Axilla schaute Rufus einfach hinterher, während Leander sich noch mühte, dennoch dem Wunsch seiner Herrin nachzukommen und ihm hinterhereilte. Allerdings hörte Axilla da auch schon die Tür und zuckte bei dem Rums zusammen. Mit staksigen Bewegungen kam sie aus ihrem Korbsessel und stand auf. Im Moment fühlte sie sich grässlich. Oder besser gesagt, sie fühlte sich nicht. Da war gar nichts, als hätte sie eigentlich gar keinen Körper. Es fühlte sich alles nur schwer an und leer.
Sie räumte fein säuberlich alles zusammen. Die Tinte wurde wieder mit dem Wachspfropfen verschlossen. Durch ihre Hände angewärmt verformte sich das Wachs leicht und ließ sich so leicht biegen, dass die Tinte wieder abgedichtet war. Die Feder wurde ein paar mal über das nutzlos gewordene Papyrus gezogen, um die Resttinte darauf loszuwerden und dann vorsichtig hingelegt. Anschließend rollte Axilla das Papyrus ein. Die ganze Zeit tränten ihre Augen fürchterlich. Natürlich nur wegen der Tinte. Gerade da kam Leander wieder zu ihr.
“Herrin, lass mich das doch machen. Herrin Axilla? Komm, geh ins Balneum, Herrin, du bist ganz mit Tinte verschmiert. Ich räume hier auf.“
Axilla ließ sich von Leander nicht helfen und ruckte unwillig mit dem Papier. Ihre Lippen verzogen sich zu schmalen Linien, als sie vor sich hin ins nichts starrte.
“Ich bin wirklich so furchtbar, nicht? Vater wäre furchtbar enttäuscht von mir…“
Sie schaute zu ihrem Sklaven hinüber, der sie ganz hilflos anschaute und nicht wusste, was er ihr sagen sollte. Aber natürlich, er konnte ihr ja auch nicht recht geben, sie war ja seine Herrin, aber genau deshalb konnte er ihr ja auch nicht widersprechen. Axilla ließ den Kopf sinken und gab Leander tonlos die improvisierte Karte. Sie war so furchtbar, und ihr Vater wäre schwer enttäuscht von ihr, das wusste sie selber. Dafür brauchte sie nicht noch die Zustimmung ihres Sklaven.
Wie neben sich stapfte Axilla schlurfend zum Balneum, um sich ausgiebig zu waschen. Die Tinte musste von ihr runter, dann würden auch ihre Augen aufhören, zu tränen.
Beiträge von Iunia Axilla
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“Tut mir leid, Gästen Honig ums Maul schmieren kam in taktischer Schlachtenplanung leider nicht vor! Du sagtest doch, du findest das ganz toll!“
Mannweib… hielt er sie also doch für so furchtbar, wie sie von Anfang an gedacht hatte. Bestimmt war das mit seinen Cousinen auch nicht richtig. Grade eben hatte er ihr ja seine wahre Meinung darüber offenbart, sonst hätte er sie so nicht genannt in diesem abwertenden Tonfall. Von wegen und, er fände das ganze ganz toll.
Jetzt wurden ihre Augen doch feucht, und wütend wischte Axilla die aufsteigenden Tränen einmal weg. Allerdings bedachte sie dabei ihre tintenbeschmierten Hände nicht und bekam etwas Tinte in die Augen, was brannte und sie kurz scharf die Luft einziehen ließ. Jetzt tränten ihre Augen nur mehr und nicht weniger, was sie noch viel wütender machte. Dabei war sie gar nicht wirklich wütend auf Rufus, als vielmehr auf sich selber. Sie war gemein geworden, das wusste sie, und sie sagte Dinge, nur um ihm weh zu tun. Sie wusste, dass das schlimm war und ihr Vater sie so ganz bestimmt nicht erzogen hatte. Und sie hasste sich selbst dafür, so zu sein. Aber trotzdem konnte sie jetzt nicht zurück.
Sie sah kurz zu Rufus, der stand und einen vor Wut ganz roten Kopf hatte. Das war ihre Schuld. Hätte sie doch einfach ihre große Klappe gehalten! Andauernd brauchte sie ihr Mundwerk in Schwierigkeiten. War wohl ein Fehler gewesen, sich ihm anzuvertrauen. Sie hatte es gewusst, dass sie sowas nicht sollte. Am besten, sie schloss all das wieder ganz tief in sich ein und redete nie wieder über sowas, dann gab es auch keine Chance, dass ihr jemand deshalb weh tun konnte. Wenn sie sich nur lange genug einredete, dass es da nichts gab, dann würde sie es vergessen und dann wäre auch jeder Schmerz weg.
Mit tonloser Stimme wandte Axilla leicht den Kopf ihrem Sklaven zu. “Leander, ich glaube, unser Gast möchte gehen. Bringst du ihn bitte noch zur Tür? Ich werde jetzt baden gehen, ich hab Tinte im Auge…“
Sollte sich Rufus nur nicht einbilden, sie heule seinetwegen. Auch wenn es so war, aber das sollte er auf gar keinen Fall denken. -
Das war jetzt wirklich viel. Jetzt feindete er sie auch noch richtig an! Unterstellte ihr ganz furchtbare Dinge! Konnte sie doch nichts dafür, dass er Germane war! Und überhaupt, sie hatte doch sowas gar nie gesagt! Noch nichtmal gedacht!
Nachdem Axilla ihren Mund wieder zubekommen hatte und tief Luft geholt hatte, war sie jetzt dran mit Schimpfen.
“Das hab ich doch überhaupt gar nie gesagt! Ist mir doch egal, ob du Amivianer bist! Meinetwegen kannst du auch Gallier oder Thraker oder Atlanter sein!
Hatte sie die letzten wirklich gesagt? Egal, sie war grade in Fahrt, da machte Axilla sich über mystische Sagenmenschen nur peripher Gedanken.
“Ich hab nie gesagt, dass ich dich für einen Wilden halte. Bis eben hast du dich wie ein ganz normaler Mensch verhalten! Aber offenbar ist es wohl bei euch auch üblich, den Gastgeber anzubrüllen, vielleicht sollte ich den Präfekten noch vorwarnen.“
Das das jetzt eben gemein war, wusste Axilla, und sie fühlte sich auch augenblicklich danach furchtbar schlecht deswegen. Aber andererseits war sie zu wütend, um sich zu einer Entschuldigung durchzuringen.
“Bei den Römern ist sowas eben nicht üblich. Und entschuldige bitte vielmals, dass ich angenommen habe, dass deine Familie so vornehm und angesehen ist, dass ihr eben keine Wilden seid und du auch so erzogen worden bist wie jeder andere römische Bürger auch.“
Nachdem sie beim Streiten ihre Haltung wieder weitestgehend geöffnet hatte, sackte sie nun wieder in sich zusammen und igelte sich ein. Seine letzten Worte hatten sie vor allem getroffen, denn sie sagten ihr doch, dass sie ja doch keine Freunde waren. Man konnte eine Freundschaft eben nicht mal so eben von jetzt auf gleich auf der Straße schließen. Vielleicht sollte sie sich von ihren kindischen Träumereien da verabschieden und endlich erwachsen werden. Erwachsene suchten sich freunde nach politischen Gesichtspunkten, und nicht, um jemanden zum Reden zu haben. Vielleicht sollte sie damit mal anfangen, um ihrer Familie endlich mal Ehre zu machen.
“Das dachte ich auch…“ murmelte sie zurück und blickte starr zur Seite. Sie würde Rufus nicht die Genugtuung geben, sie auch noch zum Weinen gebracht zu haben. Eine Römerin heulte nicht vor anderen, niemals. Aber wenn sie ihn jetzt ansah, war sie sich ihrer selbst nicht ganz sicher. -
Jetzt maulte er sie auch noch an! Grummelnd schaute Axilla zu Rufus hinüber. Männer verstanden manchmal aber auch gar nichts! Als ob Frau eine andere Sprache sprechen würde, die bei den Männern nur bruchstückhaft noch ankam!
“Ich will nicht, dass du das schlimm findest, nur weil ich sage, dass das schlimm ist“, schimpfte sie noch immer eingeschnappt zurück. “Ich will…“ Ja, was denn eigentlich? Eigentlich war es ja gut, dass er das nicht schlimm fand und deshalb nicht gleich die Freundschaft aufkündigte. Aber er war so ganz anders als alles was sie gewohnt war. Und das, nachdem sie nun schon fast ein Jahr unter Griechen lebte, die allesamt jeder auf seine Art merkwürdig und seltsam waren.
“…ich will, dass du ganz ehrlich zu mir bist und mir ganz ehrlich sagst, was du denkst. Du musst das nicht gut finden, weil das ist nicht gut. Ich meine, welches römische Mädchen kann schon sowas? Ich sollt viel lieber sticken und weben können und richtig gastgeben und kochen und all das! Also… du kannst mir doch nicht sagen, dass das in Mogontiacum so anders ist? Ich meine, ich kenn außer dir keine germanischen Römer, aber ich meine… du hast doch Bürgerrecht! Das heißt doch, du bist auch römisch? Ich meine… ich will, dass du ganz ehrlich bist.“
Und noch ein wenig mehr vergrub sich Axilla in der Umarmung ihrer Knie. Sie verstand das alles nicht, das war so seltsam wie sonst nichts auf der Welt. -
Im ersten Moment wusste Axilla gar nicht, was sie da sagen sollte. Sie saß mit offenem Mund an, als Rufus so tat, als wäre das das Natürlichste der ganzen Welt. So als sollte das jedes Mädchen am besten lernen. Sie starrte ihn an. Und starrte ihn an.
Und starrte ihn an.
Dann wurde sie sauer.
“Du denkst wohl, dass ich einen Scherz gemacht habe?“
Anscheinend nahm Rufus sie nicht für voll. Das war die einzige Erklärung, die Axilla hatte. Normalerweise hätte er vollauf empört sein müssen, oder entsetzt, oder zumindest betroffen und erschreckt oder irgendwas. Aber er freute sich darüber! Axilla fühlte sich nicht ernst genommen, und das mochte sie nicht. Sie hatte ihren ganzen Mut zusammennehmen müssen, um ihm das zu sagen, und er ging einfach drüber weg, als wäre nichts, als wär das gar nicht schrecklich unpassend. Bei ihm klang es fast so, als sollte sie das aller Welt auf die Nase binden, dass sie das konnte, weil sie da stolz drauf sein sollte.
“Du nimmst mich gar nicht ernst…“ warf sie ihm schmollend und gekränkt vor. Ihre Füße wanderten noch ein wenig mehr zu ihrem Gesäß, als sie die Beine mehr anzog und sich ein wenig einigelte. Damit sah sie zwar auch nicht unbedingt erwachsener aus, aber sie hasste es, wie ein Kind behandelt und nicht für voll genommen zu werden. Vor allem von einem Freund. -
Oha, das war aber ein gewagtes Versprechen! Axilla schaute Rufus einen Augenblick sehr bohrend an, aber der schien das durchaus ernst zu meinen, was er sagte. Trotzdem zögerte sie. Sie mochte ihn, er war der erste Freund, den sie hier hatte. Nagut, sie mochte auch Anthi und auch trotz allem Timos noch sehr gerne, und sie verstand sich gut mit Nikolaos und auch mit Cleonymus und trotz allem auch wieder – oder noch? – mit Marcus Achilleos. Aber einen wirklichen Freund hatte sie eigentlich noch nicht gehabt, nicht jemandem, mit dem sie wirklich Geheimnisse teilen konnte. Und das erforderte jetzt schon ein großes Vertrauen für sie, zu wagen, ihm das zu erzählen. Vielleicht mochte er sie dann nicht mehr, wenn er hörte, was für eine komische Erziehung sie genossen hatte? Immerhin war das nicht das, was man von einem Mädchen aus gutem Hause erwartete. Ganz und gar nicht, sie sollte viel eher andere Dinge besser können als taktische Schlachtplanung.
Ein wenig unruhig rutschte sie daher auf ihrem Sitz herum und kaute kurz auf der Unterlippe, wie sie es immer machte, wenn sie nervös wurde. Sie wollte Rufus als Fruend nicht verlieren. Aber nun hatte sie schon damit angefangen, da konnte sie jetzt nicht „Ach, nichts“ sagen, das würde er dann ja merken, dass sie ihm nicht genug vertraute. Und das wäre wohl auch nicht gerade der Freundschaft zuträglich. Axilla überlegte noch kurz, dann fasste sie sich ein Herz. Ihr Vater hatte schließlich keinen Feigling großgezogen, und wenn sie einen Fehler begangen hatte, ihm da zu vertrauen, würde sie dafür auch geradestehen. Die Iunier standen immer für ihre Fehler gerade.
Sie schaute noch einmal kurz zu Leander, der noch im Hintergrund stand. Aber der durfte es auch wissen. Er wusste von all ihren schlimmen Fehlern, da war sich Axilla sicher. Er hatte sie gefunden, nachdem sie Silanus weggeschickt hatte, hatte ihr geholfen, damit sie zu Timos zum fest gehen konnte, hatte ihre schlimmste Verzweiflung miterlebt, als sie sich nicht hatte selbst töten können. Er war ein vertrauenswürdiger Sklave und ihr treu ergeben.“Mein Vater hat mir das beigebracht.“
Vorsichtig schaute Axilla zu Rufus auf, ob sie schon Anzeichen der Empörung sehen konnte, während sie den Satz kurz sacken ließ. Aber er sprang nicht auf oder schaute sie an wie eine Aussätzige, also schluckte Axilla und redete weiter.
“Ich hab ja keine weiteren Geschwister, weil meine Mutter… also, sie war schon immer sehr kränklich und… naja, ich war halt das einzige Kind, das alt genug wurde, du verstehst? Aber Vater hat gesagt, dass das nichts macht, dass er das nicht nur seinem Sohn alles beibringen würde, sondern dass sein Kind sein Kind sei. Und es egal wäre, dass ich ein Mädchen bin, weil ich bin deshalb ja nicht dumm oder so. Und dann hat er mir das alles beigebracht, so Geschichte und Schlachten und wieso welche Taktik gut war und welche schlecht und reiten und wie man eine Rüstung richtig anlegt und wie man im Wald Feuer macht und wie man mit dem Schwe… ähm, also, ich meine, er hat mir halt vieles beigebracht, was Mädchen jetzt nicht können sollten.“
Jetzt hatte sie beim Sprechen doch die Knie angezogen und sich so unbewusst in eine Selbstschutzhaltung gebracht, die ihr mehr Sicherheit gab. Sie fühlte, wie zerbrechlich ihr kleines Glück doch bisher gewesen war, und die Haltung gab ihr ein bisschen Sicherheit wieder. Axilla hatte ja sonst auch nichts, woran sie sich hätte halten können. Ihre Familie war klein und zerstreut, Urgulania hatte sehr selten Zeit wegen ihren Ämtern und war die einzige in der Nähe. Silanus war weg und hatte sich noch nicht gemeldet, und sonst wusste sie nur von einem Cousin, den sie aber auch noch nie gesehen hatte und auch nichts von ihm wusste. Und sonst hatte sie gar nichts.
“Aber er war ein tugendhafter Mann und der beste Vater, den man sich vorstellen kann!“ schob sie noch hinterher, ehe Rufus noch den Fehler beging, ihren Vater zu kritisieren. Darauf würde sie nämlich nicht gut reagieren, das wusste sie. Alles andere könnte sie verkraften, aber in Bezug auf ihren Vater war sie sehr dünnhäutig. -
Erst verschluckte sich Axilla, dann musste sie auch noch husten. Sie wollte doch nicht, dass man das so bemerkte! Und Rufus meinte auch noch, sie sei gut darin! Das war ja wirklich schrecklich! Ein Mädchen sollte in sowas nicht gut sein. Als sie sich ausgehustet hatte, schaute sie ertappt und verlegen zu Rufus hinüber.
“Naja, wir sind ja Freunde, nicht? Da darf man sich ja Geheimnisse sagen, oder?“
Hoffnungsvoll schaute sie zu Rufus hoch. Sie kannten sich eigentlich nicht gut genug für wirkliche Geheimnisse. Aber entweder musste sie ihn jetzt anlügen, oder ihm vertrauen. Und Axilla war schon immer jemand gewesen, der viel zuviel Vertrauen hatte, in alles und jeden, nur nicht in sich selbst. -
Ob sich Alexander die Schwachen rausgesucht hatte? Axilla schaute einen Moment verwirrt drein, dann aber erinnerte sie sich daran, dass das sicher nicht jeder wusste. Geschichte war etwas, das man eher unter philosophischen Gesichtspunkten lehrte, nicht für das tägliche Leben. Wahrscheinlich hatten 90% der Einwohner des Imperiums von sowas keine Ahnung, und sie hatte die nur wegen ihrem Vater und ihrem griechischen Lehrer. Und da machte sich eine kleine Erkenntnis in Axilla breit: Sie konnte was. Sie wusste was, das nicht jeder wusste, und konnte es einem anderen beibringen. Sie war doch nicht ganz so nutzlos, zumindest nicht vollkommen. Einen kleinen Moment im hier und jetzt war sie mal wirklich nützlich.
“Nein, die Perser waren sicher nicht schwach. Die haben lange, lange das meiste von der Welt beherrscht. Wirklich lange Zeit. Aber die haben sich anders verwaltet. So ein bisschen wie die Parther jetzt noch, wenn auch nicht ganz. Also, da gab es einen Großkönig. Bei Alexander hieß der Dareus. Und der herrschte eigentlich über die Könige der einzelnen Länder, die ihm gehörten. Also da gab es dann ganz viele kleine Könige, die hießen Satrapen, und die wurden nur gemeinsam verwaltet und haben an den Großkönig Steuern gezahlt und so. Und das Reich von den Persern war wirklich RIESIG. Wenn da Krieg war, mussten die einzelnen Könige zwar alle Truppen schicken, aber bis die dann da waren, dauerte das halt. Die hatten nicht so wie wir die Legionen, die der Kaiser schicken kann, wenn er will.
Daher war es den Truppen der Eroberten ja dann nicht so wichtig, ob die nun für die Perser gekämpft haben. Das waren ja nicht alles richtige Perser, sondern auch viele Mysier, Karier, Phrygier, Kiliken und so. Die haben ja immer noch für ihren Herrscher dann gekämpft, nur halt für die andere Seite dann. Und Alexander war ein wirklich großer Mann, der die Menschen um sich herum begeistern konnte.
Weißt du, er hatte einen Leitspruch. Was er von seinen Männern erwartet hat, das hat er selber auch gemacht mit ihnen. Er ist mit ihnen auch in die Schlacht geritten und auch durchs Heerlager gegangen und alles. Er hat sie wirklich angeführt, nicht nur von hinten irgendwo Befehle gegeben. Er wär auch ein paar Mal beinahe getötet worden.
Und er muss schon eine tolle Erscheinung gewesen sein, so jung und stark auf Bucephalus…
Oh, von dem hab ich dir ja auch gar nicht erzählt! Alexanders Pferd hieß Bucephalus. Das konnte nur er allein reiten. Und das war ein riesengroßes Pferd, dass mutig mit ihm überall hingeritten ist. Als Alexander ein Kind war, wollte der Händler das Pferd an Philipp verkaufen, aber keiner konnte es reiten. Und dann ist Alexander zu dem Pferd gegangen, weil er gesehen hat, dass es Angst vor seinem Schatten und dem des Reiters hatte und deshalb so gescheut hat. Er hat es also gedreht, dass es den Schatten nicht sehen konnte, und ist dann mit dem Pferd losgeritten. Und als er es dann gewendet hat, um zurückzureiten, hatte Bucephalos schon soviel Vertrauen zu ihm, um keine Angst mehr zu haben. Da hat Philipp das Pferd dann für seinen Sohn gekauft, für dreizehn Talente Gold!“
Eine unmenschlich hohe Summe. Das konnte man sich auch heute nicht vorstellen, für ein Pferd soviel Geld auszugeben. Axilla blickte Rufus eine Weile von der Geshcichte selbst ganz verzaubert an, ehe sie merkte, dass er ihr ja noch eine andere frage gestellt hatte.
Eigentlich wollte Axilla sich ungerne hervortun mit ihrem Wissen über Schlachten. Als sie den einen Ausrutscher bei dem Abendessen mit Marcus Achilleos gehabt hatte, hatte Urgulania sie danach sehr komisch angesehen. Mädchen sollten sowas ja nicht wissen. Aber andererseits waren sie ja Freunde, da konnte man sich ja alles sagen. Auch, wenn man Farbe am Ohr hatte.
“Ähm, also, das mit der Mitte ist taktisch einfach bedingt. Normalerweise war im hintersten Zentrum immer der Befehlshaber zu finden, und wenn dieser fiel, dann war die Schlacht gewonnen. Weil wer soll denn Befehle sonst geben? Wenn es einem also gelingt, den gegnerischen Befehlshaber gefangen zu nehmen oder zu töten, kann man eine Schlacht gewinnen, ohne dass man bis zum letzten kämpfen muss. Das minimiert die Verluste.
Allerdings ist die Mitte üblicherweise auch am besten gesichert. Bei Alexander stand dort meistens seine Phalanx, und gegen die mit einer Reiterei anzugehen ist schon so verrückt. Ich meine, selbst wenn man die Pferde dazu kriegt, die Phalanx wirklich anzugreifen, sind die doch viel zu gut gesichert und zu dicht aufgestellt und zu schwer gepanzert. Da verletzt man nur die Pferde und kann sie später nichtmehr gebrauchen.“Das war jetzt sehr viel gewesen. Axilla brauchte nach soviel reden erstmal wieder was zu trinken.
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“Ja, ich weiß, dass es immer Aufstände geben wird und immer Kriege, weil immer jemand sich benachteiligt sehen wird oder etwas anderes wollen wird als er bekommt. Aber wär doch ein schöner Gedanke, wenn man keine Angst mehr haben müsste, ob jemand wieder heimkommt…“
Axilla merkte, dass das Thema sie sehr schwermütig machte, Sie konnte das Lachen nicht zurückrufen, auch wenn sie es durch ein Schmunzeln noch einmal versuchte. Aber es wollte einfach nicht so recht gelingen.
Sie wusste ja, dass der Krieg immer da sein würde. Mars war kein Gott, der dieses Eifern in den Menschen einfach erlöschen lassen würde. Zu kämpfen war ja auch ehrenvoll. Und es gab keinen anwährenden Frieden, der nur auf die Vernunft begründet war. Friede war immer begründet auf ein Schwert. Ein gewisser Flavius Vegetius Renatus würde das ganze in zweihundert Jahren einmal so ausdrücken, dass wer den Frieden will, sich auf Krieg vorbereiten müsse.Zum Glück lenkte Rufus sie ein wenig gleich ab, indem er auf Leonidas an den Thermopylen zu sprechen kam. Eifrig nickte sie ihm zustimmend zu.
“Ja, das war schon sehr mutig. Die müssen gewusst haben, das sie sterben werden, und haben dennoch gekämpft mit allem, was sie hatten. Nicht für sich selbst kämpfend, sondern für die, die folgen…“
Kurz blieb Axilla die Stimme weg. Auch diese Geschichte hatte sie oft von ihrem Vater gehört. Und auf diese Weise war er auch gefallen. Bei seinen Männern bleibend, obwohl die Feinde wohl in der Überzahl waren, um zu verhindern, dass die nachfolgenden auch in den Hinterhalt liefen. Ihr Blick war einen Moment ganz glasig und es dauerte diesmal noch länger, bis sie sich wieder gefangen hatte. Zwischen Verwirrung und Verzweiflung gefangen nahm Axilla erst einmal einen großen Schluck Saft, um Zeit zu gewinnen. Sie wollte nicht, dass Rufus irgendwas bemerkte.
Komm schon, einmal lächeln. Du kannst das, versuchte sie sich selbst einzureden, während sie langsam trank. Als sie den Becher absetzte, schaffte sie zumindest ein halbes Lächeln. Aber ihr neuer Freund kannte sie dafür sicher nicht genug, um zu merken, wie wenig echt es war im Vergleich zu den anderen unechten Lächeln sonst, wenn sie sich hinter ihrer Maske vor sich selbst verbarg.
“Ähm, genau, die Truppen. Also, Alexander war sehr brillant. Zunächst einmal hat er ja alle Griechen auf sich eingeschworen, mit ihm gegen Persien zu ziehen, um die ionischen Städte zu befreien. Die sind hier an der Küste von Asia. Da, das da ist zum Beispiel Milet, wo mein Lehrer Iason auch herkam. Das gehörte ja nach dem trojanischen Krieg auch alles zu Griechenland, bis die Perser es erobert haben.
Also naja, fast alle. Weil die haben ja zuerst, als Alexander an die Macht kam, revoltiert. Deshalb hat Alexander mit seinem Heer, nachdem er Thrakien und Illyrien wieder befriedet hatte, Theben geschliffen und alle Gebäude außer die Tempel und das Haus eines berühmten Dichters abbrennen lassen. Von der Bevölkerung sind viele gestorben und noch viel mehr versklavt worden. Danach haben sich die anderen Städte freiwillig ergeben. Also hatte er dann alle Griechen hinter sich, als Zentrum seine Macedonen, auf die er sich verlassen konnte.
Und immer, wenn er ein neues Gebiet erobert hat, hat er dort die Truppen in seine Armee mit aufgenommen als Hilfstruppen. Da bekamen sie gute Bezahlung, gute Verpflegung, und ihre Kinder bekamen das Bürgerrecht und durften lesen und schreiben lernen. Daher hat er immer nur ein paar Griechen zur Sicherung zurückgelassen und aus den neuen Truppen dann auch schöpfen können, mit seinen Macedonen als zuverlässigen Kern. Er hat auch ganz oft die Städte einfach so übernommen, mit der ganzen Verwaltung und allem, ohne groß etwas zu ändern. Dann hatte natürlich auch keiner Grund, sauer auf ihn zu sein. Und wenn sich eine Stadt ihm ergeben hat, war er immer sehr großzügig. Nur bei denen, die er einnehmen musste, da war er dann grausam.Aber soweit bin ich ja eigentlich noch gar nicht mit erzählen. Als erstes kommt die Schlacht hier, am Granikos.“
Axilla zeichnete wieder ein X auf die Karte, nahe des Bosporus.
“Da ist er das erste Mal auf die Perser dann auch getroffen und hat sie geschlagen, so dass sie sich zurückziehen mussten. Die waren aber auch überheblich und dumm. Haben ihre Reiterei nach vorne gestellt und die Fußtruppen dahinter, anstatt die Reiterei zurückzuhalten und auf die richtige Gelegenheit zu warten. Dann war ihre Schlachtordnung viel zu verteilt, weil die Pferde ja viel schneller sind, und Alexander konnte mit seiner Reiterei, die er auf den Flanken positioniert hatte, mühelos in ihr Zentrum vordringen, hinter ihrer Reiterei. Das war ein ganz klarer Fehler vom gegnerischen Feldherren. Der hat sich viel zu sehr auf die Stärke der Perser verlassen und die Griechen unterschätzt.“
Axilla schüttelte den Kopf. Wie der nur so dumm hatte sein können? Sie war der festen Überzeugung, dass ihr das nicht passiert wäre, wenn sie selbst Feldherr gewesen wäre. Da hatte ihr Vater ihr doch zuviel beigebracht.
“Danach war für Alexander der Weg nach Ionien frei und er konnte die Städte hier an der Küste alle einnehmen und Statthalter einsetzen.“
Ein paar Pfeile sollten den Weg klarmachen, den er genommen hatte.[Blockierte Grafik: http://img21.imageshack.us/img21/4315/alexanderfeldzug4.jpg]
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Bei Rufus’ Vorschlag musste auch Axilla lachen. Erst versuchte sie es noch zu unterdrücken, aber das ging nicht mehr, als Rufus richtig lachte. Zum Glück hatte sie nichts in den Händen oder gar was zu trinken noch im Mund, sonst wäre wohl ein Malheur passiert. So aber gluckste sie auch nur lachend vor sich hin, bis sie sich wieder beruhigt hatte und lachend den Kopf schüttelte.
“Ich glaube nicht, dass Nikolaos mir das glauben würde. Aber um sein Gesicht zu sehen, wenn du auch so kommst, wär es den Versuch fast schon wert.“
Mehr als nur einen Moment war sie wirklich versucht, den Plan umzusetzen. Aber Urgulania wäre deswegen sicher fürchterlich böse, und nachdem sie sie schon so mit der Sache damals mit Marcus Achilleos vor Gästen so blamiert hatte, wollte sie sich wirklich zurücknehmen.
“Aber ich glaub, das sollten wir lieber lassen, bevor wir richtig Ärger bekommen. „
Axilla brauchte einen Moment, um den vorherigen Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Immerhin wollte sie Rufus ja was über Alexander erzählen und sich nicht überlegen, wie sie Nikolaos am besten ärgern konnte. Abgesehen davon, dass sie den wirklich, wirklich sehr gern hatte. Der hatte sie eingestellt, obwohl sie ein Mädchen war und nichtmal attisch konnte.
“Ähm, wo war ich? Achja, Epirus. Genau. Ähm, also, Philipp hat dann noch weiter krieg geführt und halt gewonnen, und dann bei einer Feier hat er Alexander zur Versöhnung wieder eingeladen. Aber da wurde er dann von Pausanias umgebracht. Also, Philipp. Und dabei war Pausanias eigentlich einer seiner Leibwächter!
Naja, der ist dann auch gleich getötet worden von den wütenden Macedonen. Und weil Alexander da dann da war und der einzige erwachsene Sohn von Philipp und auch schon selber Schlachten für seinen Vater gewonnen hatte und er ja trotz dem Streit der legitime Erbe von Philipp war, wurde er dann gleich zum König dort gewählt.“
Axilla blickte auf die Karte und versuchte, das nächste alles richtig zusammenzukriegen.
“Also, die Thessalier und Athener und alle dachten sich, sie nutzen die Chance zur Rebellion, weil Alexander war ja auch erst zwanzig, und sie dachten, er ist unerfahren und schwach. Aber der hat dann gleich sein Heer in Bewegung gesetzt und ganz Griechenland unter seine Kontrolle gebracht. Die nannten das dann den korinthischen Bund. Das war dann alles hier, bis auf Sparta und Kreta. Also, das hier und die Insel da.“
Axilla malte wieder ein wenig auf ihrer Karte herum und schraffierte schön das spartanische gebiet und die Insel, die zwischen den vielen Wellen etwas unterzugehen schien.
“Und dann machte er sich auf in Richtung Persien. Also, damals gehörte denen so ziemlich der ganze Osten, sogar Asia hier. Und die Perser haben immer versucht, die Griechen zu übernehmen, es aber nie geschafft. Und jetzt hatte sich Alexander dazu entschlossen, die Perser zu übernehmen. Aber nicht nur aus Rache!“
Das war Axilla wichtig, dass da nun nicht der falsche Eindruck von Alexander entstand. Der war immerhin kein Schlächter, sondern ein Heroe. Und ihr Vater hatte ihn sehr verehrt, da konnte dieser Mann kein rachsüchtiger Schlächter sein.
“Also, Alexander hatte einen Traum. Wenn es nur ein großes Reich geben würde, dann würde es ja auch keine Kriege mehr geben, richtig? Stell dir mal vor, wie das wäre, wenn alle miteinander frei Handel treiben könnten, ohne die ganzen Grenzen und so. Dann gäb es auch weniger Hunger. Ist ja jetzt im römischen Reich auch so, hier in Ägypten wächst der Weizen, den die Leute in Italia essen. Und wenn das nun auf der ganzen Welt ginge, dann wär das doch was tolles?“
Vielleicht zeichnete Axilla das Bild von Alexander etwas zu rosarot, allerdings konnte sie nichts, was ihr Vater für gut befunden hatte, schlecht sehen.
“Aber kein Herrscher gibt ja sein Land freiwillig ab. Also hat Alexander angefangen, das Perserreich zu erobern. Dazu ist er erst einmal nach Thrakien. Das ist hier über den Dardanellen. Ich mach da auch mal ein Teh. Moment, haben wir ja schon. Dann noch ein Hah, dazu.“[Blockierte Grafik: http://img26.imageshack.us/img26/7766/alexanderfeldzug3.jpg]
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Sie hatte Tinte am Ohr? Axilla schaute erst auf ihre Hand, wo ein dekorativer, schwarzer Fleck an Daumen, Zeige- und Mittelfinger davon kündete, dass sie geschrieben hatte. Seit sie für Nikolaos arbeitete, hatte sie dort dauernd Flecken und musste ihre Hand schrubben. Daher bemerkte sie das schon fast gar nicht mehr. Aber jetzt, wo Rufus das so sagte, das war ja peinlich!
Sie fasste sich mit ihrer linken Hand prüfend an das rechte Ohr und blickte danach auf die Finger. Verdammt, er hatte recht! Sie versuchte ein wenig davon noch wegzureiben, damit es nicht gar so schlimm sein würde. Solange es noch nass war, ging das ja. Allerdings war das Resultat nun, dass ihre beiden Hände mit Tinte leicht verschmiert waren. Und auch mit ihrer guten Tinte! Die kleckerte nicht nur nicht, nein, die war auch richtig schön kräftig. Mist verdammter aber auch!
“Ähm, ich glaub nicht, dass mir das jemand glaubt. Am Ohr sich zu schminken wäre mal was neues. Wenn die Alexandriner damit anfangen, muss ich mir nie wieder Sorgen um meinen Farbmischer machen, dann verkauf ich viel Kosmetik. Obwohl die Griechen sich manchmal so viel Schminke ins Gesicht machen, verkauf ich davon nur ganz wenig. Bin vielleicht zu teuer, keine Ahnung.“
Vor lauter Nervosität fing Axilla wie so oft an, einfach zu reden, ohne lange nachzudenken.
“Normalerweise sollte ich ja froh sein, dass die Tinte so gut hält, ist ja gute Qualität. Aber ich glaub, ich werd nachher ewig im Balneum sein, um das wieder runterzukriegen.“
Nach diesem Satz schaute sie etwas verlegen auf, das war wohl wieder etwas, was man nicht so genau ausführen sollte. Bevor es noch peinlicher wurde, redete Axilla also einfach weiter, als wäre nichts gewesen.
“Naja, dann sollte ich jetzt besser aufpassen, dass ich mir nicht noch an der Nase kratze, sonst kann ich morgen nicht arbeiten gehen.“
Eigentlich ein Wunder, dass sie sich die noch nie angemalt hatte. -
Verunsichert schaute Axilla Rufus an. So unter Freunden etwas offen sagen, was man sonst nicht sagen würde? Verlegen kaute sie kurz auf ihrer Unterlippe. War es wegen dem Reiten? Bestimmt, was sollte es sonst sein! Immerhin wohnte er in der Regia, und da kam ja nicht jeder hin und zu dieser Ehre. Da waren ihre Reitkünste und die kurze Tunika an dem tag und das alles sicher furchtbar peinlich für ihn gewesen. Vielleicht hatte seine Cousine ja sogar was gesagt? Oder die Frau des Präfekten? Die mochte Axilla ja nicht.
Hibbelig und unsicher schaute Axilla zu Rufus hinüber. “Ähm… ja…?“ Ihre Antwort klang selbst mehr wie eine Frage. Sie hatte ja keine Ahnung was er ihr sagen wollte und fürchtete das schlimmste. -
Bei der Frage nach der Karte wurde Axilla ein wenig verlegen und kratzte sich verlegen am Ohr. Dass sie noch Tinte an den Fingern dabei hatte und daher ihrem Ohr einen dekorativen schwarzen Anstrich am obersten Rand verpasste, merkte sie nicht einmal.
“Ähm, nein, ich hab das nicht gelernt. Daheim… also in Tarraco hatten wir im Tablinum so eine Karte auf dem Boden als Mosaik. Vater hat Alexander sehr bewundert und mir das alles gezeigt und erklärt, also auch mit der Karte… ja…“
Sie erinnerte sich kurz, wie sie dort oft stundenlang gestanden hatten, die Welt des Alexanders zu ihren Füßen, und wie ihr Vater mit ihr den Weg nachgegangen ist, die verschiedenen Stationen, die hundert Geschichten, und sie sie ihm gelauscht hatte, bis sie jemand gestört hatte, weil Vater wieder weiter musste. Sie starrte einen Moment gedankenverloren auf ihre Karte, die nur sehr oberflächlich Ähnlichkeit mit der großen Karte zuhause hatte, und sie war gewiss kein so guter Lehrmeister wie ihr Vater.
Bevor sie sich zu sehr in diese Gedanken verstrickte und noch die Traurigkeit in ihr wirklich spüren konnte, räusperte sie sich schnell und tunkte ganz geschäftig die Feder wieder in das Tintenfässchen.
“Ähm ja, also das hat Philipp dann alles erobert, bevor Alexander König wurde. Achja, das hab ich ja schon vergessen, also Philipp und Alexander hatten da einen Streit, als Alexander noch jünger war. Also so alt wie ich ungefähr, also so sechzehn oder so.
Und zwar hat sein Vater noch mal geheiratet, die Nichte von seinem Feldherren Attalos. Und auf der Hochzeit hat dann Attalos gesagt, er trinkt „auf die rechtmäßigen Nachkommen von Philipp mit seiner Nichte“, und da war Alexander dann natürlich wütend und hat gefragt, ob er denn nur ein Bastard sei. Und die haben sich dann sehr gestritten, weil Philipp Attalos helfen wollte. Aber er war betrunken und fiel hin, und Alexander hat ihn dann verspottet, dass er noch nichtmal vom einen Bett ins nächste kommt, wie er dann mit dem Heer bis nach Asia kommen will.
Naja, auf jeden Fall ist Alexander dann mit seiner Mutter nach Epirus gegangen, da war sie ja Prinzessin. Also, das liegt hier.“
Und ein neuer Kringel auf der Karte erschien.[Blockierte Grafik: http://img5.imageshack.us/img5/1192/alexanderfeldzug2.jpg]
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Das war ja interessant. Die Germanen gab es als solche eigentlich gar nicht? Aber warum hießen die dann so? Das musste sie sich auf jeden Fall merken und vielleicht später mal nachfragen, bevor sie sich wieder ablenken ließ und eigentlich was ganz anderes dann erzählte, als sie erzählen wollte.
Aber Rufus kam auch gleich auf Olympias zurück, so dass Axilla sich nicht selbst wieder zurückablenken musste. Lachend schüttelte sie bei seiner Frage den Kopf.
“Nein, die können glaub ich nicht alle zaubern. Ich find die nur ein bisschen verrückt, aber zaubern können die glaube ich nicht. Die feiern nur sehr gerne und tun ganz geheimnisvoll. Aber Olympias stammte von Achill ab. Wobei ich nicht weiß, wie das gehen sollte, weil seine Mutter ihm ja vorausgesagt hat, dass er ohne Nachkommen sterben würde, wenn er nach Troja geht. Aber irgendwie muss er ja dann doch Nachkommen gehabt haben, sonst könnte Olympias ja nicht von ihm abstammen.“Leander kam mit, hatte aber keine Karte sondern nur leeres Pergament und eine Schreibfeder dabei.
“Wir haben keine Karte, Herrin. Aber ich dachte, vielleicht möchtest du einfach aufzeichnen…?“
Manchmal liebte Axilla ihren Sklaven einfach! Natürlich, warum war sie da nicht drauf gekommen? Dabei war das ja viel einfacher, als jetzt ins Museion zu gehen. Nungut, dafür mussten sie sich auf Axillas zugegebenermaßen beschränkte Geographiekenntnisse verlassen, aber gerade den Alexanderfeldzug sollte sie hinbekommen.
“Danke, Leander. Das ist perfekt!“
Der Sklave verneigte sich leicht und lächelnd und legte das leere Pergament und das Tintenfässchen samt großer Gänsefeder auf den Tisch in Axillas und Rufus’ Nähe. Danach verneigte er sich noch einmal leicht und trat wieder zurück in den Hintergrund.
Kurzerhand stand Axilla auf und zog ihren Sessel mit sich näher zu dem Tisch, um bequem für Rufus das alles aufzeichnen zu können.
“Dann mal ich mal eben die Karte. Also das… hier… ist Griechenland. Da hier vorne ist dann Italia. Naja, das passt jetzt nicht ganz drauf, hab zu weit links angefangen mit zeichnen. Naja, egal. Hier geht es rechts weiter nach Thrakien, dann kommen die Dardanellen. Hier hinten ist dann das mare… dingens… egal…
So, dann kommt hier Asia und hier dann Judaea und hier unten ist dann schon Aegyptus. Also, das hier in der Mitte ist jetzt Meer. Ich mal da mal Wellen hin. So.“
Naja, nicht schön, dafür selten, schoss es Axilla durch den Kopf, während sie ihr Kunstwerk so betrachtete.
“Gut, also hier so ungefähr ist Macedonia. Ich mach mal ein Emm rein. Dann ist hier Thessalien ungefähr, beim Teh… und hier irgendwo ist dann Athen. Also, so ungefähr nur, damit du es dir besser vorstellen kannst.“Hinterher sah das ganze dann ungefähr so aus:
[Blockierte Grafik: http://img3.imageshack.us/img3/7527/alexanderfeldzug1.jpg]Nicht unbedingt schön und ganz richtig, aber dafür einzigartig. Axilla war ganz zufrieden mit sich und ihrer Tinte, sie hatte gar nicht gekleckert und ihre Finger waren nur ein ganz kleines bisschen jetzt schwarz verklebt.
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“Ja, das klingt schon sehr interessant. Wettkämpfe sind ja sicher auch sehr spannen.“
Leider hatte Cleonymus kein Wort über den Teil verloren, den Axilla gerne gewusst hätte. Aber woher sollte er das ja auch wissen, er konnte ja schließlich nicht ihre Gedanken lesen. Und wenn er das gekonnt hätte, hätte er bei dem vielen Durcheinander in ihrem Kopf wahrscheinlich auch nichts verstanden. Also blieb ihr wohl nichts weiter übrig, als ein bisschen genauer zu fragen.
“Und Frauen dürfen da zuschauen? Ich meine, ich weiß ja nicht, wie das ist, ich hab das ja noch nie gesehen. Aber bei manchen Sachen dürfen Frauen ja gar nicht zugucken.“
Das war jetzt vielleicht etwas arg direkt, aber so bekam sie wenigstens ihre Antwort. Außerdem hatte Axilla in etwa das diplomatische Gespür eines Vorschlaghammers, daher war ihre Frage schon fast als beiläufig zu bezeichnen. -
Axilla merkte, dass ihre Wangen ein ganz klein wenig warm wurden. Zu erröten wäre aber ganz sicher auch furchtbar unpassend gewesen, also versteckte sie es erst einmal hinter einem großen Schluck Saft, während sie überlegte, was sie darauf sagen sollte.
Ob sie Lust hatte, sich gut durchtrainierte Männer beim Sport anzusehen? Hmm…. Nunja, sie war auch nur ein (noch) sechzehnjähriges Mädchen, und die Arbeit im Gymnasion verlockte schon zu dem ein oder anderen Blick manchmal. Sie war ja auch nur ein Mensch. Aber so ganz direkt gefragt zu werden, das war noch mal was ganz anderes.
Axilla beschloss, der Frage ein bisschen auszuweichen. Immerhin wollte sie unter keinen Umständen den Eindruck erwecken, sie sei nicht so keusch, wie sie sein sollte. Sie wollte ja schließlich, dass Cleonymus eine hohe Meinung von ihr hatte, und sie wollte keinesfalls Urgulania irgendwie beschämen, auch wenn die nicht mehr da war.
“Ähm, das weiß ich nicht, ich hab so etwas noch nie gesehen. Weißt du, meine Familie wohnte etwas außerhalb von Tarraco, da war ich dann nicht so oft in der Stadt, als dass ich mir da irgendwelche Spiele hätte ansehen können, und in Rom war ich noch gar nie. Daher weiß ich das gar nicht. Was genau für Spiele sind das denn?“
Sie meinte, Nikolaos darüber sprechen gehört zu haben, im Gymnasion so eine Art Wettkampf machen zu wollen, aber sicher war sie sich da ganz und gar nicht. Und sie wusste auch nicht, ob da Mädchen dann zuschauen würden dürfen, oder wie genau das geregelt war. Immerhin hatte sie keinen Ehemann und auch sonst keinen Aufpasser, sie war ja emanzipiert. Ob da eine Frau ganz alleine also überhaupt hindurfte, wusste sie nicht. -
Rufus setzte sich ganz bequem in seinen Sessel. Axilla war sehr versucht, es ihm doch wieder gleich zu tun. Aber sie konnte sich beherrschen.
“Ja, die Sessel sind wirklich klasse. Aber eigentlich mag ich lieber die Klinen. … Ähm, also, ich meine, auch wenn die eigentlich für die Männer eher was sind, aber die sind… naja, bequem eben.“
Man sollte es kaum für möglich halten, dass Axilla zu den vernunftbegabten Wesen gehören sollte, wo die richtige Abfolge von Denken und Sprechen so ganz und gar nicht zu ihren Stärken gehörte. Soviel zum Thema gute Vorsätze bezüglich vorbildlichem Verhalten.
Aber zum Glück war Rufus nicht so sehr auf die korrekte Form aus, denn er fragte gleich nach Alexander. Aber Axilla war weit entfernt davon, ihm deswegen böse zu sein, am liebsten hätte sie ihn umarmt dafür. Das, was in späteren Jahrtausenden mal als Smalltalk bekannt werden würde, war definitiv nicht ihre Stärke. Bei ihr war ein Gespräch mehr wie ein Reitereiangriff: Direkt zum Kern vorgeprescht, so schnell es geht.
“Naja, alle kenne ich bestimmt nicht. Aber das meiste, doch, ja. Also auch die Schlachten und wo er überall war und das alles.“
Leander kam wieder mit einem Tablett, darauf eine Kanne mit gelbem Saft und zwei Bechern. Er stellte alles vorsichtig auf den Tisch in der Nähe seiner Herrin, schenkte die Becher ein und überreichte sie jeweils erst dem Gast und dann seiner Herrin.
“Danke, Leander.“
Und schon wieder! Erst bitte, jetzt auch noch danke! Rufus musste sie wirklich für eine hohle Nuss mittlerweile halten. Total verweichlicht im Umgang mit den Sklaven. Nunja, jetzt war es sowieso zu spät, und Axilla versteckte ihre Scham darüber hinter einem großen Schluck Saft.“Ähm, ja, also… also das mit Alexander ist ein bisschen kompliziert. Da muss man mit seinem Vater eigentlich anfangen, mit Philipp. Also, der war König von Macedonia. Das liegt im Norden von Griechenland. Also… ähm…“
Sie drehte sich wieder nach Leander um, der wieder stumm im Hintergrund stand. “Leander? Haben wir hier im Haus eine Karte?“
“Eine Karte, Herrin?“
“Ja, du weißt schon, so von Griechenland und Asia und Agyptus und so? Haben wir sowas?“
“Ich glaube nicht, Herrin. Aber ich kann mal nachschauen“
Axilla nickte eifrig, verkniff sich diesmal das „danke“ und sah Leander kurz hinterher, wie der aus dem Tablinum ging, um eine Karte zu suchen.
“Ähm, ja, sonst müssen wir mal im Museion vielleicht schauen. Also, Macedonia liegt also im Norden. Und er hat Olympias geheiratet, das war eine Prinzessin aus Epirus und eine Anhängerin vom Kult des Dyonisos. Angeblich konnte die auch zaubern, aber das weiß ich nicht so genau.
Also, und Philipp also war König und hat versucht, sein Reich ein wenig zu vergrößern. Damals war das in Griechenland noch so, dass das viele verschiedene Länder waren, und jede Stadt gegen die andere Krieg geführt hat. Und Philipp hatte eine schwache Position mit seinem Land, weil das ist ziemlich karg und arm, und hatte eigentlich nur eine gute Armee. Er hat also erst seine Position im Land gefestigt und die ganzen zerstrittenen Fürsten unter sich geeinigt. Dann hat er also angefangen, sein Land zu erweitern und Athen und Thessalien angegriffen. Und auch erobert.
Also, mit Karte wär das jetzt leichter vorzustellen…“ -
Er hatte ihr Geschenke mitgebracht! Ganz ehrfürchtig nahm Axilla das Buch entgegen. Sie liebte Bücher! Auch wenn ihre meisten Bücher Gedichtbände waren, und sie davon auch nicht mehr so viele hatte wie damals in Tarraco. Aber sie hatte nicht alles mitnehmen können und vieles verkaufen müssen, als allererstes die Bücher, und hatte sie sich einfach auch nicht nachgekauft. Daher strich sie einmal fast liebevoll über den Einband zu dem Werk. Sie kannte die Odysee, sie hatte sie früher mal gelesen. Aber die gehörte zu den Büchern, die sie zurücklassen musste. Sie war einen Moment richtig gerührt und perplex, und sehr froh, dass Rufus noch ein zweites Geschenk hatte, das sie ablenkte. Ganz vorsichtig öffnete sie den Verschluss des Tiegelchens und roch neugierig an der Salbe. Die roch wirklich sehr intensiv nach Minze, etwas, dass es hier in Ägypten nicht gab. Die Pflanze mochte es doch lieber kalt. Selbst in Tarraco bekam man nicht oft Minze.
“Das riecht wirklich toll“, meinte sie ein wenig verträumt und ließ ihre Nase noch ein wenig über dem Tiegel. Das roch richtig nach Kälte und Bergen und Wald. Vor lauter Schwelgereien in diesem Duft hätte sie beinahe den saft vergessen. Fast erschrocken nahm sie also den Buch und den Tiegel runter und drehte sich nach Leander um, der im Hintergrund fast unsichtbar wartete.
“Leander, bringst du uns Saft aus der Küche, und zwei Becher, bitte?“ Verdammt, schon wieder ein „bitte“ zu einem Sklaven vor einem Gast. Kurz blickte Axilla prüfend zu Rufus, ob er es bemerkt hatte.
Leander verneigte sich und ging auch sogleich los, wie ihm geheißen. Axilla verstaute unterdessen die Geschenke sicher auf einer der gepolsterten Bänke.
“Willst du dich setzen? Also, ich meine, wir beide. Uns setzen, dann. Ist doch bequemer als stehen, oder?“
Axilla wartete gar nicht sondern ging mit gutem Beispiel voran und setzte sich in einen der gut gepolsterten Korbstühle. Im ersten Moment zog sie gewohnheitsmäßig die Knie hoch und umschlang sie mit den Armen, aber merkte es sogleich und setzte sich wieder richtig und gerade hin. Hier bequem in einem Sessel zu lümmeln war nicht das, was von einer guten Gastgeberin erwartet wurde.
Axilla wusste, dass sie sich für heute verabredet hatten, um über Alexander zu sprechen. Sie wollte ihm das ja alles erklären, aber so richtig wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte. Immerhin platzte man nicht einfach so mit seinen Informationen heraus, als Gastgeberin pflegte man die Kunst der leichten Konversation. Jetzt müsste Axilla das nur noch lernen. -
Schon als Leucos das Klopfen hörte, war er versucht, eine Wette abzuschließen. Seine Theorie hatte bislang noch keine Lücken aufgewiesen, immer wenn er an die Tür ging, wollte derjenige dann zu Axilla. Das war beinahe schon unheimlich.
Aber andererseits gab es ja auch nur noch zwei Herrinnen im Haus, die Iunier an sich waren doch stark dezimiert worden im letzten Jahr. Fast schon könnte man glauben, dass die Iunier verflucht waren. Aber sowas wäre albernes Gewäsch, Leucos selbst ging es ja gut und er arbeitete nun schon sehr lange für dieses Haus.
Er öffnete also die Tür und sah einen wohlbekannten Duccier dastehen.
“Salve, junger Herr. Zu Herrin Axilla?“
Er hätte wirklich wetten sollen! Er wusste zwar nicht mit wem oder worum, aber er hätte Recht gehabt!
Nachdem Rufus das bejaht hatte und Leucos seinen Dienst versehen hatte, die Herrin darüber zu informieren, bat er den für sein Verständnis unverschämt riesigen Burschen ins Haus und führte ihn ins Tablinum. -
Nachdem Leucos ihr bescheid gesagt hatte, dass Rufus vor der Porta stand, hatte Axilla ihr Buch weggelegt, was sie bis dahin gelesen hatte und war recht hektisch geworden. Natürlich wollte sie ihn empfangen! Auch wenn sie noch immer ein ziemlich merkwürdiges Gefühl wegen dem Traum vor ein paar Tagen und auch dem Ausflug auf dem Pferd hatte. Aber nichts desto trotz war er ihr Freund – und so ziemlich der einzige.
Also hatte sie sich hektisch hergerichtet, während Leucos zurück zur Porta geschlurft war, und sich dann schnell ins Tablinum begeben. Axilla fand den Raum zwar etwas groß und vielleicht auch etwas unpersönlich, aber das war eben nun mal der richtige Empfangsraum für Gäste. Sie hätte ja auch den Perystil genommen, allerdings wusste man bei dem Wetter grade nie, wann es losregnen wollte. Und das wäre ja auch nicht gut gewesen, wenn sie ihn im Garten empfing und es dann plötzlich wie aus Kübeln zu schütten anfing und sie wieder reingehen müssten. Dann lieber gleich im Tablinum anfangen.
Als Rufus den Raum betrat, lächelte Axilla ihn freudestrahlend an. Allerdings unterdrückte sie den Impuls, auf ihn zuzulaufen oder gar anzufassen. Sie wollte doch eine richtig gute, römische Gastgeberin sein. Auch wenn das vermutlich wieder schief laufen würde, aber wenigstens sah sie im Moment wie eine aus. Ihr Haar war fein sauber hochgesteckt, wie es sich gehörte, und Spangen mit Schmetterlingen hielten die Frisur an Ort und Stelle. Auch trug sie ausnahmsweise – weil sie sich nach Leucos Ankündigung noch schnell umgezogen hatte – eine lange, blaue Seidentunika. Nur zur Palla konnte sie sich beim besten Willen nicht zwingen, das war einfach zu warm. Schicklichkeit hin oder her, man konnte es auch übertreiben. Aber so sah sie dennoch bestimmt mehr aus wie die Frauen der gehobenen Gesellschaft, unter denen Rufus sicher sonst immer weilte. Immerhin war er zu Gast in der Regia, da konnte Axilla sich nicht vorstellen, dass er nur ein einfacher Bursche aus der Provinz war.
“Rufus! Schön, dass du da bist. Willst du etwas trinken?“
Sie schalt sich kurz in Gedanken. Vielleicht sollte sie nicht zuviel auf einmal versuchen, sondern langsamer anfangen. Sonst hatte sie später gar nichts mehr, wo sie mit gutem Benehmen glänzen könnte.