Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Ach! Meine steife Begrüssung wurde so herzlich erwidert, dass alle Unsicherheit und alle Zweifel einfach hinweggetragen wurden. Ich erwiderte die Umarmung von ganzem Herzen, und registrierte nur völlig am Rande, dass die Metallspangen meiner Rüstung das ziemlich unbequem machten, dass mein Pferd mit schleifenden Zügeln davonspazierte, dass noch jemand hinzugekommen war...
    Er hatte mich ‘mein Junge’ genannt. Ich war selig.
    ”Und... und wie sehr ich mich erst freue Dich zu sehen!!!”, flüsterte ich mit erstickter Stimme, ”Du bist wieder da, bist wirklich wieder da, ach, allen Göttern sei Dank! Willkommen zurück, Onkel!”
    Nicht weinen, Faustus...
    Ich drückte meinen Onkel nochmal ganz fest - irgendwie war mir immer noch so, als könne er sich im nächsten Moment wieder in Luft auflösen, wie eine Fata Morgana in der parthischen Wüste. Aber er blieb real, es war kein Traum. Was auch immer er erlebt hatte, es hatte ihn gezeichnet... die Kerben um Mund und Nase erschienen mir tiefer, er sah älter aus als zu Beginn des Feldzuges... aber die Befürchtung, er könne gebrochen sein, so wie Salassus, der Gefangene, den wir bei Dura aus der Hand der Reiter befreit hatten, nur mehr ein Schatten seiner selbst, diese Befürchtung legte ich mit einem tiefen Aufatmen beiseite.
    Nicht weinen, Faustus... Sei ein Römer, sei stoisch.
    Tja. Es half leider nichts, mir liefen die Freudentränen über das Gesicht. Schrecklich peinlich war mir das jetzt, und ich trat einen Schritt zurück, wischte mir mehr oder weniger verstohlen mit dem Tunikaärmel die Augen.

    Nachdem ich von Verus die unglaubliche, phantastische Neuigkeit vernommen hatte, dass man meinen Onkel wirklich und wahrhaftig zurückerwartete, da hatte ich unter den CU-Soldaten bekanntgemacht, dass den, der Livianus als erster sichtete, und mir Nachricht brachte, eine grosse Belohnung erwartete. Und so eilte eines frühen Morgens ein atemloser Miles in meine Unterkunft, wo ich gerade langweiligen Schreibkram erledigte, und berichtete, dass er, bis eben auf Strassenposten an der Via Triumphalis, sich ziemlich sicher war, dass der Legat an ihm vorbeigeritten sei, mit zwei Begleitern, Richtung Marsfeld. Das war natürlich der angemessene Ort, für einen Feldherrn der heimkehrte. Hastig drückte ich dem Mann einen Beutel Denare in die Hand, und warf mich in Rekordzeit in meine Rüstung (wobei immerhin daran dachte, meine nagelneue Eques-Tunika unter die Lorica zu ziehen - mein Onkel sollte doch sehen, dass was aus mir geworden war, dass ich ‘mein Leben auf die Reihe gebracht’ hatte, wie er sagen würde.) Ich übergab das Kommando meinem Princeps Prior, sattelte mir rasch ein Pferd und brach überstürzt auf.
    Von der Castra Praetoria aus nahm ich den schnellsten Weg zum Marsfeld - ausserhalb der Stadtmauern nördlich um den Quirinal herum. Meine Gedanken rasten nur so, während des schnellen Rittes... die überschäumende Freude, dass mein Onkel noch lebte, mischte sich mit der Furcht, dass er nicht mehr der selbe sein könnte... ich konnte mir nicht vorstellen was er erlebt haben musste. Und auch unsere allerletzte Begegnung, bei der er so ganz und gar nicht erfreut gewesen war, dass ich zur Prima gegangen war, und mich dermassen zusammengestaucht hatte, dass das halbe Lager es mitgehört hatte... auch das stand mir wieder vor Augen, und liess mich das Pferd dann doch etwas zügeln. Man kann schon sagen, dass ich zu meinem Onkel ein kompliziertes Verhältnis habe. Aber ich war so unglaublich froh, dass er noch am Leben war!


    Ich erreichte das Marsfeld auf der Nordseite, verharrte neben den neronischen Thermen und blickte aufgeregt, suchend über die weitläufige Fläche. Mein Pferd war verschwitzt, und der aufsteigende Geruch erinnerte mich lebhaft an das grossartige Rennen hier im letzten Herbst. Zuerst waren es auch die Pferde, die ich erblickte, im Schatten einiger Bäume... die Männer konnte ich noch nicht genau erkennen.
    Mit klopfendem Herzen ritt ich näher, dann schwang ich mich aus dem Sattel und ging das letzte Stück, Schritt für Schritt, über den weiten Platz auf die Männer zu. Das Sonnenlicht war hell, ich spürte die Strahlen warm auf meinen Unterarmen.
    Er war es wirklich. Er war es wirklich! Ich war so überglücklich, lächelte strahlend, überwältigt ihn wiederzusehen, unendlich erleichtert, aber zugleich schnürrte es mir die Kehle zu und ich zögerte in dem Augenblick, schwieg, wusste nicht was ich sagen oder tun sollte. Am liebsten wäre ich ihm natürlich um den Hals gefallen. Aber vielleicht fand er das unangemessen. Vielleicht sollte ich statt dessen salutieren...?
    Ja, das sollte ich wohl. Zackig führte ich die Faust zur Brust.
    "Ave Legatus."

    Mir stockte der Atem! Ich erblasste, meine Augen wurden gross, mein Mund klappte auf, und der Becher, den ich in den Händen gehalten hatte, verabschiedete sich gen Fussboden. Er zerschellte, laut klirrend, auf dem blanken Mamor, und der Wein umfloss meine Caligae - was mir völlig egal war. Fassungslos starrte ich meinen Vetter an, und japste, ungläubig, aber zugleich erfüllt von der irren Hoffnung gerade eben richtig gehört zu habe:
    ”Livianus?!!!”
    O Fortuna, lass es wahr sein...

    Die Händler vor dem Tempel machten heute ein gutes Geschäft. Es war voll auf dem Vorplatz, jede Menge von Opfer-Willigen hatte sich am Festtag des Apoll eingefunden. Ich hätte vielleicht einen anderen Tag wählen sollen, überlegte ich, als ich den wirklich überhöhten Preis für mein Opfertier und für die Weihgaben hinzählte, aber andererseits - vielleicht war Apoll heute aufmerksamer, näher an uns Sterblichen, geneigter die Bitten zu erfüllen. Und was war schon Geld, wenn es um mein Problem ging...?
    Ich hatte mich nach langem Hin und Her für einen prächtigen reinweissen Widder entschieden. Während er geschmückt wurde, ging ich unruhig auf und ab, betrachtete die Statuen auf dem Vorplatz, vor allem die von Apoll als Bogenschütze. Als sehr attraktiver Bogenschütze.
    Den Gedanken hierherzukommen, den trug ich schon länger in mir, aber ich hatte es immer aufgeschoben. Hierherzukommen, das bedeutete auch, zuzugeben, dass mein Problem real war...
    Mit dem Tier am Führstrick reihte ich mich dann ein, in die Schlange derer, die dem Gott heute ein Opfer bringen wollten. Es dauerte. Die Sonne schien hell auf uns hinunter, liess die Farben der Gewänder leuchten. Ich betrachtete die Hinterköpfe der Menschen vor mir, und fragte mich, welche Anliegen sie wohl hatten, welche Bitten sie vorbringen würden. Früher, als ich noch künstlerische Ambitionen verfolgt hatte, hatte ich Apoll häufiger geopfert, aber in den letzten Jahren dann fast nur noch Mars, manchmal Fortuna.


    Schliesslich war die Reihe an mir. Ich trat die Stufen hinauf, wechselte ein paar Worte mit einem Opferdiener und übergab ihm für’s erste den Widder. Das Tier folgte ihm lammfromm, und bei jedem Schritt stäubte ein wenig der Kreide auf, mit dem das Fell noch weisser als weiss gefärbt worden war - ein heller Fleck im Halbdunkel des Tempelinneren. Von oben fielen einige Lichtstrahlen hinab, zeichneten sich wie helle Balken in der rauchgeschwängerten Luft ab. Ich stand am Fuße der Säulen, und kam mir so klein vor. So verdammt klein.
    An einem der Wasserbecken besprengte ich meine Hände, dann atmete ich tief ein, zog eine Ecke meines Sagum über den Kopf, und trat vor die Statue des Gottes.
    So schön... so leicht und erhaben verkörperte sich hier das Göttliche im Stein. Auf dem Standbein ruhend, das Spielbein ganz leicht angehoben, wie schwebend, blickte der Gott über mich hinweg ins Weite. Die ausgewogenen Proportionen, das feine Gelock der Haare, die vollendete Schönheit der Züge... ich versank in dem Anblick. Da möchte man Hyazinth sein...


    ”Lichter, leuchtender Apoll, hell strahlender Hüter der Herden, todbringender Schütze und Spender von Segen... bitte leih mir Dein Ohr... ”
    Zeit für das Räucherwerk. Ich bliess sacht in die Glut unter dem Rost, dann liess ich Weihrauchkörner darauf rieseln, dann einige getrocknete Blüten. Rauch stieg auf, beleckte den Altar, den Sockel, wand sich dann um die wohlgeformten Waden der Statue. Ich hob die Hände, die Handflächen gen Himmel.
    ”Verehrter, ewig würdiger Apoll, ich bin Faustus Decimus Serapio, und ich bringe Dir Gaben, in höchster Verehrung. Wohlgerüche, um Deine Nase zu erfreuen... und die Blätter der Daphne, zum Schmuck Deines Altares...”
    Ich hatte einige Lorbeerzweige mitgebracht, die ich nun auf dem Altar drapierte. Die ledrigen Blätter glänzten dunkel, ganz kleine Blütendolden sassen dazwischen und verströmten einen würzigen Duft. Dazu noch mehr Räucherwerk.


    ”Du bist die hellste Zierde Des Himmels, delischer Apoll, Bezwinger des Python, Du sendet Unheil dem Feind und wendest es von unserem Volk, den tränenbringenden Krieg, Krankheit und Hungersnot... und ich bitte Dich, hellster der Himmlischen, wende auch von mir ein Unheil, das mich befallen hat, eine Wunde, die nicht heilen will!
    Den schönsten Widder, weiss wie der Schnee, werde ich opfern, Dir zu Ehren, oh Apoll, birg Bogen und Pfeil und höre mein Flehen mit Huld, höre sanftgestimmt...”

    Mir war überhaupt nicht klar, was dieses Treffen hier zu bedeuten hatte. Dazu schüchterte die Anwesenheit des Procurators, der doch total nahe am Kaiser wirkte, mich leider ein klein wenig ein. So im zivilen Rahmen und ohne Rüstung - wenn auch mit Cingulum militare natürlich - fehlte mir bisweilen der feste, nun ja, Rahmen des Militärischen. Also war ich besonders dankbar für den Weinbecher, so waren meine Hände sinnvoll beschäftigt. Verus machte keine Anstalten zu erklären. Ging es vielleicht irgendwie um die Eques-Erhebungen?
    Weil ich es unangenehm fand, so stillschweigend dazustehen, bemühte ich mich, in die Konversation einzusteigen, die die beiden anscheinend bis zu meinem Erscheinen geführt hatten, und bemerkte:
    ”Ja, es ist früh warm geworden, dieses Jahr. Wenn der Sommer nicht zu trocken wird, gibt es sicherlich eine gute Weizenernte.”
    Und zu Verus gewandt: ”Ich glaube, ausser uns ist gerade niemand von der Familie zu Hause.”

    Wieder zuckte ich unbestimmt die Schultern. Ob der PU ein Politiker war? ”Keine Ahnung... hm, ich denke mal, eher nicht. Er erscheint so direkt. Unverblümt in seinen Worten, meine ich, undiplomatisch, redet nicht drumrum. Eher Soldat als Politiker, würde ich sagen... Andererseits kann er es sich natürlich mehr als jeder andere erlauben, unverblümt zu sein.” Mit einer unschlüssigen Geste schloss ich diese ganzen Spekulationen ab.


    Licinus gratulierte, und neckte mich, worauf mein Lächeln noch breiter wurde. Ich war ja schon stolz, auch wenn mir eigentlich klar war, dass diese Erhebungen nicht davon abhingen, was man geleistet hatte, sondern davon welche Verbindungen man hatte. Zu meinem Glück war ich Lieblingsneffe einer einflussreichen Matrone.
    ”Danke.” Ach ja, diese Perspektive gefiel mir sehr gut... ”Schreckliche Vorstellung!”, stimmte ich ebenso unerst zu, nickte dann bekräftigend, als Licinus den Fehler der Verwaltung angemessen missbilligte. ”Das frage ich mich auch! Ein Übermaß an Ordnung scheint da ja nicht zu herrschen. Immerhin bin ich nicht erst seit gestern bei den CU.” (Sich über Beamte aufzuregen, war immer ein angenehmer Zeitvertreib.) ”Die Schreibstube der Prima hat dagegen tadellos funktioniert, und mich gleich benachrichtigt.” (Was mal wieder die Überlegenheit militärischer Arbeitsweise bewies, ohne Frage.)


    Meine Frage liess Licinus zum Wein greifen. ”Oh je...”
    Betroffen tat ich es ihm gleich, dachte an unseren armen Kameraden. Für mich ist jeder Aufenthalt im Valetudinarium ein Grauss, und auch wenn Licinus nichts genaues sagen konnte, es klang... ernst.
    ”Auf Imperiosus, dass er bald wieder gesund wird!!”
    Ich sprengte ebenfalls etwas Wein zu Boden bevor ich trank. Es war infam, ein tapferer Soldat, der die parthische Hölle überstanden hatte, jetzt krank und den Ärzten ausgeliefert....


    Wie auf dieses Stichwort hin erschien doch tatsächlich mein Parther, und wie immer sah er nicht gerade überarbeitet aus.
    ~”Bring uns einen Krug frisches Wasser zum Wein! Und mach uns etwas zu essen.”~, befahl ich ihm herrisch - mit Freundlichkeit war man bei ihm ja auf verlorenem Posten - dann wandte ich mich von dem nichtswürdigen Parther wieder zu meinem lieben Kameraden.


    ”Du bleibst doch bestimmt etwas länger, oder?” Für mich jedenfalls waren die raren Möglichkeiten, aus dem verschlafenen Mantua nach Rom zu kommen, immer sehr kostbar gewesen.
    ”Magst Du nicht hier Quartier nehmen? Ist ja gross genug.”
    Ich sah mich in der Unterkunft um - gross, weiss, kahl, alles in penibler Ordnung. Wenn man an die Stube mit sieben anderen gewöhnt war, war’s hier drinnen schon manchmal ein bisschen... einsam. Mit den Soldaten konnte ich ja jetzt nicht mehr so vertrauten Umgang pflegen wie früher, und Ziaar war keine besonders aufheiternde Gesellschaft. Da war Licinus’ Besuch um so angenehmer. Ich wollte ja nicht aufdringlich sein, aber... ”Würd’ mich freuen!” bekräftigte ich.

    Müde und schlammig folgte ich der Raubkatze - will sagen Amazone, oder Hure, Himmelsgöttin oder was auch immer... durch die nächtlichen Strassen. Es war das Bewusstsein, dass mein Dienst heute nacht einen Sinn gehabt hatte, welches mich aufrecht hielt und mit dem Anschein von Schneidigkeit ausschreiten liess. Es galt, die Frauen nach Hause zu bringen, solange noch Haltung zu bewahren bis meine Pflicht beendet war und ich mich artig verabschiedet hatte, danach konnte ich mich ja dann betrinken und grübeln soviel ich wollte, darüber was alles nicht mit mir stimmte, und... nein, nein kein Opium, auch wenn der süsse Lockruf sich wieder in meine Gedanken schlich und mich betören wollte...
    Wir waren angekommen, an einer Insula wie es unzählige gab. Isis’ Beteuerung dort zu wohnen klang für meine Ohren etwas zu betont, wahrscheinlich wollte sie einfach nicht mit uns in Verbindung gebracht werden... passiert ja ständig, und ist irgendwie deprimierend, auch wenn ich es natürlich verstehen kann und es früher nicht anders hielt.
    Hatte Camilla etwas gesagt? Ich wandte mich zu ihr, aber schon ergriff wieder Isis das Wort, und ich wandte mich weiter, zu ihr - konnte dieses Weib denn immer noch nicht locker lassen? Hatte sie etwa Verdacht geschöpft?! Verdammt, das hatte ich davon, dass ich den Helden hatte spielen wollen. Man weiss ja: erst rettet der Held die Frau, dann springt er mit ihr in die Kiste.
    ”Dir ist sicherlich bekannt, dass wir Soldaten nicht heiraten dürfen”, erwiderte ich verschlossen. Ich habe die Richtige noch nicht gefunden. Ich würde nicht wollen, dass meine Frau ständig in Sorge um mich wäre, wenn ich abends etwas später heim komme. Bla bla ba.


    ”Bevor ich mich wieder auf den Weg mache, habe ich aber auch noch eine Frage. Oder nein. Zwei.”
    Geschäftsmäßig blickte ich von der einen zur anderen, frostiger zu Isis, milder zu Camilla. Sie war mir irgendwie sympathisch, so verfroren, eingehüllt in den Mantel, wie ein kleiner Vogel in seinem aufgeplusterten Gefieder... und so überaus un-bedrohlich im Vergleich zu ihrer Freundin.
    ”Zum einen - wie seid ihr beiden überhaupt in diese unbequeme Lage geraten? Zum anderen -“ und hier fasste ich die kampfstarke Exotin argwöhnisch genauer ins Auge -“haben wir vorhin einen Toten vor dem Stadttor gefunden, kurz nachdem dort ein Tumult losbrach... irgendeine Ahnung, wie der dorthin kam?”
    Es war schon eine kleine Genugtuung, ihr auch mal eine unangenehme Frage zu stellen.

    Grausam waren sie, die Parther. Grausam. Meiner ganz besonders. Betreten nahm ich es hin, als er mich so hämisch runtermachte. Das war ich schon lange nicht mehr gewohnt. Pah! Meine Hand hatte doch gar nicht gezittert! Ich presste bockig die Lippen zusammen, und sagte mir Ganz ruhig Faustus, bleib ruhig, Du willst doch lernen, soll der Barbar ruhig spotten!
    Mit saurer Miene stellte ich mich in die gezeigte Position, und nickte nur verkniffen, als der Parther seine Ausführungen beendet hatte. Ich nahm den Pfeil von ihm entgegen und nockte ihn auf, spannte den Bogen jetzt etwa weniger weit, und überprüfte nochmal meinen Stand. So fühlte sich das schon besser an, und als ich die Sehne losliess schnellte der Pfeil schnurgerade los, und schlug gar nicht so weit von dem Schädel in der Bande ein. Ermutigt schickte ich noch zwei weitere hinterher, einer war zu hoch, der andere aber schlug am Rande des Ziels ein, und liess einen Splitter des morschen Knochens abbrechen. Jetzt begann die Sache mir zu gefallen, und ich musste schon zugeben dass der Sklave etwas davon verstand.
    ~”Hol die Pfeile, Tziaar”~, befahl ich, und machte mir einen kleinen Spass daraus, den letzten Pfeil den ich noch im Köcher hatte, schon mal aufzulegen und das Ziel anzuvisieren, während Ziaar noch in der Schusslinie war.
    ~”Beherrschst du eigentlich den parthischen Schuss?”~

    ”Also, das grosse Thema hier in der Stadt ist die Abreise des Kaisers nach Misenum... Der Praefectus Urbi vertritt ihn ja. Wir merken das vor allem daran dass jetzt ständig Zivilisten in die Castra wollen, um bei ihm vorzusprechen. - Es heisst, dass die Senatoren etwas, ähm, misstrauisch ihm gegenüber sind. Der Konsul Aelius und er verstehen sich auch nicht besonders gut.”
    Ich zögerte, zuckte die Schultern, und nahm zwei glasierte Tonbecher von einem Wandbord, stellte sie dann auf den niedrigen Tisch neben den Stühlen. Seit diesem Cursus an der Scola über Tiberius, seitdem fielen mir ständig, ob ich wollte oder nicht, irgendwelche Parallelen zu damals auf. Ich sagte mir immer, dass ich nur Gespenster sah, aber der Rückzug des Kaisers nach Misenum - wie Capri -, während der Vertraute hier die Macht in den Händen hielt, das hatte diese Gespenster nochmal beflügelt. Manchmal fragte ich mich, ob der Cursus, gehalten von einem Patrizier wohlgemerkt, vielleicht ein subtiles Mittel der Feinde Salinators gewesen war, um ihn in ein schlechtes Licht zu rücken. So wirre Gedanken behielt ich aber besser für mich.
    Und schliesslich waren Licinus und ich beide Soldaten, Loyalität war unsere Pflicht, nicht das Nachdenken über Staatsdinge...
    ”Ich kann nur sagen: Er ist ein guter Vorgesetzter, effizient und nicht so abgehoben, und er interessiert sich für die Belange der Soldaten”, lobte ich den Stadtpräfekten.


    Weil ich gerade etwas rastlos war, und es eigentlich sowieso praktischer fand die wenigen Handgriffe selbst zu tun, holte ich eine mittelgrosse Amphore aus der Vorratsnische, wo ich eine ansehnliche Auswahl gelagert hatte. (Nein, ich bin kein Trinker. Ich entspanne mich nur gerne abends bei einem guten Glas.)
    ”Und bei mir gibt es tatsächlich eine grosse Neuigkeit!”, berichtete ich Licinus fröhlich. ”Hab’s erst neulich erfahren. Ich bin zum Eques erhoben worden.” Ich lächelte, glücklich über diesen Schritt, der so viele neue Möglichkeiten eröffnete.
    ”Und stell Dir vor”, lästerte ich, ”die von der kaiserlichen Verwaltung haben die Mitteilung an mich erst mal zur Prima geschickt. Naja, Beamte halt.”


    Grinsend brach ich das Siegel der Amphore, kratzte das Wachs ab, und öffnete sie. Es war ein trockener Graciano von den Weinbergen meiner Familie, und ich goss ihn zuerst in einen weitgeöffneten Krug, um ihn ein wenig atmen zu lassen.
    ”Und selbst?”, erkundigte ich mich interessiert. ”Wie läuft es in Mantua?”

    Ja, grausig war es da im hohen Norden, keine Frage, und ich bedauerte alle, die es dort länger aushalten mussten.
    Obgleich mich eine entspannte Stimmung erfasst hatte, und auch Celeste nicht mehr ganz so fluchtbereit erschien, fühlte ich mich irgendwie... beobachtet. Sehr genau beobachtet von meiner reizenden Begleitung. Wie - ‘keine kleine’? Ich machte ein verdutztes Gesicht, lachte dann amüsiert auf, so dass der Wein in meinem Glas ins Zittern geriet und kleine Wellen über den schimmernden Weinspiegel liefen, gegen gläserne Gestade anrollten.
    ”Reizvoll und wild...”, wiederholte ich gedankenvoll die Worte Celestes, wobei ich ihr über den Rand meines Glases einen tiefen Blick zuwarf. Silio wäre stolz auf mich gewesen, und auf eine gewisse Weise war es schon spassig, dieses Spiel. Aber einfach war es nicht - wirklich interessant, das fiel in die selbe analytische Kategorie wie beflissen, zugleich jedoch kicherte sie völlig un-analytisch... - ich meine, wie in aller Welt soll man so was verstehen?


    Ob eine Frau auf der Hut sein müsste? Ich beugte mich ein wenig vor, blitzte Celeste feurig an, sog mit bebenden Nasenflügeln leidenschaftlich die Luft ein, legte all die Glut, die man den Bravos von Tarraco nachsagte in meine Augen und ein markiges Tremolo in meine Stimme - und so sprach ich, sie wild mit den Augen verschlingend, als die pure Persiflage des heißblütigen Südländers nur ein einziges, bedeutungsvolles Wort:
    ”Gewiss.” (Gewissss.)
    Dann musste ich selbst lachen. Nein, prusten, das traf es besser. Ich trank schnell noch einen Schluck, um mich wieder zu fangen, und stimmte Celeste mit einem energischen Kopfnicken bei ihrem Urteil über die Poesie zu. Jetzt fühlte ich mich bemüßigt etwas vorzutragen, und Aufmerksamkeit heischend hob ich den Finger, und begann, beinahe so feurig wie eben:


    ”In jener finstren Nacht, Dein Kuss! - Er wärmt
    Noch immer, keltert edelsüsse Bilder,
    Vielleicht im Abgang ausgereift und milder,
    Ins Mondlicht, das durch stille Strassen schwärmt...”


    Genussvoll nahm ich einen weiteren Schluck, kostete liebevoll das besungene Aroma, und fuhr, erst mit einem unterdrückten Grinsen, dann selbst im Bann der Worte, seelenvoll fort:


    ”Nur purpurpralle Beeren, handverlesen,
    Umhaucht von Frucht, die Lippen, die sich weich
    Mit meinen treffen, hier im Schankhaus - so reich
    Verwebt sich kühle Frische, klares Wesen.


    Ein Ranken, Kosen, Lösen - fein und pur
    Rinnt Rebensaft, fließt, labt, es hallt wider
    Im Raum, der sich zu dehnen scheint - ein Schwur
    Trägt durch die Zeit der Reife - Reinheit! Sieh, der
    Große Gott des Weins, er trinkt Natur:
    So küss mich wieder, küss mich, schliess die Lider...”


    Ach, wenn ich doch selbst auch so dichten könnte! Ich lehnte mich zurück, senkte das Glas und liess die Worte dieser Ode an den Wein langsam in mir verhallen.
    ”Aber mich würde es ja interessieren, nach welchen, ähm, Kriterien Du Deine Sammlung zusammenstellst, Celeste.”

    Meine Räume waren noch immer ziemlich leer und unpersönlich, das fiel mir mal wieder auf, als ich von draussen schwungvoll die Türe öffnete und meinen unerwarteten Gast hereinbat. Bis auf den Aurata-Wimpel und die beiden Theatermasken an der Wand herrschte hier asketische Kargheit.
    ”Setz Dich doch.” Ich wies auf einen Scherenstuhl, und rückte mir einen zweiten hinzu. ”Bist Du gerade erst angekommen? Wie war die Reise? Was magst Du trinken?”
    Ich erhob die Stimme und rief nach meinem Sklaven - es gab ja eine gewisse Chance, dass er sich heute mal nicht in der Stadt rumtrieb, und uns vielleicht sogar etwas zu trinken servieren könnte.
    ”Tzi-aa-har!!”

    ”Ach so! Und ich dachte schon, Du willst den Stadtkohorten beitreten”, flaxte ich fröhlich grinsend, aber was nicht ist kann ja noch werden! - Komm doch erst mal rein.”
    Die phlegmatische Wache erhob jetzt tatsächlich Einspruch, aber als ich erklärte, dass ich für meinen Kameraden bürgte, ging es dann doch ohne Durchsuchung.
    ”Naja, Routine, vor allem Routine ...”, erklärte ich mit etwas leidendem Unterton, während wir die Lagerstrasse entlangmarschierten. Dann entsann ich mich meiner Soldaten die alles mithörten und verschob das Herz-Ausschütten (Karrenkontrollen waren ja so langweilig!) auf später. :D
    Bei den Unterkünften angekommen entliess ich die Männer in den Feierabend, gab meinem Burschen Anweisung, Licinus Pferd gut zu versorgen, und führte meinen Gast schnurstracks in meine Unterkunft am Ende der Baracke.

    Es war still geworden, in der Casa meiner Familie, seit der Abreise Meridius’. Ich war heute eigentlich auch nur gekommen, um mal wieder etwas anständiges, was vor allem kein Puls war, zu essen zu bekommen. Der Sklave fand mich in der Küche, wo ich Candace in die Töpfe guckte, und überbrachte mir die Botschaft, worauf mich mich voll Neugierde ins Atrium aufmachte.
    Verus, mein Vetter aus der griechischen Linie, den ich nur sehr flüchtig kannte, plauderte gerade über das Wetter, mit einem Herrn, der dann also Prudentius Balbus sein musste. Meines Wissens hatte ich noch nie mit ihm zu tun gehabt - aber sein Gesicht erinnerte mich an irgendetwas...
    “Salve Vetter. Salve Prudentius Balbus”, grüsste ich als ich herantrat, um mich in höflichem Tonfall mit dem Gast bekannt zu machen. ”Wenn ich mich vorstellen darf - Decimus Serapio.”
    Jetzt fiel’s mir wieder ein - auf dem Sklavenmarkt hatte ich ihn schon mal gesehen, wo er mit dem Geld nur so um sich geworfen hatte! Ja, Beamter auf dem Palatin müsste man sein..... oder nein, wäre nicht wirklich was für mich.

    Dieser Kampf wollte kein Ende nehmen. Mein Gegner von der Classis und ich, wir schenkten uns nichts, und rangen verbissen um die Oberhand - stur wie die Steinböcke in den hohen Sierras, die immer wieder die Geweihe aneinander knallen, so laut das es bis in die Täler hallt. Aber, ha!, nach der Finte hatte ich doch einen Vorteil, hatte den Kerl in einem guten Griff gepackt, und profitierte davon, dass er für den Augenblick seine Kraft nicht wirklich ausnutzen konnte. Bein zweiten Reissen, da wankte er, und ich gab mein letztes, und brachte ihn mit einem seitlichen Ruck tatsächlich von den Füssen. Keuchend und schweißnass ging ich mit zu Boden, der Sand stob und liess die Augen tränen. Ich landete auf einem Knie und warf mich sofort mit dem ganzen Gewicht auf meinen verschwommenen Gegner, um seinen muskelstrotzenden Oberkörper auf den Boden zu drücken.

    Es war ein Tag voll von Routine, von Patrouillen und Kontrollen, ein ganz normaler und nicht weiter bemerkenswerter Tag - bis zu dem Moment wo ich, auf dem Rückweg von der letzten Patrouille, den Centurio vor den Toren der Castra sah. Er nahm sich gerade die arg phlegmatische Wache zur Brust, die erschrocken salutierte. Ein fremder Gast? Nein, die Stimme kannte ich doch.... Überrascht und sehr erfreut beschleunigte ich meine Schritte, strebte mit wehendem Sagum auf ihn zu - die Patrouille stampfte laut hinter mir her - und rief den alten Freund mit einem breiten Lächeln an.
    “Licinus!” Ja, er war es wirklich. ”Salve Comilitio! Schön Dich zu sehen! Bona Dea, was machst Du denn hier?”
    Ich hatte ihn erreicht, drückte ihm herzlich, kameradschaftlich, und mit einem Ausdruck der Verblüffung, die Hand.

    "Salve Procurator", grüsste der Wächter respektvoll, und musterte das Aufgebot. "Der Praefectus Urbi ist zugegen, bitte tritt ein. Dein Gefolge müssen wir leider auf Waffen kontrollieren, ist reine Routine..." - der Blick des Miles verharrte auf den beiden Prätorianern, und er fügte hinzu: "Also, die Schreiber meine ich."
    So geschah es, darauf führte der Wächter Prudentius Balbus samt Tross in die Principa und zum Officium des Stadtpräfekten.




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