Beiträge von Phaeneas

    Zeitgleich verzog sich auch Lichas‘ Gesicht bedauernd und mitfühlend. Gut konnte er sich vorstellen, wie das wohl war, wenn man einem Patron nachlaufen musste und nie wusste, was der wohl gerade – vielbeschäftigterweise – wieder mal zu tun hatte. Vor allem wenn man es evt. noch nötig hatte, sich mehrere Patrone zu suchen und frühmorgens einen nach dem anderen zu besuchen, war das sicherlich scheußlich.
    Na, zum Glück war Lichas Sklave und musste sich sowas nicht antun.


    „Ich fürchte ja, Herr“, nickte er. „Nein, genau sagen, wann er wieder da sein wird, kann keiner recht. Du wirst dich wohl oder übel umhören müssen bzw. wieder vorbeischau’n, ob er schon wieder zurück ist. Aber in allzu naher Zukunft wird das nicht sein, das kann ich dir jetzt schon verraten.“


    Sim-Off:

    Das nächste Mal, wenn Iustus vorbeikommt, wird Lucianus für ihn da sein. Du musst dir also nicht nochmal sinnlos die ganze Prozedur antun. ;) Du warst ja hier eh schon ausdauernd genug. Danke. :]

    Gemeinsam grinsten sie über Phaeneas‘ Scherz und der Bithynier sah die kleinen Veränderungen, die in Cimons Augen vor sich gingen. Natürlich mochte er die Vorstellung, dass den gerade das gleiche unbeschwerte Gefühl erfüllte wie ihn selbst.
    Und plötzlich glaubte der Lucian’sche Leibsklave, die ganze Welt würde aus fedrigen, weichen Wolken bestehen, auf denen man locker-leicht dahinwandelte – und die Welt des ewigen Skeptikers Phaeneas war für diesen Augenblick perfekt, alle Risiken und Unschönheiten, die ein Leben auf Erden bot, vergessen. Denn gerade lebte er in einem rein imaginären Himmel, von dem er sich nicht so bald herabbegeben wollte. (Zumindest solange, wie Cimon noch bei ihm sein würde, würde dieser Himmel ihm noch erhalten bleiben.)
    Aufmerksam verfolgte der Bithynier des Nubiers Reaktion auf seine, zum ersten Mal seit sie sich kannten, vollkommen offenen Worte. Das erste Mal, dass er nicht einen guten Teil dessen, was er meinte, verschwieg.
    „Nein, nein“, beschwichtigte er, nachwievor sehr ruhig, „natürlich nur, wenn es der Situation angemessen ist. Und diesmal hat es ja gepasst.“ Wieder ein Lächeln. „Na ja, vollkommen identische Ansichten haben keine zwei Menschen“, wandte er dann ein. „Aber darauf kommt es ja gar nicht an. Genau“, nickte er Cimon bestätigend und sanft zu, „es kommt darauf an, wie man damit umgeht.“ Das war alles, was er dazu sagte, denn inzwischen filterte Phaeneas‘ Gehirn sowieso etwas anders. Dass der aurelische Sklave ihn so ansprach, nahm er als völlig selbstverständlich – hier galt: Entweder man nahm’s sich einfach oder man bekam es nie.
    Der Becher in seiner Hand war wieder komplett vergessen und er bemühte sich kein bisschen, wieder mehr Abstand zwischen sie zu bringen, während er selbst- und weltvergessen zu Cimon hinaufblickte.

    Bis inklusive Sonntag bin ich ebenfalls komplett fern des Computers. Aber ich werde hoffentlich inzwischen ganz fleißig per Papier und Stift etwas festhalten, was ich dann am Montag ins Internet stellen kann.

    Dass Cimon leicht näher kam, nahm Phaeneas hin. Damit der Nubier ihn verstand, war diese Bewegung nötig – bei Nähe galt in Hinblick auf Fremde bei dem Bithynier nämlich das Gleiche wie bei Berührungen. Sollte der Abstand zwischen ihnen beiden aber noch weiter aufgelöst werden, würde er deutlich wegrücken und so die Distanz wieder vergrößern. Wenn er etwas zu fürchten gelernt hatte, dann zu viel Nähe und aufdringliche Fremde.
    Cimon schien zu mögen, was er gesagt hatte – ein Glück, dass er ihn von seinem vorherigen abstrusen Gedanken hatte abbringen können. Auch wenn der Bithynier selbst wieder kaum daran glauben konnte – Hauptsache dem, der da neben ihm saß, gefiel es. So lächelte Phaeneas nur.
    Erst lachte Cimon, um dann zu sagen, dass es wirklich schade war – das brachte wieder den vinicischen Sklaven zum Lachen. „Ja, das würde mich auch sehr freuen“, gab er zu. Gemeinsam machte Lesen wirklich viel mehr Spaß.
    Zu was der aurelische Unfreie nickte, da war Phaeneas sich nicht ganz sicher. Als er ihn dann unsicher ansah, versuchte er ein weiteres Mal die Ursache dafür zu ergründen. Ähm, die Frage, ob er müde war, hatte doch nichts Irritierendes an sich, oder? Vielleicht war es auch die Summe dessen, was er hatte wissen wollen und wozu sich Cimon bisher noch gar nicht geäußert hatte.
    Erst ein überraschter Blick, dann eine raue Stimme.
    Die Bemerkung zum Glauben nickte der Bithynier nur noch geduldig ab. „Du weißt es nicht? Hat man dir noch nie mit deinem Tod gedroht, Cimon?“, fragte er dann etwas für ihn vollkommen Alltägliches.
    Als Cimon bestätigte, müde zu sein, lächelte Phaeneas kurz verschmitzt, frei nach dem Motto: ‚Hab ich‘s mir doch gedacht.‘ Die weiteren Worte des Nubiers aber ließen den bithynischen Sklaven stocken. Etwas erstaunt sah er den anderen an.
    Na ja, die Gründe, die jenen zu dieser Bitte bewegten, konnte er einwandfrei nachvollziehen. Und das lenkte ihn gut genug ab, um die Geste unter den Stoff zu übersehen, denn sonst hätte er dem aurelischen Unfreien unlautere Absichten unterstellt und was er nachfolgend sagte, wäre anders ausgefallen:
    „Natürlich kannst du hier irgendwo schlafen“, antwortete er, ein klein bisschen mechanisch. „Während den Saturnalien ist das kein Problem.“ Dabei betrachtete er den in der Tat reichlich müde wirkenden Cimon noch einmal und dachte dann für einen Moment nach. Woraufhin er zu dem Schluss kam: „Du hättest sogar Auswahl: Ich schlafe dort, wo ich das üblicherweise immer tue, das ist ein größerer Raum, in dem mehrere Sklaven nächtigen. Auch wenn die meisten der Dienerschaft während den Saturnalien in der Stadt unterwegs sind, kommen doch fast alle nachts wieder zurück. Doch dort müsste sich sicherlich auch ein Platz für dich finden.
    Du könntest aber natürlich auch hier diesen großen Raum ganz für dich allein haben. Saturnalienluxus.“
    Hier lächelte der Bithynier, wenn er das letzte Wort auch etwas ironisch meinte.

    Na, dacht‘ er sich’s doch. Der einzige, für den sich jemand zu interessieren schien, war der Herr des Hauses. Klar, der war ja auch in die hohe Politik involviert – vielleicht war Wasser doch dicker als Blut. Zumindest wenn man sich mal viele Abhängige – Parteifreunde und Klienten – zugelegt hatte.


    Na, der sympathische Ansuchende würde bald nicht mehr viel Grund für seine gute Laune haben – auch wenn Lichas bedauerte, die zu ruinieren: „Tja, tut mir leid, Herr - dein Patron ist noch unterwegs in seiner neuen Eigenschaft als Curator Rei Publicae. Zuhause ist er also leider nicht. Deinen Besuch wirst du wohl etwas verschieben müssen ...“

    „Willst du das alles hören?!“ So komplett aus dem Zusammenhang gerissen war das schon ein bisschen schwierig zu schildern und für Lucianus zu verfolgen.
    „Na ja, gut. Ich habe ihr geantwortet, dass ich dir seit Beginn deiner Statthalterschaft in Germania gehöre, und habe bestätigt, dass ich deine Briefe schreibe – zu allem, was sie darüber hinaus für sich festgestellt hat, ohne ausdrücklich um Bestätigung zu bitten, habe ich nichts gesagt. Von deiner Frau habe ich von ihrer Leidenschaft für Kleidung, Schmuck und Kosmetik erzählt, dass sie dich üblicherweise auf offiziellen Anlässen begleitet und insgesamt ihre Pflichten als deine Gattin erfüllt. Dass sie sich ihres Standes bewusst ist und es als Herrin gut mit Sklaven meint, wenn man ihr gegenüber ein angemessenes Verhalten an den Tag legt. Schließlich wollte sie von der Perspektive eines Sklaven erfahren“, schloss Phaeneas ab. Dann konnte sie sich so etwas auch anhören ...

    Cimons Anwesenheit, die halb geschlossenen Augen, all das gefiel dem Bithynier nun noch viel mehr als zuvor, wo er jetzt wusste, dass der andere sich darauf freute, wieder mit ihm zusammen zu sein. Wenn er jemanden frisch kennenlernte, versuchte er, jegliche Freude an etwas zu binden, was er im Augenblick ganz sicher hatte und keine zukünftigen Versprechen voraussetzte. Nun – nach Cimons Zusicherung - waren solche Einschränkungen nicht mehr nötig und Phaeneas eröffnete sich auch die Zukunft – er konnte hoffen. Berechtigt hoffen. Und das machte jegliches menschliche Miteinander noch viel schöner.
    Den Durchzug der Tänzerinnen bemerkte er nur am Rande und die Blicke, die Cimon immer wieder über ihre Umgebung wandern ließ, irritierten ihn kein bisschen – und es war ja auch nicht wichtig. Schließlich hatte er ja gerade aus des Nubiers Mund gehört, dass ihm an Phaeneas‘ Gegenwart lag.
    Nachwievor erleichtert lächelnd sah er Cimon beim Trinken zu, erinnerte sich daran eventuell Gleiches tun zu können und nahm einen großen Schluck – des großen Bekenntnisses seinerseits wegen.
    Leicht und beflügelt fühlte er sich und entsprechend unbeschwert konnte er den begeisterten Blick des anderen erwidern – denn der bekräftigte seine Worte noch einmal. Dann musste der Bithynier lachen: „Oh, bitte, Cimon, sei öfter egoistisch!“, bat er zum Spaß und zu seinem Schmunzeln gesellte sich ein ausgelassenes Blitzen seiner Augen.
    Strahlend sah Phaeneas zu dem Nubier auf, als der sich ihm näherte. Besonders ruhig, jegliche Bewegung vermeidend, blieb er stehen und hörte auf seinen eigenen Atem – und auf das, was Cimon sagte.
    „Es ist das einzig Interessante im Leben“, antwortete er. „Das, was in einem den Wunsch erweckt, an einen Ort zurückzukehren. An diesen hier zum Beispiel. Ich bin sehr froh, dass uns mehr verbindet als trennt. Und selbst wenn, keine Differenzen könnten groß genug sein, dass ich sie nicht deinetwegen würde überwinden wollen ... Cimon ...“
    Mit einem sanften Lächeln sah der vinicische den aurelischen Sklaven an; bedachte so dessen schönes Grinsen und ansonsten war sein Kopf momentan vollkommen leergefegt von jeglichen anderen Gedanken.

    ‚Es klopft jemand. Nun denn, dann öffnen wir ihm mal. Wenn da schon jemand klopft.‘ All das dachte sich Lichas, als er sich bemüßigte, zur Tür hinzutreten und sie aufzumachen. Schließlich war der Herr ausgeflogen, um als Curator Rei Publicae den Städten von Italia über die Schulter zu schauen und den Duumvirn auf die Finger zu klopfen. Die ganze Villa war – wie üblich natürlich – bevölkert von Sklaven und von den Herrschaften waren noch die Herrin des Hauses, sowie die Hoffnung des Hauses, deren Nachwuchs.
    Aber der, wegen dem die meisten hier vorstellig wurden, das war nun mal Lucianus und mit dem konnte (noch) niemand dienen.
    Doch wer weiß, vielleicht wartete da draußen ja ein Verwandter Paulinas, der sich ihr und ihren Kindern widmen wollte.
    „Salve, Herr, dein Wunsch wäre ... ?“

    Cimon sagte nichts, nickte nur. Na ja, wahrscheinlich war das die beste Art, um Phaeneas von diesem Thema abzubringen. Also begnügte der Bithynier sich damit zurückzulächeln und auf die Person ihm gegenüber zu vertrauen.
    Er verfolgte den Weg von des Nubiers Hand über die Tunica und wusste nicht recht, was diese Geste jenem bedeutete. Dann erwiderte er dessen Blick. „Das ist Unsinn, Cimon“, antwortete Phaeneas leiser. „Du bist nicht schuld daran. Es ist einfach so. So wie es ist. Aber siehst du, Schuld, da haben wir es schon wieder. Wir haben es uns nicht ausgesucht, unsere Herrn sind in vollem Recht und Fortuna ist die gerechte Richterin selbst. Scheinbar ein System ohne Verantwortliche ... Nur mit solchen, die es betrifft ...“


    Cimons unbeschwertes Grinsen war von der Art, wie man es möglichst aufs Gesicht aller wünschte und besonders denen, die einem nahestanden. Was in letzter Instanz dazu führte, dass Phaeneas es in diesem Moment besonders mochte. Die Verlegenheit zierte den aurelischen Sklaven nur noch mehr. „Nein, wirklich – ich habe nicht oft jemanden, der mit mir liest.“ Außer Lucianus, den der Bithynier noch nicht in diesem Zusammenhang erwähnen wollte. „Meistens bleibt mir, so etwas allein zu tun.“


    Endlich sah Cimon auf und zwar so intensiv, dass Phaeneas im ersten Moment höchst unfreiwillig schwindelte – alles, was auf ihn eine heftige Wirkung hatte, fürchtete er. Erst recht wenn er wusste, was der Grund dafür war. Und wenn sich das dann selbstständig machte ... Selbstbeherrschung, immer wieder Selbstbeherrschung. Egal, was man im Leben tat, es musste kontrolliert sein.
    Aber so oft bewies der Nubier doch, dass er das konnte, wie hatte ihn dann doch noch die Schüchternheit übermannen können? So gefiel es Phaeneas nun wesentlich besser, denn wie gesagt, wenn er schon mit jemandem seine Zeit verbrachte, wollte er auch etwas von Betreffendem haben, und wie sollte er das, wenn jemand seine Augen gesenkt hielt? Außerdem war jemand, der einen nicht ansah, wesentlich unberechenbarer.
    Auch als er sich mit diesem letzten Blick noch einmal versicherte, blickte Cimon ihn immer noch direkt an.
    „Versprechen angenommen“, lächelte der Bithynier. Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie der Nubier sich zurücklehnte.


    Das Lächeln des anderen sah der bithynische Sklave wieder, als er die Augen von den Buchstaben löste.
    „Und siehst du, da steht es, der Glaube an die Götter ist nützlich“, versuchte Phaeneas sofort seine vorhin – Cimon zuliebe – getätigte, von ihm selbst nicht so überzeugt aufgenommene Aussage zu belegen. Auf dessen Einwand hin meinte er dann: „Vor allem ist es ein Geschenk, das nicht jeder einlösen kann. Tolles Geschenk, das nur bestimmten Kreisen zugänglich ist“, kommentierte er sarkastisch.
    „Wie stehst du dem Tod gegenüber, Cimon?“, wollte er nach einem kurzen Moment wissen.
    Weiter hielt er dem Mann neben sich einladend die Rolle entgegen. Dann bemerkte er, wie der sich streckte und entspannter zu atmen begann. Phaeneas stützte seinen Arm auf seinen Oberschenkel und damit sein Kinn ab und betrachtete Cimon schmunzelnd. „Bist du müde?“, fragte er und wusste, dass er diesen Augenblick und diese Worte mehr auskostete, als es eigentlich gut war.

    „Gut“, nickte Phaeneas. „Ach ja“, fiel ihm dann ein, „noch etwas, was dich vielleicht interessieren könnte, Lucianus – als ich einmal bei deiner Schwägerin war, wollte sie wissen, wie lang ich schon für dich arbeite, hat sich zu meinen Aufgabenbereichen geäußert und sich nach dem Wesen deiner Frau erkundigt.“

    Misstrauen. Aus ihren Augen sprach wirklich Misstrauen. Herrje – fast musste Phaeneas schmunzeln. Er sah so oft andere Leute argwöhnisch an, aber er selbst wurde nur selten so betrachtet. Die meisten hatten es nicht nötig. Denn nur scheue Wesen bedachten andere mit misstrauischen Blicken. Solche, die allein auf der Welt waren und dementsprechend hilflos. Wie ein von Jägern umkreistes Tier stand die Fremde da, jederzeit bereit weglaufen zu können – oder in anderer Weise reagieren zu können. Kurz gesagt, wie ein Sklave, der den plötzlichen Launen seines Herrn ausgesetzt war. Vor denen es nur den Schutz wacher Sinne gab.
    Sie musste also ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Phaeneas – ganz gleich, ob als Sklavin oder nicht.
    Wieder reagierte sie wie eine Unfreie. Natürlich, im Notfall – spontan gefragt – war immer alles in Ordnung. Aber wer weiß – vielleicht ging es ihr ja wirklich super und sie war im Grunde genommen in bester Laune. Der Gedanke gefiel dem Bithynier nicht, denn eine rundum zufriedene, glückliche Frau passte nicht in sein Seelenbild.
    Längst hatte er sein Gewicht auf den linken Fuß verlagert. Nachdenklich sah er die Fremde noch an. Sie sah aus wie bestellt und nicht abgeholt - genauso unentschlossen und ... verloren wie Phaeneas häufig.
    Ihre – für den Sklaven überraschende – Frage irritierte ihn. Logisch bedacht war es die Erkundigung, die sich aus seiner folgerte, aber er rechnete – ebenfalls – nie damit, dass sich jemand danach erkundigen könnte, wie es ihm ging. Und vor allem: Wie ging es ihm eigentlich? Er empfand es als ziemlich schwer, darauf eine Antwort zu finden.
    Als die fremde Frau ihre Augen dem Fluss zuwandte, folgte Phaeneas ihrem Blick. Hm, die Möwen gaben dem Ganzen sogar etwas lebendiges ... und dazu noch die Sonne darüber ... Wenigstens die Geräuschkulisse blieb so ruhig und konstant, wie der Bithynier es sich von Wasser erhoffte.
    „Ich denke ja“, erwiderte er, genauso wie sie, verzögert und das noch mit der bei ihm zu erwartenden Einschränkung: „Soweit alles in Ordnung sein kann.“ Nachwievor war sein Gesicht unbewegt, nur die etwas groß wirkenden schwarzen Augen waren aufmerksam auf die ihm Begegnete gerichtet. Dass er genauso verloren in der Landschaft herumstand wie sie, konnte er nicht vermeiden – das begleitete ihn, wohin er ging.
    Was sie weiter wissen wollte, war berechtigt zu fragen. Phaeneas machte eine Kopfbewegung in Richtung Tiber. „Wegen des Tibers.“ Mit völliger Selbstverständlichkeit sagte er das. „Noch nie war ich an einem Ort, wo es ein Gewässer gab, ohne dass es mich nicht früher oder später zu sich gerufen hätte“, führte er langsam aus und wurde dann eine kleine Spur leiser: „Wasser ist ganz anders als Land. Nicht so fest einem Ort zugehörig und dementsprechend nicht an ihn gebunden.“ Das erzählte er ihr, weil es zum einen nichts direkt Gefährliches, also etwas Verantwortbares war und zum anderen durfte sie, die sie so perfekt in diese Szene passte, so etwas erfahren. Es war ihr Sonderprivileg. Das hatte sie einfach nur dafür, was sie war, und dafür, dass sie da war.
    „Du bist auch deswegen hier, nicht wahr? Wegen des Flusses.“ ‚Oder bist du nur beim Einkaufen kurz vorbeigekommen?‘, ergänzte eine sarkastische Stimme in seinem Hinterkopf. Denn das war die Antwort, die Phaeneas nicht hören wollte. Sein Blick ging in die Ferne, über den Fluss hinaus, an ihm vorbei, über ihn hinüber, durch ihn hindurch. Er war gerade ganz der Sehnsucht ergeben. Und es fühlte sich gut an. Angenehm wie sonst nie. Und nichts.

    Na ja, inzwischen war es eigentlich längst so, dass Phaeneas die Leute um sie herum vergessen hatte, sie wurden einfach nur ausgeblendet, genauso wie der Becher gut in seiner Hand lag ohne zusätzlicher Aufmerksamkeit zu bedürfen. Cimon dagegen rangierte bei dem Bithynier, was die Wichtigkeit anbelangte, im Moment ganz oben – dass es je etwas anderes wichtiges gegeben haben könnte, war genauso vergessen wie die aurelischen Gäste. Innerlich jubilierte er, dass er gerade keine Schriftrolle in der Hand hielt, um daraus zu lesen, und ihn deshalb nichts zwang, den Blick von dem Nubier abwenden zu müssen und seine Aufmerksamkeit etwas anderem zu widmen.
    Was sich kurzzeitig in Cimons Zügen abzeichnete, entschädigte Phaeneas dafür, dass er eigentlich gar nicht scharf darauf war dem anderen berichten zu müssen, dass er für die nächste Zeit weg sein würde – und damit den aurelischen Sklaven nicht sehen konnte. Dass der ihm noch eine positive Haltung dazu zu vermitteln versuchte, sprach wieder nur für ihn und sorgte seinerseits dafür, dass ein Lächeln auf dem Gesicht des Bithyniers erschien.
    Was Cimon dann weiter sagte, ließ ihm einen Stein vom Herzen fallen, einen ganz gewaltig großen, wie ihn Phaeneas wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt hatte. Denn jetzt wusste er: Wenn er zurückkam, würde er ohne Probleme Kontakt mit dem Nubier aufnehmen und ihn treffen können! Und (vielleicht sogar noch wichtiger) - der wollte den Bithynier auch gerne wiedersehen! All diese Erleichterung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben und er atmete befreit aus, während ein seliges Strahlen sich seiner Augen bemächtigte. Phaeneas war froh, wirklich so froh. Nein, er war glücklich. Überglücklich.
    Die vorübergehende Stille fiel ihm deshalb nicht auf, denn er war zu sehr damit beschäftigt zu verarbeiten, was in ihm vorging. Nur dass Cimon sich auch etwas zu trinken einschenkte, drang wieder in sein Bewusstsein vor. Das leichte Heben des Bechers beantwortete er und schmunzelte dabei. Selbst zu trinken vergaß er komplett, während er seinem Gegenüber dabei zusah. Als der ihm den Blick wieder zuwandte, befriedigte es ein Gefühl tief in dem Bithynier, das die kurze Zeit des Trinkens über schon nach Stillung verlangt hatte.
    Auch wenn es keine Worte brauchte, brachen die jetzt aus Phaeneas heraus: „Da...darum hab‘ ich dich bitten wollen. Dass ich dich aufsuchen darf, wenn ich zurückkomme.“ Und normalerweise tat er so etwas nicht, dass er von sich aus um jemandes Gesellschaft bat. Erst recht nicht so ausdrücklich und verbal. Es gab manche Dinge, die sprach der Bithynier nicht aus, wenn es nicht sein musste. Aber jetzt musste es. „Danke, Cimon, dass du deinen Herrn gefragt hast.“ Wieder dieses selige Lächeln. „Das ist wirklich toll, was du da erreicht hast! Und weißt du, mich persönlich interessiert das, was ich auf der Reise sehen werde, gar nicht so sehr. Für mich ist es eben nur ein anderer Aufenthaltsort und jeder Ort auf dieser Welt ... unterscheidet sich nur durch die Menschen, denen man dort begegnet ...“ Phaeneas sah Cimon an. Wie von selbst – wenn auch langsam – waren diese Worte über seine Lippen gekommen.

    Nein, mit Dösen wurde es nichts, wie der bithynische Leibsklave bald feststellte, sobald die Kutsche gehalten hatte. Aber eine großartige Herausforderung war es auch nicht. Irgendjemand Zuständigen auftreiben – dass das hier leichter sein würde als in Ostia, durfte man doch mit einiger Berechtigung hoffen. Schließlich war eine funktionierende Stadtverwaltung der Regelfall und das hatten die kleineren Städte vorher ja beweisen.
    Phaeneas nickte also und verschwand, um einen von den beiden erfragten Persönlichkeiten zu finden und Betreffendem zu bestellen, dass sein Herr angekommen war ...

    Bereitwillig setzte sich Phaeneas Cimons Musterung aus, wich ihm nicht aus und blickte geduldig in dessen graue Augen. „Glauben heißt nicht wissen“, gab er dann nüchtern zurück. Bei der Nennung seines Namens erschien ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht. Auch was der aurelische Sklave weiter sagte, sorgte dafür. Es war schön, dass Cimon ihn so durchschaute und sich nicht von dem irritieren ließ, was Phaeneas vorgab zu sein und zu tun. „Du müsstest auf nichts verzichten, wenn du zuerst Risiko in Sicherheit verwandeln würdest. Du musst mich ja nicht meiden, nur weil du es offen hältst, ob du mir eines Tages vertrauen wirst. Vertrauen sollte nicht Voraussetzung für ein gutes Verhältnis sein, sondern der Lohn dafür.“ Trotz Cimons Lächeln war ein Einlenken des Bithyniers nicht absehbar.
    Aber Phaeneas verstand ihn. Schließlich befand er sich gerade in einem von ihm bevorzugten Vier-Augen-Gespräch und er konzentrierte sich, zwar nicht komplett durchgängig, aber insgesamt doch schon seit einiger Zeit auf den Nubier. Und deshalb wartete er ab, um dann – sobald Cimon zu sprechen begann – besonders die Ohren zu spitzen. Weiter war offensichtlich, dass die Wirkung dieser Worte Phaeneas traf wie ein Schlag. Schockiert sah er Cimon an: Schuld - sein? ... Pro di immortales* ... was müsstest du alles anstellen, um all das zu verdienen? Das kann doch niemand. Und vor allem - jeder halbwegs vernünftige Mensch würde doch alles in seiner Macht stehende tun, um Schmerzen zu vermeiden – wenn er nur etwas Einfluss auf sein Leben hätte. Nein. Nein, Cimon, schuld daran sein kannst du niemals. Wer provoziert schließlich schon freiwillig so etwas?“ Häufig schüttelte der Bithynier dazu den Kopf, nein, diese Vorstellung war so ungeheuerlich, so grauslich, das konnte nicht sein.


    Eine Weile lachten sie gemeinsam und Phaeneas grinste Cimon an. Über spitzzüngige Autoren konnte man sich zu zweit einfach viel besser amüsieren als allein. Und jede Pointe zündete wesentlich besser.
    „Genau, so würde ich es auch sehen“, stimmte der Bithynier zu. Auch wenn diese Erkenntnis an seiner eigenen Haltung in dieser Sache nichts ändern würde. Wer schon Schwierigkeiten damit hatte, Menschen zu bitten, wie konnte sich so jemand an Unsterbliche wenden? Noch dazu an welche, die so fern von Phaeneas und all dem schienen, was sein Leben mit sich gebracht hatte. Die so gleichgültig ihm gegenüber zu sein schienen.
    Mit einem leichten Lächeln antwortete er also: „Gern geschehen, Cimon. Danke, dass du sie mit mir liest.“
    Es fiel dem bithynischen Sklaven sehr schwer, sich dem Zauber dieses Augenblicks zu entziehen. Denn der war gerade so berückend schön, dass es Phaeneas mehr zu berühren drohte, als es eigentlich sollte. Schließlich war er noch in der Zurückhaltungs-Phase, in der er sich die Gegenwart des anderen zwar gefallen ließ, aber trotzdem (noch) das vermeiden versuchte, was er am meisten fürchtete: eine emotionale Beziehung. Auch Zuneigung genannt.
    Jedenfalls leuchteten seine Augen genauso wie die des Nubiers und er begann erst langsam zu überlegen, welche Frage da in Cimons Blick lag. Als der jedoch den Kopf senkte, zeigte sich leichte Enttäuschung auf seinem Gesicht und er meinte mit fester Stimme: „Cimon, schau mich an. Wenn ich mit jemandem rede, will ich ihm in die Augen schaun können. Du bist nur ein Sklave, ich bin nur ein Sklave, da müssen wir – glaub‘ ich – keinen so großen Aufwand um einander betreiben.“ Die Schriftrolle nahm er aber trotzdem aus des Nubiers Händen und mit einem letzten Blick auf ihn suchte er wieder seinen „Einsatz“: „ ... Dabei ist jedoch ... der Glaube, dass die Götter sich ... um die menschlichen Angelegenheiten kümmern ... , nützlich für das Leben ... , sowie dass die Strafen ... für Missetaten zwar ... manchmal spät kommen ... , da die Gottheit von so ... gewaltiger Last ... in Anspruch genommen wird, niemals aber wirkungslos sind und dass der Mensch ihr nicht deshalb ... als nächstes Wesen geschaffen worden sein soll ... , um in seiner Armseligkeit neben den Tieren zu stehen. ... Für die unvollkommene Natur im Menschen aber ist es der größte Trost ... , dass auch für die Gottheit nicht alles möglich ist ... – denn sie kann sich nicht selbst töten, selbst wenn sie es auch möchte ... , was sie dem Menschen als bestes Geschenk“ - Phaeneas verzog das Gesicht – „in den so großen Mühen seines Lebens gegeben hat.“


    Sim-Off:

    * Bei den unsterblichen Göttern.

    Den Gästen und besonders Avarus schien es zu schmecken. Das würde Phaeneas nachher Berenice und den anderen in der Küche erzählen, schließlich war es ein Kompliment auf ihre Fähigkeiten und besonders die langjährige Köchin freute sich immer besonders, wenn ihre Künste gut ankamen. Demnächst wollte – musste - sie nämlich in der Culina kürzertreten (sie war auch nicht mehr die Jüngste) und jedes Sandkörnchen, das bis dahin noch durch irgendeine Sanduhr hindurchrieselte, musste ausgenutzt und genossen werden.
    Während die Herren speisten, kehrten von Zeit zu Zeit aufmerksame Geister die auf den Boden geworfenen Reste zusammen, möglichst ohne im Weg umzugehen.
    Und zuletzt wurden aus den sechs Augen acht, sobald Lucianus‘ Schwägerin diese Angelegenheit mit ihrer Anwesenheit beehrte.


    Prompt begab sich Phaeneas zum Imus Lectus, der Kline des Hausherren und dessen Familie, und schüttelte dort am freien Platz, der Petronilla bestimmt war, die Kissen zurecht. Genauso wie vor Beginn des Abendessens alle Kissen zurechtgeklopft worden waren.

    Sie konnte es kaum erwarten, na gut. Phaeneas nickte und nahm dann ihre weiteren spontanen Ausführungen auf. Ein weiteres ‚Na gut.‘ formte sich in seinen Gedanken. Die bequeme, unkomplizierte Aufgabe eines Sklaven war es, einfach nur zu übermitteln, was einem aufgegeben wurde. Was er damit anfing, musste der Empfänger entscheiden. Allerdings bestand bei Nachrichtenüberbringung die Gefahr, als Mittel zum Verärgerung- oder Enttäuschungablassen benutzt zu werden. Aber in der Gefahr schwebte ein Unfreier ja fast immer. Nur Phaeneas bei Lucianus nicht. Der hielt wie ein schützendes Schicksal seine Hand über den Bithynier.
    Ein weiteres Mal nickte er also und begab sich, auftragsausgestattet, zu seinem Herrn.

    Wie ziemlich oft in letzter Zeit wanderte Phaenaeas von Petronillas Cubiculum zu Lucianus‘ Arbeitszimmer, um wiedermal eine Botschaft zwischen beiden hin- und herzutragen. Erneut war es eine erfreuliche, nämlich eine Zusage.
    „Deine Schwägerin meinte wortwörtlich, sie könne es kaum erwarten, dich als Curator zu begleiten. Außerdem wollte sie dich wissen lassen, dass sie für die Reise keinen passenden Umhang hat.“ Schlicht nur so übermittelte der Sklave ihren Wunsch.

    Zu seinen Ausführungen bezüglich Lucianus‘ Gattin hatte sie keine weiteren Fragen, nichts schien ihr zu allgemein oder unvollständig zu sein. Auch nicht schlecht. Wenn jemand bei einem solchen Verhör einmal so genügsam war.
    Als Phaeneas schließlich erkannte, dass er entlassen war, war er innerlich erleichtert, denn das bedeutete, dass er ihre Fragen gut überstanden und nichts in der Richtung von zu viel geantwortet hatte. „Wie du wünschst, Herrin“, bestätigte er also und überließ sie im Weiteren ihrer Bürste.

    Für den Bithynier war Misenum eine Stadt wie etliche andere. Auch Rom war nur eine deutlich vergrößerte Version davon, ansonsten lief es auf das haargenau Gleiche hinaus. Wenn man mal davon absah, dass Phaeneas hier als einzig vertraute Seele Lucianus hatte ... und es in der urbs aeterna noch Cimon gäbe ... Etwas unentschieden schwankte er dazwischen, sich zu verbieten daran zu denken und sich eigentlich doch sehr gerne an den Nubier zu erinnern. Vorübergehende Trennungen machten Phaeneas immer nervös. Zu oft war es ihm passiert, dass er jemanden nie wieder gesehen hatte.
    Im Moment musste der bithynische Leibsklave zugeben, dass er müde war. Das kam selten genug vor, fiel er doch beim zu Bett gehen meist sofort in einen tiefen, schwarzen Schlaf, der ihm die nötige Kraft für den Tag gab. Bestimmt würde er bei Lucianus‘ curatorischen Angelegenheiten weiter vor sich hindösen können ... Sah ja keiner.

    Phaeneas war der gute Mann selbst komplett egal. Er konnte nur Schlamperei nicht ausstehen (schließlich war er seit Kindesbeinen auf mit perfektionistischen Maßstäben gemessen worden) und wie manche die Möglichkeiten ihrer Situation ausnutzten, das kannte er aus langer Erfahrung mit vielen verschiedenen Sklavenhaushalten und ebenso vielen verschiedenen Unfreien. Ein Punkt, in dem er nicht aus seiner Haut kam – schließlich hatte diese Sache hier ja nichts mit ihm zu tun - , dass er trotzdem sofort wach und aufmerksam bei einer möglichen Ungereimtheit und dementsprechend Gefahr reagierte.
    Trotz allem blieben seine schwarzen Augen ausdruckslos, wenn man davon absah, dass sie fast immer ein bisschen kalt und abweisend aussahen. Und teilweise sogar leicht arrogant. Vor allem, wenn er gerade in der Rolle des souveränen Sklaven war.
    Glücklicherweise wurden die Ausführungen des Beamten aber plausibler, je länger er erklärte. Wenn er das gleich von Anfang an so erzählt hätte, wäre alles klar und kein bisschen irritierend gewesen.
    Als er von der Miete berichtete, die er nicht zu bezahlen im Stande war, wurde es fast rührend. Auf Lucianus‘ Aufforderung hin, begann der Leibsklave nach 40 Sesterzen zu kramen. Sobald er sie zusammen hatte, trat er – respektvoll – auf den Mann zu, um ihm das Geld zu reichen. Seinem Herrn wäre er nie so förmlich gegenübergetreten – wenn sie unter sich waren.
    Schließlich beendete Lucianus das Gespräch und sie ließen die politische Verwirrung der Stadt Ostia hinter sich. Möge der Beamte bis zu ihrem nächsten Besuch in der Lage gewesen sein, durch Wahlen wieder Ordnung herzustellen.