Beiträge von Phaeneas

    Obwohl das Atrium der Villa Vinicia wie alle anderen Domus ein Compluvium hatte, kam nichts der schlechten Luft auf den Straßen Roms in die noble Senatorenresidenz. Nur ein wenig nach Winter roch es, befand zumindest Lysias. Nur in Germania hatte der Schnee diesen Eindruck noch verstärkt.
    Ihm folgte der patrizische Traum- äh, Stimmfänger Flavius Piso, der nun Gelegenheit bekam, zumindest diesen Raum ganz genau inspizieren zu können, wenn ihm schon der Anblick des Vestibulums nur flüchtig vergönnt gewesen war (auch wenn Lysias sich bemüht hatte, gemessenen Schrittes voranzuschreiten).
    „Ich werde nun mit meinem Herrn Rücksprache halten, Flavius, ob er Zeit für Gäste aufbringt. Bis dahin mach es dir bitte auf diesem Triclinium* hier bequem.“ Er deutete auf Angesprochenes und ließ es sich nicht nehmen, ansprechend ein Kissen zurückzurücken. Wie für ihn üblich mit leichtem Schalk in den Augen.
    „Einen Moment!“ Mit diesen Worten drehte der Sklave sich um und ließ den begnadeten Lyraspieler zurück. (Wie gut nur, dass er nicht für ein Vorsingen bei Lucianus vorsprach!) Ja genau, Lucianus, zu dem ging Lysias nämlich.


    Sim-Off:

    * im Sinne von drei Klinen

    Die Zeit, bevor sich der vor der Tür Stehende durch Klopfen bemerkbar gemacht hatte, hatte Lysias damit verbracht, auf die wie üblich luxuriöse Einrichtung allein schon des vinicischen Vestibulums zu starren (und dabei wie meistens leise vor sich hinzupfeifen). Die reichen Malereien an Wänden und Decke. Das Mosaik zu seinen Füßen. Und dazu kam noch das Wissen darum, was weiter drinnen im Gebäude wartete. („Aber immer geschmackvoll!“) Für Lysias war dieser Einrichtungsaufwand nur dazu da, um Vasen und Statuen zum Abstauben zu haben. Immer alles lässig nehmen.
    Lysias‘ Leben definierte sich durch ganz andere Dinge als die, die das öffentliche Leben seiner Herrschaften bestimmten. Zum Beispiel seine klasse Freundin. Oder die Sache mit Evanoridas letzten Sommer.
    Lysias‘ Sommersprossen tanzten auch jetzt im Winter noch auf seinen Wangen und mit etwas Fantasie hätte man auf seinem braunen Haar einen rötlichen Schimmer vermuten können, als er die Porta der vinicischen Behausung aufzog.
    „Salve, Herr, du bist und du wünschst?“ Lysias musterte kurz den in den Mantel Gehüllten. Dafür, dass der Betreffende selbst klopfte, sah er aber ganz gewaltig gut gekleidet aus. (Vom restlichen Aussehen ganz zu schweigen.)

    Dachte er sich’s doch, dass da an jemandem eine elementare Information vorbeigegangen war. Aber umso froher war Cephalus, dass die Sache sich jetzt aufgeklärt hatte. (Nachdem er schon so überrumpelt worden war.) So konnte er nur gutmütig nicken und dem Decemvir litibus iudicandis vor ihm aus tiefstem Herzen verzeihen - ‚Wir sind schließlich alle nur Menschen!‘
    „Das ist doch kein Problem, Herr, das kann einem immer leicht passieren. Vale, Herr, und einen schönen Tag noch!"
    Außerdem war sowas wesentlich spannender als das ewige „Wen möchtest du sprechen?“ „Den Hausherrn.“ „Komm bitte herein.“. Das lockerte so eine Beschäftigung als Türöffner noch fast auf.

    Kaum saß der aurelische Sklave auf seinem Hocker, da begann er auch schon von der Sklavenkammer zu schwärmen. Es hörte sich wirklich rührend an, was er da so sagte. Und vor allem bei der Stelle mit dem Teilen und Geschenk musste der Bithynier arg an sich halten, um innerlich nicht zu sehr berührt zu werden. ‚Immer vorsichtig bleiben, immer vorsichtig‘, sprach seine innere Stimme ihm kontinuierlich vor.
    Trotzdem freute er sich eigentlich, dass Cimon hier mit ihm in diesem Zimmer war und ihm Gesellschaft leistete.
    „Nein, eigentlich nur an den Saturnalien“, erklärte Phaeneas. „Sonst bin ich meistens beschäftigt und halte mich allgemein einfach woanders auf. Das bringt der Alltag sonst so mit sich.“
    Was man beim Öffnen des Geschenkes auf Cimons Gesicht hätte lesen können, ging gerade relativ an dem Bithynier vorbei, denn der war im Moment mit sich selbst beschäftigt.
    ‚Du hättest mir alles schenken können, ich hätte mich gefreut!‘, antwortete er Cimon in Gedanken – sprach es aber selbstverständlich nicht aus. Dafür sprach das warme Braun seiner Augen deutlich für sich.
    „Du siehst ja, ich kann es gleich brauchen“, fügte er noch zur Bestätigung an und wies auf die auf dem Tisch liegenden Wachstafeln. „Wieso sollte es unangemessen sein?“
    Schließlich folgte er Cimons Blick auf die Schriftrolle. „Natürlich darfst du fragen, was ich da lese. Es ist Plinius‘ Naturkunde“, erläuterte er dann weiter. Herrje, langsam wurde der Zeitraum zwischen den Worten des anderen sehr eng. Was er dann aber hörte, ließ ihn seine Ohren spitzen. „Dann mögen wir sehr ähnliche Dinge“, bekannte er daraufhin freimütig. Schließlich ging es nur um literarische Vorlieben und um nichts dramatischeres. „Dieser Text hier“ – er deutete auf Plinius – „handelt unter anderem auch von den Göttern. Womit ich mich in diesem Zusammenhang noch gern beschäftige, das ist Philosophie. Und ich mag allgemein Logisches - wenn sich aus einer Sache Weiteres ergibt.
    Aber im Moment bin ich insgesamt noch etwas überfordert, mit dieser Fülle an Geschriebenem, der ich gegenüberstehe ...“

    Das ‚gerade‘ veranlasste den Bithynier dazu, eine Frage anzuhängen: „Welche fremden Sprachen kannst du denn?“
    Phaeneas sah innerlich verblüfft dem zu, was da gerade mit Cimon passierte. Er dachte an den Sklaven mit der ruhigen, fast steinernen Miene zurück, der am anderen Ende des Atriums gestanden hatte, und verglich ihn mit diesem hier. Das Durchatmen und der trotzdem freudige Ausdruck der Augen lösten etwas in ihm und ließen in Folge ein wohliges Gefühl der unbeschwerten Freude aufsteigen. In der Tat, der Enthusiasmus war Cimon anzusehen und Phaeneas genoss es.
    „Mir tut es gar nicht leid“, erwiderte er dementsprechend in beinahe schamloser Offenheit. „Es ist doch nur gut, wenn es etwas gibt, das dich begeistern kann.“ Keine Selbstverständlichkeit in des Bithyniers Augen.

    Routiniert hörte der Sklave, der geöffnet hatte, dem zu, der sich als Decemvir litibus iudicandis vorstellte. In- und auswendig kannte er längst sämtliche Sprüche, die man als Ianitor so an der Porta zu hören bekam, und hörte infolge dessen manchmal fast gar nicht mehr wirklich zu. Na klar, wenn sollte der schon wollen, hier lebten der Hausherr, seine Gattin, ihrer beider Schwägerin und zwei Babys, da gab es nicht viel Auswahl.
    Als der Besucher also zu „mit Senator ...“ kam, war für Cephalus längst offensichtlich, dass Lucianus der Erwünschte war. Fast wollte er schon zu einem „Der ist zu sprechen. Folge mir bitte!“ ansetzen, da klang „Hungaricus“ an seine Ohren.
    „Ähm, Herr, Vinicius Hungaricus lebt derzeit nicht in dieser Villa. Er ist Statthalter von Germania und residiert in Mogontiacum im dortigen Statthalterpalast“, korrigierte und informierte er den Octavier also erst einmal etwas überrascht.

    Als Cimon losprustete, irritierte er Phaeneas. „Was soll daran lustig sein?!“, fragte der Bithynier daraufhin.
    Während sein Gegenüber auch zugriff, nahm er noch einen Schluck aus seinem Becher. Schnell stellte er selbigen dann weg, als Cimon ihm von den übrigen Dingen anbot, die die Köchin ihnen überlassen hatte – wobei sein „Gastgeber“ wieder jeden freien römischen Gastgeber neidisch werden ließ. Dankend und zurücklächelnd nahm er Brot und Käse entgegen und beschäftigte sich mit beidem, während er den erbetenen Ausführungen des anderen Sklaven lauschte.
    „Ja, stimmt, lieber Saft als scheußliches Wasser“, stimmte er verstehend zu. Wo doch gerade Wasser in reinem, klarem Zustand etwas so wunderbares war ... und Phaeneas ohne eben solches unmöglich überleben könnte.
    Das tendenziell eher unangenehme Thema unterbrach Cimon, indem er grinsend seinen Saft hob und bekanntgab, worauf sie anstoßen wollten. Na gut, letzteres war vielleicht eine etwas saloppe Äußerung, aber insgesamt war es doch relativ harmlos gehalten. (Und vor allem sah Phaeneas das ganz genauso wie er.) Trotzdem schien der aurelische Sklave sich wieder auf ein Parkett bewegt zu haben, auf dem er nicht ganz sicher war.
    „Also auf einen kurzen Abend brauchst du dir, glaub‘ ich, keine Hoffnungen zu machen“, dämpfte der ewig realistische Phaeneas, dabei nachwievor bemüht, es scherzhaft in ihren bisherigen Dialog einzureihen.
    „Nun denn, auf diesen Tag, den Abend und die Eheschließung.“ Auch wenn den Bithynier mit letzterem nicht viel (genauer gesagt gar nichts) verband. „Und auf diese Küche“, fügte er noch an.

    Wieder stutzte Cimon. Bei allen Göttern, jetzt hatte Phaeneas ihn schon wieder verwirrt. Was musste er seine Scherze auch immer so ironisch gestalten, nicht jeder konnte mit diesem gutgemeinten Spott etwas anfangen. Als der andere abwinkte, atmete der Bithynier erleichtert auf und lächelte ihm zu.
    Cimons Zucken dagegen brachte Phaeneas aus dem Konzept. Er wusste nicht recht, was im Kopf seines Gegenübers vor sich gehen mochte. War er wieder ironisch gewesen? Vorsichtshalber setzte er hinzu: „Dann hast du wirklich nichts verpasst, die Saturnalien sind sowieso nur ein kurzzeitiges Vorspiegeln falscher Tatsachen.“ Wenn auch etwas leiser und hörbar betreten. Und in Folge dessen sprach er auch etwas schneller als sonst.
    „Das beruhigt mich meinerseits, dass du auf kein ausdrückliches Geschenk bestehst“, erwiderte Phaeneas das Lächeln.
    „Ach ja, genau, Verrückte und Sklaven des Hauses, ja, das sollten wir vielleicht“, erinnerte er sich dann.


    Cimon mochte die Saturnalien auch nicht. Das bereitete dem Bithynier nicht unbedeutende Freude, jemanden gefunden zu haben, der dieses Fest genauso kritisch sah wie er selbst. Na ja, gut, es gab viele Unfreigeborene, die die Saturnalien nicht mit ihrem Lebenssinn vereinbaren konnten, aber die behielten das meistens aus taktischen Gründen für sich.
    Phaeneas war glücklich, in diesem Moment und hätte er darüber nachgedacht, wäre er am Ende in Zweifel darüber geraten, ob es klug war, glücklich zu sein. Aber Cimon zauberte so schnell ein Lächeln auf seine Lippen, da blieb ihm schlicht nichts anderes. Und genau gleiches passierte gerade wieder durch Cimons neuerlichen Scherz:
    „Nein, natürlich nicht“, grinste Phaeneas zurück.
    Komm, wir gehen rein, dann öffne ich dein Geschenk.“

    „Gleich haben wir es geschafft“, bemerkte Phaeneas mit einem Zwinkern, nachdem er Cimon schon eine Zeit lang durch die Villa geführt hatte. Es ging merklich in den hinteren Teil des Hauses, in den Wirtschafts- beziehungsweise Sklaventrakt. Dort ließen sie auch die vorderen Türen unbeachtet hinter sich und erst eine Porta weiter hinten schob der Bithynier auf und trat mit dem aurelischen Sklaven gemeinsam ein. „Hier habe ich die letzten Tage verbracht“, erklärte er, in den Raum weisend. „Das ist sonst eine leerstehende Sklavenkammer. Hierher verirrt sich zum Glück nur selten jemand, auch während den Saturnalien.“
    Ein kleiner Hocker stand an einem ungefähr genauso kleinen Tisch und Phaeneas zog noch einen weiteren Hocker dazu. „Setz dich, Cimon“, meinte er und dabei schob sich wieder ein Lächeln auf sein Gesicht. Auf dem Tischchen lag neben anderem Schreibzeug eine aufgerollte Schriftrolle, in der offensichtlich gelesen worden war. Für irgendetwas musste er die Saturnalien schließlich nutzen und so ziemlich das einzige Sinnvolle, was er unter solchen Bedingungen tun konnte, war, sich im Vorlesen verbessern. Denn das war noch immer kein bisschen so, wie Phaeneas sich das vorstellte.
    Nachdem er sich selbst gesetzt hatte, nahm er das in Tuch eingeschlagene Geschenk auf seinen Schoß und wickelte das drin befindliche, längliche aus. Ein Stilus kam zum Vorschein, ein normalgroßer Stilus inmitten von dem Material, in dem er verpackt gewesen war, lag jetzt vor dem Bithynier.
    Er rechnete grundsätzlich kein bisschen damit, mit einem Geschenk bedacht zu werden. Es lag absolut jenseits Phaeneas‘ Erwartungshorizont, dass jemand anlässlich eines solchen Festes oder sonst irgendwann an ihn dachte.
    Cimon hatte an ihn gedacht. Er hatte beschlossen, ihm etwas zu schenken, war wegen ihm losgezogen, um etwas zu kaufen, und hatte für ihn diesen Stilus ausgesucht. Cimon schien ihn schon so sehr in sein vertrautes Umfeld aufgenommen zu haben, dass er ihm an den Saturnalien sogar ein Geschenk brachte. Im Anblick dieser Erkenntnis war Phaeneas zutiefst gerührt und bewegt.
    „Danke, Cimon“, war dementsprechend alles, was er sagen konnte, um rüberzubringen, wie er sich fühlte.

    So oft im Leben hatte Phaeneas irgendwo gewartet, da ließ sich dieses Mal zusätzlich leicht aushalten. Und vor allem hatte er meistens alleine gewartet oder schweigend neben jemand anderem, denn – während er im Dienst war, redete ein Sklave möglichst nicht. Und jetzt genoss er auch noch Cimons charmante Gesellschaft. Das machte die Sache sogar direkt angenehm – aber das hätte der Bithynier niemals ausgesprochen.
    Dem aurelischen Sklaven schien es dagegen wichtig zu sein, dass die ebensolche Köchin bald fertig wurde, - klar, es war ihm peinlich, Phaeneas warten zu lassen - , während der die Coqua, genauso wie zuvor die beiden Orientalen, nicht so wirklich beachtete.
    „Nein, wahrlich nicht. Wir könnten jetzt auch in Germania, im tiefsten Winter, vor einem Geschäft, also mitten auf der Straße, mit den Füßen kniehoch in Schnee warten.“ Dabei grinste er, in Anlehnung an ihr erstes Gespräch. Dann verwandelte sich sein Gesichtsausdruck in ein leichtes Lächeln und seine Stimme wurde ein wenig leiser: „Nein, es ist eine sehr friedliche und ruhige Küche, besser hätten wir’s wirklich nicht treffen können.“
    Auf das Schnalzen der Köchin hin und Cimons Reaktion darauf achtete der Bithynier erst einmal wieder stärker auf den anderen Sklaven, dann auch auf die Sklavin. „Danke“, erwiderte Phaeneas sofort derjenigen, auf die das vor ihnen Stehende zurückzuführen war.
    Was dann im Folgenden zwischen den beiden Aurelischen vor sich ging, konnte er nicht recht benennen. Aber da der Schwarze dabei weiterhin gutgelaunt aussah, machte sich Phaeneas darüber keine weiteren Gedanken mehr.
    Cimons Aufforderung ließ ihn mit einem sich bedankenden Nicken einen Becher nehmen. „Aha. Das stört mich nicht“, schüttelte er dann lächelnd den Kopf. „Wenn ich keinen Wein trinken will, nehme ich zwar meistens Wasser, aber gegen Saft habe ich auch nichts.“ Also nahm er einen Schluck und na ja, meine Güte, es war eben Saft. So nickte er und bestätigte: „Es schmeckt wirklich gut“ – aber ohne übermäßiges Entzücken zu zeigen.
    Nach diesem Probierschluck richtete er dann noch eine interessiert-neugierige Frage an Cimon: „Du trinkst also meistens Saft?“

    „Sicherlich“, bestätigte Phaeneas (mit einem typisch leicht ironischen Zug um den Mund, der bei ihm fast immer automatisch mit diesem Wort verbunden war).
    Ohne jeglichen Kommentar nahm er den Beutel entgegen und verstaute ihn.
    „Nun denn“, schloss er letztendlich, „dann kümmer ich mich mal darum. Dir noch viel ‚Spaß‘, Lucianus.“ Damit überließ er Betreffenden wieder seinen zehntausend wichtigen Papieren.

    In der Küche herrschte wie zu erwarten ein großes Gewimmel, sämtliche Sklaven drängten aus und ein und kümmerten sich um das, was im Triclinium bei den vornehmen Herrschaften noch fehlte. Cimon machte sich auch prompt in dieser Umgebung nützlich und es war erstaunlich, wie einfach und spontan er sich in diesen summenden Bienenschwarm einfügte. Trotzdem wäre es Phaeneas lieber gewesen, wenn dessen Aufmerksamkeit dauerhaft bei ihm geblieben wäre. Da sich an der Situation aber erst einmal nichts ändern ließ, nickte er nur, sobald der aurelische Sklave wieder bei ihm war und ihm die momentane Lage nahebrachte, nickte bemüht optimistisch und unkompliziert.
    Dann hatte die Köchin wirklich Gelegenheit, sich um ihrer beider Anliegen zu kümmern – und teilte ihnen mit, dass sie noch einmal warten sollten. Währenddessen machte sie sich schon geschäftig daran, das Angeforderte herbeizuschaffen.
    Mit einem gelösten Lächeln – weil sich seit Betreten der Culina nicht viel für sie geändert hatte – befolgte Phaeneas Cimons Rat und ließ sich nieder. Sobald der andere auch noch zu ihm kam, lachte der Bithynier ihm schon entgegen.
    „Aber nein, Cimon, das ist doch völlig selbstverständlich, dass die Herrschaften vorgehen! Ich finde es auch gar nicht unangenehm, hier noch etwas zu sitzen.“ Damit versuchte er ein weiteres Mal, den entschuldigenden und bedauernden Ausdruck von Cimons Gesicht zu wischen. „Genau, genießen wir die Ruhe, draußen wird uns wieder der Trubel erwarten. Außerdem“ – und an dieser Stelle schmunzelte Phaeneas wieder – „müssen wir uns dafür im Vergleich zu gerade eben auch kein bisschen umstellen. Jetzt, wo wir uns schon so gut ans Warten gewöhnt haben ...“ :]

    „Stimmt, das sollte man, zumindest versuchen“, lächelte Phaeneas und erwiderte damit die Art, wie Cimon ihn ansah. Dann wurde dessen Gesicht plötzlich ernst und der Bithynier betrachtete ihn teils verschmitzt teils prüfend. Es war der Versuch, ihn doch noch zum Lachen zu überreden. Nichts konnte den Lucian’schen Leibsklaven in dieser Situation noch dazu bringen, tiefliegendere Gründe für diesen Ausdruckswechsel zu suchen.
    Als der Bithynier dann das „bester Phaeneas“ hörte, rutschte ihm erst einmal das Herz in die Hose. So tituliert zu werden, war er wahrlich nicht gewöhnt. Dazu war er noch ein weiteres Mal geneigt, sich vor Augen zu rufen, misstrauisch zu sein - aber es siegte etwas anderes:
    „In der Tat. Das tue ich“, antwortete er, während das Lächeln auf seinen Lippen noch eine Spur sanfter wurde.
    Außerdem – auch wenn er von Anfang nett zu Cimon gewesen war, außergewöhnlich nett, unverzeihlich nett, und ihn - noch schlimmer - nett gefunden hatte, seit er da am anderen Ende des Atriums gestanden war, beobachtete er das Ganze ja immer noch mit wachem Verstand und untersuchte jede Kleinigkeit, die in ihrem Beisammensein auftauchte, nach möglichen Gefahren. Das konnte man ja auch, ohne distanziert und abweisend zu sein – oder?
    Sogar die Erwähnung von ‚Beute‘ fand Phaeneas in diesem Zusammenhang lustig.
    „Ja, schau‘n wir mal“, schmunzelte er deshalb. Den anderen zweien warf er nur einen kurzen, beiläufigen Blick zu, als Cimon sich an sie wandte, und machte sich dann mit ihm auf, zur Essensbeschaffung.

    „Vielleicht sollte ich das einmal dezent anregen ...“, überlegte der Bithynier immer noch.
    Dann schüttelte Phaeneas den Kopf: „Keine Sorge, Lucianus, für mich ist es kein saurer Apfel. Den größten Teil der Sache übernimmt ja sie“, schmunzelte er, „indem sie mir beim Aussuchen hilft. Denn das alleine zu versuchen, wäre bei mir wirklich absolut aussichtslos.“

    Bei allen Göttern und Göttinnen. Was Sermo da aufzählte, ließ Phaeneas erst einmal leicht sprachlos zurück. Die meisten Leute einer Gesellschaftsschicht, in die sein Gegenüber sowieso nicht gehörte, waren froh, so lesen und schreiben zu können, dass es für das Notwendige reichte. „Du ... du hast also vor, in die Politik zu gehen?“, fasste er – noch etwas erschlagen - zusammen.


    Sobald Sermo die Becher gefüllt hatte, nahm der Bithynier sich einen davon. „Prosit. – Es möge nützen“, erwiderte er den Spruch seines Gegenübers und nahm ebenfalls einen Schluck, wenn auch einen sehr kleinen. Der meiste Wein war ihm zu wenig stark verdünnt; wenn er später dieses Lokal verließ, würde sein Becher immer noch nicht vollends geleert sein.
    Als Sermo stutzte, fixierten ihn Phaeneas‘ Augen wieder, verfolgten aufmerksam, was da kam. Auf seine Sorge hin lachte der Bithynier kurz. Es wirkte nicht sonderlich fröhlich. „Wovon grob du erzählst, weiß ich natürlich, aber ich bin ehrlich gesagt ganz froh, nicht übermäßig genau zu wissen, was sich im Detail hinter diesen Begriffen verbirgt.“
    Eine gewisse Bildung. Wieder hätte Phaeneas fast gelacht, aber diesmal behielt er seine Amüsiertheit für sich. Mit genau dieser belustigten Haltung erwartete er Sermos Vermutungen zu seiner Bildung. „Ja, auf Lateinisch“, nickte er. Gereist, ja, in Italien auf und ab und einmal war er nach Germania gebracht und von dort wieder zurückkutschiert worden. „Geographieverständnis nicht wirklich“, warf er deshalb ein. Auf den letzten Punkt hin führte er aus: „Was heißt hier ‚nur‘ Haussklave, Haussklave ist nicht gleich Haussklave. Das mag bei Feld- oder Mienen- oder Bergwerkssklaven so sein. Aber vom Latrinenputzer bis hin zum Vertrauten des Herrn arbeiten alle im Haus und sind in Folge dessen Haussklaven. Außerdem“, fügte er noch an, „habe ich es als wesentlich wichtiger erlebt, über das Leben an sich Bescheid zu wissen.“
    Sermos Bitte hatte sich inzwischen schon längst als angebracht erwiesen. „Sicherlich“, bestätigte der Bithynier. „Ich werde mich melden, sollte es dazu kommen.“ In Ordnung. Wie seltsam das klang. Ordentlich. War die Welt in Ordnung? Er wusste es nicht. „Spätestens in der Politik wirst du von so einem Redefluss ganz klar profitieren“, grinste Phaeneas breit. Aber auch das wirkte wieder stark ironisch.

    Der Schritt beiseite störte Phaeneas, der die beiden anderen Sklaven nachwievor ignorierte, kein bisschen. Im Gegenteil, dadurch erschien ihm die Unterhaltung mit Cimon ungestörter. Was ihn dagegen leicht beunruhigte war die Schnelligkeit, mit der der schwarze Sklave die Becher der zwei nachfüllte. Mehr als einen einzigen Becher Wein hatte er nicht vor zu trinken, weshalb er sich den, den er in der Hand hielt, angemessen einteilte. Aber im Allgemeinen war sein Reaktionsvermögen auf schnelle Aktionen hin sehr verlangsamt, weshalb sich die Frage stellte, ob er schnell genug würde protestieren können, wenn sein Gegenüber vorhatte, ihn zu gut zu umsorgen.
    „So etwas kann passieren, Cimon“, versuchte er den Ausdruck in dessen Augen zu beschwichtigen. „Man kann nicht alles ahnen.“ Auch wenn es als Sklave den Herrschaften gegenüber nicht ungünstig war.
    Aber prompt erschien wieder ein Lächeln auf des Aurelischen Gesicht. Leise wurde seine Stimme. Auf die Verbesserung des Lebens sagte der Bithynier nichts; sein Leben war weder gut noch schlecht, also konnte man daran nichts drehen oder wenden. Doch war nicht zu übersehen, dass Cimon bei der Sache immer noch unsicher zu sein schien – so ergänzten sie sich gut, ein jeder war einmal bei etwas gehemmt, wo für den anderen nichts groß dabei war. Trotzdem kam Phaeneas nicht umhin des Scherzes halber zu schmunzeln. Es war das erste Mal, dass er höchstpersönlich selbst auf so ein Fest eingeladen wurde – nicht nur indirekt über seine Herrschaften. „Dann danke ich dir für deine Gastfreundschaft, Cimon“, nickte der Bithynier leicht schelmisch. „Bisher kann ich nur das beste über sie sagen.“
    Was ihm außerdem stark ins Auge fiel, waren zuerst Cimons wandernde Augen, dann wie er den Kopf nach den beiden anderen umdrehte. Hm, zugegebenermaßen waren deren Stimmen eigentlich deutlich vernehmbar. Nur hatte der bithynische Sklave das bisher, während er mit dem aurelischen Custos Corporis geredet hatte, nicht auch nur annähernd wahrgenommen. Infolgedessen war es verständlich, dass Cimon sich Gedanken um die zwei machte. Was Phaeneas aber in seinen Augen erblickte, als er sich ihm wieder zuwandte, damit hatte er doch nicht gerechnet, sah er doch erst etwas durcheinander aus. Dann glaubte er, einen freudigen Ausdruck aus des Aurelischen Gesicht zu lesen. Für den Bithynier war kein bisschen nachvollziehbar, was gerade eben in dem anderen Sklaven vorgegangen sein musste. Dazu, auch nur annähernd und dezent nachzufragen, kam er allerdings gar nicht mehr, denn dazu wurde er viel zu sehr von dem gefesselt, was Cimon ihm dann signalisierte, bzw. mehr, wie er es tat. Er war wirklich ein Meister der Mimik und er bannte Phaeneas damit jedes Mal wieder!
    Daraufhin unterbreitete er ihm das Angebot zu einem Abendessen. Wenn der Leib- und jetzt Begleitsklave nachts mit seinen Herrschaften heimkehren würde, würde er sicher nichts mehr bekommen. „Ja, das haben wir ganz sicher“, bestätigte er noch, mehr rhetorisch, Cimons Einstieg. „Ich würde gerne noch etwas essen. Warte, ich begleite dich, Cimon. Das kannst du schließlich unmöglich alles allein tragen.“ Außerdem blieb ihm so des Schwarzen Gegenwart erhalten.

    Phaeneas - und seine von den Saturnalien angegriffenen Nerven - ergötzten sich am Anblick des strahlenden Cimon. Dann verfolgte er dessen unsicheren Anfang, wie er zögerlich einen Fuß über die Türschwelle setzte, zu reden ansetzte. An dem aurelischen Sklaven vorbei sah der vinicische die Feierfreudigen. Sofort verzog sich sein Gesicht und er hatte absolut Verständnis, dass Cimon lieber schnell ins Haus wollte. Gerade an den Saturnalien kehrten viele Unfreie ihre kameradschaftliche Seite heraus, machten einen auf solidarisch, frei nach dem Motto: 'Wir sind alle Sklaven, wir müssen ja zusammen halten!' Sonst war gerade von diesem Teil des Goldenen Zeitalters wenig zu spüren, da versuchte auch nur jeder sich selbst zu retten, auch ohne Weiteres auf Kosten anderer. Phaeneas konnte diese Falschheit genauso wenig ausstehen, wie die restlichen Saturnalien. Jedenfalls wollte der Bithynier nicht in Gefahr laufen, dass die auf der Straße Feiernden auf sie aufmerksam wurden.
    Cimons Lächeln löste sein Gesicht wieder und Phaeneas erwiderte das Nicken. „Ja, fröhlich in der Tat ...“ ‚Aber ich habe wahrlich keine Lust darauf, fröhlich zu sein.‘ „Und wie ich Zeit habe, Cimon! Seit Tagen habe ich Zeit, das ist ja das Schlimme!“
    Dann musste er spontan lachen, als der andere Sklaven sich als ‚Flüchtling‘ bezeichnete. Dabei blitzten seine Augen auf. Sobald der Aurelische ihm seine Lage geschildert hatte, meinte Phaeneas wieder sehr sanft: „Natürlich kann ich dir einen ruhigen Platz anbieten. Wir müssen dazu allerdings einmal durchs ganze Haus, denn nur im allerletzten Winkel ist es hier noch halbdreiviertelt friedlich.“
    Was Cimon aber weiter ausführte, brachte ihn gar nicht zum Lachen, eher leicht verblüfft fragte er nach: „Es sind wirklich deine ersten Saturnalien? Herrje, auf welchem Fleck der Erde bist du denn aufgewachsen?“
    Als der Saturnalienunkundige ihm dann ein kleines, eingewickeltes Etwas in die Hand drückte war er endgültig erstaunt. Jetzt erwies sich Phaeneas als derjenige, der mit römischem Festbrauchtum nur bedingt etwas anfangen konnte, allein weil er sich nie damit beschäftigte. Beschäftigen wollte. Solange es ging. Entsprechend reagierte er etwas zeitversetzt: „Natürlich, dein Herr hat recht. So tut man das normalerweise. Aber ... jetzt habe ich gar kein Geschenk für dich, Cimon.“ Weil er nie damit rechnete, seinerseits etwas geschenkt zu bekommen und darüber hinaus mit Geschenke-Aussuchen sowieso dezent überfordert war.
    „Danke!“ Dementsprechend, dass seine Annahme bisher meistens bestätigt und er nie beschenkt worden war, blickte er auch auf die Tuchhülle.

    Bei „mir kaum gefallen kann“ stieg in Phaeneas ein unwohles Gefühl auf. Ganz automatisch. Wovon wurde die Lebensqualität eines Sklaven bestimmt? Vom Befinden der Herrschaften.
    Dabei war sein Gefühl in dieser Lage vollkommen unsinnig. Schließlich war das, was Lucianus‘ Schwägerin da beschrieb, keine Verfehlung seinerseits. Nichts, wofür er etwas konnte.
    Oh, pro di immortales*, sie fragte ihn wirklich aus. Das war gewissermaßen die gefährlichste und schwierigste Situation, in die ein Sklave kommen konnte.
    Auf „Lucianus‘ rechte Hand“ ging er wie üblich nicht ein, in Anbetracht dessen, dass er sich selbst nicht als wichtig sah, nicht sehen konnte, wollte. So wiederholte er nur: „Ja, ich schreibe seine Briefe, Herrin.“ Daran gab es schließlich nichts zu leugnen.


    Sim-Off:

    * „Bei den unsterblichen Göttern“

    „Oh, dadurch, dass sie sich mit allem zufrieden gab, was ich gesagt habe, war es eigentlich kein bisschen schwierig“, erklärte der Bithynier. „Meine Meinung schien sich mit ihrer Sicht der Dinge zu decken, deshalb hat sie meine Ausführungen nie in Frage gestellt. Sie schien sogar recht zufrieden“, schloss Phaeneas.
    „Aber ob deiner Schwägerin mein Ratschlag ebenfalls genügen würde, da bin ich mir nicht wirklich sicher. Und wenn, dann könnte sie in Zukunft mit deiner Frau gemeinsam einkaufen gehen!“ Er grinste noch einmal.

    Dankend nahm der Bihynier den Becher entgegen.
    Dessen Stutzen ließ Phaeneas wieder sehr aufmerksam auf Cimon achten. Hatte er ihn irritiert?
    Bescheiden ... Es klang so seltsam ... Irgendwie wie von einer anderen Welt, die idealistischer war als diese.
    Mein Guter? An einem Grinsen führte nun nichts mehr vorbei – einem freudigen natürlich. „Ja, was für ein Zufall, Cimon, dass du in dem Haus vorzufinden bist, in dem du lebst!“ Dann fragte er weiter: „Hast du die Ironie in meinen Worten wirklich nicht gehört?“ Das Schmunzeln, das Cimon von ihrem ersten Aufeinandertreffen kannte, fand sich auf Phaeneas‘ Lippen wieder. „Indirekt bist du es natürlich nur. Aber ich glaube“, fügte er hinzu, „in mancher Hinsicht sind Sklaven mehr Gastgeber als ihre Herrschaften. Und die Herrschaften selbst sind ebenfalls Gäste ...“
    Auf das, was der schwarze Sklave noch gesagt hatte, wagte der Bithynier nichts zu erwidern. Ein klein wenig versuchte er dabei auch noch, diesen Worten gegenüber argwöhnisch zu sein – sich zu erinnern, dass es Menschen gab, die sich regelmäßig bei anderen einzuschleimen versuchten.
    Trotzdem war es ihm lieber, lächelnd mit Cimon anzustoßen. Herrje, langsam sah das Ganze so aus, als würden hier die Sklaven ihre Privatfeier abhalten (was eine völlig gewöhnliche Sache war, wollten die meisten doch den Unfreien ihrer Gäste genauso etwas bieten und auf diese Art Eindruck schinden), aber Phaeneas schaffte es wirklich in Cimons Gegenwart gekonnt darüber hinwegzublicken. Es war wie beim letzten Mal – es war egal.
    Indem er einen Schluck probierte, stellte er fest, dass der Wein glücklicherweise schon stark gewässert war. Nie würde er zu wenig verdünnten Wein trinken. Nicht einmal wollte er in Gefahr laufen, redseliger und geringfügigst ungehemmter zu werden. Ein kleines bisschen konnte schon zu viel sein. Und für das eigene Leben drastische Folgen haben.

    Wenn Phaeneas nicht gelernt hätte, unempfindlich zu sein und nichts als störend zu empfinden, dann hätte er jetzt Kopfweh. Wenn man sich allein schon die überschwängliche, naive Freude der anderen Sklaven über die Saturnalien ansah, konnte man nur verzweifeln. Während er sich sonst nie so direkt um Gesellschaft von anderen bemühte (Lucianus einmal ausgenommen), aber natürlich ganz normalen Umgang mit seinen Mitsklaven pflegte, hielt er sich während der Tage der Gleichheit von allen menschlichen Wesen fern, mied jegliche zufälligen Begegnungen und erst recht Orte, an denen sich mit erhöhter Wahrscheinlichkeit größere Ansammlungen an Sklaven befanden.
    Zugleich versuchte er, immer etwas zu tun zu haben, Langeweile wegen Unterbeschäftigung komplett unmöglich zu machen. Zum einen war das sehr einfach, weil gerade an den Saturnalien viel freiwillig zu erledigende Arbeit anfiel, auf der anderen Seite waren es sage und schreibe sechs Tage, die er zu überbrücken hatte! Deshalb begab er sich jetzt seit Ewigkeiten zum ersten Mal wieder selbst an die Tür, wenn es auch der Seiteneingang war. Mit der üblichen Null-Erwartungshaltung zog er die Porta auf – und Cimon stand davor! Wieder leuchteten Phaeneas‘ Augen automatisch auf. Und vor allem: Wie schaffte der es nur, immer dann spontan aufzutauchen, wenn der Bithynier es gerade brauchte? „Heus*, Cimon, salve!“ Was der andere dabei hatte, übersah er völlig. „Willst du nicht hereinkommen? Du kannst dir sicher vorstellen, was hier seit Tagen los ist!“


    Sim-Off:

    * „Heda“, auch „Hallo“