Beiträge von Phaeneas

    Ja, das war wirklich ganz anders, als seinem Herrn hinterherzulaufen. „Ach, du kannst reiten?“
    Kämpfen. Dieses Wort schließlich hallte in Phaeneas‘ Kopf wieder. Ja, natürlich, wofür sollten Cimons Muskeln sonst gut sein? Und wodurch erhielt man so einen Körper? Durch Übung. Eine vollkommen logische und dementsprechend legitime Sache. Aus handfesten Streitereien hatte Phaeneas sich seit jeher herausgehalten, allein schon, weil er den Kürzeren ziehen würde. Es reichte für den Alltag, aber für Handgreiflichkeiten war er schlicht nicht stark genug. Und der Bithynier hatte nie den Ehrgeiz gehabt, sich einen kräftigen Körper anzutrainieren – weil einen Sklaven Muskeln letzten Endes nicht schützten. Es schützte einzig und allein die Gnade des Schicksals. Und Phaeneas hatte oft genug gelernt, von anderen demonstriert bekommen, wie schwach, wie hilflos er war. Sich Kraft in die Arme zu trainieren und sich somit der Illusion hinzugeben, stark zu sein, erschiene ihm nur wie Spott auf sich selbst. Stattdessen hatte er oft mit der Kraft anderer Erfahrung gemacht und diese Erinnerungen weckte das Wort ‚kämpfen‘ in ihm. Und genau diese Erinnerungen mit Cimon zu vereinen, fiel ihm – glücklicherweise – unglaublich schwer und ließ ihn etwas verwirrt zurück.
    Cimons schiefes Grinsen wiederum beruhigte Phaeneas, nicht jeder vertrug schließlich Kritik und eben das waren seine Worte ja in gewisser Weise gewesen. Ein amüsiertes Schmunzeln war letzten Endes Phaeneas‘ Erwiderung. „Hab ich’s mir doch gedacht.“
    Trotz allem wurde er das Gefühl nicht los, Cimon - durch seinen vernichtenden Kommentar auf dessen Freude in Anbetracht der Möglichkeit zum Aufstieg – verunsichert zu haben; was Phaeneas leid täte, sähe er den Aurelischen doch lieber in ungezwungener Manier und nicht irritiert. Aber gerade weil ihm an Cimons seelischer Unversehrtheit lag, ging er weiter auf das Thema, auf des Schwarzen Ehrgeiz ein: „Und es ist ein durchaus gutes Bestreben, absolut angemessen für einen Sklaven und du selbst wirst es dir danken – wenn du dich nur nicht zu sehr und zu blind der Hoffnung hingibst. Die Hoffnung eines Unfreien ist schnell enttäuscht.“
    Als er jedoch in Cimons Augen blickte, dort die Dankbarkeit las, war er erleichtert, bedeutete es doch, sich nicht an seinem Seelenfrieden schuldig gemacht zu haben. Es befremdete ihn allerdings, dass der andere Sklave plötzlich die Augen niederschlug, während der Bithynier sprach. Seinen Blick, sobald er den Kopf wieder hob, konnte Phaeneas nicht so recht deuten. Geduldig lauschte er dann dem, was Cimon vorbrachte. Als der die Sprache auf seinen Herrn brachte, musste der Lucian’sche Leibsklave kurz auflächeln. „Ja, das kenne ich, wie es ist, einen guten Herrn zu haben.“
    Ein weiteres Mal begann sein Gegenüber eine Frage mit ‚Darf ich ... ?‘, sodass Phaeneas nur noch einmal wiederholte: „Natürlich darfst du. Nein, ich bin nicht frei geboren. Genauso wie du bin ich seit jeher Sklave und“ – ein leicht melancholischen Lächeln erschien in seinem Gesicht – „am Rande erwähnt hat mein Leben genau hier in der ewigen Stadt begonnen.“ Welch ein Zufall, stellte der Bithynier für sich ironisch fest – ihm lag nicht viel an Orten.

    Gegen Einlass sprach nichts, denn der an der Porta beschäftigte Servus, Antias, wusste, um wen es sich bei dem, der vor der Haustüre stand, handelte. So sagte er nur noch, nachdem er geöffnet und den Gast erkannt hatte: „Oh, salve, Caecilius!“, und fügte die Standardfrage an: „Du willst sicher zu unserem Herrn?“
    Nun brauchte der brüderliche Klient nur noch zu bestätigen und sofort würden ihm die Flügel der vinicischen Porta weit offen stehen und ein selbstverständlich immer um die Gäste bemühter Antias würde ihn ins Atrium führen, ihm dort eine Sitzgelegenheit und ein Getränk anbieten und den Gewünschten herbeiholen.

    Eines der Mädchen, die Lucianus‘ Ehefrau bedienten, öffnete. Auf Nachfrage erklärte er ihr die Sachlage, worauf sie nur den Kopf schüttelte, mit dem Verweis darauf, dass sich ihrer beider Herrin derzeit außerstande fühlte, an irgendwelchen größeren gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen. Nickend bedankte der bithynische Leibsklave sich und suchte das Cubiculum von Lucianus‘ Schwägerin auf, um die von der Hochzeit wissen zu lassen.

    Nachdem er die Position der Herrin in dieser Sache in Erfahrung gebracht hatte, erschien Phaeneas vor Petronillas Tür, um Lucianus‘ Schwägerin von der Hochzeit zu berichten. Bisher hatte er noch nicht großartig mit ihr zutun gehabt; so etwas wie Furcht, weil er sie nicht einschätzen konnte, kannte der Bithynier nicht. Er war es gewohnt, mit einer Nulleinstellung in neue Situationen zu kommen und mit einer eben solchen auf neue Leute zuzugehen. Das ganze Leben war ein einziges Glücksspiel, wer wusste schon vorher, wie die Würfel fielen? Sich dementsprechend Gedanken zu machen, hielt Phaeneas für unsinnig, denn alle klugen Überlegungen dieser Welt würden ihm jetzt nichts helfen, in Anbetracht dessen, dass er keinen blassen Schimmer hatte, was auf ihn zukommen würde.
    Mit dieser Einstellung klopfte er an:
    Die Würfel mögen fallen!

    Still lächelnd registrierte der Bithynier Cimons Schulterzucken. „Kein Problem, Cimon. Du hast schlicht in eine andere Richtung gedacht als ich.“ Wieder war Phaeneas‘ Stimme fast sanft. „Was hast du in Mantua gearbeitet?“
    Bestätigend nickte er auf des aurelischen Sklaven Kommentar: „Na ja, im Notfall lässt es sich aushalten. Aber dazu muss man noch einrechnen, dass Mogontiacum ja urbanisiert war, von teilweise germanischer Architektur abgesehen also relativ römisch war! Das restliche Germania besteht mehr oder minder nur aus Dörfern und Wald.“ Ein paar Klischées musste man schier auch nach einer Reise noch beibehalten.
    Dann wurden auch Cimons Augen für einen Moment düster. Was er dabei dachte, blieb sein Geheimnis.
    „Pass auf, dass du nicht enttäuscht wirst“, war alles, was Phaeneas auf die Worte seines Gesprächspartners sagen konnte. „Das Schicksal ist launisch. Ehe du dich versiehst, landest du wieder im Wirtschaftstrakt eines Hauses, wo du von einem Sklavenaufseher unbarmherzig angetrieben wirst.“
    Die Pausen in Cimons Worten wurden häufiger. Je konkreter ihr Gespräch sich entwickelte, desto unsicherer schien er zu werden.
    Ah, den aurelischen Sklaven verlangte es nach Geltung vor seinem Herrn und fürchtete durch die neu aufgetretene Konkurrenz darum. „Du bist seltsam, Cimon“, sagte Phaeneas, in vorsichtig zurückhaltendem Tonfall, zugleich aber versuchend, es scherzhaft klingend zu lassen. „Einerseits wäre es dir lieber etwas anderes zu tun, als um deinen Herrn zu sein, und andererseits fehlt es dir, wenn er dich nicht braucht.“
    Dann fügte er etwas leiser hinzu und sah Cimon dabei an: „Pflicht ist immer ein Privileg. Denn solang du etwas tun kannst, bist du nicht überflüssig.“
    Phaeneas folgte Cimons Blick durch den Raum. Als sich ihm dessen Gesicht wieder zuwandte, erhellten sich seine Augen ein weiteres Mal.
    „Bist du unfrei geboren?“, fragte der Bithynier dann prüfend. „Ein Sklavenhaushalt bietet schließlich unendliche Möglichkeiten, so etwas zu üben. Wenn ich es nicht könnte, würde es schon längst ganz anders um mich stehen. Halt dir immer vor Augen, dass dir die Anhimmelei anderer letzten Endes nichts nützt. Der einzige, der dir helfen kann, bist du. Deshalb sei dir ewig treu und bemüh dich lieber um Bewunderung von dir selbst.“
    ‚Wenn du mich nun schließlich schroff zurückweisen würdest, würde ich es auch aushalten.‘ Ein bitterer Gedanke. Aushalten müssen ...


    Cimons bescheidener Weinkonsum fand zusätzlich Sympathie vor Phaeneas‘ Augen. Bewies es doch, dass Cimon kein Säufer war. Die Schlucke des Bithyniers dagegen waren großzügiger, er hatte ja das Getränk zusätzlich mit Wasser gestreckt und damit jegliche Gefährdung, die von Wein ausging, von vornherein unterbunden. Ein weiteres Lächeln ging zu Cimon hinüber.

    Alaina glaubte, ihn verstehen zu können ... Ihre Stimme war leiser geworden und als sie, ihren Kopf auf den Knien, ihre Augen in die Ferne richtete, sah Phaeneas sie an. „Ita’st ... Ja, so ist es ... “, antwortete er genauso schlicht, aber vielsagend.
    Das hatte er ebenfalls an Germania gemocht, fast alle Germanen hingen sehr an ihrem Land. Römer kannten meist nur Arroganz gegenüber anderen Gegenden der Erde und bevorzugten deshalb ihr ureigenstes Territorium. Germanen dagegen hatten Phaeneas in diesem seltsamen Gefühl, der Sehnsucht, verstanden ... genauso wie jetzt Alaina.
    „Warst du dort? Warst du in deiner Heimat?“, fuhr er dann fort, sie weiter genau betrachtend.


    „Ja, das habe ich gemerkt“, bestätigte der Bithynier schmunzelnd ihre Feststellung. „Und ich habe dort gelernt, dass ich in mancher Hinsicht germanisch bin, ohne je zuvor dort gewesen zu sein.“
    Aber bald darauf wurde Phaeneas‘ Gesicht düsterer und seine Stimme klang bitter: „Launisch? Oh ja.“ Was Alaina aber weiter ausführte, erstaunte ihn. Schwächen? Götter? Diese Sichtweise war sehr römisch. Aber ihm gefiel die Vorstellung nicht, dass die Unsterblichen ihre Fehler auf Kosten Sterblicher auslebten.
    Die Geschichte mit der Mutter war natürlich nett. Phaeneas‘ Mutter hatte ihm schließlich genauso ihre Weisheiten übermittelt, die der Bithynier nachwievor hütete wie einen kostbaren Schatz. „Dankbarkeit ... “, wiederholte er nachdenklich. Und bedachte diesen Gedanken in Hinblick auf sich selbst. Wie sollte ein kleines Kind, ein Baby, schon an Dankbarkeit missen lassen? Nein, bei ihm ging diese Überlegung nicht auf. In Folge der Umstände, die ihn seit Geburt empfangen hatten, hatte er sich den Göttern gegenüber vielleicht als nicht sonderlich dankbar erwiesen.
    Alaina bemerkte sicherlich, wie wenig Phaeneas wusste, was er antworten sollte.


    Mit dem, was sie dann sagte, konnte er mehr anfangen. Dass jeder die Verantwortung für sein Leben selbst trug, fand seine volle Zustimmung. Zugleich aber war letztere Formulierung ein in eine von Phaeneas‘ zahlreichen seelischen Wunden gelegter Finger. Denn auch obwohl er gerne die Verantwortung für sich übernahm, verlief sein Leben trotzdem in vieler Hinsicht nicht so, wie er es gerne hätte. Es war ein Sklavenleben ... So wie ein Sklavenleben zu sein hatte, ein Leben, das zu schätzen und zu verteidigen man dem Bithynier beigebracht hatte. „Für einen Sklaven trifft das nicht immer zu ...“, wandte er deshalb ein. „Dann hilft manchmal nur eines, dulden. Und ist es nicht auch im Leben aller anderen so, wenn es nicht gut läuft, dass dulden letzten Endes als einzige Möglichkeit bleibt?“

    Die nächsten 2 bis 3 Wochen werd ich nur selten zum Schreiben kommen, dementsprechend kann eine Antwort meinerseits öfter lange auf sich warten lassen. Ich entschuldige mich bei denen, die warten müssen.

    Auf Cimons wortlose Erwiderung grinste Phaeneas zurück; dabei erschien kurz ein Glitzern in seinen Augen.
    Ebenfalls wortlos hob er seinen Becher und trank einen weiteren Schluck.
    „Na, das ist doch schon ein Unterschied, wenn es dort deutlich weniger zu sehen gibt“, meinte Phaeneas schmunzelnd auf Cimons Beschreibung hin. Was der aber dann weiter sagte, damit konnte der Bithynier nicht wirklich etwas anfangen. Leichter? Ungezwungener? Wann war das Leben schon je leicht und ungezwungen? In etwa so sah er den aurelischen Sklaven auch an, als käme er aus einem noch ferneren, noch fremderen Land als Germania. „Ich weiß nicht ...“, antwortete er dann, während er sichtlich nachdachte. „Die Orte, an denen ich bisher war, waren alle gleichermaßen von römischen Umgangsformen und gesellschaftlichen Ansprüchen geprägt ...“
    Sobald Cimon Germania aufgriff, traf er auch gleich das richtige Stichwort bei Phaeneas. (Na gut, welcher mittelmeer-verwöhnte Römer sprach nicht sofort von der Kälte – beziehungsweise jammerte.)
    „Oh ja, und wie es kalt war! Du sehnst dich in den heißesten Sommer im stickigen, engen und stinkenden Rom zurück, so kalt ist es dort im Frühling, im Herbst und im Winter! Nur eben zur Sommerzeit lässt es sich aushalten, so lange man sich nicht gerade in unterkühlten Räumen aufhält. Und im Winter darf man sogar durch glitschigen Schneematsch laufen ... Denn die weißen Flocken bleiben selten so weich, wie sie aussehen, wenn sie vom Himmel fallen.“
    Nun gut, Cimon nahm ihn nicht ernst, was seine Worte über seine Position anbelangte, das schloss Phaeneas mit einem leisen Grinsen aus dessen Mimik.
    Sobald er dann sprach, senkte Phaeneas unwillkürlich den Kopf. „Ja. Ja, so ist es.“ Jegliche Ungezwungenheit war aus diesen Worten gewichen und das Schmunzeln aus seinem Gesicht.
    Als Cimon dann auf seine eigene Aufgabe zu sprechen kam, sah der Bithynier wieder auf: „Wieso? Du hast es doch gut getroffen. Wie viele Sklaven haben das Glück, ihrem Herrn hinterherlaufen und auf ihn warten zu dürfen? Während du dich hier mit mir unterhältst, arbeiten andere. Außerdem ...“ Diesen Kommentar konnte sich Phaeneas nicht verkneifen, es war typisch für ihn und seine Lebenshaltung. „... ist Wichtigkeit doch nicht wichtig. Du musst über dem stehen, was andere über dich denken, wenn du unabhängig sein willst – von Neidhammeln, die dich im Falle des Falles sowieso nur fallen lassen.“ Dass er da gerade wahrscheinlich alles das sagte, was Cimon nicht unbedingt hören wollte, war Phaeneas bewusst ...
    Trotzdem, trotz ihrer nun auseinanderlaufenden Ansichten, blieben die Augen des bithynischen Sklaven mit einem Lächeln auf denen des aurelischen haften. Dass sie sich so nun gerade gegenseitig hielten, wollte zumindest Phaeneas prinzipiell gar nicht so genau wissen.


    Sim-Off:

    edit

    Nachdem der Junge genickt und sich davongemacht hatte, ließ Sermo seinen Blick durch die Garküche wandern. Dieses Verhalten kannte Pheaneas seinerseits nur von Leuten, die allein irgendwo hingegangen waren. Für einen Moment fragte er sich, ob Sermo sich noch daran erinnerte, ihn mitgenommen zu haben. Phaeneas fühlte sich leicht übergangen; dafür, dass er es sonst gewohnt war, übersehen zu werden, und anders auch gar nicht scharf darauf war, wollte er – wenn schon jemand beschlossen hatte, sich mit ihm zu beschäftigen, und er sich seinerseits zu gleichem durchgerungen hatte – dass derjenige seinen Konzentrationsschwerpunkt entsprechend auf ihn legte. Mit wachen Sinnen und aufmerksamen Augen beobachtete er seine Essensgesellschaft.
    Amüsant dagegen fand er, als Sermo – sobald er sich wieder auf Phaeneas besonnen hatte - dann etwas unsicher ein Gespräch zu beginnen versuchte. Aber er war ja nicht so, nein böswillig oder schadenfroh war der Bithynier kein bisschen, weswegen er einfach erwiderte: „Ja, da sind wir nun. Danke übrigens für die Einladung und die Linsensuppe und den Wein ...“ Aus einer undefinierbaren Art von Schamgefühl heraus brachte er es nicht über sich, zu sagen, dass etwas Kleineres es ohne weiteres genauso getan hätte.
    Schließlich wollte Sermo doch noch etwas konkreteres von Phaeneas wissen; rein prinzipiell war diese Erkundigung eine ganz normale, harmlose Frage, wie man sie neuen Bekanntschaften üblicherweise öfter am Anfang gerne stellte, weil sie unverfänglich, nicht zu persönlich und immer anwendbar war. Aber der bithynische Sklave erinnerte sich noch zu gut, dass er bis vor kurzem mit Sermo vor einer vollgeschmierten Hauswand gestanden war, der Phaeneas – wie jener aus der Ferne hatte feststellen können – seine ganz eigene Botschaft an die Welt hinzugefügt hatte.
    Tja, wie viele Senatoren verbrachten schon ihre Sommermonate in Germania? Deshalb war er etwas vorsichtiger, als er antwortete: „Nein, aber ich war immer wieder hier. Man sagt, alle Wege führen nach Rom. Das stimmt insoweit, wie es alle in der römischen Gesellschaft wichtigeren Leute immer wieder hierher zieht. Und damit auch ihre Sklaven.“
    Fragend wandte er sich dann mit gleicher Frage an sein Gegenüber: „Und wie sieht es mit dir und Rom aus? Darf man außerdem fragen, was du beruflich machst?“ Vielleicht eine etwas naive Annahme von Phaeneas, dass alle anderen – außer Sklaven natürlich – nichts zu verbergen hätte.

    Phaeneas hob ebenfalls leicht seinen Becher und nahm einen Schluck, ließ dabei Cimon aber nicht aus den Augen. „Schmeckt dir der Wein?“, wollte er dann wissen, sozusagen in der Position des Gastgebers.
    Auch als der aurelische Sklave zögerte, beobachtete der Bithynier ihn genau, nachwievor mit dem Schmunzeln auf dem Lippen.
    Etwas schien Cimon zu beschäftigen. Auch als er schließlich sprach, konnte sich Phaeneas keinen direkten Reim darauf machen. Auf die bloße Information hin nickte er; es sprach also viel dafür, dass er Cimon noch öfter hier auf einer Salutatio sehen würde.
    „Du warst in Mantua? Wie war es denn dort, im Vergleich zu Rom?“ Er legte den Kopf leicht schief. „Ich kann es gut verstehen, ich war bis vor kurzem mit Lu ... mit meinem Herrn in Mogontiacum in Germania.“ Jetzt hätte er sich fast versprochen. In der Öffentlichkeit (ein schönes Wort für ein Zwei-Augen-Gespräch) brauchte schließlich niemand zu wissen, dass er seinen Herrn inzwischen nur noch beim Cognomen nannte. Für einen Moment ließ Phaeneas das, was gerade eben passiert war, noch einmal durch seinen Kopf ziehen und stellte erschreckt fest, wie vertraut ihm der aurelische Sklave nach diesem Spiel mit dem Blicketauschen schon schien, dass er so gedankenlos drauflos plauderte. Ohne viele Worte mit ihm gesprochen zu haben. ‚Es ist gefährlich, zu schnell Vertrauen zu fassen‘, hallte jene unumstößliche Wahrheit im Kopf des Bithyniers.
    „Natürlich darfst du“, antwortete Phaeneas genauso munter wie bisher. „Ich hab dich ja auch gefragt.“ Was er dann aber letzten Endes sagen musste fiel dem bithynischen Sklaven nicht so leicht, wie er vorhin gesprochen hatte. „Nein, ich bin außerdem noch sein Leibdiener, und für die kompletten Abläufe im Haus verantwortlich und dementsprechend Herr über die restlichen Sklaven, aber ...“ Das so stehen zu lassen, hätte er unmöglich ertragen können. „ ... das ist halb so dramatisch“ – im Sinne von großartig – „wie es klingt. Ich bin sozusagen das Mädchen für alles und darf allen anderen hinterherlaufen.“ Es war so typisch für Phaeneas, seine eigene Position so herunterzuspielen. Er, der er sich kein bisschen als Autoritätsperson sah, vor Leuten von außerhalb des Haushaltes nicht wirklich herausstechen wollte und in Folge dessen bloß nicht als ‚großer‘ Vilicus dieses großen, angesehenen Hauses gelten wollte. Es war eine andere Art von mangelndem Selbstbewusstsein.
    Mit der Phaeneas aber in diesem Moment besser klar kam als sonst, da er dabei Cimon gegenüberstand. Dessen fröhliches Gesicht der Bithynier gerne sah und dessen leuchtende Augen zu beobachten der Bithynier nicht satt werden konnte, während sie seine Blicke nun immer fester erwiderten. Längst waren wieder die Bedenken, von wegen zu schnell vertrauen, vergessen. Warum auch, es gab ja gerade auch wirklich keinen Grund, irgendwie misstrauisch zu sein, schließlich fand er sich einem gewaltig netten jungen Mann gegenüber.

    Das Lächeln fand sofort Antwort in Phaeneas‘ Gesicht und Augen.
    Cimons Antwort verschlug Phaeneas für einen Moment die Sprache. Es klang so übertrieben und so fern von jeglicher Vorstellung des Bithyniers, dass er für einen Augenblick überlegen musste, ob der andere Sklave das eben wirklich gesagt hatte. Ja, das hatte er.
    Als er dann grinste und Phaeneas über die Wahrheit aufklärte, legte sich Erleichterung über das Gesicht des bithynischen Sklaven und ein Schmunzeln erschien. „Oh, ich wollte dich gerade fragen, wen von den Sklaven du bestochen hast, um meinen Namen zu erfahren“, gab Phaeneas ebenso gut gelaunt zurück.
    Der Aurelier war nun doch schon eine ganze Weile Lucianus‘ Klient und für einen solchen war es angebracht, den wichtigsten Sklaven seines Patrons zu kennen. Auch wenn Phaeneas sich selten als das verstand.
    Ebenso erleichtert beobachtete er, wie Cimon allmählich aus seiner demütigen Haltung herauszukommen schien, die bei den Herrschaften zu zeigen angebracht, Phaeneas gegenüber aber kein bisschen nötig war. Dass er weiterhin etwas ... schüchtern blieb, war ebenfalls nicht zu übersehen. Es war seltsam, dass an dieser Stelle ausgerechnet der stetig zurückhaltende Phaeneas von Schüchternheit sprach.
    Tabula und Stilus hatte Phaeneas inzwischen längst sinken lassen, jetzt aber fiel sein Blick auf den Becher in Cimons Hand und er drehte sich leicht um, legte die Schreibutensilien ab und nahm sich auch einen Becher von einem einbeinigen Tischchen hinter sich, den er mit ohnehin schon verwässertem Wein füllte, dabei aber trotzdem noch einmal Wasser nachgoss.
    Als er nun eine Frage an den neuen Bekannten stellte, hielt er den Becher etwa auf Höhe seiner Brust, erst einmal ohne zu trinken. Was er von Cimon wissen wollte, war eine der Fragen Marke Wenn-zwei-Sklaven-sich-treffen: „Begleitest du deinen Herrn oft, Cimon?“ Dabei war Phaeneas‘ Stimme für seine Verhältnisse erstaunlich sanft.

    Zusammen mit der teilnahmslosen Nicaea kam Phaeneas ins Atrium, er mit einem Krug mit Wasser gemischten Weins und zwei Bechern in der Hand, sie mit einem kleinen Handbesen. Als er das Maleur erblickte, erblasste er leicht. Das erschreckte Weiß flimmerte über seine gut gebräunte Haut. Natürlich war es kein Weltuntergang und Lucianus kein bisschen ein strenger, grausam und kleinlich strafender Herr. Aber dem Bithynier war es trotzdem unverständlich, wie einem kleinen Sklavenjungen so etwas passieren konnte. Ihm wäre in diesem Alter nicht im Traum eingefallen, je auch nur annähernd einen Einrichtungsgegenstand zu gefährden, geschweige denn zu beschädigen. Wenn er so etwas angerichtet hätte, hätte seine Mutter ihn gar nicht mehr geschlagen, denn dann wäre er schon grün und blau gewesen.


    Mit einer knappen Handbewegung wies Phaeneas die andere Sklavin dazu an, sich um die Erde zu kümmern – und um der Götter willen bitte den Blumentopf wieder aufzustellen!
    Er derweil trat an den Beamten und Lucianus heran, schenkte beiden ein und reichte ihnen die farbig verzierten Glasbecher.

    Mit nachdenklichen Augen verfolgte Phaeneas, wie der aurelische Sklave auf ihn zukam. Was er letzten Endes im Gesicht seines Gegenübers las, freute Phaeneas. Der Schwarze (dass er auch noch Custos Corporis war, hatte der Bithynier großzügig vergessen, in Anbetracht seiner Abneigung gegen alles, was mit körperlicher Kraft und dementsprechend mit Gewalt zu tun hatte) hatte nicht die strahlende Art einer Syria, er war dezenter, worauf der Lucian’sche Leibsklave ansprach, er, der er sich von der fröhlichen Art anderer gerne bedrängt fühlte. Auch Phaeneas bedtrachtete den anderen wohlwollend, was für ihn ungewöhnlich war. Eher typisch war der Fall wie eben wieder bei Syria, dass er zwar viel von jemandem hielt, es denjenigen aber nicht sehen ließ.
    Und Phaeneas mochte die Ruhe, die der andere ausstrahlte. Oder auszustrahlen schien. Bei einem Sklaven wusste man schließlich nie, was auf den Unfreien selbst und was auf die Herrschaften zurückging. Jedenfalls mochte Phaeneas es.
    Das leichte Neigen des Kopfes besah Phaeneas eher sorgenvoll, sprach daraus doch so viel ... Achtung. Und die sollte seinem Selbstverständnis nach nicht ihm zukommen, hatte Achtung doch auch etwas mit Angst zu tun. Und Phaeneas war niemand, vor dem man sich fürchten musste. Und auch wenn er sich nach außen hin immer einen leichten Anschein von Unberechenbarkeit, ja sogar ein bisschen von Gefährlichkeit, sich selbst als undurchschaubar zu geben versuchte, wollte er insgeheim, im Innern seines Herzens, gar nicht gefürchtet werden.
    „Du kennst meinen Namen?“, fragte Phaeneas dann überrascht. Jegliches Vorwissen war schließlich dadurch ausgeschlossen, dass er damit rechnete, für andere sowieso nicht interessant zu sein.

    Das war ja klar gewesen. Phaeneas seufzte innerlich. Bisher war sein Leseverhalten auch immer noch zu erbärmlich, um sich durch Bücher über sein Herkunftsland zu informieren, das Land seiner Eltern, seine Heimat. Das Land, das ihm vollkommen unbekannt war. Bithynia. Nichts weiter als ein Klang, nichts weiter als eine Erinnerung seiner Mutter, die mit ihr gestorben war. Wahrscheinlich würde er nie etwas über dieses Land herausfinden. Im Grunde genommen hatte sich der Sklave längst darauf eingestellt. Aber ... eine kleine Hoffnung, eine gewisse Sehnsucht, ein leichtes Verlangen danach, etwas zu erfahren, blieb doch in ihm, würde wahrscheinlich in ihm fortleben bis er tot war.
    „Ja, dorther stamme ich“, ließ Phaeneas Alaina wissen. „Aber ich war nie dort ...“


    „Na ja, ich bin im Grunde genommen damit aufgewachsen, glaube aber trotzdem nicht ... so naiv“, wandte Phaeneas ein, fügte aber an: „Doch im Grunde genommen hast du recht. Mir ist in Germania in vieler Hinsicht bewusst geworden, wie römisch ich bin.“ Oh ja. Das war ihm in sehr vieler Hinsicht aufgegangen. Vieles von dem germanischen Gedankengut hatte ja durchaus seine Berechtigung und hatte Zustimmung von dem Sklaven geerntet, aber bei so manchem war Phaeneas sehr froh, wieder hier in italischen Gefilden zu sein. Vor allem germanische Moral war reichlich umständlich gewesen ... und lebensfern.
    „Und diese Götter vor allem mit einer so naiven Angst anbeten“, ergänzte Phaeneas. „Sollte ein Glaube dem Leben nicht Sicherheit und Stabilität geben?“
    „Ah, Keltin“, stellte der für sich fest. Bei der Schilderung ihres Glaubens hörte er aufmerksam zu. „Na, dann bin ich aber froh!“, meinte er auf Letzteres. Wenn man ihr bisheriges Gespräch betrachtete. „Aber ... welchen Einfluss haben sie auf das Leben der Menschen?“, wollte Phaeneas dann doch noch genauer wissen.


    In der Schrift ging es derweil so weiter:

    Dass Iuppiter oder Merkur sich so oder andere sich anders untereinander nennen und dass es eine himmlische Benennungsweise gibt: wer gibt da nicht zu, dass das bei Ausdeutung der Natur lächerlich ist. Dass das höchste Wesen, was es auch immer sein mag, sich um die Angelegenheiten der Menschen kümmert oder dass es durch eine so traurige und vielseitige Tätigkeit nicht beschmutzt wird: was davon sollen wir glauben oder bezweifeln? Es lässt sich kaum entscheiden, was den Menschen zuträglicher ist, da die einen die Götter überhaupt nicht, die anderen sie in beschämender Weise achten. Fremden Heiligtümern dienen sie und tragen Götter an den Fingern, auch Ungeheuer verehren sie, verbieten und ersinnen Speisen und unterwerfen sich selbst einer so strengen Herrschaft, dass sie nicht einmal im Schlaf Ruhe haben. Nicht Ehen, nicht Kinder, nicht überhaupt sonst irgendetwas wählen sie ohne die Hilfe von heiligen Handlungen. Andere üben Betrug sogar auf dem Kapitol und schwören Meineide beim blitzschleudernden Iuppiter, und den einen helfen ihre Verbrechen, die anderen werden von ihren heiligen Handlungen mit Strafen verfolgt.


    „Da, da haben wir’s wieder“, deutete Phaeneas auf das Ende dieses Absatzes. „Das ängstliche Besänftigen einer Angst, die letzten Endes nicht zu besänftigen ist. Und vor allem: Das sind freie Menschen, die sich so etwas antun. Nicht einmal ein Sklave muss sich beim Essen oder Heiraten nach etwas richten. Natürlich, was Plinius hier schildert, sind Extremfälle. Aber auch Extremfälle kommen vor.“

    Saras war echt froh, nicht morgens bei der Salutatio an der Porta stehen zu müssen. Diesen Ansturm an Anhängerschaft zu bändigen, stellte er sich reichlich anstrengend vor, da musste man schon Nerven bewahren. Und er brauchte seine derzeit noch lieber für seine zwei Kinder auf. Oder zumindest für Menyllus. Bei den Göttern, Deidameia war ja schon so groß geworden. Eine richtige Dame wurde sie. Dabei konnte sich Saras noch gut daran erinnern, wie er sie als winziges Baby in Armen gehalten und gewiegt hatte. Und jetzt würde sie demnächst Verehrer mit nach Hause bringen, sozusagen.
    Menyllus war seinem Alter gemäß noch wesentlich kindlicher und übermütiger. So hatte Saras sich seinen kleinen Sohn immer vorgestellt. Und er genoss es, mit ihm herumzutollen und Unsinn zu machen.
    Im Moment aber erforderte der Decemvir Octavius Macer seine Aufmerksamkeit und bat um eine Unterredung mit einem von zwei männlichen Viniciern in diesem Hause: natürlich dem älteren.
    „Ja, der ist zuhause, Herr, und für ein kurzes Gespräch gerne bereit.“ Es schadete nie, das kurz nochmal einzuflechten. „Wenn du mir bitte folgen willst ...

    Im Atrium traf Saras dann fast der Schlag. Ein Blumentopf - ein kleinerer zwar, aber das änderte nichts an der Sachlage – lag umgekippt am Rand des Raumes, die Erde hatte sich leicht über den Mosaikboden ergossen.
    Pro di immortalis, bei den unsterblichen Göttern, das war Menyllus schon in Mogontiacum beim Spielen passiert! Der Junge musste doch lernen, besser aufzupassen! Er war ja nicht frech oder sonst irgendwie bösartig, aber in solchen Dingen einfach ... unbesorgt ... wie ein Kind. Saras ärgerte sich trotzdem über seinen Sohn.
    Dem Besuch gegenüber tat er so, als sei nichts passiert, lächelte diplomatisch und bot ihm einen Platz an. „Ich sage meinem Herrn Bescheid. Gleich müsste er da sein.“ Mit diesen Worten wandte er sich von dem Gast ab und bevor er Lucianus von eben jenem erzählte, schickte er noch nach einem anderen Sklaven und einem Besen, für das Maleur, das Menyllus angerichtet hatte.

    Wie zu erwarten gewesen war, hatte Syria ihre Sache gut gemacht. Tja, man musste nur die richtigen Leute wissen. Der aurelische Sklave signalisierte ebenfalls, dass die Lage passte, worauf Phaeneas wieder zurücknickte. Mit dem leichten Schmunzeln, das seit Beginn dieser Sache schier gar nicht mehr aus seinen Augen weichen zu wollen schien.
    Etwas überrascht registrierte Phaeneas dann, wie der Aurelier seinen Sklaven urplötzlich stehen ließ und sich zu den anderen Klienten gesellte. Der Blick seines Custos Corporis folgte ihm. Der schien genauso verwirrt.
    Da stand der fremde Sklave nun allein am anderen Ende des Atriums, in der Hand den Becher Wein. Phaeneas hätte ihn gerne gefragt, ob es schmeckte, aber – er wusste nicht recht, wie er das ohne Worte rüberbringen sollte. So blieb es wieder nur bei einem höflichen Lächeln.
    Ein Klient nach dem anderen, dessen Anliegen der Bithynier sorgfältig mitgeschrieben hatte, verabschiedete sich, das Atrium lichtete sich langsam und der Hausherr und Phaeneas bekamen wieder Platz zum Atmen. Schließlich war der größte Teil der Lucianus lästigen Pflicht der Salutatio beendet und der Aurelier bekam wieder die Aufmerksamkeit seines Patrons. Und sein Sklave wieder einmal die des Bithyniers. Dessen Blick konnte Phaeneas ebenfalls wieder einmal erst nicht nicht einordnen, aber sobald er eine Bewegung auf ihn zu machte, verstand er.
    Kurz sah er noch zu den beiden sich besprechenden Männern - dann nickte er und leitete den anderen Sklaven mit einer Kopfbewegung zu sich her. Inzwischen, in Anbetracht des von Klienten geleerten Atriums, recht eindeutig.
    Als der, den er nun schon die ganze Salutatio lang vom Eingang des Empfangsraumes kannte, vor ihm stand, richtete Phaeneas als Erster Worte an ihn: „Salve“, grüßte er ihn und fügte dann die – was zwar nicht zu hören war, aber für jemanden, der Phaeneas kannte, eindeutig – neugierige Frage hinzu: „Wie heißt du?“ Was war in den Augen des Bithyniers schließlich schon ein Name, erst recht bei einem Sklaven, und sich nur danach zu erkundigen, das war reine Neugierde. Und das alles nur wegen dieses Spieles ... Er erkannte sich selbst nicht wieder - aber das war ja im Moment auch egal.

    Perfekt, Aurelius Ursus schien zufrieden, stellte Syria – genauso zufrieden – fest und strahlte noch einmal. Auch Mania lächelte dem schwarzen Sklaven zu, mit der natürlichen Fröhlichkeit, die fast allen Unfreien dieses Hauses zu eigen zu sein schien. Fast allen. Den mit Freude und dergleichen ähnlichem zurückhaltenderen Phaeneas vor allem ausgenommen.
    „Gerne, Herr!“, erwiderte Syria und verabschiedete sich mit einem Nicken zusammen mit Mania und kehrte in Richtung Buffet zurück, um sich um andere Klienten zu kümmern – auch wenn längst nicht alle so bevorzugt behandelt wurden wie der Aurelier und sein Sklave.
    Schade, die wichtigeren Klienten schienen mit ihrer Salutatio schon fertig zu sein.

    Wieder ging ein Lächeln zurück zu dem anderen Sklaven, sozusagen als Bestätigung für die Bestätigung.
    Zufrieden sah Phaeneas dann zu, wie Syria sich um die Gäste kümmerte. Mit Spezialaufträgen betraute er gerne sie, weil er sie als klug und geschickt erlebt hatte, und sie schien mit schier allen Situationen spielend zurechtzukommen. Eine Eigenschaft, die der Bithynier besonders bewunderte, weil er zwar gelernt hatte, wie in etwa mit den meisten Situationen umzugehen war, er selbst aber meistens erst einmal überrascht war, wenn er in etwas Neues hineingeriet – und dabei innerlich reichlich ins Wanken. Syria aber schien keine Unsicherheit zu kennen, erst recht keine Furcht. Sie war so ganz anders als er.
    Während er den weiteren Umgang zwischen dem schwarzen Sklaven und dem Aurelier beobachtete, fiel ihm auf, dass die beiden sich allen Ernstes zu unterhalten schienen. Es stellte nicht nur der Herr eine kurze Frage und der Custos antwortete knapp, nein, zwischen den beiden hatte sich jetzt doch schon ein längeres Frage-Antwort-Spiel entwickelt. Und wenn Phaeneas sich nicht täuschte, stellte der Sklave die Fragen ...
    Nachdem dann der Aurelier versorgt war, versuchte der Bithynier einen Blick des fremden Sklaven aufzufangen, um ihm still eine Frage zu stellen, die der gar nicht so unähnlich war, mit der er selbst gerade eben noch überfordert gewesen war: ‚Ist jetzt alles in Ordnung bei euch?‘
    Was die Klienten von Lucianus wollten und der seinerseits antwortete, registrierte Phaeneas inzwischen nicht mehr nur mit einem, sondern nur noch mit einem halben Ohr. Nun gut, das reichte, aber die Gedanken waren dabei ganz wo anders ...
    Er konnte sich wirklich nicht erinnern, je eine so unterhaltsame und fast schon spannende Salutatio erlebt zu haben. Und das wollte etwas heißen, wenn Phaeneas von ‚spannend‘ sprach, er, der er im Allgemeinen jegliche Spannung fürchtete und zu vermeiden versuchte.