Beiträge von Phaeneas

    Dieser eine, kleine Augenblick war genug, um Phaeneas‘ Augen unabwendbar an Cimons kleben zu lassen. Eben noch hatte er den Nubier angesehen, jetzt war er rettungslos von dessen Blick gefangen. Nicht ein einziger Wimpernschlag von Phaeneas‘ Seite störte die Intensität dieses Moments. Unbeirrbar sah er den anderen an, fest, beharrlich, als versuchte er dadurch den Blickkontakt zwischen ihnen zu verlängern. Kein bisschen bewegten sich seine Augen zur Seite noch wandte er sie ein einziges Mal von Cimon ab. Und er hätte es auch nicht gekonnt. Nicht gekonnt und nicht gewollt. Dafür war er viel zu gebannt von dem, was gerade zwischen ihnen vorging. Ein aufregendes Gefühl eroberte den Bauch des Bithyniers, ein herrlich aufregendes Gefühl, das er schon lange nicht mehr erlebt hatte, das ihn kribbeln ließ und seinen ganzen Körper. Genau diese Empfindung spiegelte sich in seinen Augen durch ein Glitzern wieder. Ein geheimnisvolles Glitzern aus tiefen, schwarzen, schimmernden Augen.
    Doch diese Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, konnte Phaeneas nicht lange halten, denn Cimons Lächeln drängte ihm schon fast wie von selbst ein gleiches aufs Gesicht. Das Schieflegen des Kopfes erwiderte er, in dem er seinen Kopf auf die andere Seite legte. So sahen sie sich nun beide etwas schräg und von der Seite an.


    Oh ja, der Scherz des aurelischen Sklaven hatte dem vinicischen ganz gewaltig gut gefallen, denn der traf es wirklich perfekt. Und perfekt das, was Phaeneas darüber dachte. Deshalb konnte er auch noch gut eine Weile weiterlachen, als Cimon miteinstimmte. Wenn er überlegte, worüber er hier eigentlich lachte, war er ganz froh, dass er zur Salutatio nie Stellung beziehen musste.
    Das Grinsen des anderen wurde konserviert, denn bald würde er weit weg von ihm sein und keine Chance haben, so etwas zu sehen. Zusätzlich zu all den anderen Nuancen, die er heute und bei ihren früheren Begegnungen in Cimons Gesicht entdeckt hatte, wurde es in das Gedächtnis des Bithyniers einsortiert, um auch zu einem anderen Zeitpunkt verfügbar zu sein und dem Sklaven einsame Augenblicke nicht mehr ganz so einsam sein zu lassen. Und noch einmal die Freude in ihm hervorzubringen.
    Das vorübergehende Schweigen überbrückte Phaeneas unter anderem damit, erneut den Becher an seine Lippen zu heben und einen Schluck zu trinken. Und natürlich damit, Cimon unverwandt anzusehen, während er die Schüchternheit in sich fühlte.
    Auf die höfliche Versicherung des Nubiers hin lächelte der Bithynier wieder. Das Grinsen brachte ihn ein weiteres Mal zum Lachen.
    Dann spürte er deutlich, dass er den aurelischen Sklaven irritiert hatte. Na ja, dass die Feier nun zu Ende kam, war ihm ja auch sehr spontan aufgefallen.
    Als sich die Hand beruhigend auf seinen Arm legte, folgten Phaeneas‘ Augen dieser Bewegung rasch, aber er blieb sichtbar entspannt. Dann kehrten sie wieder zu Cimon zurück und ein warmes Lächeln erschien in ihnen, das seine Augen hell scheinen ließ. So blickte er den vor ihm stehenden Mann an. Vollkommene Ruhe füllte ihn aus, Geborgenheit und die für den Nubier typische Ruhe, in der der Bithynier sich so wohl fühlte. Und wenn er nicht gewusst hätte, dass es sinnlos war, dann hätte er sich jetzt gewunschen, dieser Abend möge nie enden und der Nubier immer so mit der Hand auf seinem Arm bei ihm sein.
    „Ja, er wird hier vorüberkommen“, bestätigte er. „Du hast recht.“ Wieder lächelte er. „Gern geschehen. Es war sehr schön mit dir zu reden, Cimon. Du ...“ Und das kostete dann doch Überwindung. „ ... du wirst mir fehlen. Du kannst gar nicht glauben, wie froh ich bin, dass ich nach dieser Reise wieder zu dir kommen kann.“ Und wer Phaeneas wirklich gut kannte, wäre an spätestens dieser Stelle stutzig geworden, als er einfach so Zuneigungsbekundungen von sich gab, die er sonst vermied, als wären sie giftig.
    „Oh, da. Da ist mein Herr“, stellte er dann, doch wieder etwas eilig, fest. „Ich muss gehen. Also, bis bald, Cimon. Ich freu mich!“ Jeden Tag würde er dran denken und sich selbst davon abbringen wollen. „Vale, Cimon!“ Er stellte seinen nun leeren Becher ab, ein letztes Lächeln zu dem aurelischen Sklaven, dann verließ er zusammen mit Lucianus das Fest.
    Und nahm eine Menge konfuser Empfindungen mit auf die Reise.

    Es war wirklich erstaunlich, dass Cimon trotz seiner Müdigkeit noch so wach auf bestimmte ‚Stichworte‘ reagierte. Sehr intensiv war der Ausdruck seiner Augen, als er plötzlich aufblickte. Das Lächeln machte es wieder weicher. Aber prompt gingen die Lider ein weiteres Mal herunter. Nun doch etwas erleichtert stellte Phaeneas fest, dass der Nubier damit klarzukommen schien, dass er hier allein sein würde.
    Sobald Cimon sich seiner Kleidung zu entledigen begann, senkte der vinicische Sklave den Blick. Auch wenn er auch so noch mitbekam, dass der andere sich dabei ziemlich schlaftrunken-ungeschickt anstellte. Cimon war manchmal wirklich die Schau. Phaeneas kannte keinen Mann, der sich freiwillig so gab. Die meisten anderen wollten immer souverän und abgeklärt rüberkommen. Perfekt eben.
    „Bis morgen, Cimon.“ Als der Nubier ihm angenehme Träume wünschte, schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht. ‚Angenehm‘. Cimon hatte das Wort schlechthin herausgefunden, das für Phaeneas alles Wünschenswerte dieser Welt umfasste. Weil es zu diesem schönen Wunsch nicht gepasst hätte, verschwieg der Bithynier, dass er fast nie träumte und wenn, dann gewöhnlich nichts Schönes. „Danke, du auch.“
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    „Komm, Charmis“, hörte man plötzlich eine Jungenstimme vom Eingang zur Küche her. „Auch hier ist kein Mensch. Klar, ist ja auch keiner wach!“ „Nur wir!“, ergänzte eine zweite Jungenstimme. „Schon komisch, wenn so ein riesen Haus wie ausgestorben ist ...“, sinnierte der erste, Menyllus. Einige tapsige Schritte und die zwei Jungen spähten in die Küche. Der hintere blass und eher schmächtig, der vordere etwas fester als sein Freund und nur wenig heller als Cimon. Natürlich war Menyllus in allen Dingen der forschere von beiden und ging deshalb vor. Dabei entdeckte er den fremden Sklaven. „Oh, wer bist du denn?“, wunderte er sich sofort. „Charmis, da ist schon jemand“, meldete er über die Schulter zu seinem Freund. „Oh“, kommentierte der und schob sich auch in die Küche. „Dich kenn ich ja gar nicht, was machst du denn hier?“, setzte Menyllus derweil sein Verhör fort. Nach neugierigen Blicken auf den Gast stellte Charmis schließlich verzückt fest: „Oh, da sind ja die kandierten Datteln, Menyllus!“ und bediente sich prompt. Auch der Freund wurde bedacht. „Willst du auch welche?“, wandte er sich zuletzt an den großen Fremden, während er selbst schon freimütig kaute.
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    Zu seiner gewohnten Zeit, zu der er normalerweise alles für Lucianus vorbereitete, um ihn dann zu wecken (mit leichtem Unwillen dachte er daran, dass die Saturnalien ihm seinen so angenehm angewohnten Tagesplan durcheinanderbrachten), wurde Phaeneas in seinem Gemeinschaftsschlafraum wach. Nachdem er sich wie üblich ausführlichst gewaschen und auf pingeligste Art und Weise glattrasiert, natürlich auch eine saubere Tunica angezogen hatte, machte er sich auf zu dem Zimmer, das er Cimon überlassen hatte. Dort klopfte er an und trat ein, die Sklavenkammer lag aber da wie ausgestorben. Nun gut, also beschloss er, es in der Küche zu versuchen.
    Dass Menyllus und Charmis die schon unsicher machten, war unüberhörbar. Als er sah, dass die zwei sich schon über die Datteln hermachten, verkniff er sich einen stillen Seufzer. „Guten Morgen, ihr beiden. Konntet ihr damit nicht wenigstens warten, bis es euch jemand erlaubt?“ Es war weniger eine Frage als vielmehr eine von einem milden Lächeln begleitete Feststellung. Schließlich konnte er nachvollziehen, was in den beiden dabei vorgegangen war. „Auch an den Saturnalien könnt ihr nicht tun und lassen, was ihr wollt, sondern müsst zumindest einen Erwachsenen um Erlaubnis bitten.“ Verwöhnte Sklavenkinder. Es war die gleiche Situation wie bei Cimon damals, als sich das eine Mädchen auf der Hochzeit auf die Eier gestürzt hatte.
    Apropos, Cimon, der fiel ihm nämlich jetzt ins Auge. Bescheiden in einer Ecke sitzend, mit einem kargen Frühstück und einer Wachstafel in der Hand. Das „Oh“, das die beiden Jungen vorher noch so inflationär benutzt hatten, verfing sich irgendwo zwischen Phaeneas‘ Lippen. „Guten Morgen, Cimon“, meinte er, während er auf ihn zuging, und sah ihn an. In Hinblick auf Charmis‘ Angebot fügte er klärend hinzu: „Du kannst dir gerne welche nehmen, an den Saturnalien sind immer genug da.“

    Sich treiben lassen, sich vertrauensvoll dem Fluss übergeben, einfach so ... Träumen ließ die Schilderung der Fremden Phaeneas, als hätte sie ausgesprochen, wonach er sich immer gesehnt hatte. So einfach, so simpel klang ihre Beschreibung, als hätte jeder Mensch an jedem Tag seines Lebens die Möglichkeit, zu einem Blatt auf dem Wasser zu werden. Natürlich wusste der Bithynier, dass es nicht so problemlos ging. Bei Weitem nicht jeder hatte diese Möglichkeit.
    Fasziniert, wie verzaubert sah Phaeneas sie an, als würde sie ihm die Weisheit der Welt persönlich verkünden. Und genau so, als würde sie ihm – vielleicht – gleich ein großes Geheimnis anvertrauen, fragte er weiter: „Wie hat es sich angefühlt? Sich dem Fluss zu überlassen?“ Nicht dass er sich das nicht selbst in seiner eigenen Phantasie ausmalen konnte (sehr idealisiert natürlich). Doch er wollte es hören, aus dem Munde dieser Frau hier, die es selbst am eigenen Leib erlebt hatte. Erfahrungsbericht sozusagen.
    Was sie weiter sagte, gehörte völlig selbstverständlich zum Alltag des bithynischen Sklaven, es war eine ganz gewöhnliche Erkundigung, auf die hin man sich immer wieder mit etwas vollkommen Selbstverständlichem identifizierte, es war manchmal fast wie ein festes Ritual – oder einfach eine Umgangsform, mit der man sich selbst als einer Gruppe zugehörig bezeichnete und von anderen zugeordnet werden konnte. Meistens war es dann auch noch der perfekte Einstieg in ein zwangloses Gespräch, ohne sich groß ein bedeutendes Thema zurechtlegen zu müssen.
    Doch die Art, wie sie es sagte, ließ sofort Argwohn auf seinem Gesicht erscheinen. Denn zum einen waren Menschen, die so sprachen, aus verschiedenen Gründen mit Vorsicht zu genießen. Und zum anderen – aber das war der wesentlich unbedeutendere Teil – befand der Sklave, Mitleid kein bisschen nötig zu haben, und wer auch immer sich dazu herabließ, ebensolches mit ihm zu haben, musste zukünftig mit Missachtung in Phaeneas‘ Innerem rechnen.
    „Ja, das bin ich“, erwiderte er fest. Seine Stimme war merklich kühler geworden. Jegliche Ehrfurcht war vorübergehend daraus verschwunden. Und mit einem sehr aufmerksamen Geist – oder viel Phantasie – konnte man vielleicht den ironischen Anklang aus seiner Folgerung heraushören: „Dann bist du keine Unfreie?“

    Den Grund für das neuerliche Aufatmen von Cimons Mimik bemerkte Phaeneas wieder nicht, nur wie er grinste war ihm in sich Zeichen genug, dass nichts Negatives zwischen ihm und dem aurelischen Sklaven stand, dass sogar das Gegenteil der Fall war. Sonst gab es nichts für den Bithynier, was in der Welt zählte, als nur das Wohlwollen eines ihm bedeutsamen Menschen.
    Das erneute Heben des Bechers erwiderte Phaeneas und dieses Mal trank er auch wirklich. Allerdings ließ er Cimon nicht für den Bruchteil eines Lidschlages aus den (fast) schwarzen Augen – sonst hätte er schließlich dessen warmes Lächeln übersehen. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Phaeneas das auch schon so gemacht und danach hatte er sich etwas unwohl gefühlt – denn gewöhnlich schenkte er anderen anfangs nicht so viel Aufmerksamkeit (es sei denn, es waren am Tiber stehende Wesen, die wie Teil von etwas sehr Unwirklichem aussahen), und er hatte sich danach sehr über sein Verhalten wundern müssen (Phaeneas persönlich lastete die Gründe dafür ja der langen Zeit im Germania mit den seltsamen Sitten an – nein, nein, es war Cimons nette, unaufdringliche Art gewesen, das und nichts anderes. Aber es hätte trotzdem nicht passieren dürfen. Nicht umsonst hatte er sich nach ihrem ersten Gespräch gefühlt, als wäre ein Sturm über ihn hinweggerauscht. Es war ein Fehler gewesen, sich davon mitreißen zu lassen, schlicht ein Fehler). Aber inzwischen kannte er den aurelischen Sklaven und wusste, dass der Umgang mit ihm ungefährlich war - also konnte er ihn auch so sehr mit Aufmerksamkeit bedenken.
    Genauso nur auf ihn konzentriert beobachtete er, wie Cimon schließlich ebenfalls um ein Lachen nicht herumkam. Als Phaeneas seinen, leise und wie ein Geheimnis gesprochenen, Kommentar zu den Senatssitzungen hörte, bekam er erst große Augen und lachte dann ein weiteres Mal. Was er gehört hatte, gefiel ihm so gut, dass er sich sogar Tränen aus den Augenwinkeln wischen musste. „Oh ja, das würde es! Das könnte echt mal nicht schaden! Also, was manchmal die Leute politisch von meinem Herrn wollen, das könnte man leicht so knapp abhandeln.“ Noch immer lachte er leicht.
    Den Blick seines Gegenübers in seinen Becher beantwortete er seinerseits mit einem unbeschwerten Zwinkern und nahm einen kräftigen Schluck. Wie beruhigend, dass es Wasser war. Aber leer wurde das Gefäß dadurch immer noch nicht.
    Wie sie da nun standen, einander gegenüber, und sich angrinsten und anlächelten und keiner mehr etwas sagte, da wurde der Bithynier plötzlich ein klein wenig verlegen. Es war angenehm. Phaeneas war so gut wie nie verlegen, so gut wie nie schüchtern. Sonst wollte er immer entweder nichts sagen oder er sagte ohne jede Rücksichtnahme auf sein Gegenüber, was er für richtig zu sagen hielt. Jetzt wollte er aber und wusste für einige Momente nicht, was er sagen sollte.
    Das, was Cimon ihm lächelnd signalisierte, sah der Bithynier nur - wie oben - als Zeichen für das gegenseitige Wohlwollen und ihr gutes Verhältnis. Die Tänzerinnen waren sowieso an Phaeneas‘ Geist vorbeigezogen, sprich er hatte sie kaum wahrgenommen und dazu hatten sie bei ihm keinerlei Eindruck hinterlassen.
    Der fragende Blick erinnerte ihn an das Schweigen und spontan kam ihm wieder etwas in den Sinn, was der Nubier vorhin erwähnt hatte: „Gerne kann ich dir, wenn ich wieder zurück bin, erzählen, was auf der Reise durch Italia alles passiert ist. Auch wenn ich befürchte, dass ich in erster Linie jede Menge Amtsgebäude sehen werde“, meinte er mit einem Schmunzeln.
    Dann bemerkte er, dass sich die Hochzeitsgesellschaft, die sich bis eben noch zum Essen zurückgezogen hatte, mehr und mehr aufzulösen begann. „Oh, die Leute gehen schon. Mein Herr wird aufbrechen wollen.“ Wie immer bei solchen Feststellungen klang Phaeneas leicht hektisch. Sklavenangewohnheit aus früheren Zeiten seines Lebens.

    Der Anfang war noch so grob das, was jeder sagte, der hier was wollte. Ab ‚Bei meinem letzten Besuch‘ dagegen wurde es hochinteressant.
    Gebannt sah der Sklave den Hadrianer an. Innerlich gingen ihm die Augen über, nur um sich danach lachend auf die Schenkel zu klopfen – nur gedacht natürlich. Der da gehörte auch zu denen, die nochmal weggeschickt werden hatten müssen! Und dazu hatte er noch den Humor, um zu sagen, dass er ‚Glück‘ gehabt hatte. Mann, der war echt gut. Und geprägt schien ihn das Erlebnis auch ziemlich zu haben, denn pessimistischerweise hatte er sich gleich einen Plan B zurechtgelegt.
    Das musste er seiner Freundin erzählen, das nahm sich Lysias sofort vor, sowas passierte einem nicht alle Tage. Prompt ging ein leicht schwärmerischer Blick zur Villa schräg gegenüber, wo seine Liebste wohnte und diente.
    „Nein nein, Hadrianus, das bleibt dir beides erspart, der Herr ist nämlich inzwischen wieder in der Stadt. Du kannst ihn also gerne jetzt aufsuchen, ich muss es ihm nur noch kurz ausrichten.“ Mit einer relativ knappen Geste winkte der Sklave den Gast herein und brachte ihn ins Atrium.

    Den Besucher, dessen Pech Lysias so amüsierte, lieferte der Sklave also im Empfangsraum einer jeden römischen Domus ab. Wirklich, dass er einem von den Unglücksraben auch noch persönlich gegenübergestanden war, nachdem er da so viel gehört hatte und seit Tagen drüber lachen konnte, das war knapp an der Grenze zu unglaublich. Seine Freundin, wie gesagt, die würde deswegen ihre herrlichen Haare schütteln, bis sie um ihr hübsches Gesicht flogen. Sie hatte den gleichen Humor wie Lysias.
    Na ja, Freundin beiseite, jetzt war gerade der Gast König. „Nimm doch bitte in der Zwischenzeit Platz“, bat er ihn deshalb. „Eigentlich müsste der Herr gleich bei dir sein, dauert nur ein paar Momente, bis ich ihn informiert habe.“ So überließ er den Hadrianer sich selbst, während er den lang ersehnten Hausherrn auftrieb.
    Und sobald er außer Sichtweite des Besuchers war, konnte er auch seinem Grinsen freien Lauf lassen.

    Ein wenig fand Phaeneas es faszinierend und ... erstaunlich, dass dem Nubier der Tod sonst nichts zu bedeuten schien. Der Bithynier selbst hatte sich mit dem Thema ausführlich auseinandergesetzt, es war schließlich ein nicht unbedeutender und täglich präsenter Teil seines Lebens. Etwas, das jeden Tag spontan auf ihn zukommen konnte. Auf Cimons erleichtert wirkenden Gesichtsausdruck antwortete er noch einmal mit einem bestätigenden Lächeln, dass er sich mit dieser Frage nicht weiter zu beschäftigen brauchte.
    Nun gut, Cimon war also der Ansicht, alles da zu haben. So müde schien er insgesamt sowieso wunschlos glücklich, sprich komplett anspruchslos.
    Dann, während er schrieb und dabei nebenher kurz zu dem aurelischen Sklaven schielte, führte der Phaeneas an die Grenzen seiner selbst. Noch nie hatte ein Mann ihn so ... herzerweichend angeblickt. So goldig wie Cimon gerade.
    Vor allem sah er so über die Maßen harmlos aus - dass der Bithynier für wenige Momente versucht war seine Entscheidung, nicht hier zu bleiben, rückgängig zu machen. Nein, nein, nein! Niemals - mit einem fremden Mann - alleine - in einem Raum nächtigen! Erst recht nicht, wenn er so kräftig war wie Cimon. Sowas konnte böse enden, das wusste Phaeneas. Zwar nicht aus eigener Erfahrung, aber auf den Sklavenhaushalten, in denen er aufgewachsen war. Und solche Gefahren waren ein Punkt, in dem der Bithynier aus Sicherheitsgründen alle – ausnahmslos - unter Generalverdacht stellte. Davon abgesehen, dass die meisten Leute, mit denen er jemals zu tun gehabt hatte, auch wirklich alle selbstsüchtig und ohne Skrupel gewesen waren und alle anderen gnadenlos für ihren eigenen Genuss benutzt hatten.


    Weiterhin war Cimons momentanes Verhalten für die Götter. Auch wenn er einem fast leid tun konnte. Zumindest mit der Skizze schien er zurechtzukommen. Plötzlich sah Cimon sogar traurig aus und der Bithynier wusste nicht recht warum. Hier zu bleiben war schließlich die eigene Entscheidung des Nubiers gewesen. Eigenverantwortung wog hier für Phaeneas mehr.
    „Natürlich sehen wir uns morgen“, bestätigte er mit fester Stimme. „Gute Nacht, Cimon!“ – und sandte noch, etwas persönlicher nun, ein „Schlaf gut!“ hinterher.
    Nachdenklich noch betrachtete er die erneut geschlossenen Augen, die dunkelgefärbte Haut der Lider inmitten des markanten Gesichtes, streifte den haarlosen Kopf und die große, vor Müdigkeit zusammengesunkene Gestalt. Gerade wollte er sich umdrehen, da kam ihm zuletzt noch ein Gedanke: „Ach ja – ich schlafe auch während der Saturnalien nicht lange, Cimon.“ Nachdem er diese Anmerkung hatte fallen lassen, verließ er endgültig die Sklavenkammer, zog die Tür leise auf und schloss sie genauso vorsichtig wieder, machte sich auf den Weg zu seinem Lager.
    Es war schön, dass Cimon wegen ihm da gewesen war. Wirklich nur wegen ihm.

    Nachdem ich letzte Woche RL schon überraschend eingespannt wurde, wird das wahrscheinlich bis inklusive Dienstag so weitergehen. Mit mir braucht ihr also erst mal nicht zu rechnen.

    Manchmal konnte es wirklich blöd laufen und dann auch noch dicker kommen – vom Regen in die Traufe, das traf die Situation von Hadrianus Iustus im Moment wirklich sehr gut. Nicht nur, dass sein Patron grade nicht da war, der Termin für seine Rückkehr war auch noch ziemlich ungewiss.
    Leider konnte der Türsklave – wie der Klient selber gut feststellte - nicht mehr für ihn tun, als ihn auf irgendwann später vertrösten – wo er dann vielleicht nochmal genauso Pech hatte.
    „Aber bitte, gern geschehen“, schmunzelte Lichas. „Danke sehr, dir auch einen schönen Tag. Auf dass Fortuna demnächst besser auf dich schaut“, meinte er ehrlich. „Vale, Herr!“


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    „Salve, Herr, wen hoffst du hier anzutreffen?“ Das hatte sich inzwischen schon rumgesprochen, unter den Sklaven, das mit den umsonst Ansuchenden während der Abwesenheit des Hausherrn. Lysias persönlich fand die Geschichte ja grandios, fast schon goldig: Dass ungefähr eine Woche vor der Abreise von Lucianus, seiner Schwägerin und seinem Leibdiener vergleichsweise wenige Besucher auftauchten - und prompt, sobald die weg waren, kamen sie auf einmal vermehrt hier an – als wär‘ da irgendwo seit kurzem ein Nest.
    Der sommergesprosste und mit Vorliebe sehr spöttische Lysias musste sich selbst zusammenreißen, nicht zu grinsen, ob seines gemeinen Witzes.
    Vor allem war der Herr ja jetzt zurück, jetzt stand hier keiner mehr umsonst.

    Unter anderen Umständen hätte Phaeneas in einer solchen Situation vielleicht Bedenken bekommen, ob sie mit ihrer Unterhaltung, während andere arbeiteten, nicht vielleicht ein etwas sehr elitäres Verhalten an den Tag legten. Frei nach dem Motto: Sie beide waren für ihre Herrschaften wichtige Hilfen und standen ihnen somit nahe, sie konnten plaudern, während andere ihren Pflichten nachgehen mussten. Lucianus versuchte seit Ewigkeiten, seinem Leibsklaven in dieser Hinsicht mehr Gelassenheit zu vermitteln (schließlich fand Lucianus, dass Phaeneas als seine rechte Hand absolut ein Anrecht auf Privilegien, die ihn vor anderen Unfreien auszeichneten, hatte). Doch der Bithynier sah sich selbst immer noch als einer von vielen Sklaven und vermied, sich selbst über andere zu stellen und diese damit eventuell neidisch zu machen.
    Aber wie gesagt hatten solche Gedanken im Moment nicht auch nur annähernd die Chance, vor des vincischen Sklaven Geist Aufmerksamkeit zu finden. Alle möglichen Bedenken verstummten in Cimons Anblick.
    Allmählich pendelte sich auch Phaeneas‘ Erleichterung und der dabei entstandene Adrenalin-Schub wieder ein und der Bithynier wurde entspannter. Mit strahlenden Augen lächelte er zu dem Nubier hinauf und fühlte ein weiteres Mal die Ruhe, die von ihm ausging. Als er ihn anzwinkerte, fuhr Phaeneas ein angenehm warmes Gefühl durch den Bauch und er konnte gar nicht anders, als augenblicklich verschmitzt zurückzulächeln.
    Keinen Schritt würde er nun mehr zurückweichen, keinen einzigen!
    „Nein“, musste er lachen, während er sich das mit den gleichen Überzeugungen vorstellte. „Wir würden uns nur gegenseitig in unseren Meinungen bestätigen – na, das wäre spannend. Da könnten wir gleich sagen: ‚Salve, ja, das finde ich auch! Vale!‘“ Auch wenn Phaeneas zugeben musste, dass es für ihn angenehm war, dass Cimon keine so komplett andere Weltanschauung hatte wie viele andere im regulären Umfeld des Bithyniers.

    Hiermit hatte Phaeneas also einen offiziellen Lesekumpan. Na, dann war er mal gespannt, was sie noch alles gemeinsam lesen würden.
    Dann erklärte Cimon, warum er nicht wusste, wie er dem Tod gegenüberstand. Angst ... als einziges Gefühl. Nachdenklich wiegte der Bithynier den Kopf. Das unschlüssige Grinsen des anderen irritierte dagegen seine ernsten Abwägungen, indem es ein Lachen auf sein Gesicht zeichnete, ein schönes, breites, das die Mundwinkel weit auseinanderzog.
    „Du antwortest nach dem, was du wissen kannst. Das ist absolut genügend“, bestätigte Phaeneas ein weiteres Mal.


    Leicht schien dem aurelischen Sklave die Wahl fürs Erste nicht zu fallen, wie er sich mit seinen grauen Augen umsah und überlegte. Schließlich schien er aber sehr bald zu einem Schluss gekommen zu sein, wie er sich entscheiden wollte. Nachwievor sehr wach beobachtete Phaeneas ihn.
    Auf die Mitteilung hin, wo er nächtigen wollte, lächelte der in der vinicischen Villa Beheimatete nur. „Gut, Cimon. Dieser Raum steht dir also hiermit zur Verfügung. Du kannst sogar zwischen drei Betten wählen.“ Mit einer Handbewegung deutete der Bithynier durch das Zimmer. „Brauchst du noch etwas? Zusätzliche Decken, Kissen, etwas zu trinken für die Nacht?“ Man merkte dieser Schlafkammer einfach an, dass sie nur mit dem Nötigsten ausgestattet war, weil hier sonst keiner schlief.
    Dezent belustigt verfolgte Phaeneas, wie Cimon immer mehr im Sitzen einzuschlafen drohte. „Das glaube ich auch“, nickte er. Wie verschlafen sah der aurelische Sklave aus, dieser große, muskulöse Mann, während sich dessen Augen mit letzter Kraft an die des Bithyniers klammerten. „Ach“, gähnte der, „ich gehe dann wohl auch mal zu Bett.“ Und er stand auf, um seine verstreuten Schreibsachen zusammenzusuchen und Plinius‘ Naturalis Historia vorsichtig zusammenzurollen. Spontan fiel ihm noch etwas ein: „Ach ja, auf dieser Wachstafel hier zeichne ich dir noch den Weg ein, wie man dorthin kommt, wo ich schlafe. Falls etwas passiert oder du morgens vor mir aufwachst.“ Und am Rande erwähnt nur für den Fall dieser zwei Möglichkeiten. Im Stehen und mit dem Stilus, den er gerade heute von Cimon geschenkt bekommen hatte, kam er diesem Vorhaben nach. Mündlich würde der Nubier, müde wie er war, wahrscheinlich nicht mehr mitkommen.

    Saras, der an diesem Tag an der Porta seinen Dienst tat, hörte dem Besucher aufmerksam zu und während er das tat, klingelte es bei ihm – denn er erinnerte sich an etwas, was Lichas ihm abends noch erzählt hatte.
    „Salve, Tribun. Ja, du hast Glück, er ist gerade gestern frisch angekommen! Du erscheinst sozusagen gerade rechtzeitig. Folge mir bitte“, forderte der dunkelhäutige Sklave den Octavier auf.
    Dann ging er ihm voraus, zum Atrium, und musste sich noch unterwegs seufzend nach einem Ball bücken – den da sein kleiner Sohn Menyllus hatte liegen lassen. Wenn da ein Gast drauf ausrutschte ...

    Herrje, da schien jemand wirklich vom Schicksal gebeutelt und heute schon öfter vertröstet worden zu sein. Gerade wollte Lichas voll tiefstem Verständnis nicken, da sprach der Ansuchende vor seiner Tür von ‚morgen‘.
    „Warte, Herr!“, rief er also noch dem sich schon Umdrehenden hinterher. „Wer weiß, ob er morgen schon ... zurück sein wird ...“ Aber da war der Tribun schon weg in seiner Enttäuschung ...

    „Setz dich bitte, Octavius“, bot Saras dem Gast einen Platz an, als sie im Atrium angekommen waren. „Ich muss nur noch dem Herrn Bescheid sagen, dass du da bist. Allzu lang dürfte es nicht dauern.“
    Mit einem Nicken verabschiedete der Sklave sich vorübergehend und machte sich mit Menyllus‘ Ball unter dem Arm auf zum Hausherrn. Bevor er allerdings wirklich zu dem ging, um ihm von seinem Besucher zu erzählen, legte er das Wurfgerät selbstverständlich zur Seite. Im Geiste nahm er sich vor, ein ernstes Wort mit seinem Sohn zu reden, sobald sie sich über den Weg liefen.

    Wieder kam ihre Antwort etwas zeitversetzt, so als würden im Kopf der Fremden ganz andere, viel Aufmerksamkeit erfordernde Dinge ablaufen. Ihm waren bedachte Menschen lieber als solche, die einfach drauflosredeten ohne zu wissen was. Außerdem ... war oft der einzige Weg, um in dieser Welt Schönes zu sehen, Schönheit im Geiste zu erschaffen. Und in dieser Hinsicht war Gedankenlosigkeit ein klarer Nachteil.
    Leicht hoben sich Phaeneas‘ Mundwinkel, aufgrund der Bestätigung seines Verdachtes – oder eher seiner Hoffnung – von ihrer Seite. Natürlich, wegen etwas anderem konnte ein solches Wesen auch gar nicht in so eine Umgebung kommen. Was sie dann sagte, ließ Erstaunen auf seinem Gesicht entstehen und ... Bewunderung. Ja, eine Spur bewundernd sah der bithynische Sklave die keltisch wirkende Frau vor sich an.
    Nach Hause ... Es klang aus ihrem Mund so wunderschön, als wäre es ein herer, ferner Ort, an den man sich nur sehnen konnte ... als gäbe es so etwas auch für ihn ... Und auch wenn ihre Schilderung des Ausgangs ihres Unternehmens den Tiber wie eine Fessel, eine lästige Kette erscheinen ließ, verstand sie es dennoch, diese wunderschöne Sprache beizubehalten. Sie hatte es wirklich gewagt ...
    „Und du bist einfach so losgeschwommen? Du bist einfach so ins Wasser gestiegen?“ Neugierig, ehrfürchtig, ein klein wenig mit Aufregung in der Stimme und doch nachwievor so ruhig und gelassen, unaufdringlich erfragte er dies von ihr.
    Was es wohl gewesen war, das sie wieder zurückgebracht hatte?
    Ganz aus dem Zusammengang gerissen befand der Bithynier die Erkundigung nach dem Meer auch nicht, es war ganz und gar die gleiche Thematik. „Ja, manchmal hatte ich durch meine Herrschaften schon die Gelegenheit dazu, ans Meer zu kommen. Wann immer es mir möglich war, bin ich dorthin gegangen.“

    Noch einmal an diesem Tag erbat der bithynische Leibsklave des Hausherrn Einlass bei dessen Schwägerin.
    „Auf deine Schwierigkeiten einen passenden Reiseumhang betreffend meinte mein Herr, dass du dir nur einen auszusuchen brauchst, um den Rest kümmert er sich.“ Bescheiden war es formuliert – weil Phaeneas der Überbringer war – und galant – weil die Nachricht von Lucianus stammte. Und der hatte ... es eigentlich sogar noch viel präziser auf den Punkt gebracht. Für den war immer alles so erstaunlich selbstverständlich – daran würde sich Phaeneas nie gewöhnen.

    Niemand schaffte es binnen weniger Momente Phaeneas‘ Bedenken so wegzuwischen wie Lucianus. Das, woran der Bithynier sich strikt weigerte zu glauben, das glaubte er Lucianus, nämlich Sicherheit. Sein Leben war nie sicher gewesen und würde es nie sein, aber in Lucianus‘ Gegenwart glaubte er sogar daran, kurzzeitig, soweit es sich mit seiner Vorstellung von dieser Welt, sprich seiner Vernunft vereinbaren ließ.
    Die Nennung seines Namens tat das Übrige und der Bithynier wusste, warum er sich leise für sich wünschte, für immer bei Lucianus bleiben zu dürfen, bis ans Ende seines Lebens.
    Ein Lächeln erschien wie von selbst auf Phaeneas‘ Gesicht und er nickte.
    „Ich geh‘ dann mal, um deiner Schwägerin das mit dem Umhang auszurichten, schloss der Sklave ab und begab sich zu eben jener.

    Nicht lang, nachdem er den armen Hadrianus Iustus hatte vertrösten müssen, meldete sich der Nächste an, um von dem abwesenden Hausherrn angehört zu werden. Diese Leute waren schon wirklich bedauernswert. Und die Götter launisch in ihrer Gunst.
    Lichas im Türrahmen versuchte es mit einem aufmunternden Lächeln für den eh schon zerknirscht wirkenden Mann, um die schlechte Nachricht etwas aufzufangen, und kündigte sie so gleichzeitig an:
    „Salve, Tribun Octavius! Ich bedaure dir sagen zu müssen, dass der Senator momentan als Curator Rei Publicae dauerhaft außer Haus weilt. Leider ist auch ziemlich unsicher, wann er wieder zurück zu erwarten ist ...“


    Sim-Off:

    Tut mir leid, das hat jetzt gerade so schön gepasst. Für dich gilt das Gleiche wie bei Iustus. ;)

    Es war ja schön, dass es Lucianus belustigte, und Phaeneas wünschte, er könnte es genauso durch und durch erheitert sehen. Aber eine gewisse Besorgnis gegenüber solchen Ausfragereien konnte er nicht leugnen, hatte er sowas doch schon in ganz anderen Dimensionen erlebt ... und mit ganz anderen Risiken für Leib und Leben, für seine körperliche und seelische Gesundheit.
    Außerdem, Phaeneas mochte keine Intrigen.
    „Ja, das dürfte sie wohl sein, Lucianus. Und solange es bei so harmloser Neugierde bleibt, soll es mir gleich sein. Ich wollte nur, dass du es weißt.“ Dabei sah der Sklave ihn an. Den, der schützend seine Hand über ihn hielt. Seinen Felsen in der Brandung. „Es soll nichts, was dich betrifft, hinter deinem Rücken geschehen, ohne dass du nicht davon erfährst.“