Die rasende Liebe der Tarpeia, die Truppen der Sabiner vor den Toren Roms... je weiter das Stück voranschritt, je düsterer sich das Verhängnis zusammenzog, je mahnender die Gesänge des Chores durch das Theater brausten... um so unaufhaltsamer kroch die Beklemmung durch meine Augen und Ohren in mich hinein, schlang das Leid der Tarpeia sich würgend um mein Herz...
Vollkommen gebannt folgte ich dem Drama, hatte Borkans Hand mittlerweile wieder losgelassen und die Hände starr auf meine Knie gelegt, denn ich verstand die Qualen der Heldin so gut, ich fand mich wieder in dieser törichten Frau, die so unendlich zerrissen war, zwischen ihrer Liebe zu einem Hochverräter auf der einen Seite... - äh, feindlichen Feldherrn, aber so viel anders war das nicht, auch er brachte Unheil und Krieg über Rom – und der Pflicht gegenüber Rom auf der anderen Seite...
Aufgewühlt und blass presste ich die Lippen aufeinander, machte mein Gesicht starr, um niemandem, aber auch keiner Menschenseele, hier auch nur den geringsten Einblick zu erlauben, während ich bebend, auf meiner eigenen Bühne wieder das alte Stück aufgeführt sah: wie Manius zu mir gekommen war, sich unter Todesgefahr in die Stadt gestohlen hatte, um mich zu überreden, mich den Aufständischen anzuschließen, wie er von mir als Gardepräfekten verlangt hatte den Kaiser zu ermorden, wie er mich belogen, so ungeheuerlich belogen hatte, wie es mich innerlich auseinandergerissen hatte, 'ich sollte dich ausliefern!' hatte ich ihm entgegengeschleudert, und zugleich hatte ich so entsetzliche Angst um den Geliebten gehabt.... Manius hatte in seiner Verblendung geglaubt im Recht zu sein. Titus Tatius übte auch nur Vergeltung für den Raub der Sabinerinnen.
Und so kam es, dass ich da, so merkwürdig das auch klingt, ausgerechnet zwischen meiner neuen Liebe und meiner alten Liebe, im Theater saß und ausgerechnet die Gedanken an Manius, die ich so lange einfach verbannt hatte, einfach nicht zugelassen hatte, durch das Theater erweckt, über mich hereinbrachen.
Auf der Bühne des (großen und allgemeinen) Theaters wurde derweil das Pariliafest gefeiert, die Römer (damals wohl noch nicht ganz so sehr auf Gravitas versessen) machten Musik, schmausten und tranken, tanzten Hirtenreigen und sprangen über flackernde Strohfeuer... während die liebesblinde Tarpeia heimlich den Titus Tatius traf und ihren verräterischen Bund mit ihm schloß. Sie verbrachten die Nacht zusammen, die Vestalin brach frevelnd ihr Gelübde – alles nur angedeutet, wir waren ja in einer Tragödie, nicht beim Possenspiel. Eine Nacht des Liebesglückes nur... wobei es bei Philonicus' Interpretation des Titus Tatius meisterhaft in der Schwebe blieb, in wie weit der Sabinerfeldherr der Römerin nun ebenso verfallen war, und in wie weit er sie von Anfang an lediglich als sein Werkzeug ansah.
Am Morgen führte Tarpeia den Feind über einen verborgenen Pfad hinauf in die Festung, Tatius erschlug erst die Wachhunde, dann fielen seine Soldaten über die ihren Rausch ausschlafenden Römer her, im Handstreich war das Kapitol – und damit Rom erobert. Noch über den Leibern ihrer gefallenen Landsleute, forderte Tarpeia den Tatius auf, sein Versprechen wahr zu machen, und sie zu seiner Königin zu machen. Doch der Geliebte bestrafte ihren Verrat, der ihm Rom eingebracht hatte, durch seinen eigenen Verrat, und auf seinen Befehl hin scharrten sich seine Soldaten um die gefallene Vestalin, warfen ihre Schilde über sie und zertrümmerten ihr alle Knochen.
"Dieses, o Jungfrau, war
Bräutlicher Lohn für den Dienst!"
schloß Romulus als Erzähler lakonisch die Geschichte,
"So empfing der Fels seinen Namen,
Durch Tarpeia, Führer des Feindes.
Oh Wächter, dein Schicksal ist es,
den Lohn, obschon schuldlos, zu tragen."
Das Ende.
Stille.
Applaus.
Die Schauspieler kamen, die Masken nun in den Händen tragend, auf die Bühne, wurden vom tosendem Beifall umströmt. Philonicus strahlte, und auf den jungen Leophanes, der die Tarpeia verkörpert hatte, flogen aus dem Publikum so einige Blumensträusse und ein... strophium... zu, (was er mit blasiertem Lächeln quittierte).
Überwältigt, und noch immer tief in das Geschehen auf meiner eigenen Bühne versunken spendete auch ich reichlich Applaus. Ich blieb sitzen, als der Aufbruch begann, versuchte mich wieder zu sammeln. Die Holzböden knarrten, Gewänder raschelten, und ein Murmeln und Plaudern erhob sich in dem Theater, als die ersten Eindrücke ausgetauscht wurden, während das Publikum zu den Ausgängen strebte.


