Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    [Blockierte Grafik: http://img25.imageshack.us/img25/7963/alexanderdergroe.jpg]| Alexander der Große



    "Novum vetus vinum bibo, novo veteri morbo medeor!"
    Alexander der Große, Bezwinger der Perser, Eroberer der Welt, prostete Herakles zu, prostete seinem Hephaistion zu, und leerte lässig seinen Becher. Der Herakles legte seine Keule über die Schulter und ging weiter, und Alexander wandte sich nun wieder ganz seinem Gefährten zu, der sich zwischenzeitlich ein bisschen zu sehr in Richtung der Nachbarkline orientiert hatte. Die Aufmerksamkeit Hephaistions gewann der Feldherr aber schnell zurück, indem er ihm die Hand in den Nacken legte, und ihn näher zu sich zog. Alexander lächelte ein wenig mokant, genoss die Erwartung, die sich in den Zügen seiner neuen Bekanntschaft abzeichnete, drückte ihm dann, ohne sich im Geringsten um die Umgebung zu scheren, einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen.
    "Bona Meditrinalia, mein Hetairos. Hör mal, ich habe eine Idee..."
    "Bona Meditrinalia Alexandros meus..." schmachtete der Hephaistion, und Alexander musste, angesichts von dessen verzücktem Blick ein selbstgefälliges Schmunzeln unterdrücken. Der Mann war Wachs in seinen Händen!
    "Sieh Dir mal die atemberaubende Göttin dort drüben an..."


    Zitat

    Original von Aurelia Prisca


    "Die mit den Flügeln? Sieht irre aus. Ich glaube, das ist was Mesopotamisches."
    "Nein, die Athene in Veilchenblau. Oder ist das Fliederviolett...?"
    "Pflaumenblau würde ich sagen. Sehr elegant... ist ja eine heikle Farbe, die wenigsten Frauen können das tragen... Aber ihr steht es hervorragend."
    "Schön! Da sie dir auch gefällt frage ich sie mal, ob sie nicht rüberkommen will! Könnte interessant werden."
    "Ähm...... ich weiß nicht ob das eine so gute Idee ist......" Hephaistion schien noch nicht vollständig überzeugt, doch Alexander war schon aufgesprungen.
    "Bin gleich wieder da!"


    Federnden Schrittes näherte der Feldherr sich der Göttin. Unterwegs bediente er sich an einem der üppigen Blumenarrangements, die die Säulen schmückten. Ungeniert zog er einige langstielige Orchideen aus dem Strauß. Eben trug außerdem ein Sklave einen der federngeschmückten Pfauenbraten an ihm vorüber.
    "Moment!"
    Alexander stahl dem knusprigen Vogel einige seiner schillernden Schwanzfedern, kombinierte sie mit den Orchideen und band den Strauß mit einer Efeuranke zusammen. Dann rückte er seinen goldenen Siegerkranz zurecht, trat vor Athene und schenkte ihr ein flamboyantes Lächeln.
    "Meine Verehrung! Geheimnisvolle Schöne, nimm diese Huldigung aus meiner Hand!" Mit großer Geste überreichte er den extravaganten Strauß. "Ich bin Alexandros der Große. Und dies – dort drüben, der eben die Augen vor Deinem glühenden Blick abwendet – ist mein Gefährte Hephaistion. Bis jetzt haben wir Deine Majestät andächtig aus der Ferne bewundert, doch wir würden uns überglücklich schätzen, wenn Du, verehrteste Athenaia, Dich entschließen würdest, Dich zu uns zu gesellen, und uns die Ehre erweisen würdest, uns dieses Gastmahl mit Deiner göttlichen Präsenz zu erhellen!"
    Diese Worte sprach Alexander sehr erst, voll Inbrunst, nur um seine Mundwinkel zuckte es vergnügt. Mit dandyhafter Geste bot er Athene die Hand, bereit sie durch den Saal zu geleiten.




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    "Salve Miles", grüßte ich den diensthabenden Scriba, als ich in das Officium trat. "Ich bin Centurio Decimus Serapio, vierte Centurie, erste Cohorte der Cohortes Urbanae. Ich möchte das Examen Tertium ablegen. Ist das zur Zeit möglich?"

    Schaurig schön war dieses Spektakel. Obgleich mir ganz anders wurde, als Ultors Sekundant seinem kleinen Gladiator die motivierende Rede vor der Schlacht hielt. Mir wurde mal wieder klar, wie sehr viele dieser Leute uns Urbaner hassten... Ich fand das nicht gerecht. Klar, es gab es korrupte Schläger in unserer Truppe, das will ich gar nicht bestreiten, aber es gab doch auch sehr viele aufrechte Soldaten. Meine Leute und ich, wir riskierten hier Kopf und Kragen, um einen Mörder nicht davonkommen zu lassen, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, und dann musste man sich dabei noch so was anhören.
    Aber als Ultor das Frettchen unter den Ratten wütete wie Mars Ultor persönlich, da riss auch mich die Stimmung mit.
    “Ultor! Ultor!“ brüllte ich, jubelte bei dem überwältigenden Ergebnis. Ich hätte viel mehr setzen sollen! Den Wettschein hatte ich ja nur zur Tarnung gekauft. Immer wieder sah ich mich in der aufgepeitschten Menge um, suchte nach Gesichtern die unserer Beschreibung entsprechen könnten. Aber so langsam beschlich mich das Gefühl, dass diese ganze Sache hier wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Mein Versuch, in dem Chaos, dem wilden Durcheinander dieses Milieus, mit einer in der Castra geplanten Aktion sauber und koordiniert Erfolg zu haben, dieser Versuch schien mir jetzt beinahe Hybris. Nach dem Kampf zog ich mich von der Arena zurück, denn es war mir unheimlich, so nahe an dem Galgenvogel „Appi“ und sein Kumpan zu stehen. Ausserdem wollte ich mich wieder mit meinen Leuten austauschen, und mit Celeste. Vielleicht war ja einem von ihnen was aufgefallen.


    Während ich mich durch die Menge schob, wurde ich Zeuge einer Verführung. Und zwar machte sich da eine Lupa dermassen dreist an einen Mann in Toga ran – trotz der Schränke, die um ihn rumstanden – dass ich nicht anders konnte als diese Frau zu bewundern... auf eine gewisse Weise jedenfalls. Sie zog mit ihm ab, verschwand in einer dunklen Gasse. Das ganze hatte mich auf eine Idee gebracht... sowas wäre doch eine elegante Lösung, um einen Verdächtigen aus der Menschenmenge hier rauszulotsen! (Vorausgesetzt natürlich, man hatte mal einen Verdächtigen ausfindig gemacht.)
    Ich lehnte mich an die Häuserecke, um die herum die Hure mit dem Freier verschwunden waren, in der Absicht diese Frau abzupassen wenn sie zurückkam.
    Und damit sie auch bestimmt wiederkam, tat ich – wenn auch nach einigem Zögern - , dann doch einen Schritt in die Gasse hinein, und rief ihr anzüglich hinterher: “He Liebchen, wenn du mit dem Dicken da fertig bist, dann komm zu mir!“
    Darauf lehnte ich mich wieder an die Ecke. Was tat man nicht alles für Rom. Hier war wesentlich weniger Gedränge. Ich atmete durch und suchte mit den Augen nach der Bettlerin, in die sich meine gerissene kleine Informatin heute verwandelt hatte.

    Jetzt war ich aber eingeschnappt. Erst die Bemerkung über unsere Bräuche, dann dieses vernichtende Urteil über unsere Ewige Stadt. Roma aeterna! Hauptstadt der zivilisierten Welt!
    "Mhm, also was die Gebräuche angeht, so halten wir Römer das ja genauso. Jeder kann seine Götzen anbeten wie er will, solange es nicht auf so unschöne Sachen hinausläuft wie zum Beispiel Menschenopfer. Oder Kopfjagd.", meinte ich sarkastisch, in Anspielung auf die Bräuche, die ja bekanntlicherweise bei den keltischen Barbaren gang und gäbe waren.
    Und Rom, mein Rom, verteidigte ich temperamentvoll: "Nicht anders? Bona Dea! Rom ist das Herz der Welt! Was hier geschieht, zieht seine Kreise über den Rest des Erdkreises... Ich für meinen Teil, ich liebe diese Stadt, gerade weil sie so bunt ist, und das Leben hier pulst."
    Genaugenommen sah Alaina aber nicht böswillig aus, bei ihrer Bemerkung, eher etwas niedergeschlagen. Sie schien wirklich nicht so begeistert von der Stadt zu sein. So schnell wie ich aufgebraust war regte ich mich auch wieder ab und erkundigte mich: "Aber wenn ich fragen darf, wenn du keine großen Städte magst, und das Klima auch nicht – und viel rumgekommen scheinst du ja auch schon zu sein - wie kommt es dann überhaupt, dass du jetzt hier lebst?"

    "Milites venite!"
    Ich ging die Baracke meiner Centurie entlang und ließ meine Stimme ertönen. "Vierte Centurie antreten!"
    "State!" befahl ich, als die Männer sich versammelt hatten. Ich stolzierte die Reihe entlang, meine schöne Vitis locker in der Hand schwingend, und lieferte dann auch die Erklärung für das Antreten.


    "Milites! Im Zuge unseres Dienstes für den Kaiser, das Reich und die Bürger dieser Stadt, bleibt es nicht aus, dass wir Blut vergießen. Wir tun es für etwas Höheres, trotzdem ist es eine Verunreinigung. Ein Makel. Morgen findet das Armilustrium statt! Da entsühnen die Priester uns und unsere Waffen von dem vergossenen Blut. Es werden nur einige von uns dort hin gehen, aber die Entsühnung wird für die ganze Einheit gelten. Ausgewählt, die Cohortes urbanae dort zu vertreten, sind je fünf Mann aus den ersten vier Centurien. Von euch sind das: Princeps Prior Redivivus Tychicus. Princeps Prior Sergius Lupus. Tesserarius Caecilius Macro. Miles Furius Licinus. Und ich, der ich die ganze Abordnung führen werde. Nach dem Morgenapell ziehen wir in voller Parademontur in geordneter Formation auf den Aventin, wo der Ritus losgeht.
    Die Prätorianer werden auch da sein. Milites, ich erwarte von euch nicht weniger als einen mustergültigen Auftritt! Gnade euch Iuppiter wenn ich auch nur eine kleine Nachlässigkeit oder Unsauberkeit oder gar einen Rostfleck sehe. Wir werden den Cohortes Ehre machen! Und wir werden den Segen des Mars mit zurück zu dieser Einheit nehmen!"


    Eine Kunstpause ließ ich noch verstreichen, dann befahl ich das:
    "Milites abite!"
    Auch ich würde jetzt erst mal meine Paradeausrüstung überprüfen, die ich schon länger nicht mehr gebraucht hatte.

    Zitat

    Original von Decimus Annaeus Varus
    In den letzten Tagen führte mich mein Weg öfters als ich anfangs angenommen hatte in die Castra Praetoria. Auch heute stand ich wieder vor dem Tor. Doch nicht allein, ich hatte mir die Unterstützung in Person meines Kollegen Antonius Hortalus mitgebracht und sprach sogleich den Wachhabenden an.
    "Salve Miles, der Procurator a Libellis, Anneus Varus und der Procurator ab Epistulis Antonius Hortalus müssen den Praefectus Urbi sprechen."


    Heute gaben sich die hohen Herren hier mal wieder die Klinke in die Hand.
    "Salvete Procuratores!" schnarrte ein Soldat der Torwache, "Zuvor werden wir euch auf Waffen durchsuchen müssen. Reine Routine."
    Er machte sich ans Werk, überprüfte sorgfältig auch diese noblen Besucher, ob sie nicht vielleicht einen Dolch im Gewande verborgen hatten. Daraufhin wurden die Namen notiert und ein Soldat aus der Wachstube führte die beiden Beamten in die Castra und zum Vorzimmer des Stadtpräfekten.




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    "Salve Senator Germanicus!" grüßte einer der Wächter zurück, der den Curator von dessen vorherigen Besuchen wiedererkannte. "Du kennst ja die Prozedur."
    Erst kam die Durchsuchung – die allerdings eher knapp ausfiel. Dann ein Eintrag im Wachbuch. Daraufhin nahmen die Soldaten ihre Hastae zur Seite und einer von ihnen begleitete den Besucher zur Principa, genauer gesagt zum Vorzimmer des Stadtpräfekten.





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    Ein Kostüm war schöner als das andere. Ich staunte einer Katzengöttin hinterher, die einen äußerst martialischen Anblick bot. Sie begleitete eine zarte Blonde in Rot, die ich nur kurz von hinten erblickte, und die den perfekten Kontrast zu der Dunklen bildete. Was für Leute das wohl waren, die hier eingeladen waren? Wahrscheinlich die Oberschicht von Trans Tiberim... Durch den Blütenregen stampfte ein Herakles in den Saal, komplett mit Keule und Löwenfell. Er ging, hier grüßend, da scherzend durch den Saal, und wechselte auch mit Alexander einen Gruß, der auf gutes Einvernehmen schließen ließ. Richtig voll war es geworden, die Gespräche der Gäste erfüllten den Saal mit einem Raunen und einem Hall.


    Ich grinste dem Eroberer an meiner Seite zu und streckte mich auf den daunenweichen Kissen aus. Da offenbarte mein Kostüm allerdings seinen Nachteil: der schicke Linothorax war beispielsweise dazu gemacht, hoch zu Ross die Schlachtlinie entlangzupreschen, oder majestätisch dem Heer eine Ansprache zu halten, aber er war definitiv nicht dazu gedacht sich auf den Polstern zu räkeln. Da lobe ich mir doch meine Lorica Segmentata, die durch die verschieblichen Segmente sehr viel mehr Bewegungfreiheit bietet!
    Aber wer schön sein will muss leiden. Ich drapierte mich malerisch auf der Kline und steckte erst mir, dann Alexander die ein oder andere gefüllte Olive in den Mund. Sie waren sehr pikant und machten Durst, aber obwohl ich ständig trank kam der Boden meines Bechers nicht in Sicht. Das lag an dem hübschen Satyr, der neben mir Posten bezogen hatte und immerzu nachschenkte – sehr aufmerksam von ihm.


    Auf der freien Fläche zwischen den Klinen schwebten jetzt zur Musik der Dryaden zwei Tänzerinnen ein. Sie trugen Krotala, mit denen sich sich selbst begleiteten, und ansonsten nur etwas Schleiertuch. Sie wiegten sich in den Hüften und als der Takt der Musik sich beschleunigte, wirbelten sie leichtfüssig umher, wie Blätter im Wind. Es schwangen die langen dunklen Flechten ihrer Haare, es schwangen die Schleier.
    Entlang der Klinen waren Feuerschalen aufgestellt, auf hohen bronzegeschmiedeten Raubtierfüßen. Im Vorübertanzen warfen die Tänzerinnen Hände voll irgendwelcher Salze in die Flammen – und mit einmal Mal loderten die Feuer hell auf, in ganz unwirklichen Farben. Ich sah ein Rot, das ins Violette spielte, ein geisterhaftes Blau und ein waberndes Jadegrün.
    Aus der Schale, die bei uns stand, flammte es golden, und fasziniert betrachtete ich, wie sich dieser goldene Glanz über die Menschen legte; er brachte das blonde Haar Alexanders zum Leuchten, auch meine langen Strähnen sahen auf einmal ganz golden aus, und selbst der Wein in meinem Kelch schien sich verwandelt zu haben. Ich sah nur noch Gold.


    Golden schimmerte auch der Gott, der neben uns lagerte, und sich nun vorstellte, es blitzte sein goldenes Diadem, sonnengleich, es funkelten die lanzettförmigen Anhänger seiner Kette, ein goldener Schmelz lag über seinem Haar und dann war da noch so ein goldener Widerschein in seinen dunkel umrahmten schönen Augen... Einfach furios!
    Ja, ich war sehr angetan von dieser glänzenden Erscheinung – insbesondere das exotisch-orientalische daran gefiel mir außerordentlich. Vage kam der Mann mir bekannt vor, wie es einem so oft hier in Rom geht, aber ich konnte ihn nicht einordnen. Was mich ja besonders beindruckte war, dass er sich, passend zur Rolle, sogar einen besonderen Akzent angeeignet zu haben schien. Ich war ja leider noch nie in Ägypten gewesen, aber es hörte sich sehr überzeugend an. Das war wirklich das I-Tüpfelchen dieser Erscheinung!
    "Salve Aton, göttliche Sonne! Dein Glanz ist wahrlich überwältigend!", grüßte ich fröhlich zurück und lächelte dabei. "Ich bin Hephaistion, Chilliarch des makedonisch-persischen Heeres..." (Irgendwie wünschte ich mir gerade, ich hätte mich nicht zu dieser Nebenrolle überreden lassen, und mir statt dessen auch etwas glanzvolleres gewählt... Als Ares hätte ich gehen sollen!) "...und Besitzer des höchsten Scheiterhaufens aller Zeiten. - Und dies hier ist Alexander der Große." Alexander plauderte aber gerade angeregt mit Herakles und grüßte nur kurz.
    Aton, hm... Ich legte die Hand an die Stirn und gab mir den Anschein mich zu besinnen, in die Vergangenheit zurück zu blicken. "Aton... ja natürlich, ich erinnere mich an dieses unvergleichliche Licht! Damals, in der Oase Siwa war das, da bin ich unter Deinem göttlichen Licht heroisiert worden! Lange ist es her. Bist Du öfters zu Gast auf dem Olymp, Aton?"




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    [Blockierte Grafik: http://img26.imageshack.us/img26/8138/suavis.jpg| Der Gastgeber



    Immer mehr illustre Gäste versammelten sich in der Villa des gastfrohen Libertus. Und wieder erhob sich Dionysos von seiner Kline im Atrium und trat - umrahmt von der hellhäutigen Schönen auf der einen und dem dunkelhäutigen Schönen auf der anderen Seite, den goldenen Kelch grüßend erhoben – mit einem liebenswürdigen Lächeln auf die soeben eingetroffenen Gäste zu: Pluto und Proserpina. (Unglücklicherweise passte deren finsteres Viergespann nicht durch die Fauces, doch der Auftritt hatte seine Wirkung nicht verfehlt, und auch ohne Quadriga war das göttliche Paar unschwer zu erkennen.)


    "Willkommen! Sei gegrüßt, Herr der Unterwelt, sei gegrüßt, Fürstin über die Schatten! Es ist mir eine große Freude, dass ihr an diesem Abend die finsteren und schwefligen Abgründe verlassen habt, um mit uns zusammen die lichten Höhen des Olympos zu besteigen!" Voluptarianus Suavis, der bisweilen geschäftlich mit dem Curator Aquarum zu tun hatte, erkannte den Hintersinn der Rollenwahl und schmunzelte fröhlich. "So nehmt doch einen ersten Schluck, und labt euch, nach dieser weiten Reise durch die Welten!"
    Der bekränzte Knabe mit dem Silbertablett trat sogleich heran und reichte den Gästen je einen Pokal roten Weines.


    Ein weiterer Sklave des Voluptarianus hatte für den heutigen Abend die Aufgabe eines Nomenclators inne. Emsig ging er herum und brachte bei den Sklaven der Neueingetroffenen in Erfahrung was genau denn ihre Herrschaften darstellten.


    "Wenn das nicht Pallas Athene ist!" Der Gastgeber strahlte hellauf, als er die behelmte und maskierte Schönheit erblickte, ging auf sie zu und begrüßte sie frohgemut. "Ich bin geblendet! Sei willkommen auf dem Olymp Aigishalterin! Darf ich Dir einen Becher Rebensaft anbieten, Zeustochter?"
    Eigenhändig reichte Dionysos Athene den Pokal. Er trank ihr zu, gleich darauf musste er sich jedoch schon wieder entschuldigen, um sich den nächsten Gästen zu widmen.


    Hier war nun der Nomenclator von nutzen; er raunte Suavis etwas zu und dieser begrüßte die beiden Tiberier zielsicher. Seine Stimme war warm, der Libertus fühlte sich geehrt, und sein Freude war trotz der Flüchtigkeit der Bekanntschaft ehrlich.
    "Sei mir gegrüßt, Tiberinus Silvius, König der Vorzeit, göttliche Lebensader der Ewigen Stadt! Und Minerva, willkommen edle schönhaarige Jungfrau! Möge Deine schimmernde Lanze unser frohes Fest vor allen Titanen und Giganten beschützen! Nehmt den Willkommenstrunk!"
    Auch hier war sofort der bekränzte Diener zur Stelle und reichte artig zwei Kelche tiefroten Weines.


    Dionysos trat etwas zurück und richtete seine Worte nun volltönend an all die Gäste, die er soeben begrüßt hatte, und an die anderen, die sich noch im Atrium aufhielten:
    "Willkommen teure Gäste, auf den Höhen des Olympos, der an diesem Abend umnebelt von dichten Wolken erscheint, undurchdringlich für alles Profane von außen nach innen, undurchdringlich für alles göttliche von innen nach außen. Tretet ein und legt ab alles irdische, legt ab die Banalität der menschlichen Existenz, legt ab die Profanität der irdischen Identität und wandelt euch für diesen Abend zu jenen, deren Gesicht ihr heute tragt. So tretet über die Schwelle und werdet Pluto, Herr der Unterwelt und die Fürstin Proserpina...und die Herrin Athene, weiseste der Olympier...werdet Tiberinus, göttlicher Strom und die lanzenbewehrte Minerva..."
    Fröhlich klang die Melodie des Flötenspielers vom Impluvium her. Suavis trank aus seinem Kelch und fügte lächelnd hinzu:
    ""Auch eure irdischen Sklaven braucht ihr nicht in diesen Gefilden, denn meine Maenaden, Silenoi und Satyrn werden für euer Wohl sorgen und euch jeden, ja, jeden Wunsch erfüllen!"


    Eine leichtgeschürzte Sklavin trat heran und bat die begleitende Dienerschaft der Gäste, ihr zu folgen. Auch diese würden, getrennt von ihren Herren, in den Genuss eines, wenn auch bescheideneren, Festes kommen.
    Dionysos klatschte in die Hände. Mit beschwingtem Rythmus untermalte die Flöte, wie zehn Sklaven und ebensoviele Sklavinnen in das Atrium tanzten. Die unterschiedlichsten Typen von Physiognomie und Körperbau, Haar- und Hautfarbe waren dort vertreten, doch allesamt waren sie von schöner Gestalt und trugen archaisierende Gewänder aus durchscheinenden Stoffen, die ihre Körper nur spärlich verhüllten.
    "Sucht euch diejenige oder denjenigen aus, meine Freunde und Freundinnen, die oder der euch zusagt, als persönlichen Begleiter für diesen Abend!" , forderte Dionysos die Olympier auf. "Danach lasst euch in die heilige Halle des Gastmahles geleiten und wählt euren Platz zwischen den übrigen Göttern und Göttinen, Heroen und Heldinnen ganz wie es euch beliebt! Das Festmahl wird sogleich eröffnet."




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    "Salve Candace, was gibt's denn heute?"
    "Salve Serapio, sieht man dich auch mal wieder. Nichts besonderes heute, es sind fast alle Herrschaften ausser Haus."
    Unsere Köchin hob den Deckel eines ihrer Töpfe und gewährte mir Einblick auf eine vor sich hin köchelnde Gemüsesuppe.
    "Riecht gut."
    "Magst kosten?"
    Ich nickte, und schlürfte einen Löffel der heissen Brühe. Es schmeckte gut, und nach einem langen Tag mit Patrouillen bei nasskaltem Wetter hätte ich eh mit allem vorlieb genommen. Ich hatte keine Lust gehabt, mir in meiner Habitatio selbst was zu kochen, und mein Bursche ließ immer alles anbrennen. So kam es, dass ich mich an diesem Abend mal wieder in der Familiencasa blicken ließ.
    "Dann hätte ich gerne eine Schale."
    Candace schöpfte, und ich schnitt mir derweil eine Scheibe Brot ab. Dazu gab es ein Stück kalten Braten. Mit dem Essen machte ich es mir auf der Eckbank bequem – alleine im Triclinium zu sitzen, oder selbst in der Cenatiuncula, war mir zu ungemütlich. Hier dagegen prasselte das Herdfeuer, es war zwar etwas rauchig aber sehr behaglich. Candace war eine angenehme Präsenz, wie sie da werkelte, ein ruhender Pool in diesem schnellebigen Haushalt. Sie mochte zwar manchmal etwas grob zu ihrem Küchenpersonal sein, aber zu mir war sie immer nett.


    Eine weitere Sklavin knetete den Teig für den morgigen Tag. Auf den Wandborden stand sauberes Geschirr, an der Decke hingen Sträuße von getrockneten Kräutern und auf Schnüre aufgefädelte Pilze, im Rauchfang hingen lukanische Würste.
    "Was macht der Dienst? Spurt deine Centurie?"
    "Läuft alles gut. Aber bei dem Wetter machen die Patrouillen keinen Spaß!" Ich zog eine übertrieben mitleidheischende Grimasse, die die Köchin grinsen ließ. "Und was gibt es so neues hier im Haus? Wie geht's meinem - Vater?"
    "Geht ihm gut denke ich. Es gibt einen neuen Gast im Haus. Ein junges Mädchen, Iunia Narcissa. Sie ist sein Mündel."
    "Aha." Ich nahm sehr wohl war, wie unsere Köchin die Augen gen Himmel verdrehte, als die Sprache auf den Gast kam.
    "Dafür ist die Tochter von Verus abgereist. Sehr plötzlich. Ihr Vater hatte daraufhin einen Zusammenbruch."
    "Oh."
    "Hm...und die kleinen Zwillinge von Magnus und Venusia werden jeden Tag frecher und halten das ganze Haus auf Trab."
    "Da kann ich ja froh sein, in der Castra zu wohnen..."

    "Schon, aber es wird ja nicht einfach so geschlachtet. Sondern zu Ehren des Mars.", warf ich ein, als Alaina das Oktoberpferd bedauerte. Keltin aus Londinium war sie also. Bei solch barbarischer Abstammung konnte sie natürlich nicht über unsere Bräche bescheid wissen... Das war ein weiter Weg bis hierher zum Nabel der Welt. Ich fragte mich immer noch wie sie an ihre Stellung gekommen war.
    Dann verblüffte sie mich. Sie wies tatsächlich den Mantel zurück, und ganz offensichtlich nicht aus Bescheidenheit. Sie mochte dieses Wetter? Erstaunlich. Ich musterte sie ganz perplex. Mit ihrem niedlichen Näschen, dem zierlichen Figürchen, sah sie überhaupt nicht so aus wie ich mir eine sturmerprobte Nordfrau vorstellte.
    Was mich noch mehr irritierte, war dieses Zwinkern... Waah! Frauen, die so offensiv kokettierten, weckten immer einen Widerwillen bei mir, vergleichbar am ehesten dem Gefühl, wenn man zu viel Süßes gegessen hat. Ich hatte dann immer das Gefühl, sie erwarteten, dass ich meinerseits ebenso plump auf sie reagierte. Von dem letzten Exemplar dieser Art – Isis – hatte ich mich geradezu in die Flucht schlagen lassen. Aber vielleicht hatte ich dieses Verhalten, mit dem Angebot des Mantels, ja selber heraufbeschworen? Eine komplexe Frage. Warum hatte Livianus eigentlich keinen soliden, pedantischen, mittelalten Freigelassenen zum Scriba?


    "Ah so." Ich zog mir das Sagum wieder über den Kopf und rückte es zurecht. "Ja, es kann hier im Sommer echt unerträglich heiß werden. Wenn das Pflaster glüht und der Tiber stinkt. - Und sonst, mal vom Wetter abgesehen, wie gefällt es dir so, hier in Rom?"

    [Blockierte Grafik: http://img25.imageshack.us/img25/3069/hephaistion.jpg| "Hephaistion"



    Mir stockte der Atem, als ich, an der Seite Alexanders, den Festsaal betrat. Kleine Nymphen besprengten uns mit wohlriechenden Essenzen, und warfen Blütenblätter, durch deren bunten Wirbel traten wir in eine prachtvolle Säulenhalle, die von unzähligen goldenen Lichtern erhellt wurde. Bilder von schneeigen Gipfeln und der weiten Bläue des Himmels bedeckten die Wände, Draperien weißwogender Stoffe erinnerten an Wolken. Es war, als stünde man auf höchstem Berg und blickte hinab in die Täler, hinab in die Welt der Sterblichen.


    Wahrlich, wir hatten den Olympos betreten, einen Götterhimmel, der heute von Dionysos' Gefolge gekapert worden war. Weinranken in sattem Grün, leuchtendem Gelb und dunklem Rot umrankten die Säulen und die Klinen, auch Lorberzweige und Blumen waren allgegenwärtig. Die Klinen waren in einem langen U angeordnet, um eine von feinen Mosaiken gezierte freie Fläche herum, und luden, überquellend von weichen Seidenkissen, dazu ein, es sich auf ihnen bequem zu machen. Leichte Stoffe wiegten sich im Luftzug der Vorübergehenden, bildeten abseits der Klinen kleine Nischen im Raum, die ebenfalls mit einer verschwenderischen Vielzahl von Kissen und Polstern ausgestattet waren. Ein Ensemble musikalischer Dryaden, deren Blöße von Blättern gedeckt wurde, spielte eine liebliche Waise.


    Ich war überwältigt, und sah zu meinem Begleiter, der auch sehr angetan schien. Und ich muss sagen, als Alexander gefiel er mir noch besser als als Tricostus. Eine blonde Perücke zierte sein Haupt, darauf prangte der goldene Kranz des siegreichen Eroberers, dazu trug er einen atemberaubenden Muskelpanzer, und sein Chiton mit dem Wogenmuster war so knapp wie königlich.
    "Mein Alexander", hauchte ich ihm euphorisch zu "Du siehst so gut aus!"
    "Du auch, mein Hephaistion, Du auch... ganz furiós!"
    Das fand ich auch. Ich trug den fabelhaften Linothorax mit den purpurgrundigen Ornamenten über einem kurzen Chiton, der es mir erlaubte, meine wohltrainierten Gliedmaßen zur Schau zu stellen. Goldene Mosaikbänder zierten meine Arme, und die geflochtenen Bänder meiner Sandalen waren kreuzweise bis zum Knie gebunden. Eine Perücke mit langen, kastanienbraunen Haaren verlieh mir eine seidig wallende Haarpracht – fast wie früher, vor dem Militär, als ich noch lange Haare gehabt hatte. Um das Blau meiner Augen zu betonen, hatte ich sie reichlich mit Kohlestift umrandet. Ja, ich hatte immer schon einen diebischen Spass daran mich zu verkleiden. (Ob das wohl daran liegt, dass Lucilla mich früher in Tarracco so gerne in die verschiedensten Kostüme gesteckt hat? Als wäre ich ihre Puppe.)


    Alexander legte mir den Arm um die Schultern, und gemeinsam gingen wir zu einer der Klinen, liessen uns nieder. Die Sklaven, die der liebenswürdige Gastgeber uns im Atrium überlassen hatte – ich hatte mir einen attraktiven Satyr ausgesucht - reichten uns sogleich Wein in rotfigurigen Trinkschalen.




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    Ich lag falsch. Wie es sich herausstellte, war es doch nicht (bloß?) eine Masche zum Aufreissen gewesen. In seinem Haus an der Via Portuensis, bei einem Glas Wein (das ich sehr vorsichtig trank, ich traute meinem Magen nicht), erklärte mein Retter – er hatte sich mittlerweile als 'Tricostus' vorgestellt - mir endlich was er im Sinn hatte:
    “Bald sind doch die Meditrinalia. Und ich bin von einem guten Freund auf ein griechisch angehauchtes Convivium eingeladen. Du musst wissen, dass man dort kostümiert erscheint, alle Gäste sind Götter oder Heroen aus alter Zeit. Ja, und ich habe beschlossen als Alexander der Große zu gehen! Ich habe mir ein wundervolles Kostüm anfertigen lassen und alles, was mir noch fehlte, war, ähm, also war ein Begleiter, dem ich es zutrauen würde, die Rolle des Hephaistion zu verkörpern. Ich habe da hohe Ansprüche! Und da, wie ein Fingerzeig der Götter, springst du mir vor die Sänfte! Es ist perfekt! Weißt du, das mag seltsam klingen, aber genau wie dich habe ich mir den Hephaistion immer vorgestellt!“
    Hm... das klang ja äußerst interessant. Allerdings... was war man schon als ein Hephaistion neben einem Alexander? Ein reines Accessoire...! Wahrscheinlich hatte Tricostus einfach noch niemanden gefunden, der diese Nebenrolle wollte! Außerdem, sowieso, dies alles war viel zu verfänglich...


    “Ich wäre lieber Alexander als Hephaistion.“, gab ich unwillig zur Antwort, und formulierte damit nebenbei das Dilemma meines Lebens. “Nun... es ehrt mich wirklich sehr, ehrlich, aber ich kann nicht auf so ein Convivium gehen, denn es hat doch, in diesen Rollen, etwas anzügliches an sich, und ich bin Soldat, ich kann mir sowas nicht leisten...“
    “Soldat auch noch!“
    Tricostus war begeistert. Er streckte die Hand aus, und fuhr mit den Fingerspitzen andächtig über die Narbe auf meiner Wange.
    “Per-fekt. Das wird furiós! Komm schon, es ist ein einmaliges Angebot, Suavis' Feste sind legendär, und in der Verkleidung wird dich sowieso keiner erkennen.“
    “Hm... nein, es geht wirklich nicht...“
    “Sieh mal, Du könntest diesen Linothorax tragen!“
    „Alexander“ zauberte aus einer großen Truhe einen wirklich sehr hübschen Harnisch hervor, er war in purpur und weiß gehalten, und sah sehr archaisch aus.
    “Er ist authentisch makedonisch für die Zeit des Alexanderfeldzuges! Und ich glaube, er könnte dir sehr gut stehen... Aber wenn du nicht willst?“
    Natürlich sagte ich zu.

    “Macht ihn kalt!“
    Fortuna hilf! Mir gefror das Blut in den Adern. Klingen blitzten im Mondlicht, ich zog meinen Pugio um mein Leben wenigstens teuer zu verkaufen, wäre aber im nächsten Moment ganz bestimmt in meinem Blute gelegen, wenn nicht - ja, wenn nicht einer der Sicarii beim Vorwärtsstürmen auf meinem Erbrochenen ausgerutscht wäre. Mit einem erschrockenen Laut ging er zu Boden. Fortuna hatte mich erhört. Ich duckte mich vor der Klinge des Knollennasigen weg, zog den Kopf ein - die Sica schlug oberhalb meines Kopfes mit lautem Klirren gegen die Mauer! – und machte einen halsbrecherischen Satz über den Kerl auf dem Boden hinweg. Lauthals brüllte ich: “Zu Hilfe!!!“, und rannte was ich konnte.


    Es war ein Albtraum! Ich kannte mich überhaupt nicht aus in diesem Gassengewirr, zudem war ich noch ganz konfus von der Droge. Obgleich ich eigentlich ein guter Läufer bin (bei aller Bescheidenheit, ich habe immerhin bei den Wettkämpfen in Mantua in dieser Disziplin den Sieg für die CU geholt), blieben mein Verfolger mir nicht nur auf den Fersen - sie holten auf. Das Trampeln ihrer Füße verschmolz mit dem Pochen meines Herzens, dem Rauschen in meinen Ohren. Wenn ich einen Fehltritt tun würde, wenn ich in eine Sackgasse geriete, wäre ich verloren... Keuchend hastete ich durch eine Gasse, in der kreuz und quer die Wäscheleinen gespannt waren, wie ein Baldachin, dann schoß ich um eine Ecke, und war mit einem Mal auf einer größeren Strasse – und fand mich direkt gegenüber einer Gruppe von Fackelträgern und Leibwächtern, die eine Säfte geleiteten. Ob meines plötzlichen Erscheinens, und womöglich auch wegen des blanken Pugios in meiner Hand, hielten die Männer inne und griffen zu ihren Knüppeln. Schwere eisenbeschlagene Dinger! Jetzt verstand ich, wie sich der arme Odysseus zwischen Scylla und Charybdis gefühlt haben muss. Taumelnd verhielt ich meinen Schwung, blieb stehen wie angewurzelt, warf gehetzt einen Blick über die Schulter, und sah mit unendlicher Erleichterung, dass die Messerstecher angesichts dieser Übermacht beschlossen hatten sich zu verkrümeln.


    Dafür kamen diese Leibwächter jetzt bedrohlich auf mich zu. Ich wollte erklären wie harmlos ich doch war, brachte aber fürs Erste nicht mehr als ein Keuchen heraus. Dann ein Husten. Jedenfalls steckte ich schnell den Pugio weg, und hob die Hände, wobei ich mein harmlosestes Gesicht zeigte.
    “Was ist denn da los?“, fragte eine gepflegte Stimme in der Sänfte. Dann wurde der Vorhang beiseitegeschoben, und ein Mann mit dunklen, gekräuselten Haaren beugte sich hinaus. Er betrachtete mich und rieb sich nachdenklich das Kinn. Ich konnte trotz meines desolaten Zustandes nicht umhin zu bemerken: er sah, auf eine affektierte Weise, ziemlich gut aus.
    “...bin überfallen worde... verdammte Messerstecher...deine Leute... sie vertrieben...“ brachte ich zwischen Japsen hervor. Meine Knie wurden, wie oft in Nachhinein, wenn die Gefahr dann ausgestanden ist, ganz weich. Das war knapp gewesen! Haarscharf! Nie wieder Opium schwor ich mir (zum unzähligsten Mal). Ich hätte mich jetzt gerne hingesetzt.


    Der Mann schwang sich aus der Sänfte. Er war gutgekleidet, doch sein Gewand auch ein wenig derangiert, er roch nach Wein und sein beschwingter Schritt war nicht mehr so ganz sicher. Er nahm dem nächsten Träger die Fackel ab und leuchtete mir ins Gesicht. Es blendete. Ich kniff die Augen zusammen. Mit einem Mal zog ein breites Grinsen über das Gesicht meines Gegenübers.
    “Hephaistion!“
    Ich war verwirrt.
    “Ähm... Da muss eine Verwechslung vorliegen. Mein Name ist Serapio -“
    Er hörte mir gar nicht zu.
    “Hephaistion! Das ist perfekt! Nein, ich möchte sagen: FURIOS!“
    Möglicherweise träumte ich noch? Es faszinierte mich trotzdem, wie er das „furios“ betonte. Melodisch, mit einer schwungvollen Betonung auf der zweiten Silbe. Furiós!
    Es war eindeutig eine ganz seltsame Nacht. Ich fühlte mich losgelöst, und eher wie irgendeine Figur aus dem Satyricon als wie Decimus Serapio. Auf meine verständnislose Nachfrage hin, versprach mein furióser Zufallsbekannter, mir sogleich alles zu erklären. Bei ihm zu Hause, ganz nah, gleich um die Ecke.
    Ach so, dachte ich mir, das ist also seine Masche um sich Gesellschaft aufzugabeln. Na warum nicht? Und als er mich einlud in seiner Sänfte Platz zu nehmen, leistete ich dem gerne Folge. Die Träger hoben an, und wir schaukelten komfortabel von dannen.

    In mein Sagum gehüllt, marschierte ich neben der Scriba meines On... nein, meines Vaters durch die Strassen.
    "Aber gern. Immerhin bin ich ein glühender Anhänger der Aurata."
    Das Wetter war mal wieder ganz schön mies. Ich sah zum Himmel hinauf und fragte mich, ob es heute wohl noch regnen würde. Noch immer war ich verwundert darüber, was für eine Wahl Livianus da mit seiner Scriba getroffen hatte. Keine Frage, sie machte einen netten Eindruck... aber für einen Senator, der im Licht der Öffentlichkeit stand, war so eine Wahl mehr als ungewöhnlich... Ob sie seine Bettgefährtin war?


    "Ich komme aus Tarraco, wo meine Familie ein großes Gestüt besitzt", antwortete ich, erfreut zu hören, was Livianus gutes über mich gesagt hatte. Ich selbst hätte mich jetzt nicht unbedingt so bezeichnet, aber natürlich schmeichelte es mir. "Da war ich früher sehr oft. -" Meistens mit Appius zusammen, was die Erinnerung in dem Moment schmerzlich machte.
    "Eigentlich ist Livianus der Urheber, er hat mir ein Pony geschenkt, als ich klein war, und so mein Interesse geweckt. - Im letzten Herbst bin ich ausserdem beim Equus October mitgefahren, mit einer Biga der Aurata. Ich habe zwar nicht gewonnen – das wäre auch schade gewesen, denn das Siegerpferd wird ja einen Kopf kürzer gemacht – aber ganz gut abgeschnitten."
    Schade eigentlich, dass ich dieses Jahr nicht dabei war, aber ich hatte keine Zeit fürs Training gehabt. Naja, und wenn ich an den armen Bäcker dachte, der sich dabei den Hals gebrochen hatte, reichte es vielleicht auch, sich einmal zu beweisen.


    "Du bist keine Römerin, oder? Lebst Du schon länger hier in der Stadt?"
    Ein Windstoß brauste durch die Strassen. Brr, wenn ich meine mantellose Begleiterin nur ansah wurde mir schon kalt. Hier bot sich die Chance zur Ritterlichkeit! Mein Sagum war aus schwerer, gewalkter Wolle, herrlich warm. Eine schlichte Scheibenfibel hielt es auf der rechten Schulter zusammen. Ich zog es über den Kopf und bot Alaina den scharlachroten Mantel an.
    "Hier, Du frierst doch sicher."

    Roma, die große Stadt, welche auf sieben Hügeln erbaut wurde. Jenseits des Tibers drängen sich Insulae, Villae und Casae dicht an dicht. Das Bild von vielen Tempeln, großen öffentlichen Bauten und den Straßen der Stadt unterbrochen. Ein ständiges Treiben innerhalb der Stadtmauer. Tag und Nacht. Der Platz diesseits des Tibers wurde eng, war begrenzt, und so bildete sich jenseits des Tibers ein neues Viertel aus. Transtiberim. Den achten Hügel hinauf, nicht zu den sieben Hügeln gehörend, auf denen das ursprüngliche Roma gebaut wurde, wuchsen die Villen und Häuser jener, die keinen Platz innerhalb der Stadtmauer fanden. Eine Subkultur bildete sich aus. Hier war das Leben zwangfreier als in der Stadt. Der Machtbereich der städtischen Einheiten endete zwar nicht offiziell an der Stadtmauer, verlor jedoch hier seine große Bedrohung. Nach Transtiberim kam man nicht ohne Weiteres. Außer man wohnte hier oder war eingeladen.


    Zwischen all den Bauten befand sich auch die Villa des Volusus Voluptarianus Suavis. Er hatte seinem Herren treu gedient und war freigelassen worden. Sein Herr entlohnte ihn mit einem kleinen Vermögen. Etwas später vererbte ihm dieser auch noch einen Teil seines Geldes. Nicht nur diesen Umständen hatte Suavis sein Vermögen zu verdanken. Erfolgreich hatte er es geschafft Einfluss zu erlangen. Er war Händler und kontrollierte das Hafenviertel und alles was dort passierte. Sein Reichtum mehrte sich.
    Das Anwesen hatte seinen Platz auf der halben Höhe des Ianiculum gefunden. Die Villa war der einer der reichen Patrizierfamilien ebenbürtig. Eine hohe Mauer umgab das Grundstück Suavis'. Sie war geweißt und stach deutlich aus der Menge der anderen Gebäude heraus. Im Garten wuchsen Palmen und Zypressen. Sie überragten das Gemäuer deutlich. Der Garten war fast wie ein kleiner Park angelegt. Blumenbeete, dazwischen Wege und Brunnen und kleine Plätze bestimmten das Bild. In der Mitte befand sich gar ein Kreis aus steinernen Bänken. Hier wurde an so manchem Abend mit ausgesuchtem Publikum gefeiert.
    Die Villa selbst war geschmackvoll und sehr großzügig eingerichtet. Der Vorratskeller war immer gut gefüllt. Die besten Weine der bekannten Welt lagerten hier, gefüllte Speisekammern, die in ihrem Ausmaß die halbe Bevölkerung der Subura für einen ganzen Tag gesättigt hätten. Es herrschte Überfluss.

    Für seine Feiern war Volusus Voluptarianus Suavis in ganz Transtiberim schon lange berühmt. Nicht jedoch in den anderen Stadtteilen Romas.
    Noch nicht.




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    Text by Celeste

    An mehr kann ich mich leider nicht erinnern. Beim Aufwachen war es noch da, dann entglitt es mir, wie wenn man versucht, das eigene Spiegelbild im Wasser zu erhaschen, kaum greift man danach, zersplittert es in tausend Stücke... Mir war übel. Sobald ich mich aufsetzte, war mich noch übler. Mein Kopf dröhnte. Ich fuhr mir mit dem Handrücken über den Mund, wischte mir Speichel vom Kinn und sah mit verklebten Augen um mich, wusste im ersten Moment gar nicht wo ich war... Dann schwante es mir, und augenblicklich bestürmten mich die Selbstvorwürfe.
    Wie kannst Du nur?/Es ist unwürdig für einen Soldaten Roms!/Was wenn die Männer Deiner Centurie davon wüssten?/Was wenn Livianus davon wüsste?/Schämst du dich nicht? Und so weiter und so fort, eine abgeschmackte Litanei römischer Werte und decimerischer Tugenden.
    Eine Tavernenmagd reichte mir hilfreich und diskret eine Wasserschale, ein Tuch, einen Becher süßen Kräutersud. Den trank ich in kleinen Schlucken, tupfte mir mit den feuchten Tuch das Gesicht ab und versuchte die Übelkeit niederzukämpfen. Wie spät es wohl war? Der Raum hatte sich deutlich geleert. Ich erhob mich unsicher, zahlte und trat hinaus auf die Strasse.


    Noch immer war es Nacht, aber jetzt mondklar, die Luft war kälter, ich schätzte die Zeit auf den Beginn der quarta vigila. Zeit für den Rückweg. Steifbeinig ging ich die Strasse entlang, rieb mir verschlafen die Augen, fröstelte kurz. Mein Kopf wurde etwas klarer, das Dröhnen in den Schläfen nahm ab, aber die Übelkeit holte mich dann doch ein. Mein Magen krampfte sich zusammen und an irgendeiner Häuserecke übergab ich mich heftig in die Gosse. Scheußlich. Gallig. Angewidert spuckte ich aus, spuckte nochmal aus. Meine Augen tränten. Ich richtete mich auf, zog meine Lacerna zurecht, blinzelte - und als ich wieder einigermassen klar sah, war ich von drei Gestalten umringt. Dunkle Gestalten, vermummt und bewaffnet.


    Verdammte Scheiße!!! Welcher Idiot wagte sich auch nachts alleine in dieses Viertel?! Ich wurde noch viel blasser als ich es eh schon war und verwarf, angesicht der blanken Sicae, die die Herren in den Händen hielten, sehr schnell den Gedanken meine Waffe zu ziehen.
    “Geld oder Leben.“
    Das war nun wirklich keine schwere Entscheidung.
    “Geld...“ krächzte ich, und löste den Beutel von meinem Gürtel. Mit meinen zittrigen Fingern bekam ich ihn nicht gleich los... Ich musste an den armen Octavius Cato denken, so wie der wollte ich nicht enden.
    “Her damit!“ Der mir gegenüberstand, streckte ungeduldig die Hand aus. Ich gab ihm den Beutel, der schwer genug war, und hoffte inständig, dass sie sich damit begnügen würden. Mitnichten!
    “Ausserdem den Ring, den Umhang, die Tunika und die Sandalen!“
    Es waren gründliche Räuber.
    Ich zögerte – den Siegelring konnte ich doch nicht einfach so hergeben! Was für eine Schmach! Und dann die Vorstellung halbnackt durch Rom laufen! Es war nur ein Wimpernschlag des Zögerns – letztendlich hing ich an meinem Leben, sehr viel mehr als an meinem Ring – aber der vorderste der Drei nahm das trotzdem zum Anlass an mich ran zu treten und mir einen Stoß zu versetzen. Ich machte eine halbherzige Abwehrbewegung, diese liess zu allem Unglück das Tuch, dass er sich vors Gesicht gebunden hatte, rutschen... Er fluchte, als sein Gesicht – feist, knollennasig - einen Augenblick lang voll dem Mondlicht ausgesetzt war, und ich wusste, dass ich jetzt wirklich bis zum Hals in der Scheiße steckte.

    Die Kohle im Dreifuß glühte düsterrot. Sacht fachte ich sie mit meinem Atem an, das Glimmen wurde kräftiger, sein Rot erinnerte nun an frisches Blut. Die Vorfreude machte meine Hände fahrig, als ich das kleine Opiumkügelchen aus der Schale nahm, und sacht in den Kopf der Pfeife hineindrückte. Alleine die Berührung, das Gefühl der weich nachgebenden, leicht klebrigen Masse an meinen Fingerspitzen jagte einen Schauer des Wohlbehagens durch meinen Körper. Ich leckte mir begehrlich über die Lippen, als ich fortfuhr, die Pfeife vorzubereiten, mit wachsender Ungeduld, aber bewusst, dass das Ritual, das Herauszögern, den späteren Genuss noch verstärken würde.
    Ich lag auf einer weichen Kline am Rande des Raumes, der erfüllt war von gedämpftem Licht, und den zarten Klängen einer Harfe. Wie Geister bewegten sich die Angestellten zwischen den Gästen, mal raschelte Stoff, klang ein Tablett als es den Tisch berührte, gluckerte Wein der in ein Glas geschenkt wurde. Schön war es hier. Schön still. Auch die Gäste unterhielten sich nur leise, die meisten rauchten, oder träumten schon. Dichte Rauchschwaden waberten in der Luft, wie die Schleier, die zwischen Tag und Traum liegen, und verschwommen glommen in diesem Nebel die Punkte roten Feuerscheines, wenn die Raucher an ihren Pfeifen sogen.


    Ich lehnte mich zurück, den Arm über die gedrungene Lehne gelegt, atmete tief die opiumgeschwängerte Luft und konzentrierte mich ganz auf die Empfindung des Momentes. Keine anderen Gedanken sollten den Genuss trüben, keine unschönen Dinge Eingang finden in die Welt, die ich nun betreten wollte... doch es gelang mir nicht, diese angestebte weihevolle Ruhe zu finden, zu gross war meine Gier. Mit der Zange nahm ich ein glühendes Stück Kohle, hielt es nahe an die schwarze Masse, aber nicht zu nahe, und als diese sich in der Hitze zu regen begann, feiner Dampf sich kräuselte, führte ich mit unsteter Hand die Pfeife zum Mund. Das Mundstück war geformt wie eine Schlange, ein schuppiger Kopf mit starren Glasaugen. Ich umschloss es mit den Lippen und sog voll Verlangen den köstlichen Rauch in meine Lungen... die Essenz des Glücks.
    Der Rauch kratzte in der Kehle, ich war es nicht mehr gewöhnt, hatte diesem Genuss ja theatralisch entsagt....warum eigentlich? Es gab nichts besseres auf der Welt... Und hin und wieder mal eine Pfeife, das schadete ja nicht... Gut, früher war es damit nicht so gut gelaufen, aber damals hatte ich es auch ein bisschen zu sehr übertrieben... Ich war ja noch ein Adoleszent gewesen, frisch aus der Provinz gekommen, hingerissen von den Verlockungen der grossen Stadt... jetzt hingegen, älter und charakterlich gefestigt, konnte ich mir das schon erlauben und die Sache dabei im Griff behalten...


    Wohlig seufzte ich auf, als nach und nach das vertraute Schwindelgefühl über mich kam. Ganz langsam liess ich den Rauch aus Mund und Nase ausströmen, legte den Kopf zurück und sah den aufsteigenden Schwaden nach. Und sog wiederum an dem Schlangenkopf, immer wieder, begierig nichts der herrlichen Essenz zu vergeuden. Schwer wurden meine Glieder, und zugleich leicht, als ich mich löste von dem was um mich war... von der Erinnerung an die Schlacht, an Lucullus' Tod... mich löste von allem was auf mir lastete, letztendlich auch von dem was was ich darstellte aber nicht war. Ein seliges Lächeln legte sich über meine Züge. Dies hier war um so viel besser als die Lust, ein Gespann im vollen Galopp zu lenken, besser auch, als am Bug eines Schiffes über die Wogen zu brausen, besser als die Ekstase einer Liebesnacht.
    Pures Glück durchströmte mich, so rein und klar wie nie zuvor, als ich verstand, auf eine Weise die dem Uneingeweihten niemals zugänglich sein kann, wie sich das Grosse mit dem Kleinen verband, wie sich das kosmische Prinzip wiederspiegelte in ALLEM, allem was ich sah, fühlte, wahrnahm! Zum Beispiel im Muster des Rauches, der WUNDERSCHÖNE Schattierungen zeigte, in denen sich wiederum ganz FASZINIERENDE Schemen bildeten... maskenhafte Gesichter umgaukelten mich, ich verfolgte sie mit glasigem Blick, und als sich das Tor aus dem Nebel festigte, das Tor aus Horn, erhob ich mich, und stebte, gehüllt in einen weichen und warmen Mantel, geborgen vor allem Unheil, durch diese Pforte. Die Asphodelen zu meinen Füssen waren wie Sterne, ich schritt über sie hinweg, wurde selbst zu Nebel, verlor mich im Reich von Morpheus und Phantasos, schritt über Sterne, vorüber an Quellen, die mir mit uralter Stimme zuraunten...


    ...brech ich den Rudergriff,
    fahr ich zur Unterwelt
    ruh ich mich endlich aus...
    Krähenkreis, Niemandsland,
    fahr ich zur Unterwelt,
    ruh ich mich endlich aus...
    ...brech ich den Rudergriff
    tanz ich den Totentanz
    ruh ich mich endlich aus...
    Ruderhand, Totentanz...

    Am Festtag der Victoria


    Wieder kam der Tag, an dem sich die Schlacht von Edessa jährte, und genau wie im vorigen Jahr war ich völlig neben der Spur. Alles war mit einem Mal wieder so nah. Den ganzen Tag schon war ich unaufmerksam und reizbar, am Abend wurde die Rastlosigkeit immer größer, die Erinnerungen immer aufdringlicher. Ziellos war ich durch die Stadt gestreift, oder vielleicht nicht ganz so ziellos, denn am Ende landete ich wieder in Trans Tiberim. Nach den letzten, eher kühlen Tagen war es heute auch zu dieser späten Stunde noch recht mild. Ein lauwarmer Wind strich von Süden her durch die Strassen, in ihm mischten sich die verschiedenen Noten des städtischen Gestankes – gammelige Abfälle und Exkremente, fauliges Flusswasser, Wagenschmiere, der beissende Geruch der nahen Gerberwerkstätten. Ich krauste die Nase. Aber da war noch etwas. Etwas köstliches, ein sublimer Duft, der sich kaum merklich unter diese groben Gerüche gemischt hatte... Er kitzelte meine Nasenflügel und weckte verschwommene Reminiszenzen von süssem Taumel und der Lust sich zu verlieren... von Traum, Flug und Vergessen und Momenten überwachen Verstehens...


    Ich witterte, wie ein Reh im Wald, und wandte den Kopf zu einer Nebenstrasse. Dunkel war es dort, bis auf den Schein einer Laterne, der beleuchtete ein Schild, das an hübsch verschnörkeltem Gestänge über einer Tavernentüre hing. Darauf war der Kopf eines jungen Mannes gezeichnet, der den Finger an die Lippen hielt, und auf den wirren Locken einen Kranz von Mohnblumen trug... Warum ich das so genau erkennen konnte? Weil meine Füsse mich schon ganz nahe herangetragen hatten, bevor ich überhaupt einen Gedanken fassen konnte. Ehrlich, ich kämpfte dagegen an – aber in dieser Nacht war ich einfach nicht in der Verfassung dieser Versuchung zu widerstehen. Ein geheimnisvolles Lächeln zierte die Lippen des Morpheus auf dem Tavernenschild. Der Duft war sehr stark hier, das Einatmen köstlich, und mein Widerstand hatte nicht mehr Chancen als ein mesopotamischer Bauernmob gegen einen römischen Schildwall. Ich trat ein.

    Iuvat inconcessa voluptas
    ~ Spaß macht das unerlaubte Vergnügen


    Eine dunkle Gasse wand sich zwischen den schlafenden Häusern,schwarze Fensterhöhlen starrten mich an, auf meinem nächtlichen Weg. Ich hatte den Tiber überquert, sein Rauschen verklang hinter mir, der sumpfige Dunst hing mir noch immer in der Nase. Leise trugen mich meine Füße nach Trans Tiberim hinein. Sie steckten in weichen Sandalen, nicht in Caligae, und auch meine leichtgegürtete Tunika wies mich nicht als Soldaten aus, bloß meinen Pugio trug ich unter der Lacerna verdeckt bei mir. Für alle Fälle.


    Hier in Trans Tiberim hatte die Stadt einen ganz anderen Charakter als drüben. Großzügiger zum einen, man merkte, dass beim Bau der Häuser nicht so penibel Platz gespart worden war, wie auf dem anderen Ufer. Und sehr abwechslungsreich, bunt, was wohl an den vielen Peregrinen lag, die sich hier angesiedelt hatten. Ich mochte das Viertel, es hatte Flair, auch wenn’s an vielen Stellen recht schmuddelig war. Und es hatte einen großen Vorteil: meine Centurie machte hier keine Patrouillen, so war die Gefahr, zufällig auf einen Bekannten zu treffen, sehr gering.


    An der großen Kreuzung der Via Aurelia bog ich ab, und war mit einem Mal mitten im Vergnügungsviertel. Laternen beleuchteten die Gasse, Tavernen säumten sie. Ich ging durch Stimmengewirr, Becherklirren drang aus offenen Türen, Zecher drängten sich in die Schenken. An einer Ecke wurde trotz der späten Stunde noch immer an einem Gebäude gehämmert, es sollte offenbar eine neue Garküche werden. Zum hohen Stapel aufgeschichtet lagen die glattgehobelten Bretter, ein frischer Kieferngeruch ging von ihnen aus.
    Zwischen den Scharen der Nachtschwärmer auf nocturna grassatio, die sich feuchtfröhlich amüsierten, fehlten nicht die Huren, Huren jeder Art, die hier nach Kundschaft fischten. Für die aufgetakelten Mädchen hatte ich keinen Blick, ging rasch vorüber an den schwellenden Reizen und aufdringlichen Rufen, aber als ich zum Cloeliusbrunnen kam – die Gasse öffnete sich dort zu einem kleinen Platz – und auf die angrenzenden Arkaden zuschlenderte, da ließ ich meine Blicke ungehemmt schweifen. Denn hier boten sich ihre männlichen Kollegen feil, hier lockten breite Schultern, schmale Hüften und muskulöse Schenkel... eingeölte Haut schimmerte verheissungsvoll... kräftige und schmale, helle und dunkle, athletische sowie auch knabenhafte Körper präsentierten sich einladend dem Auge des Betrachters. Meinem Auge.


    Ich musste schlucken als ich dort entlangging und die Prostituierten musterte, trocken schlucken. In dem Bestreben, ein vorzeigbarer Decimer und tadelloser Soldat zu sein, war ich allzu lange nicht mehr hier gewesen, nicht mal nach dem letzten amourösen Desaster. Aber jetzt... Was war schon dabei?! Es kannte mich ja keiner.
    Ein verbotenes Paradies tat sich auf. Am allerbesten gefiel mir ein gutgebauter Orientale - ich habe einfach eine Schwäche für diesen Menschenschlag. Ich mag das Exotische, diese natürliche Eleganz. Ein Bronzeschimmer glitt über seine Haut, als er, meinen Blick richtig deutend, auf mich zutrat. Etwa in meinem Alter, schöne schwarze Auge, und stramme Hinterbacken, die sich deutlich unter dem knappen Hüfttuch abzeichneten.
    “Salve Dulcis... was kostest du für zwei Stunden?“


    Er war nicht billig, doch bei dieser Aussicht vergass ich zu feilschen. Den Arm um seine Schultern gelegt, nahm ich ihn mit in die nächste Absteige. Das Zimmer war stickig, der Wein, den ich bestellte, auch nicht der beste, aber der Orientale verstand sich auf die Liebeskunst, und ich vergnügte mich ausgiebig mit ihm. Dachte an nichts mehr, und kostete es ganz und gar aus, diesen schönen Mann für mich zu haben, solange bis ich schliesslich sehr zufrieden und ermattet auf die strohige Matratze sank.
    Mit einer Hand angelte ich mir meinen Gürtel vom Boden und suchte die Denare heraus, entlohnte ihn und gab ihm auch ein großzügiges Trinkgeld. Er bedankte sich, etwas abwesend. Ich fragte mich einen Augenblick lang, ob er seinen Lohn wohl für sich behalten durfte, oder abliefern musste, aber eigentlich wollte ich es gar nicht wissen. Vielleicht, so überlegte ich träge, sollte ich mir einen Sklaven wie ihn kaufen, dann müsste ich nicht den weiten Weg nach Trans Tiberim auf mich nehmen. Aber das könnte zu Gerede führen.


    Längelang ausgestreckt, den Kopf auf die Hände gestützt, sah ich dem Orientalen zu, wie er sich erhob, die Münzen in einem kleinen Beutel sorgfältig verstaute, und seine Hüften wiederum mit dem Lendentuch verhüllte. Gerade eben noch hatte der Mann heftiges Verlangen in mir geweckt, jetzt, nüchtern betrachtet, fand ich ihn auf einmal gar nicht mehr so anziehend. Die Nase zu breit. Das Lippenrot, das er nun vor einem kleinen Handspiegel auffrischte, zu grell, zu vulgär.
    “Vale.“
    Ich sah ihm nach, wie er müden Schrittes durch die Tür verschwand, und wusste, dass ich ihn wohl kaum nochmal aufsuchen würde. Dann machte auch ich mich auf, zurück in meine Welt, und kehrte, mit einem schalen Geschmack im Mund, Trans Tiberim den Rücken.