Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Die rasende Liebe der Tarpeia, die Truppen der Sabiner vor den Toren Roms... je weiter das Stück voranschritt, je düsterer sich das Verhängnis zusammenzog, je mahnender die Gesänge des Chores durch das Theater brausten... um so unaufhaltsamer kroch die Beklemmung durch meine Augen und Ohren in mich hinein, schlang das Leid der Tarpeia sich würgend um mein Herz...
    Vollkommen gebannt folgte ich dem Drama, hatte Borkans Hand mittlerweile wieder losgelassen und die Hände starr auf meine Knie gelegt, denn ich verstand die Qualen der Heldin so gut, ich fand mich wieder in dieser törichten Frau, die so unendlich zerrissen war, zwischen ihrer Liebe zu einem Hochverräter auf der einen Seite... - äh, feindlichen Feldherrn, aber so viel anders war das nicht, auch er brachte Unheil und Krieg über Rom – und der Pflicht gegenüber Rom auf der anderen Seite...
    Aufgewühlt und blass presste ich die Lippen aufeinander, machte mein Gesicht starr, um niemandem, aber auch keiner Menschenseele, hier auch nur den geringsten Einblick zu erlauben, während ich bebend, auf meiner eigenen Bühne wieder das alte Stück aufgeführt sah: wie Manius zu mir gekommen war, sich unter Todesgefahr in die Stadt gestohlen hatte, um mich zu überreden, mich den Aufständischen anzuschließen, wie er von mir als Gardepräfekten verlangt hatte den Kaiser zu ermorden, wie er mich belogen, so ungeheuerlich belogen hatte, wie es mich innerlich auseinandergerissen hatte, 'ich sollte dich ausliefern!' hatte ich ihm entgegengeschleudert, und zugleich hatte ich so entsetzliche Angst um den Geliebten gehabt.... Manius hatte in seiner Verblendung geglaubt im Recht zu sein. Titus Tatius übte auch nur Vergeltung für den Raub der Sabinerinnen.
    Und so kam es, dass ich da, so merkwürdig das auch klingt, ausgerechnet zwischen meiner neuen Liebe und meiner alten Liebe, im Theater saß und ausgerechnet die Gedanken an Manius, die ich so lange einfach verbannt hatte, einfach nicht zugelassen hatte, durch das Theater erweckt, über mich hereinbrachen.


    Auf der Bühne des (großen und allgemeinen) Theaters wurde derweil das Pariliafest gefeiert, die Römer (damals wohl noch nicht ganz so sehr auf Gravitas versessen) machten Musik, schmausten und tranken, tanzten Hirtenreigen und sprangen über flackernde Strohfeuer... während die liebesblinde Tarpeia heimlich den Titus Tatius traf und ihren verräterischen Bund mit ihm schloß. Sie verbrachten die Nacht zusammen, die Vestalin brach frevelnd ihr Gelübde – alles nur angedeutet, wir waren ja in einer Tragödie, nicht beim Possenspiel. Eine Nacht des Liebesglückes nur... wobei es bei Philonicus' Interpretation des Titus Tatius meisterhaft in der Schwebe blieb, in wie weit der Sabinerfeldherr der Römerin nun ebenso verfallen war, und in wie weit er sie von Anfang an lediglich als sein Werkzeug ansah.
    Am Morgen führte Tarpeia den Feind über einen verborgenen Pfad hinauf in die Festung, Tatius erschlug erst die Wachhunde, dann fielen seine Soldaten über die ihren Rausch ausschlafenden Römer her, im Handstreich war das Kapitol – und damit Rom erobert. Noch über den Leibern ihrer gefallenen Landsleute, forderte Tarpeia den Tatius auf, sein Versprechen wahr zu machen, und sie zu seiner Königin zu machen. Doch der Geliebte bestrafte ihren Verrat, der ihm Rom eingebracht hatte, durch seinen eigenen Verrat, und auf seinen Befehl hin scharrten sich seine Soldaten um die gefallene Vestalin, warfen ihre Schilde über sie und zertrümmerten ihr alle Knochen.


    "Dieses, o Jungfrau, war
    Bräutlicher Lohn für den Dienst!"

    schloß Romulus als Erzähler lakonisch die Geschichte,
    "So empfing der Fels seinen Namen,
    Durch Tarpeia, Führer des Feindes.
    Oh Wächter, dein Schicksal ist es,
    den Lohn, obschon schuldlos, zu tragen."


    Das Ende.
    Stille.
    Applaus.
    Die Schauspieler kamen, die Masken nun in den Händen tragend, auf die Bühne, wurden vom tosendem Beifall umströmt. Philonicus strahlte, und auf den jungen Leophanes, der die Tarpeia verkörpert hatte, flogen aus dem Publikum so einige Blumensträusse und ein... strophium... zu, (was er mit blasiertem Lächeln quittierte).
    Überwältigt, und noch immer tief in das Geschehen auf meiner eigenen Bühne versunken spendete auch ich reichlich Applaus. Ich blieb sitzen, als der Aufbruch begann, versuchte mich wieder zu sammeln. Die Holzböden knarrten, Gewänder raschelten, und ein Murmeln und Plaudern erhob sich in dem Theater, als die ersten Eindrücke ausgetauscht wurden, während das Publikum zu den Ausgängen strebte.



    Törichte Tarpeia. Törichte, wahrhaft liebende Verräterin. (Und törichte Torquata...) Auf meinem Sitz zurückgelehnt verfolgte ich die Tragödie, wobei das Gladius, welches ich in einer Rückenscheide unter dem weitem Mantel trug, recht unbequem war. Und fröstelte, doch nicht nur ob des beklemmenden Schicksals auf der Bühne und des frostigen Wortwechsels eben, auch weil es hier im Theater sehr kühl war und durch die Bretterritzen gewaltig zog. Ich schlang meinen Mantel enger um die Schultern, und vermisste die schöne Feh-gefütterte Lacerna, die ich, pleite und auf der Suche nach Borkan, beim Krämer versetzt hatte.


    'Nett' raunte es zu meiner Linken. Ich zwang mich mit aller Macht, jetzt nicht zu Dives zu sehen. Und dies unkommentiert zu lassen. Dives hatte zwar, als ich die beiden bekannt machte, sein undurchschaubares Lächeln tapfer aufrecht erhalten, doch ich konnte mir denken, dass es in ihm anders aussah. Dass er, sonst so geistreich, sich mit einem Mal nicht besser zu helfen wusste, als plump über mein Alter zu sticheln, das zeigte doch wie schwer er daran zu schlucken hatte... daran, es nicht nur zu hören, sondern es mit eigenen Augen zu sehen, dass er mich, als er mich fallenließ - als er sich gegen mich, für das Nichtwissenwollen und für die Erpresserin entschied - verloren hatte. An einen Mann, der wirklich zu mir stand!


    Aufgewühlt erwiderte ich Borkans solidarischen Blick, zog eine entschuldigende Grimasse – eben hatte ich ja noch angekündigt, dass es nur um die Ermittlung gehen sollte, dass Dives es besser nicht erfahren sollte, dass wir zusammen waren, und dann war es mir irgendwie doch herausgerutscht. (Törichter Serapio.)
    Doch Borkan hatte sich gut geschlagen! Ich griff nach seiner Hand, und verschränkte meine Finger mit den seinen. Strich mit dem Daumen zärtlich über seinen Handrücken. Zum einen, weil es mich unheimlich danach verlangte. Am liebsten hätte ich Borkan sogar den Arm um die Schultern gelegt. Das wünschte ich mir schon lange... seitdem ich in Alexandria einst bei einer Elektra-Vorstellung, die ich mit Alibi-Freundin Celeste besucht hatte, gesehen hatte, wie ein Erastes seinen jugendlichen Eromenos in aller Öffentlichkeit im Theater in den Arm genommen hatte – und sich keiner daran gestört hatte! (So lange schon hegte ich diese Wunschvorstellung, dass die Rolle meines Geliebten in diesem Traum schon mehrmals gewechselt hatte, und eine Zeitlang hatte er natürlich auch Dives Gesicht getragen... -)
    Zum anderen gab mir diese Geste einen winzigen kleinen... einen blassen Hauch von Genugtuung für diesen grauenvollsten aller Augenblicke auf der Hochzeit des Grauens, als Dives feige so getan hatte als würde er mich, der ich verzweifelt vor ihm stand, gar nicht mehr sehen... und statt dessen demonstrativ die Hand seiner Erpresserin ergriffen hatte.


    Wie war das noch gewesen, bei Platon, der sagte, dass wahrhaftige Liebe gleichbedeutend damit war, der Raserei zu verfallen, der Mania. Vom Eros erfüllt zu sein... war ein göttlicher Wahnsinn. Ich litt mit der liebenden Tarpeia da unten auf der Bühne...die allerlei Ausreden benützte, um ihren feindlichen Feldherren zu treffen:


    "Oftmals gab unwahr sie
    Die Schuld den Omen des Mondes,
    Sagend, im fließenden Strom
    Müsse sie spülen das Haar.
    Oftmals bat sie die Nymphen,
    Mit Silberlilien schmeichelnd,
    Dass doch den Tatius nicht
    Schändete Romulus Speer.


    Zum Kapitol dann steigend,
    Sobald es mit Rauche bewölkt ward,
    Brachte von Stachelgerank
    Wund sie die Arme zurück.
    Jezo saß sie und klagt'
    Also vom tarpejischen Gipfel
    Ihr dem benachbarten Zeus
    Nicht ungeahndetes Weh:"


    Warum nur reichte allein die Erwähnung der 'Nymphen' aus, um mich wieder auf irritierende Gedanken, die gar nichts mit dem Stück und schon gar nichts mit den Ermittlungen zu tun hatten zu bringen? Aus den Augenwinkeln nur spähte ich heimlich nach links, Borkans Hand zu meiner Rechten weiter streichelnd, während Tarpeia anhob, zu ihrer wahnsinnigen Liebesklage:


    "O ihr Feuer im Lager, und Tatius Prätorgezelt du,
    Und des sabinischen Heers Rüstungen, reizend für mich!
    Gern als Gefangene säß' ich vor eueres Herdes Penaten,
    Hielte mein Tatius nur mich als Gefangne daheim!


    Ihr romanische Berg', und bergumwohnende Roma,
    Leb' auch, Vesta, mir wohl, welche mein Frevel beschimpft!
    Möge das Ross, ach jenes, mich Liebende tragen ins Lager,
    Dem mein Tatius rechts selber die Mähne gelegt!


    Wundern wir uns, dass Scylla getobt auf die Haare des Vaters,
    Und ihr glänzender Schoß tobende Hunde gezeugt?
    Wundern wir uns des Verrats am Hornscheusale, dem Bruder,
    Als das verfolgete Garn führt' aus der Irre des Wegs?


    Ha! ich Frevlerin werd' ausonischen Mädchen zum Vorwurf,
    Ich, zum Dienste des jungfräulichen Herdes gewählt!
    Wer mit Erstaunen vernimmt, dass Pallas Flamme gelöscht sei,
    Wolle verzeihn: den Altar sprengeten Tränen von mir.


    Morgen, so sagt das Gerücht, wird ringsum Kampf in der Stadt sein.
    Nimm vor der dornigen Höh tauendem Hang dich in Acht.
    Schlüpfrig ganz ist der Weg und treulos; denn in geheim stets
    Hält er die Krümmung hinan täuschende Wasser verdeckt.


    O, dass bekannt mir wäre Bezauberung magischer Lieder!
    Reizender, auch mein Mund hätte dir Hilfe gebracht!
    Dich ziert Purpurgestick; nicht ihn, der zur Schande der Mutter,
    Aus unmenschlicher Brust Wildheit der Wölfin sich sog.


    Lass mich Fremde bei dir doch Königin werden am Hofe;
    Brautschatz, nicht zu verschmähn, ist die verratene Rom.
    Aber wenn nicht; doch strafe den Raub der sabinischen Töchter:
    Raube du mich, und vergilt gleiches mit gleichem Gesetz.


    Ich kann trennen die schon kampffertigen Treffen: o Weiber.
    Ihr auf meinem Gewand mittelt den Friedensvertrag.
    Gieb, Hymenäus, den Ton: sei stumm, wildhallende Tuba!
    Glaubt mir, sänftigen wird euere Waffen mein Bett.


    Schon die vierte Drommete verkündiget nahendes Tagslicht,
    Und zum Oceanus schon sinkt das verwachte Gestirn.
    Lass mich versuchen den Schlaf; von dir zu träumen begehr' ich.
    O, dass freundlich mir doch schwebe vor Augen dein Bild!"





    So war es in Ordnung. Ich nickte, streckte die Hand aus, und nahm die Listen von ihm entgegen.
    "Danke. Nimm Platz, Centurio." forderte ich ihn auf.
    Mein Blick flog über die erste Tabula... stockte... hielt inne... kehrte zurück zu der unglaublichen Zahl... und mir fiel fast der Unterkiefer runter. - 73? Dreiundsiebzig??
    Die Mannstärke war ja schon alles andere als berauschend, doch nach den Verlusten im Krieg und der Vernachlässigung in der Folgezeit war sie nicht überraschend. Die Krankenzahl war normal. Aber dreiundsiebzig im Urlaub? Und das noch dazu jetzt? Wo der Senat sich gerade zerfleischte, und wahrscheinlich bald der offene Kampf zwischen den Thronaspiranten ausbrechen würde!
    Erst schüttelte ich nur ungläubig den Kopf, dann sträubte sich mir förmlich das Nackengefieder!
    "Bei allen Furien!" rief ich aus, die Hände baff gen Himmel wendend, "Ja sind wir denn die Garde, oder sind wir ein verdammter URLAUBSVEREIN?!"
    Ich atmete tief durch, blickte wieder auf die Tabula, dann zum Centurio - machte mir klar, dass er gerade nur der Bote, und lediglich für seine eigene Centurie verantwortlich war - zeigte mit dem Finger heftig auf die ungeheure Zahl.
    "Wie zum Hades kommt das?"


    Wahrscheinlich, so dachte ich mir, waren die Offiziere einfach besonders bestechlich, und die Soldaten besonders undiszipliniert geworden, vielleicht waren einige "Urlauber" auch Phantomsoldaten, die findige Menschen auf die Mannschaftsliste geschmuggelt hatten um ihren Sold abzugreifen, das war alles nicht so besonders ungewöhnlich. Aber in dem Ausmaß...! Solche Verhältnisse hatte es nicht mal bei der laxen XXII. gegeben! Und wir hier, wir waren doch... eigentlich... die Elite.

    Die paar Zeilen bloß... trafen mich mit einer Wucht, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich hatte sie vorgefunden, diese paar Zeilen, als ich abends, müde nach dem Dienst, nach Hause gekommen war, und schon beim Anblick des Siegels hatte das Herz mir bis zum Hals geschlagen, ich hatte den Brief so hastig mit in mein Cubiculum genommen wie ein Hund den Knochen in seine Hütte schleppt, und noch in Rüstung, und im verschwitzten Subarmalium hatte ich das Siegel gebrochen, las im stehen halblaut die paar Zeilen, die Manius mir hier schickte.


    "Salve! Ich gratuliere dir zu deiner Ernennung zum Tribun der Garde und ich hoffe, dass dies dir endlich auch wieder die dir zustehende Reputation zurückbringen wird, gleichwohl ich ebenfalls hoffe, dass du dich wohl befindest. Meine Schuldigkeit gegenüber dir und deiner Familie indes bleibt weiter bestehen, darob lasse mich bitte wissen sofern es etwas gibt, bei dem ich dir behilflich sein kann. Vale bene! Manius Flavius Gracchus. P.S.: Vieles mag sich verändert haben, doch deplorablerweise bleiben die Folgen katastrophal."


    So eloquent in der Kürze... als Antwort auf meine verstümmelte Notiz. So nobel. Aber auch so distanziert. 'Schuldigkeit'. Was wir uns einst für Briefe geschrieben hatten... wundervolle seitenlange Briefe, meine ganze Seligkeit in Nikopolis, und auf dem Feldzug im Zwölfmeilenland... Und nun dieses förmliche, ferne.
    Die Unterschrift war zittrig, viel mehr noch als früher.
    Es geht ihm nicht gut. Er quält sich.
    Und dann das Postscriptum... ein wehmütiges Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, ganz kurz, bei dem Wort 'deplorablerweise'... doch er hatte Recht, die Lage war bedrohlich, wieder drohte ein Krieg, und sicherlich gab Manius sich mit die Schuld daran... Befremdet spürte ich, wie ein Schub von unglaublicher Sehnsucht mich überkam, der Wunsch ihn zu sehen, ihn in die Arme zu schließen, zu spüren. Ich erschrak richtig vor dieser plötzlichen Heftigkeit, und abrupt legte ich den Brief weg.
    Krieg dich wieder ein Faustus, die paar dürren Zeilen, und gleich bist du wieder so verteufelt sentimental...
    Manius war passé, er hatte mich belogen, er war gefährlich, ich hatte ihn hundertmal für passé erklärt, und ich war nun mit Borkan zusammen und sehr glücklich mit ihm, Borkan war wundervoll, traumhaft, ich war verrückt nach Borkan und er nach mir, wir passten perfekt zusammen, alles war gut, endlich war alles gut.
    Basta.


    Ich legte Rüstung und Kleidung ab, nahm ein Bad, aß mit der Familie zu Abend, doch die ganze Zeit war ich wie neben mir. Vor dem Serapisschrein brachte ich ein kleines Opfer, und spielte eine Melodie aus dem Tempelhymnos auf meiner Syrinx. Doch mit einem mal brachen die Gedanken wieder zu mir herein:
    Wenn ich ihm doch zumindest einen richtigen Brief schreiben könnte!!
    Aber seitdem diese furchtbare Aurelia mich mit meinen Briefen an Manius erpresst hatte, war ich ein gebranntes Kind und würde ganz bestimmt niemals mehr etwas erpressertaugliches niederschreiben, und schon gar nicht in diese Villa schicken...

    Na wunderbar. So ziemlich alles hatte sich verändert – nur dieser Centurio, mein ganz spezieller Freund, der war natürlich noch da und schob seine Visage prompt in mein Officium. Ich musterte ihn, nachdenklich, denn ich hatte mich ja eingehend informiert, und dabei erstaunliches über ihn gehört – er sei einer der ganz wenigen gewesen, die es nach Vicetia abgelehnt hatten überzulaufen, und die darum Gefangenschaft und Schikanen hatten erdulden müssen. Tatsache! Nach seinen früheren Eskapaden hatte ich den Mann gefressen, aber dieser Beweis seiner Ehrenhaftigkeit nahm mich wieder für ihn ein. Zudem waren einfach kaum noch gute Leute übrig, und ich musste, rein pragmatisch gesehen, wohl oder übel mit dem arbeiten was da war.
    Was nicht hieß, dass ich Schlampigkeit dulden würde.
    "Salve. Ich erwarte, dass du korrekt grüßt, Centurio Iulius." wies ich ihn an, genervt dass wir erst mal mit so was Zeit verschwenden mussten. Den Listen schenkte ich noch keine Aufmerksamkeit.

    Zitat

    Original von Marcus Decimus Livianus
    ...


    "Bei allen Furien..." murmelte ich, als mein Vater begann, mir von den unglaublichen Ereignissen im Senat zu erzählen. Ich saß gebannt auf der Vorderkante des Stuhls, und in meinem Kopf dröhnte, wie ein Schmiedehammer immer nur der Gedanke: Nur nicht wieder Krieg. Bloß nicht noch ein Bürgerkrieg. Nicht schon wieder. Nur nicht wieder Krieg.
    "Der Aurelier war Teil des Verschwörerzirkels, wahrscheinlich hat er ihn deswegen ausgewählt." warf ich ein. Einen direkten Beweis hatte ich zwar nicht, aber starke Indizien, und diese seltsame Entscheidung war ein weiteres davon. Ja, was schweißte inniger zusammen, als die gemeinsame Auslöschung des herrschenden Kaisergeschlechtes?
    "Wenn du ihn aus dem Weg haben willst, könnten wir ihn für den Hochverrat, den er da begangen hat, anklagen." überlegte ich laut. Es wäre wirklich schön, wenn zumindest eines dieser Schweine die gerechte Bestrafung erhalten würde. Aber während ich es vorschlug, dachte ich schon, dass mein Vater die offene Konfrontation wahrscheinlich nicht wollen würde. Und vielleicht war es wirklich... im Augenblick nicht die oberste Priorität. (Und was wenn eine solche Anklage Manius mit schaden würde? Es war kompliziert.)


    "Hm... Heisst es nicht, dass, als Domitian ermordet wurde, der Senat seinen Nachfolger innerhalb eines einzigen Tages gewählt hat?" fragte ich vorsichtig, als mein Vater zu Ende gesprochen hatte. (Ich hatte für mein Examen Tertium an der Academia Militaris einen Haufen Zeug über Domitian lesen müssen.) "Nerva hatte zwar anfangs auch nicht die militärische Unterstützung, doch die hat er sich dann ja später besorgt." Als er Trajan adoptierte.
    Die Bedenken meines Vaters verstand ich absolut, und es war wirklich furchtbar, anscheinend einer Meinung mit diesem aurelischen Hochverräter zu sein, andererseits aber.... "Ähm... verzeih wenn ich dir widerspreche, aber die mächtigen Statthalter, Proconsuln und Legionsleganten werden, wenn sie die Neuigkeit erfahren, doch sowieso nach dem Thron gieren, und eher ihre Truppen in Marsch setzen als gesittet zur Wahl anzutreten...? Und auch bei geschlossenen Toren... werden die Leute sich ihren Teil denken, und sicherlich werden auch Botschaften hinausgeschmuggelt."
    Nervös rieb ich mir über den Schmiss auf meiner Wange. Nur nicht schon wieder Krieg...
    "Ich glaube, dass ein leerer Thron und eine Aufforderung zur baldigen Wahl noch viel mehr Begehrlichkeiten wecken, und ein noch viel größeres Risiko für einen neuen Krieg darstellen! Als wenn ihr jetzt schnell aus euren Reihen einen vernünftigen Mann zum Kaiser bestimmt, und du mit deinen Soldaten, und die anderen, ähm, vernünftigen Senatoren, die auch keinen neuen Krieg wollen, diesen dann entschlossen unterstützt?"

    Zitat

    Original von Quintus Germanicus Sedulus
    Im Grunde bin ich deiner Meinung Serapio, doch wie es momentan im Senat ausschaut, sehe ich eher schwarz für die Weißen. :D


    Naja, gerade weil es im Senat deswegen so dermaßen zur Sache geht, fände ich es besser, sich mal freundlich simoff abzustimmen, wie das stimmig laufen kann, ohne dass daraus wieder neue Fronten und böses Blut zwischen den Spielern entstehen. Denn der Bürgerkriegsplot hat ja gezeigt, was für unschöne Folgen das hat. Und der Kaiserwechsel, als notwendiger Simoff-Eingriff, um diese unschönen Folgen endlich loszuwerden, sollte doch möglichst so laufen, dass daraus nicht schon wieder (oder zumindest möglichst wenig) neuer Ärger entsteht.... ;)



    Zitat

    Original von Nero Germanicus Ferox
    Also ich fände es reizvoller, einen Spieler auf dem Thron zu sehen.
    Das wäre doch mal was völlig Neues!
    ...


    Der Kaiser ist eine Figur, die das Spiel zum einen extrem prägt, zum anderen alles am Laufen hält. Eine "Funktions-ID" würde ich sagen, mit wichtigen simoff-Aufgaben. Die gehört schon in die Hände der SL.



    Zitat

    Original von Aulus Iunius Avianus
    Nur mal eben ganz kurz zu der Gegenkaiser-Sache:
    ...
    Also eine Spaltung der Spieler auf zwei Seiten wirds hoffentlich länger nicht mehr geben. ;)


    *unterschreib* ;)

    In meinen Augen ist der Wechsel, weg von Palma, hin zu einem neutralen Kaiser, vor allem eine simoff-Notwendigkeit, um das Bürgerkriegskapitel soweit abschliessen zu können.
    Und ich bin echt froh, dass die SL sich dafür entschieden hat. Danke. ;)


    Rollenspielerisch fände ich eine erneute Phase der simon-Wirren und simon-Fronten zwischen den Spielern nicht so schön. Darum fände ich es am besten, wenn der Wechsel relativ schnell, also innerhalb weniger Wochen, durch die Wahl einer allseits überzeugenden NSC-Kaisers über die Bühne gehen könnte.

    Ein Verkäufer exotischer Ware – "Das ist gut!" Ich lächelte ihm liebevoll zu, das war unverfänglich, und wirklich nicht allzuweit entfernt von der Wahrheit.
    "Bestimmt nicht." behauptete ich, auch wenn es mehr ein Hoffen war, "Und selbst wenn..." würden sie dich gar nicht erkennen, hier in diesem ganz anderen Rahmen, ganz anders gekleidet... wollte ich schon sagen, aber ich glaubte es nicht wirklich, denn Borkan war (für mich, und damit ganz klar auch in den Augen aller anderen) so ein strahlender Stern und so ein umwerfend heißer Geliebter, so leidenschaftlich und schön, so einfallsreich, so herrlich zügellos, dass man ihm einfach verfallen musste und dass keiner, niemand der je mit ihm zu gehabt hatte – oder gar mit ihm geschlafen hatte... (hier bissen meine Zähne mit einem leisen Knirschen fester aufeinander...) - ihn jemals vergessen könnte. "...würden sie mich nur um so mehr beneiden."
    Anderes Thema, schnell...


    "Weißt du was," plauderte ich, während wir den Hang hinauf auf das Landhaus zu schlenderten, "wir könnten doch tatsächlich so ein Geschäft aufmachen. Mit Importware aus Antiochia zum Beispiel. Da ist ne große Gewinnspanne möglich, und dich würden die syrischen Händler bestimmt weniger übers Ohr hauen als mich..." schlug ich ihm strahlend vor. Eigentlich war ich gar nicht scharf auf so einen Laden (zu viel Rechnerei und Listen und Papruskram dabei) es ging es mir nur darum, dass ich ihn unterstützen wollte, einen guten Verdienst ausserhalb des Milieus zu haben. Damit er nur ja nicht auf die Idee käme, sich dem wieder zuzuwenden. Ich wollte auch vermeiden, ihm zu diesem Zweck ständig Geld zuzustecken, weil ich ihn nicht beschämen wollte. Aber so ein Geschäft, oder etwas in der Art, das wäre eine gute Lösung. Hm... mein Blick schweifte über die Villen am Seeufer, eine schöner als die andere. Ein Leben als Gutsherren, das wäre auch eine Möglichkeit.
    "Oder was meinst du mi corazon? Ist nur eine Idee. Wir können auch was ganz anderes machen. Pferde züchten auf dem Land. Oder... - Was du willst. Wovon du träumst."
    Ich wandte mich ihm ganz zu, legte ihm die Hände auf die Schultern und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.
    "Sag mir," flüsterte ich, bis über beide Ohren verliebt, oder vielleicht war es auch ein Säuseln, wie der Wind überm Schilf, so berauscht war ich von ihm, so vollkommen hin und weg... "...wovon träumst du?"




    "Oh bei Isis und Serapis" seufzte ich, angesichts von Dives wieder mal prachtvoll erblühendem Talent sich die Dinge zurechtzuschwatzen, "Es ist ja nun nichts neues, dass du nach der Maxime lebst, dass nicht sein kann was nicht sein darf! Aber gerade du solltest dir eingestehen, dass sowohl das Herz als auch die Lenden mit Leichtigkeit dazu fähig sind, den Verstand komplett auszuknipsen. Oder etwa nicht?"
    Und Frauen waren da keinen Deut besser. Eher noch schlimmer. Ein Spielball der Leidenschaften. Sagte man doch so.
    Aber ehrlich gesagt fand ich es schon irgendwie gut, ehrenwert und... süß... dass Dives sich so vollkommen für das Töchterlein einsetzte, dass er an sie glaubte, sich bedingungslos hinter sie stellte. (Ich wünschte, mein Adoptivvater wäre damals auch so für mich eingestanden, im Senat, als man mich zum Sündenbock gekürt hatte.)
    Ob es dass war, worüber ich mit ihm sprechen wollte...
    "Nur am Rande. Ich weiß, dass sie sich rumgetrieben hat, aber ich habe kein Interesse daran, das Mädchen in Schwierigkeiten zu bringen. Dir obliegt es auf sie aufzupassen, und die Vestalinnen werden ihre Tugend sicherlich prüfen und ihre Wahl weise treffen."
    Diese edlen Frauen würden schon durchschauen können, ob die Kandidatin würdig war oder befleckt, daran hatte ich keinen Zweifel.


    Wir hatten die Plätze erreicht, gerade noch rechtzeitig.
    "Da wären wir. Wenn ich vorstellen darf - mein Freund Borkan – mein alter Freund Marcus Iulius Dives..." stellte ich die beiden mit gekünstelter Lässigkeit einander vor, meinte harmlos zu Borkan: "Wir haben uns eben ein wenig über die alten Zeiten unterhalten, und über seine Tochter, die Vestalin werden soll."
    Dives hatte mein schlichtes 'in Begleitung' gerade ja schon richtig interpretiert, und, auch wenn's albern war, achtete ich jetzt doch sehr darauf wie er reagierte, angesicht von Borkans strahlender Erscheinung, ob es ihn traf, ob er eine Blöße bot...?
    Ich setzte mich neben Borkan, was Dives den Platz auf meiner linken Seite freiließ. Die hölzernen Bänke waren nicht gerade luxuriös, aber einer der Custodes hatte uns Kissen besorgt.
    Das Stück begann.


    Ein idealisiertes Kapitol war auf den dreieckigen Stelen der Kulisse dargestellt, davon angedeutet das Heerlager der Sabiner, sowie eine Quelle. Auf einem seitlichen Podest erschien nun ein stattlicher Mime in der Maske des Romulus, und seine volltönende Stimme erfüllte das Gebäude, umwebte die Bilder dieser uralten Geschichte aus einer Zeit, in der unserer stolzes Reich noch sehr klein gewesen war...


    "Von Tarpeias Hain will ich künden,
    Und Tarpeias schmählichem Grabmal,
    Und wie Iuppiters alte Festung erobert wurde.


    Dort war ein glücklicher Wald
    Um die Efeugrotte gepflanzet,
    Ringsher rauscht in den Fall
    Lebender Wasser der Baum:
    Laubiges Dach dem Silvanus,
    Wohin aus der Sonne melodisch
    Oft die Syrinx einlud,
    Schafe zur Tränke zu gehen.


    Hier, vor dem Sprudel umher,
    stellt Tatius Pfähle von Ahorn,
    Und sein sicheres Heerlager
    Umschanzte er mit Grund.
    Was war Rom damals,
    da so nahe das Horn des Kureten *,
    Mit langhallendem Laut
    erschütterte Iuppiters Fels?


    Von wo nun ausgehen Gesetze
    In die eroberten Länder,
    Da standen sabinische Speere
    Auf dem Marktplatze Roms.
    Selbst war Mauer der Berg,
    Wo die Kurie jetzo umhegt ist.
    Dort am heiligen Quell
    tränkte der Krieger sein Ross.


    Hier nun schöpfte der Göttin
    Den Quell Tarpeia zum Opfer;
    Und mit der Urne von Ton
    ging sie belastet das Haupt...-
    Konnte genug ein Tod
    Für den Frevel büßen des Mädchens,
    Welche die Schicksalsglut,
    Vesta, dir täuschen gewollt?"



    Der Feldherr der Sabiner, unter dessen Maske, wie ich wusste, Philonicus steckte, war prächtig anzusehen. Als die Vestalin Tarpeia, eine liebliche Maske, von Leophanes anmutig getragen, ihn erblickte, entglitt ihr der Krug. Er zersprang, das Wasser der egerischen Quelle netzte den Boden, und das Schicksal nahm seinen (altbekannten, und doch wieder schmerzlich anzusehenden) Lauf...



    "Hoch hinaus will er, allerdings, das kannst du laut sagen!" bekräftigte ich Borkans Einschätzung mit finsterer Miene. Denn letztendlich war es doch Dives unmäßiger Ehrgeiz, sein Gieren nach dem Aufstieg, den er mehr als alles andere begehrte, welches den Keil zwischen uns getrieben hatte. Sein triumphierendes 'und jetzt stehe ich schon mit einem Fuß im Senat!' klang mir noch in den Ohren.
    Aber für sowas hat er nicht die E.. - ehm..."- ich stockte, mein Blick huschte verlegen zu Quintilia - "... den Schneid. Ich denke schon, dass Iulius Dives seinem Streben nach Macht und Renommee alles andere unterordnen würde. Aber er ist... einfach nicht der Typ für blutige Auftragsmorde." urteilte ich. Glaubte ich. Meinte ich. - Wie auch immer.
    "Wenn es allein das Werk der Sergia 'Fausta' ist" – es irritierte mich immer wieder, dass ihr Name dem meinen so ähnlich war – "dann frage ich mich allerdings, wie so eine junge Postbeamte sich einen Sicarius aufgetan hat, der ihr nach dem Mord gleich noch einen Selbstmord dazu geliefert hat. Menschen hängen an ihrem Leben, auch Messerstecher, und das auf der Tabula 'wenn dir die Leben deiner Frau und Kinder das wert sind', das ist doch bizarr. Da passt doch irgendetwas ganz und gar nicht zusammen."
    Aber manchmal, nun ja, passierten eben merkwürdige Dinge.
    Davon mal abgesehen... hätte die Megäre mit dieser Intrige natürlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, zum einen den Händler mundtot gemacht, ihn zum anderen als bezahlten Urheber der Gerüchte über die Vestalin in spe dargestellt, und ausserdem – nein, es waren sogar drei Fliegen – Quintilia in ein schlechtes Licht gerückt.
    Ich wäre wirklich beeindruckt gewesen, wenn das ganze nicht so plump ausgeführt worden wäre. Im Grunde lenkte es somit doch nur noch mehr Aufmerksamkeit auf den Töchterleins Eskapaden.
    Quintilia bedankte sich wieder, so ersthaft und anmutig, und natürlich schüttelte ich wieder den Kopf als sie von "in der Schuld stehen" anfing, beteuerte: "Wir haben es gern getan.", und ich lächelte Borkan, dem der Lorbeer gebührte, versonnen zu so stolz auf meinen wundervollen, beherzten (und unglaublich heißen...) Geliebten, der instiktiv genau das richtige getan hatte.
    "Borkan war's, ich habe ihn nur hierherbegleitet" murmelte ich. Er war der Held des Tages.


    Etwas gegen Sergia unternehmen. Das tönte so schön in meinen Ohren. Eine innere Stimme allerdings sagte mir, dass diese, Selbstmordattentäter herbeizaubernde, Frau einfach so merkwürdig war, dass es womöglich besser war, sich einfach fern zu halten. Rom war groß.
    "Ähm... Ja. Wie müssen uns überlegen wie wir weiter vorgehen. Es gäbe rein theoretisch natürlich die Möglichkeit, dass du, Quintilia, die Stadtkohorten um Hilfe bittest, also einen vernünftigen Vertreter der CU natürlich, ihnen die Tabula zeigst, und sie damit auf die Spur der Sergia bringst. Allerdings haben wir nur Schlussfolgerungen, keinerlei Beweise gegen sie. Die Tabula ging durch die Hände Borkans und durch meine... und mein Ruf ist... naja, ihr wisst ja..."
    Mein Ruf war durch die Wirklichkeitsverdrehungen der Putschisten völlig zerstört, und auf der Hochzeit des Grauens hatte ich auch keine gute Figur gemacht, es wäre ein leichtes mich als rachsüchtigen Neider des sergisch-iulischen "Glücks" darzustellen...
    "Iulius Dives hingegen ist senatorischer Tribun bei den Stadtkohorten. Wir könnten wohl höchstens einen Verdacht gegen Sergia wecken, mit dem beträchtlichen Risiko dass dein Name doch noch in Mitleidenschaft gezogen wird."
    Die Chance, dadurch die abgefeimte Sergia zu Fall zu bringen war meiner Meinung nach gering... Ich nahm die Tabula, zückte einen Stylus, und hielt ihn mit dem abgeflachten Ende schwebend über die Tabula.
    "Aber ich will dem weiter nachgehen! Vielleicht.... könnten wir Iulius Dives damit endlich die Augen öffnen über die wahre Natur der Sergia... oder bessergesagt darüber was ihn viel mehr interessieren dürfte, nämlich wie schnell ihre mörderische Hybris seinen Ruf und seine Karriere beschädigen kann... - Hmm... Oder, was meint ihr? - Und soll ich deinen Namen einfach von der Tabula löschen?"


    Natürlich gab es auch noch eine dritte Option. Es war zwar nicht "mein Stil", aber da draussen lag nun mal eine große böse Welt in der man nicht immer saubere Hände behalten konnte.
    Nachdenklich drehte ich den Stylus in der Hand, flaches Ende, spitzes Ende, sah unschlüssig zu Borkan. Flaches Ende, spitzes Ende, flaches Ende, spitzes Ende...



    Eine triumphale Rückkehr war es nicht, doch zumindest war es überhaupt eine Rückkehr, und die verdutzten Gesichter der Soldaten verschafften mir eine gewisse Genugtuung. Umgeben von den spärlichen Resten meiner früheren Getreuen war ich, nach allerlei Vorbereitungen, in vollem Tribunenornat an der Porta Praetoria erschienen. Hatte eine Amtsstube in der Principa in Beschlag genommen – eine "frische", nicht mein altes Tribunenofficium, und natürlich auch nicht mein altes Präfektenofficium. (Das noch immer leer stand, verwüstet durch den Einfall der Putschisten - das weltbeste Memento dafür wie vergänglich Macht, Ruhm, Loyalität und Gewissheiten im Allgemeinen waren...)


    Ich verschaffte mir einen Überblick über die Mitglieder des Führungsstabes (eher farblos) und den Zustand der Truppe. Desolat. Die Verluste des Bürgerkrieges wogen noch immer schwer, die Truppe war geschwächt und demoralisiert, die guten Leute abgesprungen oder im Absprung begriffen.
    Ich hatte zwar nichts übrig für die Männer, die nach den mysteriösen Ereignissen von Vicetia größtenteils schnurstracks ihren Eid verraten und die Seiten gewechselt hatten, ich grollte ihnen und gedachte sie bis aufs Blut zu schleifen. Doch es war schmerzhaft, die Garde, die Eliteeinheit unseres Reiches, einst die Blüte militärischen Könnens und eleganter Effizienz, so verkommen zu sehen.
    'Amüsant' hingegen war es, Männer die mich damals abgeschrieben hatten, nun dabei zu beobachten wie sie versuchten sich erneut bei mir einzuschmeicheln, nun, da das Blatt sich gewendet hatte, ich wieder Tribun war, und Sohn des Stadtpräfekten den so macher wohl schon für den kommenden Kaiser hielt.
    Zunächst übernahm ich das Kommando über zwei Kohorten und hörte mir die Lageberichte der Centurionen an...

    In eine Equestunika gekleidet und mit konzentrierter Miene, suchte ich, nach den ersten Vorbereitungen, meinen Vater auf, sobald er nach Hause kam. Ich klopfte, und kam auf seine Aufforderung herein.
    "Salve Vater. Die Ernennung kam heute. Ich danke dir!" sprach ich von ganzem Herzen. Ich war zwar nicht gerade euphorisch über den Rückschritt, doch ohne Livianus hätte ich wahrscheinlich nie wieder überhaupt einen Fuß auf den Boden bekommen. Der Kaisermörder war zwar dahingerafft, glücklicherweise, doch seine Günstlinge hatten sich wie Bandwürmer in den Machtpositionen festgesetzt und würden sicherlich keinen Fußbreit davon für ehemalige Feinde freigeben.
    "Wie sind deine Instruktionen?"
    Im Grunde hatte mein Vater die besten Karten, um selbst nach der Macht zu greifen. Nicht aus Machtgier, sondern weil er es nie gescheut hatte, die Verantwortung zu übernehmen wenn es not tat. Ich musterte ihn nachdenklich, und hoffte, ganz selbstsüchtig, dass er es nicht tat. Zuviel Gift, Verrat und verborgene Klingen umschwirrten den Thron. Auch wenn er sicherlich ein sehr guter Kaiser wäre.

    <<

    Um vorbereitet zu sein, wenn ich einen Fuß in die Castra setzte, und um dort nicht sogleich einen Pugio zwischen die Rippen zu bekommen, sandte ich zuallererst Botschaften an meine ehemaligen Getreuen in der Garde, meine Leibwache von damals (sozusagen die Prätorianer unter den Prätorianern), jene die mir viel verdankten, und die eher vertrauenswürdigen Mitglieder meines Stabes von damals – beziehungsweise an die von ihnen, die dem Kahlschlag entgangen waren.
    Das Bild, dass ich durch ihre Berichte gewann, war, kein Wunder, ziemlich düster.


    Meine alte Tribunenrüstung stand auch noch in unserem Armamentarium herum. Phintias brachte sie für mich auf Vordermann, ersetzte zwei spröde Lederriemen, und half mir beim Anlegen. Ich war schmaler als früher, doch das Subarmalium, mit Roßhaar gepolstert, glich es aus. Ich schnallte mein Gladius, das so oft geschärfte, um den gebläuten Harnisch, und setzte zuletzt den Helm auf den Kopf, schloss blind die Schnalle unter dem Kinn. Lange, lange war es her und doch war jedes dieser Stücke ein alter Vertrauter.


    Trotzdem legte ich das ganze Zeug erst mal wieder ab, denn bevor ich mich in den Skorpionschwarm stürzte, würde ich mich natürlich mit meinem Vater besprechen – der als Praefectus Urbi etc. mein wahrer Kommandant war. Sobald er nach Hause kam suchte ich ihn auf.


    Und auch an Manius war es mir ein Bedürfnis, eine Nachricht zu senden. Es war jetzt zwar nicht der Moment, dieses ganze Wirrwarr zu erforschen, und ich war unsicher was ich ihm schreiben wollte/sollte/konnte, doch ich fand, dass er, nachdem er sich so für mich aus dem Fenster gelehnt hatte, zumindest von meiner Ernennung wissen sollte, und wich dem ganzen Chaos 'geschickt' aus, indem ich es so machte, wie der selige Tiberius Vitamalacus: militärisch knapp.

    Ich war beleibe kein Urkunden-Fetischist. Doch als ich dieses Stück in den Händen hielt... da streichelte ich zart mit den Fingerspitzen darüber und ein leises Seufzen, in dem sich anhaltende Verwunderung über die Abstrusität der Vergangenheit, abgestandene Resignation und zaghaftes Hoffen auf die Zukunft die Waage hielten, entwich meiner Brust:
    "Endlich."


    IN NOMINE IMPERII ROMANI



    WIRD
    Faustus Decimus Serapio



    MIT WIRKUNG VOM
    - ANTE DIEM IV NON FEB DCCCLXV A.U.C. -
    (2.2.2015/112 n.Chr.)



    ZUM
    Tribunus Cohortis Praetoriae


    ERNANNT.




    LUCIUS IUNIUS SILANUS
    ~~Procurator a libellis - Administratio Imperatoris~~




    Euphorie allerdings sah anders aus. Das Gardetribunat war eine Position, die ich vor wirklich langer Zeit, vor vielen Jahren bereits errungen und schließlich hinter mir gelassen hatte, es war eine Position unter meinem Niveau und gerade in diesen wirren, von neuen Aufständen bedrohten, Tagen wäre die Stadt weitaus besser damit beraten gewesen, wenn ich meine Position zurückerhalten hätte, um der Führungslosigkeit der Garde endlich ein Ende zu bereiten.
    Zumindest aber war es besser als nichts, und ich beschloss, das Beste daraus zu machen.

    Der Moment der Wahrheit. Sie hatte eingeschlagen wie ein Katapultgeschoss, mein Vater sah so aus wie jemand der knapp neben dem Krater stand, und nun benommen darauf starrte, mit dröhnenden Ohren, während der Staub sich langsam senkte.
    Ich sah diesen Schatten der Enttäuschung über sein Gesicht ziehen... hörte ihn seufzen... das tat weh, aber doch längst nicht so schlimm wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Früher wäre ich sicher im Boden versunken, doch mittlerweile sah ich Livianus weniger verklärt, und war von ihm ja durchaus auch schon bitter enttäuscht worden.
    Da mußt du durch, Vater. dachte ich seltsam losgelöst. Das war nun also der Augenblick, vor dem ich mich so viele Jahre lang so schrecklich gefürchtet hatte? Komisch.
    Und dann sagte er tatsächlich, ich könne Borkan mitbringen... Ungläubig sah ich ihn an. Das hieß ja zuallererst... dass ich ihm trotzdem willkommen war. Dass er mich trotzdem nach Hause holen wollte. (Ob Borkan überhaupt mitzukommen gedachte, das wusste ich gar nicht, es würde sich sowieso erst in Zukunft finden.) Und alles andere... würde sich vielleicht auch irgendwie finden...
    Ich begann zu lächeln. Still zu lächeln, als diese Wahnsinnsanspannung von mir abfiel.
    "Gut."


    Im Handumdrehen hatte ich meine sieben Sachen zusammengepackt. Da es schon seit einer Weile (genaugenommen seit der Sache mit der mysteriösen Tabula... und Borkan... und den Urbanern...) klar war, dass ich nicht hier bleiben konnte, war es kein langer Abschied. Ich sagte Adieu zu Castus, Loquex und Anastasius - tausend Dank und auf bald!
    Dann ging ich zusammen mit meinem Vater nach Hause.



    Die guten Antworten, die fielen einem doch leider immer erst später ein... Ich hätte ihn ganz locker fragen sollen, ob er denn wirklich glaubte, dass dieses Kind von ihm war. Oder so was in der Art. Aber ich war viel zu sehr vor den Kopf gestossen, für irgendwas schlagfertiges. Es war einfach... wieder... und immer wieder.... das selbe. Irgendwelche idiotischen, hohlköpfigen, besitzergreifenden Weiber schnappten mir die Geliebten weg. Wie bei Hannibal. Wie bei Massa. Irgendwann würde auch Borkan sich in so ein Mädchen vergucken, und dann würde auch er mir sagen: 'Adios Faustus, es war echt nett mit uns, aber jetzt muß ich los, meine Freundin wartet.' Und ich konnte nichts tun, und nicht mit diesen dämlichen Weibern konkurrieren, aus dem einfachen Grund dass sie Weiber waren! Ich war tief getroffen von Dives Worten, sie bohrten sich tief hinein in den wunden Punkt.
    Wie konnte Dives, auch er, denn nur so verblendet sein?! Einen kleinen Schreihals hätte ihm jedes Mädel gebären können, auch eine die ihn nicht erpresste, und nicht zum Gespött machte.
    Finster in mich gekehrt ging ich da mit ihm durch das Theater. Und sein aalglattes 'ich hoffe du bist glücklich' ließ mich nur spöttisch mit dem Mundwinkel zucken. Klar.
    Wortreich verteidigte er seine Adoptivtochter, schweifte ab und holte aus, zog sogar irgendein Schreiben heran, auf das er angeblich keine Antwort bekommen hätte. Ich gewann den Eindruck, dass er verzweifelt nach Argumenten, wie abwegig auch immer, haschte... und ich verspürte eine unbändige Lust darauf, ihm seine traute Selbstbetrugsillusion in der Luft zu zerfetzen.


    "Wen meinst du mit 'man'?" hakte ich bei seiner vagen Theorie ein. "So flink und geschmeidig, wie du dich beim neuen Regime eingeschmeichelt hast – wer sollte ein Interesse daran haben, deine Tochter zu verleumden?" fragte ich ihn in ungläubigem Tonfall, meine Schritte verlangsamend, damit er mir noch antworten konnte bevor wir die Plätze erreichten und sein Redefluss zum Stocken käme. "Ich meine – ich persönlich finde es im Prinzip ganz natürlich, wenn man sich nachts aus dem Haus stiehlt um sich mit feschen Soldaten zu treffen. Wie du ja sicherlich auch. Aber denkst du nicht, dass eine angehende Vestalin über jeden Verdacht erhaben sein sollte?"