, roséfarbenen Federkleid, in einem Bett von schilfartig zurechtgeschnittenem Gemüse, ein Schwan, die Schwingen gespreizt, ein Storch in einem Nest von köstlich knusprigen Froschschenkeln, sowie unzählige Fasane, Wachteln, Tauben und Perlhühner.


    Während man noch mit dem Geflügel beschäftigt war - manch ein Gast hatte schwer zu kämpfen und musste sich immer wieder die Schweißperlen abtupfen, der ein oder andere hatte bereits aufgegeben, doch die meisten scheuten nicht den Gang in das so einladend gestaltete Vomitorium – während dieses großen Schlemmens also, gingen ein junger Satyr, dessen Hörnchen keck unter dem wolligen Haar hervorlugte, und eine niedliche Nymphe mit einem großen Korb die Reihe der Klinen entlang. Sie verteilten, wie es auf solchen Festen nicht unüblich war, kleine Geschenke an die Gäste, die diese zur Erinnerung an den Abend mit nach Hause nehmen konnten. Es handelte sich dabei um Salbölfläschen, die mit kostbaren Duftölen gefüllt waren. Keines der Fläschchen glich dem anderen, doch alle waren sie, ähnlich dem Geschirr auf dem serviert wurde, mit kunstvoll gemalten frivolen Bildchen verziert. Da sah man Nymphen und Satyren, Bacchanten und Mänaden in den allerverschiedensten Kombinationen und Positionen die man sich nur vorstellen konnte (oder auch nicht), manche im Tanze oder sich neckend, die meisten in lustvoller Vereinigung. CONVIVIUM IMMORTALIUM stand ausserdem auf den Fläschchen.



    [Blockierte Grafik: http://img691.imageshack.us/img691/5472/isisk.jpg| Isis


    Mit schwingenden Ohrgehängen erhob sich nun eine sinnliche Isis von der Kline. Ihr Kopfputz trug die Mondsichel und die Sonnenscheibe, in der einen Hand hielt sie einen fast lebensechten Schlangenstab, in der anderen ihren Becher. Schwungvoll trank sie dem Gastgeber zu, darauf erhob sie ihre Stimme, die rauchig, wohlklingend, und etwas schleppend vom Weingenuss, den Olymp erfüllte:
    "Dionysos! Edler Gastgeber, ich erhebe den Kelch auf Dich! Meine göttlichen und heroischen Freunde, ich möchte euch einen Vorschlag machen: lasst uns, nach ehrwürdiger Tradition - wenn auch nicht zu traditionell natürlich- hier im Reden wetteifern! Ich setze einen Preis aus, für den oder die, der oder die dem Gott Dionysos heute abend die schönste Lobesrede hält!"
    "Hört, hört! Eine vortreffliche Idee!" ließ sich ein dicker Zeus vernehmen.
    Der überraschte Gastgeber hatte zwar den Anstand, verlegen dreinzuschauen, doch wirklich unrecht schien diese Idee Suavis nicht zu sein.
    "Was ist der Preis, holde Göttin?" rief Alexander der Große durch den Saal.
    "Der zauberische Kuss der Isis, mein lieber Alexander." versprach die Göttin mit einem geheimnisvollen Lächeln, und sandte dem Makedonen einen Glutpfeil aus ihren schwarzen Augen. "Und die Ehre, selbstverständlich. Den Sieger bestimmen sollen die Zuhörer. Abgemacht meine Freunde? Dann lasst hören. Ich bin gespannt."




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    Diesen Namen zu hören, hatte noch immer einen ganz seltsamen Effekt auf mich. Augenblicklich war mir das Essen egal, ich richtete mich auf, nickte langsam und fixierte Celeste mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Eine Ewigkeit schien sie mit ihrem Brot beschäftigt zu sein, bevor sie weitersprach. Der kalte Hauch, den ich bei ihrem Eintreten zu spüren vermeint hatte, da war er wieder. Hels Reich?
    "Was......."
    Der Klang von Celestes Stimme, die Mimik ihres Gesichtes sprachen viel deutlicher als ihre Worte zu mir. Etwas schnürte mir die Brust zusammen, dieser kalte Hauch wollte hineinkriechen in mich, sich breitmachen, alle Wärme verzehren. Es war einer dieser Momente, in denen man wider besseres Wissen darum ringt, sich getäuscht zu haben, bangt es möge doch anders sein, sich als ein Mißverständnis herausstellen... in denen man das fatale Wort nicht auszusprechen vermag - solange es nicht gefallen ist könnte doch alles noch in Ordnung sein. Meine Stimme klang fremd.
    ".....was meinst Du damit... doch nicht etwa, er sei....-"

    “Du musst aber unterscheiden zwischen den Gladiatorenkämpfen und der Hinrichtung von Schwerverbrechern. Diese müssen nun einmal bestraft werden. Nicht aus Blutgier, sondern der Gerechtigkeit wegen. So grausam es scheint, aber wenn ein Mensch Greueltaten verübt, wenn er wie eine wilde Bestie über seine Mitbürger herfällt, dann ist es nur angemessen, wenn er auch zum Tode ad bestias verurteilt wird... - Ich diene bei den Stadtkohorten, da bekommt man so einige häßliche Dinge zu Gesicht... ich denke, wenn du gesehen hättest, wozu solche entmenschlichten Kriminellen fähig sind, dann würdest auch du anders denken, Alaina.“
    Verblüfft schüttelte den Kopf, bei der Vorstellung, dass man solche Übeltäter einfach davonjagte. Wie naiv!
    “Hm... Ich glaube kaum, dass die Verbrecher dadurch zu anständigen Menschen werden. Also, die Schwerverbrecher meine ich jetzt. Anderenorts werden sie weitermachen wie zuvor. Damit schickt ihr sie doch bloß anderen Leuten auf den Hals. Scheint mir ziemlich gefährlich.“
    Aus was für einer Welt kam diese Frau? Auch gegen Sklaverei schien sie etwas zu haben. Ich lächelte über den Pathos ihrer Worte. “Ja, die meisten Gladiatoren sind unfreier Herkunft. Aber es gilt was ich eben erklärt habe: sie bekommen eine Ausbildung, gutes Essen, Ruhm und so weiter. Sogar die Freiheit können sie sich erkämpfen. - Also, wenn ich ein Kriegsgefangener wäre, würde ich mich glücklich schätzen, an Stelle eines schnellen Todes diese Chance zu bekommen!“


    Während wir in diese Diskussion verstrickt waren trugen unsere Füße uns quer durch die Stadt Richtung Marsfeld, wo heute der Pferdemarkt stattfand. Schon in einiger Entfernung war der Geruch der Tiere wahrzunehmen, man hörte Wiehern und Stampfen, und musste immer mal wieder einem Haufen Pferdeäpfel auf der Strasse ausweichen.

    Ein einzelner, kalter Schweißtropfen rann mir über den Nacken und versickerte im groben Stoff meiner Tunika. Ich fühlte mich derart unwohl, in Angesicht dieser geballten, ordinären Weiblichkeit, ich hätte am liebsten die Flucht ergriffen. Als wollte sie mich gleich verschlingen! Mein Lächeln war äusserst verkrampft. Aber die Frau sagte tatsächlich zu, ohne Zögern, und das war das einzig entscheidende. Ich konnte nur hoffen, dass sie es auch ernst meinte, und sich nicht mit dem ersten Anteil davonmachte, oder, viel schlimmer, aus irgendeinem Grund auf die Idee kam unsere Zielperson zu warnen.
    “Sehr gut. Ähm... ja, vielleicht später.“
    Ihr billiges Duftwasser nahm mir fast den Atem. Und was besonders verstörend war – trotz meines Widerwillens ließ das Streicheln ihrer Hände mich nicht kalt. Jedenfalls nicht vollständig. Die Frau wusste eindeutig was sie tat, sie lockte und ging dann wieder auf Abstand. Ich versuchte, die Initiative zurückzugewinnen, nahm ihre Hände in meine – “Komm.“ - und zog sie mit Schwung in die nächstbeste dunkle Ecke, als wollte ich unverzüglich über sie herfallen. Dabei scheuchte ich einen dürren Köter auf, der sich mit einem Rattenkadaver dorthin zurückgezogen hatte. Knurrend suchte er das Weite.
    “Sieh mal dort rüber.“ Im Schutze der Dunkelheit deutete mit der Hand in die Richtung unseres Verdächtigen. Kurzzeitig glaubte ich, ihn aus den Augen verloren zu haben, und erschrak, aber dann sah ich ihn wieder.
    “Der Mann, der dort neben dem Feuer steht. Im Profil zu uns. Mit den Pockennarben und dem fransigen Umhang. Den mein ich.“ Aus meiner Gürteltasche fingerte ich sechs Denare heraus und drückte sie der Lupa in die Hand. “Noch Fragen? Sonst a..-“ Fast hätte ich age! gesagt. “...ah...alles Gute bei dieser Sache.“

    Als würde auf einmal ein kalter Wind in diese heimelige Küche hineinwehen... Celeste sah gar nicht gut aus. Gleich als sie eintrat, hatte ich den Eindruck, dass irgendwas nicht stimmte.
    "Salve Celeste! Du arbeitest aber lange." Ich rückte auf der Bank zur Seite, obwohl da auch so genug Platz war, um ihr zu bedeuten dass sie sich gerne dazusetzen konnte. "Magst du nicht auch was vom Eintopf, er ist lecker."
    Candace nahm das als Aufforderung und schöpfte auch Celeste eine Schale voll, stellte sie mit einer Scheibe Brot und Braten auf den Tisch. Der Saft dauerte etwas länger, den musste sie erst warmmachen.
    "Das ist – fast - das richtige Getränk bei dem Wetter... Candace, machst du mir bitte einen warmen Wein mit Gewürzen?"
    "Aber sicher."
    Das Herdfeuer knisterte, warf huschende Schatten an die Wand, die Töpfe klapperten, und die Schale vor mir verströmte heißen, wohlriechende Dampf. Ich nahm noch einen Löffel. Aber Celeste sah echt nicht gut aus. Unschlüssig rieb ich mir über meine Narbe, und entschloss mich dann zu fragen.
    "... Ist alles in Ordnung, Celeste?"

    Während wir warteten, und die verschiedenen Truppenteile eingewiesen wurden, hatte die ganze Veranstaltung wenig feierliches an sich. Ich wurde etwas nostalgisch, als ich die Abordnung der Prima eintreffen sah, und freute mich sehr, an ihrer Spitze Licinus zu erblicken. Mehr als sein Nicken zu erwidern erlaubte ich mir aber nicht. Die von der Classis machten ihrem Ruf mal wieder alle Ehre und erschienen als letzte. Dann ging es los - Hörnerklang, der Duft des Räucherwerkes, andächtige Stille. Die Flamines weihten die Opfertiere, gingen zu den Saliern und kamen auch zu uns. Eine Gänsehaut überlief mich, bei den kraftvollen Worten der Anrufung, und so intensiv wie schon lange nicht mehr war ich mir bewusst, durch meinen Dienst Teil von etwas Größerem zu sein.


    Seitdem ich bei den Urbanern war, hatte ich nur ein einziges Mal jemanden getötet (der Kerl, der die kleine Camilla hatte abstechen wollen, und der mich angegriffen hatte, also der hatte es zweifellos verdient), aber davor, bei der Prima... in den Hügeln jenseits des Euphrat... oder nein, erinnerte ich mich, damals war ich noch zu weich gewesen, aber dann vor Edessa natürlich, zum ersten Mal... dann am Chaboras... in Circesium... diese Nacht war vage, ganz verschwommen wenn ich daran zurückdachte... und später in dem vermaledeiten Dorf, dessen Namen ich nicht kannte, da wo es meinen Centurio erwischt hatte... Ich hielt mich sehr gerade, presste die Kiefer zusammen. Es war eben Krieg gewesen.
    Und es hatte keine besondere Lustratio für uns gegeben, nach der Rückkehr aus dem Osten. Ich hatte schon das Gefühl gehabt, dass man uns mit unseren Taten, die man uns befohlen hatte, und mit den Spuren die sie hinterließen, einfach alleine ließ. Aber jetzt spürte ich auf meinen Händen, meinem Gesicht, die Feuchtigkeit des reinigenden Wassers, und ich stellte mir vor, wie es alles alte Blut einfach abspülte, von mir, meinen Waffen, von all den Soldaten, die hier mit mir zusammen standen, von den Armeen, die über das ganze Imperium verteilt unter dem Adler Dienst taten... Eine große Erleichterung kam über mich, eine Ruhe und Gelassenheit, die ich gar nicht beschreiben kann.


    Die Flamines zogen vorüber, und schließlich setzte sich der ganze Zug in Bewegung. Da wir schon so früh dagewesen waren, marschierten wir Urbaner jetzt dicht hinter den Saliern – das freute mich, zum einen (ein bisschen zumindest) weil wir noch vor der Garde gingen, zum anderen weil ich sehr gespannt auf die Tänze der Salier war.

    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus


    Auch Aton entsann sich der Oase Siwa, damals. Ich grinste vergnügt, als er den Faden aufnahm, ihn phantasievoll weiterspann. Und was für eine Wortkunst! Ich war entzückt, auch wenn die Worte durch den seltsamen Akzent merkwürdig verfremdet an mein Ohr drangen, und irgendwo – tief verborgen unter Drill und Fassade, versteht sich - seufzte meine Poetenseele: Ach.....! Wie schön!
    Für mein Leben gerne hätte ich gewusst, was hinter seinem Lächeln steckte, das mir recht ironisch schien. Gehörte das zur Rolle? Las ich da Interesse in seinen Augen – die, nebenbei bemerkt, auch nachdem die Feuerschalen nun wieder normal rot brannten, einen reizvollen, warmen, honigbraunen Ton hatten, dessen Nuancen ich gerne länger studiert hätte.
    "So muss nun in Aegyptus die allerfinsterste Nacht herrschen. Aber Glück für uns! Von Deinem Licht ließe sich wohl ein jeder gerne umschmeicheln...", flirtete ich leichthin. Doch sobald ich mich mal von diesen Augen loßgerissen hatte, fiel mein Blick auf die brünette und überaus weibliche Mänade, die Aton gerade hingebungsvoll die Füße massierte. Dass er sich solch ein Wesen als Begleiterin auserkoren hatte, ließ meinen Mut beträchtlich sinken.


    So war es mir ganz recht, dass der exzentrische Einzug des Gastgebers und das Opfer an Meditrina alle Gespräche unterbrachen. Ich sprach den Trinkspruch gemeinsam mit den anderen, und wurde durch einen echt unverfrorenen Kuss daran erinnert, dass ich ja mit Alexander hier war. Das war aufregend! Sonst hieß es immer Zurückhaltung wahren, sich ständig verstellen... enthousiastisch erwiderte ich diesen Kuss. Hier vor aller Augen war das noch viel interessanter als hinter verschlossenen Türen, und dafür, dass es noch so früh am Abend war, auch ziemlich gewagt. (Zudem war da das Tabu, dass Tricostus und ich ziemlich gleichalt waren und aus ähnlicher Schicht stammten. Denn die heuchlerische öffentliche Moral geht doch eher mal mit Augenzwinkern darüber hinweg, wenn der Herr mit seinen Sklaven ins Bett steigt, aber wenn sich zwei Gleichrangige finden, wenn einer sich freiwillig hingibt, nicht aus Zwang sondern aus Spass, dann heißt es gleich: Pfui wie unmännlich, wie weichlich, wie unrömisch! Das ist so borniert, so stumpfsinnig!!! Darüber könnte ich mich endlos aufregen.)
    Aber in dem Moment fühlte ich mich wild und frei (und angetrunken) und jenseits aller Konventionen. Unsterblich! Ich war unsterblich, und lag hier zwischen zwei schönen Männern. Was wollte ich mehr!?


    Was ich mehr wollte, wurde mir schnell klar, als Alexander sich aufmachte, um eine Frau zu uns zu bitten. Na toll! Jetzt war ich schon als seine persönliche Nebenrolle mitgekommen, da hatte er sich gefälligst auch nur für mich zu interessieren. Verstimmt leerte ich meinen Kelch – der wie von Zauberhand gleich darauf schon wieder voll war – und hoffte, dass er sich eine Abfuhr holen würde.
    Verdammt! Ich kannte diese Konstellation nur zu gut: Hannibal hatte mich mehr als einmal für irgendwelche dubiosen Freundinnen versetzt! (Und dass ich jetzt an diesen treulosen Mistkerl hatte denken müssen, das war auch alleine Tricostus' Schuld.) Die bizarre Weise, auf die wir uns kennengelernt hatten, hatte mich schon ziemlich hingerissen, aber jetzt sah ich am Horizont bereits das nächste amouröse Desaster aufziehen!
    Frustriert griff ich nach den Speisen, die da aufgetragen wurden, und schlürfte ein paar Austern. Ich sagte mir dann auch, dass es albern war, so kleinlich zu sein. Ich kannte ihn wie lange? Seit genau vier Tagen. Wir waren wo? Auf einem Gastmahl, bei dem schon die Vorspeise auf frivol bemaltem Geschirr aufgetragen wurde!
    Nun ja. Ich verspeiste noch mehr Austern, wippte mit den Füßen, und wie magisch angezogen wanderte mein Blick erneut zur Nachbarkline. Es interessiert mich doch sehr, ob die göttliche Sonne Aegyptens sich nach diesem Zwischenspiel noch immer so strahlend zeigen würde, oder etwa mißbilligend? Über eine Auster hinweg lächelte ich ihm zu, hielt seinen Blick einen Augenblick lang, bevor ich den salzigen Inhalt der Muschelschale leerte.


    Zitat

    Original von Aurelia Prisca


    Und, genau wie eben, kaum begann ich zu flirten, war Alexander auf einmal wieder da. Mit der Göttin, die ihre Mänade im Arm hielt, und, das musste ich zugeben, sehr göttlich auftrat. (Ja, wie jeder normale Mensch bin ich bestechlich für Komplimente. Auch wenn sie nur meiner Maske gelten.)
    "Zuviel der Ehre, erhabene Athene! Ohne die Gunst von euch Olympiern hätten wir ja keine einzige Schlacht gewonnen. Ähm...Du musst entschuldigen, wenn mir gerade die Worte fehlen, aber ich bin als einfacher Sterblicher geboren, und Dich hier leibhaftig zu treffen, Athene, das ist gerade ziemlich überwältigend!"
    Ich nickte bekräftigend, lächelte ihr zu, und rückte auf der Kline, auf der ich ausgestreckt lag, ein Stück zur Seite, damit dort Platz für drei Personen war. Wenn sie ihre Mänade mit in die Kissen nehmen wollte, würde es allerdings eng werden.
    "Bitte, nimm doch Platz!" forderte Alexander sie auf, und deutete einladend auf den Platz in der Mitte, zwischen ihm und mir. Ich fand das nicht so furios, aber er sollte nicht denke, dass ich etwa kleinlich oder besitzergreifend wäre!
    "Ja, und versuche diese Austern, sie sind köstlich. Darf ich Dich außerdem mit einen glanzvollen Gast aus dem fernen Land der Pharaonen bekanntmachen? Aton, die göttliche Sonne Ägyptens. Athene, Göttin der Weisheit und vieles mehr."


    Dem Alexander raunte ich scherzend, und durchaus hörbar, zu: "Alexander, stell Dir mal vor, wenn wir Athene für uns gewinnen können, kann uns keiner mehr widerstehen! Wenn sie das Schlachtengeschick für uns lenkt, dann können wir im Handumdrehen auch noch den Rest der Welt erobern!"
    "Wohl wahr, Hephaistion." Alexander reckte das Kinn, warf sich in Pose und begann zu schwärmen: "Eine furióse Idee! Indien, Kimmerien, die skythischen Steppen... das ferne Serica! Die glücklichen Inseln! Ultima Thule! Die ganze Welt würde uns gehören. Und unsere erste Tat, herrliche Athenaia, wäre es selbstverständlich, Dir überall Tempel zu errichten! Und Dir die Schätze dieser Länder zu Weihegeschenken zu machen."



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    Mit einem Mal ging alles Schlag auf Schlag. Ich machte Celeste aus, die mir ein Handzeichen gab. Ihrem Wink folgend fiel mein Blick auf einen Mann, der am Rande der Zuschauermasse stand. Gar nicht so weit von mir, aber aufgefallen war er mir bis jetzt nicht. Nun, da ich genauer hinsah, bemerkte ich zum einen sein narbiges Gesicht - was nur allzugut unserer Beschreibung entsprach – zum anderen... schwer zu sagen. Er hatte etwas bedrohliches an sich. Es war einer von diesen Leuten, denen man unwillkürlich ausweicht, wenn die Wege sich kreuzen. (Ich glaube zwar nicht daran, dass man Mördern ihre Profession an der Nasenspitze ansehen kann, aber ich denke schon, dass eine gewisse Verrohung sich auch im Äusseren wiederspiegelt.) Nur einen Augenblick lang sah ich direkt hin, dann bloß noch aus den Augenwinkeln. Das könnte er sein. Den mussten wir uns schnappen. (Zum Henker, sagte eine leise, böse Stimme in mir, selbst wenn der Mann nicht der richtige ist – er sieht wie ein rechter Galgenvogel aus. Und du kannst nicht mit leeren Händen in die Castra kommen, Faustus. Das Opfer gehörte immerhin dem ordo senatorius an. So langsam musst du dem Stadtpräfekten mal ein Ergebnis liefern. Und auch den Angehörigen.)


    Eben wollte ich meine Milites zusammensuchen, als sich Arme um meinen Hals legten. Ein stark geschminktes Gesicht kam dem meinen nahe, und üppige Brüste reckten sich mir entgegen. Brrr.... was für ein Überfall! Ich war verstört. 8o Was hätte ich jetzt für meine Rüstung gegeben. Ich schluckte und starrte eingeschüchtert auf den roten Mund der Lupa. Aber sie kam gerade recht. Ich musste jetzt stark sein. Ruhig Blut, Soldat. Immer an Rom denken. Ausserdem wollte sie ja nur mein Geld, und nicht wirklich meinen Körper – dieser Gedanke beruhigte mich. Ich atmete durch, und legte ihr dann auch die Arme um den Leib. Eine Hand sogar auf das Hinterteil. 8)
    “Meae deliciae, ich hab einen ganz besonderen Wunsch...“ raunte ich, meinen Mund ihrem Ohr nähernd. Ihre Locken kitzelten meine Nase. Und ihre Hände... naja. Man macht ganz schön was mit. “...den nur eine so unwiderstehliche Venus wie du erfüllen kann.“ (Mein Körper strafte dieses Gesülze allerdings Lügen.) “Es soll dein Schaden nicht sein - zwölf Denare geb ich dir, wenn du mir da behilflich bist. Und zwar gibt’s nen Mann hier, mit dem ich mal was klären muss, aber an einem etwas ruhigeren Ort. Ich will dass du dich an ihr ranschmeißt und ihn von hier weglockst. Am Ende der Petersiliengasse, wo's zum Kanal runtergeht, da unter der alten Brücke, da sollst du mit ihm hingehen und, ähm, dann halt n' bisschen mit ihm rummachen. Hälfte von der Kohle vorher, Hälfte nachher. Na Süße, was sagst du, sind wir im Geschäft?“
    Ich lächelte abgebrühter als ich mich fühlte und hoffte, dass sie skrupellos genug war, um sich von dem Geld verlocken zu lassen.

    Wir waren äusserst pünktlich. An der Spitze des erlesenen Trupps von Urbanern, der die Ehre hatte, hier unsere Einheit zu vertreten, marschierte ich den Aventin hinauf. Unsere Caligae hämmerten im Gleichschritt auf das Pflaster, Rüstungen und Schwerter waren auf Hochglanz poliert, die Bemalung der Scuta mit leuchtenden Farben aufgefrischt und die Helmbüsche frisch gebürstet. Bei solch einen Anlass galt es natürlich, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Ich genoss es, mal wieder meine Parademontur ausführen zu dürfen, samt Armillae, und ich empfand es als Auszeichnung, dass in diesem Jahr ich, und nicht etwa einer der älteren Centurionen, unsere Abordnung zum Armilustrium führte.


    "Militeees... consistite!" Wir waren am Ziel angelangt. "Aciem dirigite! Scuta dorsum! Hastae dorsum! State!"
    Rrrums! - Gleichzeitig trafen die Schilde auf den Boden.
    Klack! - Das waren die Lanzenschäfte.
    Meinen hellwachen Sinnen entging es nicht, dass ein Klack! um einen Wimpernschlag verspätet ertönte. Wenn ich den erwischte! Es sollte doch alles perfekt sein. Ich nahm das Armilustrium sehr ernst, ich glaubte an das, was ich am Vortag zu meinen Soldaten gesagt hatte, dass es wichtig war, uns und unsere Waffen zu entsühnen. Ich glaubte auch daran, dass Mars' Augen heute auf uns gerichtet waren, und wollte ihm keinen Anlass zur Unzufriedenheit bieten.
    Hochaufgerichtet stand ich, einen Schritt vor der Formation. Der Wind, der hier oben relativ stark war, bauschte mein Sagum, und während wir auf den Beginn der Zeremonie warteten, stellte ich mir vor, wie unsere Stadt wohl damals ausgesehn haben mochte, als unsere Vorväter diesen Ritus zu ersten Mal vollführten. Wälder anstelle bebauter Felder, Sumpfgebiete wo heute Insulae stehen, und feindliche Völker gleich jenseits der Stadtgrenzen. Unsere Ahnen hatten es nicht leicht gehabt.

    "Ja, das weiß ich." Ich nickte, und beschloss: "Gut, dann mache ich den schriftlichen Teil gleich. Wie sieht es denn aus für den mündlichen Teil? Ich meine, fehlen da noch viele Kandidaten für ein Kolloquium? Kannst du grob einschätzen wie bald ungefähr das nächste stattfinden kann?"
    Ich überlegte auch, ob ich nicht irgendjemanden anstiften könnte, das Examen mit mir zusammen abzulegen.

    Nun war die Keltin auch ein wenig in Rage geraten. Sie wurde richtig frech. Wir Römer und unzivilisiert? Ich lachte auf, bei diesem absurden Vergleich.
    "Den Unterschied kann ich Dir gerne erklären!", setzte ich hitzig an. Doch da versuchte sie schon wieder die Wogen zu glätten. Ich atmete tief durch und zuckte dann auch die Schultern. Zwar führte ich gerne Streitgespräche, ich mochte es, wenn die Worte hin und her flogen, Attacken, Paraden und Riposten aufeinander folgten wie beim Fechtkampf zweier Gladiatoren, aber einen ernsthaften Streit wollte ich auch nicht vom Zaun brechen.
    Alexandria... Ich verspürte, trotz meiner Leidenschaft für Rom, mal wieder einen Anflug von Fernweh. Ich nickte bei Alainas Erklärung, ein bisschen dubios erschien mir das aber schon, dass eine Frau einfach mal so alleine durch die Weltgeschichte zog. Bei dem Thema hatte ich ja schon Ärger mit meiner Schwester gehabt.
    "Meine Schwester Seiana lebt auch in Alexandria, seit einiger Zeit. Sie ist dort am Museion tätig... sie schwärmt sehr von Ägypten. Übrigens kommt sie bald zu Besuch hierher, in die Familiencasa."
    Ich freute mich unheimlich auf sie, und hoffte, dass es nicht nur ein Besuch, sondern ein dauerhafter Aufenthalt sein würde. Sie war da in ihrem Brief etwas nebulös gewesen.


    Daraufhin kam ich auf das vorige Thema zurück, aber ganz sachlich im Tonfall. Ich wollte nicht provozieren, ich wollte da ersthaft einen Irrtum aufklären.
    "Aber ich möchte dir das mit den Gladiatorenkämpfen wirklich gerne erklären, Alaina. Viele Ausländer verstehen den Sinn dieser Spiele erst nicht, und halten sie für grausam. Jedoch geht es dabei nicht ums Blutvergießen – es geht um römische Werte! Die Gladiatoren sind ja keine armen Opfer die man zur Schlachtbank treibt, nein, sie sind professionelle Krieger. Sie erhalten die beste Ausbildung die man sich vorstellen kann, ihr Dasein ist erfüllt von Ruhm und Ehre, die Guten unter ihnen sind landauf landab bekannt und die Frauen liegen ihnen zu Füßen." Ich schmunzelte bei der Erinnerung daran, wie ich damals in Tarraco, von meiner Cousine Calvia mit Süßigkeiten bestochen, den Briefträger für sie und diesen riesigen Murmillo gemacht hatte,
    "Sogar Freigeborene verpflichten sich dem Lanista, weil dieses Leben sie anzieht. Und wenn sie dann in der Arena kämpfen, haben die Gladiatoren die Chance, ihren Namen unsterblich zu machen – natürlich unter Einsatz ihres Lebens. Aber das ist das Erhebende daran: diese Kühnheit, dieser absolute Einsatz, diese stoische Gleichmut in Angesicht des Todes! Das alles sind Tugenden, die unser Volk groß gemacht haben. Und bei jeder Munera der Gladiatoren führen sie den Zuschauern genau diese Tugenden, die in unserer modernen Zeit gerne vergessen werden, wieder vor Augen." Ich lächelte patriotisch, und hatte mich in dem Moment selbst überzeugt, dass die Ludi eigentlich eine höchst moralische Angelegenheit waren.
    "Du solltest dir die nächsten Spiele mal unter diesem Gesichtspunkt ansehen."