Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Demonstrativ reckte ich die Nase in den Wind, witterte, trat einen halben Schritt näher zu ihm, krauste die Nase und urteilte:
    "Es riecht nach Selbstbetrug, aber ganz gewaltig." Wann hatte ich ihm denn bitte Vorschriften gemacht, was er zu tun und zu lassen, wohin zu gehen oder wen zu mögen – so selten wie wir uns gesehen hatten? Pah! "Du verwirrst mich maßlos, Dives. Genau so jemandem, der dir dies alles vorschreibt, dich zum Heiraten erpresst hat, und dich nun in der ganzen Stadt durch Prozesswut und Intrigensucht zum Gespött macht... so jemandem hast du dich doch durch die Hochzeit unterworfen...? - Aber ja, egal, so herzerfrischend es auch ist mit dir zu plaudern, du hast recht, wir wollen uns setzen. Ich bin allerdings mit Begleitung hier, doch er wird sich sicherlich freuen ein Relikt aus meiner Vergangenheit kennenzulernen. Hier entlang..."
    Unwillkürlich hatte ich bei den letzten Worten seinen Arm berührt, um ihm den Weg zu weisen. Das war gar nicht gut. Zwar zuckte meine Hand sogleich wieder zurück, aber diese kleine Geste hatte schon wieder die Erinnerungen aufgeschreckt, daran wie anders und wie schön es einmal gewesen war, mit uns. Meine Lippen pressten sich fester zusammen, ich wandte mich ab und steuerte die Stufen an, die hinauf zu den von mir reservierten Plätzen führten. Und auch meine Lust auf Gehässigkeiten war mir irgendwie vergangen, ich spottete vor den Stufen nurmehr halbherzig:
    "Du wirst nicht umhin kommen, zumindest ein wenig empor zu steigen."
    Statt dessen schnitt ich, während wir so gingen, beiläufig das eigentliche Thema im weitesten Sinne an: "Was meinst du denn eigentlich zu der Sache mit deiner Adoptivtochter?"

    "Was, bei allen Keren, denkst du eigentlich von mir?!" fauchte ich Licinus an, empört und gekränkt, dass er es mir unterstellte, einen neuen Krieg anzetteln zu wollen.
    "Eure dämliche Propaganda vernebelt dir ja noch immer das Hirn! Ich spreche davon, die Wahrheit zu vertreten, damit sie nicht in Vergessenheit gerät, damit sie nicht unter den von oben verordneten Lügen erstickt wird - ich spreche nicht davon, Cornelius morgen vom tarpeischen Felsen zu stoßen. Auch wenn er es redlich verdient hätte. Aber das Blutvergiessen, dass IHR über uns alle gebracht habt, das reicht für die nächsten zehn Generationen aus, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass mit der Sinn nach einem neuen Krieg steht?!"


    Wie stellst du dir das vor...
    mir fällt nichts ein...
    werde mich nicht daran beteiligen...
    Jede seiner zagen Einschränkungen und Ausflüchte ließ meinen Argwohn wachsen. Ich glaubte ihm nicht. Oder bessergesagt: ich glaubte zwar, dass er ein schlechtes Gewissen hatte, und ihm daran gelegen war, dass ich ihm dieses erleichterte, aber ich glaubte nicht dass er den Schneid haben würde, die Konsequenzen zu ziehen, und gegen die Wirklichkeitsverdrehung der Putschisten anzukämpfen.
    "Als Zeuge? Wenn man mich anklagt, dafür dass ich Rom gegen die anrückenden Heere zu verteidigen versucht habe? Wenn man mich anklagt, dafür dass ich nicht wie ihr alle mit fliegenden Fahnen zum Mörder der Ulpier übergelaufen bin?" fragte ich ihn sarkastisch. In der Hoffnung, dass ihm irgendwann vielleicht doch noch auffiel wie vollkommen verdreht dieses Denken war.
    "Ich sage dir ganz genau wie ich mir das vorstelle, Licinus. Ich stelle mir das so vor, dass du dir ein Herz fasst und innerhalb deiner Gens, und gegenüber deinen treuen Soldaten, und gegenüber deinen Freunden ganz direkt und ganz von dir aus dieses Thema ansprichst und sie über die Wahrheit aufklärst. Nicht, um Aufstand zu predigen, sondern, um die Wahrheit nicht untergehen zu lassen, um sie im Privaten zu bewahren, um den Lügen, die da erstickend vom Palatin herunterwabern, etwas entgegenzusetzen. Cornelius ist ein seniler Greis und wird irgendwann nicht mehr sein, und dann wird auch die offene Rede wieder möglich sein." Hoffentlich. Und vielleicht sogar das klare Denken.
    "Versprichst du mir das?"

    Losgelöst von Zeit und Raum, so lag das Anwesen meiner Großtante Drusilla an den Gestaden des Albaner Sees. Wie schwebend über dem silbrigen Spiegel. Was in Rom geschah, geschehen war oder geschehen würde, schien hier keinerlei Bedeutung zu haben, ja, nicht einmal eines Gedankens wert zu sein.


    Borkan und ich waren am Vormittag angekommen, und meine Großtante hatte uns in dem ganzen Trubel rasch begrüsst. (Ohne mit der Wimper zu zucken. Entweder es hatte sie nicht schockieren können, oder sie war mit den Gedanken schon bei ihrer Vermählung.) Ich war ja ungemein gespannt auf den Bräutigam. Man hörte da so einiges Gemunkel, und, bei aller Zurückhaltung, es klang alles danach, als habe Drusilla da eine recht ausgefallene Wahl getroffen.
    Wir hatten ein Zimmer bezogen, uns in Schale geworfen (um hier eine gute Figur zu machen, hatte ich in Rom einen angesagten Schneider zu uns bestellt, der Borkan und mich von Kopf bis Fuß neu eingekleidet hatte), und dann, da noch Zeit war, einen kleinen Spaziergang am Seeufer unternommen. Jetzt waren wir auf dem Rückweg.


    Das Gras unter unseren Füssen war zart bereift, und knisterte bei jedem Schritt ganz leise. Wir gingen Hand in Hand. Ich lächelte Borkan zu, und verspürte ein flaues Gefühl im Magen dabei. Ihn meiner Familie vorzustellen, das war nun mal... ein gewagter Schritt. Aber ich war Lügen, Verstellungen und falscher Fassaden einfach so unendlich überdrüssig. In meinem privaten Leben wollte ich nichts mehr davon haben. (Oder sagen wir besser: so wenig wie möglich.)
    "Du siehst so fabelhaft aus, mein Liebster!" Allerdings. Wie ein wunderschöner Falke mit schimmerndem Gefieder aus einem Märchen aus dem Morgenland.
    "Hast du... dir schon was überlegt?" fragte ich ihn. Am Vortag hatte ich nämlich gemeint, dass wir 'vielleicht', um 'meine Familie nicht gleich zu überfordern', die 'sehr lieb und freundlich und offen' sei, aber 'in gewissem Sinne natürlich auch eher traditionell', dass wir uns also etwas überlegen sollten, was wir ihnen erzählen könnten, wenn die Rede darauf käme, was Borkan denn beruflich so machte...

    Seit kurzer Zeit lebte ich nun also wieder unter dem Dach meiner Familie. Seltsam war das. Ich hatte mich wieder eingerichtet, hatte einen kleinen Serapis-Schrein in meinem Zimmer in die Ecke gebaut, hatte Hanf in den Tontöpfen auf meinem Fensterbrett angepflanzt, und hatte die neu hinzugekommenen Mitglieder der Hausgemeinschaft kennengelernt. Doch heimisch war ich hier noch nicht wieder geworden, ich fühlte mich eher wie ein vorübergehender Gast und litt darunter, trotz allem noch immer suspendiert und zur Untätigkeit verurteilt zu sein. Etwa so wie....ein edles Rennpferd, das Laufen will, es aber nicht kann, weil irgendein Tölpel es in einen engen Verschlag eingesperrt hat.


    Da half es auch nicht gerade, dass ich, der ich mich während Livianus' Jahren in Hispania daran gewöhnt hatte, die Rolle des Hausherrn innezuhaben, nun wieder nurmehr... der Sohn war. Tja. Zudem vermisste ich die Lieben, die früher hier gelebt, und diese Räume mit Leben erfüllt hatten, meine Schwester, Massa, die kleine Stellula, Tante Venusia mit Secundus und Sevilla... Alle fort. Meine Sklaven waren tot oder freigelassen. Und an dem Zimmer, in dem damals... Aton... gehaust hatte, konnte ich nicht vorbeigehen ohne dass es mir jedesmal einen schmerzhaften Stich versetzte. Kurz, die Geister der Vergangenheit ließen mich nicht los.


    Zumindest ein Fluch wurde dann aber gebrochen. Cornelius starb.
    "Endlich." seufzte ich, als ich davon erfuhr. Ich öffnete das Fenster. Die Luft fühlte sich gleich frischer an.


    Umgehend deklarierte ich eine Handvoll unserer Sklaven zu 'Speculatores', und sandte sie aus, um die Ereignisse in der Stadt im Auge zu behalten. Ich hieß unsere Custodes das Haus verstärkt bewachen, und den Inhalt unserer Waffenkammer schärfen und griffbereit halten. Ich war's zwar (leider) nicht gewesen, aber man wusste ja nie.

    Offenbar hatte er sich noch gar nichts zusammengereimt. Er blickte mich an wie eine Trireme.
    "Ich... ähm... Wenn es ein Neuanfang ist, dann will ich... ich will...ähm... offen sein." stotterte ich, den Rücken kerzengerade straffend, unwillkürlich Haltung annehmend. Ich wollte nicht, dass er mich nach Hause holte, und es dann herausfand, und dann meinte, ich hätte ihn getäuscht, nein, er sollte wissen worauf er sich einließ. (Natürlich hätte ich es ihm schon damals offen sagen müssen, bevor er mich adoptierte. Aber ich hatte es eben nicht gewagt.)
    Blut und Wasser schwitzte ich jetzt. Vor Livianus – besonders wenn er mich so ansah! - da verwandelte ich mich einfach automatisch vom Unwetter-des-Lebens-gegerbten Veteran zum kleinen Jungen. Der fürchtete, zu enttäuschen. Und fürchtete, dass gleich das hispanische Gewitter losbrechen würde. Das wohlbekannte.
    "Mein Freund." wiederholte ich abgehackt.
    "Er hat mir das Leben gerettet. Mich hierhergebracht. Wo ich Heilung gefunden habe. Und..."
    Und noch konnte ich abbiegen, und meinem Vater eine harmlose Geschichte von Kameradschaft, Blutsbrüderschaft, was auch immer erzählen.
    Ich atmete tief durch. Tief...
    "...er ist nicht nur 'ein Freund'. Er ist mein Gefährte. Wir sind..."
    Dies vor meinem Vater auszusprechen... das ging gar nicht... Ich spürte, wie die Hitze in meinem Gesicht glühte, bis in die Ohren hinein.
    "Wir sind Liebende."

    "Eher wie Schlackebrocken und beissender Schwefeldampf." versetzte ich schweflig. Es schmerzte mich, die tiefempfundenen Bilder meiner an ihn gerichteten Verse, hier so... grob und spöttisch aus dem Zusammenhang gerissen zu sehen. (Ich hätte die letzte Strophe doch weglassen sollen.) Natürlich war mein Eis 'zur Schau getragen'. Aber musste er mir das denn so unter die Nase reiben... Er wollte also heute nicht steigen.
    "Das ist... sehr beruhigend zu hören."
    Gütige Isis, hatte mein Name jemals so schnippisch geklungen wie aus seinem Mund gerade? Jetzt war ich also nur noch "Serapio". Na und. Er hatte einen unsteten Blick heute, der treulose Schöne, sah mich gar nicht richtig an. Und so standen wir da, und sahen jeder so halb am anderen vorbei, und ich merkte, dass ich unwillkürlich eine Hand fest zusammengeballt hatte, und ich erinnerte mich an seinen traurigen Brief, und hatte den Wunsch, ihm etwas richtiges zu sagen, etwas versönliches, aber dann kamen aus meinem Mund doch wieder nur scharfe Entgegnungen:
    "Das? Ach, das war doch nur eine kleine Fingerübung. Aber es ist recht mittelmäßig geworden, nun ja, du taugst eben nicht zur Lesbia." Ich zuckte ach so lässig die Schultern. "Und dir? Was macht der Nacken, hat er sich an die Krümmung gewöhnt? Ordentlich verschwielt? Geschmeidig an das Joch angepasst?"


    Seltsam aber... dass er schon Bescheid wusste, dass das, worüber ich mit ihm sprechen wollte, etwas mit seinem abenteuerlustigen Töchterchen zu tun hatte.

    Selbstverständlich winkte ich nur knapp ab, als sie sich bei uns bedankte. Aber es tat gut. Nach all der langen, langen, dunklen Zeit endlich mal wieder... zumindest für diesen Augenblick, zumindest in dieser Angelegenheit.... die Maske des Perseus tragen zu dürfen. Und nicht die des hilflos an den Felsen geschmiedeten Opfers. (Und auch nicht die des bösen Seeungeheuers.)
    "Ja" antwortete ich ganz ernsthaft auf ihre flüchtige Bemerkung zu der Hochzeit des Grauens, und erwiderte das kurze Lächeln. "Das hatte etwas sehr gutes."
    Quintilia hatte mir, in diesem Sturm von Häme, Schadenfreude und Feigheit, mit ihrer kleinen Geste eine große Freundlichkeit erwiesen. Und das würde ich ihr ganz sicher nie vergessen.
    Ich betrachtete das Spiel der Gedanken in ihren Zügen, und horchte gebannt auf, als sie den Namen nannte. Sergia Fausta.
    "Warum wundert mich das nicht..." murmelte ich altklug in meinen Dreitagebart. Und hörte weiter aufmerksam zu.
    Nebenbei erwähnte Quintilia, dass ihre Verlobung gelöst war – "Das tut mir leid zu hören. Leid für ihn, meine ich." erwiderte ich etwas ungeschickt (und hoffte bloß, da jetzt nichts falsches gesagt zu haben.) Es war doch nicht die Möglichkeit, dass eine Wucht wie Quintilia keinen Mann hatte! Eine Frau, so schön, lieb, anständig, klug und beherzt, so dazu prädestiniert, dem Gedanken an eine Ehe den Schrecken zu nehmen - das war ja eine einmalige Gelegenheit für jeden Jungesellen. Wenn ich noch in der Position wie vor dem Krieg gewesen wäre, dann hätte ich mir in diesem Moment echt ernsthaft überlegt, um ihre Hand anzuhalten. Aber jetzt, wo ich nichts mehr galt und nichts mehr hatte, bestand auch die Notwendigkeit zum Heiraten nicht mehr. Ich hätte einer Frau auch gar nichts bieten können. Und so konnte ich ganz ungeniert mit Borkan glücklich sein.


    "Warum sie das tun sollte? - Möglicherweise um von dem... oder der... wahren Schuldigen abzulenken. Aber das ist jetzt Spekulation. Sicher ist: die Tabula enthällt eine erpresserische Nachricht, und Sergia Fausta ist bereits schon einmal als Erpresserin in Erscheinung getreten."
    Ich zögerte. Dives hatte mir dies im Vertrauen gesagt, und auch wenn ich natürlich darauf brannte den beiden anderen brühwarm von den Schandtaten der Megäre zu berichten... ich hätte Dives dabei heftig mit bloßgestellt. Und das wollte ich nun auch wieder nicht.
    "Ähm. Ich will, ähm, kann nicht unbedingt in die Details gehen, aber ich weiß es ganz sicher."
    Nachdenklich sah ich wieder zu Borkan, und zurück zu Quintilia. "Ausserdem ist dies nicht der erste Hinweis, der einen... wie auch immer gearteten... Zusammenhang zwischen dem Mord und der Familie der Iulier vermuten lässt. Borkan kann dir da viel mehr dazu sagen..." überlies ich ihm das Wort.

    Stürmische See? Wohl eher hatte sich der Himmel aufgetan und blindwütige Mächte wie Zyklopen mit Felsen geworfen, Schiffe zerschmettert und Seefahrer elend absaufen lassen. Rauhe See. Bei jedem anderen hätte ich sogleich protestiert gegen den Euphemismus dieser Metapher... aber bei meinem Vater, da wußte ich, dass er, im Gegensatz zu anderen genau wußte wovon er sprach. Er war einst selbst ein Schiffbrüchiger gewesen, war in Gefangenschaft der grausamen Parther gewesen. Worüber er stets schwieg.
    Entscheidungen. Entscheidungen, auf die er nicht stolz war.... wie die Entscheidung, mir in aller Öffentlichkeit vor dem Senat in den Rücken zu fallen, mich fallen zu lassen, die Verleumdungen der Palma-Speichellecker gegen mich unwidersprochen hinzunehmen, um seine Wahl zum Konsul nicht zu gefährden? Ich biss die Zähne zusammen, die bittere Enttäuschung war wieder sehr präsent. War dies hier alles was er dazu zu sagen hatte? Offenbar schon. Vielleicht sollten wir unseren Familienwahlspruch mal umgestalten, honor et fortitudo schien dem Zeitgeist nicht mehr so ganz zu entsprechen. Wie wäre es mit flexibilitas et successus ?


    Resigniert schüttelte ich den Kopf, als er davon sprach, mein Ansehen wieder herstellen zu wollen.
    "Cornelius wird es mir nie verzeihen, dass ich seine schändliche Tat aufgedeckt habe. Und seine Anhänger werden es mir nie verzeihen, dass ich mich ihrem feigen Mitläufertum verwehrt habe." Ja, gab es etwas unverzeihlicheres, etwas nervigeres und störenderes, als sich nicht am gemeinsamen Duckmäusern zu beteiligen?
    "Solange Cornelius' Lügen Staatsraison sind, ist für mich kein Platz in dieser Welt. Ich weiß es, weil... Flavius Gracchus hat doch auch schon alles versucht. Er... bereut das Geschehene, und er hat es sogar geschafft, ein Treffen in die Wege zu leiten, zwischen Cornelius und mir. In der Rhegia, ganz diskret. Du wunderst dich sicher dass ich hingegangen bin. Aber ich bin einfach... zermürbt. Ich habe mich mein ganzes Leben lang (also, nach den adoleszenten Verwirrungen, das weist du ja, aber dann fortwährend!) für Rom eingesetzt, als Soldat, ich habe in drei Kriegen gekämpft, Truppen ins Feld geführt, Hochverräter überführt, die Garde kommandiert, und ich war gut in dem was ich tat – und jetzt sitze ich hier, verfemt, und kann nichts tun und nichts bewirken, wie... in einen Eisblock eingefroren. Darum bin ich hingegangen. Aber es war wie in einem absurden Theaterstück, ein Reden gegen Wände, ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Cornelius war vollkommen taub für Argumente, schien sie einfach nicht zu hören, oder aber – er wirkte schon ziemlich senil - im nächsten Augenblick schon vergessen zu haben... sagte bisweilen heuchlerisch jaja, nur um dann wiederum konkretes Handeln empört von sich zu weisen."
    Ich schilderte meinem Vater den Verlauf dieses unsäglichen Treffens dann ausführlich von vorne bis hinten, und schloß mit den Worten:
    "...Worauf er sich blasiert brüstete, er sei ja so ungemein gnädig, er habe mich ja auch einfach töten lassen können. Ich sei rehabilitiert, sagte er dann widerwillig, ein Eques wie jeder andere auch. Mich wieder in die Militia Equestris einzusetzen kam ihm jedoch seltsamerweise, trotz allem vorherigen Blabla von Wieder-Eintracht des Reiches, Versöhnung der Parteien, trotz Manius... Flavius Gracchus entschlossener Fürsprache überhaupt nicht in den Sinn. Er würgte jede Möglichkeit, dieses Gespräch zu einem konkreten Ergebnis zu führen abrupt ab, schnitt uns das Wort ab und raste wie der Blitz aus dem Raum. Dass er seine persönlichen Ressentiments gegen mich über ein staatskluges Handeln stellt wundert mich nicht, aber dass er selbst Senator Flavius wie einen nichtswürdigen Untertan abfertigt.... Es war sinnlos und vollkommen bizarr."
    Und nichts, aber rein gar nichts, war darauf gefolgt. Ich atmete tief durch und massierte mir mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Alleine mich daran zurückzuerinnern machte Kopfschmerzen... -



    Letztendlich konnte ich natürlich überhaupt nicht 'nein' sagen, zu der Bitte Livianus'. Er war nun mal mein Pater familias. Und auch wenn ich ihm gegenüber in Zorn und Verzweiflung aufbegehrt hatte, bei dem Streit, der zu meinem Weggang aus der Casa geführt hatte... im Grunde war mir natürlich klar dass es, auch wenn ich mich im Recht sah, eine absolute Ungeheuerlichkeit gewesen war, so mit meinem Vater zu sprechen. Dem ich so viel verdankte. Der mich... jedenfalls vor dem Bürgerkrieg... nie im Stich gelassen hatte, und dem ich es auch verdankte, gewisse Jugendtorheiten unbeschadet überstanden zu haben. Ich war froh, dass er hier war, froh dass mein Gedanke "er wird froh sein mich los zu sein" Unsinn war. Ich vermisste meine Familie. Ein Mensch konnte doch gar nicht losgelöst von seiner Familie existieren. Zum Serapis-Mysten in der Tempelgemeinschaft taugte ich auch nicht. Und... 'ein Neuanfang', das bedeutete doch, dass sich etwas verändern würde... oder nicht?
    "...Ja. Natürlich komme ich mit nach Hause." antwortete ich. "Ein gemeinsamer Neuanfang. Ja."
    Da war aber noch was. Wenn ich nach Hause zurückkehrte... sollte mein Vater wissen wer ich war. Ich war mittlerweile einfach aller Lügen und Verstellungen samt und sonders überdrüssig.
    "Kann ich..." Oh je. Das Herz schlug mir plötzlich bis zum Hals. "...ähm..." Mein Gesicht fühlte sich mit einem mal so heiß an.
    Ruhig Blut Faustus. Bestimmt weiß er es schon. Bestimmt hat er es sich selbst schon zusammengereimt.
    Tief durchatmen.
    "Ist es dir recht, wenn ich meinen Freund mitbringe?"

    Gütige Isis, ewiger Serapis! Dass Cornelius gegenüber Vernunft und logischen Argumenten ebenso immun war, wie seine höchst imposanten Heere unverwundbar gegenüber unseren Speeren und Schwertern gewesen waren – das war ja nichts neues.
    Doch dass er sich inmitten dieses Gespräches, gerade an der Stelle wo es endlich möglich gewesen wäre nach all dem vagen, ausweichenden Blabla, nach all dem zähen gegen Windmühlenflügel reden, endlich ein konkretes Ergebnis zu erreichen, dass er da nach einer blasierten Tirade abrupt aus dem Raum flitzte – das war schon ein neuer Gipfel der Seltsamkeit.
    Verstört schüttelte ich den Kopf, murmelnd:
    "Bona Dea. Wir hätten ebensogut mit der Wand reden können..."


    Manius war wutentbrannt – ich zuckte zusammen als er mich so anfuhr, ich hatte ihn noch niemals so zornig gesehen! Kein Wunder, musste ihm doch soeben vollends glasklar geworden sein, dass sie mit all ihren Machenschaften und all dem Blutvergießen nur einen skrupellosen Macht-Greis auf den Thron gebracht hatten, der schon recht senil erschien (oder war er vielleicht einfach furchtbar schwerhörig, war das der Grund?), und lieber seine persönlichen Ressentiments pflegte, als sich einen Feind zum wertvollen Verbündeten zu verwandeln, lieber zeterte als die Zerrissenheit des Reiches zu kitten, lieber Manius, den Mitverschwörer der um all seine dunklen Geheimnisse wusste, brüsk beleidigte als sich diesen kostbaren Pfeiler seines Machterhaltes bei Laune zu halten.
    Wie, so fragte ich mich, wie in aller Welt war es nur möglich dass eine Figur mit so lausigem politischem Instinkt Kaiser geworden war? Hatten die Verschwörer vielleicht den Einfältigsten aus ihrem Kreis für den Thron ausgewählt, in dem Irrglauben ihn später um so besser kontrollieren zu können?


    Doch diese Theorie reichte nicht aus, um auch die anderen zahlreichen merkwürdigen, schier unglaublichen Phänomene zu erklären, die den Aufstieg des Cornelius umschwirrten wie eine Wolke Fliegen den Unrat. Den Kopf in die Hände gestützt, die Ellbogen auf dem Tisch, sann ich verstört darüber nach:
    Seine unverwundbaren Heere, der gezielte Dauerregen auf unsere Truppen, das Verschwinden unserer Flotte in der Adria, die selbstmörderische Palma-Begeisterung die die Bauern der Po-Ebene wie ein Hirnfieber ergriffen, und dazu gebracht hatte eigenhändig ihre Dämme niederzureissen, die plötzliche Gleichgültigkeit zuvor ehrenhafter Männer angesichts des Giftmordes an der Kaiserfamilie, und nun dieser bizarre Auftritt – etwas stimmte da nicht, konnte eigentlich gar nicht sein, stimmte auf einen sehr tiefgreifende Weise nicht, vermittelte eine Ahnung davon wie brüchig unsere Wirklichkeit war. Und wie verletzlich. Wir lebten in unserer Wirklichkeit wie... in einer dünnen Schicht Glasur auf einem Kuchen, und darunter gab es Höhlen und Tunnel in denen etwas ganz anderes herumkroch, etwas von dem man nur hoffen konnte dem nie zu begegnen....
    Ein pochender Schmerz kroch in meine Schläfen, bei diesen grausigen Gedanken, und an den Rändern meiner Wahrnehmung begann die Welt auszufransen, abzublassen, sich zu verwandeln, in Worte und Stränge... Furchtsam schloss ich die Augen, schüttelte den Kopf, versuchte diese wahnsinnige Erkenntnis abzuschütteln, wieder zu vergessen! Ich wünschte, Manius wäre noch hier... doch er war schon hinausgestürmt. Vorsichtig öffnete ich die Augen wieder, fuhr mit der flachen Hand über die Tischplatte vor mir. Sie fühlte sich solide an, und echt. Und auch die Dinge in den Ecken erschienen wieder wie zuvor. Gut.... soweit...


    Langsam erhob ich mich, zog meine Leinentoga um mich, ging steifbeinig hinaus aus der Rhegia. So widersinnig dieses Treffen gewesen war... so bestürzend die Erkenntnis... ein gutes hatte es doch... überlegte ich losgelöst, während ich in mich gekehrt zum Tempel zurückging. Wenn Cornelius tatsächlich nur so etwas war wie... eine Anomalie im Gewebe der Wirklichkeit, ein Webfehler der Realität, ein seltsames Phänomen, so etwas wie eine ganz schlimme Getreidefäule oder eine Hirnfieber-Seuche oder ein Kalb mit zwei Köpfen... dann konnte dieses Phänomen nicht ewig währen. Seuchen liefen sich tot, und Kälber mit zwei Köpfen überlebten, meines Wissens nach, auch nicht lange. Zudem... war es, so betrachtet, wahrscheinlich gar nicht Manius' Schuld, dass er da in diesen Irrsinn, der doch gar nicht zu ihm passte, hineingeraten war, dass er, obgleich er doch ein Mann von Ehre und hoher Moral war, wie so viele andere auch diesem Wahn zum Opfer gefallen war... Ein seltsamer Gedanke. Und doch einer, der viel erklärte, und der es mir leichter machte, ohne Groll an Manius zu denken.

    Wenn ich noch Zweifel gehegt hätte, dann hätte ihre Reaktion diese augenblicklich zerstreut. Meine ruppige Enthüllung hatte das zarte Wesen unvorbereitet getroffen, ich mußte an einen Vogel denken, der panisch aufflatterte, ein kleines Rotkehlchen, und es tat mir furchtbar leid, sie so erschreckt zu haben.
    "Quintilia" sprach ich mit ruhiger Stimme (die "Tonlage für verängstigte Zeugen", wie ein ehemaliger CU-Kollege es mal genannt hatte), und nahm ihre Hände in die meinen, umschloß sie fest. "Wir glauben dir, Quintilia. Wir glauben dir doch. Ich weiß, es ist ein großer Schreck, das würde einem jeden so gehen, aber ruhig Blut, es wird sich alles aufklären." Ich sah ihr in die Augen, suchte ihren Blick, ernst aber zuversichtlich. "Darum sind wir doch hier, um herauszufinden wer diese üble Verleumdung, bessergesagt diesen üblen Versuch einer Verleumdung, geschrieben hat. Mach dir keine Sorgen, niemand hat die Tabula gesehen, niemand ausser uns dreien. Und niemand der bei gesundem Verstand ist, würde sich von einer so stümperhaften Intrige hinters Licht führen lassen."
    Ich drückte ihre Hände, ermunterte sie, sich wieder hinzusetzen, dann füllte ich ihren Becher und reichte ihn ihr.
    "Hier, trink erstmal einen Schluck. -" Ich ließ ihr Zeit wieder zu Atem zu kommen, tauschte einen Blick mit Borkan, der mich stumm beobachtete. Der Hauch eines gerade ziemlich unpassenden Lächelns flog über mein Gesicht, als ich jäh an die letzte Nacht denken musste.
    Aber das – reiß dich zusammen, Faustus – war gerade nicht das Thema. (Später wieder. Köstliches später.)
    Die Tabula, das wertvolle einzige Beweisstück, nahm ich von der Kline wieder an mich, dann schließlich fragte ich freundlich weiter:
    "Hast du Feinde, Quintilia? Hast du in letzter Zeit irgendwelche Drohungen erhalten? Du, oder vielleicht dein Verlobter, oder deine Familie?"

    ...All das und noch so viel mehr. Trunken, trinkend von seinen Lippen, träumend, im Taumel... Es war das Glück! Unverhofft hatte sich dieses unsinnige Glück in mein Leben gestohlen. Bei allem Sträuben – zuletzt hatte der Silberstreif mich doch erhascht.
    "Sprich nicht vom Sterben, mein Herz..." flüsterte ich, beschwörend, und schloss die Arme fester um ihn. Ihn, der wirklich war, er, dessen Atem ich spürte, dessen Lippen ich schmeckte, dessen Haar ich zärtlich durchwühlte, er, dessen heiß begehrter Körper so dicht an meinem war, er, aus dessen Augen mir dieses verrückte Glück zurückstrahlte.
    "Ich lasse dich nie wieder los!" schwor ich überschwänglich. - Ach, da war ja noch was... gleichgültig: "Und die Tempelgemeinschaft... ist egal, trete ich halt aus." Eigentlich war ich ja noch nicht mal richtig eigetreten, nur auf Probe und so, und überhaupt interessierte dies mich gerade herzlich wenig, denn das war sehr weit weg und Borkan, Borkan war hier und sehr nahe und ich wollte ihn mehr als alles andere auf der Welt.
    Vieles sagte ich ihm noch, während wir innige und innigere Liebkosungen austauschten, all die süßen Koseworte, die einem wenn man liebt so leicht von der Zunge strömen (während sie in jeder anderen Situation unsäglich sentimental klängen), ich wisperte sie in seine Ohren, atmete sie in sein Haar, ich schrieb sie mit den Fingerspitzen auf seine Haut, und hatte alles, alles andere vollkommen vergessen. Wir sanken dahin auf die Kline... Ich war... wie ein verdurstender, wie diese Leute, die sich in Ägypten in der Wüste verirren und völlig vertrocknet und verdorrt sind, die Einsamkeit hatte mir das Mark aus den Knochen gesogen, und mit schrundigen Lippen trank ich gierig, so gierig die Rettung. Borkan, mein Geliebter, er war der Zauberer der mich neu erträumt hatte und unsere Leidenschaft riss uns dahin, hitzig und glücksselig, lachend und ungläubig, forschend und stürmisch, erobernd und verschenkend. Borkan.
    Götter und Göttinnen, diese Nacht... hier, wo meine eigenen Worte nur schmählich versagen können, muß ich mir die des großen Petronius Arbiter ausleihen:


    Götter und Götinnen, diese Nacht!
    Wie Rosen war das Bett! Da hingen wir
    Zusammen im Feuer und wollten in Wonne zerrinnen!
    Und aus den Lippen flossen dort und hier,
    Vereinend sich, unsre Seelen in unsre Seelen! -
    Tagessorgen, fahrt dahin! So begann ich zu vergehen.

    Zitat

    Original von Titus Germanicus Antias


    "Entschuldige bitte, aber... in einem Atemzug sagst du, es bestünde kein Verdacht gegen ihn, und im nächsten dann, er sei 'allemal verdächtig'?" erwiderte der Musiker, wenig überzeugt.
    "Dass er weg mußte, das kann tausend Gründe haben. Es gibt tausend zufällige Gründe."
    Beim Anblick des Blutes aber, und bei der drastischen Schilderung, wurde der sanftmütige Myste ganz blass. Jetzt erst verstand er, warum die Soldaten so verbissen auch die kleinste Spur verfolgten.
    "Nein, gewiss nicht." bekräftigte er erschüttert die Worte. "Und Serapio wird natürlich auch wollen dass ihr diese schlimme Tat aufklären könnt, und die Wahrheit herausfindet, da bin ich mir ganz sicher! Ich verspreche dir, sobald er zurückkommt, schnappe ich ihn mir und erkläre ihm alles, und dann kommen wir gemeinsam zu euch, damit ihr endlich mit ihm sprechen könnt. Wie heißt du, und wo finden wir dich?"
    Tatsächlich überlegte Castus, forschte in seiner Erinnerung, doch sein Mitbruder in spe hatte sich stets ausgesprochen bedeckt gehalten. Im Nachhinein, so mußte Castus sich insgeheim eingestehen, vielleicht... schon... ein bisschen sehr... auffällig... bedeckt. Und dann war da natürlich die Sache mit der Prügelei... Castus war ehrlich bestürzt gewesen über diesen plötzlichen Ausbruch roher Gewalt direkt vor dem Tempel.
    Er starrte auf den blutbefleckten Mantel.
    "Ich weiß nur von einem Bekannten von ihm. Ein Soldat, der ihn hier aufgesucht hat. Aber nicht in Rüstung, nur mit dem Mantel, und dem..." Castus deutete auf das Cingulum militare des Urbaners. "... Klimpergürtel. Sie hatten eine... ähm... Auseinandersetzung, dann haben sie lange miteinander gesprochen. Licinus war sein Name." Dass das den Urbanern nicht viel weiterhelfen würde war auch Castus klar. Hilflos zuckte er die Schultern. "Ach, und beim Pegasustheater, da kennt er, glaube ich, einen der Schauspieler. Ich weiß es aber nur aus seiner Erzählung. Er, also Serapio, meint, die Tarpeia, die sie dort proben, würde, ähm, ganz furios, und wir müssten unbedingt alle in die Premiere gehen."
    Castus jedoch fand Tragödien - mit all dem künstlichen Ach und Weh, Morden und schlechtmöglichsten Wendungen - nur schwer erträglich und hatte sich diesem Ansinnen sacht entzogen.


    Zitat

    Original von Aulus Iunius Avianus


    Dieses war der Augenblick, in dem den beiden alten Priestern, welche anfangs noch hilfsbereits gewesen waren, die Gesichter entgleisten. Sie 'machten zu'.
    "Wenn wir den Dieb hier verstecken würden, dann hätten wir euch sicher nicht auf die Nase gebunden dass er hier war!" schnaubte der alte Benivolus voll Geringschätzung. "Und wenn wir wüßten wo dieser nichtsnutzige Initiand sich herumtreibt, hätten wir es dir längst gesagt! Geh, Optio Iunius Avianus. Nimm deine Leute und geh. Solltest du wirklich deine Zeit damit vergeuden wollen, die Ruhe dieser gesegneten Stätte weiter zu stören, durch sinnloses Herumgestöber, dann geh doch zum Quindecemvir sacris faciundi und hole dir eine Genehmigung dazu – falls er dir eine ausstellt! Denn dieser Herr weiß um die segensreiche Arbeit, die wir hier verrichten!! Er kennt unsere Verdienste, und wird deinen unverschämten, deinen haltlosen Unterstellungen keinen Glauben schenken!! Und beschweren werden wir uns über dich! Eine saftige Beschwerde! Bei deinen Vorgesetzten!"
    "Wir werden dir bescheid geben, sobald unser Initiand zurückkehrt." sprach Perspiciens frostig, "Das ist alles was wir für dich tun können. Vale Optio."
    "Eine gesalzene Beschwerde gibt das. Wir, kriminell! Hat man da noch Töne?! Bodenlose Unverschämtheit! Eine mit allen Wassern gewaschene Beschwerde...."

    "Klar kann ich das" Hin und wieder an einer Zeremonie teilhaben. "Auch bei den Festen und Prozessionen. Vielleicht magst du ja mal mitkommen?"
    Ich hatte nur so ein vages Gefühl, dass es als Besucher, auf neue verwurzelt in der äusseren Welt, nicht mehr das selbe sein würde wie zu der Zeit als ich so völlig losgelöst von allem äusseren, wie ein Stück Treibgut, dort im Tempel Halt gefunden hatte. Dass ich die Gegenwart des Ewigen vielleicht nie wieder so würde spüren können.
    Mit gerunzelter Stirn schob ich den Gedanken beiseite. Ich war doch verdammt froh über mein neues Leben. Zum Beispiel darüber, dass Seiana und ich uns, trotz allem, noch immer (oder besser: wieder) so famos miteinander unterhalten konnten. Das war einfach etwas wunderbares. (Und vielleicht war es mir jetzt nach all der Dunkelheit noch ein klein wenig bewußter.) Ich wußte, dass ich Seiana alles sagen konnte, was mir durch den Kopf ging, dass sie die einzige war, die mich ganz sicher nie im Stich lassen oder in die Pfanne hauen würde. Und mit einem gerührten, warmen Gefühl in der Brust sah ich zu ihr rüber und dachte, dass ich auch für sie da sein wollte.
    Meine Enthüllung dass ich mich gerade womöglich für länger bei ihr einquartiert hatte nahm sie mir auch nicht krumm, im Gegenteil ich fühlte mich sehr wilkommen. Bring ihn mit sagte sie, als ich von Borkan sprach, und ich spürte, wie ein breites Lächeln sich auf meine Lippen stahl. Ich strahlte sie an und nickte.


    Schön war es auch, zu sehen, wie der Mutterstolz zum Vorschein kam, als ich von den erstaunlichen Fähigkeiten meiner wundervollen kleinen Nichte sprach. Sonst wirkte meine Schwester ihr gegenüber ja eher... streng? Nein, streng war nicht das richtige Wort. Unsere Mutter war richtig streng gewesen, hatte uns nicht verzärteln wollen. Das war Seiana nicht. Aber ein bisschen... nüchtern... oder reserviert... oder so.
    Wenn es nicht wegen ihres Rufes war, dass sie sich Gedanken machte, warum dann? Ich stutzte, war aber zu eifrig darauf bedacht ihr meine Gedanken zu schildern um da jetzt nachzuhaken.
    "Gut, dann kann ich es ja wagen. Ich habe einfach darüber nachgedacht, wie wir es bewerkstelligen können, dass Silana ganz offen Teil der Familie sein kann, und eine gute Zukunft haben kann. Ohne dass... all diese prüden kleingeistigen Klatschweiber und Tratschburschen... sich darüber die Mäuler zerreissen." Nicht, dass ich nicht ebenfalls hellhörig geworden wäre, wenn eine Dame der höheren Gesellschaft mit einem mal ein uneheliches Kind bei sich gehabt hätte – aber was meine Schwester anging, lagen die Dinge natürlich völlig anders, sie war schließlich eine Decima von Temperament, Stärke und geistiger Brillianz, eine herausragende Persönlichkeit, eine Ritterin des Reiches, und hatte jedes Recht sich einen Liebhaber zu nehmen wenn ihr danach war. Basta.
    "Und da habe ich drei Möglichkeiten gesehen. Sicher hast du vieles davon auch schon bedacht, aber ich sag dir einfach mal wie mir das erscheint. Zum einen – du könntest... diesen Iunier still und leise heiraten und die Hochzeit zurückdatieren, sagen dass ihr euch damals nur heimlich vermählt habt, der politischen Wirren wegen. Ich glaube allerdings kaum, dass... dieser Iunier einen passablen Ehemann für dich abgäbe, denn..." Ruhig Blut, Faustus. Ich verbiss mir gerade noch rechtzeitig die keineswegs schmeichelhafte Einschätzung, die ich ihr gerne ausführlich vorgetragen hätte. Wir hatten uns schon zu oft über ihre Heiratskandidaten in die Haare bekommen. (Wenn ich nur an diesen drolligen aelischen Postboten damals dachte...) Ich mußte mir eben eingestehen, dass ihr Geschmack sehr anders war als der meine. (Ausser bei dem Quintilier. Der war so was von heiß gewesen.)
    "...naja. Ich kenne ihn nicht persönlich, nur dienstlich. Aber einen gewissen Eindruck habe ich durchaus von ihm gewonnen. Und er hat wohl kaum dein Format – mehr will ich gar nicht dazu sagen." deutete ich mit vielsagener Miene an... und winkte ab.
    "Die zweite Möglichkeit wäre, Silana eine verstorbene Verwandte als Mutter anzudichten und sie zu adoptieren. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das zu offensichtlich wäre. Es müsste zumindest sehr umsichtig inszeniert werden. - Die dritte Möglichkeit wäre: wir könnten sie als meine Tochter ausgeben, deren Mutter in den Kriegswirren verschollen ist. Es würde wohl niemand seltsam finden, wenn du dich deiner 'Nichte' annimmst. - Ich weiß dass keiner der Vorschläge perfekt ist, aber... Ich meine ja nur. Es wäre eine Option."

    "Gut." murmelte ich. Erleichtert, als er diese Befürchtung zerstreute.
    Er musterte mich. Ich hob den Blick und betrachtete ihn meinerseits stumm. Die Rührung kroch in meine Kehle bei seinen Worten, und bewegt biss ich mir auf die Lippen. Was mußte es ihn gekostet haben, hierherzukommen. Mein Vater hatte schließlich auch den familiären Dickschädel.
    "Ich habe euch vermisst." flüsterte ich. Und trat näher an ihn heran, legte ihm die Hand auf den Arm. "Lass uns hinausgehen."


    Aus dem Inneren des Tempels traten wir auf den Vorplatz. Die Giebelspitze war von der Abendsonne noch mit Licht betupft, während der Platz schon in tiefen Schatten lag. Erst als wir zwischen den Säulen weitab lauschender Ohren waren, sprach ich weiter.
    "Ich habe euch vermisst." wiederholte ich. "Und doch..." Beklommen wandte ich den Blick ab, auf ein verwittertes Fries, kämpfte mit mir, sah fast schüchtern wieder zu Livianus. Es fiel mir so schwer das zu sagen, ich fürchtete ihn vor den Kopf zu stoßen, ihn zu enttäuschen, ihn zornig zu machen. Und doch ließ es sich beim besten Willen nicht ignorieren.
    "...ich meine... du weißt, dass ich nicht ohne Grund gegangen bin. Wie soll ich denn... leben in einem Haus, in dem selbst meine Familie die Lügen der Kaisermörder glaubt, die elende Propaganda, die mich... zum ruchlosen Schergen eines Ungeheuers macht. Oder sie zumindest zu glauben vorgibt. In dem selbst grünschnäbelige junge Verwandte nicht davor zurückschrecken, meinen Namen öffentlich in den Dreck ziehen. Ein Haus, in dem über den Mord an unserem Klienten, über die Verschleppung meiner Schwester und über meine Tortur, einfach drüber hinweggesehen wird."
    Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. "Ein Haus, in dem ständig die Schweine ein und aus gehen, mit denen du dich... aus politischen Gründen, ich weiß, aber nichtsdestotrotz... verbündet hast? Der Mann, mit dem du dich da öffentlich ausgesöhnt hat, der Duccier..." Ich stockte. Holte erneut Atem, und sagte es schnell, ich versuchte, nur die Worte zu sagen, ohne die Gedanken zu denken, ohne die Erinnerungen hochkommen zu lassen, "...Im Kerker. Er hat mich gefoltert." Es schnell sagen, und schnell darüber hinweggehen, einfach weiter, nur nicht in den Abgrund sehen, einfach weitersprechen, weiterdenken, kühl die Luft, der welke Geruch des Laubes, und rauchblau der Himmel und glatt der Stein der Säule, und ich, ebenso kühl, mein Gesicht ebenso steinern, alles weit weg. Weit weg.
    "Ich möchte sehr gerne nach Hause kommen, Vater. Aber so. Das... geht einfach nicht. Das ertrage ich nicht."

    Ich vergrub das Gesicht in den zerschundenen Händen. Licinus hatte es eingestanden. Er hatte mich um Verzeihung gebeten, und ich wünschte so sehr, es wäre damit alles wieder schön und gut und wir damit wieder beste Freunde. Aber was änderte es schon? Was änderte es an seinen Taten? Ich suchte in mir nach... dem Funken Vertrauen, um unsere Freundschaft neu zu entzünden. Aber da war kein Vertrauen mehr. Nada. Ich war leer. Hohl. Ausgehöhlt.
    ".... Das sind doch nur Worte." sagte ich nach einer Weile tonlos. "Was soll ich mit Worten. Worte sind wohlfeil. - Du willst etwas tun sagst du? Was denn? Was willst du tun, um mein Vertrauen zurückzugewinnen?! - Bis dahin sind es nur Worte. Wie sollen Worte mich vergessen machen, dass du mich in der Not im Stich gelassen hast. Warum sollte ich es überhaupt vergessen wollen? Damit du mich beim nächsten Mal wieder genauso im Stich lässt?"
    Etwas kaltes schnürte mir die Brust zusammen. Meine Stimme klang wieder so fremd.
    "Hast du... hast du überhaupt eine Ahnung... wie das war?!!" brach es gequält aus mir hervor.


    Stille. Natürlich konnte Licinus nicht wissen wie es war. Und selbst wenn ich ihm davon erzählen würde... für jemanden, der es nicht selbst hatte erleben müssen, würden Kerkerhaft und Qual, Ächtung und Isolation, mein Fall, dieses gründliche Zerschmettern meiner gesamten Existenz am Ende auch nur Worte bleiben. Worte. Wahrscheinlich würde er bestürzt sein, und etwas peinlich berührt, noch sprachloser als jetzt schon, und dann schnellstmöglich darüber hinweggehen, sich verabschieden und in Zukunft den verstörenden Kontakt mit mir gleich von vorneherein vermeiden. Was mir widerfahren war, hatte mich grob herausgerissen aus der 'normalen Welt', es entfremdete mich von allem das mir früher selbstverständlich, von allen die mir früher vertraut gewesen waren.
    Ich lies die Hände sinken und wandte den Kopf zu ihm, fasste ihn hart ins Auge. Im Grunde waren wir Menschen doch nur Figuren, die irgendwo in der Landschaft eine Zeitlang nebeneinander herumstanden, und es war Blödsinn so zu tun als wäre es anders.
    "Dass du mir mein Landgut bei Cremona zurückgibst, sollte selbstverständlich sein. Ich habe dir jetzt jahrelang Verwaltung und Erträge überlassen, im Glauben einem Freund damit bei seinem Werdegang behilflich zu sein. Aber ich hätte wohl besser auf meine iberische Großmutter gehört, die pflegte zu sagen: 'Freundschaft vergeht, Acker besteht.' -
    Du, Licinus, warst Teil des verbrecherischen Umsturzes, der... neben allem anderen Unheil... dafür gesorgt hat, dass in dieser Welt kein Platz mehr für mich ist. Sag mir: Was willst du TUN, um das zu ändern?! Bist du bereit, für mich einzustehen?! Hast du den Schneid dafür?! Bist du bereit die Wahrheit, die meinen Namen reinwäscht, zu vertreten, entgegen aller Propagandalügen?!"


    edit: zweiter Teil

    Es war nicht das erste Mal, dass Massa, wenn konfrontiert mit bedrohlichen Themen, die seine Weltsicht herausforderten, oder die den Rahmen des Alltäglichen sprengten, einfach verstummte, und gar nicht mehr darauf antwortete. Und es war nicht das erste Mal, dass er mich damit vor den Kopf stieß.
    Ich hatte es noch nie gemocht mit Wänden zu reden. Es war so.... einseitig.


    Darum verfolgte ich konsterniert wie er mit einem mal nur noch über seine Geschäftspläne plauderte, und seine absurde Idee äusserte, er, ein Decimer, wäre für Livianus weniger fördernswert als ein Iunier oder Iulier?
    "Wenn du so vehement darauf bestehst, dir selbst im Weg zu stehen, dann wird dir wohl niemand helfen können." kommentierte ich sarkastisch.
    Ich schüttelte den Kopf, legte meine Kleidung wieder an, warf mir den Mantel um. Wir verließen die Therme, gingen noch ein Stück zusammen bevor wir uns trennten.
    "Also dann." Ich umarmte ihn. "Bis dann. Danke für die Einladung. Und gute Geschäfte wünsche ich dir. Es war schön dich wiederzusehen. Mach's gut." verabschiedete ich mich. Bis wir zu unserer alten Vertrautheit zurückfinden würden, da war es wohl noch ein langer Weg. Immerhin war ein Anfang gemacht, und ich war fest entschlossen daran anzuknüpfen und Massa bald wieder zu sehen.
    Müde kehrte ich zurück nach Portus. Wo am nächsten Morgen (viel zu früh) meine Mission frischer Fisch weiter gehen würde...


    >>

    Er verstand. Es war der Klang des Endgültigen. Natürlich sah ich... konnte ich nicht übersehen, unter den tapferen Worten, wie tief ich ihn verletzt hatte. Und es erinnerte mich selbst... so fatal an meine eigenen Erlebnisse, wie oft war ich früher selbst in so Situationen geraten, früher, da ich noch gewagt hatte das Absolute zu wollen. "Ach Flosculus mein Schöner, sicher hatten wir eine nette Zeit, aber nimm das doch nicht so ernst, und jetzt muß ich los, meine Freundin wartet. "
    Nur keine Schwäche zeigen. Zähne zusammenbeißen. Beim nächsten Mal gleich von anfang an ironisch lieben. Aber im Grunde dachte man dann doch nur: "Du Arsch.".
    Jetzt war ich selbst auf der Seite der Ärsche. (Bei Dives... damals im Park... auch schon...)
    Aber...
    aber es war doch...
    bestimmt besser... denn wie in aller Welt... könnte er mit mir glücklich werden...
    Doch Borkan gab nicht auf. Starr und stumm saß ich vor ihm, spürte wie von ferne seine Hand auf meiner Wange. Ich atmete kaum. Ich antwortete nicht. Ich hatte Angst ihm zu glauben, so verteufelt Angst, dass es am Ende nur wieder blutige Wunden geben würde.
    Es geht schief.
    Ich steh das nicht durch.
    Wenn er mich erst wirklich kennt, wird er mich verlassen.
    Es war furchtbar, diese Augenblicke am Scheideweg. Sein Blick ging mir bis ins tiefste Innerste. Ich mußte etwas sagen. Er erwartete meine Antwort. Meine Kehle war zugeschnürt.
    "Borkan" flüsterte ich. Und wieder wurde es bleiern still. "Ich..." setzte ich stockend an, jedes Wort mühevoll dem Schweigen abringend, "...will nicht dass du gehst."


    Ganz langsam wandte ich den Kopf, und lehnte mein Gesicht gegen seine streichelnde Hand. Sein Bild verschwamm vor meinen Augen, und mit einem mal suchte sich ein feuchtes Rinnsal seinen Weg über meine Wange. Ich blinzelte, wischte mir betreten die Augen. Dann war es vollends um mich geschehen, ich legte beide Arme um Borkan und zog ihn an mich, mit einer Inbrunst, die ich nicht mehr in mir zu finden geglaubt hätte.
    "Nichts wünsche ich mir mehr, als dass du bei mir... dass wir zusammen bleiben...!" hauchte ich ihm ins Ohr, so aufgewühlt wie das Mare Nostrum bei Herbststurm. Schwindelig suchte ich seine Lippen, und alles drehte sich, wirbelte wie ein tosender Malstrom um uns herum, als ich ihn küsste, voll ungestümer Zärtlichkeit, glaubend, und hoffend und denkend, dass diesmal eben doch ein Wunder geschah.