So vielen, wie er hatte helfen kennen, hatte er den Weg auf die Bäume hinauf ermöglicht, aber es waren einfach unglaublich viele Menschen hier anwesend.
Schließlich kam der Moment, in dem für viele alles zu spät war. Phaeneas klammerte sich an seinen Ast. Um sie alle herum noch Nacht, die Sterne über ihnen, aber viel zu laut, viel zu laut war es für eine so herrliche Umgebung. Nur mischte sich unter das Geräusch der Hufe auch penetrant das Schreien von Menschen, die da unten gerade eben zertrampelt wurden. Es war wie ein Vulkanausbruch, der über sie alle hereinbrach.
Als die Morgendämmerung einsetzte, konnte der Bithynier es gar nicht glauben, dass diese Nacht, die so vielversprechend begonnen, so entsetzlich geendet hatte. Andächtig (wenn auch nicht im religiösen Sinne) hatte er sie verbringen wollen, die Nachtluft genießen, solange er konnte, und stattdessen kam sie ihm so kurz vor, als hätte die Rinderherde noch einige Stunden mit sich gerissen.
Nachdem die Huftiere aber den Hain verlassen hatten und sobald Phaeneas die Augen nach unten senkte, bot sich ihm ein Bild, das er in diesen friedvollen Stunden nie erwartet hätte. Besonders wild wurde es, wenn sich inmitten dieser verstümmelten Körper und teilweise einzelnen Glieder noch etwas regte und sich ein über und über mit Blut veschmierter Mensch, dem die Tritte sichtbar zugesetzt hatten, bemerkbar machte.
Ein Ort, an dem man nicht sein mochte.
Auch die Vegetation im Hain sah sehr mitgenommen aus.
Als hätte sich der Frieden der Nemoralia wieder einstellen wollen, herrschte zu diesem Anblick noch Stille, die alles wie gelähmt erscheinen ließ, als hätten die Götter den ganzen Kosmos stillstehen lassen.
Was dann aber einsetzte, ging über jede Sklavenbestrafung. An Schmerzensschreie und Jammern gewöhnte man sich schnell, aber Unfreie wurden schließlich im Zuge von Strafaktionen meist vorsätzlich am wirklichen Klagen gehindert. Hier aber gab es für die Überlebenden kein Halten mehr.
Langsam ließ sich Phaeneas von dem rettenden Baum und sah sich ruhig um. Blut, überall Blut. Angewidert verzog er das Gesicht. Wo er doch gerade noch im Zusammenhang mit dem Rex Nemorensis festgestellt hatte, wie wenig er Blut mochte und wie wenig er den entlaufenen Sklaven deswegen um seine Aufgabe beneidete. Aber ein solches Unglück konnte sich nun wirklich in jedem beliebigen heiligen Hain ereignen.
Sehr viel Überwindung kostete es ihn, über fremder Leute Blut zu gehen, um helfen zu können. Über all die zugerichteten Leichen und Körperteile hinwegzusteigen. Hin zu denen, bei denen noch nicht alles umsonst war.
Viele dankbare Augen sahen ihm dabei entgegen, Münder, die trotz der Schmerzen ein kleines Lächeln zu formen versuchten. Es war seltsam für ihn. Normalerweise bekam er für seine Dienste ein höfliches „Danke“, aber ansonsten machte es nie den Eindruck, als hätte sein Einsatz nun großartig etwas geändert, geschweige denn dem, dem er geholfen hatte, wirklich etwas gebracht. Für gewöhnlich kam ihm seine Hilfe sinnlos vor. Aber heute sah er, was er veränderte. An den Augen der Verletzten, die zeigten, wie Hoffnung in ihnen aufglimmte.
Dazu Kinder, die sich an seine Arme hängten und an seine Beine klammerten. Heute ließ er ausnahmsweise alles mit sich geschehen. Schließlich war es seine Aufgabe als Sklave, sich hier nützlich zu machen und nicht herumzustehen. Da wurde er taub für Berührungen, um die er nicht gebeten hatte. Wie ein Esel, der eine Bäckersmühle antrieb, so stur geradeaus machte er dann seine Arbeit, ohne groß darüber nachzudenken, was gerade mit ihm passierte.
Bei all dem musste er immer wieder an Cimon denken. Warum wusste er auch nicht genau. Bei all den Augen dieser Menschen kam ihm ständig der Nubier in den Sinn, der Anblick von dessen Augen ... Vielleicht, weil ihm der aurelische Sklave genauso nah gewesen war, wie nun all diese Verwundeten mit diesem hilfesuchenden Blick