Beiträge von Phaeneas

    Nachwievor mitgenommen blieb Phaeneas im Arbeitszimmer zurück, sah Lucianus nach und fühlte sich nun auch noch etwas allein gelassen. Für einen kurzen Moment spürte er das Verlangen, sich gleich noch einmal zu übergeben – denn Lucianus hatte ja nichts zu dem gesagt, was Phaeneas überhaupt erst zum Brechen gebracht hatte. Weswegen das ungeliebte Schicksal weiterhin wie ein Damokles-Schwert über dem Leibsklaven hing und die zugehörige Angst fortbestand.


    Während er also versuchte, seine Fassung wiederzugewinnen und genug zu Kräften zu kommen, um jemanden holen zu können, der es ihm abnahm, seine letzte Mahlzeit selbst vom Boden aufzuwischen – denn nicht, dass Phaeneas arbeitsscheu wäre, nein, kein bisschen, aber dazu wäre er jetzt wirklich nicht in der Lage gewesen; im Grunde war es schon anstrengend genug, dass er selbst jemanden rufen musste – jedenfalls währenddessen grübelte er über das, was passiert war.
    War es für Lucianus wirklich so schwer zu verstehen, dass der Sklave allergisch reagierte, wenn es um so etwas ging? Das mit Cimon – da war der Auslöser schließlich der gleiche gewesen! – hatte der Vinicier schon kaum nachvollziehen können und jetzt das noch ...
    Phaeneas war ja gewillt, Lucianus in jeder Lebenssituation zu Diensten zu sein und grundsätzlich jeden Auftrag auszuführen, aber unter diesen Umständen war das schlicht zu viel ... sollte er doch seine Sklavin kriegen, wenn er meinte, dass ihn das glücklich machen würde, aber er sollte es nicht in der Form komplett auf den Bithynier allein abwälzen ...


    Nur genau dieses Pflichtbewusstsein als Sklave war der Grund dafür, warum der Leibdiener überhaupt erst gespuckt hatte. Weil er es vorher nicht geschafft hatte, Lucianus zu sagen, dass ihm nicht wohl bei der Sache war. Nachdem er seinen Mund also nicht aufgebracht hatte, hatte sein Körper ihn dazu gezwungen - indem er ihm den Magen geleert hatte ....

    Ein Tag frei. Ganz so als wären die Saturnalien noch nicht Kreuz genug, musste es auch noch die Nemoralien geben. Und wegen solcher dämlicher Feiertage wurden rechtschaffene Sklaven wie Phaeneas von ihrer Pflicht abgehalten!
    Diesen Rex Nemorensis beneidete der Bithynier sowieso gar nicht. Erstmal - was war das für ein grässliches, unsicheres Leben? Und dann noch so geprägt von Blut ... Wo er doch Blut und erst recht sein eigenes als etwas so unangenehmes befand ...
    Und grundsätzlich rief die Aussicht auf ein Fest, an dem sich viele viele Sklaven tummelten, die alle zusammen frei hatten, in dem Bithynier grundsätzlich Fluchtgedanken hervor ... allerdings eine Flucht in die schützende Villa seines Herrn.


    Aber diese Feier fand nachts statt ... Und sonst nachts auf den Straßen Roms sowie allgemein zu später Stunde irgendwo draußen, das war für gewöhnlich eine riskante Angelegenheit, davon abgesehen, dass ein Unfreier mit einem ordentlichen Besitzer um so eine Zeit sowieso zuhause weilte.
    Doch Phaeneas liebte die Nacht, liebte die Dunkelheit. In Germania hatte er den großen Fluss Rhenus nur abendlich erleben dürfen (und das war schon herrlich gewesen, was für ein Gefühl!), aber hier direkt nächtlich aus Rom hinaus über die Via Appia zu ziehen ... eine absolut unwiderstehliche Angelegenheit.


    Die Aussicht also, die Dunkelheit nicht nur durch ein Fenster mitzuerleben, das war es letzlich, was den Bithynier dazu brachte, sich an diesem Feiertag zu beteiligen ... und genau das vertrieb auch ausnahmsweise die ewig präsenten Gedanken an Cimon und die prekären Umstände, die sie beide verbanden ...


    Trotzdem hielt er sich bei allem soweit es ging am Rande.

    Noch immer geschlaucht vom plötzlichen Würgereflex, die rechte Hand am Hals, stand Phaeneas leicht gebeugt über dem unschönen Etwas, das sich gerade aus seinem Magen und aus seinem Mund hierher auf den Boden ergossen hatte.


    „Entschuldige“, brachte er mit Mühe und Not mit zitternder Stimme hervor, „... mich nimmt diese Sache nur ziemlich mit ... dieser Auftrag ...“
    Dann murmelte er noch: „Mir war so schlecht ...“ Dabei handelte es sich um eine Umschreibung. Was der Bithynier im Einzelnen tatsächlich empfunden hatte, waren Scham und Ekel.
    Die zu einem Gefühl der Übelkeit geführt hatten. Aber das würde der Sklave noch nicht einmal jetzt über die Lippen bringen, nachdem sich so offen gezeigt hatte, dass etwas alles andere als in Ordnung war.

    <Ich nehme es dir nicht übel, was passiert ist, Cimon. Wir beide sind wohl in eine Situation geschlittert, von der wir nichts geahnt haben. Wegen „Dummheiten“, wie du es nennst, brauchst du dir also keine Sorgen zu machen, denn du hast im Grunde genommen nichts falsch gemacht, du bist nur von anderen Voraussetzungen ausgegangen.> Dass er mit Phaeneas vorsichtiger umgehen musste, wusste der Nubier ja inzwischen.
    Wieder legte der vinicische Sklave den Stilus beiseite und nahm die Papyrusrolle zur Hand, um im Lesen fortzufahren. Was folgte, bestätigte ihn in seinem vorherigen Gedanken. Allerdings ... davor, dass Cimon ihm zu nahe kommen könnte, hatte Phaeneas keine Angst, er vertraute auf dessen Versicherungen – allein schon dass der Nubier ihm gegenüberstehen und er dessen Anwesenheit trotz allem Abstand mit jeder Faser seines Körpers spüren würde, reichte, um Sorgen in ihm aufsteigen zu lassen. Es ging hier ja nicht nur um eine sich potenziell ereignende unbedachte Handlung von Cimon ...
    <Es ist nicht nur dein Unvermögen. Bitte verzeih auch mir, dass> Ja, was? ‚Dass ich viel zu oft vergesse und dann so erfahren muss, dass andere Menschen oft sehr anders mit vielem umgehen? Dass mir eben diese anderen Menschen aber auf ewig ein Mysterium bleiben und ich komplett unfähig bin, deren andere Ansichten auf andere Weise herauszufinden? Dass ich – kurz gesagt – viel zu oft einfach von mir und meiner Sichtweise ausgehe, isoliert bin, was meine Perspektive anbelangt, und immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen werde?‘
    Was andere Leute anbelangte, stellte sich Phaeneas wirklich jedesmal wieder sehr unbeholfen an. Es war einfach so ... anders, ein Gegenüber zu haben als nur für sich allein zu sein. Und auch wenn der Bithynier stets wirkliche Gesellschaft, ein wirkliches Gegenüber ersehnte, fiel es ihm oft schwer, sich genau diesem Menschen gegenüber richtig zu verhalten, so wie der es verdient hatte. Andere waren einfach schwierig.
    Bitte verzeih auch mir, dass> <auch mir, dass> <dass> ... <dass ich nicht immer weiß, wie mit einer Situation umzugehen> ... <und was angebracht ist.>
    Tief atmete Phaeneas durch, doch als er weiterlas, erschrak er ein weiteres Mal. <Ehrlichkeit ist auch mir sehr wichtig>, beeilte er sich schriftlich zu versichern. Schlicht unvorstellbar, dass jemand dem Bithynier bei einer menschlichen Beziehung gleich welcher Art die Hälfte bewusst vorenthielt! Er musste doch alles wissen, um immer noch abschätzen zu können, ob etwas gefährlich für ihn war und er sich schützen musste.
    <Ich bitte dich, Cimon, mir nichts vorzuenthalten, was unser beider Verhältnis zueinander betrifft beziehungsweise beeinflusst. Denn wie oben beschrieben, kann doch nur die Wahrheit auf die Dauer bestehen. Nur auf die verlässliche Wahrheit können wir also bauen. Ich bin schließlich kein kleines Kind, das nicht für sich selbst entscheiden könnte, wie es etwas bewerten möchte.> Das musste klargestellt werden! (Davon abgesehen, dass Phaeneas auch als Kind einzig und allein seiner Mutter Entscheidungen fraglos überlassen hatte und ansonsten genauso für sich selbst Verantwortung hatte übernehmen müssen wie ein Erwachsener.)

    Die Antwort auf die ungeliebte Frage kam und Phaeneas sah Lucianus erst etwas ungläubig an, so bescheiden klang die Angabe, dass der Bithynier es in diesem Zusammenhang kaum fassen konnte.
    Jedenfalls gaben ihm diese Worte endgültig den Rest, denn Phaeneas wusste, dass hier von seinesgleichen die Rede war. Von Sklaven, die man sich aussuchte, wie sie einem am besten zusagten, die man dekorativ in seinem Haus verteilte, zum Servieren, Anschauen, Gästeempfangen, Bedienen bei Tisch, im Bett ... Sklaven hatten keinen anderen Zweck, als zu gefallen, immer musste man jemandem recht sein, dadurch eine Daseinsberechtigung bekommen, für jeden kleinen Atemzug im Leben ...
    Schon wenn ein Sklavenhändler oder Noch-Eigentümer seine Qualitäten anpries, rief es in Phaeneas Abscheu hervor, aber sich hier damit auseinandersetzen zu müssen, welche Eigenschaften einem den Platz in jemandes Bett garantierten, das war zu viel.
    Auch wenn ihm am allermeisten die Aussicht auf den bevorstehenden Einkauf zusetzte ...


    Noch bevor Phaeneas sich also erkundigen konnte, ob das alles war, schlug seine Gesichtsfarbe von Leichenblass in Grün um, er würgte und prompt schon übergab sich der Sklave vor Lucianus‘ Schreibtisch ...

    Ah ja, das machte die Sache zumindest halbwegs erträglich – vor seinem geistigen Auge hatte Phaeneas schon einen schmierigen Sklavenverkäufer anzügliche Bemerkungen machen sehen, gepaart mit einem dreckigen Grinsen ... Schauer


    „Ähm ja, hast du ... was Frauen anbelangt, ... irgendwelche Vorlieben? Augen-, Haar- und Hautfarbe, Größe, Statur, eher schüchtern oder eher offensiv ... solche Dinge ...“ Mit Mühe und Not erstarb seine Stimme am Schluss nicht.


    Nein, Lucianus hatte keine Ahnung, was er Phaeneas da antat – und was der Sklave auch noch wehrlos über sich ergehen ließ.
    Ihm wurde schlecht, bei dem, was er da selbst sagte. Es klang wie ein Bestellkatalog, aus dem man sich seinen Lieblingssklaven aussuchen konnte ...
    Während des Gesprächs war immer mehr die Farbe aus dem eigentlich sehr großzügig von der Sonne gebräunten Gesicht des Bithyniers gewichen, bis er jetzt endgültig kreidebleich war ...

    ... und zwar für eine Woche.


    Amüsiert euch solang ohne mich, ich weiß, dass ihr das könnt. (Damit ich dann auch ordentlich was zu lesen habe, wenn ich wiederkomme.)


    Und mit meiner Rückkehr wird eine Frau auferstehen, nach der sich ganz Rom verzehren wird (Cimon, du nicht!).

    Wieso nur fasste Lucianus alle Rückfragen, die Phaeneas stellte, als rhetorisch auf?
    Aber letzten Endes war der Sklave im Moment selbst zu faul, um die Frage noch einmal zu wiederholen.


    Der Schierlingsbecher wollte und wollte einfach nicht an ihm vorübergehen ...


    „Der Punkt ist nur der, Lucianus, dass man grundsätzlich qualitativ hochwertigere Ware erwarten kann, wenn man im Geschäft gleich nach Lustsklavinnen verlangt und sich nicht einfach nur eine grundsätzliche Auswahl an Unfreien vorführen lässt“, führte der Bithynier aus und ergänzte: „Trotzdem muss dein Namen natürlich nicht fallen.“


    Das plötzliche Umschwenken auf Petronlla irritierte Phaeneas etwas in seiner Fassungslosigkeit über das Schicksal, das ihm nun zuteil werden sollte. „J...ja natürlich, kann ich machen“, antwortete er in sklavischer Geistesgegenwart. ‚Und die ganzen anderen Sklaven, die dazu nötig sind.‘

    Nach dem ziemlich verunsicherndem Gespräch mit Lucianus (erst diese Sache im Park, dann ein solcher Auftrag – da konnte auch Lucianus‘ beruhigende Gegenwart nichts mehr ausrichten) begab sich der bithynische Leibsklave gemäß Bitte seines Herrn zu dessen Schwägerin. Selbstverständlich klopfte er dort erst, ließ sich hereinbitten, um dann Petronilla zu bestellen, was ihm gesagt worden war: „Herrin, dein Schwager würde es sehr begrüßen, wenn du heute mit ihm zusammen die Cena einnehmen würdest. Alle Vorbereitungen dafür sind im Grunde schon getroffen, du musst heute abend nur noch erscheinen ...“ Damit versuchte Phaeneas auszudrücken, dass das Ganze eher weniger auf ein ‚Nein‘ hin ausgerichtet war.
    Wie immer (wenn nicht gerade Lucianus gegenüber) gelang ihm die sklavisch-souveräne Miene perfekt, die ihn wie die Ruhe im Person erscheinen ließ. Dass der hinter dieser Fassade heute mehrfach in seinen Grundfesten erschüttert worden war (und sich auch ziemlich durchgeschüttelt fühlte!), na ja, das verbarg sie gut.

    Ein Abendessen für Lucianus und Petronilla. Selbstverständlich war das für Diener kein Problem, eben mal eine Cena zu zaubern, locker aus dem Handgelenk schüttelten Unfreie prunkvolle Festmähler für politische Freunde/Feinde und sonstige Leute, die man nur laden konnte. Für zwei Personen war das also gar nix, kurz mal was auf die Beine zu stellen, zumal wenn man der „Geladenen“ nicht noch den Reichtum der Gens vor Augen führen musste, da sie den ja schon ausführlich kannte und genoss.
    Für Berenice war das wahrscheinlich der letzte „größere“ Anlass, an dem sie der Küche vorstand. Deshalb hatte sie sich stundenlang mit ihren Helfern und Helfershelfern hingesetzt, um sich etwas ganz Raffiniertes einfallen zu lassen.
    Ansonsten musste Phaeneas noch nicht einmal besonders außergewöhnliche Anweisungen geben, denn die anderen Sklaven wussten ja, was für eine Cena in diesen Kreisen für gewöhnlich absolute Grundausstattung war. Die Clinen waren also wieder mit bequemen Stoffen bedeckt und weichen Kissen belegt. Etliche Unfreie schwirrten noch durch den ganzen Raum, damit auch ja alles da und vorbereitet war, wenn es gebraucht wurde.
    Zuletzt kam schließlich das Signal aus der Culina, dass die Gustatio fertig und servierbar sei. Und da war es auch schon gerade die Zeit, zu der der Hausherr und seine Schwägerin erwartet wurden ...

    Na ja, erstmal den Anfang des Antwortbriefes schreiben. Dafür holte er sich wieder eine Wachstafel und kramte seinen Stilus heraus. Seinen Stilus. Er benutzte inzwischen nämlich nur noch einen einzigen, denn es war der von Cimon – auch wenn Phaeneas sich selbst dafür auslachte und sentimental schalt.
    <Phaeneas Cimoni suo s> Daran änderte sich ja nichts.
    <Wider Erwarten komme ich doch noch dazu, dir ein weiteres Mal zurückzuschreiben, nachdem dein Brief mich erreicht hat.>
    Dann wusste er erst einmal nicht mehr weiter und warf einen Blick auf das Papyrus, das der Nubier gesendet hatte. Ah ja. <Freunde ist ein gutes Stichwort, denn natürlich haben wir auch die Möglichkeit einer rein freundschaftlichen Beziehung. Mir wäre es deutlich lieber, du würdest mir – für den Fall dass du meine Gefühle nicht erwidern solltest – eine klare Absage machen und wir beginnen eine Freundschaft, bevor du mich ewig hinhältst, nur damit mir am Ende die Enttäuschung doch nicht erspart bleibt. Scheue dich also nicht, Cimon, mir die Wahrheit anzutragen und mag sie noch so hart sein, sie wird jedenfalls deutlich gnädier sein als eine schön scheinende Lüge.> Ja, Phaeneas bat um Gnade. Um Nachsicht und Milde gegenüber seinem Herzen, seiner Verliebtheit, seiner Verletzlichkeit. Dass der aurelische Sklave, auch wenn der Bithynier vor ihm im Staub und seine Wunde offen lag, nicht zustechen sollte, sondern Erbarmen zeigen.
    <Jedenfalls, was ich dir sagen will: Ich> Der komplette Absatz vorher war Phaeneas schon schwer gefallen, aber was nun folgen sollte kostete ihn regelrecht Überwindung. Denn es gehörte zu den Dingen, die er sonst kaum über die Lippen brachte, geschweige denn irgendwo schriftlich fixierte: <Ich mag dich sehr, Cimon. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn wir „nur“ Freunde wären. Es braucht nicht unbedingt Küsse, um ein enges Verhältnis haben zu können.> Nein, im Grunde brauchte es das wirklich nicht. Im Grunde gab es für Phaeneas keinen großen Unterschied zwischen einer Liebesbeziehung und einer Freundschaft, in beiden Fällen vergötterte er den jeweiligen Freund/die jeweilige Freundin bzw. den Geliebten. Der einzige Unterschied ... waren wohl wirklich die Küsse.
    <Ich fürchte, wie auch immer unser Verhältnis einmal aussehen wird, du wirst mich sowieso immer wieder neu kennenlernen müssen, denn ich bin wie das Wasser. Mal so, mal ganz anders. Es kann also wohl nicht schaden, wenn du schon einmal anfängst.> Ja, wenn man mal nur allein bedachte, wie Phaeneas sich zu Beginn ihrer Bekanntschaft Cimon gegenüber gegeben hatte und wie es jetzt war. Diese unglückliche ... Liebesgeschichte stellte ihre Beziehung auf eine völlig neue Grundlage. Und ... Cimon hatte nun dem Bithynier gegenüber einen Vorteil. Er kannte Phaeneas‘ Schwäche, die dem Nubier gegenüber nämlich. Normalerweise tat Phaeneas alles, damit nur nie jemand etwas gegen ihn in der Hand hatte, er war es gewohnt unverletzlich zu sein. Dass es bei dem Aurelischen nun anders war, brachte den Vinicischen in eine Defensivposition. Sprich, er würde um jeden Preis verhindern, Cimon in seiner Position zu stärken – was konkret bedeutete, ihm nur nicht zu zeigen, wie es in vollem Umfang um Phaeneas stand. Na ja, und sollten sie je zusammenkommen, würde diese Verteidungshaltung wieder wegfallen und ... sowieso alles anders werden zwischen ihnen.
    <Was das Kennenlernen von dir anbelangt, so würde ich dabei gerne so allmählich wie nur irgend möglich vorgehen und allgemein anfangs allzu intensiven Kontakt zwischen uns meiden, womit ich allein schon die Dauer unserer Zusammentreffen meine.> Schließlich war der Bithynier jetzt schon so hin und weg von Cimon, wenn er sich nur vorstellte, jetzt noch mehr festzustellen, wie wunderbar er war ... Dann würde es noch desolater um ihn stehen als ohnehin schon.


    Sim-Off:

    So, und den Rest des Briefes gibt es, wenn ich wieder da bin.

    Nachdem er Cimons Brief schon vor aller Augen (in Anführungszeichen) entgegennehmen hatte müssen, hatte Phaeneas sich nun für’s Lesen und Beantworten ins stille Kämmerlein zurückgezogen. Wieder flatterte sein Herz, wenn er das Siegel brach, zum einen weil es ungewohnt war und zum anderen weil das Schreiben von ihm kam.
    Hm, ja, der Anfang las sich ungefähr so wie das, was Phaeneas selbst abgeschickt hatte, sprich es war in genau der Art, wie sie es abgesprochen hatten, nicht zu konkret. Auch wenn der Bithynier sich nicht vorstellen konnte, was an seinen aussagelosen, banalen Worten so erfreulich gewesen war.
    Ziemlich überfordert – weil er nicht wusste, wie er es bewerten sollte – starrte er schließlich auf den zweiten Absatz (wenn man die Adresszeile nicht als eben solchen sah). Der zweite Satz darin schnürte ihm die Kehle zu. Es hatte fast schon etwas von einer Sage: es war unfassbar.
    Und da erschien es wieder, dieses seltsame Wort: Freund. Na ja, gut, im Moment standen sie beide ja auf der Kippe, zwischen Freund und ... Geliebter. Dementsprechend war das Wort derzeit noch gar nicht mal falsch.
    Bei der Erklärung von wegen Abmachung war der Bithynier sich nicht sicher, ob Cimon sich da unter diesem Vorwand vor einer konkreten Aussage drückte, aber ... einmal mehr geschwiegen war sicher besser als einmal zu oft etwas unangebrachtes zu schreiben.
    Dann: '... dass wir einander Freunde werden können. Freunde deren Herz ...' – Was? Deren Herz was? Schlicht nur abgebrochen! Hatte Cimon den Brief nicht nochmal sauber abschreiben können? Jetzt wusste Phaeneas haargenau, worüber er nachts nachgrübeln würde. Er schlief derzeit eh schon so schlecht, fand kaum in den Schlaf, schlief dann nur leicht und wachte häufig auf, musste der Nubier diese Sache noch verschlimmern?!
    Vergeben. Konnte Phaeneas vergeben? Denn eigentlich war es unverzeihlich. Die Situation, in der er sich dank Cimon befand. Es war der Alptraum seines Lebens, von dem der Bithynier nur bisher noch nicht einmal etwas geahnt hatte – weil es einfach so grässlich und abwegig war. Eigentlich fast unmöglich zu realisieren. Aber mit Cimon war eine abstruse Konstellation eingetreten. Ein perfekter Kandidat für eine Beziehung, der leider nicht vollständig die richtige Vorraussetzung dafür mitbrachte: ihn nämlich nicht so hundertprozentig liebte. Aber trotzdem unvernünftig und verantwortungslos genug, um ihn zu küssen. Laut Phaeneas‘ Grundannahmen, nach denen er sein Handeln ausrichtete, tat ein Mensch mit Cimons wunderbaren Eigenschaften so etwas nicht. Tja, falsch gedacht.
    Wenn der Bithynier mit anderen Menschen zu tun hatte und wenn ihm da jemand konkreter gefiel, er also mit dem Gedanken spielte, sich zu verlieben, klemmte er normalerweise so viele Tests und Prüfungen davor, dass es eigentlich komplett jenseits des Möglichen lag, in eine solche Situation zu kommen. Halt, nein, bei diesen Voruntersuchungen ging es in der Regel um die Eignung des Kandidaten. Und Cimon war ja vollkommen tadellos, wie hätte da sein Frühwarnsystem losschlagen sollen? Von dieser seltsamen Vorgeschichte hatte er ja nichts ahnen können. Nein, sich selbst oder seinen Prinzipien konnte Phaeneas keine Schuld an dieser Lage geben. Er hatte nicht versagt (weswegen er auch weiterhin an oben genannten Prinzipien festhielt).
    Und auch wenn es in vieler Hinsicht leichtsinnig gewesen war, was der Nubier getan hatte, im direkten Sinne übel nahm Phaeneas es ihm auch nicht. Nein, wirklich nicht. Aber vergeben? Das war definitiv zu viel verlangt.

    Einen Becher Wasser wollte Phaeneas eben nur trinken. Wie sich das tagsüber während der Arbeit ergeben konnte, wenn man eben Durst bekam. So schob er sich in die gut beheizte Küche. Für den Moment waren dort ausnahmsweise einmal nur Frauen beschäftigt, was seltenst vorkam.
    Oh Frauen, was für ein angenehmer Anblick! Denn die erinnerten ihn nicht ständig an Cimon – genau deshalb war Phaeneas momentan nämlich allergisch gegen breite Schultern. Lucianus wie üblich ausgenommen.
    „Oh, salve Phaeneas“, grüßte die Köchin Berenice, während sie von dem Kochtopf aufsah, in dem die junge Smyrna rührte. „Salvete“, meinte der Leibsklave des Hausherrn und nahm sich einen Becher aus einem Regal.
    „Also ehrlich, ihr werdet mir alle fehlen!“, seufzte Berenice gerade. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, die Küche an jemand anderen abzugeben!“
    „Berenice, du redest, als müsstest du weggehen. Dabei räumst du doch nur deinen Platz als Oberköchin!“, schob Mania ein.
    „Ja, das ist schon schlimm genug. Wie wird das nur sein, als Außenstehende diesen Raum zu betreten ... Jedenfalls wird meine Arete hier für mich immer nach dem Rechten sehen, nicht wahr, meine Liebe?“ Die Angesprochene nickte lachend: „Ja, das werde ich!“
    „Und du, Smyrna, wirst einmal eine ganz außerordentlich begnadete Köchin sein! Das sieht man jetzt schon!“ Liebevoll strich sie dem Beinahe-Noch-Mädchen über den Kopf, das kicherte.
    „Ach, die jahrelange Zusammenarbeit mit euch!“ Sie fuhr sich über die streng zu einem Knoten zusammengebundenen Locken und dann über die Schürze. „Bestimmt wird es euch unmöglich sein, euch von jemand anderem herumkommandieren zu lassen!“, scherzte sie, worauf die anderen wieder lachten – auch wenn sich mit Sicherheit einige an Momente erinnern konnten, in denen es nicht lustig gewesen war, von Berenice herumgescheucht zu werden.
    „Niemand wird dir verbieten, das gegebenenfalls auch weiterhin zu tun, Berenice. Außerdem wirst du Gelegenheit haben, deinem Nachfolger ausführlich auf die Finger zu schauen.“ Die Wahrheit war, die bisherige Oberköchin würde wirklich nur ihren – offiziellen – Machtbereich in der Küche verlieren, aber ihr Ansehen bei den Sklaven würde sie weiterhin haben. Und Phaeneas war auch gewaltig froh darum. Denn er brauchte diese Frau. Sie war eine treibende Kraft im Haus und ohne sie würde der Bithynier einiges nicht zurande bringen. Kurz gesagt, sie hatte beides, was was dem Leibsklaven fehlte: Durchsetzungsvermögen und Freude am Anschaffen.
    „Ja, du hast recht. Und mein Nachfolger wird ja schließlich das gleiche wollen wie ich stets: das Beste für die Familia ...“ Pathetische letzte Worte einer Köchin.


    In diesem Augenblick kam Evanoridas in die Culina. Einen kurzen Blick warf er zu Arete, dann entdeckte er Phaeneas mit dem Becher Wasser in der Hand. "Phaeneas, wieder ein Brief für dich.“
    Allein bei dem Anblick der gesiegelten Papyrusrolle bekam der Bithynier einen halben Herzanfall und als ihm Evanoridas die Rolle in die Hand drückte, entdeckte er auch das „C“ auf dem Siegel.
    Schon wieder?“, kommentierte Berenice das Ganze. „Hat es sich jetzt erst rumgesprochen, dass du das Lesen und Schreiben gelernt hast?“
    Phaeneas warf ihr einen vernichtenden Blick zu, von wegen sie sollte ihre Neugierde im Zaum halten.
    Die Köchin zog sich daraufhin zurück, doch Arete kannte kein Erbarmen.


    [Blockierte Grafik: http://img156.imageshack.us/img156/1492/17000055wr7.jpg]

    Sim-Off:

    Arete - erstmals exklusiv mit Bild


    „C – kenn ich nicht“, meinte sie, während sie an Phaeneas‘ Schulter vorbei auf das Schreiben linste. „Aber vornehm, dieser Brief, so mit Papyrus und Siegel ... War der letzte nicht auch so? Wer schreibt dir denn da?“ Zu viel ungefragte Anteilnahme an seinem Leben war dem Bithynier seit jeher zuwider gewesen und gerade in dieser Sache wollte er nicht, dass die anderen Sklaven auch nur annähernd zu erahnen fähig waren, wie es um das Seelenleben des höchsten Sklaven nach dem Herrn stand.
    „Privatsache“, antwortete er deshalb knapp und wusste haargenau, dass diese Worte nicht sonderlich überzeugend, geschweige denn souverän wirkten. Ansonsten bahnte er sich seinen Weg aus der Küche, durch die Sklaven, die sich neugierig um seinen Brief geschart hatten.
    „Ja, ich verschwinde dann auch mal“, ergänzte Evanoridas, sah noch ein letztes Mal zu Arete und verließ dann mit Phaeneas den Ort der Zubereitung der kulinarischen Labsal, wie ein germanischer Sklave vor Jahren einmal gesagt hatte.

    „Es wäre doch ein leichtes, Lucianus“, meinte Phaeneas prompt, in der Hoffnung, seinen Herrn doch noch umzustimmen, „jemandem vorübergehend diese Freiheiten zu geben.“ Dann verstummte er, weil Lucianus noch weiterredete.
    „Ein Auge für das Schöne?“, wiederholte der Bithynier schließlich komplett verblüfft. „Wie kommst du denn da drauf?“ Er, der Vollkommenheit und damit vollkommene Schönheit nur im Wasser verwirklicht sah; der sich nie mit Schönheit beschäftigte; und sich darüber hinaus um sein eigenes Aussehen null kümmerte, sich morgens vielleicht einmal mit der Hand durch die Haare fuhr – das war es dann auch schon.


    Na, das hört sich ja außerordentlich beruhigend an – ironisch gesprochen – dass sich noch eine andere Beschäftigung für einen schlechten Einkauf finden würde. Phaeneas für seinen Teil wusste jedenfall eines: Dass er – wie er das immer tat, wenn er sich bei einer Aufgabe unwohl fühlte – alles tun würde, um die Verantwortung für diese Besorung an jemand anderen abzuschieben. Der Verkäufer würde schließlich bestimmt beraten, der war ja nahezu prädestiniert für die Rolle als Sündenbock.
    Es ging ihm um die moralische Verantwortung, nicht um die Verantwortung vor seinem Herrn. Vor „Versagen“ hatte er keine Angst, nur vor seinem eigenen Gewissen – und er wusste haargenau, dass er sich dreckig fühlen würde danach.
    Zögerlich, was seine Einstellung zu dieser Sache wiedergab, fuhr er fort: „Wenn du ... diese Aufgabe niemand anderem anvertrauen möchtest – geht es dir dann auch um eine gewisse Diskretion? ...“ Die zwar sinnlos wäre in Anbetracht dessen, dass ein Herr alles mit seinen Sklaven anfangen durfte, die Phaeneas aber aus Lucianus‘ Worten herauszuhören glaubte.

    Etwas verblüfft war der vinicische Sklave schon, als der Ansuchende da zu reden anfing. Denn – bei allen Göttern – das war ja ganz schön geschwollenes Zeug, was dem da aus dem seinem Mund kam. Gut, manche Besucher pflegten sich sogar an der Türe etwas eleganter auszudrücken, waren ja auch alles vornehme Leute, die hier in der Regel aus- und eingingen – aber gerade heut‘ war das schon `n bisschen extrem, sich sowas anhören und vor allem noch verstehen zu müssen.
    Aber immerhin war Lichas jetzt vorübergehend wach.
    „Ähm, ja, du dürfest nicht umsonst hoffen, Herr, das ließe sich sogar leicht machen. Folge mir nur, ich werde dich deinem Ansuchen näher bringen.“

    Tapfer verkniff Lichas es sich, sich den Kopf zu halten. Am Ende hätt‘ das noch so ausgesehn, als hätte er sich gestern volllaufen lassen. Wenn man sich sowas als Sklave allgemein schon schwerlich leisten konnte, dann konnte man’s als Ianitor noch viel weniger – denn da hatte man Verwantwortung, da hatte man eine Aufgabe, da musste man frühzeitig zum Dienst!
    Ne ne, Pflichtvergessenheit, sowas gab es bei Lichas nicht, nur über seine Leiche gab es sowas.
    Im Atrium angekommen drehte er sich vielleicht etwas abrupt zu dem vornehmen Gast – der war ja sogar noch Patrizier! – um und vermeldete: „Hier kannst du es dir nun gerne bequem machen, wenn du willst, lass dich nur auf den Klinen dort nieder, Herr. Denn einen Moment wirst du leider schon auf meines Herrn Zeit als Curator Rei Publicae warten müssen. Ich sage ihm jetzt Bescheid.“ Mit einem respektvollen Nicken verabschiedete sich der Sklave und eilte von dannen.

    Zu Phaeneas‘, zugegebenermaßen rhetorischen, Frage sagte Lucianus schon nichts mehr. Na ja, der Gesprächsverlauf sprach für sich ...


    „Ich?!“, reagierte Phaeneas perplex. „Ich weiß doch gar nicht, was deinen Geschmack trifft. Und außerdem habe ich nicht den blassesten Schimmer, was weibliche Attraktivität ausmacht. Weil ich mich kein bisschen mit Frauen auskenne - Ich bin also der denkbar Ungeeignetste für diese Aufgabe!“


    Außerdem widerstrebte ihm der Gedanke, Lucianus sein Betthäschen einzukaufen. Na ja, vielmehr höchstselbst eine junge Frau ihrem Schicksal (als eben solches) zuzuführen.
    Aber er sagte nichts. Traute sich nichts zu sagen. Nicht, dass er Lucianus fürchtete. Höchstens vielleicht dessen Spott. Es gab verschiedene Gründe. Allein schon Scham.

    Ja, für Phaeneas war es wirklich die Lösung. Denn worunter der Sklave litt, war der mangelnde Umgang mit anderen Menschen, die Isolierung auf sich selbst, die daraus resultierende Einsamkeit - der wirkliche Austausch mit anderen, nicht nur der tägliche oberflächliche Kontakt bei der Arbeit. Dementsprechend waren eine Freundschaft bzw. eine Liebesbeziehung tatsächlich die Erfüllung all seiner Wünsche, weil sie nahezu alles boten, was ihm jetzt fehlte ...
    Auf Lucianus‘ „Bescheidenheit“ reagierten in Phaeneas‘ zwei sehr gegensätzliche Seiten. Die eine protestierte natürlich sofort gegen die rein körperliche Ausrichtung des Wunsches seines Herrn – dabei regten sich in dem Sklaven immer gleichzeitig Abscheu und Angst (aus weiter oben genanntem Grund, den er grundsätzlich vor sich selbst zu verdrängen pflegte, wann immer es ging) - , die andere Seite erinnerte sich sofort an ... Cimon. An wen auch sonst? Vor allem aber daran, was der Aurelische in ihm ausgelöst hatte: an sein eigenes Zittern, an die Erstarrtheit seines Körpers, an die Hitze, die in ihm hochgestiegen war ... An all das, was er Lucianus noch nicht erzählt hatte, weil der mit dem kurz davor schon überfordert gewesen war. Dieser Teil jedenfalls verstand, was Lucianus da sagte, verstand es viel zu gut.
    Aber natürlich siegte der andere. Denn dazu war ihm die Disziplin viel zu gut angedrillt, die Abscheu gegen lieblose Liebe viel zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen.
    „Damit würdest du dich zufrieden geben?“, fragte Phaeneas, während man an seinem ungläubig verzogenen Gesicht leicht erkennen konnte, dass er von sowas nichts hielt.
    Aber da existierte noch eine dritte Stimme in ihm, die des Sklaven, die der Vernunft, der sachlich-nüchternen Betrachtungsweise, und die kam jetzt noch zu Wort: „Außerdem dürfte das für jemanden wie dich doch nicht schwer sein“, wunderte sich der Sklave. „Es gibt doch genug Sklavinnen in diesem Haus. Und selbst wenn dir da keine gefällt, kannst du dir auf dem nächsten Markt eine nach deinem Geschmack aussuchen ...“

    Lichas war heut nicht zu Scherzen aufgelegt. Immer, wenn grad keine Bittsteller und sonstigen Besucher vor „seiner“ Türe standen, gähnte er und stützte den Kopf, auf einem Hocker neben der Porta sitzend, auf seiner Hand ab. Erst waren gestern nacht die andern Sklaven in seinem Schlafraum so laut gewesen, was da nochmal so wichtiges tagsüber passiert war, wusste Lichas nicht mehr, jedenfalls hatten die noch gefühlte zehn Stunden erregt darüber diskutiert – und dann hatte er einen grässlichen Alptraum gehabt, der ihn erst wie gerädert aufwachen hatte lassen und wodurch er dann nicht mehr hatte einschlafen können.
    Mürrisch erhob er sich auf das Klopfen hin von seinem Platz und öffnete: „Salve, Herr, du wünschst?“

    „Na, siehst du“, grinste Phaeneas, auch wenn das Grinsen etwas schief wirkte, ob der etwas makaberen Thematik.
    „Ach ja“, fiel ihm dann noch ein, „und Unabhängigkeit demonstrieren. Von Anfang an muss man deutlich machen, dass man nichts und niemanden braucht – und man darf anderen nie das Gefühl geben, das eigene Leben irgendwie angenehm ergänzen zu können, einem irgendetwas geben zu können.
    Und natürlich möglichst wenig Interesse zeigen. Eher sogar Desinteresse.“


    Auf das, was Lucianus weiter sagte, musste nun Phaeneas amüsiert lächeln und meinte nachdenklich: „Tja ja ... Man sagt von euch Freien, ihr wärt ach so frei in eurer Entscheidung, aber letzten Endes seit ihr genauso gebunden und unfrei wie jeder andere auch ...
    Na ja, diese Verpflichtungen hast du wegen dem, was du jetzt bist, Lucianus. Ein einflussreicher, angesehener Senator – eine solche Stellung hat seinen Preis, so wie alles im Leben, wonach man die Hand ausstreckt.“
    Ein weiterer Grund für Phaeneas‘ Bescheidenheit. „Es ist immer nur die Frage, ob es einem das wert ist – ob es dir das wert ist.
    Aber ich meine, du würdest all diese Einengungen sowieso nur losbekommen, wenn du alles, was du bis jetzt erreicht hast, komplett hinschmeißen würdest. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass du das tun würdest. Na ja, gut, wenn du es tätest, hättest du natürlich wieder alle Möglichkeiten – dann wäre es auch wieder leichter, die Liebe für’s Leben zu finden, denn aus einem andern Grund nimmt man keinen Senator, der alles hingeschmissen hat, wenn nicht aus Liebe.
    Aber letzten Endes kannst du in deiner momentanen Situation nichts gegen die Beschränkungen, denen dein Leben unterliegt, tun – du kannst nur Dinge ergänzen, die dein jetziges Leben angenehmer machen würden, z.B. eine Liebesbeziehung.“
    Meine Güte, was für eine Schlussfolgerung!
    Verrückt, zur Zeit hielt Phaeneas nur noch ein flammendes Plädoyer für die Liebe nach dem andern. Erst bei Cimon, dann bei Lucianus ...
    Und das ausgerechnet er ...