Beiträge von Faustus Decimus Serapio

    Im Gassenlabyrinth der Subura – kein Ariadnefaden in Sicht


    Meinen Spazierstock leicht in der Hand schwingend, schritt ich das Argiletum entlang. Meine Suche wurde soeben... zugleich auch so etwas wie eine Reise in meine eigene Vergangenheit. Denn in der Gegend hier hatte ich damals, direkt nach meiner Flucht aus dem erstickenden Muff der Provinz und meiner Ankunft in Rom gewohnt... blutjung, mich für unsterblich haltend, den Kopf voller unausgegorener Ideen... Da in der Garküche, da hatte ich mich zum ersten Mal mit Rufio getroffen. Und da, in diesem Antiquariat hatte ich oft in den alten Gedichtbänden geschmökert. Dort drüben hinter dem Venustempel, da hatte Hannibal gewohnt. Auf dem Platz dort hinten, da hatte ich mir dann immer abends, oder auch schon früher, mit Freunden den Kopf weggedröhnt...
    Das heillose Gedränge auf den Strassen, und vor allem der Gestank der Abwassergräben, der mir übel in die Nase wehte, bewahrten mich aber davor, allzutief in Nostalgie zu versinken.
    Auch später, in meiner respektableren Existenz als Stadtsoldat, war ich oft hier gewesen, ich erinnerte mich an eine Menge Prügeleien, hier eine Razzia, dort an dem Tor hatten wir mal mutmaßlichen Christianern aufgelauert, und dann waren da natürlich die vielen Leichen gewesen, die morgens kalt und gefleddert in der Gosse lagen. Und das große Rattenbeissen damals! (Ob Ultor wohl noch aktiv war?)
    Ich bog in die Gasse der Korbflechter ein, dann der Wäscher und Walker, wo es noch erbärmlicher stank. Hier begann dann so langsam der Bereich, in dem die Banden so gut wie unangefochten herrschten, und in den wir Urbaner damals nur äusserst ungern gegangen waren. Es war ja nicht so, dass man dort sofort ein Messer zwischen die Rippen bekommen hätte, wie es die Touristen immer meinen, aber man sollte eben auf der Hut sein, keine Schwäche zeigen und kein Pech haben.
    Selbstbewußt ging ich in der Mitte der Gasse und musterte die mir Entgegenkommenden genau, passierte einige echt dubiose Gestalten, und dann erreichte ich auch schon die ersten Ausläufer des orientalischen Marktes, wo Vertreter aller möglicher Völker des Morgenlandes, und darunter eben auch Parther, ihre Waren anboten.


    Kein Sonnenstrahl fiel auf den Grund der Gassen. Wie Schluchten waren sie zwischen die Insula geschnitten, der Boden aus festgetretenem Dreck, gesäumt von Ständen und wimmelnd voll von Menschen, so dass man gar nicht stehenbleiben konnte, immer vorwärts geschoben und gepufft wurde. Es war, ohne zu übertreiben, ein echtes Labyrinth von krummen und schiefen Gassen, Tordurchgängen, Innenhöfen und Stiegen, und – habe ich schon erwähnt wie gedrängt voll es war?! Da oben auf den Hügeln, wo unsereins seine Atriumhäuser hat, ist es leicht zu vergessen, wie enormst überbevölkert unsere Stadt ist, und unter was für miserablen Bedingungen neun von zehn Bewohnern leben...
    Der Kopf schwirrte mir, auch ohne solcherlei Überlegungen, schon von der Vielzahl der Waren, Farben, Formen, Gerüche und Menschen, überall Menschen, dazu den Weg im Auge behalten und meine Börse bei mir. Brote, riesige Stapel davon, Gebäck, Süßkram – ob da wohl auch etwas mit Pistazien dabei war... - aber der Strom der Menge hatte mich schon vorbeigeschoben, Tand, Geschirr in allen Regenbogenfarben, dann waren da ein Haufen von Schrotthändlern mit allem möglichen zerbeultem Zeug, für das meiner Meinung nach doch niemand mehr ein As bezahlen würde... Aber auch in diesem Konglomerat von verrostetem Ausschuss wühlten die Menschen, als hofften sie einen verborgenen Schatz zu finden. Das erinnerte mich an die Legende - eine Menge Legenden rankten sich ja um die verborgenen Märkte der Stadt, "urbane Legenden" könnte man sagen – vom "Trödelmarkt der Träume", wo man angeblich seine verlorenen Träume wieder finden kann, und für einen sehr, sehr hohen Preis wieder erwerben. Manche sagen, er fände tief unter der Stadt in uralten etruskischen Katakomben am Rande eines bodenlosen Mundus statt, andere er würde direkt vor unserer Nase abgehalten, aber man würde ihn, wenn man ihn suche nie finden können, nur durch seltsame Zufälle darauf stoßen. Angeblich soll der Mann mit der Vogelmaske, selbst Thema so vieler schauriger Geschichten, seine Maske einst auf jenem Markt erworben haben.



    Sperandus führte das Grauchen. Ich für meinen Teil trottete gähnend neben dem ratternden Karren her, und verjagte von Zeit zu Zeit einen Gassenjungen, der versuchte, uns etwas von der Ladung zu stibitzen. Nachdem wir in elender Hergottsfrühe unsere Mission auf dem ostientischen Fischmarkt erledigt hatten, wollten wir nur noch kurz im ostiensischen Heiligtum des Serapis ein kleines Opfer bringen. Dann würden wir uns auf den Rückweg nach Rom machen. Der mit einem so primitiven Gefährt wie dem unseren echt lange dauern würde...


    Die Familie von Glaubensgenossen, die uns letzte Nacht ihre Gastfeundschaft geschenkt hatten, hatten uns erzählt, von dem mehr als ambitionierten Bauprojekt der Stadt. Zuerst, so sagten sie, seien sie sehr froh gewesen zu sehen, die Verehrung des Ewigen von höchster Stelle gefördert zu sehen. Dann sei alles im Sande verlaufen, und nun habe man nicht mal mehr das schöne alte Sacellum. Nichts halbes und nichts ganzes, das sei doch wieder typisch für die Großkopferten.


    Von daher war ich vorbereitet auf den Anblick der verwaisten Baustelle. Während Sperandus draussen auf unser bescheidenes Fuhrwerk aufpasste, ging ich zuerst hinein. Fußabdrücke und breite Schleifspuren bezeichneten den Weg, ich folgte ihnen ins Innere der Bauruine. Es schien ein wirklich gigantisches Bauvorhaben gewesen zu sein! Um so trauriger, wie es nun darniederlag... Eine riesige Kultstatue erwartete mich im Inneren. Ich stand davor, bestaunte sie, den Kopf in den Nacken legend. Milde und rätselhaft sah der Wissende auf mich herab, majestätisch prunkte sein Purpurgewand, und grollend fletschte der Cerberus an seiner Seite die Zähne.


    "Serapis, Ewiger, allgewaltiger Meister der Zeit, Behüter der Menschen,"
    sprach ich ehrfürchtig zu ihm,
    "ich danke dir für den Schutz, den du Sperandus und mir auf unserer kleinen Reise gewährt hast. Und ich kann gar nicht sagen, wie überglücklich es mich macht, dass du gestern meinen Weg und den von Appius miteinander gekreuzt und wieder in Eintracht verflochten hast. Ich danke dir aus ganzer Seele!"
    Als Opfergabe hatte ich nur ein Blumengewinde – was mir echt kärglich erschien (vor allem im Vergleich zu den verschwenderischen Opfern die ich früher so hatte springen lassen), aber es war immerhin hübsch leuchtend goldgelb, der Sonne gleich als die sich Serapis-Osiris nach jeder dunklen Nacht aufs neue leuchtend wiedergeboren erhebt. Und natürlich kam es von Herzen und so.
    Jedenfalls drapierte ich es geschmackvoll auf dem Altar vor den großen Sandalen des Gottes. Es lagen da natürlich auch noch die Überreste voriger kleiner Opfer herum, darunter, so fiel mir auf, auch ein paar verwelkte weiße Nelken. Oder schöner: Dianthusblumen. Ach.
    Ausgerechnet weiße Nelken – die Blumen, die ich wohl nie mehr in meinem Leben mit Freude betrachten konnte! Für immer würde mir ihre reine Schönheit vergällt sein – und wer hatte Schuld daran?!
    Mit spitzen Fingern nahm ich eine der verdorrten Blumen. Schon durch diese leise Erschütterung verabschiedeten sich die Blütenblätter, und taumelten sachte zu Boden. Melancholisch folgten ihnen mein Blick – und dann wurde ich ganz blass, denn mein Auge war auf die Inschrift unten auf dem Sockel der Statue gefallen, und da war zu lesen:
    IOVI SERAPI M. IVLIVS DIVES V.S.L.M.


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    An der Via Aurelia -"Salon Alicitarius - Edle Mode aus zweiter Hand"


    "Ist das Katze?!" krächzte der alte Händler, über meine Lacerna gebeugt, und wühlte mit seinen spinnenfingrigen Händen in dem Pelzfutter des guten Stückes herum. "Ich gebe dir 50."
    "Es ist Feh. Eichhörnchen! Federleicht, wärmt famos! Und das aussen ist Ziegenwolle, Indigo-gefärbt. Sie ist ein Prunkstück, mindestens noch 300 wert."
    "Ach, Kaninchen." trompetete der Händler, "Na dann 70!" und "Nein, Feh!" widerholte ich laut in seine halbtauben Ohren. "Eich! Hörn! Chen!"
    Bona Dea. Ich brauchte wenigstens ein bisschen Geld für meine Nachforschungen, drum versuchte ich gerade, meine wunderbare Pelzlacerna zu versetzen. Sie war damals, als ich sie mir schneidern ließ, so richtig, richtig teuer gewesen, und sie hatte mich, in der Zeit als ich nicht gerade unter den besten Bedingugen gehaust hatte, in so manch kalten Nächten warm gehalten. Es tat mir in der Seele weh, das schöne Ding zu verscherbeln. Andererseits war es für einen Serapisjünger sowieso nicht erlaubt Wolle zu tragen. Und schon gar nicht als so prunkvolles Gewand.


    "Die neueste ist sie ja nicht mehr..."
    "...aber noch immer so gut wie neu, noch immer ein Luxus, von dem die meisten deiner Kunden nur träumen können! Sieh dir nur diese herrliche Seidenbordüre an! Da sind Nilpferde drauf! Es ist ägyptischer Reliefstich! Absolut lebensecht! Nicht unter 300, und das ist schon ein Jammer, sie hat damals das achtfache gekostet!" (Nun ja, ein bisschen übertrieb ich auch.)
    "Die Borte? Naja. Was sind'n das für Flecken auf der Borte?"
    "Was für Flecken, da ist nichts." Höchstens ein bisschen Abrieb.
    "Ist wohl Blut, hä? Wie kommt so einer wie du überhaupt an einen Mantel wie diesen. Hast wohl den Besitzer erschlagen! 75, und ich werde noch für die Reinigung draufzahlen müssen!"
    "Krämer, was erdreistest du dich!" platzte mir jetzt aber heftigst der Kragen. Ich war zwar sehr schlicht angezogen, geradezu unscheinbar, aber ganz gewiss nicht wie ein zerfranster Straßenräuber! (Was er wohl zusammenphantasiert hätte, wenn ich ihm mein Gladius zum Kauf angeboten hätte? Was natürlich undenkbar war.)
    "Wäre ich solch ein Haderlump, dann hätte ich dich starrköpfigen Geizkragen schon längst wie ein Spanferkel mit der Sica aufgespießt! Doch ich bin ein friedliebender Mensch, und mache dir ein letztes Angebot, bevor ich den Mantel zu dem Händler Tychos in der Via Fortificata trage, der ist ein Kenner edlen Pelzwerkes und wird diese herrliche Qualitätsarbeit nicht durch läppische Angebote wie das deine beleidigen! 250!"
    "In meinem eigenen Geschäft bedrohst du mich? Na warte, Bube, wenn ich die Cohortes rufe wird dir das Lachen schon vergehen. 100, mein letztes Wort bevor ich mich vergesse!"
    "Ich gehe." schnaubte ich, packte die Lacerna und stolzierte zur Türe und über die Schwelle.
    "120 auf die Hand." klang es mir dann doch etwas hastig nach, durch die zufallende Türe.
    "200!" rief ich zurück, den Fuß in der Türe stellend. "Ein Spottpreis für eine Feh-Lacerna!"
    "Wucherer! 130!"
    "Blutsauger! Dir werfe ich sie nicht in den Rachen! Ich gehe zu Tychos!"
    "140."
    "140 und der Spazierstock dort."
    "Gut."
    "Abgemacht."


    Wir gaben uns die Hand darauf. Ich legte die Lacerna auf seinen Ladentisch, strich sie noch einmal wehmütig glatt. Adios meine Schöne.
    Der Händler zählte mir das Geld in die Hand, das ich sorgfältig auf zwei Beutel verteilte, von denen ich den schweren gut verbarg, den leichten am Gürtel trug. Ich erhielt auch den Spazierstock - ein solider Eichenstab, mit einem schweren messingnen Adlerkopf als Knauf. Sehr gut. Im Notfall würde das eine passable, und dazu völlig legale Waffe abgeben. Ich war schließlich auf dem Weg in die Gasse der parthischen Händler, in den tiefsten Tiefen der Subura...
    "Vale bene werter Herr, und beehre mich bald wieder!"

    "Ich auch. Ich auch!" murmelte ich selig. Es fühlte sich so unendlich gut an, seine Arme um mich zu spüren – nach so langer Zeit!! - und auch ich drückte ihn noch einmal ganz fest.
    "Ein großer Fisch!" lachte ich mit ihm, und flachste ausgelassen: "Ein großer dicker Fisch!" Sein Arm lag um meine Schulter, meinen legte ich um seine Taille, meine Hand landete auf seiner Hüfte, und Ägypten war mit einem Mal ganz nahe. Meine Neckerei war – davon konnte ich mich gerade selbst überzeugen – Unsinn, er war rank wie eh und je, und... der verwegene Seefahrer... wie soll ich sagen... stand ihm echt gut.
    Er erzählte von der Reise, und ich lauschte gebannt. Bis zu dem Punkt "Kaiserin", wo ich eher ein Gesicht machte als hätte ich auf etwas verdorbenes gebissen.
    "Aha." bemerkte ich, schlagartig sarkastisch. "Dann sitzt der Ulpiermörder nun also fest genug im Sattel, um seine Sippschaft nachzuholen. Danke Massa, aber ich glaube dein Schiff besichtige ich dann doch lieber zu einem anderen Zeitpunkt. Sonst heißt es noch, du seist im Bunde mit finsteren Renegaten, die sich mit üblen Plänen an die liebreizende Gemahlin unseres strahlenden Soldatenschläch...- äh, will sagen 'Befreiers'!- heranpirschen!"
    Mir leidig über die Nase reibend, verbannte ich den Zynismus mühsam aus meiner Stimme, und fügte ernst hinzu: "Ehrlich. Ich glaube es ist wirklich besser, wenn du dich nicht in aller Öffentlichkeit zusammen mit mir zeigst, also jedenfalls nicht auf dem Schiff vor allen Soldaten. Und ich will auch nicht... erkannt werden, und dass sich die Leute dann wieder ihre Scheiß-Lästermäuler zerreißen. Also..."
    Nur nicht die Laune verderben lassen, Faustus.
    Durchatmen, lächeln. Ich hatte gerade meinen Helden von Tasheribat wiedergefunden, und es war schon dämmrig, und in Ostia kannte mich doch eh kein Schwein.
    "Puh, entschuldige! ... Ja, lass uns was essen gehen."
    Ich machte Anstalten mich, Arm in Arm mit ihm gehend, in Bewegung zu setzen (das war zwar etwas unpraktisch auf den Steinen, aber ich dachte gar nicht daran, ihn loszulassen). Immer der Nase nach, Tavernen gab es hier wie Sand am Meer.
    Auf seine Frage zu meiner Rettung, da machte ich nur "Mhm." Das war... irgendwie zu groß, um es schnell mal so zu erzählen. Aber es erinnerte mich daran, dass ich meine Hand doch lieber... von seiner Hüfte nehmen sollte. Was ich dann auch tat. Bedauernd.
    "Aber ich würde es wirklich gerne sehen. Ein anderes Mal. Es sieht phantastisch aus. Du kannst echt stolz sein! Wie du früher immer vom Meer geschwärmt hast, schon als wir noch in der Wüste rumhingen damals... Wie war eure Überfahrt?"

    Ich hatte Kreide gefressen. Zentnerweise. Soviel Kreide, dass sie mir wahrscheinlich schon zu den Ohren raus staubte. Aber was soll man machen? Um in einer Schlangengrube zu überleben, ist nun mal vor allem eines notwenig: Selbst eine Schlange sein. Oder ein Skorpion. Oder zumindest: gegenüber dem giftigen Gewürm überzeugend als ein mindestens ebenso giftiges Gewürm posieren. (Oder vielleicht noch besser: als ein mindestens ebenso giftiges Gewürm mit einer mindestens ebenso hübschen Heuchlermaske.)
    Wie auch immer. Ich brauchte... Optionen. Seit Manius' Besuch war die Klarheit, die ich im Tempel zu finden geglaubt hatte getrübt, die kostbare Ruhe mir immer wieder der Rastlosigkeit gewichen, und der weltentrückte Frieden schien mir manchmal (ausserhalb der Zeremonien)... wie erstarrt.
    Mich rief die Möglichkeit, wieder handeln zu können, etwas zu bewegen in der Welt. Oder vielleicht wollte ich auch nur... einfach wieder normal am hellichten Tag durch die Stadt gehen können, ohne die Angst davor erkannt zu werden und darauf unweigerlich von dem hämischem Getuschel schadenfroher Dummköpfe verfolgt zu werden.
    Darum war ich hier. Und weil ich den unüberwindlichen Drang hatte herauszufinden, ob Manius bei all dem was er mir im Tempel so wortreich versichert hatte, diesmal möglicherweise doch zur Abwechslung mal die Wahrheit gesagt haben könnte...? (In meinen Augen glich er, in dem Falle dass er da gerade wirklich versuchte seine besudelten Hände wieder sauber zu waschen, zwar einem, der mit einem einzigen Eimerchen Wasser bewaffnet versucht die Augiasställe zu schrubben. Aber sei's drum.)


    So kam es, dass ich meinen Widerwillen und meine Verachtung gegenüber der ganzen Kaisermörder-Bagage sorgfältig hinter einer pragmatischen Maske verbarg, mir eine seriöse Toga ausborgte, und im Tempel ein paar Instruktionen hinterließ für den Fall dass ich verschwunden wurde. Ich brachte Serapis ein Opfer, bat mir von ihm für diesen einen Tag sphinxhafte Gelassenheit aus... und leistete der freundlichen Einladung Folge. Manius' bleiches Faktotum führte mich in die Regia, ich trat in den nichtssagenden Nebenraum und harrte mit dem Anschein von Gleichmut der Dinge die da kamen.

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    Zitat

    Original von Marcus Iulius Licinus
    Nie sollte erkundet werden, wie Licinus den Aufenthaltsort Serapios erfahren hatte. Wie er seine Wege nachvollzogen hatte, nachdem er das Haus in Transtiberim leer vorgefunden hatte. Fakt war, er stand nun hier, fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, wusste nicht, was er sagen sollte und wusste nicht, was er überhaupt denken sollte. Und am wenigsten wusste er, wer dieser so ganz unsoldatisch aussehenden Männer nun sein Waffenbruder war.


    Er stach in seinem Militärmantel unter der hießigen Menge durchaus hervor. Weit weniger förderlich dafür erkannt zu werden, war es dann, sich im Schatten des Einganges aufzustellen. Licinus hielt sich schnurgerade und ließ seinen Blick über die Köpfer wandern. Welcher war wohl der, den er suchte? Und was sollte er ihm nur sagen.



    "Wer hat die Gestalten der Sterne geschaffen?" sangen die Mysten vor dem Standbild des Allgottes.
    "Wer hat ihren Weg erfunden?
    Wer war der Erzeuger der Früchte?
    Wer hat die Berge in die Höhe gehoben?
    Wer hat den Winden befohlen, ihr Werk nach den Jahreszeiten zu vollführen?
    Wer ist der Gott der Ewigkeit, der die Ewigkeit hervorbringt und in Ewigkeiten herrscht?
    Du, der EINE unsterbliche Gott."


    Weihevoll schwang sich die Litanei empor, im Dämmerlicht der großen Cella, stieg auf zwischen dem roten Schein der Flämmchen und den blauenden Weihrauchschwaden.
    Mit untergeschlagenen Beinen saß ich an der Seite, zusammen mit den anderen Tempelmusikern, und blies die Rohrflöte. Sie war aus ägyptischem Schilfrohr, verziert mit einem Segensspruch. Ich mochte dieses Instrument gerne, und ich liebte es, gemeinsam mit den anderen Flöten, den Trommel und Zimbeln den Chor zu begleiten. Ich fand es ein wenig ironisch, dass das Flötenspiel, dieses verpönte Steckenpferd, welches ich früher immer nur verschämt, meist hinter verschlossener Türe und dann lange auch gar nicht mehr, betrieben hatte, hier nun mit einem mal zu etwas Anerkanntem geworden war. Hier zählte es nicht, ob ich mein Gegenüber effizient mit dem Gladius abstechen konnte, Tirones schleifen oder eine Armee befehligen oder staatsfeindliche Umtriebe aufdecken konnte... hier zählte es, dass ich passabel die Flöte blies. Das war schon seltsam. Aber gut.
    Und wenn ich dort bei den Zeremonien den kleinen Klang meiner Flöte sich mit dem großen Ganzen vereinen und zur Lobpreisung des Ewigen sich erheben ließ... dann war ich Serapis, dann war ich dem Ewigen nahe, auf eine nicht mit Worten zu fassende Weise näher als jemals sonst.
    Jetzt nickte Castus, der den Takt vorgab, uns zu, und wir begannen ein lebhafteres Zwischenspiel. Darauf folgte wieder der Gesang, den unsere Melodie nur leise schwebend umrankte.


    "Du bist der Erzeuger von allem;
    du teilst allen ihre Seelen zu und du lenkst alles,
    König der Ewigkeiten und Herr;
    du, vor dem die Berge und die Ebenen erzittern,
    die Wasser der Quellen und der Flüsse,
    die Waldschluchten auf der Erde und die Winde,
    alles, was entstanden ist;
    der hoch droben leuchtende Himmel und alle Meere fürchten dich,
    allmächtiger Herrscher, heiliger Gott, Herr über alles.
    Durch deine Kraft sind die Elemente und wächst alles,
    in der Luft und auf der Erde,
    im Wasser und im Hauch des Feuers.“



    Sim-Off:

    Hymnus auf den EINEN Gott aus der wunderbaren Wiki. :)

    Im Purpurgarten


    Man hätte doch meinen sollen, dass ich, nach allem was geschehen war, das Opium nun als das sah, was es war: ein GIFT, das nur falsche Träume bescherte! Eine instinktive Abneigung hätte ich dagegen haben sollen, der Geruch alleine hätte meine Nackenhaare schon sich sträuben lassen sollen.
    Mitnichten.
    Köstlich schmeichelte er sich in meine Nase, liebkoste mit infamer Zärtlichkeit meine Phantasie... so dass ich da in dem verqualmten Innenhof des Purpurgartens stand, zwischen den üppigen Blumen und den grünen Lauben, nicht wie ein unerschrockener Sucher, nicht wie ein nüchterner Ermittler, sondern eher wie ein Verirrter, ein Treuloser, der zurückgekehrt ist zu seiner verführerischen Flamme, ohne die er ebensowenig sein kann wie mit ihr und... wo war ich noch gewesen? Ach ja. Phantasos. Ich suchte Phantasos.
    "Welche Freude dich wiederzusehen" begrüßte mich die hübsche Empfangsfrau ausgesprochen kühl.
    "Du bist sicher hier um die Rechnung zu begleichen."


    Das fing ja gut an. Sie führte mich in ein Seitenzimmer und präsentierte mir eine gesalzene Rechnung. Anscheinend hatte ich vergessen meine Überdosis zu bezahlen, oder jedenfalls behauptete die Frau das. Wobei sie mir alles hätte weismachen können, denn ich erinnerte mich wirklich an kaum etwas als an meine Verzweiflung... und an den Träumer.
    "Des weiteren haben wir die Sachen, die du hier vergessen hast, für dich aufgehoben." Aus einer Kiste kamen mein Prunkgladius und meine Feh-gefütterte Lacerna zum Vorschein. Wie Monumente meiner vergangenen Existenz lagen die Luxusgüter dort in den kleinen Zimmer auf dem Tisch deplaziert herum... (wie wenn man heutzutage in Ägypten vorbei reitet an einem der vom Sande verwehten Bauwerke der mächtigen Pharaonen... während ihre Nachkommen heruntergekommen als Viehtreiber oder Tagediebe in Rhakotis dahinvegetieren.)
    Leidig griff ich nach meiner Börse, und zahlte Denar für Denar auf den Tisch. Ermittlungen konnten teuer werden, darum hatte ich meine gesamte verbliebene Barschaft dabei – und das reichte gerade so. Unglücklich steckte ich den schlaffen Beutel wieder weg. Die Geldeintreiberin war nun wieder so zuvorkommend wie eh und je, und verpackte mir meine ausgelösten Sachen in einem bequem tragbaren Bündel.
    "Der Mann, der bei mir war, an, ähem, diesem Tag" fragte ich, "der mit dem roten Tuch um den Kopf, den morgenländischen Zügen – wer ist er?"
    "Zu meinem Bedauern kann ich dir da nicht weiterhelfen. Ich kenne ihn nicht."
    "Ich möchte mit den Angestellten sprechen. Wer hat an diesem Tag gearbeitet, wer könnte mehr wissen über ihn?"
    "Ich selbst habe ihn hereingeführt" erinnerte sich die Frau, "er kam zusammen mit einer Dame, einer parthischen Geschäftsfrau, soweit ich weiß ist sie nicht ohne Einfluß in der Subura."
    Eine Partherin. Ich kann dieses falsche, verschlagene Volk nicht ausstehen...
    "Wie sieht sie aus?"
    "Wie eine Rose mit stählernen Dornen..."


    Mit etwas Geduld bekam ich dann doch noch eine etwas weniger poetische Beschreibung der Partherin - und machte dass ich davon kam, und diesen gefährlichen Ort sehr schnell hinter mir ließ. Der Hauch des süßen Giftes war noch immer in meiner Nase und in meinen Gedanken, verfolgte mich hartnäckig die Straße entlang, als ich den Hügel hinabstieg, und den Weg zum Tiber einschlug.

    Erst als die Klinge wieder sicher in der Scheide verstaut war, wich meine Anspannung. Statt dessen durchrieselte mich warme Wiedersehensfreude. Doch bevor ich nun endlich mein Vorhaben in die Tat umsetzen und Massa umarmen konnte – da lag er mit einem Mal vor mir auf den Knien!
    "Aber Appius..." murmelte ich schwach, verdutzt auf seinen wallenden Schopf hinabsehen. Da kam ich aus dem ruhigen, gleichförmigen und heilsam entrückten Dasein im Tempel des Serapis... und war überhaupt gar nicht gewappnet für einen solchen urplötzlichen Ansturm der Gefühle...
    "Aber Appius..." wiederholte ich überwältigt, legte ihm die Hände auf den Kopf und strich langsam über sein Haar (das ich als deutlich weicher und weniger salzkrustig in Erinnerung hatte). Dass es hier nicht bloß um den Schrecken ging, den er mir eingejagt hatte, das war mir schon klar, und ich wollte ihm sagen, dass ich ihm schon längst alles vergeben und vergessen hatte – doch das wäre nicht so ganz ehrlich gewesen, denn einen gewissen Groll hatte ich ja durchaus gehegt, und ihm ein gewisses "der hat sich mal wieder aus dem Staub gemacht" nachgetragen. Andererseits: Massa war nicht mein persönlicher Schutz-Genius, und was wog schon eine so mindere und so verständliche Enttäuschung wie seine überstürzte Abreise im Vergleich zu dem kaltschnäuzigen Verrat und dem feigen Nicht-mehr-Kennen, das ich von Seiten so vieler anderer sogenannter Freunde erlebt hatte? Verglichen damit fiel diese kleine Enttäuschung gar nicht mehr ins Gewicht, und wurde von der Macht dieses Kniefalles einfach ausgelöscht.
    Und worüber wir uns ganz früher mal gezankt hatten - bevor der irrsinnige Bürgerkrieg mich mit Haut und Haar durch den Fleischwolf gedreht hatte - das erschien mir nun sowieso belangslos (Beduinenmädchen hier, Romana-Geplänkel da, Missverständnis hier, verletzter Stolz dort) und sogar ein wenig kindisch.


    "Mach dir keine Gedanken. Du hättest doch auch nichts ausrichten können." Ich sank zu ihm auf die Knie (autsch, spitze Steine!), und legte die Arme um ihn, drückte ihn nun endlich fest, und versicherte ihm inbrünstig: "Mein lieber Appius, es gibt nichts zu verzeihen!"
    Kennst du, lieber Leser, die Fabel vom verzauberten Frosch und seinem treuen Diener? Eiserne Bänder hat der Diener um sein Herz geschmiedet, damit es ihm nicht zerbricht vor Trauer um seinen verfluchten Herrn. Doch als sein Herr dann gerettet ist, und mit seiner Braut zur Hochzeit fährt, da zerspringen die Bänder um das Herz des Dieners, eines nach dem anderen, so laut dass man meint, der Wagen würde brechen. - Und auch wenn ich weder Diener noch Frosch war, und dieses Fabel nur der Anschaulichkeit halber nenne: auch mir brach, laut zerberstend, ein Band von meinem Herzen, als ich da meinen lieben Massa in den Armen hielt, und Wiedersehens- und Versöhnungstränen mir zugleich über die Wangen strömten!
    "Ich bin so un-glaub-lich froh dich wiederzusehen!" rief ich, halb lachend, halb weinend, halb an seiner Schulter erstickt. "Serapis sei Dank, eigentlich wollte ich nämlich nur, ähm, Fisch kaufen... Wie kommst du hierher, ich wähnte dich in Ägypten... wie geht es dir, Bona Dea, bist du etwa mit dem Schiff da draussen gekommen... ist das deins?!"

    Unterwegs in Trans Tiberim
    An Träume glauben und Nebel in Säcke einfangen ist ein und das selbe, so pflegte meine iberische Großmutter immer zu sagen. Und als wolle ich Nebel greifen, ebenso flüchtig zerstob mir das Bild des Träumers, wenn ich es genauer zu fassen versuchte. Wie hatte er ausgesehen? Schön. Irgendwie exotisch. Dunkel. Aber schienen im Opiumrausch – und ich hatte da natürlich den Rausch meines Lebens (...) gehabt – nicht alle Menschen mit einem mal wundersam attraktiv? Worüber hatten wir gesprochen? Ich konnte mich nicht so wirklich erinnern, dass wir uns überhaupt unterhalten hätten... ausser dass ich ihm eingehend erklärt hatte, warum die Mors Voluntaria der einzige Weg war der mir noch blieb und er das gar nicht verstehen wollte. (Meine Argumente fand ich im übrigen noch immer bestechend. Widersinnigerweise hatte ich trotzdem wieder Freude am Leben, Serapis sei Dank.) Was hatten wir sonst noch so miteinander angestellt? Keine Ahnung! Nächste Frage. Wie hieß er? Tja.
    Ich beschloß, ihm einen Namen geben, so für mich, auf meiner Suche, damit ich nicht immer als "der Träumer" oder "mein Retter" oder "der Fremde der so gut küssen kann" an ihn denken mußte.
    Morpheus? Nein... zu betäubend. Thanatos! Nnnein... Phantasos? Das gefiel mir.
    "Phantasos..." murmelte ich, den Namen erprobend. (Natürlich war ich nur auf der Suche nach ihm, weil ich mich bei ihm gebührend bedanken wollte. Das versteht sich doch von selbst. Alles andere wäre nach den Regeln der Kultgemeinschaft ganz unangemessen gewesen.)
    Phantasos hatte, dafür dass er ein so flüchtiges Traumgespinst war, allerdings ein sehr reales Turbantuch hinterlassen, als er verschwand. Von daher war er jedenfalls nicht nur aus einer Überdosis Rausch und meiner Verlorenheit entstanden, nein, es gab irgendwo einen Menschen in dieser Stadt, der sein Gesicht trug, mit seiner Stimme sprach, mich in seinen Armen gehalten hatte, als... lassen wir das, ich wollte daran nicht einmal mehr denken. - Jedenfalls: Irgendwo in dieser großen, großen Stadt gab es ihn, und ich mußte ihn finden.
    Während ich... langsam... den Weg vom Tempel zum Purpurgarten hinter mich brachte... es fiel mir alles andere als leicht, dahin zurückzukehren.... nahm ich das Tuch genauer in Augenschein. Es war eigentlich nicht rein rot sondern gemustert, blutrote Rauten wechselten sich mit feurig orangenen ab, und es hatte lange Fransen an den Schmalseiten. Vom Stil her erinnerte es mich an Stoffe, die ich in Syrien gesehen hatte. Und es roch... noch immer nach Opium... mhm... roch herrlich verlockend nach Opium.... und irgendeinem anderen guten Duft. Wenn ich ein Bluthund gewesen wäre, dann hätte ich damit jetzt Witterung aufnehmen können. Da dem aber nicht der Fall war, war ich auf auf klassische Ermittlungsarbeit angewiesen.
    Und die begann nun mal hier. Die Pforte des Purpurgartes lag vor mir...
    (Würde es eine von Horn oder eine von Elfenbein sein?)

    Er war's. Er war es wirklich! Aber... was zum Hades wollte er mit dem Gladius?!
    "Bist du wahnsinnig?!" japste ich ungläubig, als er mit dem Mordwerkzeug auf mich zustürmte, "ICH bin's!!", und wich hastig vor ihm zurück, bis algenglitschiges Geröll mir Einhalt gebot. Und als ich mich dazu entschieden hatte, dass ein Sprung ins Wasser einem Stahl in den Eingeweiden eindeutig vorzuziehen war... da hatte er mich schon erreicht.
    "Appius! Steck das Ding weg!!" flehte ich "Ich bin es, Faustus!" Vor mir blieb er stehen. Schockiert starrte ich ihn an, die Hände instinktiv zur Abwehr erhoben. Was redete er da für komisches Zeug... hielt er mich etwa für... ein Gespenst?! Langsam sickerte das Verstehen zu mir durch: angesichts der fatalen Situation, in der er hatte aufbrechen müssen... lag es nahe, mich für tot zu halten... Ein eiskalter Schauder lief mir über den Rücken. Schnell hob ich die Hand, umfasste seine an meiner Wange, umfasste sie fest!
    Das Schwert schien er jetzt zum Glück vergessen zu haben. Ich sah die Tränen in seinen Augen, die Tränen, die ihm über das Gesicht liefen, das wunderbare Lächeln, das da mit einem mal wie ein Sonnenstrahl durch die Unwetterwolken brach
    "Doch!" versicherte ich ihm, mit einem dicken Kloß im Hals, "Ich bin es, verdammt nochmal! Serapis hat mich errettet, ich bin es wie ich leibe und lebe! Aber zu Tode erschreckt, das hast du mich!"
    Ich wollte nichts lieber als ihm um den Hals fallen und ihn innig umarmen – aber noch war da das Gladius in seiner Hand, noch wußte ich nicht ob die Raserei wirklich von ihm gewichen war. Nur keine unbedachte Bewegung, Faustus....

    "Schrei mich nicht an!" fauchte ich, und suchte mich seinem Griff zu entwinden, seinen Händen die sich wie Geierklauen in meine Schultern gruben. "Die Leute schauen schon!"
    Er war völlig ausser sich... und es gab mir durchaus eine gewisse Genugtuung zu sehen wie er unter den Folgen seiner Taten litt. Geschieht ihm recht.
    "Selbst wenn du den Krieg nicht gewollt hast, du hast ihn für eure Machtspielchen leichtfertig in Kauf genommen!"
    Aber ist das denn alles was da noch ist? Die Zerrüttung? Ist das die einzige Art, wie wir noch... Leidenschaft... füreinander haben können... indem wir leidenschaftlich miteinander hadern... raunte es wieder aus irgendeiner schwachen, allzu empfindsamen Ecke meines Ichs...
    Endlich ließ er von mir ab und da kam sie auch schon, die erwartete lange Geschichte so voll von Schattierungen, Verzerrungen und Ausflüchten eloquentester Art, dass ich – wenn ich nicht aus Erfahrung bestens vertraut mit Manius` virtuoser Kunst von der selektiven Wahrheit bis hin zur blanken Lüge gewesen wäre – ihm sofort Glauben geschenkt hätte. Doch ich war ein mehr als gebranntes Kind, und hörte ihm mit verschränkten Armen zu, alles was er sagte dreimal hin und her wendend prüfend, bevor ich irgendwas davon für bare Münze nähme...
    "Wenn du dir noch immer einredest, es sei nötig gewesen, die Ulpier zu ermorden, um Vescularius loszuwerden, dann bist du echt eurer eigenen Propaganda erlegen! In dem Augenblick, indem ihr das entschieden habt, in dem Augenblick als du die Hand gehoben hast und dafür gestimmt hast, da ging es doch nicht mehr um die Entmachtung eines missliebigen Stadtpräfekten, sondern um die Ausrottung des herrschenden Kaisergeschlechtes zwecks eurer eigenen Machtübernahme! Vescularius hättet ihr stürzen können wie einst Seianus gestürzt würde, oder indem ihr das Attentat gegen IHN richtet, anstatt gegen die Unschuldigen – doch das habt ihr nicht getan, ihr habt ihn lediglich zum Vorwand genommen diesen blutigen Staatsstreich zu vollführen. Unter einem Deckmäntelchen von Patriotismus habt ihr die schlimmsten Verbrechen überhaupt begangen, Giftmord, Kaisermord, Mord an der unschuldigen Augusta, an dem jungen Thronfolger, Hochverrat – jedes einzelne davon ist doch schon ausreichend, um der Infamie zu verfallen – und du siehst doch was für ein Blutbad daraus entstanden ist!"
    So naiv konnte er doch nicht sein, dass er das damals nicht gesehen hatte!!! – Oder etwa doch...??? So weltfremd wie er manchmal war, Patrizier im Elfenbeinturm, so viel mehr dem Ideal als der dreckigen Wirklichkeit zugeneigt... Nein, das ist nur das Bild, das er von sich kultiviert. Ich fing schon wieder an mich in seine Netze zu verstricken... zu zweifeln... Schluß damit!
    "Im übrigen" fuhr ich zornig fort, "ist es völliger Schwachsinn zu behaupten, ich habe Vescularius' Fehler nicht gesehen. Natürlich habe ich das, und das weißt du auch, das weißt du ganz genau!!! Ich habe verdammt nochmal abwägen müssen was das kleinere Übel ist, und das war verdammt nochmal eine beschissene Situation, und ich habe mir auch die Hände schmutzig machen müssen, aber er war nunmal der rechtmäßige Kaiser, und ich hatte ihm Treue geschworen. Und die Alternative, das war euer infamer Verschwörerklüngel! Hätte ich Vescularius ermordet, und Rom damit der Führung beraubt und noch weiter ins Chaos gestürzt, dann hätte ich eurer Hyänenbande doch erst recht in die Hände gespielt! - Du verstehst das anscheinend nicht Manius, wie solltest du auch, du hast ja nie gedient, aber die Treue des Soldaten zum Kaiser, das ist das feste Fundament unseres Reiches – wer sie aushöhlt, wie ihr, wer das Tabu bricht und Soldaten gegen Rom hetzt, der destabilisiert das Reich in seinen Grundfesten und bringt Chaos und Tod... und sät Rache, und sät Nachahmer, und legt damit doch schon den Keim für die nächsten blutigen Umstürze!!"
    Entnervt ging ich ein paar Schritt von ihm fort, rieb mir die Nasenwurzel, wandte mich abrupt wieder zu ihm um. "Und was meinen Namen angeht! Jeden Tag, an dem du dich entscheidest, weiter eure Propagandalügen zu verbreiten – du, der du meinen Namen mit ein paar klaren Worten von euren falschen Verleumdungen reinwaschen könntest! – stellst du mich als den skrupellosen Handlager eines Giftmörders dar! Als würde ich völlig zurecht geächtet! Was ist das anderes als in den Schmutz treten?! Hm?! Geh zum Hades Manius mit deinem unschuldigen Getue! Ich hätte dich gebraucht, ich hätte dich wirklich gebraucht, und du hast den Kopf in den Sand gesteckt und 'dich hinhalten lassen'. Wir haben dir Schutz geboten, unter großer Gefahr, und du hast nichts, nichts hast du getan, als eure Soldaten unser Haus geplündert, Klienten gemordet, Sklaven verschleppt und meine Schwester eingekerkert haben!!"
    Was hätte es für einen ungeheuren Unterschied gemacht, wenn ich gewußt hätte, dass ich nicht vollkommen vergessen in Dunkelheit und geistzerrüttender Isolation vor mich hinvegetierte, was für eine unglaubliche Bedeutung hätte selbst die allerkleinste Botschaft der Zuversicht für mich gehabt!
    Mochte es wahr sein oder nicht, dass er bei Cornelius, irgendwann als es dann sowieso keine Rolle mehr spielte, mal meinen Namen habe fallen lassen, mochte es wahr sein dass er sich mal als das schlechte Gewissen ihn drückte bei Seiana nach mir erkundigt habe – "Als es darauf ankam, mir die Wahrheit zu sagen, hast du mich nach Strich und Faden belogen. Als es darauf ankam mir entschlossen beizustehen, hast du mich im Stich gelassen. Deine Worte, Manius, sind für mich Schall und Rauch, ich möchte sie gerne glauben, aber nach allem was du getan hast kann ich das nicht mehr. Du kannst mir Cicero-gleiche Reden halten, und es wird nichts ändern, solange deine Taten das Gegenteil sagen. - Also lass Taten sprechen. Beweise mir, dass du diesmal die Wahrheit sagst. Du sagst, du willst dafür sorgen, dass ich meine Position zurückerlange?! Dann tu genau das. Und wenn du es getan hast, dann bin ich womöglich geneigt, deinen Worten wieder ein wenig Glauben zu schenken."
    Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen... fiel mir auf, dass ich gerade, ohne auch irgendeinen Gedanken daran zu verschwenden, davon gesprochen hatte, der Gemeinschaft der Serapisjünger womöglich den Rücken zu kehren. Bestürzt blickte ich zum Tempel, über den Hof, auf diesen liebgewordenen Ort und alles was mich damit verband... Ich hatte etwas ganz besonderes, etwas größeres hier gefunden (oder es mich). Aber bewegen, bewegen in der Welt, konnte ich hier nur sehr wenig... fand ich. Vielleicht hatte mein Vater (ein ganz kleines bisschen und nur in mancher Hinsicht) recht. Zwiegespalten schlang ich die Arme um mich.
    Bisher hatten zwei Taten gesprochen: er war hierhergekommen, ergo hatte er ein wie auch immer geartetes Interesse an mir... das schlechte Gewissen erleichtern, wie er es behauptete? Mich unschädlich machen, wie er es vehement von sich wies? Mein Können und Wissen für das Giftmörder-Regime akquirieren? Mich wieder aufbauen, um mich dann wieder für seine Zwecke zu benutzen? Mich wieder ins Bett kriegen? (Träum weiter, Faustus.)
    Und zweitens hatte er lange, intensiv auf mich eingeredet, teilweise so aufgewühlt und so unvorsichtig, dass ich es nicht glauben konnte, dass das alles nur Schauspiel war, also war es ihm anscheinend wichtig, dass ich auf seinen Vorschlag einging – warum auch immer. Vielleicht stand ja draussen ein Sicarius hinter der nächsten Ecke, um mich abzustechen sobald ich das Tempelgelände verließ. (Manius hätte sicher die Pietas, einen Mord nicht in einem Tempel begehen zu lassen.)
    "Aber eines solltest du wissen. Ich habe natürlich Vorkehrungen getroffen, so dass, falls ich ermordet werde, oder falls ihr mich... verschwinden lasst... alles gezielt an die Öffentlichkeit kommt. Und mit allem meine ich: auch deine persönlichen Geheimnisse."
    Nur für den Fall daß.

    Welle um Welle. Welle um Welle schwappte unterhalb meiner Füße gegen die Steine. Welle um Welle ging zurück ins Meer, Welle um Welle kehrte wieder. Das große Mysterium vom Sterben, das in sich zugleich die Wiedergeburt trug, zeigte sich mir sogar hier, im ganz kleinen, ganz unspektakulären, ganz leicht zu übersehenden... Gedankenversunken rieb ich mir über meine Wange, über die Narbe. Ich erinnerte mich zurück, an das letzte Mal, als ich selbst hier in Portus an Land gegangen war, von der Pelagia, bei der Rückkehr von meiner Mission in Syrien, und daran wie pflichteifrig ich nach Rom geeilt war, und daran wie stolz ich gewesen war, die kriegswichtigen Informationen in Antiochia errungen zu haben. Endymion hatte mich begleitet.. (der Halsabschneider – was war wohl aus ihm geworden? Hoffentlich war er an dem mir abgepressten Vermögen erstickt.) Und zuvor der kurze Zwischenhalt in Misenum... meine Erinnerung schweifte zu dieser seltsamen Nacht in der Villa über der Bucht... Tja. So viele verpasste Chancen, so viele entschwundene Wege...
    Von Wehmut angesprungen, blickte ich auf die Schiffe im Hafen: so viele Möglichkeiten alles hinter mir zu lassen, mit einem Leinen los in eine neue Existenz zu starten. Ich könnte wo immer ich wollte (in irgend einem abgelegenene Winkel des Reiches...) an Land gehen, und als wer auch immer ich sein wollte neu beginnen. Aber wahrscheinlich würde auch das vergeblich sein... solange ich mich selbst in mein neues Leben mitnahm... solange die Keren der Vergangenheit mich verfolgten... als ich solche Gedanken gegenüber Anastasius geäussert hatte, da hatte er so etwas gesagt wie, ich müsse zuvor die losen Fäden meines Lebens wieder aufnehmen und zu einem gebührenden Abschluß führen, erst dann würde das fahren zugleich ein erfahren sein...
    In meinem Rücken vernahm ich Schritte auf der Mole, das Klimpern eines Cingulums. Und obgleich ich genau wußte, dass auch damals nichts einfach gewesen war, sehnte ich mich zurück zu diesen Tagen, in ich einfacher Soldat und alles so einfach gewesen war.
    "Ein schönes Schiff" bemerkte ich schließlich über die imposante Trireme, mich zu dem Mann da in meinem Rücken umwenden – einfach nur um das ewige Rauschen des Meeres und das ewige Rauschen meiner Gedanken durch ein paar belanglose Worte zu einem anderen Menschen zu übertönen. Es war gar kein einfacher Soldat, das sah ich als erstes, schon aus dem Augenwinkel, sondern ein Offizier der Flotte, dann ... stutzte ich... sagte mir, dass ich mir das gerade sicher nur einbildete... blinzelte, fuhr mir über die Augen, sah nochmal hin... und staunte: "Bona Dea! Du?!"


    Als wir mit dem Eselskarren die Tore von Portus passierten, war es schon spät. Der Myste Sperandus lenkte das Gefährt zielstrebig zu einem kleinen Wohnhaus, dort lebte eine Familie, die dem Isis-und-Serapis-Glauben anhing und uns freundlich aufnahm. Die Nacht würden wir dort unterkommen, um am nächsten Morgen dann ganz früh auf den Fischmarkt zu gehen, wenn die Fischer ihren ersten Fang feilboten, und für die Gemeinschaft des Serapeions eine Ladung zu erwerben. Da war der Fisch nämlich am frischesten und zugleich auch am günstigsten, hatte Anastasius gesagt (der ausser seiner begnadeten Erkenntnis auch einen ausgeprägten Sinn für das Geschäftliche aufwies), als er uns auf diese Mission sandte.
    Ich kann nicht sagen, dass es mich auf Anhieb begeisterte, eine Tätigkeit zu vollführen, für die in meinem früheren Leben selbstverständlich die Sklavenschaft zuständig gewesen war. Andererseits fiel mir dort in der Tempelgemeinschaft bisweilen die Decke auf den Kopf – mittlerweile, wo es mir besser ging. Darum beschloß ich, die Fahrt nach Ostia als willkommene Abwechslung zu sehen. Sorge erkannt zu werden hatte ich kaum... ich war so lange schon von der Bildfläche verschwunden, und die schlichte Tracht veränderte mich, Haare und Bart waren anders als früher, dazu die Gesellschaft von Sperandus... und nicht zuletzt der Esel.... man mußte mich schon gut kennen und genau hinschauen, ansonsten war ich nur ein einfacher und bescheidener Jünger des Serapis, und das war gut so.


    Nach dem Abendessen legte Sperandus sich gleich aufs Ohr, wir würden ja sehr früh raus müssen, am nächsten Morgen. Aber mir war nicht nach schlafen. Ich verließ das Haus und schlenderte durch die Strassen, hin zum Hafen... Es wurde langsam dämmrig. Die Masten zeichneten sich aufrecht wie Speere vor dem rosig-blau-dunklen Himmel ab, und spiegelten sich geschlängelt im trüben Hafenbecken. Der Geruch von Fisch lag schwer über dem Hafen, Brackwasser, Salz, Teer, Tang... Ein paar verspätete Möwen kreisten noch, Fischer entwirrten ihre Netze, und dann waren da natürlich all die Seeleute und Händler und Bettler und Schlepper und Lupae und die Kneipen, Verkaufsstände und Vergnügungsbuden... Selbst wenn mir der Sinn nach sowas gestanden hätte (tat er nicht) – ich hätte sowieso kein Geld gehabt. Das sah man mir auch an, und so spazierte ich fast unbehelligt dort entlang und betrachtete die Schiffe am Kai.
    Durch die offene Tür einer Spelunke erblickte ich eine Tänzerin, die sich seltsam verrenkte, ich wich einer Gruppe von Seeleuten aus, die breitbeinig an mir vorbeischlurften, und dabei ein Lied sagen, in dem es darum ging, dass Matrosen aus Piräus, wenn sie tanzen gingen, alle Mädchen abschleppten. Ich schmunzelte (bittersüß), erreichte dann schließlich die Mole und kletterte auf die Steine. Von da konnte ich die Schiffe weiter draussen sehen, bewunderte vor allem eine stolze Trireme, die wie ein Schwan unter Enten dort auf Reede lag.



    Ein nicht weiter bemerkenswerter Bote gab einen nicht weiter bemerkenswerten Brief, "für die Dame Decima Seiana, persönlich", an der Porta des Hauses ab. Das Papyrus war zusammengerollt, verschnürt, versiegelt, und ohne Absender.



    Liebe Seiana,


    Wo soll ich anfangen? Wahrscheinlich bist Du furios wütend über mein Verschwinden, und das zurecht, und wahrscheinlich ist es anmaßend, Dich dafür um Deine Verzeihung zu bitten.
    Aber ich konnte nicht in Livianus' Haus bleiben! Nicht, nachdem er mich vor dem gesamten Senat diffamiert hat, mir öffentlich in den Rücken gefallen ist, um seines Wahlergebnisses willen! Die ganzen Jahre habe ich ihm nachgeeifert, bin den Weg gegangen den die Familie vorgesehen hat, auch wenn der beileibe nicht meinen Wünschen entsprach, wollte nur, dass Livianus endlich mal stolz auf mich ist, war froh und glücklich wenn er mir einen Brocken seiner kostbaren Anerkennung hingeworfen hat... – und jetzt sehe ich, dass er selbst in Wirklichkeit keinen Deut auf die Werte unserer Familie gibt. Oder sie jedenfalls behände über Bord geworfen hat, um seines Fortkommens willen. Ich weiß ja, dass er glaubt, das richtige zu tun, um die Familie in diesen verworrenen Zeiten zu beschützen. Aber mich hat er einfach nur im Stich gelassen, in einer unerträglichen Lage. Ich habe das, das alles, einfach nicht mehr ausgehalten.


    Soviel, um es zu erklären, auch wenn es keine Entschuldigung sein kann, dafür dass ich mich nicht zumindest von Dir verabschiedet habe, als ich mich entschied zu gehen.
    Es war eine schlimme Zeit. Aber dann ist mir etwas unglaubliches und... wunderbares widerfahren. Das erzähle ich Dir aber lieber direkt. Wenn Du mich noch sehen magst? Bitte? Meine liebe große Schwester, ich würde mich unheimlich freuen Dich wiederzusehen. Neulich Nacht habe ich von Dir geträumt, anfang war es wie damals in diesem Kurs über Kaiser Tiberius, weißt Du noch, den wir zusammen besuchten. In meinem Traum hab ich versucht, bei der Prüfung heimlich von Dir abzuschreiben, und dann wurde es... seltsam und bedrückend, Du hast auf einem Thron gesessen, aus dunklem Holz, auf hohen Stufen, und ich stand vor Dir und wollte irgendwie... mit Dir sprechen, aber es war wie eine Barriere zwischen uns und Du hast mich nicht gehört.
    Ich möchte wissen wie es Dir geht, und ich hoffe inständig dass auch Du einen Weg gefunden hast, die schlimme Zeit soweit eben möglich hinter Dir zu lassen.


    Wenn Du mich besuchen magst – ich lebe jetzt in einer Kultgemeinschaft des Serapis, in dem alten Tempel an der Südseite des Ianiculums. Bitte behalte das für Dich, und bitte verbrenn den Brief wenn Du ihn gelesen hast, und bitte achte darauf, dass Dir niemand folgt wenn Du dorthin gehst. Ich möchte nicht von den Lemuren der Vergangenheit eingeholt werden – und auch nicht von irgendwelchen Leuten, die meinen, mit mir noch irgendwelche Rechnungen offen zu haben. Darum bin ich hier einfach nur: Serapio, und möchte dass das so bleibt.
    Und bitte sag vor allem Vater nichts. Er wird ja froh sein, mich los zu sein.
    Wenn Du mir schreiben magst, dann richte den Brief bitte an einen gewissen "Q. Talius Nemo, Popina zum Treidelpfad, Via Portuensis" – das kommt dann schon bei mir an.


    Mögen Isis und Serapis über Dich wachen, und mögen sie unsere Wege bald wieder zusammenführen!
    Ich umarme Dich.


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