Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    "Ich wünschte wir könnten uns einfach wieder ganz normal unterhalten!" erwiderte ich aufgebracht, zornig über den kaltschnäuzigen Spott mit dem er das Leben, welches der Krieg mir zerstört hatte, schlechtmachte.
    "Ich wünschte, du würdest das was ich dir gerade anvertraut habe... von dem Wunder das mir widerfahren ist... und mir das Leben gerettet hat... - du bist der erste dem ich das überhaupt erzählt habe, ausserhalb der Kultgemeinschaft - ich wünschte du würdest einen Hauch, nur einen Hauch von Interesse dafür zeigen, anstatt es nur mit einer abfälligen Bemerkung zu quittieren. Denn ich möchte dir gerne davon erzählen.... - Aber fremd, ja, ganz recht fremd bist du mir, wenn du so kalt und abgehoben und spöttisch daherredest über das, was mir widerfahren ist!"
    Unwillkürlich hatte auch ich mich erhoben, ich stützte mich auf den Rand des Beckens und starrte ihn an, der verlockendenden Schönheit seines Achilleskörpers schmerzlich bewußt, des warmen Glanzes seiner Haut, des Muskelspiels seiner kräftigen Arme, des edlen Schwunges seines Nackens an den ich mich hätte schmiegen wollen wie sein salzlockiges Haar... - Doch noch viel mehr war ich mir der Distanz bewußt, die zwischen uns lag. Der Gräben, die dieser verdammte Krieg zwischen mir und der ganzen Welt gezogen hatte. Auch zwischen mir und Massa. Ich atmete heftig ein, versuchte meinen Zorn an mir vorüberziehen zu lassen, doch vergebens.
    "Du hast gelitten Massa, in diesem beschissenen Krieg, auch du hast gelitten, das weiß ich, und das sehe ich! Und ich denke ich kenne das, ich weiß jedenfalls wie das ist, wenn man an die Gefallenen zurückdenkt und sich fragt wie es sein kann dass man selbst noch am Leben ist, das hatte ich in Parthien, diese Gedanken, und danach, und... - Aber dennoch! Es berechtigt dich nicht, NEIN, das berechtigt dich nicht, so verdammt abfällig über das zu sprechen was mir genommen wurde. Ich weiß nicht ob das deine Weise ist das Schreckliche irgendwie... 'auszublenden' oder so, keine Ahnung, aber es macht mich so VERDAMMT wütend, denn du, Massa, kannst weder ermessen was mir widerfahren ist, noch was ich verloren habe!!"
    Genug, Faustus, ruhig Blut, Faustus.... suchte ich mir selbst Einhalt zu gebieten, doch es brach aus mir heraus, die tief in mir verschlossenen Dinge brachen sich Bahn, und ich schleuderte sie Massa entgegen... Er sollte SEHEN, er sollte VERSTEHEN!! Er sollte meinen Schmerz und mein Opfer respektieren.


    "Ich habe NIE Soldat werden wollen! Es war mir ZUWIDER zu töten! Ich bin diesen Weg nur wegen der FAMILIE gegangen! Und auch wenn mir vieles WIRKLICH gegen den Strich ging – ich war gut! Ich war richtig gut, und ich habe es bis zum Gardepräfekten gebracht! Und ich bin stolz darauf! - Du hast Ungerechtes erduldet, auch du, aber weißt nicht wie es ist, wenn einem ALLES was man sich je erarbeitet hat entrissen wird, nicht durch eigene Fehler oder gewöhnliche Verwerfungen der Macht, sondern allein durch den Aberwitz wahnsinniger Schicksalsmächte, die sich einen skrupellosen Massenmörder zum Herrscher auserkoren haben, und einen jeden der sich ihm entgegenstellt zermalmen. Du hast doch selbst gesehen, mir selbst davon erzählt, wie sich Speere zu Streichhölzern gewandelt haben, geschleudert gegen seine unverwundbaren Truppen...."
    All das hatte ich nicht sagen wollen, hätte es nicht sagen sollen (diese Gedanken waren gefährlich für das Gewebe unserer Realität, schon erahnte ich wieder an den Rändern meiner Wahrnehmung dieses gruselige 'Ausfransen' in Stränge und Worte.....), und doch brach es aus mir heraus, mit unendlicher Bitterkeit, wie ein Erdrutsch, immer weiter. So als wolle es endlich einmal gesagt werden Sieh es, Massa. Sieh hin, bitte sieh hin.....
    "Und du weißt auch nicht wie es ist, in der endlosen Isolation eines Verlieses langsam den Verstand zu verlieren. Sterben wollen und es einfach nicht über sich bringen können. Ausgeliefert dem widerlichen Sadismus des widerlichen Duccius Vala. Du weißt nicht wie es ist, wenn alle "Freunde" sich mit einem Mal in Luft aufgelöst haben, alle Liebhaber sich längst anderen zugewandt haben, und alle Menschen um dich herum schlichtweg leugnen was geschehen ist... Sie leugnen die Wahrheit, um die ans Licht zu bringen du alles aufs Spiel gesetzt hast, sie stellen sich blind und taub weil es ihrer Karierre am dienlichsten ist, und... dein eigener Vater fällt dir vor dem Senat in den Rücken...!! Wenn du irgendwo erscheinst, dann beginnt sogleich das hämische Getuschel, und... Die Römer, um die zu schützen du in die Schlacht gezogen bist, anstatt dass sie es sehen würden, anstatt dass sie es achten würden, sie zeigen hinter deinem Rücken voll Schadenfreude mit den Fingern auf dich und lästern über deinen tiefen Fall. - Und selbst Manius..." Ich stockte, gehemmt von dem alten Instinkt, dem unbedingten Bestreben Manius' Ruf zu schützen. Aber warum sollte ich ihn noch schützen, der mich mehr als alle anderen belogen hatte?!
    "...den ich doch noch bei uns versteckt hatte... Ich habe ihn geliebt, er war die Liebe meines Lebens... er gehörte auch zu dem Verschwörerkreis, hat mich im Stich gelassen als ich ihn WIRKLICH gebraucht hätte, ist auch einer der Kaisermörder."
    Ein Beben hatte mich erfasst, bei diesem ungeheuerlichen Ausbruch, eine Erschütterung von Innen, eine kaltes Zittern. Fahrig rieb ich mir über die Augen, sie waren trocken und brannten.
    "Ich bin allein Massa. Ich kann nicht mehr vertrauen, ich habe gesehen wie Freundschaft und Liebe... und Ehre... und alle Gewissheiten vergehen, sobald ein kälterer Wind weht. Ich habe gesehen wie... brüchig und verletzlich unsere Wirklichkeit ist... - Am Ende hat der Ewige Serapis mir beigestanden, und vielleicht kann ich es schaffen, es doch noch irgendwie schaffen und diesen verdammten Scherbenhaufen... Stück für Stück beginnen wieder zusammenzusuchen und zusammenzusetzen... "
    Vielleicht.
    "Natürlich brauche ich deine Hilfe, Appius." bat ich ihn mit zusammengeschnürter Kehle. "Deine Freundschaft. Deinen Beistand... Dass du hinsiehst. Einfach nur hinsiehst. Bitte. Du hast doch auch die Wahl. Du bist in jeder Hinsicht der Kapitän deines eigenen Schiffes...."

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    Wir waren durch einen Hain knorriger Ölbäume geritten, deren Blätter silbrig schimmerten, und durch einen Buchenwald, in dem das Laub lautstark um die Hufe unserer Pferde geraschelt hatte, wir hatten einen Hügelrücken erklommen, von dem wir den Lacus Albanus wie ein verschattetes Auge in seinem Krater zu uns hinaufspähen gesehen hatten, wir waren über eine Hochweide getrabt, wo die Ziegen das karge Gras rupften, und aus einem Ebereschenbusch, in dem rot die Beeren leuchteten, hatten wir einen riesigen Schwarm von Staren aufgescheucht, die sich mit lautem Rauschen in die Luft geschwungen hatten, so jäh, dass meine gute Quarta mir beinahe durchgegangen wäre.
    Als wir aufgebrochen waren, von Seianas Gut, da war der Himmel noch klar und weit gewesen. Nun trieben ausgefranste graue Wolken über die Gipfel der Berge und Nebel stieg aus den Tälern zu uns auf, legte sich weich über das vergilbte Gras, hing wie feine Spinnweben zwischen den Bäumen, dämpfte jeden Laut, das Klappern der Hufe und unsere Stimmen, und legte sich als feiner klammer Film auf mein Gesicht....


    Alles mögliche hatte ich meiner Schwester unterwegs erzählt und ihr ebenso aufmerksam gelauscht, denn seitdem sie sich aufs Land zurückgezogen hatte hatten wir uns nicht mehr von Angesicht zu Angesicht getroffen. Es war kostbar, dass wir uns endlich einmal wieder ungestört austauschen konnten, und ich war ungeheuer glücklich darüber, dass meine großzügige große Schwester mir nichts nachtrug.
    Von meinem Leben im Tempel hatte ich erzählt, und davon wie das Leben von ausserhalb des Tempels mich dann eben doch immer wieder eingeholt hatte, von meiner "Mission" in Ostia bei der ich Massa begegnet war, von Manius' Erscheinen im Tempel und dem geheimen Treffen, das er arrangiert hatte, von meiner lyrischen Rache an Dives und dem unglaublichen Verdacht dass der Serapistempelbau in Ostia etwas mit mir zu tun haben könnte, davon wie ich meinem verräterischen Ex-Kameraden Licinus "ordentlich eins auf die Nase gegeben hatte", und auch, dass ich "jemand besonderen kennengelernt hatte...", und von der seltsamen Angelegenheit mit dem ermordeten Syrer... und davon, dass Livianus höchstpersönlich zu mir in den Tempel gekommen war (und wie froh ich darüber war!), und zuletzt erzählte ich ihr noch, dass sie mich rausgeworfen hatten.


    "...Also... rausgeworfen ist vielleicht etwas hart ausgedrückt. Jedenfalls haben sie es vermieden, das Wort zu benutzen. Sie haben es mir 'nahegelegt, es noch einmal zu überdenken, ob ich bereit bin, langfristig mein Leben in der Kultgemeinschaft zu verbringen...'. Naja." Ich zuckte die Schultern. "Ich kann's schon verstehen, nach dem ganzen Trubel den ich da rein gebracht habe. Und ich bin's nicht. Nicht bereit dazu. Sie haben mir sehr viel Gutes getan, und ich bin ihnen rasend dankbar, diese Zeit hat mir sehr viel Gutes getan, und ich werde den Gott immer ehren, aber ich gehöre eben nicht hinter Tempelmauern."
    Meine Talente lagen doch eher ausserhalb. Und meine Wünsche auch. Impulsiv strich ich meiner Apfelschimmelstute über das seidige grauweiß schattierte Winterfell, klopfte ihr den Hals. "Wie ich allein schon Tertia und Quarta vermisst habe!! Ganz zu schweigen von der Familie. - Die erste Initiation kann ich aber trotzdem erhalten. Auch ohne dass ich der Welt abschwören müsste, das geht auch so. Und dann... werde ich sehen."
    Was die Zukunft bringen würde lag in einem Nebel, noch undurchdringlicher als der, der uns hier umgab.
    "Hm... Und du? Willst du hier bleiben, mit Silana? Sie ist so großartig, du kannst so unglaublich stolz auf sie sein!"
    Natürlich war ich von meiner kleinen Nichte vollkommen hingerissen, und schwor, dass sie das schönste, aufgeweckteste und verständigste Kind war welches die Welt je gesehen hatte – was sie natürlich auch war. Ich hatte ihr einen ganzen Berg von Spielsachen mitgebracht, und ausserdem noch eine tolle Überraschung für sie in Reserve, die ich ihr überreichen wollte wenn wir zurückkamen. Wobei ich mich gerade fragte, in welcher Richtung nochmal der Rückweg lag? Egal, Seiana kannte sich sicher gut aus hier...

    "Aber natürlich!"
    "Folgt uns bitte."
    Die beiden Priester führten die Männer von den Stadtkohorten an der Schmalseite des Tempels vorbei, vorüber an dem Haus, welches die Tempelbibliothek beherbergte, aus dem öffentlich zugänglichen Bereich heraus. Sie kamen an einem Pavillion vorbei, wo eine Handvoll Tempelmusiker gerade am Proben war. Als die Urbaner vorübergingen, geriet der Trommler aus dem Rhythmus, worauf die Musik unharmonisch wurde und schließlich abbrach.
    In einem kunstvoll angelegten Garten, dessen Wandelgänge zur Kontemplation einluden, wenn auch die Oleanderhecken zur Zeit ohne Blüten waren und die Rosenbeete abgedeckt, trafen sie sodann auf eine Gruppe von Jüngern bei der Gartenarbeit. Benivolus rief sie zusammen.
    "Wo ist der Serapio, der vorhin Besuch bekam?" fragte der Priester streng. Die jungen Männer sahen sich gegenseitig an, einen Augenblick schien es als ob sie einen der ihren nicht verpetzen wollten, schließlich meinte einer, mit einem Seitenblick auf einen verloren an einen Baum gelehnten Rechen: "Er ist mit dem Besucher weggegangen, und seitdem nicht wiedergekommen."
    "Lasst die Arbeit liegen und geht die beiden suchen. Sagt ihnen, dass ich sie auf der Stelle hier sprechen will!" befahl Benivolus.
    "Geht immer zu zweit." fügte Perspiciens hinzu. "Und gebt acht, der Besucher kam wohl mit unlauteren Absichten hierher."
    Die Initiaten schwärmten aus und suchten. Und suchten. Doch sie fanden weder den Orientalen noch Serapio. So kehrten sie unverrichteter Dinge zurück und erstatteten Bericht.
    "Wie vom Erdboden verschluckt?!" grummelte Benivolus. "Unerhört!"

    Am Abend des Tages, an dem ein syrischer Händler auf dem Markt auf so aussergewöhnliche Art zu Tode gekommen war, schlurfte ein unscheinbarer Tagelöhner den Vicus Longus entlang. Er steuerte die Casa Quintilia an, blickte mißtrauisch auf das Mosaik mit dem blutrünstigen Wachhund, kratzte sich am Kopf, klopfte dann an der Türe und gab eine Tabula ab, bei wem auch immer der ihm da öffnete, mit dem Worten:
    "Die is' für die Dame Quintilia Valentina. Und zwar, ähm, persönlich is' sie, und was ich auch noch dazusagen soll: wichtig."


    Die Botschaft war zusammengeklappt, verschnürt und mit Siegelwachs versehen, doch ohne den Abdruck eines Genswappens. Lediglich die in das Wachs geritzten Buchstaben FDS wiesen auf den Ursprung des Schreibens hin.



    Sehr verehrte Quintilia Valentina,


    Lass mich Dir vorab versichern, dass die Güte und Beherztheit, mit denen Du bei unserer Begegnung auf der iulischen Hochzeit auf mich zugetreten bist, einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Ich habe es bisher versäumt, Dir meinen Dank dafür auszusprechen, sowie Deine Verzeihung zu erbitten, für den Fauxpas den ich dort in und trotz deiner liebenswürdigen Gesellschaft begangen habe, und ich möchte dies gerne nachholen.
    Durch Zufall bin ich auf die Spur von seltsamen Geschehnissen geraten, die den Anschein machen, dass sie auch dich betreffen könnten. Verzeih, wenn ich mich hier so vage halte. Ich würde Dich gerne von Angesicht zu Angesicht über diese Sache ins Bild setzen, und bitte Dich darum, mich, sowie einen ebenfalls involvierten Freund, morgen vormittag gegen die vierte Stunde in Deinem Haus zu einem Gespräch zu empfangen.


    Vale bene
    Faustus Decimus Serapio

    Jeder Römer Dreck am Stecken... Wahrscheinlich hatte diese Morrigan sogar Recht damit, dachte ich mit zynischem Grinsen. Auch wenn sie zu dem verfluchten Parthervolk gehörte. Über die Leichen im Keller des Iulius Dives hätte ich jedenfalls eine ganze Menge erzählen können.
    Also, diese Morrigan, entflohene Sklavin wie ich mich entsann, hatte in einem Lupanar gearbeitet, welches einem Helvetier gehörte, und sie hatte Borkan losgeschickt, um... -
    Verwirrt rekapitulierte ich: "eine Betriebskontrolle bei uns" hatte er gesagt. Bei uns? Arbeitete er etwa für ein Lupanar....? Aber doch bestimmt nur als... Augen und Ohren, als Informationsbeschaffer... oder Türsteher... oder Zuhälter... oder sonst so eine harmlose Tätigkeit...bestimmt...
    Vor den Kopf gestossen sah ich wie sein schöner Mund sich weiter bewegte und seine verführerischen Lippen Worte formte, und matt sagte ich hier und da mal was dazu.
    "Ja, eine furchtbare Megäre."
    Und:
    "Zu den Vestalinnen? Das gibt dem natürlich eine ganz andere Brisanz."
    Oder:
    "Mhm."
    Und:
    "Dann ist ja gut."


    Aber im Grunde... fand ich das ganz und gar nicht gut! Ich war ja nicht prüde oder so, jedenfalls bestimmt sogar deutlich weniger als ein durchschnittlicher Römer mit iberischem Abstammungshintergrund.... ich hatte auch gar kein Recht in der Hinsicht prüde zu sein... aber... aber...
    Ich stand auf und ging zum Fenster. Öffnete die Flügel und ließ den Strassenlärm und die kühle, vom Rauch der Öfen herbstlich verpestete Luft über mich hinwegfluten.
    ...aber es war eben so, dass ich nun mal die Erfahrung gemacht hatte, dass dieses Milieu unweigerlich mit Lug und Trug und Falschheit verbunden war (was ja irgendwie auch kein Wunder war, es gehörte schließlich zum Geschäft). Hannibal hatte ein Lupanar geleitet.... Und Endymion war ein hochklassiger Kurtisan gewesen.... Und beide hatten mich nach Strich und Faden getäuscht – wobei es bei Endymion im Vergleich zu Hannibal ja noch harmlos gewesen war, denn er hatte es immerhin nur aufs Geld abgesehen.
    Endymion war Syrer. So wie Borkan. Ich fasste mir an die Nasenwurzel, rieb sie, mit dem unklaren Verdacht, dass allein diese Gedanken Borkan gegenüber nicht so ganz fair waren. Hatte er jemals etwas von mir verlangt? – Nein, ganz im Gegenteil, ich hatte ihm meinen Dank förmlich aufzwingen müssen!
    Ich schloss das Fenster, etwas ruckartig, und kehrte zu ihm zurück, setzte mich neben ihn auf die Kline.
    "Borkan? Du.... ähm..." Ich griff vorsichtig nach seiner Hand, hoffend dass er mir die Frage nicht übelnahm. Und fragte dann doch etwas anderes. "...Du bist aber nicht etwa auch...... - ein geflohener Sklave, oder?"

    "Es war nicht das ihr wolltet, doch es ist das was ihr verursacht habt. Du hast diese Soldaten nach Rom geschickt, Cornelius. 'Heute ist der Tag gekommen, an dem der Militärstiefel die Straße nach Rom betritt ' sagtest du in Syrien zu deinen Truppen" zitierte ich seine Rede, die ich, der ich zu eben jener Zeit als Spion dort unterwegs gewesen war, ja genau dokumentiert hatte.
    "Diese Soldaten wurden von dir dorthin gesandt, erfüllt von eurer Propaganda, die besagte: 'Salinator ist ein Monster, und die Verteidiger Roms sind nichts als Schergen dieses Monsters.' Diese Soldaten haben durch deine Taten und in deinem Namen gemordet, Cornelius."
    Es wunderte mich, dass Cornelius so verwundert erschien. Was hatte er denn erwartet, wenn da indoktrinierte, aufgehetzte, im Krieg gegen andere Römer für das Töten von Römern enthemmte Horden von "Befreiern" in die Stadt einfielen?
    Als würde ein Junge, der mit Armeen von sauber polierten Zinnsoldaten großer Eroberer gespielt hatte, mit einem Mal ganz unschuldig verblüfft sehen, wie diese Soldaten seine restlichen Spielsachen massakrierten.... so etwa wirkte er auf mich.
    "Was ihr ausgelöst habt, das war, auch wenn ihr es gerne so bezeichnen wollt, kein 'gerechter Krieg' gegen die Tyrannei. Euer Mord an den Ulpiern war es doch gerade, der es Vescularius erst ermöglichte, vom Stadtpräfekten zum Kaiser aufzusteigen. Und der Krieg, den ihr losgetreten habt, um selbst an die Macht zu gelangen, der wurde zum schlimmsten Gemetzel unter uns Römern seit dem Vierkaiserjahr." so fasste ich ruhig und sachlich die traurigen Tatsachen zusammen, in der Hoffnung diesen Hauch von Verwirrung den Cornelius gerade gezeigt hatte, diesen winzigen Riss in der Fassade unendlicher Ignoranz mit der er sich in der Vergangenheit so erfolgreich gegen alle Fakten und Argumente gewappnet hatte, zu nutzen. Für einen Funken Einsicht.
    Wie Anastasius gerne sagte: "Verwirrung ist die Pforte zum Verstehen."

    "Versöhnung erfordert Verantwortung. Diese Soldaten für ihre Morde und Plünderungen zur Rechenschaft zu ziehen - und ebenso ihre Offiziere, die es teils auch sehr schlimm trieben -, das ist ein wichtiger erster Schritt. Ich bin sehr froh dass du das ebenso siehst. Und zugleich ist es lediglich der erste Schritt auf dem Weg, das kriegszerissene Reich wieder zu Einigkeit und Eintracht zu führen..."


    Und da zählten nur Taten, keine salbungsvollen Versprechen. Taten, und nicht etwa Worte ohne Konsequenzen, von denen hatte es nämlich schon genug gegeben. Taten, die letztendlich natürlich seinem Machterhalt dienen würde.
    Aber darauf mußte ich diesen Machtmenschen ja wohl kaum mit der Nase stoßen, nicht dass er sich noch beleidigt fühlte wenn ich das Offensichtliche so herausstellte. Darum schwieg ich, durchaus beklommen wie er auf diese ungeschönte Darstellung des Geschehenen reagieren würde. Ob staatsmännisch, mit dem Versuch wirklich Versöhnung und Ausgleich herzustellen, oder auf die Vescularius-Art: mit Leugnen und Zorn.


    Bang huschte mein Blick zu Manius, hoffend dass er wieder etwas so scharfsinniges und treffendes wie eben dazu sagen würde. Seine eindrückliche Schilderung hatte gerade tatsächlich etwas bewirkt, und in diesem kurzen Augenblick da war ich ihm, alles geschehene ausgeblendet, einfach... dankbar. Dafür dass er so deutlich gesagt hatte wie es war, und die Frage gestellt hatte, die mitten ins Schwarze traf:
    Weshalb hatte niemand es gewagt, Sühne für die Verbrechen zu fordern?
    Eine Frage, auf die Cornelius noch nicht geantwortet hatte.

    Nein.
    Nein, ich hätte dieses Gedicht nicht schreiben sollen. Von wegen "es auf meine Weise abschließen". Ich hatte den Wind herbeigepfiffen, frisch verkrustete Wunden aufgekratzt, schlafende Hunde geweckt, Steine ins Rollen gebracht...
    ("Wie man in den Wald hineinbellt, so beißen die schlafenden Hunde den Mond an", so oder so ähnlich pflegte mein alter Centurio Flavius Aristides immer zu sagen.)
    Jedenfalls war die ganze unglückliche Angelegenheit wieder mit aller Schwere in meine Gedanken und mein Gemüt getreten. Ein Tempel! Ein Tempel!!! Allein das Vorhaben, allein die Vorstellung dieses Vorhabens, die feurige Maßlosigkeit, der erhabene Größenwahn, der daraus sprach..... berührten mich zutiefst. Doch sobald ich dieser Vermutung erlaubte, mein zerrissenes Ego zu umschweicheln, da trat unweigerlich ihr häßliches Geschwister auf dem Plan und sprach: "Ja, das war einmal. Und dann bist du unter die Räder dieses verdammten Bürgerkrieges gekommen und der süße Dives hat dich abserviert."
    Worauf der Verlust nur noch ärger schmerzte.
    Wenn ich doch dies alles einfach hinter mir lassen könnte, einfach abschneiden könnte, die alten Verstrickungen von mir werfen und ganz neu beginnen. Als weltabgeschiedener Jünger in der Gemeinschaft des Ewigen. Oder... doch vielleicht... weltzugewandt... vielleicht sogar.... nicht allein...


    Tja. Und dann überfiel mich hinterrücks Dulcissimus Dives Brief! Nichtsahnend trat ich aus dem Tempelkomplex, leichtgekleidet, um am Clivus Cinnae ein paar Runden zu drehen. Ich hatte wieder mit dem Laufen begonnen, auf der Suche nach meiner verlorenen Form. Man hätte, wenn man mich da so matt um den Hügel traben sah, nicht meinen sollen, dass ich in dieser Disziplin einmal die Militärwettkämpfe in Mantua gewonnen hatte.
    Aber an jenem Tag, kam ich erst gar nicht so weit, denn mitten auf der Strasse winkte mir jemand, eine Frau die ich als Bedienung in der Herberge zum Salamander wiedererkannte, und rief mir zu, ihr Chef habe einen Brief für mich bekommen, und ihn aufbewahrt. Ich solle doch einen Sklaven vorbeischicken, um ihn abzuholen.
    Ein Brief...? Vielleicht von meiner Schwester dachte ich hoffnungsvoll, und ging, in Ermangelung eines Sklaven, gleich selbst zur Herberge.
    Widerstrebend zwar... es hingen einfach zu viele schlechte Erinnerungen in dieser Bruchbude, wie ein giftiger Dunst – aber was sollte ich machen. (Manchmal war es schon lästig, so ohne Sklaven. Vielleicht hätte ich sie nicht gleich alle freilassen sollen. Aber wer hätte denn ahnen können, dass ich überleben würde?)


    In der Herberge zum Salamander händigte der schmierige Vermieter mir gegen eine kleine Gebühr eine Tabula aus. Ich floh sogleich wieder aus dem muffigen Gemäuer. Draussen, im hellen Licht des Tages, betrachtete ich das Siegel... und wußte sofort von wem die Botschaft war. Denn ich hatte in einem anderen Leben schon einmal eine auf diese Weise versiegelte Botschaft bekommen. In den gloreichen Zeiten als er noch hinter mir her gewesen war, der treulose Schöne.


    Mein erster Impuls war, die Tabula im hohen Bogen in den Tiber zu werfen.
    Statt dessen barg ich sie mit verkniffener Miene in meinem Gewand, ließ die belebten Strassen hinter mir und stieg auf den Hügel hinauf. Dort oben setzte ich mich unter "meine" Pinie. Kalt war es geworden, und die Eidechsen spärlich und träge. Ich blickte über die Stadt und versuchte mich zu stählen gegen die schlechten Rechtfertigungen und wirren Gegenangriffe, die nun unweigerlich aus seinem Brief auf mich einprasseln würden.
    So angespannt als säße eine giftige Tarantula darin, löste ich die Knoten, brach das Siegel, und las....


    Roma, A.D. VI KAL NOV DCCCLXIV A.U.C.


    Maestus Infortunatus Devincendus s.d.p.


    Lange Tage und noch längere Nächte rang der wohl einstig äußerlich schönste deiner zahlreichen Freunde mit sich, dir zu schreiben oder nur schweigend dir zu antworten. Dann setzte er, der mit den welken Lippen, der mit dem ergrauten Sonnenglanz auf dem Haupt, der mit der getrübten Reinheit im Blick, der seiner Flamme der Leidenschaft beraubte, der verlorene Freund, sich an diesen Brief.
    Was nun soll er sagen, den tagein, tagaus seine ungeteilten Gefühle beinahe erdrücken? Was soll er sagen, dem du mit Leichtigkeit rätst, dieses Joch einfach von sich zu werfen? Was soll er sagen, den du frei sagst von dir? Und was soll er sagen, der doch in deinen Augen schon offenkundig längst verlorene Freund?


    Ich vermag nicht zu siegen, kann den Konflikt nicht dominieren,
    kann dieses Spiel der Gefühle nicht gewinnen, vermag es nur zu
    verlieren, ohne dich.
    Ja, ich komme mir verloren vor, fühle mich ganz nutzlos und allein,
    und werde wohl nie wieder der einstmals Gekannte können sein,
    ohne dich.
    Ich versage zu rennen, scheitere schon beim Gedanken ans Fliegen,
    und bar alleiniger Kraft durchzuhalten lass ich mich unterkriegen,
    ohne dich.
    Und weder finde ich Ruhe, noch vermag ich den Kampf aufzunehmen,
    sehne mich von früh bis spät nach uns, einem gemeinsamen Leben,
    ohne dich.


    Ich kann den Konflikt nicht auslöschen, nehme alles auf mich darum,
    akzeptiere indes weder unser stetes Entfernen noch deine Trennung,
    ohne dich.
    Denn ich darf jetzt nicht loslassen, würde einen großen Fehler tun,
    wünsche dich in jeder schlaflosen Nacht zu mir oder anders herum,
    ohne dich.
    Ich habe meine Flügel verloren, stürze selbst beim Klettern nur ab,
    bin ganz ohnmächtig, paralysiert, wie gelähmt und nur schwach,
    ohne dich.
    Ich kann nicht mehr sehen, bin blind für die Schönheit dieser Erden,
    fühle ein tiefes Loch in meiner Brust, das nie wird geheilt werden,
    ohne dich.


    Ich komme mir verloren vor, fühle mich ganz nutzlos und allein,
    und werde wohl nie wieder der einstmals Gekannte können sein,
    ohne dich.




    ...und ließ die Tabula traurig sinken. Keine Gegenattacken. Er hatte kapituliert. Aber voll und ganz!
    Ach.
    Marcus.


    Ein Funke der alten Rachsucht glomm auf: Es geschah ihm Recht! Er hätte mich haben können, ganz und gar, doch er hatte sich lieber kampflos von der Megäre unterjochen lassen. Wie man sich bettet so liegt man....
    Ein Funke des alten Argwohnes: Das was da stand – das konnte doch gar nicht wahr sein. Er hatte doch, laut Philonicus, diesen hübschen, feurigen, gutgebauten neuen Freund... Alles nur falscher Pathos....
    Ein Funke des alten Zaubers: Das mit uns, das hätte was werden können....


    Aber es war nichts geworden. Er hatte mich fallen lassen, lebte jetzt unter der Fuchtel seiner Erpresserin, und machte keine Anstalten das zu ändern. Und ich lebte in einer frommen Kultgemeinschaft (und träumte heimlich von einem kessen Syrer, der mich auf offener Strasse geküsst hatte, einfach so). Auch wenn ich noch immer nur die Augen schließen mußte, um mir Marcus' Umarmung zu vergegenwärtigen... wie er dort, über den Dächern von Rom, so ungemein zärtlich seine Arme um mich gelegt, wie ich seinen Atem an meiner Wange, wie ich sein Herz schlagen gespürt hatte... Wie ich geglaubt hatte, die Götter hätten ihn zu mir gesandt wie einen Silberstreif am Horizont.
    Hastig riss ich die Augen wieder auf. Sie waren trocken und brannten.


    Ich wußte keine Antwort, die ich ihm hätte schreiben können. Was, ausser, dass es eben vorbei war – und das wußte er selbst. Alles, was ich ihm sonst ganz vielleicht noch hätte mitteilen können, wagte ich keiner Tabula anzuvertrauen. Schon gar nicht einer, die in der Nähe seiner erpressungsfreudigen Xanthippe landen würde.
    Seinen Brief auszustreichen, das brachte ich trotzdem nicht fertig. Ich bewahrte die Tabula auf, im Schlafsaal der Jünger unter einer losen Fliese unter meinem Bett verborgen, und manchmal, wenn ich alleine war, holte ich sie heimlich hervor und las die traurigen Worte. Er war traurig. Ich war traurig. Das war eine ziemlich traurige Verbindung zwischen uns. Doch zumindest... überhaupt noch irgendeine Art von Verbindung.

    "Danke." sprach sanft der Priester Perspiciens zu dem verständigen jungen Mann. Angesichts dessen Entgegenkommen, übersah er den Pugio geflissentlich.
    Der zweite Priester, Benivolus, dagegen sah grimmig drein, und wiederholte ganz empört:
    "Einen Leichnam bestohlen!" Und sowas kam hierher, und brachte ihnen die Urbaner ins Haus! Als ob die Schlägerei vor kurzem nicht schon schlimm genug gewesen wäre...
    "Das weiß ich nicht. Ich habe dann nicht weiter auf ihn geachtet. Er wollte mit einem unserer jungen Initianden sprechen. Ich brachte ihn selbst dorthin, also nach hinten in die Gärten, – wobei ich ihn noch ermahnte dass dies ein geweihter Ort ist. Denn ich muß sagen, Optio, der Mann erschien mir gleich suspekt!"
    Benivolus streckte das Kinn vor, schnaubte unwillig, und sprach zu seinem Priesterkollegen: "Als ob ich es gewußt hätte."

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    Die Wohnung lag in der Belle Etage einer Insula, in einer der Seitenstrassen der Via Ardeatina. Weder handelte es sich um eine besonders schicke, noch um eine besonders ärmliche Gegend. Ich schloss die Türe auf, und besichtigte mit Borkan zusammen unseren Unterschlupf. Die Wohnung war, für Insula-Verhältnisse, äusserst großzügig, und wohnlich, an machen Stellen fantasievoll verschnörkelt, an manchen nicht so wirklich geschmackssicher, eingerichtet. Soweit ich wußte, unterhielt Tricostus sie nur für diskrete Treffen abseits der wachsamen Augen seiner Gattin. Dementsprechend anregend waren die Fresken, die hier üppig die Wände zierten.... ein Umstand der mich, angesichts dessen was zwischen Borkan und mir in der Luft lag, doch ein wenig verlegen machte...
    Ich lenkte entschlossen mit Aktivität ab, wies die Leibwächter an, sich im Vorzimmer einzurichten, die Trägersklaven, die Sänfte im Innenhof unterzustellen, begutachtete mögliche Zugänge und Fluchtwege, schickte einen der Custodes los um uns allen ein Abendessen von einer Garküche zu holen, einen anderen um mir ein Seil zu besorgen...
    Es war schon zu einer späten Stunde, an der eine respektable römische Dame für gewöhnlich nicht mehr empfängt, darum schrieb ich eine Nachricht an Quintila Valentina um ihr unseren Besuch für den morgigen Tag anzukündigen. Ich brachte die Tabula auf den Weg, mittlerweile war das Essen gekommen, ich teilte die Custodes in Wachschichten ein... und, oh Schreck, dann war auf einmal nichts mehr zu tun, für heute.


    Das Garküchenessen dampfte vor sich hin. Borkan und ich waren allein in Triclinum... Ich versuchte, die Fresken nicht zu sehen, ich versuchte, die zügellosen Gedanken auf die sie mich brachten nicht zu denken. Das war unmöglich. Borkan machte mich gerade verteufelt nervös.
    "Ein paar Fragen habe ich noch..." führte ich unser Gespräch von zuvor fort... Ratio, Faustus, Klarheit, Fakten, erstens, zweitens, drittens... "Die, ähm, die Tochter hast du gesehen, ja? Erlaube mir die Frage: woher kennst du sie, und wie gut? - Und der Ermordete sagtest du, wurde nicht müde zu erzählen er habe die Iulia mit einem Soldaten auf dem Mark gesehen. War er allgemein so schwatzhaft, oder zeigte er da eine, ähm, besondere Klatschsucht? - Und dann sagtest du, du habest einer Inez und einer – wie hieß sie noch? - auch davon erzählt – wer sind diese Frauen? Möglicherweise sollten wir auch sie warnen."

    "Salve Alexander. Wie schön zu sehen wie gut es dir geht." Ich gab mir keinerlei Mühe, den sarkastischen Unterton zu verbannen. Meine Augen wurden schmal, als er seinen Charme auf Borkan richtete, doch um so schöner war es zu sehen wie der ihm die kalte Schulter zeigte. (Zu denken, dass ich diesem "Charme" einmal erlegen war – brr! Nein, im Grund war es doch nur wegen des schönen rotgrundigen Linothorax gewesen.)
    "Ich sehe du bist gut im Geschäft, und" - ich richtete den Blick auf seinen Wohlstandsbauchansatz, den er dazumal noch nicht besessen hatte – "scheinst vor Gesundheit zu strotzen."
    Tricostus-Alexander verschwendete kein Wort auf das was zwischen uns stand, er tat als wäre alles in bester Ordnung, plauderte über das Wetter (warm für diese Jahreszeit) und über seine geschäftlichen Erfolge (ganz furiós). Nichts hätte mich weniger interessieren können.
    Ich lies ihn schwafeln, während ich meinen Wein trank, und mit einem kleinen Spieß einige Happen von der Platte pickte.
    Ein Blick zu Borkan – und als ich dieses wunderschöne stille Lächeln auf seinen Lippen sah, da rückte der ganze Ärger über den falschen Freund irgendwie... in den Hintergrund. Ich lächelte Borkan zu, und unterbrach Tricostus:
    "- Ganz furiós, ohne Zweifel. Und gerade darum möchte ich dir, alter Freund, heute die Gelegenheit geben, mir, eingedenk dessen was ich als Praefectus Praetorio für dich tat, auch einmal einen kleinen Gefallen zu erweisen. Mein Freund und ich..." - bei diesen Worten legte ich Borkan kurz die Hand auf den Arm (was sich unverschämt voreilig und unverschämt gut anfühlte) – "...möchten ein paar Tage ungestört in Zweisamkeit verbringen. Du hattest doch da diese Wohnung am Aventin – hast du sie noch? - die wäre perfekt. Eine Sänfte wäre auch nett, und ein paar qualifizierte Leibwächter...."
    Ich glaube, Tricostus wollte mich vor allem anderen schnell wieder loswerden, denn er stimmte sogleich zu, gab mir die Schlüssel, suchte ein Quartet vierschrötiger Leibwächter aus, und bot uns eine protzige "Deluxe-Sänfte" an. Ich wählte aber eine andere, eine geschlossene und eher unscheinbare.
    Tricostus, offenbar froh uns davonziehen zu sehen, verabschiedete uns herzlich. Wir schaukelten in der Sänfte von dannen, hinter geschlossenen Vorhängen und begleitet von vier kernigen Custodes, gen Aventin...

    "Ach." Wissen wie es mir geht. Fassungslos schüttelte ich den Kopf.
    "Und da hast du dir gedacht, Licinus, du spazierst hier einfach mal hinein, als wenn nichts gewesen wäre, ja? Du kannst doch nicht im Ernst glauben, ich hätte deinen Verrat vergessen? Du kannst doch nicht im Ernst glauben, dass ich mit einem feigen Kameradenschwein wie dir darüber plaudern möchte wie es mir geht?!"
    Ich lachte über diese absurde Vorstellung, lachte jäh auf, bitter und humorlos. Meine Hand schmerzte, ich sah auf sie herab und bemerkte, dass ich sie wieder zur Faust geballt hatte. Aber meine Wut war schon verbraucht, ich am ganzen Körper zerschlagen. Ich blickte Licinus direkt an, und sprach erschöpft weiter:
    "Was meinst du wohl, warum ich mich an dich gewandt habe, mit der Wahrheit? Weil ich mich erinnert habe, an den Tag in Mesopotamien, nach der Schlacht von Edessa, wo du die Beförderung ausgeschlagen hast, um den Kameraden die Treue zu halten. Und wie mich das bestärkt hat, damals. Ich habe dich für einen integeren Mann gehalten... und für einen echten Freund. Wir hätten..."
    Hätten, hätten können, wenn, wäre...
    "Wir hätten das Blutbad von Vicetia verhindern können. Gemeinsam. - Wir... hätten es zumindest versuchen müssen. Aber du... hast dich lieber diesem mörderischen Massenwahn in den Rachen geworfen, du bist gegen Rom gezogen und hast mit dafür gesorgt, dass jetzt der Mörder der Ulpier auf dem Thron sitzt. Schande über dich, Licinus."

    ...versunken und überwach nahm ich dies alles wahr: ein Hauch von Weihrauch, der von der vorherigen Zeremonie noch in der Luft hing... ein Kribbeln in meinem untergeschlagenen Bein... das regelmäßige Muster der Mauerfugen... die Kühle, wenn beim Einatmen der Luftstrom über meine Oberlippe glitt... die Stimme meines Vaters... der meinen Namen aussprach...
    Moment... -
    Langsam, und noch immer von der Ruhe, die der Ewige schenkt, erfüllt, wandte ich mich um. Er stand im Eingang des Tempels, umflossen vom letzten Abendlicht. Ich stand auf und ging auf ihn zu. Es hätte auch ein Tagtraum sein können, eines der Bilder, die in den langen Meditationen bisweilen so lebensecht aus den unkartographierten Tiefen meines Ichs aufstiegen. Und es war irgendwie auch nicht so unpassend, dass mir – nun, da ich, nach allem was in den letzten Monaten geschehen war, erkennen mußte dass ich nicht hier in der Kultgemeinschaft bleiben konnte, nun, da ich zu entscheiden hatte ob es mich zurück in die schmutzige Welt Roms zog, oder auf eine Pilgerreise zum großen Serapeion, oder in die Arme Phantasos', oder in eine einsame Eremitenhöhle, oder zurück zu meiner Familie... – dass mir gerade da das Bild meines Vaters begegnete.
    Darum empfand ich wenig Verwunderung – und trat dieser Erscheinung mit interessierter Gelassenheit entgegen, so wie Anastasius es mich gelehrt hatte den Bildern zu begegnen.
    "Ich bin hier."

    [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/30.10.14/1qdmke4dgzd.jpg| C. Cluvius Philonicus


    "Nach meinem Vortrag sagte er gar nichts mehr." erzählte Philonicus schließlich weiter. "Er blickte nur zu Boden, ein Bild der Tristesse. So etwa. Sein Freund dagegen entfesselte einen wahren Sturm von Worten, und... -"
    "Sein.... Freund?"
    Sein Freund. Konnte mir ja egal sein. Ob Dulcissimus Dives sich täglich die Augen nach mir ausweinte, oder sich jede Nacht quer durch Rom vögelte, oder eine neue unsterbliche große Liebe gefunden hatte - es war mir komplett gleichgültig!! Absolut. Unbedeutend. Irrelevantester als irrelevant. Genau.
    Und doch... war da dieses struppige schwarze Monsterviech mit den grünen Augen, das krallte sich mit einem Mal in meine Eingeweide hinein... Hat er also jemanden gefunden, der sich in seine abgeschmackte Lügenwelt brav mit einordnen läßt, dachte ich gehässig, wenn seine Megäre es ihm großzügig gestattet.... Während in meinen Ohren traurig nachklang, was er mir einmal hatte sagen wollen, was er sogar auf Iberisch so niedlich unbeholfen versucht hatte mir zu sagen: "Mi casa es tu casa."
    Heftig trat ich gegen einen Stein, er schoß über den Weg und riss ein Stück Rinde vom Baum.


    "Mhm. Ein hübscher Mensch. Aber nicht gerade ein sublimer Typ, du verstehst?"
    "So?"
    "Poltrig und unbeherrscht."
    "... Hübsch sagst du?"
    "Schon."
    "Wie hübsch?"
    "Über Geschmack lässt sich trefflich streiten."
    "Wie hübsch?" insistierte ich.
    "Sehr."
    "Wie sieht er aus?"
    "Dunkelblond, helle Augen, entschlossener Mund, markiges Kinn. Gut gebaut. Aber die Nase lässt zu wünschen übrig. Sie ist von geradezu mädchenhafter, zierlicher Schmalheit... "
    Unwillkürlich... fuhr ich mir an meine eigene Nase. Von der ich früher bisweilen hatte hören müssen, sie sei eine 'geradezu mädchenhafte Stupsnase'. -.^
    "Aha." sagte ich finster. "Und wer ist er?"
    "Nicht das hellste Licht unter der Sonne, mehr kann ich dir auch nicht sagen, wir wurden einander nicht vorgestellt. Doch, auf die Gefahr hin, dich noch grimmiger zu machen, Faustus infaustus , er scheint den Iulius Dives wirklich sehr gern zu haben. Er entflammte ob der Verse sogleich zu dessen Verteidigung, hieb verbal auf dich ein, er hielt dem Dives vor, dieser habe dich so vergöttert, dass er sogar bereit gewesen sei, dir einen Tempel zu erbauen – eine etwas holprige, doch authentisch empfundene Metapher will ich meinen – du aber würdest ihn nicht lieben, und zuletzt fehlte nicht viel, dass er mit den geballten Fäusten auf mich losgestürzt wäre..."
    "Isis und Serapis!" Es traf mich wie der Blitz, die Erkenntnis, die Erinnerung an den angefangenen Bau in Ostia, Dives ehemalige Rolle in der Stadtverwaltung, die Stiftungsinschrift auf dem Sockel....
    "... Es... ist gar keine Metapher..." murmelte ich, und mit einem Mal verschwamm die Welt vor meinen Augen, und es schnürte mir selbst die Kehle zu, als ich es endlich erkannte, das wahre Ausmaß dessen was ich verloren hatte, als ich Marcus Iulius Dives verloren hatte.


    Soviel zu "ich werde es auf meine Weise abschließen". Wäre ich ein Weiser gewesen, so wie Anastasius, dann wäre ich an der Stelle vielleicht zu der Erkenntnis gelangt, dass ich, in dem törichten Bestreben mich an Marcus Dulcis Dives zu rächen, letztendlich nicht nur ihm sondern auch mir selbst nur mehr Schmerz zugefügt hatte, und wäre an dieser Erkenntnis ungemein gereift oder so was in der Art. Aber ich war kein Weiser, ich war nur am Boden zerstört.


    Philonicus lieh mir sein Taschentuch und sein verständnisvolles Ohr, bis es ihm zuviel wurde. Ich gab ihm für all seine Mühen eine großzügige Spende für das Stück. Er schenkte mir noch zwei Freikarten, dann ging er zurück in seine Welt. Und ich in meine. Ich war erleichtert, als die Mauern des Heiligtums mich wieder umschlossen, mich von der Aussenwelt beschirmten...

    [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/30.10.14/6blqo3go35x.jpg] | S. Toranius Tricostus


    Die Hände vor dem Bauch verschränkt, überblickte Tricostus, in eine ginstergelbe Synthesis gekleidet, von der Terasse vor seinem Officium zufrieden sein Reich - und damit auch seinen Reichtum. Eine Seite des großen Hofes stand voll Sänften, von einfachen Tragesesseln bis hin zum Luxus-Strassenkreuzer mit modernster Trageschlingenfederung. Dutzende von Trägersklaven, die allesamt sein Brandzeichen trugen, waren im Einsatz, fleissige Angestellte lenkten alles in geordnete Bahnen, es war ein beständiges Kommen und Gehen.
    Muskelbepackte Miet-Leibwächter und -Schläger posierten vor den Kunden. Gerade traf eine Gruppe neu erworbener Sklaven ein – Tricostus war nämlich dazu übergegangen, sie billig "roh" zu kaufen und dann selbst ausbilden zu lassen – und verschwand in einer der Baracken im Hintergrund. Von dort erklangen auch die Kommandos des tüchtigen Ausbilders, der die Neuen schleifen (oder brechen) würde.
    Tricostus hatte expandiert in der letzten Zeit, und einen neuen Standort am Circus Flaminius eröffnet, der ihn zwar viel Schmiergeld gekostet hatte, mittlerweile aber guten Profit einbrachte. Er hatte die Leitung dort mittlerweile seinem ältesten Sohn übertragen, um dem Jungen in diesem Geschäft den letzten Schliff zu verleihen. Nun trug Tricostus sich mit dem Gedanken einer weiteren Dependance am Naevischen Tor und überschlug gerade im Kopf zum wiederholten Male die Zahlen.....
    ...als er zwei Gestalten erblickte, welche, von einem seiner Wächter geleitet, auf ihn zukamen. Einfach gekleidet waren sie, sein Blick wollte schon achtlos über sie hinweg gehen, da erkannte er in dem einen der beiden voll Erstaunen einen alten Freund.
    "Hephaistion?!" begrüßte er verblüfft den ehemaligen Fest-Gespielen, sowie ehemaligen Gardepräfekten. "Was für eine Überraschung..."
    Die Frage stellte sich, ob es eine gute oder eine schlechte war. Der Decimus war eine persona non grata geworden, andererseits aber noch immer mit vielen Verbindungen, dazu der Sohn eines Konsulars und Stadtpräfekten. Tricostus hatte nicht vor, es sich mit ihm zu verderben
    "Wie schön dich zu sehen!" sprach er darum mit breitem Lächeln. Schmal war der Mann geworden, als Hephaistion würde Tricostus ihn kein weiteres Mal engagieren wollen... (Ganz abgesehen davon, dass Tricostus es in letzter Zeit sowieso etwas ruhiger angehen ließ, all diese Festivitäten waren doch auf die Dauer recht strapaziös, und seine Leber war auch nicht mehr das was sie einmal gewesen war.)


    "Toranius Tricostus" stellte er sich selbst gegenüber Hephaistions entzückendem jungen Begleiter vor, und reichte dem Mandeläugigen die Hand, drückte sie einen Augenblick länger als statthaft. Reizend! "Es ist mir eine Freude. Aber Halt! Kennen wir uns nicht... von dieser einen Gartenfeier bei Placiaca? Nein? Verzeih, hahaha, ich komme gerade nicht darauf...! - Kommt, setzt euch doch..."
    Der umtriebige Geschäftsmann führte die Besucher zu einer abgeschirmten Sitzecke auf der Terasse, wo ein wohlerzogener Sklave sogleich Wein in Flußspatgläsern reichte, sowie eine Platte mit Oliven, Brot und kleinen Happen von eingelegtem Gemüse.




    Zitat

    Original von Aulus Iunius Avianus
    Nach einem Fußmarsch durch die Stadt und über den Tiber erreichten die Urbaner den alten Tempel des Serapis, in welchem sich – einer äußerst glaubhaften Aussage eines Straßenjungen nach – der Flüchtige mit der gestohlenen Tabula angeblich versteckte. Einen Versuch war es wert, denn die Auswahl an Orten, an welchen die ermittelnden Urbaniciani sonst suchen könnten, war relativ gering, um nicht zu sagen gar nicht vorhanden.
    Avianus betrat den Tempel, hinter ihm folgte der Rest der Soldaten nach. Und, weil er sich in dem Komplex weder auskannte, noch wusste, ob der Dieb wirklich hier gewesen war, richtete er sich an den erstbesten Priester, den er erblickte: "Salve, Iunius Avianus, Optio der Cohortes Urbanae. Wir verfolgen einen Mann… ein junger Kerl, mit Bart und roter östlicher Kopfbedeckung, gebräunt, der hierher geflohen sein soll... dürfte noch nicht zu lange her sein." Er blickte flüchtig zurück zu Antias, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass er die Beschreibung noch richtig im Kopf gehabt hatte, anstonsten würde der Tiro noch einmal einspringen.


    Der Aufmarsch der Urbaner auf dem belebten Vorhof der Tempelanlage sorgte für Aufsehen. Die Gaffer strömten zusammen, um die Soldaten und den angesprochenen Priester, einen kahlköpfigen Mann mit sanften Zügen, der erstaunt antwortete:
    "Salve, Optio Iunius Avianus... Ich bin Perspiciens, Priester des Ewigen Serapis. - Ein flüchtiger Verbrecher? Nein, nein, es ist niemand gekommen, um in dem Asylum unseres Tempels Schutz zu suchen."
    Mit nicht eben erfreutem Blick auf die ansehnliche Reihe der Bewaffneten sprach er: "Ich werde die anderen Mitglieder des Kultes zusammenrufen. Doch zuvor bitte ich dich um eines. Dies ist das Heiligtum des Ewigen. Waffen zu tragen ist hier nicht angebracht. Zumal in dieser Menge. Darum sei bitte so gut, deine Soldaten draussen warten zu lassen. Oder, ihr könnt eure Waffen natürlich auch ablegen, ganz wie du willst."


    Ein Raunen und Wispern, ein Tratschen und Munkeln verbreitete sich, ausgehend von den Worten flüchtiger Verbrecher auf dem Hof unter den Besuchern des Tempels und den dort ansässigen Händlern, unter den Jüngern und Initiaten, Mysten und Priestern...
    Es dauerte nicht lange, da kam ein knorriger alter Priester zielstrebig auf den Optio zu.
    "Genau so einen Burschen habe ich gesehen!" teilte er ihm ohne Umschweife mit. "Was hat er angestellt?"

    <<


    "Da hinten hat ein alter Bekannter von mir sein Geschäft." ergriff ich schließlich wieder das Wort, und wies, an Borkan gewandt, auf die Strassenkreuzung vor uns. Lange war es her, dass ich zuletzt hier gewesen war.
    "Als ich noch in der Position war, habe ich ihm so manchen Gefallen getan."
    Nach meinem Fall hatte er dann nichts mehr von sich hören lassen. Wie sie alle, die sogenannten "Freunde". Nicht mal die allerkleinste Geste, nicht mal eine klitzekleine geschmacklose Genesungswunschtabula oder so was in der Art, er hatte sich einfach in Luft aufgelöst. Wie sie alle.
    Und als ich ihm vor einiger Zeit durch Zufall auf der Strasse begegnet war, da hatte er meinen reservierten Gruß kaum erwidert – das war abends auf dem Rückweg von unserer Mission in Ostia gewesen, Sperandus und ich hatten den vollbeladenen Eselskarren durch die Strassen bugsiert und er war in einer Sänfte an uns vorbeigerauscht.
    Dementsprechend bitter fügte ich hinzu: "Ich finde, ich sollte ihm die Gelegenheit nicht verwehren, sich auch einmal zu revanchieren."


    Tricostus' Sänftenverleih!
    stand auf dem großen Schild geschrieben, das auf den Eingang des Hofs hinwies.
    Erstklassige Tragemöbel für jede Geldbörse!
    Preiswerte Deluxe-Sänften mit echten Daunenkissen!
    Ausdauernde Trägersklaven!
    Wir vermieten auch Leibwächter!

    Aufmerksam, unsere Umgebung hellwach im Auge behaltend, zog ich mit Borkan durch die Gassen. Die Anspannung floss durch meine Adern wie ein belebendes Fluidum. Von Zeit zu Zeit wandte ich den Kopf zu Borkan, und lächelte... Lächelte stumm, lächelte versonnen, einfach nur, weil es so verdammt großartig war, dass er hier war, dass es ihn wirklich gab, dass er zu mir gekommen war, dass er hier neben mir ging, auf unserem Weg durch das Viertel...

    "Und?" fragte ich – ganz nonchalant. Oder jedenfalls bemühte ich mich um Nonchalance, im Grunde aber hätte ich Philonicus am liebsten an den Schultern gepackt und alle Details auf einen Schlag aus ihm herausgeschüttelt!
    Ich hatte ihn nach der Probe am Theater abgeholt, begierig darauf zu erfahren, wie es gelaufen war, am Vortag, als er meine Botschaft überbracht hatte...
    Wir spazierten am Clivus Cinnae umher, und er machte es spannend.


    [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/30.10.14/1qdmke4dgzd.jpg| C. Cluvius Philonicus


    "Unsere Tarpeia nimmt Gestalt an. Ich sage dir Faustus, es wird eine ganz fantastische Inszenierung. Liebe – Verrat – Wahn! – kannst du dir ein großartigeres Spannungsdreieck vorstellen?!"
    Ja, das konnte ich: Liebe – Erfüllung – Glück bis ans Ende meiner Tage! Aber ich behielt diese biederen Ideen für mich, zum einen glaubte ich nicht wirklich daran, zum anderen hätte Philonicus mich doch nur ausgelacht.
    "Bist du, du etwa, unter die Naturalisten gegangen?" verspottete ich ihn, "Es klingt ganz wie das wahre Leben..."
    "... schonungslos verfeinert durch den künstlerischen Prozess!"


    Für gewöhnlich hätte mich das alles tatsächlich sehr interessiert, heute wollte ich nur wissen, was am Vortag geschehen war. Wie hat er reagiert? Wie sah er aus? Was hat er getan? Was hatte er an? In welcher Situation hast du ihn angetroffen? Was hat er für ein Gesicht gemacht, als er meine Verse hörte?
    "Hör auf, mich auf die Folter zu spannen, Philonicus! Was hat er gesagt?"
    "Nicht viel... Gar nicht viel. Schon als ich ihm die Blumen überreichte, hat es ihm annähernd die Sprache verschlagen... Doch ich greife vor. Es war schon spät, als ich das Anwesen erreichte, die sinkende Sonne vergoldete die Dächer der Ewigen Stadt, und feine Spinnwebfäden trieben wie Parzenhaare durch die milde Spätsommerluft..."
    "Oh, beim dreiköpfigen Hüter der Unterwelt! Erspare mir die pseudopoetischen Abschweifungen! Sag mir einfach nur: Wie hat er reagiert?"
    "Schwer getroffen, wie unschwer zu erkennen war. Doch lass mich der Reihe nach erzählen, mein ungeduldiger Freund. Denn zuerst war da ein Gigant, schwarz wie die Nacht, über und über von Narben gezeichnet, der hütete zähnefletschend das Tor..."


    Ich atmete tief durch – die Luft roch nach Pinienharz und dem Qualm der Stadt – und stellte mir vor, wie meine Ungeduld beim Ausatmen gaaaanz laaaangsam aus mir heraus strömte... und lauschte der ausschweifenden Erzählung Philonicus von seinem gestrigen Abenteuer. Er beschrieb seine Ankunft, dann wie er den Strauss übergeben hatte – "... Er schloß die Augen, als wolle er nicht sehen. Als er sie wieder öffnete, da benetzte sie ein Schleier der Traurigkeit. Sodann ergriff er den Strauss, und als er ohne Zaudern in die Brenesseln fasste, da gemahnte er an einen Gladiator, der in der Arena tapfer den Todesstoß erwartet..."
    "Wirklich...?"
    "Mich jedenfalls erinnerte er daran. Seine Lippen bebten, ebenso seine Stimme, und er bemühte sich zu lächeln, ganz herzzereißend."
    "Was hat er gesagt?"
    "Nur, dass ich ihm sagen sollte, was ich ihm zu sagen hätte. Das tat ich. Es traf ihn schwer, seine Augen wurden feucht, auch wenn er es zu überspielen versuchte – zumal an der Stelle 'als du pfeilschnell in der Biga' schien er sehr bewegt, später verhärtete sich seine Miene, deine Vorhaltungen schienen ihn zornig zu machen..."
    "Vorhaltungen? Fakten sind das!" unterbrach ich ihn aufbrausend, "Dives hat mich umschwärmt solange ich ein schicker Präfekt war, mit Macht und schwarzer Rüstung, darauf stand er, und dann hat er mich fallen gelassen, eiskalt fallen lassen, als ich gar nichts mehr hatte!"
    Er hat meine Not gesehen. Ich stand auf Messers Schneide. Er wußte, wie sehr ich ihn brauchte. Und doch hat er mich fallen gelassen. Ausgerechnet da, wo ich ihn am allerdringendsten gebraucht hätte, hat er mich für sein dämliches Erpresserweibchen fallen gelassen. Wäre Phantasos nicht gewesen, ich wäre nicht mehr da...
    Wie ein Mahlstrom kreisten diese bitteren Gedanken in meinem Kopf.
    "Wohl kaum eiskalt, oder?"
    Philonicus sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Einen Augenblick schwiegen wir beide.

    Jetzt war es doch passiert. Adios ihr klaren Gedanken!! Dieses... kokette Lächeln, und diese aus den Augenwinkeln erhaschte Ahnung von dem, was nun wieder verborgen war... unter den Klamotten, die ich so oft getragen hatte... das war einfach zuviel für mich. Als würde der Stoff, der nun seine Haut berührte, eine Verbindung herstellen, zwischen uns... Komplett abgelenkt saß ich da auf dem Boden, hielt mein altes Tribunengladius, welches ich soeben hatte umschnallen wollen, traumverloren in der Hand, und sah zu Borkan hin, gebannt, verzaubert, wie er sich da so ausgelassen vor mir drehte.
    Daran werde ich mich immer erinnern!, dieser Gedanke blitzte unvermittelt auf. Ich wünschte, ich könnte mich auch an unsere erste Begegnung besser erinnern, und wüßte, wie nahe wir uns dort eigentlich gekommen waren... doch das schwarze Loch, aus dem ich erst hier in der Obhut des Kultes wieder aufgetaucht war, hatte zuviel verschluckt. Hatten wir? Hatten wir nicht?
    "Wie Adonis." gab ich leicht benommen zur Antwort. War der nicht auch aus östlichen Gefilden zu uns gekommen? Doch dann erschien es mir, ob Adonis grausamen Todes, wie ein ganz schlechtes Omen, Borkan, in der Gefahr in der er schwebte, so zu nennen, und ich verbesserte mich: "Wie Hyakinthos!" – Was es auch nicht besser machte. Den Schönen war im Mythos doch meist ein tragisches Schicksal bestimmt. "Wie ein gestaltgewordener Traum." murmelte ich, und wandte, verlegen dass ich ihn so angestarrt hatte, den Blick ab.


    Linkisch stand ich auf, hängte mir den Gladiusgurt über die Schultern und trat auf ihn zu. Ich sagte mir, dass ich mich nun aber konzentrieren musste. Aber wirklich!
    "Warte... noch eine Kleinigkeit. Darf ich...?" Um sich zu verwandeln waren, alte Speculatoren-Weisheit, Veränderungen der Silhouette und Veränderungen am Kopf am wirksamsten, letztere weil die Leute da am meisten hinschauten. Mit klopfendem Herzen zupfte ich ihm die Haare unter der Kappe hervor, und gutrömisch in die Stirn. Dann holte ich noch etwas Kohle, und verwischte damit die prägnanten Konturen seines scharf ausrasierten Bartes. "So."


    Einmal tief durchgeatmet, dann schnürte ich mein Bündel, vergewisserte mich, dass auch von Borkans Sachen nichts zurückblieb, warf mir eine weite Lacerna über, die das Schwert verbarg, und zuletzt strich ich rasch noch die Decke über meinem Schlaflager glatt. So glatt dass die Kante messerscharf war – das tat ich manchmal wenn ich nervös war. Jetzt mit Borkan zu gehen, das war eine Entscheidung, die mich noch viel weiter vom Tempel entfernte, als die ganzen Ereignisse zuvor, doch ich hatte keinen Zweifel.


    "Hier lang. Es gibt einen Weg direkt rüber zur Getreidemühle, die jungen Initiaten nehmen den, wenn sie nachts ausbüxen..." Ich wußte nicht, ob tatsächlich jemand hinter ihm her war, doch so nebulös die Bedrohung auch war, so ersthaft erschien sie, darum sagte ich mir sicher ist sicher. Es konnte nicht schaden, die offensichtlichen Ein- und Ausgänge zu vermeiden.
    Ich machte noch einen ganz kurzen Abstecher zur Zelle Castus', um ihm Bescheid zu sagen, dass ich eine Weile fort sein würde, um einem Freund beizustehen, und ihn zu bitten, dies auch Anastasius auszurichten. Er versprach es.


    Darauf führte ich Borkan aus dem Gebäude, an einem der verbotenen Bereiche, den nur die Eingeweihten betreten durften, vorbei, zum Nutzgarten, und dort über eine feuchte Obstwiese zu einer Pforte in der Mauer. Vor langer Zeit, bevor die Mühle gebaut wurde, hatte dort das Ackerland der Kultgemeinschaft gelegen. Jetzt erklang das grollende Geräusch der Mahlsteine von der anderen Seite.
    Ich vergewisserte mich, dass wir alleine waren. Die Pforte war verschlossen, doch ganz leicht zu überklettern, und einige Trampelspuren auf der Wiese, und Schleifspuren am Holz der Türe, bezeugten, dass es ein beliebter Schleichweg war.
    Ich hatte ihn einmal erkundet, nicht für nächtliche Auschweifungen, nein - seit meiner Gefangenschaft war es wie... wie ein Zwang für mich, immer einen Fluchtweg im Kopf zu haben.
    Auch wenn die Türe nicht sonderlich hoch war, lehnte ich mich dagegen und verschränkte meine Finger, um Borkan - unnötigerweise aber ritterlich - eine Räuberleiter anzubieten. Dann schwang ich mich selbst hinauf und hinüber.
    Wir landeten auf einem Hof, wo eben einige weißbestäubte Arbeiter Mehlsäcke auf Karren luden. Einer lachte, als er uns sah, nahm aber nicht weiter Notiz von uns. Durch die breite Ausfahrt ging es hinaus in eines der Sträßchen hinter dem Tempelkomplex, dann in die nächste, im Bogen den Hang hinab, und so schlugen wir uns in die Gassen von Trans Tiberim...

    "Großartig." Ich strahlte zurück. "Vielleicht können wir... -" ...das mit dem Landgut ja im Anschluß machen! wollte ich schon sagen, besann mich im letzten Moment und spürte wie mir das Blut heiß in die Wangen schoß.
    "Ähm ja. - Komm mit..."
    Natürlich hatte ich noch jede Menge Fragen zu den Einzelheiten und den Hintergründen, doch im Augenblick erschien es mir vordringlich, erst einmal Land zu gewinnen. Mit Leuten, die ihre Angelegenheiten mittels Selbstmordattentätern regelten, war ganz sicher nicht gut Kirschen essen.
    Doch während ich Borkan durch den hinteren Teil der Gärten zu den Unterkünften führte, darauf bedacht, Begegnungen mit anderen Kultmitgliedern möglichst zu vermeiden... da war mir so leicht ums Herz, so luftig leicht... Hach! - Ein wunderschöner Mann, ein rätselhafter Mord – Ich war in meinem Element.


    Leichtfüßig wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr, führte ich Borkan in den Schlafsaal der Initiaten, der um diese Zeit verlassen war.
    "Dann lass dich mal verwandeln..." forderte ich ihn in (dem Ernst der Lage vielleicht nicht ganz angemessenem) neckendem Tonfall auf.
    Auf dem Kopfende meines Bettes lag ausgebreitet sein rotes Tuch mit den Fransen, das rote Tuch. Verstohlen nahm ich es an mich, dann kniete ich mich auf den Boden und zog den Korb, in dem ich meine Sachen aufbewahrte unter meinem Bett hervor. Ich gab Borkan meine Ersatztunika und eine weite Lacerna, beide aus grobem Leinen, dazu einen Stoffgürtel und eine aus Binsen geflochtene flache Kappe.
    "Es ist alles eben ganz einfach hier..." fügte ich entschuldigend hinzu, denn es war mir ein klein wenig unangenehm, ihm so schlichte, um nicht zu sagen ärmliche, Klamotten anzubieten.
    Ich wandte mich ab, um, wenn er sich umziehen würde, nicht gleich wieder schlagartig all meiner klaren Gedanken verlustig zu gehen, und packte derweil die Sachen, die ich mitnehmen wollte, in einem länglichen Stoffbündel zusammen. Aus den Augenwinkeln sah ich natürlich doch ein, zweimal (dreimal, viermal) hin. Aber immer nur ganz kurz.