Einen Becher Wasser wollte Phaeneas eben nur trinken. Wie sich das tagsüber während der Arbeit ergeben konnte, wenn man eben Durst bekam. So schob er sich in die gut beheizte Küche. Für den Moment waren dort ausnahmsweise einmal nur Frauen beschäftigt, was seltenst vorkam.
Oh Frauen, was für ein angenehmer Anblick! Denn die erinnerten ihn nicht ständig an Cimon – genau deshalb war Phaeneas momentan nämlich allergisch gegen breite Schultern. Lucianus wie üblich ausgenommen.
„Oh, salve Phaeneas“, grüßte die Köchin Berenice, während sie von dem Kochtopf aufsah, in dem die junge Smyrna rührte. „Salvete“, meinte der Leibsklave des Hausherrn und nahm sich einen Becher aus einem Regal.
„Also ehrlich, ihr werdet mir alle fehlen!“, seufzte Berenice gerade. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, die Küche an jemand anderen abzugeben!“
„Berenice, du redest, als müsstest du weggehen. Dabei räumst du doch nur deinen Platz als Oberköchin!“, schob Mania ein.
„Ja, das ist schon schlimm genug. Wie wird das nur sein, als Außenstehende diesen Raum zu betreten ... Jedenfalls wird meine Arete hier für mich immer nach dem Rechten sehen, nicht wahr, meine Liebe?“ Die Angesprochene nickte lachend: „Ja, das werde ich!“
„Und du, Smyrna, wirst einmal eine ganz außerordentlich begnadete Köchin sein! Das sieht man jetzt schon!“ Liebevoll strich sie dem Beinahe-Noch-Mädchen über den Kopf, das kicherte.
„Ach, die jahrelange Zusammenarbeit mit euch!“ Sie fuhr sich über die streng zu einem Knoten zusammengebundenen Locken und dann über die Schürze. „Bestimmt wird es euch unmöglich sein, euch von jemand anderem herumkommandieren zu lassen!“, scherzte sie, worauf die anderen wieder lachten – auch wenn sich mit Sicherheit einige an Momente erinnern konnten, in denen es nicht lustig gewesen war, von Berenice herumgescheucht zu werden.
„Niemand wird dir verbieten, das gegebenenfalls auch weiterhin zu tun, Berenice. Außerdem wirst du Gelegenheit haben, deinem Nachfolger ausführlich auf die Finger zu schauen.“ Die Wahrheit war, die bisherige Oberköchin würde wirklich nur ihren – offiziellen – Machtbereich in der Küche verlieren, aber ihr Ansehen bei den Sklaven würde sie weiterhin haben. Und Phaeneas war auch gewaltig froh darum. Denn er brauchte diese Frau. Sie war eine treibende Kraft im Haus und ohne sie würde der Bithynier einiges nicht zurande bringen. Kurz gesagt, sie hatte beides, was was dem Leibsklaven fehlte: Durchsetzungsvermögen und Freude am Anschaffen.
„Ja, du hast recht. Und mein Nachfolger wird ja schließlich das gleiche wollen wie ich stets: das Beste für die Familia ...“ Pathetische letzte Worte einer Köchin.
In diesem Augenblick kam Evanoridas in die Culina. Einen kurzen Blick warf er zu Arete, dann entdeckte er Phaeneas mit dem Becher Wasser in der Hand. "Phaeneas, wieder ein Brief für dich.“
Allein bei dem Anblick der gesiegelten Papyrusrolle bekam der Bithynier einen halben Herzanfall und als ihm Evanoridas die Rolle in die Hand drückte, entdeckte er auch das „C“ auf dem Siegel.
„Schon wieder?“, kommentierte Berenice das Ganze. „Hat es sich jetzt erst rumgesprochen, dass du das Lesen und Schreiben gelernt hast?“
Phaeneas warf ihr einen vernichtenden Blick zu, von wegen sie sollte ihre Neugierde im Zaum halten.
Die Köchin zog sich daraufhin zurück, doch Arete kannte kein Erbarmen.
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Sim-Off:Arete - erstmals exklusiv mit Bild
„C – kenn ich nicht“, meinte sie, während sie an Phaeneas‘ Schulter vorbei auf das Schreiben linste. „Aber vornehm, dieser Brief, so mit Papyrus und Siegel ... War der letzte nicht auch so? Wer schreibt dir denn da?“ Zu viel ungefragte Anteilnahme an seinem Leben war dem Bithynier seit jeher zuwider gewesen und gerade in dieser Sache wollte er nicht, dass die anderen Sklaven auch nur annähernd zu erahnen fähig waren, wie es um das Seelenleben des höchsten Sklaven nach dem Herrn stand.
„Privatsache“, antwortete er deshalb knapp und wusste haargenau, dass diese Worte nicht sonderlich überzeugend, geschweige denn souverän wirkten. Ansonsten bahnte er sich seinen Weg aus der Küche, durch die Sklaven, die sich neugierig um seinen Brief geschart hatten.
„Ja, ich verschwinde dann auch mal“, ergänzte Evanoridas, sah noch ein letztes Mal zu Arete und verließ dann mit Phaeneas den Ort der Zubereitung der kulinarischen Labsal, wie ein germanischer Sklave vor Jahren einmal gesagt hatte.