Im Gassenlabyrinth der Subura – kein Ariadnefaden in Sicht
Meinen Spazierstock leicht in der Hand schwingend, schritt ich das Argiletum entlang. Meine Suche wurde soeben... zugleich auch so etwas wie eine Reise in meine eigene Vergangenheit. Denn in der Gegend hier hatte ich damals, direkt nach meiner Flucht aus dem erstickenden Muff der Provinz und meiner Ankunft in Rom gewohnt... blutjung, mich für unsterblich haltend, den Kopf voller unausgegorener Ideen... Da in der Garküche, da hatte ich mich zum ersten Mal mit Rufio getroffen. Und da, in diesem Antiquariat hatte ich oft in den alten Gedichtbänden geschmökert. Dort drüben hinter dem Venustempel, da hatte Hannibal gewohnt. Auf dem Platz dort hinten, da hatte ich mir dann immer abends, oder auch schon früher, mit Freunden den Kopf weggedröhnt...
Das heillose Gedränge auf den Strassen, und vor allem der Gestank der Abwassergräben, der mir übel in die Nase wehte, bewahrten mich aber davor, allzutief in Nostalgie zu versinken.
Auch später, in meiner respektableren Existenz als Stadtsoldat, war ich oft hier gewesen, ich erinnerte mich an eine Menge Prügeleien, hier eine Razzia, dort an dem Tor hatten wir mal mutmaßlichen Christianern aufgelauert, und dann waren da natürlich die vielen Leichen gewesen, die morgens kalt und gefleddert in der Gosse lagen. Und das große Rattenbeissen damals! (Ob Ultor wohl noch aktiv war?)
Ich bog in die Gasse der Korbflechter ein, dann der Wäscher und Walker, wo es noch erbärmlicher stank. Hier begann dann so langsam der Bereich, in dem die Banden so gut wie unangefochten herrschten, und in den wir Urbaner damals nur äusserst ungern gegangen waren. Es war ja nicht so, dass man dort sofort ein Messer zwischen die Rippen bekommen hätte, wie es die Touristen immer meinen, aber man sollte eben auf der Hut sein, keine Schwäche zeigen und kein Pech haben.
Selbstbewußt ging ich in der Mitte der Gasse und musterte die mir Entgegenkommenden genau, passierte einige echt dubiose Gestalten, und dann erreichte ich auch schon die ersten Ausläufer des orientalischen Marktes, wo Vertreter aller möglicher Völker des Morgenlandes, und darunter eben auch Parther, ihre Waren anboten.
Kein Sonnenstrahl fiel auf den Grund der Gassen. Wie Schluchten waren sie zwischen die Insula geschnitten, der Boden aus festgetretenem Dreck, gesäumt von Ständen und wimmelnd voll von Menschen, so dass man gar nicht stehenbleiben konnte, immer vorwärts geschoben und gepufft wurde. Es war, ohne zu übertreiben, ein echtes Labyrinth von krummen und schiefen Gassen, Tordurchgängen, Innenhöfen und Stiegen, und – habe ich schon erwähnt wie gedrängt voll es war?! Da oben auf den Hügeln, wo unsereins seine Atriumhäuser hat, ist es leicht zu vergessen, wie enormst überbevölkert unsere Stadt ist, und unter was für miserablen Bedingungen neun von zehn Bewohnern leben...
Der Kopf schwirrte mir, auch ohne solcherlei Überlegungen, schon von der Vielzahl der Waren, Farben, Formen, Gerüche und Menschen, überall Menschen, dazu den Weg im Auge behalten und meine Börse bei mir. Brote, riesige Stapel davon, Gebäck, Süßkram – ob da wohl auch etwas mit Pistazien dabei war... - aber der Strom der Menge hatte mich schon vorbeigeschoben, Tand, Geschirr in allen Regenbogenfarben, dann waren da ein Haufen von Schrotthändlern mit allem möglichen zerbeultem Zeug, für das meiner Meinung nach doch niemand mehr ein As bezahlen würde... Aber auch in diesem Konglomerat von verrostetem Ausschuss wühlten die Menschen, als hofften sie einen verborgenen Schatz zu finden. Das erinnerte mich an die Legende - eine Menge Legenden rankten sich ja um die verborgenen Märkte der Stadt, "urbane Legenden" könnte man sagen – vom "Trödelmarkt der Träume", wo man angeblich seine verlorenen Träume wieder finden kann, und für einen sehr, sehr hohen Preis wieder erwerben. Manche sagen, er fände tief unter der Stadt in uralten etruskischen Katakomben am Rande eines bodenlosen Mundus statt, andere er würde direkt vor unserer Nase abgehalten, aber man würde ihn, wenn man ihn suche nie finden können, nur durch seltsame Zufälle darauf stoßen. Angeblich soll der Mann mit der Vogelmaske, selbst Thema so vieler schauriger Geschichten, seine Maske einst auf jenem Markt erworben haben.