Zitat
Original von Duccia Venusia
Als meine Tante ihre Kinder zu bändigen versuchte, musste ich ein Grinsen unterdrücken.
“Ja, sehr gern!“, ging ich eifrig auf ihr Angebot ein. Wenn ich schon mein eigenes Fernweh nicht stillen konnte, Geschichten aus der Fremde hörte ich noch immer für mein Leben gern. Und am liebsten aus erster Hand. Vielleicht würde ich doch noch ein paar Barbaren-Geschichten zu hören bekommen. 
“Ich hoffe ja, dass ihr länger hier bleibt? Ich meine, Rom hat doch auch einiges zu bieten. - Einen richtigen Sturm auf See habe ich noch nie miterlebt. Ich hatte da immer Glück… aber ich habe auch noch nicht viele Seereisen hinter mir. Die längste war, als ich mit der Legion von Ravenna nach Antiochia gefahren bin, und zurück natürlich. Da waren Wetter und Wind sehr günstig. Vorher gab es aber auch ein riesiges Neptunopfer.“
Sevilla und Secundus waren mit einem mal so brav. Ihre Mutter hatte sie wohl gut im Griff. Ich fand es ungewöhnlich, dass Venusia sich selbst um sie kümmerte, anstatt das alles einem Kindermädchen zu überlassen, aber vielleicht lag das ja an der germanischen Herkunft.
“Ja, ganz selten nur“, stimmte ich zu, und suchte mit den Augen nach Onkel Magnus, doch er war zwischen den vielen Gästen gar nicht mehr auszumachen. “Unsere Familie ist so weitverzweigt, und von Hispania bis Achaia, und Germania, und sogar Britannia - und Tylus! - verstreut. Ich selbst bin in Tarraco aufgewachsen, aber später hat es mich auch nach Rom gezogen. Ähm, ja, und dann bin ich zur Legion gegangen, wie die meisten hier…“ Ich sah mich um, ja, die Nicht-Soldaten waren hier eindeutig in der Unterzahl.
“Zur Prima. Später, nach dem Partherfeldzug wurde ich versetzt, zu den Stadtkohorten, und da bin ich jetzt Centurio. Der jüngste Centurio der CU.“, fügte ich, nicht ohne Stolz hinzu. Die Elogen in der Aca waren mir doch ein wenig zu Kopf gestiegen.
Die Musiker spielten eine fröhliche Weise, lind umfächelte uns der Wind. Ich lächelte in mich hinein, bei dem Gedanken wie gut es uns ging. Nun erschien der Maiordomus am Rande des Innenhofes, und neben ihm zwei Sklavinnen mit einer großen Amphore.
“Entschuldigst Du mich für einen Moment?“, bat ich höflich meine Tante. “Es gibt gleich noch einen besonderen Wein.“
Ich begab mich zu unserem Verwalter, der raunte mir etwas zu, was mein Lächeln noch viel breiter machte. Aber zugleich fing mein Herz an zu klopfen. Denn es war an der Zeit, dass mal jemand die Stimme erhob, und etwas Feierliches sagte. Und von den viel älteren und viel verdienteren, glänzenderen Verwandten hatte noch niemand Anstalten dazu gemacht… Sollte ich? Sollte ich nicht? Nervös nestelte ich an meiner Tunika. Pah, ich hatte schon tausenden von Kataphrakten die Stirn geboten, da würde ich es wohl hinkriegen, mich vor meiner eigenen Familie zu exponieren!
Ich bedeutete den Musikanten, mal eine Pause zu machen. Dann räusperte ich mich, und als die Musik abebbte, trat ich auf eine Treppenstufe und erhob ich die Stimme.
“Liebe Familie, und liebe Freunde, ich möchte, ähm, also ich möchte nur sagen, es freut mich ungemein dass ihr alle hier seid, und“ – wie gut, dass ich kein Politiker werden musste! – “und dass wir hier zusammen die Rückkehr unseres Pater Familias feiern können! Es ist eine große Gunst, die die Götter uns da erwiesen haben, und es ist mal wieder ein Beweis, dass - wie meine Tante Lucilla zu sagen pflegt - wir Decimer uns niemals unterkriegen lassen!
Unser Cellarius hat zu diesem Anlass einen ganz besonderen Wein herausgerückt…“
Ich wies auf die Sklavinnen, die gerade herumgingen, die zierlichere von beiden reichte allen Gästen dünnwandige Gläser, die kräftige stemmte die Amphore und schenkte blutroten Falerner ein. Ich bekam auch ein Glas, nur wenig verdünnt, und hob es gegen die Sonne, deren Licht sich glutvoll in dem edlen Tropfen brach.
“Ein halbtrockener Falerner vom Mons Massicus, er stammt aus dem ersten Amtsjahr von Kaiser Nerva. Lasst uns den Göttern danken…“ – ich kippte mein Glas leicht, und vergoss ein Trankopfer in ein Beet gelber Schwertlilien - schweren Herzens, denn ich hatte den Wein schon gekostet, vor dem Fest, um sicherzugehen, dass er mit dem Alter nicht verdorben war, und es war ein himmlischer Tropfen, aus einem großartigen Jahrgang, er besass ganz genau die richtigen Reife und war einfach ein Gedicht! “…und lasst uns ein Glas auf Livianus trinken! Und eines auf seine tapferen Befreier!! Und ein weiteres darauf, dass er, kaum zurückgekehrt, bereits die Wahl zum Praetor gewonnen hat!! Und dann noch eines auf Livianus!!!“
Das mit der Wahl hatte mir der gute Maiordomus gerade verraten. Freudig prostete ich in die Runde, zu meinem wiedergekehrten Onkel, zu meiner neu kennengelernten Tante, zu meinem (kleinen) Cousin Vestinus, der es also geschafft hatte sich in Mantua loszumachen, zu meinem Freund Licinus, der daran nicht unschuldig war, zu Onkel Mattiacus, der heute nach modischen Gesichtspunkten eindeutig das Rennen gemacht hatte, zu Onkel Magnus, und zu meinem Vetter Verus, der all dies mit mir zusammen organisiert hatte, und zu dem Mädchen, das bei ihm stand und etwas schüchtern wirkte, und überhaupt zu allen, die mein Auge hier erblickte, hochgemut trank ich ihnen zu. Der Wein schmeckte noch phantastischer, als ich ihn in Erinnerung hatte, und wie schön war es doch von Familie und Freunden umgeben zu sein.
Nach dem Falerner wurde dann auch das richtige Festmahl aufgetragen, gleich hier im Peristyl, und die Tische bogen sich unter all den Platten und Schüsseln. Die Speisen waren nun nicht mehr ganz so streng nach iberischen Gesichtspunkten ausgewählt, und es fand sich etwas für jeden Geschmack, von Meeresfrüchten, Muscheln und Seeigeln, über Wild, Singvögel am Spiess geröstet, Pasteten und Fischragout bis zu geschmortem Kaninchen - nicht zu vergessen den gegrillten Tintenfisch, der mir schon die ganze Zeit das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.