An
Decima Lucilla
Casa Decima Lucilla
Tarraco
Hispania
Liebe Tante Lucilla, hochverehrte Patrona,
ich schulde Dir großen Dank! Durch Dein Eingreifen in dieser unsäglichen Germanicer-Geschichte, hast Du es verhindert, dass ich in den Prozess mit hineingezogen wurde. Es kam gar nicht bis zur Hauptverhandlung. Livianus und Mattiacus haben vorher beschlossen, den Zwist mit dem Germanicer öffentlich beizulegen. Er hat sich auf der Rostra bei Livianus entschuldigt, dann haben sie gemeinsam im Concordia-Tempel ein Opfer dargebracht. Es ist gut, und ich bin froh, dass es so ausgegangen ist, auch wenn dieser Germanicer deswegen keinen Deut weniger ein niederträchtiger Lump ist. Erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass er bei Livianus Kandidatur vor den Senat auch völlig haltlose Lügen über mich verbreitet hat, um Livianus anzuschwärzen. Jetzt noch packt mich die Wut, wenn ich diese Worte niederschreibe. Dir zuliebe will ich versuchen, die Germanicer insgesamt differenziert zu betrachten, aber dieser eine Germanicer hat wirklich nichts als Verachtung verdient. Und Livianus hatte gar keine andere Wahl als ihn anzuzeigen, immerhin hatten seine Verleumdungen Livianus' Ehre in Frage gestellt.
Wirklich tausend Dank für Deine Hilfe, dank der ich glimpflich davongekommen bin! Den Advocaten Tiberius musste ich so zum Glück nicht bemühen. Es war so eine Erleichterung, Deinen Brief zu bekommen! Eine Zeitlang hat mich diese Sache echt mitgenommen – schon zu wissen, dass man damit nicht alleine gelassen wird, tut dann einfach sehr gut.
Wie geht es Dir? Und Cossus? Viele Grüße zurück an meinen kleinen Großneffen! Ihr könnt froh sein, den Sommer bei Tarraco zu verbringen. Hier über Rom liegt mal wieder die Gluthitze und lässt allerhand Gerüche aufsteigen. Ein frischer Seewind wäre da das höchste der Gefühle.
Es gibt noch eine große Neuigkeit. Stell Dir vor, Livianus hat sich entschieden, mich als seinen Sohn anzunehmen! Obwohl er vor kurzen erst Flavus kennengelernt hat. Er meinte, er habe diese Entscheidung schon vor längerem getroffen, und es sei im Sinne meines verstorbenen Vaters. Als Praetor hat Livianus die Zeremonie selbst durchgeführt. Es war sehr feierlich, und Du kannst Dir sicher denken, dass ich überglücklich bin. So lange habe ich geglaubt, dass es mir nie gelingen wird, seinen Erwartungen Genüge zu tun. Wenn ich nur daran denke, wie er in Zeugma, in dem großen Heerlager damals, herausfand, dass ich sub aquila gegangen war, und - anstatt erfreut zu sein worauf ich ja hoffte - ausser sich vor Wut war. Das ist jetzt anders geworden. Es ist sehr ungewohnt, ihn mit 'Vater' anzusprechen, aber ich gewöhne mich daran.
Auch wenn ich nun unter seiner Patria Potestas stehe, an unserem Patronatsverhältnis ändert sich nichts. Ich habe Livianus vor der Adoption um Erlaubnis gefragt und er ist einverstanden, dass ich Dein Klient bleibe. Ich könnte mir auch keine bessere Patrona vorstellen!
Kannst Du mir vielleicht einen Rat geben? Es geht um Flavus. Er scheint es nicht gut aufzunehmen, dass ich jetzt sein Adoptivbruder bin. Aber er ist sowieso ein arroganter Schnösel, unheimlich strebsam, aber ohne sich die Sachen ehrlich zu erarbeiten. Zur Zeit ist er auch noch Tribun bei den CU. Wie zu erwarten hat er keine Ahnung von nichts und trägt bloß seine Rüstung spazieren um die Mädchen damit zu beindrucken.
Was mich aber ernsthaft stört: er spricht schlecht über seinen – unseren Vater, und würdigt Livianus' Leistungen für das Imperium gnadenlos herunter. Ich finde, Livianus sollte wissen, wie respektlos und undankbar sich Flavus hinter seinem Rücken aufführt, damit er das endlich unterbinden kann. Aber ich habe Bedenken, dass es seltsam aussehen könnte, wenn ich es ihm sagen würde - eben so als ob ich Flavus anschwärzen wollte. Hast Du vielleicht eine Idee, wie man es Livianus neutral wissen lassen könnte?
Übrigens habe ich seit einiger Zeit eine Scria personalis, die mir bei der Verwaltung Deiner Ländereien hilft. Sie heißt Celeste und ist sehr gescheit und gewissenhaft. Durch sie bin ich darauf aufmerksam geworden, dass der Gutsverwalter der Terra viridis, Hostius, sich mit imaginären Ausgaben immer wieder was beiseitegeschafft hat! Stell Dir das mal vor. Ich glaube, er dachte, dass er es bei mir ja mal versuchen kann. Aber ich habe ihn rausgeworfen und Stertinianus an seine Stelle gesetzt, der ist zwar jung aber er erscheint mir zuverlässig.
Der Familie geht es soweit gut. Bei der Fiesta zu Livianus' Rückkehr haben wir ausgelassen gefeiert. Ich habe da zum ersten Mal auch Magnus' Frau Venusia kennengelernt, die mit ihren Zwillingen nun auch hier in der Casa wohnt. Das sind aufgeweckte Kinder, und Tante Venusia ist eine sehr würdevolle Matrona, gar nicht so wie ich mir eine Germanin vorgestellt hätte. Es war sehr schön so viele Verwandte hier versammelt zu haben, und vielleicht nimmst Du beim nächsten Mal ja auch die weite Reise auf Dich.
Vale, und meine besten Wünsche für Dich und Deinen Sohn!
Grüß mir Tarraco!
Dein Faustus