Was für ein absurdes Theater. Manius, Mitverschwörer, hatte also Cornelius, Chefverschwörer, zu der beschwerlichen Erkenntnis verholfen, dass es möglicherweise doch den ein oder anderen guten Grund gegeben haben könnte, Giftmord und Bürgerkrieg nicht euphorisch zu bejubeln. Hurra. Ich griff zum Weinbecher und machte gute Miene zum absurden Spiel.
"Dann schulden wir wohl beide Senator Flavius Dank." antworte ich glatt. "Du hast Recht, ich habe für Rom gekämpft. Wie du weißt, habe ich alles gegeben, um euren blutigen Umsturz zu verhindern. Und daran magst du meine Treue zu Rom wohl ermessen, dass ich standhaft geblieben bin und bis zuletzt meine Pflicht tat, um Rom gegen deine Armeen zu verteidigen, als alle Welt schon desertierte und überlief, als die Ratten das sinkende Schiff verließen und sich die Hyänen an deine siegreichen Fersen hefteten."
Wenn das mal nicht zu ehrlich war. Ich trank einen Schluck, befeuchtete meine Kehle. Auch wenn ich nicht glaubte, dass sie mich hier vergiften würden – zu viel Aufwand – schmeckte es mir nicht.
"Nun haben die Dinge sich geändert. Du bist vom Aufständischen zum rechtmäßigen Kaiser geworden. Du wurdest vom Senat bestätigt, und hast den Kriegsverbrechen, die deine Anhänger in deinem Namen verübten, letztendlich Einhalt geboten. Du hast keine Proskriptionen verhängt und strebst nach Eintracht. So ruchlos, mit Verlaub, die Verbrechen sind, auf denen deine Machtergreifung beruht – " Ruhig Blut Faustus. "... Es geht um Rom, nur um Rom, und Rom braucht Frieden durch Eintracht. Ich sehe durchaus den guten Einfluß, den deine Herrschaft nun nach all den Wirren auf Rom hat. Der Bürgerkrieg war die schlimmste Katastrophe für unser Reich seit dem Vierkaiserjahr, er hat das Reich zerrissen und die unheilvolle Saat für neue Aufstände und neues Blutvergießen gelegt. Frieden ist es, was das Reich am allerdringendsten braucht, und deine Herrschaft kann den Frieden wahren, wenn es gelingt, unser gemeinsames Ansinnen zu verwirklichen und den Graben, der da quer durch das Reich klafft, zu überwinden."
Wenn das hier nicht nur ein heimtückisches Intrigenspiel war. Mein Blick huschte zu Manius, konnte aus seiner Miene nichts lesen, und wieder zurück zu Cornelius.
Beiträge von Faustus Decimus Serapio
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"Wenn Du mir deinen Namen nicht verrätst..." erwiderte ich verwirrt, "dann werde ich dich für den Rest meines Lebens Phantasos nennen müssen. - Bist du denn ein Genius, " versuchte ich ihn ein wenig zu necken, "ein Wüstengeist, der seinen Namen hüten muß, auf das kein Beschwörer Macht über ihn bekommt?"
Wie in den Märchen, die Ravdushara manchmal erzählt hatte.
Das Tuch war zu Phantasos und zurück zu mir gegangen, und nun war wieder ich derjenige, der es unschlüssig in den Händen hielt. Er wirkte so ernst bei dem was er sagte, zuletzt geradezu vorwurfsvoll, und es klang schon fast nach Abschied.
"Ähem... Warte!" rief ich, und legte ihm kühn die Hand auf den Arm, "du kannst doch wohl nicht leugnen, dass DU mich gerettet hast! Natürlich hat Serapis unsere Wege zusammengeführt, selbstverständlich, doch nichtsdestotrotz hast du, also du selbst, so gehandelt wie du gehandelt hast, also, dich entschieden so zu handeln wie du gehandelt hast, du verstehst was ich meine, oder? Und damit stehe ich ohne Zweifel in deiner Schuld! Auch wenn du es leugnest, es ist so!" bekräftigte ich, es mit energischen Gesten unterstreichend, die ihrerseits von dem flammendrot hinterherwehenden Tuch unterstrichen wurden.
"Ich habe ganz Rom durchkämmt auf der Suche nach Dir, habe blutsaugerischen Krämern die Stirn geboten und, ähm, sirenenhaften Schönen, bösartigen Schlägern und..." - mein Blick fiel auf den Strassenköter, der sich immer noch in unserer Nähe rumtrieb, anscheinend auf mehr Futter hoffend – "reißenden Bestien. Also, gib mir zumindest eine Chance... meine Schuld irgendwie auszugleichen."
Hastig überlegte ich, was ich ihm meinerseits geben könnte, aber ich hatte ja nichts ausser wertlosem Marktkrempel... und meinem Serapisamulett das ich stets um den Hals trug. Meine Hand fuhr dorthin, und erspürte meinen Equesring, der ebenfalls an einer Kette um meinen Hals hing, unter der Tunika verborgen. Aus einem Impuls heraus nahm ich ihn ab, ohne nachzudenken, und drückte ihn Phantasos diskret in die Hand. Der Ring war schwer, aus Gold, graviert mit dem Hengst und dem 'X' unserer Familie.
"Hier, für dich. Ich behalte dein Tuch nur, wenn du ihn annimmst. Es ist mir ernst. Nimm den Ring als Geschenk, er soll dich erinnern, an mich, der ich dir in Dankbarkeit von Herzen verbunden bin, und daran dass ich dir so viel schulde. Ich meine... auch wenn dir jetzt nichts einfällt zum Ausgleich - das ist ja auch gerade alles sehr abrupt! - irgendwann ergibt sich doch bestimmt mal was. Du findest mich... noch immer beim Tempel des Serapis... ich lebe jetzt dort in der Kultgemeinschaft. Und falls ich dann vielleicht... nicht mehr dort sein sollte... der Priester Anastasius wird wissen wo ich zu finden bin." -
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Die sinkende Sonne vergoldete die Dächer der Ewigen Stadt, und feine Spinnwebfäden trieben wie Parzenhaare durch die milde Spätsommerluft. Ein malerischer Gesell mit hoher Stirn und melancholischen Augen trat auf auf die Porta der Iulier zu. In den Händen trug er ein gewaltiges, Blumenstrauss-förmiges Gebilde, verhüllt von und verpackt in kunstvoll drapierten roten Leinenstoff.
Er ließ den Türklopfer dreimal erschallen und wartete darauf dass ihm aufgetan würde. -
... und rüde wurde ich geweckt, als mir ein langbeiniges Spinnentier quer übers Gesicht krabbelte. Erschrocken fuhr ich auf, wischte die widerliche Kreatur hastig zur Seite. Brr.
Und seufzte. Ausgerechnet an der Stelle... Unleidig dachte ich, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war, des Verflossenen Vorzüge allzu sehr zu besingen. Selbst wenn es der Vergeltung diente. Es weckte schlafende Hunde.
"Lesbia mi dicit semper male..." murmelte ich betreten vor mich hin, denn mir waren die schönen Verse des Catull in den Sinn gekommen:Lesbia wird nicht müde, von mir viel Böses zu sagen
Will ich doch sterben darauf: Lesbia liebt mich noch heut.
Und der Beweis? Bin ich selbst. Ich fluch ihr täglich und stündlich,
Aber ich sterbe darauf: Lesbia lieb' ich noch heut..... Ach was!
Energisch entriss ich mich dem Grübeln und stand auf, hielt mich einen Augenblick an den Stamm der Pinie gelehnt. Catull war ein (wenn auch geniales, ohne Frage) Weichei, und meine zeitweilige Verwirrung kam alleine von dieser blöden Enthaltsamkeit. Das mußte doch jeden mürbe machen! Trotzdem begrub ich in dem Moment meinen Plan, das ganze zu veröffentlichen.
Grimmig packte ich mein Schreibzeug ein, machte mich auf den Rückweg den Hügel wieder hinunter, und pflückte unterwegs noch einen großen stacheligen Strauss besonders garstiger Disteln. Ich zerstach mir natürlich selbst die Finger dabei, doch das bremste nicht meinen Elan. Auch ein Reis Tollkirsche fand ich unterwegs. Perfekt!In den nächsten Tagen schrieb ich weiter, abends nach dem Tempeldienst und den Unterweisungen. Vale male Dulcissime! Und wie ein Getriebener besorgte ich auch mit großem Perfektionismus das genau passende Blumenbukett. Zuletzt heuerte ich einen Freund von ganz früher an, der als Künstler immer sehr knapp bei Kasse war, um das Werk zu überbringen. Natürlich schärfte ich ihm dieses und jenes ein, und insbesondere, das Mienenspiel des Empfängers aufs Allergenauste im Auge zu behalten...
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Das war ein Fausthieb gegen das Pflaster. Laut aufjaulend zog ich die Hand mit den aufgeplatzten Fingerknöcheln zurück – und da traf mich schon der Gegenschlag. Die mannigfaltigen Verwünschungen, die ich noch für meinen Ex-Kameraden hatte, verklangen in einem jämmerlichen Ächzen, als ich mich schmerzlich zusammenkrümmte, und wäre ich noch bei Sinnen gewesen, hätte ich mir so langsam eingestehen müssen, dass ich mich hier mit jemandem angelegt hatte, der körperlich einfach deutlich besser in Form war als ich. Doch mein Zorn war wie ein Stampede wilder iberischer Stiere (oder Apis-Stiere), vor dem sich die Ratio längst aus dem Staub gemacht hatte, und ich wollte den Dreckskerl nur noch fertig machen, koste es was es wolle und mit allen miesen Tricks, aber sowas von fertig machen!!!
Wie zwei tollwütige Hunde rollten wir ineinander verkrallt kämpfend über den Hof, uns mit den Fäusten traktierend, um uns war Lärm, ich schmeckte Blut, zog mein Knie hoch um es ihm beherzt in die Weichteile zu rammen und packte seinen Arm, mit dem Ziel, ihn in mit Schwung einen doppelten Timasitheos zu zwingen – und zu würgen!!! -
Wer sieht gern zurück, wenn dort nichts als dunkle und schmerzhafte Erinnerungen warten hatte Massa gefragt – leichthin rhetorisch gefragt. Aber die Frage... ging in mir um. Es waren ja nicht nur die häßlichen Lemuren der schlimmen Ereignisse, die mir schwer im Nacken saßen... es war auch die Erinnerungen an die... schönen und wertvollen Dinge, die ich gehabt hatte, bis des Schicksals blinder Idiotentanz sie unter eisernen Füßen zermalmt hatte. Und genau darum durfte ich nicht zurücksehen. Und genau darum blieb ich Massa die Antwort schuldig. Er hatte das Talent wie ein Korken auf den Wellen über alle Brüche und Abgründe hinwegzutreiben... er hatte seine Haut gerettet, machte sich keine Gedanken mehr, hatte ein Schiff und war glücklich. Mit einem Mal fühlte ich mich sehr einsam, dort neben ihm im Eingang der schönen Therme.
Schweigend folgte ich ihm hinein. Die Einrichtung sprach von einem gehobenen, sicher privaten, Balneum... und ich überschlug, ob ich überhaupt genug Geld dabei hatte, um mir das zu leisten. (Wie unsäglich lästig, sich über sowas Gedanken machen zu müssen!!) Aber da hatte Massa schon großzügig alles bezahlt. Verlegen murmelte ich einen Dank, setzte mich auf eine der wohlig warmen Bänke, und streifte meine staubigen Sandalen ab. Dann knotete ich den gewebten Gürtel auf, legte Leinentunika und Lendentuch ab, und schlang mir ein Badetuch um die Hüften. Angesichts Massas kraftstrotzender Heroenfigur war ich mir meiner knochigen Ausgezehrtheit nur allzu bewußt. (Und der grauen Strähnen im Haar.)
Ich behielt mein Serapisamulett um den Hals, und war ziemlich schweigsam, während wir die Thermen durchliefen. Erfrischt und sauber ging es zuletzt in ein ganz hinreißendes separates Bad. Die perfekte Verführer-Höhle...! schoß es mir sogleich durch den Kopf, und während Massa es sich bereits bequem machte, stand ich noch zögernd am Rand, betrachtete angelegentlich das Mosaik und die Fresken – die wirklich sehr schön waren, aber meine Augen beschäftigten sich vor allem so genau damit, um sich nicht zu genau mit Massas Luxuskörper zu beschäftigen.
"Es ist ganz furios. Ich danke dir." Ich fuhr mir über den Nacken, trat zum Rande des Beckens. Dort setzte ich mich, zog das Tuch nur höher und ließ meine Beine ins Wasser hängen.
"Es ist ein Luxus, den ich lange nicht mehr genossen habe." fuhr ich ernst und entschlossen fort, den Blick auf die schimmernden, sich immer neu formenden und zerfließenden Reflexe im Wasser gerichtet. Ich wollte es ihm erzählen. "Ich... führe ein ganz anderes Leben jetzt. Ich... hab die Brücken abgebrochen. Serapis hat mich errettet, als... es einfach nicht mehr ging. Es ist... ich kann es nicht erklären, aber... es ist wirklich geschehen. Es ist ein Wunder."
Meine Beine begannen zu baumeln, schlugen kleine Wellen. Ich richtete den Blick auf Massa. "Ich lebe jetzt in einer Kultgemeinschaft des Ewigen. Ich habe da etwas Größeres gefunden. Oder es mich. Ich wünsche mir... Teil davon zu sein. Die Initiationen zu durchlaufen. Auch wenn die Sitten da sehr streng sind... und ich so manches vermisse." Ein schiefes Lächeln begleitete diese Worte.
"Es ist das Tor zum Verstehen, zu einer Klarheit und erhabenen... und zugleich freundlichen Gelassenheit nicht nur der Gedanken, des gesamten Selbst... ach, ich kann das nicht mit Worten ausdrücken, es funktioniert nicht mit Worten...! " -
Zuvor, als die Schläger mich belästigt hatten, da hatten die Passanten allesamt Abstand gehalten und sorgsam nicht hingesehen. Jetzt, da die Kerle sich verzogen hatten, war diese Blase geplatzt, und um uns drängte und drängelte sich wieder das Leben – ein lumpiger Sklave mit riesigen Tuchballen auf dem Kopf wankte vorbei, ein Bettler streckte uns mitleidheischend die verwachsenen Glieder entgegen, und das Geschnatter und Geschrei der Händler und Käufer flutete um uns und über uns...
Und doch war es mir gerade, als wären Phantasos und ich die einzigen Menschen auf diesem Markt. Mein Lächeln war noch immer etwas benebelt, als ich da vor ihm stand, und andächtig sein Bild in mich aufnahm, es zusammenfügte mit den Traumfetzen unserer schicksalshaften ersten Begegnung, es mir tief einprägte. Das waren die Arme, die mich gehalten hatten, als alle Welt mich aufgegeben hatte. Das war der Mund, der versucht hatte mir Hoffnung zu spenden, als es keine mehr gab. Und dies waren die Augen, die um mich...der ich zerschellt war an der bräsigen Gleichgültigkeit der stumpfen Masse... Tränen von echter Anteilnahme vergossen hatten.
Und dies hier.... das war der Zwischenraum zwischen uns, und da schwirrten gerade eine ganze Menge Schwingungen zwischen uns umher, soviel war sicher...
Seine Hand berührte kaum meine Wange, da schlug schon mein Herz höher, und mein Magen begann zu flattern, als wäre ich ein Jungspund beim ersten Stelldichein und nicht ein kaputter, zernarbter, invalider und abgeklärter Veteran der Liebe. (Ich sagte ja schon, die Suche nach Phantasos war eine Art 'Reise in meine Vergangenheit'.)"Du hast mir das Leben gerettet." sagte ich bewegt, "Mir bewiesen, dass in diesem Pestsumpf von Stadt in der Masse all der Heuchler und Lügner und Kürbisköpfe... manchmal eben doch ein... guter, ein wunderbarer Mensch... zu finden ist... und unverhofft auftaucht wenn man es am allerwenigsten erwartet. Ich mußte dich wiedersehen! Ich brenne darauf zu erfahren wie du heißt und wer du bist, und -" Ich stockte. Nicht dass er sich jetzt verfolgt vorkam! "Verzeih, ich will nicht aufdringlich sein. Aber ich möchte dir danken!"
Ich nahm seine Hände in die meinen und drückte sie heiß.
"Ich stehe tief in deiner Schuld. Es wäre mir eine große Freude, wenn du mir erlauben würdest, auch einmal etwas etwas für dich zu tun... auch wenn ich wohl niemals heranreichen kann an deine edle Tat mir gegenüber, aber.. also wenn es irgendwas gibt, wo ich dir irgendwie helfen kann, zögere nicht, jederzeit..."
Zwar verfügte ich nur noch über einen Schatten meines früheren Einflusses und Reichtumes, aber für Subura-Verhältnisse war das vielleicht nicht zu verachten."Ausserdem..." wollte ich ihn echt furchtbar gerne mal zum Essen einladen, oder ins Theater, oder sonstwohin, aber mit einmal mal überfiel mich eine geradezu adoleszente Schüchternheit (auch ein Effekt der Reise in die Vergangenheit?), und ich dachte so bei mir, dass ich viel zu kaputt war, mit den ganzen Altlasten, und wenn er zusagte nur gleich wieder alles versauen würde... und dass ein echtes Rendez-vous auch den Regeln der Kultgemeinschaft nicht entspräche... und dass er womöglich nur aus Mitleid zusagen würde, weil er mich aufgrund des verkorksten ersten Eindruckes für so labil hielte, dass er sich als guter Mensch gar nicht trauen würde mir einen Korb zu geben vor lauter Bedenken ich würde dann dann sogleich von der nächsten Insula in den Tod hüpfen...
"...hattest du dein Tuch vergessen." bog ich darum hastig auf eine unverfänglichere Strasse ab. Ja, das vergessene Tuch, der Klassiker des wie-wärs-mit-einem-Wiedersehen. Ich packte es aus und reichte ihm das scharlachrote Accessoire. -
Sage mir mein goldner Freund / wer stahl Deinen Sonnenglanz?
Flirrend in den seidnen Locken / tanzte er auf tausend Weisen
Liebevoll vom Wind gezaust / Als Dich pfeilschnell in der Biga
Einst der Rösser Sturm getragen / warst Du selbst dem Lichtstrahl gleich.Zürnen Eros, dessen Huld Du / närrisch unterm Fuß zertrat'st
Und Anteros, der die Pfeile / auf dem Wetzstein rächend schärft? -
Ist darum der Glanz so stumpf nun / und Dein Leuchten fahl vergraut?
Oder zogen schon die Nebel / trüben Herbstes in Dein Haus?Ist's Xanthippes Zank und Hader / welcher Deine güldnen Locken
vor der Zeit mit Reif betaut? / Oder mahnt das Weiß den Zagen
der nur sommers innig liebte, / als dem Freund das Glück noch hold war -
und ihn in des Winters Eissturm / grausam in die Kälte stieß.So schmiedete ich meine Verse. Hoffentlich ging es ihm wirklich so schlecht wie ich - mein lyrisches Ich - ihm hier mit heuchlerischer Besorgnis unterstellte. Sonst würde er meine Zeilen wohl nur lachend in den Müll werfend... Aber nein, ich hatte vollstes Vertrauen in sein Unglück. Wer sich so sehr verleugnete wie mein goldner Freund es tat... dem konnte es nicht gut gehen!
Ermattet vom Dichten, Denken und auf-Rache-sinnen streckte ich mich lang aus, auf dem sonnenwarmen Bett weich federnder Piniennadeln, die Tabula auf der Brust. Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf, und sah, über die nächsten Strophen sinnierend, durch das staubgrüne Geäst hoch hinauf in das endlose Himmelsblau.
"Sag mir, zauberischer Freund... wohin floh der Augen Blitzen... deren lichte Himmelsbläue... leichthin jedes Herz betört..." flüsterte ich. War das zu abgeschmackt? Naja, aber wenn es doch wahr war...
Schläfrig summten die Bienen, zwitscherte ein Vogel. Eine sanfte Brise strich mir über das Gesicht. Es roch nach Harz und nach Thymian und.........und es mußten wohl meine Verse sein, die ihn gerufen hatten, denn da stand er mit einem mal vor mir, noch tausendmal betörender als meine Worte es auszumalen vermochten. Gesponnenes Gold, die Strähnen, die ihm in die hohe Stirn fielen. Flehentlich hob sich der Wimpern dunkler Schleier von seinen Juwelen-Himmels-und-Meeres-und Vergißmeinicht-Augen. Korallenrot die Lippen, die mit melodiöser Verzweiflung zu mir sprachen:
"Faustus! Suavis Serapis! Bitte! Es war ein furchtbarer Fehler! Mein Leben ist sinnlos ohne dich. Ich habe das schreckliche Weib verstossen und ich flehe dich an: Vergib mir!"
"Es ist zu spät, Dulcis Dives." wehrte ich sein Flehen ab. Ganz ungerührt.
"Ich kann nicht leben ohne dich! Vergib mir! " Die Himmelsaugen wurden tränenfeucht.
"Es gibt keine Vergebung. Nur Wiedergutmachung." zitierte ich mit nobler Kühle.
"Bitte vergib mir! Ich würde ALLES dafür tun!" bestürmte er mich, und unversehens war er vor mir auf die Knie gefallen – so wie Massa das in Ostia getan hatte – und umschlang meine Knie, doch ganz anders als Massa das in Ostia getan hatte... fassten seine Hände den Saum meiner Tunika und hoben ihn empor, während das güldene Haupt sich zielstrebig auf meine Leibesmitte zu beugte, während zwischen den ganz hinreissend unschuldig-verworfen lächelnden Lippen seine Zungenspitze rosig hervorblitzte, sie flink befeuchtend... -
"Licinus...!" Er schien um Worte verlegen – ich war es nicht.
"Was zum Hades willst du hier, perro asqueroso!!!?" knurrte ich, die letzten Schritt zwischen uns zurücklegend, "Mögen die Keren dich verschlingen! Wir hätten es verhindern können, das Blutbad von Vicetia, zusammen hätten wir das gekonnt!!! Aber du elender Lump hast lieber vor dem Kaisermörder gekrochen, obwohl du es wußtest, du wußtest es!!!"
Meine geballte Faust schoß vor, ich rammte sie mitten in sein Gesicht, völlig ausser mir. Da war nur noch der ohnmächtige Zorn, die gärende Wut, die Trauer dass nicht einmal er die Größe gehabt hatte sich dem blutigen Putschistenwahnsinn zu entziehen, dass er mich wie alle anderen auch sang- und klanglos fallen gelassen hatte.
"Ich habe an dich geglaubt!!" brüllte ich ihn an, mich auf ihn stürzend und ihn umreissend, so dass wir beide zu Boden fielen, "Ich habe dir vertraut, mehr als jedem anderen! Cobarde!! Das ist für deinen Verrat!"
Irgendwo schallten bestürzte Stimmen durcheinander, riefen meinen Namen, eilten Menschen herbei – doch all das war weit fort hinter dem roten Nebel der mich sturmgepeitscht umwogte, mich und den elenden Verräter der einmal mein Freund gewesen war. Meine Linke in seine Tunika gekrallt, holte meine rechte Faust wieder aus...
"Und das ist für...-" -
"Gern." Mir war ganz gleich wohin, hauptsache ich konnte mit ihm zusammen hier durch den Abend ziehen. So als wären wir nur zwei unbeschwerte Freunde, die fröhlich einen drauf machen wollten. Vertrauensvoll überließ ich mich seiner Führung. Und wieder sein Arm um meine Schultern. Ich kann gar nicht sagen wie GUT mir das tat, diese vertraute Geste zu spüren. So elendiglich lange hatte ich Wärme und Nähe entbehrt, und merkte nun mit einem mal, wie ausgehungert ich danach war. Lächelnd wandte ich Massa das Gesicht zu, betrachtete das lebhafte Spiel seiner schönen Züge, als er erzählte, und sah ihn zugleich an Deck seines Schiffes über die Wellen des Mare nostrum reiten. Ich erlaubte es mir, meinen Kopf ein ganz klein wenig gegen seinen starken Arm zurückzulehnen, und meinen Arm meinerseits um seinen unteren Rücken zu legen, während wir so dahinschlenderten. Was soll's. Freundschaft war schließlich nicht verboten, und meiner Meinung nach auch eine romantische Freundschaft nicht.
Geflissentlich überhörte ich das Thema "Kaiserin". Und seufzte leise, als er die Sternennächte beschrieb. "Ich erinnere mich nur zu gut... - Und die Strasse von Messana, ja, die habe ich damals auch durchquert, auf der Pelagia... weil wir keine Zeit zu verlieren hatten. Das war unheimlich! Selbst die wettergegerbten alten Matrosen waren nervös..."
Seeleute lebten gefährlich. Wenn ich dazu noch an diesen grausigen Sturm damals zurückdachte, auf der Überfahrt nach Ägypten... Ich erwiderte den Druck von Massas Hand. Wie gut dass er wohlbehalten hier angekommen war.
"Dann kann ich dich in Zukunft ja 'Iason' nennen, wenn mir danach ist." neckte ich ihn freundlich, und entzog mich sehr entschlossen der aufkeimenden Nostalgie: "Ach, damals haben wir so dermaßen geflucht auf die Einöde und den Sand überall und die immergleichen Hackfressen um uns herum... Ja, alles ist anders. Ich schau nicht zurück, Compagnero."
Zurückschauen war Gift für mich!
"Hör mal, wenn du in Rom bist, und, ähm die Casa aufsuchst... Ich wäre dir dankbar wenn du der Familie nichts von diesem Zusammentreffen auf die Nase bindest, ja?"Ganz auf ihn konzentriert hatte ich kaum mehr auf den Weg geachtet, während das Remmidemmi des Hafens hinter uns zurückblieb. Jetzt durchquerten wir ein Tor, auf dem sich Delphine und Seeungeheuer tummelten. Es gab ja eine Menge Thermen hier, und in dieser war ich noch nie gewesen. 'Es wird dir gefallen' hatte er gesagt. Ich war gespannt was mich erwartete. Ein Luftzug wehte mir den Holzrauch der Hypokausten in die Nase, dann roch es angenehm nach gestärkten Badetüchern und duftenden Ölen.
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"Ja."
Ja? Ich war gefasst gewesen auf eine weitere Lawine des Leugnens und der Ausflüchte, der rhetorisch brillianten Paraden und Riposten und der maßlosen Verzerrungen, die er wie kein zweiter beherrschte. Doch er sagte nur "Ja", gab mir sachlich Zeit und Ort bekannt... und bedachte mich mit einem Blick, der einfach nur unheimlich war. Als wäre da... nicht länger er, als würde mich... etwas anderes aus seinen Augen ansehen. Dann ging er abrupt.
Verstört, und in meinem Zorn, meiner Zerrüttung, meinem abgrundtiefen Argwohn einfach ins Leere gelaufen... sah ich ihm stumm nach. ...ein gebrochener Mann... zuckte es mir schonungslos durch den Kopf.
Allzu schrecklich war die Wahrheit, allzu schwer wog seine Schuld, darum hatte er die Augen vor der Wahrheit fest zugekniffen... doch ich hatte seine Lider gepackt, wie mit Zangen... sie auseinandergerissen, und ihn gezwungen, der Wahrheit in die häßliche Fratze zu sehen.Gut! Sollte er leiden, sollte sein Gewissen ihm jede seiner Untaten wie glühende Dornen ins Fleisch hinein bohren, sollten die Furien ihn hetzen, sollte er doch zumindest ein schwaches Echo des Unglückes erdulden, das er und seine Kumpanen über mich und die vielen anderen Soldaten gebracht hatten! Das zumindest... sagte ich mir... sagte ich mir streng, als ich seinen Schritt so zaudernd, ihn so verloren sah. Als der bescheuerte Impuls, ihm nachzugehen, immer stärker wurde.
Na klar Faustus, renn ihm hinterher, höhnte meine innere Stimme, nimm seine Hand und tröste ihn für das was er dir angetan hat. Damit alles von vorne beginnt und er dich wieder auf das trefflichste verarschen kann.
Zornig schüttelte ich den Kopf, suchte diese blödsinnige alte Schwäche abzuschütteln. Wann wenn nicht jetzt war der Augenblick, um endlich dieses... Fluches ledig zu werden, dieser Liebesblödigkeit, dieser den Geist trübenden, den Willen und das Fleisch schwächenden... und mir regelmäßig jede Chance auf ein "neues Glück" zerschießenden... Obsession Manius Flavius Gracchus.Ich blieb stehen. Als hätte ich Wurzeln geschlagen stand ich da und sah ihm starren Blickes hinterher. Wie sein Sklave ihn hinaus geleitete. Ich sah seinen Rücken zwischen den Menschen verschwinden, dann noch einmal kurz sein dunkles Haar auftauchen, als er das Tor passierte. Dann war er fort.
"Vale." sagte ich tonlos. Sank auf eine Stufe und vergrub das Gesicht in den Händen. Später dann würde ich natürlich darüber nachdenken ob ich dieser Einladung ins Schlangennest folgen sollte (und entschied mich schließlich dafür) – doch im Augenblick war ich blind für alles Gegenwärtige, denn um mich herum traten schweigend die alten Bilder aus dem Dunkel... etwas blass waren sie geworden, und etwas angefressen an den Rändern... und zogen wie eine Narrenkarawane an mir vorbei:
... Wie er mir die erbetene Miniatur mit seinem Portrait bis in die Wüste nachgeschickt hatte. Wie ich ihn wachgeküsst hatte, eines Morgens in Atons bescheidener Kammer. Wie wir uns im Taumel der Meditrinalien verloren hatten. Peleus, der im Feuerschein die zur Schlange sich verwandelnde Thetis fest umschlungen hält. Mein Kopf in seine Halsbeuge geschmiegt. Wie ich ein kleines Brieflein mit verheißungsvollen Versen und einer skizzierten Sonne entrollte. Wie ich meinen Centurionenhelm abnahm und zielstrebig auf ihn zuhielt. Wie seine Lippen sich kräuseln, von einem feinen Lächeln umspielt. Wie ich Sterne vom Firmament pflücke und sie ihm zum Kranz winde....
Alles durcheinander, immer weiter, Träume und Gaukelbilder unserer raren, kostbaren, dem alles zermalmenden Lauf der Welt abgetrotzten... vergangenen... glücklichen Augenblicke. -
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"Salve Imperator Cornelius. Salve Senator Flavius." begrüßte ich das perniziöse Duo und nahm, dem Beispiel Cornelius' folgend, Platz. Er trat betont bescheiden auf, ohne einen einzigen Prätorianer oder Diener. Manius schien ganze Arbeit geleistet zu haben. (Ich sah Manius nicht an. Meine sphinxhafte Gelassenheit war ja schon vollends beschäftigt damit, bei den folgenden Worten jede Spur von Sarkasmus fein säuberlich herauszufiltern. Da mußte ich sie nicht noch weiter strapazieren.)
Freiwillig, nicht wahr? Na sicher. So freiwillig wie so ein netter Plausch mit einem Massenmörder eben sein konnte, wenn die Alternative dazu hieß, auf ewig gesellschaftlich geächtet zu sein, und die gesamte Lebensleistung durch einen Federstrich von dieser Hand hinweggewischt zu sehen."Sicher." gab ich ernsthaften Tonfalles zur Antwort. "Ich weiß diese Gelegenheit zu einem offenen Gespräch zu schätzen. Senator Flavius gab mir zu verstehen, dass du bestrebt bist, den tiefen Graben, den... der Krieg... durch dieses Reich gerissen hat zu überwinden -"
Ja, streuen wir doch ein bisschen Erde über die verwesenden Leichen im Graben, bestimmt wachsen dann bald schon die schönsten Blumen darauf.
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Falsch gedacht. Wahrscheinlich hatten sie "lukrativ" nicht verstanden. Aber seit wann war ich ein Sklavenfänger? Diese Paranoia stank ja förmlich nach entlaufenen Sklaven. Unwillkürlich suchte mein Blick nach Kennzeichen an den beiden, nach Brandmarkung oder den Schwielen von Ketten. (Mein Parthersklave war mir auch irgendwann abgehauen. Ich hätte ihm besser gleich unser Wappen auf die Stirn brennen lassen.)
Bevor ich noch was erwidern konnte, ging der vor mir zum Angriff über, reflexhaft spannte ich mich an, riss den Stock hoch, um mich dem zu erwehren – doch eine Stimme... eine ganz seltsam vertraute Stimme aus dem Nichts pfiff die beiden zurück.
Phantasos.
Ungläubig starrte ich, an den Schlägertypen vorbei, auf seine... so ganz real wirkende... Erscheinung. Die Parther kuschten vor ihm, trollten sich. Ich ließ den angehaltenen Atem entweichen, senkte den Stock. Und stützte mich darauf, wie ein Invalide, denn meine Knie waren mit einem mal so verdammt weich. Derangiert ordnete ich meine Tunika, raffte meine Würde zusammen.
"Ich habe dich gesucht." sagte ich, und meine Kehle war ganz kratzig vor Ergriffenheit. Da stand er, im Gossenstaub, ganz bescheiden ohne Fanfarengeschmetter oder Chorgesang im Hintergrund. Er war es, sah selbst ganz verblüfft aus, und das beste war: er machte keine Anstalten sich in Luft aufzulösen. Langsam ging ich auf ihn zu, und ein verstohlenes Lächeln breitete sich über mein Gesicht.
"Ich wußte nur nicht, ob du wirklich bist." -
Von hier oben... hatte ich auch nicht mehr Durchblick als von unten. Die Serapisstatue in Ostia ging mir nicht aus dem Kopf. Ich sah sie vor mir, als ich die Augen schloß, sah sie umstrahlt von der Gloriole der Sonnenstrahlen, die rotflirrend durch meine Lider drangen.
Ich hatte gar nicht gewußt, dasss Dives den Ewigen so inbrünstig verehrte. Nur, dass er ihm einmal 'ein weißes Opfer' gebracht hatte, für mich – oder mir das jedenfalls so geschrieben hatte. Was schon echt süß gewesen war. Andererseits wußte ich sowieso kaum etwas über ihn, weil unsere Begegnungen spärlich und so gut wie nur der Lust gewidmet gewesen waren, und ich seinem Streben nach einem "näher Kennenlernen" geflissentlich ausgewichen war. So als gebranntes Kind. Und dann wieder von Manius um den Finger gewickelt. Während der Krieg unaufhaltsam heraufzog.
Und als der Schleier von meinen Augen gezogen war, und ich endlich sah, was Marcus Dulcis Dives mir, was ich ihm, was wir uns, hätten sein können..... war es zu spät. Und er zögerte nicht, mir alle Gedankenlosigkeiten, die er von mir erlitten hatte, zehnfach heimzuzahlen, und zwar genau dann, als ich am allerkaputtesten und... verletzlichsten war! Er mochte jung sein, und überfordert gewesen sein angesichts meiner Not, er mochte als verzärtelter Jungpolitiker nicht verstehen was es hieß, in einen Bürgerkrieg gezwungen seine eigenen Kameraden abstechen zu müssen, er mochte verschreckt gewesen sein von der Erpressung durch dieses furchtbare Weib... aber er hatte es gewußt, er hatte es gesehen, dass ich erledigt war, haltlos, dass ich fiel, dass ich ihn brauchte! Und das war der Augenblick, in dem er mich wie ein Elefant im Terra-Sigilata-Laden abserviert hatte.
Er hätte mich sterben lassen dachte ich, und ein kalter Schauder überlief mich, trotz der wonnigen Nachmittagssonne. Wenn Phantasos nicht gewesen wäre, wäre ich... - Dives hätte mich sterben lassen.
"Du hast dir dein Bett gemacht" murmelte ich zornig, wild auf die Stadt da unten runterblickend, "jetzt lieg darin!" – und erschreckte damit ein Liebespärchen, das eben noch Hand in Hand an diesem schönen Punkt die Aussicht genossen hatte. Jetzt suchten sie mit scheuem Seitenblick auf mich schnell das Weite.Es abschließen. Ja, das würde ich. Auf meine Weise!
Grimmig zückte ich meine Werkzeuge gnadenloser Vergeltung: eine Wachstafel. Und einen Stylus. Einen Brief würde ich ihm schreiben, der ihn auf jede nur denkbare Weise zum Hades wünschte. Er sollte... verdammt nochmal wenigstens verstehen.... Er sollte sich vor Schuld auf dem Boden krümmen und es unendlich bereuen, und zugleich sollte er herauslesen, dass ich meilenweit über ihn hinweg war (mindestens), und... - Aber er sollte nicht etwa glauben, ich habe mich wegen ihm in die Kultgemeinschaft zurückgezogen und der körperlichen Liebe entsagt – das wäre nur Balsam für sein Narziss-haftes Ich...
Ja, Narzissen! Ich würde ihm ausserdem weiße Narzissen schicken, das würde ihn als Liebhaber der Blumensymbolik gar nicht erfreuen. Mist, es war nicht die Jahreszeit für Narzissen. Vielleicht einen Strauß Brennesseln stattdessen? Disteln? Stinkwurz? Schierling und anderes Gift-Gestrüpp? Mannigfaltige Möglichkeiten!Oder wie wäre es, dachte ich so bei mir, mit dem Stylus an meinen Lippen spielend...wenn ich das ganze in Versen schrieb, und es veröffentlichte...? Natürlich ohne ihn bei seinem Namen zu nennen, doch wer klug die Hinweise deutete, würde ihn darin schon erkennen können. Für eine solche Rache gab es ja die allerschönsten Vorbilder...
Ein gefundenes Fressen wäre das für die klatschsüchtige "bessere Gesellschaft" der Stadt.
Was für ein schlechter Start für die Karriere eines jungdynamisch aufstrebenden Politikers mit dem Drang zum Höheren.....Sage mir mein schönster Freund / was ließ deine Lippen welken?
Die doch einst so lockend prangten / rubinsamtiger Korall...
Lachend, Liebesworte wispernd / bebend von der Glut der Küsse,
Flammend höchste Gunst verschenkend / bei der Nymphen stillem Hain.Welches Leid hat dich befallen / raubte deiner Schönheit Zauber,
ließ die heiße Lohe sinken / und zu fahlem Staub vergehen?
Ist's das Gift der Heuchelworte /ist's der Seim der schalen Lüge?
Hat das zage Ungesagte / sie so grämlich hart gemacht?Oder warn's die scharfen Worte / die du gleich der Messer Klingen
deinem Freund ins Herz gejagt / welche deine armen wunden
Lippen gleichsam aufgeschlitzt? / Elend siecht, was einst in Blüte
schwärt nun qualvoll ob der Falschheit / die du ihnen selbst gebot'st.So! Und das war nur der Anfang meines Opus Magnus! Ich war ja gerade mal mit dem Thema "seine Lippen" durch......
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Dankeschön ihr Lieben
und Liebsten! 
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Es war doch nur eine Inschrift gewesen. IOVI SERAPI M. IVLIVS DIVES V.S.L.M.
Nur ein paar Worte im Stein, und ein paar vergammelte Blumen. Aber seit dem Abstecher nach Ostia, seit meiner Rückkehr in die Tempelgemeinschaft, jagte mir das alles ständig ruhelos durch den Kopf. Der Name im Stein war der Name, an den ich seit... dem.... jeden Gedanken weit von mir geschoben hatte, und ja, es war schon etwas Schorf über die Wunde gewachsen. Doch jetzt lag sie wieder bloß, und die Sache mit ihm war wieder ganz nahe... und das schmerzte höllisch. Ich träumte immer wieder davon. Von ihm als bildschönem Apoll, der sich auf dem Felsen räkelt und... keinen Finger rührt, als der Strom mich in den Abgrund reißt. Taub für mein Flehen. Von ihm als nelken-bekränztem Mänaden, der selbstvergessen tanzt, in einem wilden Wirbel heißer Leiber... und mich nicht einmal sieht. Oder ich träumte von... einer engen Zelle, und darin eine weiße Blume, die Blütenblatt um Blütenblatt verlor, und im Traum wußte ich... wenn das letzte Blatt gefallen ist, werden die Wände des Zimmers mich zermalmen. Dann riss mich (und manchmal auch die anderen im Schlafsaal der Initiaten) der Schrecken aus dem Schlaf.
Tagsüber war ich gerädert und übellaunig.
Ich fragte den Medicus Loquex nach einem Schlafmittel, doch das Kräuterzeug was er mir gab roch zwar gut, half aber kein Stück. Und Opium rückte er nun mal nicht raus.
Ich fragte meinen Mentor Anastasius um Rat... wenn auch ohne ins Detail zu gehen, nur so als habe es sich um einen wirklich wichtigen Freund gehandelt.
"Lerne zu vergeben. Nimm die Last des Zornes von deinen Schultern und ziehe aufrecht deines Weges." - Das war so in etwa die Quintessenz seiner weisen Worte.
Aber ich kam damit nicht klar. Ich gab mir redlich Mühe, aber... kaum versuchte das zarte Pflänzchen Abgeklärtheit aus dem schroffen Fels zu knospen, da wurde es schon wieder zerfetzt von den bösen Erinnerungen, von der Wucht der Enttäuschung. Von dem Bild wie er... mich stehengelassen hatte. Die Hand seiner Erpresserin ergriffen hatte. Mich nicht mal mehr angesehen hatte.Abstand. Brauchte ich dringend. Eines schönen Spätsommertages verließ ich den Tempel und ging alleine mit diesen düsteren Gedanken so vor mich hin, und war irgendwann bis hoch oben auf den Clivus Cinnae-Hügel gelaufen. Die malerische Natur, der tolle Blick auf die Stadt, das Sirren der Zikaden... meinen überreizten Nerven war das alles viel zu viel Idylle. Ich trat gegen einen Stein, ließ ihn den Hügel hinunter kollern, und warf mich, müde vom Aufstieg unter eine Pinie um auszuruhen. Der Stamm war über und über von Efeu berankt. Eidechsen huschten über die sonnenbeschienen Wurzeln. Es war derselbe Ort, an dem ich einmal die halbe Nacht vergeblich ausharrend auf ein Rendez-vous mit Manius gehofft hatte... (Und es war sogar fast die gleiche Jahreszeit wie damals.)
Was mich auf die bizarre Idee brachte, mich zu fragen, wie oft mir eigentlich schon "das Herz gebrochen" wurde?
Eine Hand reichte jedenfalls nicht zum Abzählen. Im Umkehrschluss erkannte ich, dass mein Herz offenbar in der Zwischenzeit jeweils wieder ganz passabel gekittet worden war, sonst hätte es ja nicht erneut so spektakulär brechen können.
Oder vielleicht war es wie bei den Eidechsen und ihren Schwänzen mutmaßte ich, und betrachtete ein gelbgrün-braun-getupftes Exemplar, das seinen offenbar schonmal verloren hatte, und nun nur noch über einen ziemlich unansehnlichen Stummel-Zweitschwanz verfügte. Tja. Wie oft die wohl nachwuchsen? Und ob sie jedesmal grauer, verkümmerter und kleiner wurden? Und ob das bei den Herzen genauso war? Ich hätte wirklich gerne gewußt, ob irgend ein schlauer griechischer Naturphilosoph diese Frage schon mal durchdacht hatte... -
Nach der Zeremonie leerte sich der Tempel. Die Priester und Initiaten strebten zum gemeinsamen Mittagsmahl. Ich räumte mein Instrument weg und schloß mich dem Strom an... noch ganz beseelt von dem Erlebnis war ich versonnen in mich gekehrt, und fand es etwas... profan, dass einige Zöglinge vor mir gerade so direkt nach der erhebenden Andacht schon eifrig darüber plapperten, was es heute zu essen gab. (Aber sie waren auch noch ziemlich jung.)
Verklärt ließ ich meinen Blick über den Tempelhof schweifen – mich einmal aufs neue dankbar darüber darüber wundernd, dass dieser Ort mir Haltlosem Heilung geschenkt hatte und... Heimat?... oder war es doch nur eine zeitweilige Zuflucht?... einen sicheren Hafen für das wracke Schiff dachte ich, inspiriert von der Begegnung mit Massas imposanter Aeternitas, während der Sturm tobt und wütet... um dann... -Jäh blieb ich stehen, so dass der Novize hinter mir fast gegen mich lief, jäh war mein Gedankengang vergessen, alles verklärte nichtig, denn dort drüben am Tor hatte ich einen Mann erblickt, der... erinnerte mich... fatal... an... -
"Kommst du auch, Serapio?" rief mir Castus fröhlich über die Schulter zu, und ich antwortete ihm mechanisch: "Ja, ich komme gleich...", während ich mich wie ein Schlafwandler in Bewegung setzte, und auf den Mann zuging, der das Gesicht meines alten Freundes Licinus trug, der Mann, der mich so elendig verraten und verleugnet hatte, eine qualvolle Verletzung, die ich spürte, bei jedem Schritt näher, wie ein Messer in meinem Fleisch... meine Zähne bissen hart aufeinander, meine Miene war ein brüchiges Gefäß des gerechten Zornes und der unbändigen Wut, welches jeden Augenblick zu bersten drohte, während ich Schritt für Schritt auf ihn zuging, quer über den Platz, schweigend. Meine Hände ballten sich zu Fäusten.
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Doch im Grunde... waren diese Gedanken wahrscheinlich auch nicht weiser als die des Fuchses, als er nicht an die Trauben heranreichte. So grübelte ich traurig über Spleen und Ideal... über Verlorenes und Vergängliches... und war nicht mehr auf der Hut. Dummer Fehler. Dabei hatte ich, als ich vom Argiletum abbog, mir doch genau diese Überlebensregel nochmal eingeschärft und nun – hatten sich mit einem mal zwei Strolche vor mir aufgebaut, denen "wir suchen Streit" auf die Stirn geschrieben stand.
"He, ruhig Blut" japste ich erschrocken als der eine mich gleich packte. Ihr grober parthischer Dialekt, ihre grausamen Orientalengesichter, die schlugen bei mir in eine ganz alte Kerbe und weckten blitzartig die Furcht von damals wieder auf: vor den blutrünstigen Bastarden, ihren heimtückischen Überfällen... brennende Zelte, massakrierte Kameraden, tödliche Pfeile aus dem Nichts heraus... Egal was ich in der Zwischenzeit alles erlebt, egal dass ich hier nicht jenseits des Euphrates stand – alles in mir erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen: die Parther waren unsere Todfeinde, der Parther an sich ist eine tödliche Gefahr!
Kreidebleich war ich geworden... erahnte unter ihren Mänteln das tödliche Waffenarsenal das sie zweifelsohne mit sich herumtrugen... mein Kopf war wie leergefegt, es war zu spät zum Flüchten, kämpfen wäre eine echt dumme Idee, Stadtsoldaten gab es meilenweit keine... (Aber einen Verbündeten hatte ich anscheinend doch: der kleine Köter, dem ich den Fraß hingeworfen hatte, der fletschte seine Zähne und knurrte die beiden Halsabschneider wenig beeindruckend an.)"Von... Morrigan..." widerholte ich mit bebenden Lippen um Zeit zu schinden – dann erst kam es bei mir an, dass ich womöglich gerade den Namen der Frau erfahren hatte, die mich zu Phantasos führen könnte. Morrigan.
"Ein Angebot. Ein Geschäftsangebot habe ich für sie," fügte ich hastig hinzu, "...das sie sehr lukrativ finden wird!" Meine schweißfeuchte Rechte krallte sich um den Griff meines Stockes. Der Kerl war zu dicht an mir dran, um ihm den vor den Latz knallen zu können. Aber wenn er Anstalten machte nach seinem Messer zu greifen, oder seiner Faustklinge (Ziaar jedenfalls hatte ein Faible für Faustklingen gehabt...) dann würde ich nur eine ganz sparsame Bewegung brauchen, um ihm die Spitze in den Fuß zu rammen, und dann... dann würde ich improvisieren...
"Ich würde vorschlagen: ihr bringt mich zu ihr und überzeugt euch selbst. Es wird euer Schaden nicht sein."
Das einzige was bei diesen Barbaren noch stärker war als ihr Blutdurst, das war bekanntlicherweise ihre Geldgier... -
Im Gassenlabyrinth der Subura – die schöne Partherin
Nein, ich wollte weder Kinderspielzeug kaufen, noch Wagenräder, noch fast nicht vergammelte Feigen zum Sonderpreis. Stur wühlte ich mich durch durch das Gewimmel bis ich tatsächlich in parthische Regionen kam. Dort begann ich mich bei den Händlern umzuhören, nach jener wunderschönen Partherin, die zusammen mit Phantasos zum Purpurgarten gekommen war. Doch es ging schleppend. Viele von ihnen sprachen kaum Latein, und Griechisch auch nur mit barbarischem, kaum verständlichem Akzent. Ich muß hier einmal abschweifen und sagen – es ist ja schön und gut, wie weltoffen unser Imperium ist, und dass bei uns selbst Parthern erlaubt wird, sich anzusiedeln und ihren Geschäften nachzugehen. Aber wenn sie sich nicht mal die Mühe machen unsere Sprache zu erlernen, dann zeigt das meiner Meinung nach, dass ihnen nicht wirklich daran gelegen ist, sich in unsere überlegene römische Gesellschaft zu integrieren. Ich finde das bedenklich. Die Parther sind nun mal ein heimtückisches Volk, das hat sowohl die Geschichte als auch meine persönliche Erfahrung bewiesen. Ein Verlust wäre es jedenfalls nicht, wenn sie alle wieder zurückgingen nach Cthesiphon - überteuerte Teppiche können wir uns auch von Nabatäern andrehen lassen. (Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.)
Endlich – ich war schon Stunden unterwegs, und hatte schon einen ganzen Beutel voll Kram, den ich nur gekauft hatte um mit den Händlern ins Gespräch zu kommen – da meinte ein Laternenverkäufer, ja, er kenne eine Geschäftsfrau, auf die die Beschreibung genau passe, anmutig wie eine junge Gazelle sei sie, und hart wie Adamant, und ja, ihr Mann trage häufig einen roten Turban. Ihr Mann?! Oh je...
Der Händler wies mir den Weg zu einem Kellerlokal inmitten des Marktes. Mit klopfendem Herzen ging ich die Stufen hinab. Über einen schmierigen Tresen hinweg verkaufte hier eine wirklich sehr aparte junge Frau gefüllte Teigfladen an die Hungrigen. Ich betrachtete das Mädchen während des Wartens. Ihr Haar war rabenschwarz, ihr Mund wie ein rotes Herz, ihre Gestalt klein doch sehr präsent. Mit bestimmten Anweisungen hielt sie die Gruppe von Gestalten in der verrauchten Küche hinter sich auf Trab, während sie nach vorne heraus bediente. Sie trug einen Kopfschmuck, von dem klimpernd viele kleine Kettchen schwangen. Könnte das die Besagte sein, könnte ich über sie den Phantasos aufspüren? Sie sah zwar nicht wohlhabend genug aus, um zum Klientel des Purpurgartens zu zählen – aber vielleicht stellte sie ihren Reichtum bloß nicht öffentlich zur Schau..."Was darf es sein?"
"Einmal ohne Fleisch bitte." Ich kratzte meinen Charme zusammen und schenkte ihr ein ungelenkes Lächeln. "Und verzeih, ich habe eine Frage die...."
"Ich bin nicht käuflich." unterbrach sie mich sofort vollkommen sachlich, ohne Verärgerung, "Nur meine Teigrollen es sind. Mit oder ohne Asant?" Ihr Latein war (für Subura-Verhältnisse) ganz passabel.
"Mit."
Sie rief eine Anweisung in unverständlichem Kauderwelsch in die Küche.
"Meine Frage ist eine andere." fuhr ich eindringlich fort, sobald ich ihre Aufmerksamkeit erneut hatte. Ich sprach weiter, ganz so als wäre ich mir sicher dass sie die Besagte sei – in Verhören funktionierte das ja meist ganz gut, und sparrte vor allem Zeit.
"Es ist wegen des Purpurgartens, in Trans Tiberim. Bei deinem Besuch dort, im Frühjahr, da hattest du..."
"Purpur - garten?" wiederholte sie mit einer Verwirrung, die für meine Begriffe sehr echt aussah.
"...einen Begleiter mit einem roten Turban. So wie der hier:" Ich zeigte ihr Phantasos' rotes Turbantuch. "Diesen Mann suche ich, und es ist mir sehr daran gelegen, ihn zu finden. Darum komme ich zu dir."
Beim sehr griff ich unmissverständlich zu meiner Börse, doch selbst dies brachte kein Aufleuchten der Erkenntnis. Meine Felle schwammen davon...
"Ich war doch in Trans Tiberim niemals noch" sagte die Frau erstaunt. "Ich verstehe nicht – vielleicht, mein Mann, du sprichst mit ihm..."
Der letzte Hauch meiner Hoffnung verflog, als aus der Küche ein Kerl auftauchte, der in der Tat ein rotes Tuch um den Kopf trug – über einer knubbeligen Nase und einem wilden schwarzen Gestrüpp von Vollbart.
"Schon gut. Es war wohl... eine Verwechslung."
Geknickt schob ich ihr die Münzen für den Imbiss über den Tresen und trollte mich.
Soviel dazu.Erschöpft setzte ich mich auf eine schiefe Treppenstufe am Rande der Menschenmenge – der ganze Dreck um mich rum kümmerte mich schon gar nicht mehr - und biss in die Teigrolle. Dubioser Linsenmischmasch quoll aus der fettigen Hülle. Es schmeckte abscheulich. So zuversichtlich, wie ich diese Jagd begonnen hatte, so vollkommen hoffnungslos und töricht erschien sie mir nun. Eine Nadel im Heuhaufen, ein Sandkorn in der Wüste, ein Tropfen im Ozean...
Ein Strassenhund, noch ganz klein aber schon sehr räudig, bettelte mich mit großen Augen an. Gleichgültig warf ich ihm das ungenießbare Essen hin. Ein paar Ratten krochen aus ihren Löchern und hielten ebenfalls darauf zu, doch der kleine Hund vertrieb sie mit einer Wildheit als wäre er der Cerberus persönlich und machte sich gierig über das Mahl her.
Müde stützte ich den Kopf in die Hand. Vielleicht, so dachte ich in meiner Bitterkeit, dies alles abwesend betrachtend, sollte mir Phantasos besser eine verwischte Erinnerung bleiben, das verwehte Traumgespinst eines Retters, das ich vortrefflich mit meinen eigenen Ideen füllen konnte, und an den ich den Rest meines Lebens mit Wärme und Dankbarkeit denken konnte.
Wenn ich ihn wirklich fände... wäre er womöglich auch so ein schmieriger Imbissbudenbetreiber, und das Treffen eine herbe Enttäuschung. War doch die Wirklichkeit stets nur das verzerrte Schattenbild des Ideals.