Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Eine nette Zeit. Es war eine nette Zeit. Nicht mehr als eine nette Zeit. Blass und ohne irgendetwas zu erwidern, stand ich vor Hannibal, und obgleich ich mir seit dem Desaster in der Villa Flavia nicht mehr wirklich Illusionen machte, über ihn, über „uns“, schmerzten seine Worte. Sie waren sehr deutlich, sie waren wie Dolchstiche ins Herz, und dann drehte er die Klinge nochmal in der Wunde um. Ich schluckte trocken. Meine Kehle war wie zugeschnürt, und die Welt um mich war aus dem Gleichgewicht geraten… Ich krallte die Hand um einen Mauervorsprung. Eine nette Zeit. Alles war aus den Fugen, und ich wusste wahrhaftig nicht mehr, ob ich Hannibal liebte oder hasste, oder einfach nur verzweifelt war. Eines war jedenfalls klar, und ich sollte es mir für die Zukunft wohl merken: wer sich verliebte, in diesem unverständlichen Spiel, der verlor.
    Am unverständlichsten waren seine Abschiedsworte. War das echt? War das nur wieder Täuschung? Wozu, warum? Hannibal hatte ich nie durchschauen können, und er blieb mir bis ganz zum Ende ein Rätsel.
    “Vale.“, sagte ich leise. “Dich auch, Hannibal.“
    Dann war er fort. Ich blieb an die Wand gelehnt stehen, hinter der Säule verborgen, und doch umgeben von dem Gebrüll der Menge. Iugula! Verzweifelt vergrub ich das Gesicht in den Händen, und verharrte so, um Fassung ringend. Wie ein Gladiator wollte ich es tragen... nun ja.


    Die Spiele gingen schon auf ihr Ende zu, als ich mit starrer Miene zu meinen Soldaten zurückkehrte. Musca beglückwünschte mich grinsend, was ich zuerst für einen dummen Scherz hielt, doch dann stellte sich heraus, dass ich bei der Verlosung gewonnen hatte, und zwar einen der Hauptpreise: ein romantisches Treffen mit einer Edel-Hetäre, sehr exklusiv. Großartig, nicht? Alle beneideten mich darum. Es war einer dieser Tage, an denen Fortuna ihren schwarzen Humor voll auslebt.

    Da vorne, beim curulischen Stuhl, stand man wie auf einer Bühne. Und was für eine phantastische Akustik hier herrschte! Das Herz schlug mir bis zum Hals. Zum Glück hatte ich die angemessene Antwort in diesem Wortwechsel zu Hause vor dem Spiegel geübt. (Und dabei lange an der Intonation gefeilt.) Voll Entschlossenheit, voll Klang, und voll ehrlich empfundenem Pathos, sprach ich also die Worte:
    “Ich will Dich als meinen Vater anerkennen, Marcus Decimus Livianus. Unsere Verwandten und Freunde, die hier um uns stehen, sollen meine Worte bezeugen: Ich will Dir ein guter Sohn sein. Ich will Dich ehren wie meinen leiblichen Vater, so wie es Sitte und Recht ist, und, per Iovem lapidem, ich will es nie an der gebotenen Pflicht und Schuldigkeit fehlen lassen!“

    Wie hübsch. Der Zufall hatte mich an diese Ecke des Marktes geführt - eigentlich suchte ich ja ein gutes Buch, ehrlich! - aber der Anblick dieses jungen Barbaren ließ mich vom Weg abkommen. Ich hörte die Lobpreisungen des Händlers, und trat näher, den Blick auf den ungestümen Sklaven gerichtet. Roh, ja, das war er offensichtlich, und nach dem letzten Gebot auch nicht mehr ganz so billig, aber das Muskelspiel an seinem Oberkörper, die stolze Art wie er den Kopf warf ließen mich darüber hinwegsehen. Hm… irgendwie erinnerte er mich allerdings an einen Burschen, den die Kollegen von der dritten Centurie vor ein paar Tagen festgenommen hatten. Komisch.
    “Kann er denn Latein?“, rief ich dem fetten Händler zu. “Er soll mal was sagen. Und seine Zähne zeigen.“
    Die Blicke dieses Kelten, seine ganze Attitüde, waren eine einzige Herausforderung. Der würde bestimmt Ärger machen, und eigentlich hatte ich mit meinem Parther Ärger zu genüge. Trotzdem… Vielleicht sollte ich mir einfach mal was gönnen. Ich drängte mich zur Bühne und musterte den Sklaven äußerst interessiert, war gespannt ob er der Aufforderung Folge leisten würde.

    Ungeheuer erfreut führte ich meinen Vetter, wie befohlen, durch die Castra. Ich fand sein Hiersein völlig absurd, und hoffte sehr, dass der Stadtpräfekt ihn in irgendeine Schreibstube mit Verwaltungskram abschieben würde, auf das er mir nicht weiter auf die Nerven gehen würde! Trotzdem, Befehl war Befehl, und ich hielt meine Miene neutral, meine Erklärungen sachlich, als ich Flavus die Castra zeigte. Erst einmal die großen Lagerstraßen entlang, wo ich ihm die verschiedenen wichtigen Gebäude erklärte. An der Via principalis wies ich ihn auf das Atriumhaus hin, dass ihm dort zur Verfügung stand.
    “Das ist deine Unterkunft.“
    Als nächstes führte ich ihn zur Mauer, und stieg mit ihm die Treppen an der Innenseite hinauf. Vom Wehrgang aus war die Sicht auf Rom ganz wunderbar, und auch die ganze Castra war von dort zu überblicken. Ein Wachposten passierte uns salutierend, was mich zu einer von Flavus‘ Aufgaben brachte.
    “Du siehst die Wachtposten? Stationär an den Türmen und Toren, patrouillierend auf den Mauern. Es wird deine Aufgabe sein, täglich, immer bei Anbruch der Dunkelheit, die Parole an die Tesserarii auszugeben. Diese verbreiten sie dann innerhalb ihrer Centurien. Ähm – Du weißt was ein Tesserarius ist?
    Da drüben, hinter den Vorratsspeichern liegen die Fabricae. Dort solltest du dir als nächstes eine Rüstung anpassen lassen.“
    , empfahl ich ihm mit Blick auf seine Tunika. “Ich rate dir zu einer Lorica Segmentata. Viele senatorische Tribune tragen gerne phantasievolle Muskelpanzer, um eine heroische Figur zu machen, und werden damit um so mehr zum Ziel des Spottes der Soldaten.“
    Nüchtern gab ich ihm diesen Ratschlag, deutete dann auf den Campus, der sich jenseits der Barracken weit erstreckte.
    “Dort wirst du ab morgen trainieren, um wenigstens die Grundzüge einer militärischen Ausbildung zu erlernen. Ich werde dir einen Ausbilder organisieren, der dich nicht schont. Ich hoffe das ist in deinem Sinne.“
    Das war gelogen. Natürlich hoffte ich, dass Senatorensöhnchen Flavus beim Training so richtig litt.

    Zu gut, wie Vestinus sich übers viele Essen beklagte! Ich lachte auf, dann stimmte ich in seine Klage ein: “Ja, das ist schon schwer zu ertragen…!“ Ich dachte auch daran zurück, wie ich damals nach Rom gekommen war. “Die Stadt ist grandios, nicht wahr? Nichts geht über Rom. Als ich zum ersten Mal hierher kam, war ich völlig überwältigt.“
    Kurz darauf stellte Verus uns seine Begleiterin vor, und ich begrüßte sie herzlich. Mit meinen Cousinen kam ich immer sehr gut aus, und ich freute mich besonders, hier eine kennenzulernen, die so ungefähr in meinem Alter war, oder jedenfalls nicht so viel jünger, dass sie meine Tunika mit Fruchtsaft verzierte.
    “Salve Serrana, es freut mich sehr Dich kennenzulernen!“
    Dass Verus ein derartiger Philosoph war, hatte ich überhaupt nicht gewusst. Schon nach kurzer Zeit hatte ich den Faden seines Gedankenganges verloren. Freiheit, Blut, Ideale, Winter…


    “Ähm… Du meinst also, wir Soldaten sind geistig frei, weil wir in der Armee das Richtige tun, habe ich das recht verstanden? Weil wir für Rom kämpfen, und für die Freiheit seiner Bürger, und für die segensreiche Vorherrschaft über die Barbaren, also für… Ideale, ja?“, versuchte ich diese Idee für mich schlüssig zu machen.
    “Hm… aber man muss doch auch sehr viel Freiheit abgeben. Und beileibe nicht nur die körperliche. Um ein guter Soldat zu sein, darf man ja nicht zu viel Nachdenken. Das schadet dem Gehorsam, und der absolute Gehorsam ist ein Grundpfeiler unserer militärischen Vorherrschaft!“, gab ich zu bedenken. “Natürlich, es ist alles für etwas Höheres, will sagen, es dient einem höheren Zweck, aber trotzdem, ich finde nicht dass man das unbedingt geistig frei nennen kann…“
    Eine spannende Frage. Neugierig blickte ich in die Runde, was Vestinus und Verus, oder Serrana als Aussenstehende dazu meinten.
    “Aber setzen wir uns doch.“ Einladend stand ein Grüppchen von Klinen bereit, unter einem Sonnensegel, direkt neben dem plätschernden Wasserbassin. Eine angenehme Kühle ging von dort aus. Ich liess mich nieder, streifte die Caligae ab und badete meine Finger in einer Schale mit Lavendelwasser. Sklaven reichten uns die Speisen an, und so kam ich endlich zum gegrillten Octopus.

    Zitat

    Original von Faustus Octavius Macer
    Macer ging zum Tor, um den Praefectus Urbi zu sprechen.


    Salve, ich bin Faustus Octavius Macer, Duumvir von Ostia und ich würde gerne den Praefectus Urbi sprechen. Es dauer nur kurz!


    Der Besucherstrom riss nicht ab.
    “Salve. Da wirst Du eine Weile warten müssen“, prophezeite ein Wächter. Nach der obligatorischen Durchsuchung wurde der Octavier eingelassen und in die Principa begleitet. In der Tat hatten sich dort bereits einige Besucher für den Stadtpräfekten eingefunden, und auch der Duumvir kam erst nach längerer Wartezeit dran.




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    Original von Spurius Purgitius Macer
    Der Laufbursche von Senator Macer hatte noch nicht oft an der Castra Praetoria vorsprechen müssen, zeigte sich aber dennoch kein bisschen aufgeregt. "Salve! Ich wurde vom Senator Purgitius Macer geschickt, um einen Termin zu vereinbaren, an dem er den Praefectus Urbi zu diversen dienstlichen Angelegenheiten sprechen kann." Die Wache würde damit zwar herzlich wenig anfangen können, aber er hatte sich angewöhnt, bei einem Auftrag auch jeder Stelle dieselbe Version seines Auftrags zu erzählen.


    “Salve“ grüßte einer der Wächter streng. “Ah ja. Da wirst du dich an seinen Sekretär wenden müssen. Vescularianus. Und wie lautet dein Name?“ Der wurde gleich vermerkt, ebenso der Zweck des Besuchs, denn alles musste seine Ordnung haben. “Dann die Arme ausstrecken zur Durchsuchung.“
    Nachdem der Soldat sich überzeugt hatte, dass der Bote mit nicht mehr als einem Stylus bewaffnet war, wurde er eingelassen und zum Vorzimmer des Stadtpräfekten begleitet.




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    Das Erscheinen meiner Verwandten ließ die Aufregung dann etwas abflauen. Tante Venusia hatte sogar ihre Zwillinge mitgebracht, und selbst mein etwas entfernterer Vetter Verus hatte sich die Zeit genommen. Ich begrüßte sie freudig, zum einen war ich wirklich dankbar für die moralische Unterstützung, zum anderen, dass sie als wohlangesehene Zeugen der Adoption Gewicht verleihen würden. Da mein Onkel noch etwas auf sich warten ließ, machte ich mich auch mit einigen seiner Anhänger bekannt, die ich bisher nur flüchtig, bei dem Aufmarsch an der Rostra, wahrgenommen hatte.


    Livianus hatte Sinn für einen großen Auftritt. Ich fand ihn, als Praetor, wie verwandelt, so wie damals als Legat, er verkörperte diese Würden einfach voll und ganz. Ich war sehr stolz auf meinen Onkel, und noch stolzer als er mir zunickte, und so etwas von seinem Glanz auch auf mich fiel.
    Der Rede lauschte ich ergriffen. Ich wusste wenig über meinen Vater, der viel zu früh sein Leben für Kaiser und Patria gegeben hatte, und, auch wenn es eher ein Scherz war – mir gefiel die Vorstellung dass seine Manen noch immer auf mein Wohlergehen bedacht waren. Überhaupt, dass dies alles hier seine Zustimmung fände. Die meiner Mutter hatte es ganz gewiss.
    Auf die Aufforderung hin, trat ich, mit leuchtenden Augen, zackig vor - meine genagelten Sohlen klackten auf dem Marmorboden – und nahm vor meinem Onkel dem Praetor kerzengerade Haltung an.

    Ab jetzt würde ich mich wirklich ins Zeug legen müssen, um mich der Ehre auch würdig zu erweisen. Nicht dass Livianus seine Entscheidung irgendwann bereute! Die Aussichten waren, genauer betrachtet, schwindelerregend… Mit Livianus‘ Protektion kam man, wenn man sich geschickt anstellte, ganz sicher hoch hinaus. Andererseits war es dann natürlich umso undenkbarer, den Ansprüchen nicht Genüge zu tun… zu versagen… Ich verspürte den altbekannten Druck in der Magengrube. Hoffentlich hielt Livianus mich nicht für un-ehrgeizig, weil ich mich bis jetzt mit dem Centurionenrang begnügt hatte.
    “Ja, das ist mir klar. Ich möchte die Militia Equestris beschreiten.“ antwortete ich entschlossen, “Deshalb hat Lucilla auch meine Erhebung zum Eques in die Wege geleitet. - Dass ich noch bei den CU bin, naja, das liegt daran dass mir die Arbeit dort sehr gut gefällt, und dass es Ermittlungen gibt, die ich noch zu Ende bringen möchte, bevor ich weiterstrebe.“ Das klang jetzt ein wenig nach Rechtfertigung.
    “Was die Politik angeht… so glaube ich nicht, dass ich dafür geeignet bin. Ich kann es mir jedenfalls im Moment beim besten Willen nicht vorstellen.“ Ich wollte ja nichts falsches sagen, aber ich hielt Politiker – den Anwesenden selbstverständlich ausgeschlossen – im Allgemeinen für populistische Heuchler.
    “Da fällt mir ein…“ - und zwar siedend heiß! – “…Ich bin ja während Deiner Abwesenheit Klient von Lucilla geworden, und sie hat sehr viel für mich getan. Es ist mir wichtig, dieses Verhältnis…“ Das gehörte sich ja auch so. Es wäre mehr als undankbar, es einfach zu lösen.
    Äußerst respektvoll bat ich meinen Onkel: “Erlaubst Du mir, es beizubehalten, auch wenn ich dann unter Deiner Patria Potestas stehe?“

    Die Hallen der Basilica Ulpia waren gut geeignet, einem Respekt einzuflössen. Von der Front blickten majestätisch die Triumphatoren, und unter dem bronzegedeckten Dach ersteckten sich endlos die Reihen schlanker Säulen, wie ein Wald, in den von oben her schräge Lichtstrahlen einfielen. Es war so riesig, man hätte hier drinnen problemlos Militärwettkämpfe abhalten können.
    Vom Eingang der Basilica aus ließ ich meinen Blick schweifen. Durch die Hallen und über das Trajansforum, beides war an diesem Morgen von regem Leben erfüllt. Da ich auf keinen Fall zu spät hatte sein wollen, war ich zu früh, und wartete nun auf das Erscheinen der anderen. Lediglich ein paar eifrige Klienten von Livianus waren schon eingetroffen, und standen würdevoll in ihren Togen herum.
    Ich trug heute meine Paradeuniform, die Lorica strahlte mit der Morgensonne um die Wette, die Eques-Tunika war blütenweiß, mit einem satt purpurnen angustus clavus. An meiner linken hing in reichverzierter Scheide mein Gladius und das Sagum um meine Schultern war sorgsam in Falten gelegt. Die Haare ganz kurzgeschnitten, das Kinn glattrasiert, bot ich eine äusserst akkurat-militärische Erscheinung, die durch die Armillae an meinen Handgelenken vervollständigt wurde. Ich war sehr aufgeregt... euphorisch, erfüllt von freudiger Erwartung. Heute würde ein Traum wahr werden.

    Immer unterwegs und nie zu Hause, diese Beschreibung traf genau auf uns Decimer zu. Um die Familie zusammenzutrommeln, hängte ich deshalb ein Schreiben im Atrium auf, dort wo der Blick direkt darauf fallen musste. Ausserdem gab ich die Nachricht, glückselig wie ich war, natürlich auch persönlich an alle Verwandten weiter, die ich traf, und ebenso an die Bediensteten, die es wiederum weitererzählten…


    Liebe Familie!


    Ich bin überglücklich euch mitzuteilen, dass Livianus den Entschluss gefasst hat, mich als seinen Sohn anzunehmen!
    Die Adoption wird ANTE DIEM XV KAL SEP DCCCLIX A.U.C., zur hora quarta, in einer öffentlichen Zeremonie in der Basilica Ulpia stattfinden.
    Wir laden euch herzlich ein, euch ebenfalls dort einzufinden, und ich freue mich über jeden von euch, der diesen großen Tag mit uns zusammen begeht!


    Faustus


    “Ja!“ bestätigte ich, eifrig nickend, und blieb vor meinem Onkel stehen, mit einer Hand auf seinem großen Schreibtisch abgestützt.
    Sicher würde es merkwürdig sein, ihn „Vater“ zu nennen... und natürlich auch, wieder unter einer Patria Potestas zu stehen. Mir gingen massenhaft Gedanken durch den Kopf, und eine Menge Worte lag mir auf der Zunge - Beteuerungen, noch mehr Entschuldigungen, Schwüre unverbrüchlicher Treue...
    Schlicht, jedoch von ganzer Seele kommend, sagte ich dann aber nur: “Danke!“

    Nachdem ich diese, zu aller Erleichterung sehr kurze, Ansprache hinter mich gebracht hatte, stieg ich guter Dinge die Stufe wieder hinunter, und mischte mich unter meine Verwandten. Verus nickte mir aufmunternd zu, was ich dankbar mit einem Grinsen und einer Grimasse quittierte, die in etwa besagte „Puh! Das wäre geschafft!“ Langsam trank ich noch einen Schluck des vortrefflichen Weines, ließ ihn mir genießerisch durch die Kehle rinnen und schmeckte den feinen Nuancen des Abganges nach.
    “Hey Vestinus!“
    Ich hatte meinen Cousin noch nicht begrüßt, aber das holte ich jetzt nach, indem ich ihm freundschaftlich in die Seite boxte. “Wie läuft‘s denn so? Vermisst Du Mantua bereits?“, neckte ich ihn.
    Und mit Blick auf Verus erkundigte ich mich: “Kennt ihr euch eigentlich schon?“ Kurzerhand stellte ich die beiden einander vor: “Vestinus – Verus. Vestinus ist einer der Söhne Nepos‘, und dient bei der Prima. Unser Vetter Verus hier kommt aus dem ‚griechischen‘ Zweig unserer Familie und war früher bei der Flotte.“
    Was er mittlerweile machte, wusste ich gar nicht so genau, und auch seine Begleiterin vermochte ich nicht einzuordnen. Ich lächelte dem Mädchen artig zu und fragte den älteren Vetter:
    “Verus, möchtest Du uns nicht die bezaubernde junge Dame an deiner Seite vorstellen?“

    Zitat

    Original von Duccia Venusia


    Als meine Tante ihre Kinder zu bändigen versuchte, musste ich ein Grinsen unterdrücken.
    “Ja, sehr gern!“, ging ich eifrig auf ihr Angebot ein. Wenn ich schon mein eigenes Fernweh nicht stillen konnte, Geschichten aus der Fremde hörte ich noch immer für mein Leben gern. Und am liebsten aus erster Hand. Vielleicht würde ich doch noch ein paar Barbaren-Geschichten zu hören bekommen. :D
    “Ich hoffe ja, dass ihr länger hier bleibt? Ich meine, Rom hat doch auch einiges zu bieten. - Einen richtigen Sturm auf See habe ich noch nie miterlebt. Ich hatte da immer Glück… aber ich habe auch noch nicht viele Seereisen hinter mir. Die längste war, als ich mit der Legion von Ravenna nach Antiochia gefahren bin, und zurück natürlich. Da waren Wetter und Wind sehr günstig. Vorher gab es aber auch ein riesiges Neptunopfer.“
    Sevilla und Secundus waren mit einem mal so brav. Ihre Mutter hatte sie wohl gut im Griff. Ich fand es ungewöhnlich, dass Venusia sich selbst um sie kümmerte, anstatt das alles einem Kindermädchen zu überlassen, aber vielleicht lag das ja an der germanischen Herkunft.
    “Ja, ganz selten nur“, stimmte ich zu, und suchte mit den Augen nach Onkel Magnus, doch er war zwischen den vielen Gästen gar nicht mehr auszumachen. “Unsere Familie ist so weitverzweigt, und von Hispania bis Achaia, und Germania, und sogar Britannia - und Tylus! - verstreut. Ich selbst bin in Tarraco aufgewachsen, aber später hat es mich auch nach Rom gezogen. Ähm, ja, und dann bin ich zur Legion gegangen, wie die meisten hier…“ Ich sah mich um, ja, die Nicht-Soldaten waren hier eindeutig in der Unterzahl.
    “Zur Prima. Später, nach dem Partherfeldzug wurde ich versetzt, zu den Stadtkohorten, und da bin ich jetzt Centurio. Der jüngste Centurio der CU.“, fügte ich, nicht ohne Stolz hinzu. Die Elogen in der Aca waren mir doch ein wenig zu Kopf gestiegen.
    Die Musiker spielten eine fröhliche Weise, lind umfächelte uns der Wind. Ich lächelte in mich hinein, bei dem Gedanken wie gut es uns ging. Nun erschien der Maiordomus am Rande des Innenhofes, und neben ihm zwei Sklavinnen mit einer großen Amphore.
    “Entschuldigst Du mich für einen Moment?“, bat ich höflich meine Tante. “Es gibt gleich noch einen besonderen Wein.“


    Ich begab mich zu unserem Verwalter, der raunte mir etwas zu, was mein Lächeln noch viel breiter machte. Aber zugleich fing mein Herz an zu klopfen. Denn es war an der Zeit, dass mal jemand die Stimme erhob, und etwas Feierliches sagte. Und von den viel älteren und viel verdienteren, glänzenderen Verwandten hatte noch niemand Anstalten dazu gemacht… Sollte ich? Sollte ich nicht? Nervös nestelte ich an meiner Tunika. Pah, ich hatte schon tausenden von Kataphrakten die Stirn geboten, da würde ich es wohl hinkriegen, mich vor meiner eigenen Familie zu exponieren!
    Ich bedeutete den Musikanten, mal eine Pause zu machen. Dann räusperte ich mich, und als die Musik abebbte, trat ich auf eine Treppenstufe und erhob ich die Stimme.


    “Liebe Familie, und liebe Freunde, ich möchte, ähm, also ich möchte nur sagen, es freut mich ungemein dass ihr alle hier seid, und“ – wie gut, dass ich kein Politiker werden musste! – “und dass wir hier zusammen die Rückkehr unseres Pater Familias feiern können! Es ist eine große Gunst, die die Götter uns da erwiesen haben, und es ist mal wieder ein Beweis, dass - wie meine Tante Lucilla zu sagen pflegt - wir Decimer uns niemals unterkriegen lassen!
    Unser Cellarius hat zu diesem Anlass einen ganz besonderen Wein herausgerückt…“

    Ich wies auf die Sklavinnen, die gerade herumgingen, die zierlichere von beiden reichte allen Gästen dünnwandige Gläser, die kräftige stemmte die Amphore und schenkte blutroten Falerner ein. Ich bekam auch ein Glas, nur wenig verdünnt, und hob es gegen die Sonne, deren Licht sich glutvoll in dem edlen Tropfen brach.
    “Ein halbtrockener Falerner vom Mons Massicus, er stammt aus dem ersten Amtsjahr von Kaiser Nerva. Lasst uns den Göttern danken…“ – ich kippte mein Glas leicht, und vergoss ein Trankopfer in ein Beet gelber Schwertlilien - schweren Herzens, denn ich hatte den Wein schon gekostet, vor dem Fest, um sicherzugehen, dass er mit dem Alter nicht verdorben war, und es war ein himmlischer Tropfen, aus einem großartigen Jahrgang, er besass ganz genau die richtigen Reife und war einfach ein Gedicht! “…und lasst uns ein Glas auf Livianus trinken! Und eines auf seine tapferen Befreier!! Und ein weiteres darauf, dass er, kaum zurückgekehrt, bereits die Wahl zum Praetor gewonnen hat!! Und dann noch eines auf Livianus!!!“


    Das mit der Wahl hatte mir der gute Maiordomus gerade verraten. Freudig prostete ich in die Runde, zu meinem wiedergekehrten Onkel, zu meiner neu kennengelernten Tante, zu meinem (kleinen) Cousin Vestinus, der es also geschafft hatte sich in Mantua loszumachen, zu meinem Freund Licinus, der daran nicht unschuldig war, zu Onkel Mattiacus, der heute nach modischen Gesichtspunkten eindeutig das Rennen gemacht hatte, zu Onkel Magnus, und zu meinem Vetter Verus, der all dies mit mir zusammen organisiert hatte, und zu dem Mädchen, das bei ihm stand und etwas schüchtern wirkte, und überhaupt zu allen, die mein Auge hier erblickte, hochgemut trank ich ihnen zu. Der Wein schmeckte noch phantastischer, als ich ihn in Erinnerung hatte, und wie schön war es doch von Familie und Freunden umgeben zu sein.


    Nach dem Falerner wurde dann auch das richtige Festmahl aufgetragen, gleich hier im Peristyl, und die Tische bogen sich unter all den Platten und Schüsseln. Die Speisen waren nun nicht mehr ganz so streng nach iberischen Gesichtspunkten ausgewählt, und es fand sich etwas für jeden Geschmack, von Meeresfrüchten, Muscheln und Seeigeln, über Wild, Singvögel am Spiess geröstet, Pasteten und Fischragout bis zu geschmortem Kaninchen - nicht zu vergessen den gegrillten Tintenfisch, der mir schon die ganze Zeit das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

    Jetzt war es eindeutig genug. Ich zügelte mich, wischte mir heftig über das Gesicht, als könne ich damit auch die ganze Aufregung wegwischen, dann lehnte ich mich bewusst zurück und atmete ganz ruhig. Wenn Onkel Livianus mir glaubt, sagte ich mir, dann kann mir doch der Rest von Rom gestohlen bleiben!
    Und sowie ich nicht mehr so sehr mit mir selbst beschäftig war, erkannte ich voll Erstaunen, wie bewegt Livianus auf einmal war. Es war das erste Mal, dass überhaupt ein Wort über seine Gefangenschaft fiel. Ich hätte es nie gewagt, die Sprache darauf zu bringen, und ich glaubte auch nicht, dass Livianus davon sprechen wollte. Nein, mein Onkel war ein wahrer Decimer, der sich wirklich nie unterkriegen liess, einfach eine härtere Natur als meine Generation, und vor allem als ich, der ich manchmal so ein Bedürfnis hatte mich auszusprechen, dass ich nachts Fremde in Tavernen mit meinen Parthiengeschichten belästigte. Mein Onkel dagegen…. – Moment. Was hatte er eben gesagt?!


    Meine Augen wurden weit.


    ".....W...wirklich?“, brachte ich mit bebender Stimme hervor.
    Mein erster Gedanke war: Wenn Mutter das noch erleben könnte. Sie wäre so stolz.
    Dann zog sich ein Leuchten über mein Gesicht. Ich war komplett überwältigt, wusste nicht was ich sagen sollte, strahlte meinen Onkel einfach nur an. An meinen Vater konnte ich mich kaum erinnern... und die ganze Zeit hatte ich gedacht, dass es aussichtslos war, vor den Augen meines Onkels zu bestehen, dass ich dazu verdammt war ihn, sogar wenn ich es gut meinte, immerzu nur zu enttäuschen. Und dann war auch noch Flavus aufgetaucht, den ich so heftig beneidet hatte – ich Tor. Das schönste war, dass mein Onkel wirklich sagte: ‚und es ist auch mein großer Wunsch‘.


    “Das... das ist.... Ich habe diese Ehre nicht verdient!“, stammelte ich schließlich, aber dann stand ich schnell auf, umrundete den Tisch, und fiel Livianus um den Hals. “Aber es ist das Schönste was ich mir vorstellen kann.“
    Und so war es auch. Ich drückte Livianus stürmisch, ich konnte mein Glück noch nicht verstehen und noch lange nicht fassen. (Und Flavus, der würde Augen machen!)
    Aber sollte ich nicht ganz ehrlich zu meinem Onkel sein? Sollte ich ihm nicht vor diesem großen und bedeutsamen Schritt offenbaren, wie es um mich stand? Ich zögerte, ich holte schon Luft, aber dann verließ mich der Mut und ich schwieg. Nicht weil ich Angst gehabt hätte, er könne seine Entscheidung ändern – ich wollte ihn einfach nicht enttäuschen.

    Im Schlepptau von Livianus und Mattiacus, und mit der ganzen großen Schar, erreichte ich das Forum. Es verblüffte mich, zu sehen und zu hören, dass der Germanicer tatsächlich eine Entschuldigung aussprach, aus der nicht einmal Häme herauszuhören war, und ich fragte mich, wie in aller Welt es den beiden gelungen war, ihn dazu zu bringen.
    Eine herzliche Abneigung erfüllte mich, als ich zur Rostra blickte, wo der Mann seine kurze Rede hielt, und es mischte sich nur ein winziger Funke Respekt hinein, angesichts der Tatsache, dass er sich dabei ganz gut hielt. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass er verurteilt und am besten in hohem Bogen aus dem Senat geworfen wurde, aber für mich war es viel besser, so wie es jetzt gelaufen war. Auch für die Familie war es besser, und Livianus hatte sein Gesicht gewahrt. Vor allem war ich heilfroh, dass ich nicht vor Gericht hatte aussagen müssen. Wie gut dass Lucilla auch aus der Ferne über mich wachte!

    Lucius Decimus Brutus ist der Sohn von Titus Decimus Verus und dessen verstorbener Gattin Tullia Serafina, und damit der Halbbruder von Tiberius Decimus Crassus und Decima Serrana.
    Danke :)