Beiträge von Numerius Duccius Marsus

    Ihr verwirrter Gesichtsausdruck ließ Witjon schmunzeln. Sekunden später dachte er, sie würde ihm das nun übel nehmen, doch dann grinste sie wieder und Witjons Herz machte einen Sprung. Verflucht Freya, warum schickst du mir diese wundervolle Frau?
    Er lachte leise und antwortete auf ihre hoffentlich ironisch gemeinte Frage.
    "Ja, er ist mein Freund. Nunja eigentlich ist er der Leibwächter meiner Familie, ich nehme an du hast ihn bereits für einen Sklaven gehalten. Aber für mich ist er ein Freund. Und nein, er ist mir gefolgt, weil ich keine Gelegenheit hatte, mich von ihm zu verabschieden. Ich bin einfach so gegangen und das hat er mir wohl übel genommen." Er grinste jetzt auch und mit einem zwinkern fügte er hinzu:
    "Und außerdem bezweifle ich, dass eine so zierliche und angenehme Junge Dame einem so netten jungen Mann wie mir einfach die Kehle durchschneiden würde."
    Sein Grinsen verbreiterte sich noch und er wartete schon auf einen strafenden Blick für diesen selbstlobenden Kommentar. Oder hatte diese Frau wirklich einen so expliziten Sinn für Humor, dass er den Bogen noch weiter spannen konnte?

    "Ich habe noch niemals ein richtiges Opfer durchgeführt. Bis jetzt taten das immer die erfahreneren Familienmitglieder, wenn es zu solch einem Ereignis kam." Er schaute etwas nachdenklich drein. Religion schien Aquilia auch nicht zu behagen und so suchte Witjon in Gedanken bereits nach einem weiteren Gesprächsthema, als schon das Stadttor in Sichtweite kam. Er dachte an Silko, der sie vermutlich immer noch mit einigem Abstand verfolgte.
    "Da ist ja bereits das Tor. Hör mal, bevor ich Mogontiacum verlasse, muss ich noch meinem Freund auf wiedersehen sagen." Mit dem Daumen deutete er auf den Nubier, der hinter ihnen lief.
    "Wenn du erlaubst." Er hielt Skaga an und drehte sich um. Grinsend winkte er Silko zu ihnen heran.

    Witjon begrüßte den Themenwechsel. Über seine neue Beschäftigung konnten sie sich noch lange genug unterhalten, wenn er erstmal in Confluentes angefangen hatte.
    "Da gibt es wohl einiges zu erzählen! Lass mich mit Lando beginnen, über ihn als deinen 'Besitzer' solltest du wohl ganz gut informiert sein." Er grinste breit, als er nun zu erzählen begann.
    "Lando ist der wohl durchgeknallteste aber auch gerissenste Mensch, den ich je getroffen habe. Seine Geistesblitze können dich umhauen, seine manchmal total verballerten, wahnwitzigen Unterfangen und spontane Aktionen sind ebenso beeindruckend." Er machte eine Pause, um zu trinken und ein Stück Brot zwischen die Zähne zu schieben, dann sprach er weiter.
    "Einmal hat dieser Verrückte die halbe Familie auf einen Reitausflug mitgenommen, der sich wenig später als eine Jagd auf einen von Dämonen besessenen Wolf herausstellte. Wir hatten Glück, dass niemand ernsthaft verletzt wurde."

    Einen Moment lang stockte Witjon.
    "Darüber habe ich noch gar nicht so genau nachgedacht. Ich glaube ich werde mich dafür an die Ala wenden, der Praefectus kennt mich und wird mir sicherlich Unterstützung anbieten."
    Als das bestellte Essen kam, ließ er es sich zusammen mit dem vielen Bier erst einmal richtig schmecken. So einen ausgelassenen Abend hatte er seit der Walburgsfeier nicht mehr gehabt.
    "Und im schlimmsten Fall greife ich auf meine eigenen bei dir erlernten Fähigkeiten zurück." zwinkerte er.

    Witjon bedankte sich und begann eine weitere Erklärung.
    "Ein Magistratus ist ein Beamter einer Stadt. Der Legatus Augusti Pro Praetore hat mich mit dem Auftrag nach Confluentes geschickt, den dortigen Duumviri auf die Finger zu schauen. Offenbar sind die werten Herren dort ziemlich faul und zudem wirtschaften sie in die eigene Tasche."
    Ein weiterer Schluck Bier machte Endstation in seinem Magen.
    "Von hier bis Confluentes sind es nur einige Stunden zu Pferd. Da ich sowieso wöchentliche Berichte an den Comes abliefern muss, werde ich auch regelmäßig die Casa besuchen und mich nach Neuigkeiten umhören und Margas gutes Essen genießen."
    Er zwinkerte Silko zu und bestellte dann bei einer Bedienung eine weitere Portion Brot mit Tunke.

    Die Frage des Nubiers überraschte Witjon. Dennoch antwortete er ohne Umschweife.
    "Als Scriba hat man eine Menge Drecksarbeit zu tun." grinste er. "Du protokollierst wichtige Gespräche, fertigst Abschriften von Dokumenten an, archivierst alle Möglichen Sachen, rennst von einem Officium zum anderen, um Besucher anzumelden und herumzuführen, und, und, und..." Er musste seinen Mund kurz mit Bier ölen, dann sprach er weiter.
    "Allerdings werde ich mich damit nicht weiter herumschlagen müssen. Ich bin zum Magistratus Confluenti befördert worden und werde übermorgen aufbrechen. Aber keine Sorge, ich werde wöchentlich nach Mogontiacum kommen." Hoffentlich überrumpelte er Silko mit dieser Neuigkeit nicht zu sehr.

    Er konnte es nicht fassen. Silko hatte sich wirklich von ihm im Armdrücken schlagen lassen? Ungläubig stand auch Witjon auf, nahm Silkos Glückwünsche mit einem freundlichen Nicken entgegen und bedeutete diesem im Beifall der Menge, zu ihrem Platz zurückzukehren.
    Als sie sich gesetzt hatten, kam bereits der Wirt mit einem großen Krug Bier daher, den er ihnen mit einem "Wohl bekomms! Wenn ihr mehr braucht, sagt bescheid!" auf den Tisch stellte.


    Witjon grinste. Er hielt es für ausgeschlossen, dass er selbst diesen Sieg zustande gebracht hatte, sagte aber kein Wort, da er Silkos Absichten nicht anzweifeln wollte.
    Statt dessen füllte er die beiden Becher mit Bier und prostete Silko zu.
    "Ich weiß du trinkst Bier nicht so gern wie Met, aber diesen einen Becher musst du mit mir leeren. Lando wirds dir schon nicht übel nehmen und ich erst recht nicht."
    Sie stießen an und Witjon leerte seinen Becher mit einen langen Zug. Sofort schenkte er nach und setzte dann das Gespräch fort.
    "Das wäre wohl geschafft." grinste er. "Wie gut, dass ich dich dabei habe, sonst hätte ich bestimmt nicht so viel Spaß."

    Witjon stellte überrascht fest, dass Silko sich von ihm zurückdrängen ließ. Konnte das denn sein? War das nur wieder ein weiterer Trick?
    Egal, es spielte keine Rolle. Witjon drückte nun mit aller Kraft zu und versuchte mehr denn je, Silkos Arm auf die Tischplatte zu befördern. Nur noch wenige Milimeter, dann war es geschafft...

    Als sie wieder von Purzelbäumen zu reden begann schmunzelte Witjon. Die Frau hatte einen angenehmen Sinn für Humor. Als hinter ihnen ein Fensterladen geräuschvoll aufgeschlagen wurde, schaute er reflexartig kurz über die Schulter und entdeckte den schwarzen Hünen, der ihnen folgte. Einen kurzen Moment lang überlegte Witjon, ob er etwas tun sollte, dann entschied er sich dagegen. Er würde erst einmal beobachten, was der Mann vor hatte.
    Unauffällig widmete er seine ganze Aufmerksamkeit wieder seiner hübschen Begleitung.
    "Ein Naturmensch, das freut mich. Das halte ich keineswegs für langweilig oder gar unglaubwürdig. Ich bin selbst verbringe meine Zeit gerne in der Natur und meine germanischen Wurzeln verpflichten mich praktisch dazu, die Natur zu Ehren der Götter zu respektieren.
    Sollen die Römer doch in marmornen Tempelbauten beten, ich suche lieber einen geweihten Hain auf und bringe dort meine Anliegen vor."

    Auch, wenn ich diese Angewohnheit in letzter Zeit zu sehr vernachlässigt habe... dachte er bei sich.
    Witjon wollte ein wenig provozieren, hatte er doch bemerkt, dass sie keine wirkliche Römerin sein konnte. Spätestens als sie nun von der Natur sprach, hatte Witjon erkannt, dass er zumindest keine dieser dekadenten, verwöhnten Töchter Roms vor sich hatte.

    "Die Römer haben noch viel mehr nützliche Dinge erfunden. Allein das Straßennetzwerk, die Tempelanlagen oder ihre mächtigen Stadtmauern lassen auf ihr architektonisches Geschick schließen. Ich glaube ich werde dir mal einige Lehrstunden erteilen müssen."
    Witjon grinste, als Ragin ins Wasser stieg. Er würde die beiden jetzt erst einmal allein lassen. Sie hatten sicherlich einiges zu besprechen.
    "Ich lasse euch beiden jetzt allein. Albin zeigt euch später eure Zimmer. Er wird euch auch frische Kleidung bereithalten. Viel spaß."
    Mit einem Zwinkern verließ er das Balneum.

    Hatte er sie etwas in Verlegenheit gebracht? Witjon nahm sich vor, nicht sofort so direkt zu sein. Das war seit jeher eine seiner Macken, die ihm auch in der Schule schon Probleme mit den Magistern eingebracht hatte.
    "Vollwaise ja? Das tut mir leid." Da sie jedoch weiter lächelte, wollte er nicht näher darauf eingehen und wechselte lieber das Thema.
    "Purzelbäume sind was schönes. Sportliche Betätigung hält den Körper fit und damit auch den Geist. Und bei einem solchen prächtigen Wetter macht man Sport doch umso lieber.
    Was hast du außerhalb der Stadtmauern vor? Du siehst nicht aus, als würdest du eine lange Wanderung auf dich nehmen."

    Witjon war begeistert. Er hatte einen Schüler gefunden, dem er einiges beibringen konnte.
    "Schonmal einen Aquädukt gesehen? Das leitet Wasser aus den Bergquellen hierher in die Stadt. Was du hier siehst ist Fließwasser aus unserem Aquädukt. Man kann diese Amatur bedienen und somit den Wasserfluß unterbrechen. Wenn du warm baden möchtest, kochst du einfach etwas Wasser vor und füllst das Becken mit Eimern. Ganz so dekadent wie die Römer sind wir ja noch nicht geworden."
    Breit grinsend zwinkerte er den beiden Neuen zu.

    "Eimer? Machst du Witze?" Witjon lachte. Er ging zur Altertümlichen Amatur und ließ Wasser ins Becken laufen.
    "Schonmal fließendes Wasser aus einer Hauswand kommen sehen?"
    Ein Grinsen von einem zum anderen Ohr ließ sich nicht vermeiden.

    Witjon war vermutlich genauso überrascht wie Aquilia, dass sie so gesprächig war.
    "Ich bin bisher auch nur einmal dort gewesen. Viel zu sehen gibt es glaube ich auch nicht. Confluentes ist eine nette Kleinstadt aus der man mit dem richtigen Engagement allerdings noch einiges machen kann."
    Eine Prudentia. Woher kannte er diesen Nomen Gentile? Er kramte in seinem Gedächtnis, dann erinnerte er sich.
    "Ein schöner Name ist das. Du bist mit dem ehemaligen Praefectus Alae Tiberius Prudentius Balbus verwandt?"
    Und zu ihrem schelmischen Kommentar gab er selbstverständlich seinen Senf hinzu:
    "Ich glaube nicht, dass fremde Männer etwas dagegen haben, wenn junge, hübsche Damen ihnen hinterherrufen. Dann stören die schlechten Manieren nicht im geringsten."
    Wenn sie schon so anfing, konnte er auf die selbe Tour auch weitermachen. Dieser Tag schien vielversprechend zu sein.

    Sie wollte den ganzen Tag außerhalb der Stadtmauern verbringen? Dazu schien sie aber nicht so recht vorbereitet zu sein. Das nächste Gasthaus war fast zwei Stunden Ritt entfernt.
    "Ich habe einen Posten in der Verwaltung von Confluentes übertragen bekommen und mache mich nun auf, diesen einzunehmen. Da der Weg dorthin zu Pferd jedoch schnell zu bewältigen ist, werde ich wohl wöchentlich in diese schöne Stadt zurückkehren und einige Stunden im Haus meiner Familie verbringen."
    Er machte eine kurze Pause, in der ihm auffiel, wie unhöflich er bis jetzt doch gewesen war.
    "Entschuldige meine schlechten Manieren, aber ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Numerius Duccius Marsus."
    Er nickte und versuchte seine Verlegenheit zu verbergen, was ihm nur halb gelang.

    "Vielen Dank."
    Witjon grinste in einer Tour.
    "Das Chaos hier lässt wirklich nicht auf einen ordentlichen Scriba schließen, aber wie sagt man so schön? 'Nur das Genie beherrscht das Chaos.'" :D
    Er leerte seinen Becher, dann machte er bereits wieder Anstalten zu gehen.
    "Es tut mir aufrichtig leid, dass ich nicht länger bleiben kann, aber mein Pferd wartet bereits draußen und in Confluentes gibt es viel zu tun."
    Witjon stand auf und reichte Maecenas die Hand.
    "In einer Woche bin ich wieder hier. Genieße bis dahin die Ruhe." zwinkerte er seinem Gegenüber zu.

    Wieso taten Frauen solche Dinge? Witjons Blick blieb für einen sekundenlangen Augenblick an ihrem Gesicht hängen, als die Fremde sich eine Strähne aus dem Gesicht pustete. Mit einem verlegenen Grinsen wandte er sich kurz ab und blickte die Straße entlang, als er ihren Worten Gehör schenkte. Dann antwortete er auf ihre Gegenfrage, während er sie wieder ansah.
    "Ich bin auf dem Weg zum Stadttor. Ich werde Mogontiacum heute verlassen."
    Er grinste, als sie ihm zuzwinkerte. Diese Frau hatte ihn sofort in ihren Bann gezogen.

    Als seine Gedanken bereits wieder drohten, zu seinen zukünftigen Aufgaben und Pflichten abzuschweifen, vernahm er unvermittelt die reizende Stimme seiner "Verfolgerin". Diese Frau hatte den Mut einen völlig fremden Mann auf einer leergefegten Straße anzusprechen. Holla die Waldfee... dachte Witjon sich und verlangsamte seinen und den Schritt seines Pferdes, so dass die Dame aufholen konnte. Als sie näher gekommen war, antwortete er freundlich:
    "Salve junge Frau. Ein wahrlich schöner Morgen ist das. Was treibt eine Frau wie dich um diese Tageszeit auf die Straßen Mogontiacums?"
    Nun war auch Witjon in ein Schlendern verfallen.