Beiträge von Faustus Decimus Serapio

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    Wachsam postierte Ephialtes sich vor dem Haus, und behielt das Gesindel scharf im Blick bis es sich verzogen hatte.
    Darauf widmete er sich der Frage Cascas. (Er verstand sie als die Frage, welche Familienmitglieder zur Zeit in der Casa hausten.)
    "Dominus Decimus Livianus und seine Gemahlin, die edle Aelia Vespa, bewohnen das Haus. Ausserdem sind vor kurzem die beiden jungen Damen Decima Calena und Decima Flaminia eingezogen." informierte er den freundlichen jungen Herrn bereitwillig.
    "Dominus Decimus Massa kam vor einiger Zeit im Dienste der Classis ebenfalls nach Rom, und wohnte in den Kasernen der Segelsetzer. Ob du ihn dort noch antriffst weiß ich leider nicht." fuhr er mit dem Überblick fort. "Die Vestalin Decima Messalina weilt selbstverständlich noch immer in Rom. Dominus Decimus Serapio ist nach Trans Tiberim gezogen und die Dame Decima Seiana lebt auf ihrem Landgut in den Albaner Bergen."
    Während an der Türe noch gesprochen wurde, hatte sich die Nachricht von Cascas Ankunft bereits ins Innere des Hauses verbreitet und die gestrenge Vilica brachte die Sklavenschaft sofort in Schwung. Cascas Zimmer wurde gerichtet, ein Imbiss vorbereitet, die hauseigene Therme angeheizt, Argus erschien um das Gepäck zu tragen und Sidonius um das Packtier zu versorgen...

    Nach dem Ausbruch... kam die Leere. Müde vor mich hinstarrend lies ich Massas Worte an mir vorübertreiben. Ich nahm das Badetuch, und trochnete mich mit mechanischen Bewegungen ab.
    "Schon gut." erwiderte ich. "Schon gut... Eigentlich... will ich doch gar nicht mehr über diese ganze alte Scheiße nachdenken."
    Weder über das Versagen der Menschen noch über das "der Götter".
    "Naja. Das hab ich mich auch gefragt. Es gibt eine Menge Möglichkeiten, warum die Götter sich einen Dreck darum geschert haben, weder Rom zu beschützen, noch der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen, noch den himmelschreienden Frevel zu bestrafen... Vielleicht ist Rom ihnen egal. Oder sie sind verrückt geworden. Oder sie haben gar nicht die Macht dazu. Vielleicht sind es die Schicksalmächte, die dem Wahnsinn verfallen sind, und die Götter können nichts gegen sie tun. Vielleicht gibt es sie nicht einmal, unsere Menschenantlitz tragenden, von-Weihrauch-umnebelten 'Beschützer'... "
    Der Gedanke spukte ja nun schon seit den Zeiten des alten Protagoras umher, war also nicht gerade revolutionär. Unter gebildeten Menschen zumindest glaubten wohl die wenigsten heutzutage noch so wirklich an menschengestaltige und von menschlichen Leidenschaften getriebene Überwesen, die von den Bergesgipfeln auf uns herab oder aus der Unterwelt zu uns hinauf sahen. "Wir verehren doch sowieso schon längst viel mehr die Prinzipien, und die Statuen und die Legenden sind eher... wie Theatermasken und Metaphern, um das Abstrakte anschaulich zu machen."


    "Oder vielleicht... sind auch wir nur Masken. Oder... es gibt es uns alle gar nicht, und wir sind nur... Schmetterlinge... oder Käfer... die träumen, sie seien Menschen..." fuhr ich fort, milderte meine Worte mit einem schiefen Lächeln. Dabei meinte ich das ernst. Ich hatte Dinge gesehen, in diesen Zeiten der brüchtigen Realität und der brutalen Risse in Gefüge der Ereignisse, Dinge, die andere sich nicht mal vorstellen könnten.... und über die ich lieber gar nicht weiter nachdenken wollte.
    "Was auch immer der Grund ist, für das Versagen unserer herkömmlichen Götter, egal ob sie gleichgültig, wahnsinnig oder nichtexistent sind – eines zumindest steht fest: sie sind es nicht wert, angebetet zu werden." urteilte ich.
    Neu mochte diese Erkenntnis zwar in philosophischen Kreisen nicht sein, doch für mich, der ich ganz traditionell römisch-iberisch mit all den Riten aufgewachsen war... war sie enorm umwälzend. Zum Glück war dieses nur der erste Schritt, denn so beängstigend es zunächst war, die kindlichen Illusionen zu verwerfen – es öffnete den Blick dafür, wie das Göttliche wahrhaftig in der Welt im Vorschein trat.
    "Findest du nicht auch? - Nein, der Ewige wirkt auf andere, auf allgegenwärtigere und rätselhaftere Weise, und so wie Osiris-Serapis im Kampf gegen seinen dunklen Bruder Sethos unterliegt und doch als König wieder erstrahlt, so liegt Rom unter der Vorherrschaft der erstickenden Lügen gelähmt, in widerwärtiger Heuchelei erstarrt...zur Zeit, und wird doch irgendwann aufs neue erwachen."
    Müde lächelte ich Massa an.
    "Glaube ich zumindest."


    Auf sein zynisches Fazit zu den Vorzügen der Ehrlosigkeit hin, zuckte ich resigniert die Schultern.
    "Naja. Auf 'Freunde', die nur so lange Freunde waren, wie sie von meiner Position profitieren konnten, und die sich in Luft auflösten als ich in Not war..... auf solche falschen 'Freunde'... kann ich verzichten..."
    Massa meinte, mich nicht zu verstehen. Im Augenblick beruhte das auf Gegenseitigkeit.
    "Ich denke eher, dass du mich echt gut kennst. Aber... mir geht es gerade genauso. Du verwirrst mich." Forschend betrachtete ich meinen Helden von Tasheribat. Er war es doch, der mich damals zurückgewiesen hatte, als er die Versetzung nach Rom (die ich, den Kopf ganz verdreht von ihm, aufopferungsvoll in die Wege geleitet hatte) hatte platzen lassen. Um dann vor meinen Augen grausam mit Cousine Romana herumzuturteln. Das war alles schon wirklich lange her, der Strom des Lebens hatte uns weitergetragen und ich war ihm (wenn ich nicht gerade intensiv daran zurückdachte) auch nicht mehr böse deswegen. Aber dass er derjenige war, der das zarte Blümchen zertreten hatte, das stand für mich ausser Frage. (Oder? Oder hatte Massa das nur getan, weil ich damals schon von meiner Obsession für Manius nicht hatte lassen können, und mich deswegen nie vollständig auf Massa hatte einlassen können? War somit ich der wahre Blumenzertrampler?)
    "Manius..." Ich schluckte. "...ist fort und nicht zu ersetzen. Ebensowenig wie du zu ersetzen bist, Appius, durch niemanden. Ich... bin rasend froh, dich wiedergefunden zu haben!" Trotz aller Mißverständnisse, die heute zwischen uns gesprossen waren, so eifrig wie Pilze nach dem Herbstregen.
    "Selbstverständlich hast du das Zeug es noch viel, viel weiter zu bringen, das steht doch völlig ausser Frage! Du hast eine Achilles-Natur, compagnero, sieh es ein. Natürlich ist es verdammt schwierig zur Zeit, ohne die bizarren Schicksalsverrenkungen des Krieges wärst du doch längst schon Ritter und Tribun... Livianus kann dir ganz sicher Türen öffnen, frag ihn doch wenn du in Rom bist. Ich weiß wie stolz du bist, und dass du so was nicht gerne machst, aber sieh es mal so: Er hilft ständig freigiebig irgendwelchen Klienten die bar jeglicher Verdienste bei ihm aufkreuzen - er könnte zur Abwechslung auch einmal einem Vetter mit gewaltigen Verdiensten unter die Arme greifen."
    Wenn sich mein Vater schon 'um der Familie willen' an das Kaisermörderregime ankuschelte, dann konnte er das ja doch wirklich mal für die Familie nutzen.
    "Ich übernachte in Portus, morgen geht es zurück in den Tempel. Und du? Sehen wir uns bald in Rom?"

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    Prompt öffnete der Ianitor – der immer noch der selbe war - die Türe.
    "Salve. Was wünschst du?" hatte er schon gesprochen, erst dann leuchtete das Erkennen hell in seinen dunklen Zügen auf: "Junger Herr Casca! Verzeih, es ist lange her." Groß war der Junge geworden. (Oder zumindest männlicher in seiner Erscheinung und schmutziger durch die Reise.)
    "Willkommen zu Hause. Ich hoffe die Reise war nicht zu beschwerlich."
    Weit öffnete er die Türe, grüßte den Leibsklaven ebenso freundlich, machte Anstalten mit dem Gepäck zu helfen, erblickte die beiden zwielichtigen Individuen... "Gehören die beiden zu dir, Herr?" erkundigte er sich in konstant höflichem Tonfall, während sein Blick argwöhnisch über die Gaunervisagen schweifte.

    "Aber," fuhr ich Seiana in die Parade, um die Kultgemeinschaft des Ewigen überschwänglich zu preisen: "du darfst das nicht mit so nem öden traditionell-römischen Kult verwechseln, die Priester und die Mysten sind tausendmal mehr als einfache Tempeldiener, sie sind weise Männer, die eine lange Reihe von Einweihungen und Entbehrungen und Prüfungen und Wegen der Erkenntnis durchlaufen, sie widmen dem ihr ganzes Leben und haben ein mordsmäßiges Wissen über... die Angelegenheiten der Seele und die Heilkunst und die Traumdeutung und... Zeit und Sein und überhaupt."
    Nun, da dies alles aus meiner Reichweite rückte, leuchtete es natürlich um so heller.
    "Priester hätte ich zwar nie werden können.... das verträgt sich nicht mit meiner Zeit sub aquila... aber es war schon... etwas besonderes. Mit den anderen zusammen Musik zu machen bei den Zeremonien, das..." Um Worte verlegen verzog ich das Gesicht zu einer hilflosen Grimasse und winkte ab. "...lässt sich mit Worten gar nicht fassen."
    Wehmütig zuckte ich die Schultern. "Aber, wie Großmama sagen würde: Man kann die Sau nicht schlachten und gleichzeitig ferkeln lassen."


    Wo ich jetzt untergekommen war...? "Gerade im Augenblick, ähm, sozusagen bei dir Schwesterherz." gestand ich Seiana. Ich hatte ja nicht mehr viel herumtragbaren Besitz, es passte alles in eine Tasche, was in der Hinsicht natürlich praktisch war. "Am liebsten würde ich es machen wie du, und so ein schönes Landhaus kaufen, um... zusammen mit Borkan da einzuziehen..." Versonnen lächelnd stellte ich mir das vor... "Er ist toll. Er ist... weißt du, es klingt so abgedroschen, aber es ist wahr, mit ihm fühle ich mich wieder so richtig lebendig. Du mußt ihn unbedingt kennenlernen, bald."


    Mit einem mal gings bergab, was mich aus meinen Träumereien erweckte, und wieder bergauf. Die Böschung war gesäumt von Stäuchern, wie gedrungene, geduckt lauernde Tiere waren ihre nebelverhangenen Umrisse.
    "Mhm, versteh ich. Rom ist ne Schlangengrube. Nicht, dass ich das nicht schon früher gewußt hätte." Aber jetzt war es mir so klar wie nur möglich. Trotzdem... das imaginäre Landhaus dürfte dann doch nicht zu weit von der Stadt entfernt sein, so dass man hin und wieder dort vorbeischauen könnte...
    "So ein Schatz!" schwärmte ich voll Überzeugung von meiner großartigen kleinen Nichte. "Und was sie schon alles kann, und was sie schon alles versteht! Da ist sie wirklich viel, viel weiter als andere Kinder in ihrem Alter! Und man sieht so deutlich das decimerische in ihr, ich meine, was sie für ein heiteres Wesen hat, und dann aber gleichzeitig auch was für ein feuriges Temperament, ich meine wie kraftvoll sie brüllt, wenn was nicht nach ihrem Kopf geht!" (Solche Dinge sagten wohl alle Verwandten von kleinen Kindern. Aber in diesem Fall stimmte es natürlich unbestritten!)
    "Wie meinst du das?" fragte ich, "Meinst du wegen der Leute, wegen des potentiellen Skandals? Weißt du, mir kam da eine Idee, ein Vorschlag, nur so ein, ähm, Hirngespinst... wie wir das vielleicht lösen könnten. Aber..." verlangte ich halb-ernst, "du darfst mich nicht gleich schlagen wenn du den Gedanken blödsinnig findest!"

    Bei Isis und Serapis, er meinte es ernst! Genau das, was ich nicht zu sagen gewagt hatte, sprach er aus. Und obgleich ich mir das, was er verlangte, so innig wünschte, überfiel mich augenblicklich eine beklemmende Furcht. Davor, dass er mich, sobald ich ihm mein Leben... und mein Herz.. geöffnet hatte, fallen lassen würde wie eine heiße Kastanie. Weil er meiner überdrüssig werden würde, und ich ihm lästig fallen würde - wie bei Hannibal. Weil es zu kompliziert würde, und ich es versauen würde, und er andere Liebschaften dann schlichtweg interessanter finden würde - wie Massa. Weil er mich belügen und verraten und meine Welt in Scherben hauen würde, wie Manius. Oder aus einem Gewirr undurchsichtiger Gründe, wie Dives. Endeten meine bedeutenden Liebschaften denn nicht immer absolut desaströs?! (Desaströs! Da konnte man sehen, nicht nur mein Gefühlsleben, selbst mein Wortschatz war noch immer von Manius kontaminiert!) Ich konnte sowas nicht nochmal durchstehen. Ich durfte mich nie wieder so angreifbar machen.
    Bevor ich irgendwas sagen konnte, küsste er mich. Es war so herrlich. Es war, als hätte der Kuss, den wir in dieser trüben Suburagasse getauscht hatten, nie geendet, es war noch immer ein und der selbe sensationelle Kuss. Die Wärme seiner Lippen zerschmolz die kalte Furcht, pulste durch meinen Körper, wollte die Unheilsgedanken ganz und gar davonfegen... und mir den Glauben schenken dass einmal, einmal eben doch ein Wunder geschehen würde... Doch schon im Rückzug begriffen ballte die Angst sich noch ein letztes Mal eisig zusammen, und ich löste mich fast panisch aus seinem Zauberbann und stotterte:
    "... mi Corazón... du... das... nein... Ich... bin viel zu kaputt für dich! Ich komme gerade aus einer, ähm, naja, eher zwei echt schwierigen Beziehungen, und ausserdem... ausserdem verbietet es die Kultgemeinschaft und... Oh verdammt. - Borkan, du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens kennengelernt."

    Das Theater summte wie ein Bienenstock, während sich die Ränge füllten. Es war aus Holz gezimmert, und die Seitenwände stiegen steil an, viel steiler als bei dem steinernen Rund eines der großen Amphitheater, so dass sich verschiedene Etagen übereinander schoben. In der "Loge", im ersten Rang, die ich für uns reserviert hatte, beugte ich mich über die Brüstung, sah hinab auf die vielköpfige Menge unter mir, dann, wie aus einem tiefen Schlund, hinauf zu dem Fleck graubedeckten Himmels über uns. Es war mitten am Tag, aber verdammt trübe. Hoffentlich fing es nicht an zu regnen...
    "Wartest du hier?" bat ich Borkan. Drei der Leibwächter waren mit uns hier oben, einen hatte ich am Eingang postiert um Ausschau nach Dives zu halten. Ausserdem trug ich selbst mein Gladius verborgen am Rücken unter der weit fallenden Lacerna. "Ich will sehen ob er schon da ist..." Ich zögerte, strich Borkan liebevoll über die Schulter, und meinte leise zu ihm gebeugt – die Custodes mussten ja nicht alles mitkriegen – "Es ist vielleicht besser, wenn Dives... nicht unbedingt mitbekommt... was uns verbindet."
    Ich hatte Borkan, bevor wir zu diesem riskanten Treffen aufbrachen, schon gesagt, dass Dives und ich uns ehemals nahe gewesen, uns dann entzweit hatten. Aber sonst hatte ich den Mund gehalten. Die Versuchung war zwar immens gewesen, ihm die ganze Geschichte ausschweifend zu schildern, und ihn in meine umfassenden Analysen von Dives' tiefgreifenden Charakterschwächen einzuweihen, und seinen geduldigen Ohren dann den stufenweisen Ablauf des Desasters zu schildern, und mich an seinem Mitgefühl zu wärmen, und von ihm dann am besten noch zu hören was für ein Trottel das sei, der mich um einer zänkischen Erpresserschlampe willen abserviert hatte.... Aber, ABER, ich hatte dieser Versuchung (diesesmal) heldenhaft widerstanden. Weil ich die Vorstellung so gruselig fand, Borkan könne dies aus Versehen seinen Freundinnen erzählen, und Greta und Inez würden es dann auf den Märkten erzählen und die Spatzen es von den Dächern pfeiffen...
    "Und falls, so unwahrscheinlich das auch ist, irgendwas schiefgehen sollte..." Auch darüber hatten wir schon gesprochen, "Geh nach Ostia, ins Domus Calamis, und zeig dem Verwalter Decimianus Atta den Ring und sag ihm dass ich dich schicke, dann wird er dir in allem beistehen, und wir können uns dort wiederfinden. Nur für den Fall der Fälle. - Bis gleich!"
    Ganz verstohlen gab ich ihm einen kleinen Kuss, halb auf die Stirn, halb aufs Haar, dann straffte ich mich und verließ die Loge.


    Ich durchschritt ein Stück des Rundganges der dahinter entlangführte, und ging die Treppen zum Eingang hinab. Der Custos, der dort Ausschau hielt, zeigte ins innere und auf die rechte Seite. Ich folgte seinem Wink, drängte mich an einem Bauchladenmädchen vorbei, und da leuchtete schon, zwischen den dunklen Köpfen der Menschentrauben, Dives blondes Haar hervor. Ich bekam einen trockenen Mund, während ich auf ihn zuging. Das war... so komisch. Ich hatte diesen Rahmen hier für unser Treffen gewählt, mit der Vorstellung ein Theater, das an unser erstes Treffen erinnerte, könnte ihn verunsichern, und seine Deckung untergraben, so dass ich mehr aus ihm rausbekommen könnte. Aber das war nicht zu Ende gedacht gewesen. Ganz und gar nicht zu Ende.
    "Salve... Marcus Dives."
    grüßte ich ihn ungelenk.
    "Was für ein Zufall," fügte ich, um Ironie bemüht hinzu, "dich hier hier zu treffen. Aber wo sollte man einen Theaterliebhaber eher antreffen, als im Theater? - Du siehst..."
    gut aus? Bona Dea, hatte ich gerade wirklich angesetzt, so was stumpfsinniges zu sagen? Nachdem ich ellenlange Elegien darüber geschrieben hatte, dass er so gar nicht mehr gut aussähe.
    "...avantgardistisch aus."
    Es fiel mir seltsam schwer, ihn direkt anzusehen. Seltsam schwer, etwas annähernd vernünftiges zu sagen.
    "Hat der Ätna dein Gewand inspiriert?"
    In so düsteren Farben hatte ich ihn noch nie gesehen. Ich beschloß, dass sie ihn blass machten. Ich selbst hatte mich erneut aus Tricostus Truhen eingekleidet, und zwar ganz retro, in Eisblau und fahlem Weiß. Worauf ich auch Wert gelegt hatte – wobei ich mir sagte, dass ich das schon ewig vorgehabt hatte, und es gar nichts mit Dives zu tun hatte – ich war beim Barbier gewesen und hatte mir endlich mal diese unsäglichen grauen Haare, die sich an den Schläfen tückisch zwischen mein kastanienbraun mischten, überfärben lassen...

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    Wir folgten Quintilia Valentina hinein. Unwillkürlich sah ich zu Borkan, fast prüfend, es beschäftigte mich nämlich, ob dieser hinreissende Augenaufschlag, den die Hausherrin ihm gerade geschenkt hatte, wohl Eindruck auf ihn gemacht hatte. Als mir bewußt wurde, wie schräg ich ihn ansah, lächelte ich schnell, und streifte seinen Arm mit meiner Hand.


    Im Tablinum liessen wir uns nieder. Dankend nahm ich einen Becher entgegen. Die Häppchen sahen gut aus, ganz besonders im Vergleich zu den fettigen Fladen aus der Garküche, die wir vorhin gefrühstückt hatten. Ich konnte nicht umhin mich zu fragen: warum war eine Frau wie Quintilia, mit einem eigenen Haus noch dazu, eigentlich nicht längst verheiratet? Ihr Verlobter schien sich nicht gerade ranzuhalten (naja, wer versteht schon die Germanicer.) Oder gab es einen anderen Grund, ein geheimes Gebrechen oder einen Skandal?


    "Aber natürlich." pflichtete ich ihr bei. Angesichts dieser finsteren Intrige wäre es mir doch sehr seltsam vorgekommen, erst noch gesittete Konversation zu betreiben (ausserdem war ich verdammt eingerostet in dieser Disziplin). Ich hätte ihr gerne gesagt, dass kein Grund zur Beunruhigung bestünde doch das wäre wohl gelogen gewesen. Und da ich ihre unmittelbare Reaktion sehen wollte, ging ich auch nicht sonderlich schonend vor.
    Ich nickte. "Zunächst einmal ist es gut, dass du deine Dienerschaft weggeschickt hast." begann ich, "Es geht um dieses Schriftstück" – wobei ich in die Falten meines Gewandes griff und die böse Tabula zückte. Ich ließ einen Atemzug verstreichen, und versuchte einzuschätzen ob sie schon irgendetwas ahnte. Ich hielt es zwar für ausgeschlossen, dass dieser bizarre Mord-inclusive-Selbstmord-Auftrag wirklich von ihr stammte, denn das alles passte ja vorne und hinten absolut nicht zusammen – aber vielleicht hatte sie auch Drohungen erhalten, oder einen Verdacht? Ich hielt Quintilia für eine feinfühlige Person mit wenig Fassade (zumindest schloß ich das aus ihrem Beistand auf der Hochzeit des Grauens und ihrem spontanen Erröten gerade), und verfolgte aufmerksam ihr Mienenspiel.
    "Ich weiß nicht, ob es dir schon zu Ohren gekommen ist – gestern mittag ist ein ganz exzeptioneller Mord geschehen, an einem syrischen Händler auf dem Markt. Der Mörder hat sich, sobald sein Werk getan war, selbst erdolcht – nein, das ist kein schlechter Scherz, Borkan hat es selbst gesehen. - Nicht wahr? - Er kannte den Händler und hat sich geistesgegenwärtig gleich den toten Attentäter näher angesehen. Der trug diese Tabula bei sich. Wir haben sie entziffert, und ich war... äusserst überrascht...."
    Ich klappte die Tabula auf, und reichte sie ihr zu lesen. Mittlerweile hatte ich auch eine genaue Abschrift davon angefertigt, aber Quintilia verdiente das Original.
    "Den Ruß habe ich darüber gerieben, um die Vertiefungen kenntlicher zu machen, aber alles andere ist... noch genau so wie der Mann es bei sich trug."



    DER SYRER HAT SEINEN ZWECK ERFÜLLT. DAS GERÜCHT IST IM UMLAUF. JETZT LASS IHN SEINE BEZAHLUNG ERHALTEN UND BEREITE SEINEM LEBEN EIN ENDE. DANACH, WENN DIR DIE LEBEN DEINER FRAU UND KINDER DAS WERT SIND, BEENDE AUCH DEIN EIGENES LEBEN. SEI GRÜNDLICH UND LÖSCHE AUCH DIESE TABULA, BEVOR DU ZUR TAT SCHREITEST.


    MIT ERWARTUNGSVOLLEM GRUSS DEINES KLEINEN SOHNES,
    Q. VALENTINA

    Unruhig strich sich Castus seinen Leinenmantel über die Schulter zurecht. Das Dilemma, dem Freund nicht schaden zu wollen, und doch bitte schnellstmöglich diese bedrohlichen Urbaner loszuwerden, stand kaum verholen in seinen offenen Zügen.
    Auf die vertrauliche Ansprache des jungen Soldaten hin, trat eine argwöhnische kleine Falte zwischen seine Brauen. Der Myste hatte ein gutes Gespür für Menschen und Stimmungen, und in seiner rechtschaffenen Einfalt blieb ihm nicht verborgen, welch heftige Arroganz durch die in beruhigendem Tonfall gesprochenen Worte troff. Diesen Serapio solle das ungemein entlasten. Als ob es eine schwere Belastung wäre, mit dem mutmaßlichen Dieb einer Wachstafel gesprochen zu haben.
    Castus zuckte die Schultern.
    "Wir... machen zusammen Musik. Bei den Zeremonien." antwortete er, fürchtend dass diese wackeren Haudegen gleich nicht nur denjenigen, der mit dem mutmaßlichen Dieb gesprochen hatte, sondern darüber hinaus auch noch denjenigen, der mit dem, welcher mit dem mutmaßlichen Dieb gesprochen hatte, musiziert hatte, für höchst verdächtig halten würden.
    Er erwog kurz, zu erklären, dass Serapio ihn gebeten hatte, diese Nachricht an den Priester Anastasius weiterzugeben, wenn dieser zurückkam von seiner Sitzung bei den Kollegen im großen Tempel auf dem Marsfeld, doch bei dem Gedanken dass die Stadtsoldaten dann womöglich auch diesen ehrwürdigen Weisen mit impertinenten Fragen bestürmen würden, verzichtete er darauf.
    "Darüber haben wir uns nie unterhalten. Ich weiß nur, dass er, ähm, Soldat war, früher. Ich glaube nicht, dass er noch Verbindung zur Familie hat."
    Er zögerte. Natürlich war ihm nicht entgangen, wie auffallend verschlossen Serapio war. Doch der war beileibe nicht der einzige in der spirituellen Gemeinschaft, der eine verkorkste Vergangenheit hinter sich gelassen hatte, über die er nicht gerne sprach.
    "Wir in unserer Gemeinschaft streben es an, in der Gegenwärtigkeit des Existierenden bewußt zu sein." bemühte er sich ehrlich, dem Urbaner zu erklären, auch wenn das bestimmt schwer zu begreifen war, für einen Aussenstehenden, der eher mit dem Tauschgeschäft-artigen Wesen der urrömischen Kulte vertraut war.
    "Was war und was sein wird liegen darin, so wie das Samenkorn bereits den Getreidehalm enthält, der nach der Aussaat daraus sprießen wird, genauso wie die Ähre, in der es im Vorjahr geerntet wurde. Der Ewige, die Ewigkeit, offenbart sich uns im Flüchtigen, wenn wir hinzusehen verstehen, und der vergängliche Augenblick im Unendlichen."

    "Auf der Hochzeit. Ja. Wo du so getan hast als würdest du mich nicht einmal sehen." kommentierte ich eisig. Wenn ich mich dort auf dem furchtbaren Fest nicht schon zuvor wie ein Aussätziger gefühlt hätte, dann hätte spätestens er mir diese Tatsache klipp und klar vermittelt.


    Zumindest traf es ihn, was ich sagte, traf ihn sichtlich, und er begann mit allen möglichen Rechtfertigungsversuchen. Kalt fuhr ich ihm über den Mund:
    "Deine Geschichte stinkt zum Himmel. Denn erstens: Ja, du kennst mich, und hast es gewusst, dass ich dir keine Lügen erzählen würde. Und zweitens: Du weißt dass ich nicht blöd bin. Und drittens: Dir war klar, dass ich erst als Gardetribun und dann als Gardepräfekt, im Kaisermord selbst ermittelt habe, sehr lange und sehr genau. Dass ich somit derjenige bin, der an dieser Sache am allerdichtesten dran war, derjenige, der von allen am schwersten zu täuschen war, derjenige, der in der Position war, die Wahrheit herausfinden zu können!!
    Und du behauptest allen Ernstes, du habest eher den Gerüchten geglaubt, die irgendwelche Leute, die keine Ahnung haben, weit weg von Rom in Mantua verbreiteten?! Und den Lügen, die dein Legat, der bekanntlich selbst ein Verwandter des Verschwörers Aurelius Lupus ist, euch erzählt hat?!
    Das ist doch lächerlich, Licinus! Ich sage dir was geschehen ist: du hast den Kopf in den Sand gesteckt! Meinen Brief ignoriert, so wie du die Wahrheit ignoriert hast, nicht einmal mehr geantwortet hast du mir! Du hast lieber mich verraten, und Rom verraten, und dich in diesem idiotischen Krieg instrumentalisieren lassen, um deine Brüder abzuschlachten und den Mörder der Ulpier auf den Thron zu setzen, anstatt das einzig richtige zu tun, und dich gegen diesen blutigen Wahnsinn zu stellen! Zu einem Dasein als feiger Mitläufer in einem gigantischen Verbrechen hast du dich entschieden. Ich erkenne dich nicht wieder."

    Die Verachtung lag bitter auf meiner Zunge, und ich sprach die Sätze wie giftige Pfeile gegen ihn aus. Aber es tat weh, meinen alten Freund zu verachten.
    Manchmal dachte ich, wie anders... und wie viel einfacher es doch alles wäre, wenn ich selbst auch die Augen geschlossen und bequem den Kopf in den Sand gesteckt hätte, so wie die schweigende Masse. Zumindest wäre ich dann nicht so allein.


    "Und du gibst es nicht einmal jetzt zu. Und du stellst dich noch immer blind. Mach die Augen auf, compañero, und steh dazu, gestehe es dir ein, wie erbärmlich feige du warst, steh dazu dass du deinen Freund verraten hast, das ist das allermindeste was du tun kannst, steh doch wenigstens dazu!!"
    Warum war er hier, wenn nicht weil ihn das schlechte Gewissen plagte? So wie Manius. Aber ich war kein Christianer, der einen jeden, der ihm ins Gesicht schlug, sogleich, treudoof wie ein Schaf, mit seiner Vergebung beglückte. Ich war Römer, und würde diese Erfahrung sicher nicht in den Wind schlagen. Solange Licinus nicht mal Einsicht zeigte, und mir keine guten, keine wirklich guten Gründe lieferte, warum ich ihm das verzeihen sollte, konnte er sich zum Hades scheren.....

    Oh Ewiger Serapis. Geduld. Geduld und Sphinxgleiche Gelassenheit...
    Mit Daumen und Zeigefinger rieb ich mir die Nasenwurzel, und ließ mir wiederum nichts anmerken, als Cornelius wiederum das Gesagte zu neun Zehnteln ignorierte, den Rest als Ausgangspunkt für Abschweifungen nutzte, die dieses Gespräch keinen Deut weiterbrachten, und konkrete Aussagen oder gar konkrete Lösungen wiederum tunlichst vermied.
    Manius' wirklich konstruktiven und überzeugend vorgebrachten Vorschlag würgte er schlichtweg ab. Ohne selbst einen besseren zu machen.
    "Senator Flavius sprach nicht von Neutralität. Neutralität gibt es nicht in dieser Angelegenheit. Ein jeder Römer fand sich entweder auf der einen oder der anderen Seite der Kluft wieder, die der Bürgerkrieg durch das Reich geschlagen hat." bemühte ich noch ein weitere Mal die treffende Metapher. Es gab zwar Feiglinge, die tatenlos zugesehen hatten als das Reich im Chaos versank, und die erst abgewartet hatten bis ganz deutlich war, dass Palma der Sieg zugeschrieben war, bevor sie sich auf die Seite seiner Anhänger, und damit die Seite der Kriegsprofiteure, geschlagen hatten. Aber das machte sie nicht zu Neutralen.
    "Wenn du diese Kluft überwinden willst, Cornelius, und die Aussöhnung des Reiches ernsthaft vorantreiben, dann wird es sich nicht vermeiden lassen, der anderen Seite die Hand zu reichen, konkrete Angebote zu machen, und diese Signale auch öffentlich zu geben. Indem du beispielsweise, wie gerade schon gesagt, die Greueltaten bei der Einnahme der Stadt entschlossen ahndest. Indem du beispielsweise die Männer, die lediglich ihre Pflicht taten als sie Rom verteidigten, wieder in die ihnen gebührenden Positionen einsetzt. Indem du beispielsweise eine Reihe von Sühneopfern abhältst, um den Schatten der unzähligen Toten, die deiner Machtergreifung zum Opfer gefallen sind, Ehre zu erweisen."


    Auf den langen Monolog, und die bedeutungsschwangeren Fragen am Ende, erwiderte ich ebenso bedeutungsschwanger: "Allerdings. Wer Soldaten gegen Rom schickt muß notwendigerweise und realistischerweise damit rechnen, dass sie in Rom plündern und morden, da gebe ich dir ganz recht. Und wer das herrschende Kaisergeschlecht ermordet, muß notwendigerweise und realististischerweise damit rechnen, das Reich ins blutige Chaos zu stürzen."
    Kriegsverbrechen waren in einem Krieg nicht zu vermeiden. Darum zettelte man nun mal keinen Krieg Römer gegen Römer an, nur weil man mit des Kaisers Stellvertreter unzufrieden war. Cornelius war mit keiner Silbe auf den Fakt eingegangen, den ich zuvor benannt hatte: dass sie die Ulpiermorde begangen hatten, als Vescularius lediglich Stadtpräfekt gewesen war, ein schlecht gewählter Stellvertreter, kein allmächtiger Tyrann, und dass sie damit ja erst den Weg freigemacht hatten, für einen Kaiser Vescularius. Dass es vollkommen absurd war, ihren Putsch als "bellum iustum" verkaufen zu wollen.
    Aber genug davon. Entweder: Cornelius war fähig zu dieser Einsicht, doch zu stolz es in meiner Gegenwart zuzugeben – dann hatte ich schon längst genug gesagt. Oder: ihm waren Gemetzel, Leid und Unrecht die er verschuldet hatte wirklich einfach nur vollkommen gleichgültig – dann mußte ich hier nicht weiterhin gegen Wände reden.
    Manius, ganz im Gegensatz dazu, schien tatsächlich den Mut aufgebracht zu haben, diesen Weg zu gehen, diese Einsicht mochte sie noch so schmerzlich sein, zu wagen. Er stand zu seinen Taten (jedenfalls hier in diesem Rahmen), und er schien mir wirklich darum zu ringen, den Hauch von Wiedergutmachung, der möglich war, auch zu leisten. Bei der Tiefe meines Grolles, bei der Bitterkeit des Argwohnes, den ich gegen ihn hegte, und obgleich ich so vehement geschworen hatte, ihm nie wieder auch nur ein einziges Wort zu glauben... war es merkwürdig, dass es mir doch verdammt gut tat, zu hören, wie er sich für mich einsetzte, und meine Taten würdigte.


    Ich zwang mich, keine Miene zu verziehen, bei Cornelius weiteren Fragen - er schien, das fiel mir erneut auf, einen Hang zu Fragen zu haben, die bereits ausführlich beantwortet waren - und ruhig zu erwidern:
    "Die Vergangenheit läßt sich nicht mehr ändern. Was deine Rolle angeht, Cornelius, so glaube ich, wie gesagt, dass die Frage viel entscheidender ist, was für ein Herrscher du in der Zukunft sein wirst. Das liegt in deiner Hand. Nach all dem Leid und Blutvergießen schuldet du es dem Reich, ein wirklich guter Kaiser, und vor allem ein Kaiser aller Römer zu werden. - Was mich angeht... so bin ich, wie gesagt, bereit dich, trotz allem Vergangenen, um dieser Zukunft willen darin zu unterstützen. Ich habe mein ganzes Leben lang als Soldat und Kommandant dafür gekämpft, Rom zu beschützen, vor Gefahren von aussen wie auch von innen, und das will ich auch weiterhin tun."
    Als Manius zu mir in den Tempel gekommen war, da hatte er mir gesagt, er habe Cornelius davon überzeugen können, dass es nicht im Sinne ihres Handelns gelegen habe, dass ehrbare Römer dadurch zu Schaden kamen, und dass Soldaten geächtet wurden, weil sie ihre Pflicht für Rom getan hatten. Er hatte mir gesagt, dass er Cornelius habe überzeugen können, dass es ihre Pflicht sei, mich an meinen rechtmäßigen Platz zurückzubringen. Dies hatte er mir in Aussicht gestellt, und darum hatte ich in diese Treffen eingewilligt. Leider war von Cornelius bisher in diesem ganzen langen Gespräch noch gar kein Angebot in diese Richtung gekommen. Warum? Worauf wartete er? Vielleicht darauf, dass ich ihm ein konkretes Angebot machte?
    Ich war zermürbt von der aufgezwungenen Untätigkeit seit Cornelius Machterreifung. Zermürbt davon, als Eques, der ich mein ganzes Erwachsenenleben Soldat gewesen war, der ich in langen harten und entbehrungsreichen Jahren die gesamte Militia Equestis bis zu ihrem höchsten Gipfel erklommen hatte, der ich auf zahlreichen Schlachtfeldern für Rom gekämpft hatte, nun, mit all meinem Können, meinen Verdiensten und meiner Erfahrung zum Nichtstun verurteilt zu sein. Jahrelang, Jahre lang auf Eis zu liegen, während die Prätorianergarde, einstmals die besten der besten, dezimiert und führungslos den Bach runterging.
    Ich leerte mein Glas. Wenn er mir kein Angebot machte, mußte wohl ich ihm eines machen.
    "Ich biete dir an, auf meine alte Position zurückzukehren. Ich werde die Prätorianergarde wieder zur alten Stärke hin aufbauen, und ich werde das alte Netzwerk wieder aktivieren, mit dem du Informationen aus allen Winkeln der Welt erhalten wirst können." Das war ein Trumpf, den kein anderer bieten konnte. Ich kannte die verborgenen Strukturen des Spionagenetzwerkes, hatte das Vertrauen der Schlüsselpersonen, konnte aus dem verbliebenen wieder aufbauen.
    "Es wird eine hohe Symbolkraft haben, wenn wir uns die Hände reichen. Ich werde dir loyal dienen, dir als Kaiser aller Römer, um der Eintracht willen, um die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges zu bannen, zum Wohl des Reiches."

    Nervös rieb ich mir über die Wange, als wir da warteten. Es war wirklich nicht mein bester Tag gewesen, an dem ich die Quintilia kennengelernt hatte. Furchtbar war das gewesen, und ein furchtbarer Fauxpas von mir. Auch wenn der hasenherzige Dives alle Flüche redlich verdient hatte - ich hätte sie lieber auf eine Fluchtafel ritzen und heimlich des Nachts in seinem Garten vergraben sollen, als sie vor den Ohren einer Dame auszusprechen...
    Die Hausherrin persönlich öffnete uns die Türe. (Wahrscheinlich wollte sie niemandem von ihrer Dienerschaft ins Vertrauen ziehen. Meine Botschaft schien Eindruck gemacht zu haben. Oder wusste sie schon von der Angelegenheit, und ließ darum Vorsicht walten?) Ihre Begrüssung war freundlich, ich hörte kein Ressentiment darin, und sie hatte so eine angenehme Ausstrahlung, dass meine Befürchtungen sich schnell zerstreuten.
    "Salve Quintilia Valentina! Hab Dank dass du uns empfängst..." begrüßte ich sie, und überreichte ihr beim Eintreten lächelnd den Blumenstrauss, wobei ich zu meiner Freude bemerkte, wie harmonisch der Farbhauch der Wildrosen mit dem Ton ihres Gewands harmonierte. Eine stilvolle Erscheinung war sie.
    "...und uns diesen Morgen wie die rosenfingrige Eos zum Strahlen bringt. Dies ist mein guter Freund Borkan – die Dame Quintilia Valentina."
    Für einen Augenblick erlaubte ich mir das Behagen, das darin lag, dieser Dame einen ganz manierlichen Besuch abzustatten, und freundlich empfangen zu werden - ganz so als hätte es die Katastrophe des Bürgerkrieges nicht gegeben, ganz so als wäre ich noch immer Teil des römischen Lebens.


    >>

    Der Bruchteil eines Augenblickes, der zwischen meiner Frage und seiner Antwort verstrich... der genügte schon, um das Schreckensbild vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen... von ihm, sterbend an einem Kreuz an der Via Appia. So wie Celeste es mir berichtet hatte. Von Hannibals entsetzlichem Tod.
    Blass war ich geworden, und hing an seinen Lippen, als er die rettenden Worte aussprach. Er war frei. Ich studierte die Urkunde, nicht etwa weil ich ihm mißtraut hätte, doch zu meiner eigenen Beruhigung. Dann atmete ich auf, von dieser schweren Sorge befreit.
    "Was für ein Glück!"
    Und zugleich war da ein kleiner Teil von mir, der dies alles beobachtete, und sich wunderte – und sich fragte, wie das sein konnte, dass ich mir so närrische Gedanken machte, mich aus nichtigem Anlass sorgte, um einen Mann den ich doch eigentlich kaum kannte.
    Borkan hatte wohl schon verstanden, dass es nicht nur das gewesen war, das ich wissen wollte. Er erzählte, erzählte mit einer Offenheit die ich nicht erwartet hatte, von seiner Vergangenheit.
    "Diese Schweine!!" rief ich zornig aus, empört dass ihm, dass seinem früheren Ich, so etwas schmachvolles angetan worden war, und mit blitzenden Augen, mit bebenden Nüstern, warf ich wütend den Kopf in den Nacken, als wäre ich ein Stier der die "Kunden mit speziellen Wünschen" sogleich mit seinen Hörnern zerfetzen und unter seinen Hufen zertrampeln würde. Meine Empörung war grenzenlos - und doch war sie nicht moralischer Natur, denn im Grunde fand ich es ja schon ganz normal und durchaus sinnvoll, dass Sklaven in Lupanaren arbeiteten. Ich war ja auch schon oft in Lupanare gegangen. Selbstverständlich hatte ich mich auch zu Hause mit meinen eigenen schönen Sklaven vergnügt (am Ende, da hatte ich ja wirklich eine ganze Kollektion der unterschiedlichsten, jeder auf seine Weise reizvollen, Typen besessen.)
    Und dass manche Männer sich nun mal zu pueri delicati hingezogen fühlten, auch dies war normal und gesellschaftlich akzeptiert. (Deutlich akzeptierter zumindest, als die Leidenschaft zu Partnern, die dem Jünglingsalter entwachsen waren. Von daher saß ich in einem Glashaus, aus dem heraus es nicht angebracht gewesen wäre, mit Steinen auf Päderasten zu werfen.) Doch auch ohne dies alles in Frage zu stellen, war ich wutentbrannt, dass sie es gewagt hatten, meinem Borkan dies anzutun!!
    Deinem Borkan? - Seit wann denn das, Faustus?!
    Ich atmete tief durch. Streichelte mit dem Daumen sacht über seine Hand. Hörte, dass er sich freigekauft hatte – was mir Respekt einflößte, denn es gab so viele Sklaven, die das anstrebten, und so wenige, die es durchzogen und am Ende dieses Ziel erreichten. Dass er dann weiter im Lupanar gearbeitet hatte, befremdete mich schon... Aber ich wußte auch, dass viele Freigelassene anfangs gar nicht so richtig wußten, was sie mit ihrer Freiheit anfangen sollten. Von meinen ehemaligen Sklaven, die ich da so plötzlich allesamt freigelassen hatte, hatten sich ja auch fast alle dazu entschieden, weiter für meine Gens zu arbeiten (wobei sie da keine ehrenrührigen Aufgaben mehr hatten.)


    Bis er mich getroffen hatte? Ich bekam große Augen. "Wirklich...?" flüsterte ich verblüfft, nicht etwa um seine Worte in Frage zu stellen, nur weil es mich so überraschte. - Aber war es denn so verwunderlich, dass diese Begegnung, die mein Leben gerettet und es auf einen neuen Weg gebracht hatte, auch auf das seine einen überwältigenden Effekt gehabt hatte? (Und wenn es doch gelogen war – dann war es die charmanteste Lüge, die man mir je gesagt hatte!!)
    Bewegt führte ich seine Hand zu meinem Mund, und hauchte ihm einen zärtlichen Kuss darauf. Die warme Glätte seiner Haut, die vollkommene Form dieser zugleich feingliedrigen und kraftvollen Hand, ließ einen wohligen Schauer über mich hinweggehen, stachelte die unbändige Sehnsucht an, mehr von ihm zu küssen, mehr seines lockenden Körpers zu enthüllen, mehr von ihm zu spüren. Mühsam hielt ich mich im Zaum – ich wollte doch nicht dass er, nach allem was er mir gerade anvertraut hatte, mich so gierig und geil sehen würde wie einen seiner.... Freier. Und dann waren da noch die Regeln der Gemeinschaft, die ich Anastasius versprochen hatte einzuhalten.


    "Ich habe dich auch nicht mehr aus meinem Kopf bekommen" sagte ich leise, mit trockener Kehle, ihm sehnsuchtsvoll in die Augen sehend. "Serapis hat unsere Wege sich kreuzen lassen, und... vielleicht... ja auch um unser beider Leben dadurch eine entscheidende Wendung zu verleihen... -"
    Wie heiß es hier drinnen schon wieder war, dabei hatte ich doch eben gelüftet... Mit glühenden Wangen stammelte ich weiter: "Du hast ein schweres Schicksal gehabt, und dich aus eigener Kraft befreit. Es ist mir ganz egal was du zu tun gezwungen warst. Und ich möchte furchtbar gerne..."Der große Retter sein, der dir die Welt zu Füßen legt! Allerdings war ich alt genug zu wissen, das sowas übel ins Auge gehen konnte. Zu helfen war mitunter eine knifflige Angelegenheit. Ich hatte versucht Hannibal freizukaufen, damals, im Überschwang der Gefühle, und das war der Anfang vom Ende gewesen.
    "...irgendwie dazu beitragen, dass du dir eine neue Grundlage schaffen kannst, abseits dieses Milieus... Wenn du mir das erlaubst." Ich lächelte entschuldigend, hoffte dass ich ihm nicht zu nahe getreten war. Ein schwerer Atemzug hob und senkte meine Brust. Das war natürlich nicht alles, was ich ihm sagen wollte. Aber... naja... ich war ein heruntergekommener Veteran, und Borkan trotz allem was er durchlebt hatte so leuchtendschön, und jung, und lebensfrisch wie der Frühlingswind, und... mehr zu sagen wagte ich eben nicht.

    "Was erwartest du, Optio?" antwortete der Priester Perpiciens, mittlerweile sichtlich indigniert angesichts des schlechten Benehmens der jungen Stadtsoldaten. "Ich weiß es nicht. Wir versuchen doch, dir zu helfen. Aber willst du etwa andeuten wir würden hier einen Dieb vor euch verstecken?!"
    "Das ist doch die Höhe!" polterte der alte Benivolus, der es mittlerweile bedauerte, den Urbanern überhaupt von dem dubiosen Besucher berichtet zu haben.
    "Dass einer unserer Initianden mit dem Mann gesprochen hat, das wird dich wohl kaum dazu berechtigen deine Männer durch diesen geweihten Ort stöbern zu lassen."
    Der Tempel war sakrosankt, und was die Bereiche der Mysterienhandlungen anging so war der Zutritt den Eingeweihten vorbehalten. Doch selbst durch die gewöhnlichen Wohn- und Wirtschaftsbereiche wollten die Priester natürlich keine Horde von Urbanern trampeln lassen. Was das wieder für Unruhe hier hereinbrächte! Für Gerede schaffen würde! Ganz zu schweigen davon, dass die Stadtsoldaten den Ruf genossen, bei solchen Gelegenheiten gerne mal kostbare Dinge zu "beschlagnahmen", die dann nie wieder gesehen wurden...


    "Vielleicht ist Serapio bloß laufen gegangen, und kommt gleich wieder." warf einer der Jünger ein. "Er geht manchmal am Clivus Cinnae laufen."
    "Aber nicht während wir hier noch zu tun haben" wiedersprach ihm ein anderer.
    "Nein..." meldete sich höchst unbehaglich der Musiker Castus zu Wort, "das ist es nicht. Vorhin, ähm, da... meinte er... also, er kam zu mir und... sagte mir, er müsse für einige Tage fort."

    Ein spilleriger Gassenjunge, wie es unzählige von ihnen gab, lungerte gekonnt an der der Casa Iulia nächstliegenden Strassenkreuzung herum. Er wartete darauf, dass Iulius Dives aus dem Haus ging, folgte ihm, flitzte schließlich irgendwo unterwegs zu ihm und übergab ihm, oder auch einem seiner Leibwächter, wie es eben kam, eine verschlossene, neutral versiegelte Botschaft.
    "Für den Tribun Marcus Iulius Dives!" krähte er, und war auch schon wieder davongeflitzt...



    Marcus Iulius Dives
    -persönlich -


    Faustus Decimus Serapio grüßt Marcus Iulius Dives.


    Auf deine letzte Nachricht weiß ich nichts zu sagen, ausser dass es Deine Entscheidung war, Dich in dieses Joch zu spannen. Du hast sie getroffen. Du mußt damit leben. Aber das sagte ich ja schon.
    Ich schreibe Dir aus einem anderen Grund... wegen einer Intrige, der ich auf die Spur gekommen bin, und die das Potential hat, dem Ruf Deiner Familie empfindlich zu schaden. Da ich nicht den Wunsch hege, Deine Gens in Schwierigkeiten zu sehen, biete ich Dir an, dass wir uns 'rein zufällig' treffen, um uns über diese Sache auszutauschen. Ich schlage vor: zu der Tarpeiapremiere im Pegasustheater, an den Kalenden des Dezember, zur sechsten Stunde des Tages.
    Komm bitte allein, erzähle niemandem davon, und lösche diese Tabula aus wenn du sie gelesen hast. Diese Vorsichtsmaßnahmen mögen Dir jetzt wie alberne Geheimniskrämerei erscheinen, doch das sind sie nicht.


    Vale
    Faustus Decimus Serapio

    Während in den großen Theatern der Hauptstadt eine Tendenz zu aufwendig ausgestatteten Spektakeln herrscht, zu Pomp, Materialschlachten und grellen Effekten für die breite ungebildete Masse, verbirgt sich in der alternativen Theaterszene Roms so manches rare Juwel. Das Pegasus-Theater in Trans Tiberim ist eines von ihnen. Weder fegen hier Reiterschwadronen über die Bühne, noch fliegen Olympier an einem Kran von der Decke. Hier herrscht der Geist des wahren Künstlertums! Schwer zu sagen, ob das Theater nun so modern ist, dass es schon wieder traditionell ist, oder so traditionell, dass es schon wieder modern ist. Jedenfalls ist es enorm angesagt unter Kennern und solchen die diesen Anschein erwecken möchten, sowie ganz allgemein unter jungen hippen (aus der Provinz zugezogenen, sich aber als Ur-Römer gebärdenden) Trans-Tiberim-Bewohnern...
    Mag das Gebäude, hinter einer Amphoren-Manufaktur und neben einem Wettbüro gelegen, auch schäbig sein, die hölzernen Sitzbänke hart, und die Inszenierungen bisweilen etwas arg ambitioniert – das Theater ist en vogue. Die Stars des Ensembles sind zum einen der griechische Libertus Leophanes, dessen zarte Interpretation der Iphigenie legendär geworden ist (und dessen neueste ruchlose Liebesaffären immer viel Material für Klatsch und Tratsch bieten), sowie der klassische Schauspieler Cnaeus Cluvius Philonicus, berühmt für seine Intensität, seine düstere Glut, und verklärt von dem Gerücht, er stamme aus der Nobilitas, der Familie des Konsuls Cluvius Rufus, der einst der Herold Kaiser Neros war. Cluvius Philonicus nun, so sagt man, habe dieser edlen Herkunft entsagt, und es aus echter Liebe zum Theater in Kauf genommen, als Schauspieler infam zu werden, die Ehrenrechte eines römischen Bürgers zu verlieren.


    Aushänge und Grafitti in der Stadt kündigten die Premiere eines neuen Stückes an:


    "Tarpeium nemus et Tarpeiae turpe sepulcrum fabor
    et antiqui limina capta Iovis..."
    *


    Das Pegasus-Theater präsentiert:
    Tarpeia – Ein Stück von Liebe und Wahn
    frei nach Propertius
    Premiere an den Kalenden des Dezember, zur sechsten Stunde


    es spielen:
    Leophanes als Vestalin Tarpeia
    Cnaeus Cluvius Philonicus als Feldherr der Sabiner Titus Tatius
    Lafrenianus Nasica als Kommandant des Kapitols Spurius Tarpeius
    Symnus als Romulus
    (...)



    *Von Tarpeias Hain will ich künden, und Tarpeias schmählichem Grabmal, und wie Iuppiters alte Festung erobert wurde.

    Darauf war ich nicht gefasst. Er umarmte mich... So gar nicht war ich darauf gefasst. Überrumpelt verharrte ich, so wie ich da stand, ohne mich zu rühren, nur meine Schultern wurden hart. Natürlich war da ein Teil in mir, der sich ungeheuer freute, ihn zu sehen, und der mich sehnlich wünschen ließ, mich in die väterliche Umarmung hineinzuwerfen, ohne zu hinterfragen, dankbar und vertrauensvoll. Doch bestimmender war... der Argwohn. Das tiefe Mißtrauen, welches mir in Fleisch und Knochen hineingesickert war, in den Zeiten des Verrates. Mein Vater war mir vor dem Senat in den Rücken gefallen, um die Wahl zum Konsul zu gewinnen. Für das Wohl der Familie, möglicherweise hatte er damals mich einzelnen fallen lassen, in dem Glauben so das größere Wohl der ganzen Familie zu gewährleisten... so erklärte ich es mir zumindest. Und nichtsdestotrotz hatte er mich fallenlassen, und nichtsdestotrotz hatte er sich, obgleich er die ganze Wahrheit kannte, entschieden diese weiterhin zu leugnen. Livianus hatte mich im Stich gelassen, um das zu tun, was ihm den größten Nutzen versprach.
    Und dass er nun mit einem Mal hier erschien... allein?.... und in so unscheinbarem Gewand?... war gewiss auch irgendeiner Frage von Kosten und Nutzen geschuldet, so dachte ich zynisch.
    "Vater." sagte ich verhalten. "Du hier...?"
    Natürlich stand mir auch wieder das furchtbare Zerwürfnis vor Augen. Was ich da alles zu ihm gesagt hatte, in meinem Zorn und meiner Enttäuschung – wütende Worte, ungehörige Worte, Worte die man gegenüber seinem Pater familias, was auch immer der getan haben mag, einfach nicht sagen darf!! Ich schlug die Augen nieder, und dann kam mir als nächstes der bange Gedanke, ob womöglich etwas in der Familie vorgefallen war, etwas schlimmes. So schlimm, dass es ihn bewogen hatte, mich trotz allem selbst aufzusuchen.
    "Ist... ist etwas passiert?" fragte ich leise.

    Am darauffolgenden Tag, zur bezeichneten Stunde, erreichten wir, in der geschlossenen Sänfte und begleitet von den ausgeliehenen Leibwächtern, das Haus der Quintilier. Ich hoffte, dass alles mit der Botschaft geklappt hatte, und die Dame disponiert war. Unterwegs hatte ich Borkan natürlich davon erzählt, wie ich die Quintilia kennengelernt hatte, und was für einen bleibenden Eindruck sie hinterlassen hatte. Ausserdem hatten wir einen Abstecher zu einem schicken Blumenladen gemacht, wo ich einen schönen Strauss für sie erworben hatte... als Mitbringsel, oder Entschuldigungsgeste, oder was auch immer. Sizilianische Blausternhyazinthen und rosé angehauchte Wildrosen..... die hielt ich für unverfänglich genug, um sie ruhigen Gewissens verschenken zu können, ohne mir irgendeinen Ärger mit ihrem Verlobten einzuhandeln. (Ich war ja gesellschaftlich so gar nicht auf dem laufenden und ging davon aus, dass sie noch immer mit dem Germanicus verlobt war.)
    Ich muß sagen, obgleich ich die Quintilia ja wirklich sympathisch fand, war ich gar nicht so scharf darauf, ihr entgegenzutreten. Weil es mich eben an diesen grauenvollen Tag von Dives Hochzeit erinnerte, an die Tiefe meiner Verzweiflung, und daran, wie... schwach und besiegt... sie mich an jenem Tag gesehen hatte. Peinlich war mir das.
    Die Träger setzten die Sänfte ab, ich stieg aus und zupfte sorgsam meinen Amictus zurecht. Er war aus rostrotem Leinen, mit olivgrünen Stickereien entlang der Säume, abgestimmt zur Tunika. Die Kombination war so so ziemlich die dezenteste die ich in Tricostus Kleidertruhen gefunden hatte. Zwar war es im Grunde nicht in Ordnung, dass ich die Kleidung eines bescheidenen Serapisjüngers gegen diese hier eingetauscht hatte, doch noch mehr wäre es meiner Ansicht nach nicht in Ordnung gewesen, die Dame schäbig gekleidet aufzusuchen. (Und überhaupt kam es nach all meinen Verfehlungen gegen die Regeln der Kultgemeinschaft wohl kaum noch auf diese Kleinigkeit an....)
    Ich lächelte Borkan zu, prophezeite: "Das dürfte interessant werden.", und klopfte an der Türe.

    "Optio" widersprach der Priester Perspiciens nun nicht mehr ganz so verbindlich, und wiegte bedächtig das kahle Haupt, "unser junger Initiand" – (jeder unterhalb des vierzigsten Lebenjahres war ein "junger Mann" für den alten Priester) – "ist gerade nicht zu finden, ja, und das gibt durchaus Anlass zur Sorge, doch ich glaube kaum dass daraus zu schließen ist, er sei mit einem Leichenflederer zusammen geflohen."
    Sein Kollege schien den Gedanken weniger abwegig zu finden. "Naja..."
    "Der junge Mann ist seit dem letzten Frühjahr hier bei uns. Er war krank, und fand bei uns Heilung, durch den Segen Serapis'. Darauf entschied er sich zu bleiben. Er strebt die Einweihung in die Reihen der Mysten an, und er spielt oft die Syrinx bei den Riten zu Ehren des Ewigen." berichtete Perspiciens frei heraus. Aus dem Kreis der Umstehenden winkte den Tempelmusiker herbei, der zuvor die Trommel geschlagen hatte. "Castus, tritt näher. Du kennst Serapio doch besser, vielleicht kannst du dem Optio helfen."


    Der Musiker war ein Mann von mittleren Jahren, dessen braunes Haar geschoren war (wie bei vielen der Anwesenden) bis auf eine einzelne Locke. Er hatte ein freundliches Gesicht mit vielen Lachfältchen, und war großgewachsen, doch durch seine nachlässige Haltung fiel es kaum auf.
    Er räusperte sich. "Ja...?" Ausgesprochen unruhig wirkte er dort, angesichts all dieser vierschrötigen Ordnungshüter (von denen manche noch dazu so unheilvoll miteinander zu tuscheln begonnen hatten) und inmitten der ganzen Versammlung, deren Augen nun alle auf ihn gerichtet waren.