„Natürlich, Herr, in wenigen Augenblicken bin ich wieder da!“, antwortete Syria mit einem fröhlichen Lächeln und machte sich sofort auf, um den Aurelier zu verköstigen.
Auf einem Teller richtete sie Brot, Käse und Oliven zusammen, dazu ein Ei, etwas Obst und streute ein paar Nüsse dazu. Ein süßes Gebäckstück fand seinen Weg ebenfalls dazu.
Damit und mit einem Becher stark mit Wasser vermischten Weines brach sie wieder zum Auftraggeber auf und präsentierte ihm beides. „Ist es nach deinen Wünschen, Herr? Vielleicht noch Honig oder Salz dazu? Und wenn du noch etwas Deftigeres willst ...“ Sie verwies mit einer Geste darauf, dass es am Buffet noch eine großes Auswahl gab. „Sag es nur!“
Unterwegs hatte Syria Mania aufgegabelt, die nun dem Custos Corporis von der Seite ebenfalls einen gefüllten Becher in die Hand drückte. Den Syria am Rande erwähnt als sehr gut aussehend empfand - den aurelischen Sklaven. Und dessen Nicken sie mit einem genauso strahlenden Lächeln beantwortete, wie sie seinen Herrn bedachte.
Beiträge von Phaeneas
-
-
„Gut, Lucianus, kein Problem“, nickte der Bithynier. Diesmal, beschloss Phaeneas, würde er schriftlich zusagen. Wenn man es schon konnte, musste man es schließlich nutzen – und für ihn selbst war es auch angenehmer, weil er nicht durch halb Rom laufen musste. Solange er genug Zeit hatte, war Schreiben für ihn keine schwierige Angelegenheit – sein Lehrer in Germania hatte ihm selbstverständlich beigebracht, Offizielles immer nur in Schönstschrift zu verfassen. Und zu verhindern, dass die Buchstaben ungelenk oder gar krakelig wurden, das dauerte eben.
So machte er sich gleich geschäftig an die Ausführung ... -
Gemäß Lucianus‘ Auftrag stand Phaeneas vor Paulinas Reich in der Villa Vinicia und klopfte an die Tür.
Sie war so rein gar nicht der mütterliche Typ gewesen oder auch nur eine von den Frauen, die sich sehnlichst Kindern wünschten, um sie zu ummuttern. Immer war sie die elegante Dame gewesen, die sich mit Kleidern und Schmuck beschäftigte und mit der Frage, mit welcher Frisur sie auf dem nächsten Fest am besten Eindruck machen konnte. Dementsprechend fiel es dem Bithynier nachwievor schwer, sie sich als Mutter vorzustellen - auch wenn er sich natürlich an ihre freundliche Art zu lächeln erinnern konnte, wie es aussah, wenn Zufriedenheit in ihrem Gesicht stand oder sie ganz hingerissen war über das, was ihre Augen erblickten oder Ohren hörten.
Wenn sie eine begeisterte Mutter geworden war, dann bedachte sie ihre Kinder mit solchen Blicken, das wusste Phaeneas. -
Phaeneas', des Lucianus eigenen Leibsklaven Handschrift war es, die fein säuberlich auf das Papyrus gesetzt war und die Zusage der Vinicier auf die Hochzeitseinladung enthielt. Darüber hinaus waren es Phaeneas' höchst eigene Worte, seine etwas starr und in höchstem Grade formell klingenden Worte, in denen eben jene abgefasst war. Eben genauso, wie er sich Fremden, erst recht fremden Herrschaften, gegenüber auszudrücken pflegte.
Nur persönlich ausgeliefert hatte er die Nachricht nicht.
Der Senator Marcus Vinicius Lucianus bedankt sich für die Einladung und lässt Bescheid geben, dass er zur Hochzeit des Tiberius Durus und der Aurelia Laevina erscheinen wird. Die Anwesenheit seiner Gattin wird sich in Anbetracht ihrer noch nicht weit zurückliegenden Niederkunft je nach momentanem Befinden entscheiden.
i.A. von M. Vinicius Lucianus
-
Gerade war die junge Syria ans Buffet zurückgekehrt, da hatte Phaeneas prompt schon wieder eine Aufgabe für sie. Die große, blonde Sklavin fasste den Mann ins Auge, um dessen leibliches Wohl sie sich kümmern sollte. Ah ja, Aurelius Ursus – sie liebte es, die Namen den prominenten Besucher zuzuordnen zu lernen und allgemein den Umgang mit solchen.
Durch die Klienten hindurch schob sich Syria also auf den Aurlier zu und erkundigte sich, sobald sie dort zum Stehen kam, mit einem zuvorkommenden Lächeln: „Kann ich dir etwas bringen, Herr? Etwas zu trinken oder vielleicht eine Kleinigkeit zu knabbern? Oder gar ein kleines zweites Frühstück?“ Ihrer Meine war anzusehen, dass sie das, was sie sagte, todernst meinte, und sie ihm, egal welche Wünsche er äußern würde, alles bringen würde. Nebenher fiel ihr noch der Sklave in Begleitung des Senators auf. Den musste sie sich natürlich auch merken, schließlich sollten alle, die zu den Gästen dieses Hauses gehörten, entsprechend behandelt und umsorgt werden. -
Mit leichtem Amüsement beobachtete Phaeneas die Antwort des anderen Sklaven, den etwas zur Seite gelegten Kopf, erwiderte sein Lächeln. Diese Pantomime, die sie beide da betrieben, bereitete dem Bithynier tatsächlich ungeahnte Freude und hatte einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert. Aber als der aurelische Sklave ihn fragend ansah, war Phaeneas prompt schon überfordert. Was wollte er nur von ihm wissen? Was gab es in dieser Situation, was irgendwie klärenswert wäre? Der Leibsklave sah sich um. Es war doch alles wie immer. Oder? Also blieb ihm nur, genauso fragend zurückzuschauen, in Anbetracht dessen, dass er schlicht nicht drauf kam.
Als dann Aurelius Ursus auf seinen Sklaven zukam und der die Unterbrechung ihrer „Unterhaltung“ signalisierte, nickte Phaeneas sofort verständig. Natürlich, der Herr ging vor, in allen Lebenslagen. Davon abgesehen, dass der Leibsklave Lucianus gerne vorgehen ließ – nicht umsonst war er der einzige, den der Bithynier als nicht fremd bezeichnete.
Aus dem Gespräch der beiden freien Männer hatte er natürlich schließen können, dass der Aurelier noch bleiben würde und mit einem entsprechenden Wink Syria auf den Gast aufmerksam gemacht. Beruhigend nickte er also wieder zu dem anderen Sklaven hinüber, um ihm zu sagen: Es war für alles gesorgt.
Gespannt betrachtete er dann, wie der bisher so einwandfrei aufgetretene Sklave sich seinem Herrn gegenüber gab. Das Neigen des Kopfes wäre bei Phaeneas selbst bestenfalls nichts weiter als nur ein kurzes Nicken gewesen, aber – er selbst war ja in dieser Hinsicht wahrlich kein Musterbeispiel, wenn es in Bezug des Verhaltens eines Unfreien um etwas, das Blickkontakt beinhaltete, ging.
Aber wie sich der schwarze Sklave bemühte, die von seinem Herrn erhaltenen Informationen weiterzugeben, war wirklich fast schon rührend. Als er sich mit dem Aurelier unterhielt, konnte man auch durch den erhöhten Geräuschpegel während einer Salutatio hindurch erahnen, dass er die Stimme gesenkt hielt. Und er sprach erst nach Erlaubnis durch den Herrn. Auch das war in Phaeneas‘ Umgang mit Lucianus längst unter den Tisch gefallen – und der Bithynier dachte sich nicht einmal etwas dabei. Das fiel ihm jetzt auf, als er das Verhalten des anderen beobachtete, sich an Sklaventugenden erinnernd. Für Phaeneas war Lucianus längst weniger sein Herr, viel wichtiger war ihm das vertraute, freundschaftliche Verhältnis zu jenem – und mit Menschen, die ihm nicht fremd waren, ging der Bithynier schließlich nie so distanziert um wie es bei den Herrschaften üblicherweise angebracht war.
Als schließlich zwischen dem fremden Sklaven und Aurelius Ursus eine Gesprächspause entstand, konnte Phaeneas sich keinen rechten Reim darauf machen. Aber irritiert hinüberzuschauen, wäre natürlich vollkommen unangebracht gewesen, und sobald der Custos Corporis weitergesprochen hatte, fing er dessen Blick auf. Diesmal erwiderte der Bithynier ihn einfach nur. -
Phaeneas war sich nicht sicher, wer von den Sklaven es geschafft hatte, die tiberisch gesiegelte Nachricht so lange verschlampt zu haben, aber sie hatten erahnen können, wie wenig begeistert der Leibsklave ihres Herrn darüber war. Die Sklavenschaft leitete Phaeneas ausschließlich über Erwartungen. Er erwartete, dass sich alle so verhielten, wie es sich gehörte. Er erwartete schlicht, dass alles vernünftig lief. Über Details ließ er sich gar nicht erst aus, hielt keine langen Moralpredigten, äußerte sich nicht zu haushaltstechnischen Kleinigkeiten. Er könnte es auch gar nicht.
Phaeneas könnte niemanden zusammenstauchen, er könnte nicht laut das Wort erheben und er könnte sich nicht direkt, durch seine eigene Person, Respekt verschaffen.
Also versuchte er’s auch gar nicht. Stattdessen stellte er Erwartungen an seine Mitsklaven, die bis zu einem gewissen Grade zu erfüllen waren. So gut wie nie Gefühle zu zeigen, hatte den Vorteil, dass andere Missmut und sonstige Emotionen nur zu erahnen glauben konnten – so auch in diesem Fall.
Jedenfalls war das Schreiben jetzt in Phaeneas‘ Hände gelangt und nun auch zu Lucianus, nachdem sein Leibsklave das Arbeitszimmer betreten und ihm den Brief gereicht hatte. „Hier, von der Gens Tiberia!“INVITATIO
Im Namen der Gens Tiberia und der Gens Aurelia laden wir Euch, Marcus Vinicius Lucianus und Aelia Paulina,
am fünfzehnten vor den Kalenden des December Tiberio Vitorioque Coss. (17.11.2009/106 n.Chr.) in die Villa Aurelia.~ ~ ~
An jenem festlichen Tage werde ich,
Manius Tiberius Durus,
die keusche und fromme
Aurelia Laevina
in die Ehe führen.~ ~ ~
Wir wären erfreut, wenn Ihr mit uns diesen Freudentag begeht. Bitte gebt Nachricht in der Villa Tiberia, ob wir mit Eurem Kommen rechnen dürfen.
Das Brautpaar
-
Die Unterhaltung zwischen Lucianus und Aurelius Ursus bekam Phaeneas seinerseits nur am Rande mit, so weit, um das für seinen Herrn Interessante niederschreiben zu können. Es interessierte ihn nicht sonderlich, ob der Klient dem frisch gebackenen Vater (bzw. dessen Kindern) Spielzeug mitgebracht hatte oder wie Nachfolgeregelungen im Militär aussahen. Seit jeher interessierten den Bithynier fremde Angelegenheiten wenig, da beschäftigte er sich lieber mit sich selbst. Sich in seiner eigenen (Gedanken)Welt abzuschließen, bedeutete vor allem, mit weniger Problemen konfrontiert zu sein. Und damit hatte Phaeneas stets auch so genug zu tun gehabt.
Im Gesicht des aurelischen Sklaven erlannte Phaeneas das kleine Zeichen, das der andere ihm herübersandte, nachdem er seinerseits die Blicke des Bithyniers bemerkt zu haben schien. Phaeneas beantwortete den stummen Gruß mit einem leichten Nicken.
Der Bithynier war es nicht gewohnt, beachtet zu werden, erst recht nicht, mehr oder minder grundlos gegrüßt zu werden. Anonymität und ein unpersönlicher Umgang waren wesentliche Bestandteile gewesen in dem Sklavenhaushalt, in dem er aufgewachsen war, und in denen, wo sein späteres Leben stattgefunden hatte.
All das ließ den fremden Sklaven für Phaeneas noch mehr auffallen, der ihm bisher – so aus der Ferne gesehen – ein sehr angenehmes Verhalten an den Tag legte, nämlich alles das personifizierte, was der Bithynier für Sklaventugenden hielt (die meisten hier in diesem Haus hatten alle ein Selbstverständnis und eine Auffassung von ihrer Arbeit, die ihm schlicht schleierhaft blieb). Und jetzt diese dezente, nette Geste. Phaeneas konnte sich nicht erinnern, je über ein halbes Atrium hinweg wortlos mit jemandem kommuniziert zu haben. -
Sie war viel herumgereist ... Da traf sie bei Phaeneas einen Nerv, der für solche Aussagen empfindlich war. Es gab nur ein Land, in das zu reisen der Sklave sich wünschte - natürlich war er unfrei und gehörte dementsprechend dorthin, wo seine Herrschaften waren, aber trotzdem blieb diese eine Sehnsucht unverrückbar in ihm ... „Ähm, warst du ... vielleicht auch mal in Bithynia?“, fragte er vorsichtig. Der möglichen bevorstehenden Enttäuschung wegen.
„Also die, denen ich begegnet bin, die waren prinzipiell ganz normal. Und das waren einige.“ Und einen davon hatte er geliebt ... „Aber zu ihren konkreten Göttervorstellungen habe ich nichts direktes mitbekommen.“
Wie er vorhin schon hatte erleben dürfen, las Alaina sehr schnell. Neben sich hörte er sie schon kichern, bevor er selbst richtig in die Worte hineinkam.
Aber wieder war der Bithynier ganz hingerissen von der Eloquenz des Autors, wie spritzig und mit welchen sprachlichen Mitteln er die Überzeugungen der „Römer“, wie Alaina sagte, ins Lächerliche zog. Und es verzückte ihn die Logik, die dabei aus Plinius’ Worten sprach.
Nur der letzte Teil des Textes fiel aus dem Rahmen, weil er plötzlich so ernst – ernst gemeint – war. Phaeneas wusste nicht recht, was er von dem halten sollte, was der Verfasser an dieser Stelle aussagte.
„Meine Güte, was er da beschreibt, klingt alles so schrecklich kompliziert! Wie kann man sich nur etwas so Umständliches antun, um zehntausende von Göttern einzeln zu besänftigen! Und solch unlogische Dinge glauben ... Apropos, was glaubst du eigentlich?“, wandte er sich dann an die, die ihm Gesellschaft leistete, und sah Alaina an. -
Und Phaeneas betrachtete seinerseits missbilligend, wie Sermo an dem Geschehen zu kleben schien. Er hielt es schlicht und ergreifend für unzivilisiert, dergleichen Vorgänge verfolgen zu wollen. Doch letztendlich ergab sich der Mann, der ihn hierher mitgenommen hatte, in das Sinnvollere und genauso schnell, wie sie herhiergekommen waren, waren sie auch schon wieder weg und bald in einer anderen, ruhigeren Gaststätte, die Phaeneas infolge dessen wesentlich angenehmer fand. Es ging nichts über eine zivilisierte, gesittete Umgebung. Was seine Herrschaften anbelangte, hatte er auch grundsätzlich lieber solchen gedient, bei denen es geordnet zugegangen war – es hatte auch solche gegeben, bei denen es alles andere als ordentlich gewesen war: eine schlecht festgelegte Hierarchie unter den Sklaven, die die Gewalt zum einzigen Argument machte, nie deutlich gemachte Erwartungen an Sklaven, launische, unregelmäßig betrunkene Herrn, denen man besser nicht begegnete, wilde Feste mit in Phaeneas‘ Augen schamlosen Ausuferungen ... Alles das hatte der Bithynier seit frühester Kindheit zu fürchten gelernt. Und dafür Ruhe und Frieden zu lieben gelernt.
Er folgte Sermo und ließ sich ihm gegenüber nieder. Phaeneas war es ein klitzekleines bisschen peinlich, sich gleich auf ein ganzes Gericht bei Sermo durchzufuttern, na ja, aber er hatte ihn schließlich eingeladen. Was die Auswahl anbelangte, die der Junge verlauten ließ, hatte Phaeneas keine spezielle Vorliebe für eines der genannten Gerichte – er hatte gelernt, zu essen, was auf den Tisch kam, und wem es nicht passte, der hungerte. Aber nur so lange, bis die betreffenden Sklavenaufseher auf den Essstreik aufmerksam wurden. Selbstmord, das eines der größten Vergehen war, derer sich ein Unfreier schuldig machen konnte, musste schließlich verhindert werden.
Aber durch seine Nachfrage nahm Sermo ihm die Entscheidung sowieso so gut wie ab, denn Phaeneas brauchte nur noch zu nicken und „Ja, bitte.“ hinzuzufügen. Zu der Frage nach Wein sagte der Bithynier nichts, das lag an dem, der zahlte.
Wieder fiel ihm Sermos hochgezogene Augenbraue auf, die hatte er heute schon öfter an ihm gesehen. -
Direkt neben Lucianus stand, wie bei jeder Salutatio, sein Leibsklave Phaeneas, Wachstafel und Stilus in der Hand, um jederzeit das Anliegen eines Klienten mitschreiben zu können. Obwohl er so mitten im Geschehen war, gab er sich dabei als möglichst nicht existent, wie eben immer. Dazu die üblich neutrale, wert- und emotionsfreie Miene,die zu zeigen allen Sklaven, die mit dem Bithynier zusammen erzogen worden waren, beigebracht worden war. Weder Billigung noch Missbillibung auszudrücken stand einem Unfreien schließlich zu (na ja, außer bei den Herrschaften, die es liebten, geschmeichelt zu bekommen – da war es eine Überlebensfrage) und so stand in Anwesenheit Fremder keines von beidem in den dunklen, fast schwarzen Augen des Bithyniers. Trotzdem hatten sie etwas unbeabsichtigt Stolzes in sich, genauso wie die ganze Art, mit der er die Personen um ihn herum bedachte – wie ein Strauß ging er vor, indem er davon ausging, dass er den Leuten bestimmt nicht auffallen würde, wenn er sie nicht beachtete.
Dass es Lucianus gegenüber auch noch einen anderen Phaeneas gab, war nicht zu erahnen. Trotzdem genoss der Sklave beinahe jeden Moment in dessen Gegenwart, denn sein vertrauter Herr war ihm wie ... ach, er wusste es nicht, Lucianus war alles das, was der Bithynier nicht hatte, wenn er allein war, und das war schließlich die meiste Zeit seines Lebens gewesen. Lucianus war die Stütze seines kaum existenten Selbstbewusstseins, er gab ihm Auftrieb, wo sonst nur aus Sinnlosigkeit resultierende Resignierung war.
Obwohl Phaeneas so tat, als bekäme er von dem um ihn herum nichts mit, war ihm der schwarze Sklave, der aus dem Vestibulum getreten war, natürlich aufgefallen. Als Aurelius Ursus‘ Leibwächter registrierte er ihn, der schön das tat, was ein Sklave tun sollte, sich nämlich still verhielt. Phaeneas betrachtete seine Haltung und seine gesenkten Augen -
Bei den Göttern, und jetzt schaffte es dieser Sklave noch, das letzte i-Tüpfelchen auf dem Verhaltenscodex einwandfrei zu befolgen! Nämlich Höflichkeit gegenüber fremdem Dienstpersonal. Das schließlich die Herrschaften in einem gewissen Grade repräsentierte und von dem Gäste immer ein bisschen abhängig waren. Und dieses letzte Bisschen an Höflichkeit setzte dieser Custos Corporis tatsächlich auch noch um, zusätzlich zu seinen vorher gezeigte Qualitäten.
Lichas, der das so direkt nicht immer gewöhnt war - manche stolzierten ja an einem vorbei! Nicht nur die hohen Gäste, auch deren Unfreie (die sich manchmal wirklich für ihre hohen Besitzer selbst hielten) taten sowas gern! – , war erst einmal überrascht, aber freudig überrascht und antwortete mit einem ebenso leisen: „Nichts zu danken ...“ und lächelte. -
Bei den Göttern, perfekt! Beim Anmelden seines Herrn stellte er sich auch noch gut an! Ja, das war immer gut, wenn man als Sklave seinen Herrschaften gegenüber verschiedene Qualitäten beweisen konnte, das machte einen immer rar. Wie er sich hier und den beiden Genannten und seinem Herrn gegenüber respektvoll zeigte, ohne groß irgendwas sagen zu müssen. Manche Unfreie (die Schleimer und Kriecher, die Lichas echt kein bisschen ausstehen konnte) versuchten’s gleiche ja zu erreichen, indem sie alle Welt und erst recht ihre Herrschaften mit einem Schwall Worte übergossen, in denen sie gar nicht mehr fertig wurden, vor lauter Komplimenten.
Da hatte der hier echt Stil. Das musste Lichas sich merken. Vielleicht konnt‘ er sich das ja abschauen. Na ja gut, Lichas würde nie Lucianus oder seine Frau irgendwo anmelden. Das gehörte ja nicht zu seinen Aufgaben. Aber wer weiß, irgendwann ... eines Tages ... würde es ihm vielleicht nochmal irgendwie nützen.
„Der Wunsch kann erfüllt werden“, nickte Lichas und rief sich Saras her. „Dieser Sklave hier wird deinen Herrn ins Atrium führen. Steht ja sowieso ganz oben Liste, laut deren Reihenfolge die Klienten bei ihrem Patron drankommen...“, fügte er leise murmelnd für sich hinzu, während der patrizische Senator aufbrach. -
„Danke, der Herr!“ Ein (triumphierendes) Lächeln erschien auf Lichas‘ Gesicht. Den großzügigen Spender kannte er schon, von vorherigen Gaben. Die, die an der Türe etwas springen ließen, brannten sich automatisch und unauslöschlich in Lichas‘ Gedächtnis ein. Das war ganz klar eine der Sklavenfreuden an der Porta, wenn man jemanden erblickte, der üblicherweise zu geben pflegte. Allein die Vorfreude auf das Gefühl des kalten Metalls in der Hand ...
Ach, was man mit Geld alles machen konnte! Guten Wein trinken gehen, schönen Mädchen mit Geschenken imponieren, (fast) alles kaufen, was man sich nur wünscht! Lauter Dinge, die einem ohne Geld verwehrt blieben!
Leider musste man dafür lange sparen und oft an der Türe stehen ... `s waren ja doch nur kleine „Beträge“, die hier flossen ...
Aber dafür schätzte man jeden einzelnen Trinkgeldgeber umso mehr! Eben auch den hier, der jetzt im Haus verschwand. Hoffentlich schenkten die Götter ihm ein langes Leben und schickten ihn mal für irgendwas außer-salutatisches hierher. -
Heueueu, da war aber jemand aufgeregt. Als Vertretung seines Vaters sozusgen wollte der Iulier also vorsprechen. Wie er Antias allein schon mit Informationen zuschüttete. Aber natürlich waren genau das die Hinweise, die der Sklave brauchte, um zu dem Schluss zu kommen, dass dieser eine Audienz Ersuchende das volle Recht dazu hatte, zum Herrn vorgelassen zu werden.
Mit einem gönnerhaften Lächeln, das zu sagen schien: ‚Immer mit der Ruhe, wir schaukeln das Kind schon!‘, ließ Antias ihn also ein, mit den Worten: „Bitte tritt ein. Folge mir!“ -
Sie setzte sich neben ihn und begab sich somit in die gleiche Position, wie er. Sie begab sich auf eine Ebene mit Phaeneas.
Aufmerksam beobachtete ihr Lächeln. Immer wenn ihm jemand neu begegnete, prüfte er anfangs vorsichtig die Zeichen, die sein Gegenüber in seine Richtung aussandte - legte sich noch lange nicht fest, ob er ihnen glauben sollte, ob sie echt waren oder nicht.
Nun gut, seine Erkundigung an sie erledigte sich bald selbst, in Anbetracht dessen, wie mühelos sie den Text betrachtete. „Dann hast du mir einiges voraus. Ich kann nur Lateinisch“, merkte er durchaus mit der gebührenden Achtung an. Auch wenn er kein bisschen neidisch war.„Klasse, nicht wahr?“, war sofort Phaeneas‘ enthusiastische Reaktion. Dass das Mädchen neben ihm, Alaina, nun seine Freude über die schlagfertig-freche Art des Plinius teilte, machte die Sache noch einmal besser.
„Die Griechen wenn dann aber auch“, fügte der bithynische Sklave verschmitzt hinzu.
Nicht lange konnte Phaeneas dementsprechend die Papyrusrolle beseite lassen und so versuchte er sich noch einmal in den niedergeschrieben Worten zu orientieren und schob dabei die Schrift in die Mitte, sodass Alaina gut hineinschauen konnte. „Ich bin gespannt, wie es weitergeht!“Deshalb finden wir bei verschiedenen Völkern verschiedene Götternamen und bei jeweils denselben zahllose Gottheiten; sogar die unterirdischen Mächte, Krankheiten und auch viele schlimme Seuchen wurden in Arten geteilt, während wir sie in banger Furcht besänftigt wissen möchten. So hat man sogar von staatswegen auf dem Palatin einen Tempel dem Fieber geweiht, einen anderen der Göttin der Kinderlosigkeit neben dem Tempel der Laren und einen Altar dem bösen Schicksal auf dem Esquilin.
Deshalb kann man sogar die Zahl der Götter für größer ansehen als die der Menschen, da ja auch die einzelnen auch sich selbst heraus ebensoviele Götter machen, indem sie sich eine Iuno oder einen Genius wählen, die fremden Völker auch gewisse Tiere und sogar widerwärtige als Götter betrachten und vieles, das auszusprechen noch beschämender ist, indem sie bei stinkenden Speisen und ähnlichen Dingen schwören. Der Glaube, dass unter Göttern auch Ehen geschlossen würden und doch seit so langer Zeit daraus niemand geboren worden wäre, ferner dass die einen immer alt und grau, andere jugendlich und Kinder, wieder andere schwarz, geflügelt, lahm, einem Ei entsprossen, abwechselnd einen Tag lebend und tot seien, ist eine fast kindische Faselei; aber alle Unverschämtheit übersteigt es, wenn man ihnen Ehebrüche andichtet, dann für Streitigkeiten und Hassgefühle oder sogar für Diebstahl und Verbrechen Götter annimmt.
Gott sein bedeutet für den Sterblichen, dem Sterblichen zu helfen, und das ist der Weg zum ewigen Ruhm. Ihn gingen die vornehmsten Römer, auf ihm wandelt jetzt göttlichen Schrittes zusammen mit seinen Kindern der größte Herrscher aller Zeiten, Vespasianus Augustus, der erschöpften Welt zu Hilfe kommend. Dies ist die älteste Sitte, sich hochverdienten Männern dankbar zu erweisen, dass man solche Helfer unter die Götter versetzt. Denn auch die Namen anderer Götter und die oben erwähnten Namen von Gestirnen sind aus verdienstvollen Taten der Menschen entstanden. -
Geöffnet wurde ihm in jedem Fall, dem Sohn des Klienten des Hausherrn. Der Sklave hinter der Porta, in diesem Fall war es Antias, wartete schließlich nur darauf, ein Klopfen an der Tür zu hören, und daraufhin das Anliegen des Davorstehenden anzuhören. Ganz gleich, wer es war, jeder erhielt die Gelegenheit, seine Sache vorzutragen, und dann ... tja, dann war es Sache des Ianitors zu entscheiden, ob es sich bei dem Bittsteller nur um einen Bettler oder um einen ernstzunehmenden – und damit einzulassenden – Gast des Vinicius Lucianus handelte.
Aber zuerst wollte Antias wissen, was der Mann vor ihm überhaupt wollte, bevor er die Situation weiter beurteilte, und deshalb erkundigte er sich höflich: „Salve, Herr, du wünschst?“ -
Ein weiteres Mal zog Lichas die Porta der vinicischen Behausung auf, um davor zuerst einen großen, muskulösen Sklaven – Marke Leibwächter - und dahinter dessen Herrn zu erblicken.
„Salve, was kann ich tun, wen kann ich melden?“, stellte Lichas in seiner unverwüstlich nicht aus der Ruhe zu bringenden Art die Standardfrage.
Huh, der Custos Corporis und hiermit Anmeldesklave war für seine Rolle aber auch echt perfekt - wenn der einen anschaute, ließ einen das schon erstmal erschaudern, fast als könnt‘ er durch die Augen noch weiter durch einen hindurchschauen. Tja, das war eine wichtige Voraussetzung für so `ne Aufgabe, sich gleich auf den ersten Blick Respekt verschaffen.
Lichas selbst brachte das nicht wirklich fertig. Er war eher hager wie `ne Bohnenstange und nicht sonderlich achtungeinflößend, aber was soll man machen, man hat andere Qualitäten. So war das Leben halt. -
Plötzlich stand eine junge Frau vor Phaeneas und richtete ein Salve an ihn. Sie war schlank und hatte ein zartes Gesicht und sie stammte ganz sicher nicht hier aus dem Mittelmeerraum, wie er germaniengeübt feststellte.
Nichts an Phaeneas deutete auf seine Unfreiheit hin. Nie hatte er versucht zu fliehen, nie war er aufsässig gewesen, weshalb er weder einen Ring um den Hals noch ein Brandzeichen oder ähnliches irgendwohin verpasst bekommen hatte. Auch hatte er nie in einem Haus gedient, in dem es üblich gewesen wäre, alle Sklaven als der Familie zugehörig zu zeichnen.
Höchstens konnte man es an seinem Verhalten ablesen. An seinen ernsten Augen, in denen auch jetzt, obwohl sie belustigt blitzten, diese Ernüchterung, die Desillusionierung stand. An seinen kleinen Gesten, daran, dass er sich nicht groß in Szene setzte, sich immer lieber unaufällig im Hintergrund hielt, wie auch hier, im Staub sitzend, den Rücken an die Hauswand gelehnt. Daran, dass er nicht aufmerksamkeitsgewohnt die Stimme hob und keine pathetischen Worte machte.„Salve.“ Mit einem schnellen Blick maß er sie. „Ich bin Phaeneas“, antwortete er dann. „Lies das hier, dann verstehst du es!“ Und so reichte er ihr die Papyrusrolle hin, mit dem Zeigefinger der linken Hand auf die Stelle weisend, die er meinte.
Sim-Off: Siehe Text oben
„... Ähm ... Kannst du lesen?“, fiel ihm dann selbst noch ein. Schließlich hatte er noch bis vor kurzem auch nicht lesen können und es war völlig normal, jemandem zu begegnen, der es nicht beherrschte. Noch einmal überflog er ihre Erscheinung, kam aber anhand ihrer Kleidung zu keiner Antwort seiner ohnehin schon gestellten Frage. -
Und wie es meistens bei der Salutatio zu sein pflegte, öffnete Lichas die vinicische Eingangspforte und bat das wartende Klientel herein in die gute Stube.
Das mit dem Einheizen hatte an diesem Morgen übrigens auch er übernehmen dürfen, das heißt es musste heute vernünftig warm sein. Die holde Weiblichkeit (das heißt Sklavinnen, die einzigen Damen, mit denen Lichas üblicherweise innerhalb dieses Hauses zu tun hatte) beschwerte sich nämlich sonst meistens, sobald es nur annähernd Herbst wurde, darüber, dass sie in der Villa fröstelten. Na ja, und wenn er für angenehme Temperaturen sorgte, war er wenigstens für diesen einen Tag im Haus der Held.
„Wie üblich geradeaus ins Atrium, bitte“, merkte Lichas noch an, während er schon einen Schritt zurückging, um den Eingang freizumachen.Sim-Off: 'geradeaus ins Atrium' ist ein Link.