"Ich wünschte wir könnten uns einfach wieder ganz normal unterhalten!" erwiderte ich aufgebracht, zornig über den kaltschnäuzigen Spott mit dem er das Leben, welches der Krieg mir zerstört hatte, schlechtmachte.
"Ich wünschte, du würdest das was ich dir gerade anvertraut habe... von dem Wunder das mir widerfahren ist... und mir das Leben gerettet hat... - du bist der erste dem ich das überhaupt erzählt habe, ausserhalb der Kultgemeinschaft - ich wünschte du würdest einen Hauch, nur einen Hauch von Interesse dafür zeigen, anstatt es nur mit einer abfälligen Bemerkung zu quittieren. Denn ich möchte dir gerne davon erzählen.... - Aber fremd, ja, ganz recht fremd bist du mir, wenn du so kalt und abgehoben und spöttisch daherredest über das, was mir widerfahren ist!"
Unwillkürlich hatte auch ich mich erhoben, ich stützte mich auf den Rand des Beckens und starrte ihn an, der verlockendenden Schönheit seines Achilleskörpers schmerzlich bewußt, des warmen Glanzes seiner Haut, des Muskelspiels seiner kräftigen Arme, des edlen Schwunges seines Nackens an den ich mich hätte schmiegen wollen wie sein salzlockiges Haar... - Doch noch viel mehr war ich mir der Distanz bewußt, die zwischen uns lag. Der Gräben, die dieser verdammte Krieg zwischen mir und der ganzen Welt gezogen hatte. Auch zwischen mir und Massa. Ich atmete heftig ein, versuchte meinen Zorn an mir vorüberziehen zu lassen, doch vergebens.
"Du hast gelitten Massa, in diesem beschissenen Krieg, auch du hast gelitten, das weiß ich, und das sehe ich! Und ich denke ich kenne das, ich weiß jedenfalls wie das ist, wenn man an die Gefallenen zurückdenkt und sich fragt wie es sein kann dass man selbst noch am Leben ist, das hatte ich in Parthien, diese Gedanken, und danach, und... - Aber dennoch! Es berechtigt dich nicht, NEIN, das berechtigt dich nicht, so verdammt abfällig über das zu sprechen was mir genommen wurde. Ich weiß nicht ob das deine Weise ist das Schreckliche irgendwie... 'auszublenden' oder so, keine Ahnung, aber es macht mich so VERDAMMT wütend, denn du, Massa, kannst weder ermessen was mir widerfahren ist, noch was ich verloren habe!!"
Genug, Faustus, ruhig Blut, Faustus.... suchte ich mir selbst Einhalt zu gebieten, doch es brach aus mir heraus, die tief in mir verschlossenen Dinge brachen sich Bahn, und ich schleuderte sie Massa entgegen... Er sollte SEHEN, er sollte VERSTEHEN!! Er sollte meinen Schmerz und mein Opfer respektieren.
"Ich habe NIE Soldat werden wollen! Es war mir ZUWIDER zu töten! Ich bin diesen Weg nur wegen der FAMILIE gegangen! Und auch wenn mir vieles WIRKLICH gegen den Strich ging – ich war gut! Ich war richtig gut, und ich habe es bis zum Gardepräfekten gebracht! Und ich bin stolz darauf! - Du hast Ungerechtes erduldet, auch du, aber weißt nicht wie es ist, wenn einem ALLES was man sich je erarbeitet hat entrissen wird, nicht durch eigene Fehler oder gewöhnliche Verwerfungen der Macht, sondern allein durch den Aberwitz wahnsinniger Schicksalsmächte, die sich einen skrupellosen Massenmörder zum Herrscher auserkoren haben, und einen jeden der sich ihm entgegenstellt zermalmen. Du hast doch selbst gesehen, mir selbst davon erzählt, wie sich Speere zu Streichhölzern gewandelt haben, geschleudert gegen seine unverwundbaren Truppen...."
All das hatte ich nicht sagen wollen, hätte es nicht sagen sollen (diese Gedanken waren gefährlich für das Gewebe unserer Realität, schon erahnte ich wieder an den Rändern meiner Wahrnehmung dieses gruselige 'Ausfransen' in Stränge und Worte.....), und doch brach es aus mir heraus, mit unendlicher Bitterkeit, wie ein Erdrutsch, immer weiter. So als wolle es endlich einmal gesagt werden Sieh es, Massa. Sieh hin, bitte sieh hin.....
"Und du weißt auch nicht wie es ist, in der endlosen Isolation eines Verlieses langsam den Verstand zu verlieren. Sterben wollen und es einfach nicht über sich bringen können. Ausgeliefert dem widerlichen Sadismus des widerlichen Duccius Vala. Du weißt nicht wie es ist, wenn alle "Freunde" sich mit einem Mal in Luft aufgelöst haben, alle Liebhaber sich längst anderen zugewandt haben, und alle Menschen um dich herum schlichtweg leugnen was geschehen ist... Sie leugnen die Wahrheit, um die ans Licht zu bringen du alles aufs Spiel gesetzt hast, sie stellen sich blind und taub weil es ihrer Karierre am dienlichsten ist, und... dein eigener Vater fällt dir vor dem Senat in den Rücken...!! Wenn du irgendwo erscheinst, dann beginnt sogleich das hämische Getuschel, und... Die Römer, um die zu schützen du in die Schlacht gezogen bist, anstatt dass sie es sehen würden, anstatt dass sie es achten würden, sie zeigen hinter deinem Rücken voll Schadenfreude mit den Fingern auf dich und lästern über deinen tiefen Fall. - Und selbst Manius..." Ich stockte, gehemmt von dem alten Instinkt, dem unbedingten Bestreben Manius' Ruf zu schützen. Aber warum sollte ich ihn noch schützen, der mich mehr als alle anderen belogen hatte?!
"...den ich doch noch bei uns versteckt hatte... Ich habe ihn geliebt, er war die Liebe meines Lebens... er gehörte auch zu dem Verschwörerkreis, hat mich im Stich gelassen als ich ihn WIRKLICH gebraucht hätte, ist auch einer der Kaisermörder."
Ein Beben hatte mich erfasst, bei diesem ungeheuerlichen Ausbruch, eine Erschütterung von Innen, eine kaltes Zittern. Fahrig rieb ich mir über die Augen, sie waren trocken und brannten.
"Ich bin allein Massa. Ich kann nicht mehr vertrauen, ich habe gesehen wie Freundschaft und Liebe... und Ehre... und alle Gewissheiten vergehen, sobald ein kälterer Wind weht. Ich habe gesehen wie... brüchig und verletzlich unsere Wirklichkeit ist... - Am Ende hat der Ewige Serapis mir beigestanden, und vielleicht kann ich es schaffen, es doch noch irgendwie schaffen und diesen verdammten Scherbenhaufen... Stück für Stück beginnen wieder zusammenzusuchen und zusammenzusetzen... "
Vielleicht.
"Natürlich brauche ich deine Hilfe, Appius." bat ich ihn mit zusammengeschnürter Kehle. "Deine Freundschaft. Deinen Beistand... Dass du hinsiehst. Einfach nur hinsiehst. Bitte. Du hast doch auch die Wahl. Du bist in jeder Hinsicht der Kapitän deines eigenen Schiffes...."
