Beiträge von Titus Duccius Vala

    Lucius Accius Damio
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    "Wunderbar. Wunderbar.", schwärmte Accius Damio, der flammender Anhänger der Veneta war, und die Nachwuchsfahrer derselben im Vorlauf mit immer wieder eingestreuten "VORWÄÄÄÄÄRTS TOLIMEDES!!!" und "KA-SE-TO-RIX!!!" anfeuerte, obwohl der Römer dabei darauf achtete, nie die Haltung zu verlieren. Und dennoch: man konnte genau erkennen, dass es ihn kaum auf den Sitzen hielt, so sehr fesselte ihn der greifbare Erfolg seiner Lieblinge.
    Linus von Patrae
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    Neben ihm saß der alte Grieche Linus von Patrae, der nicht das geringste für Wagenrennen überhatte, und normalerweise bei solcherlei Besuchen mit seinem Freund immer auf die Fahrer setzte, die den Fahrern der Veneta am gefährlichsten wurden. "Vorwärts, Proteneas.", nölte er daher mit offen zur Schau gestellter Langeweile. Für ihn, der er meinte genau zu wissen wofür derlei Spektakel gut waren, war dies eine weitere der großen Barbareien der Nobilitas um den römischen Staat davon abzuhalten, zu Platos perfektem zu werden.


    Vala saß neben den beiden Streithähnen, und schenkte dem Rennen an sich kaum Aufmerksam. Die galt vor allem dem Volk, da in Massen um sie herum auf die Rennbahn blickte. Oder eben nicht, und das war es, was ihn interessierte: wofür taugte so ein Rennen? Er hörte die Schlachtrufe der verschiedenen Parteien, wobei die sich vornehmlich mit Blau kleidenden Menschen sich als die stimmkräftigsten hervortaten. Zwischendurch waren Wortgefechte zu hören, wenn Anhänger von Factio A sich bei Anhängern von Factio B über eine Aktion eines ihrer Fahrer beschwerten, wobei diese Wortgefechte schnell in Beleidigungswettbewerbe ausarteten. Und das so gut wie immer. Dann waren da diejenigen, die das Rennen als das nutzten, was Linus in ihnen sehen wollte: die Möglichkeit, sich und ihren Reichtum zu präsentieren. Auch wenn es formell keine Preise gab, da der Konsul die Spiele ausrichtete: die Sitzordnung stellte einen perfekten Spiegel der Gesellschaft dar. Und Vala saß mit den seinen ziemlich weit hinten. Wäre er mit Balbus hergekommen, hätte er wahrscheinlich einen Platz weiter vorne ergattern können, aber der Praetorianerpräfekt hatte irgendeine Ausrede dafür gefunden nicht herkommen zu müssen, und so war Vala alleine mit den Männern gekommen, die Vala spöttisch "seine Raben" nannte.


    "Schau es dir an..", giftete Linus auf's neue, ".schau sie dir an. Vollkommen unbedarft und der Wirklichkeit ihrer Res Publica entzogen. Hier krankt das römische Reich am ärgsten, nichts macht ihn weicher im Kern als die Hingabe zur geistigen Zerstreuung anstelle zur Ertüchtigung des Selbst."


    Vala wandte sich nicht einmal um, um dem Griechen ins Gesicht zu schauen. Er wartete einfach ab, bis Damio ihm irgendetwas erwiderte, so wie er es jedes Mal tat, weil er die Unsinnigkeiten des Griechen, gerade was seinen Lieblingssport betraf, nicht alleine stehen lassen konnte: "Lass den alten Narr ruhig reden, junger Duccius. Dies ist nicht irgendein Theater um die Masse tumb und taub zu halten, dies ist die Destillation des römischen Wesens: die Verbesserung des Selbst, das Messen an Größen und Größeren, die Perfektion des Wettkampfs, der am Ende den Besten zu dem gemacht hat, was er ist: der perfekte Wagenlenker. Auf genau die gleiche Art und Weise ist die Res Publica groß geworden. Lerne aus deinen Fehlern, begehe sie kein zweites Mal, und lass deine Gegner an den ihren ersticken." Der Römer schloss seine kleine Rede mit einem gebrüllten "VORWÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄRTS CALETORIX!!! SCHICK DIESEN ROTEN BASTARD IN DEN STAUB!!!"
    Von dieser ungewohnt emotionalen Art überrascht, blickten Vala und Linus den Römer verdattert an, der fast von seinem Stuhl gerissen betreten dreinblickte, und mit einem gemurmelten "Tschulligung." wieder auf seinen Platz sinken ließ, und zurück in seine gewohnte Selbstbeherrschung fiel.


    "Wer ist das dort?", lenkte Vala schließlich die Aufmerksamkeit in die Gruppe der Menschen, die in der Menge vor allem durch ihren Platz als bedeutend ausgewiesen wurden, und deutete auf zwei Männer, die ihre Köpfe zusammengesteckt hatten als würden sie etwas beraten. Genaueres war von ihrer exponierten Stellung kaum zu erkennen, aber Vala wollte die Chance nutzen, die beiden Streithähne abzulenken.


    "Du bist witzig, Junge. Wie soll ich mit meinen alten Augen erkennen, wer da vorne sitzt?", murrte Linus, während er dennoch versuchte zu erspähen, wen Vala meinte. Damio ließ sich die Chance nicht nehmen, seinem Freund und Rivalen die Blöße zu geben: "Das ist Spurius Purgitius Macer, kürzlich Praetor Urbanus mit einem sensationellen Wahlergebnis geworden. Man munkelt, es gebe wohl keinen Mann mit einer solch umfassenden Beliebheit im Rücken, und das obwohl er die unseligen Roten anführt. Der Mann neben ihm ist Lucius Aelius Quarto, Consular und Bruder des Kaisers. Dieser Mann führt die glorreiche Veneta, und hat ihr schon zu manchem großen Erfolg verholfen. Der Mann neben ihnen ist übrigens Titus Aurelius Ursus, Anhänger der Aurata, die lange Zeit unter Ferner liefen rangierte, und sich vor einigen Monaten einen bemerkenswerten Erfolg erkämpfte. Achja, nebenher ist er auch neulich in den Senat berufen worden, und tut sich als Liebhaber der Künste hervor. So sagt man zumindest."
    "Ahja.", wiegelte Vala ab, befürchtend, dass das Thema zum Rennsport zurückkehren würde, und zeigte wahllos in die Menge der Noblen und Emporgehobenen, "Und jene beiden dort?"
    "Das..", dieses Mal ließ sich Linus nicht die Chance nehmen, sich zu revanchieren, "..ist Manius Flavius Graccus mit seinem Sohn Graccus Minor. Es gab eine Zeit, da wurde er zu den Großen und Mächtigen gezählt, mittlerweile scheint ihn aber das politische Tagesgeschäft anzuöden, weshalb er sich seit einiger Zeit eher zurückhaltend zeigt. Für einige Zeit war er vollkommen vom Boden verschluckt, und seine Rückkehr ließ Raum für einige Spekulationen."


    Vala nickte nachdenklich, und betete die Hand auf eine Faust, während er die Menge weiter musterte, Unfreie genauso wie die Menschen an den Hebeln des Staates. Seine Gedanken kreisten vermehrt darum, wie er es schaffen konnte, sich selbst in jene Ränge hochzuarbeiten, aber vorerst vor allem darum, was diese Ränge auszeichnete. Es war kein großes Problem die germanischen Eliten zu verstehen, waren sie doch seit einigen Jahrzehnten erst im Begriff sich überhaupt hervorzutun. In Rom war dies vollkommen anders: die Elite zeichnete sich durch eine lange und alte Geschichte aus, und war deshalb eine umso größere Herausforderung an all jene, die sich an und mit ihr messen wollten.

    Auch Vala fand sich an diesem Tag auf dem großen Markt ein, und fand schnell den Ort, an dem unglückselige Menschen jeder Art zum Verkauf feilgeboten wurden. Selbstverständlich gab es in seiner Heimat auch so etwas ähnliches wie Sklaverei, die wichtigsten Säulen des duccischen Haushalts waren immernoch Marga und Albin, die schon länger unfrei in Diensten der Familie standen als er selbst existierte. Wahrscheinlich sogar länger, als sein Vater existiert hatte. Und trotzdem, das Verhältnis war ein vollkommen anderes, was Vala mittlerweile an den verschiedenen Lebenswelten festmachte: hier in Rom war man nicht so sehr aufeinander angewiesen, wie man es im freien Germanien war. Wahrscheinlich gab es keine Notwendigkeit, sich so sehr aufeinander einzulassen, wie in seiner Heimat.


    Er schlendete an den Ständen vorbei, sah vollkommen abgewrackte Gestalten, die noch abgewracktere Gestalten verkauften, sah Kinder die feilgeboten wurden und ältliche Männer, die kaum mehr die Eingangsporta eines Hauses öffnen konnten. Das meiste, was er sah, war gutes Beispiel für die Absurdität, in der Linus zufolge viele Römer aufhielten: das Versprechen von Wohlstand und Wohlfahrt lag im Erwerb einer billigen Arbeitskraft. Der Aufwand für eine solche war aber durchaus in der Lage, sowohl Herrn als auch Untergebenen zusammen in den Abgrund zu reißen. Vala blieb stehen, als er sah wie ein dunkelhäutiges Mädchen auf ein Podest gezogen wurde, während der Händler in unbekümmerter Routine seinen Text abspulte. Formbar nannte er sie. Unentdeckte Fähigkeiten wurden erwähnt. Potential.
    Was im Endeffekt bedeutet: wahrscheinlich konnte sie kaum mehr als kochen und singen. Einigen sollte das reichen.


    Vala verschränkte die Arme und musterte die Menge, viele Blicke musterten das Mädchen fachkundig, andere wiederrum ließen in ihren blicken unverhohlen körperliche Motivation erkennen. Und wiederrum andere standen wohl nur hier, um zu sehen was am Tage so vor sich ging. Ein Gebot erklang, und Vala wandte langsam den Kopf, um zu erkennen wer sich für so einen ungeschliffenen Stein interessierte, bei dem man erst am Ende erkannte, was er war: facettenreicher Diamand oder wertloses Geröll?
    Es war eine Frauenstimme gewesen, doch Vala konnten nicht erkennen, wer es war, sie wurde von der Menge zwischen ihnen verdeckt. So besann sich Vala wieder darauf, seine Aufmerksamkeit der Sklavin und dem Händler zu schenken, und darauf zu achten, was diese Prozedur auszeichnete.

    Ihre Eltern waren also tot. Das kam Vala, der selber mit angesehen hatte wie ganze Adelssippen ausradiert wurden, nicht allzu fatal vor: gestorben wurde immer. Ob man nun auf der Straße in einem kleinen Scharmützel starb, von einer Krankheit dahingerafft wurde oder einfach über den eigenen Fuß fiel, und sich Wundbrand einfing: es war sehr viel wahrscheinlicher, an irgend etwas zu krepieren, als irgendetwas wirklich zu überleben.
    Allerdings war es wohl noch wahrscheinlicher, im Imperium irgendjemand wichtigem über den Weg zu laufen: Rom war wirklich ein Dorf, stellte Vala mit amüsiertem Lächeln fest, als die junge Frau ihm von ihrer Reise nach Rom erzählte. Natürlich klang das irgendwo verrückt, und so gab er zu: "Schon ein wenig."
    Als sie jedoch wieder ihre Einschätzung von ihm als Soldaten wieder aufgriff, überrumpelte sie ihn vollkommen mit ihrer Art, ihm von einer Milisekunde auf die andere unangebracht näher zu kommen. Wobei dies wohl eher aus der römischen, und noch viel eher aus der griechischen Perspektive unangebracht erschien: zuhause war man da nicht so.
    Allerdings stellte die unvermittelte Annäherung für Vala etwas vollkommen anderes dar, als die Römerin vermuten möchte: jemand, der ihm von Null auf Hundert nahe kam, wollte ihm meist irgendetwas ungesundes in den Hals oder in die Rippen stoßen, und verdiente daher den Tod. Die Tatsache, dass Vala der Römerin nicht augenblicklich den Hals brach, war für ihn umso erschreckender: er wurde langsam. Er wurde weich. Er registrierte die Annäherung erst, als sie schon an seinem Körper herumtastete, was im Normalfall bedeutet hätte, dass er an seinem eigenen Blut erstickend im Sand verenden würde. Tat er aber nicht, und so fragte sich Vala, ob es ein Wink der Götter war, der ihm eine junge Römerin schickte, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er nachlässig wurde. Er würde am Abend im Hortus der Casa Prudentia den Geistern ein Dankesopfer darbringen.


    "Mach. Das. Nie. Wieder.", grollte Vala, verärgerter darüber, kalt erwischt worden zu sein als denn zu wirklicher Nähe gezwungen, und setzte den Weg unvermittelt fort, die junge Römerin erst einmal keines weiteren Blickes würdigend. Was war bloß los mit den römischen Frauen? Entweder waren sie so verschüchtert, dass sie kaum ein Wort herausbrachten, oder so unbefangen, dass man Probleme hatte sie sich wortwörtlich vom Hals zu halten. Sie gingen einige Momente schweigend nebeneinander her, und Vala hing seinen eigenen düsteren Gedanken nach, die vor allem mit Selbstkritik und Vorwürfen an seine Person zu tun hatten. Plötzlich blieb er stehen, und funkelte die junge Frau an: "Das war kein Pfeil. Wir kämpfen nicht mit Pfeil und Bogen. Mit Pfeil und Bogen schießt man auf Tiere, nicht auf Menschen. Es war der Splitter eines Speeres. Und wir tragen auch keine Brustpanzer. Es war ein simpler Schild aus nassem und halb verfaultem Holz, der mir das Leben gerettet hat. Außerdem war mein Gegner halb tot, ein kranker alter Mann, der seinem Rich einen Gefallen tat, in dem er in der Schlacht fiel. Und natürlich war die Rippe einmal gebrochen. Sie war bei den Göttern nicht die einzige.", er wandte sich wieder um, stapfte ein paar Schritte weiter, blieb stehen, wandte sich wieder um und stapfte ein paar Meter weiter, bevor er sich wieder umwandte, und ihr noch ein paar Worte entgegenschleuderte: "Und natürlich hab ich kräftige Hände. Wer die nicht hatte, starb. So einfach ist das.. entweder man packt an, und hilft mit das Leben außerhalb des gloriosen Reichs zu bewältigen, oder man verrottet im Wald."
    Wieder kehrte Vala ihr seinen Rücken zu, und stapfte weiter mit grimmigem Blick den Tiber hinauf, irgendwo froh, ein Ventil für seine Wut auf sich selbst gefunden zu haben, auch wenn das Ventil die Wut genau ins Gesicht der jungen Frau blies, die im Endeffekt garnichts dafür konnte. Und eigentlich war es auch alles andere als gerecht, letztendlich regte er sich ja nicht wirklich über die verschiedenen Lebenswelten auf, sondern über den Effekt der einen, die die Weisheiten der anderen verblassen ließ, obwohl diese ihm mehr als nur einmal das Leben gerettet hatten.

    "Bitte.", hielt auch Vala inne, und sah sie eindringlich an, "Bitte lass es gut sein. Du bist mir nicht zu nahe getreten... was für ein Mann wäre ich, wenn ich mich so leicht angreifen ließe? Nein, du bist mir wirklich nicht zu nahe getreten, du brauchst dich nicht zu entschuldigen."
    Was die Worte einer Bitte enthielt, war irgendwo ein Befehl. Wenn auch ein sanft verpackter, denn Vala hatte weder Lust, sich weiter über dieses Thema zu unterhalten, eben weil er das Gefühl hatte als weibisch zu erscheinen, wenn ihn dieses Gespräch wirklich die Fassung verlor, als auch weil es einen bisher angenehmen Verlauf störte.


    "Aber genug von mir..", zog Vala deshalb die Trumpfkarte in jedem Gespräch, in dem es darum ging Frauen davon abzuhalten sich über gewisse Dinge den Kopf zu zerbrechen, "Erzähl mir lieber von dir... du bist Caecilia Calena, das war es dann aber auch mit meinem Wissen über dich. Wenn man es genau nimmt, bist du gerade im Wissensvorteil."
    Er lächelte sie neugierig lächelnd an, und lud sie mit einer kurzen Handbewegung zu einem Straßenbrunnen ein, wie es sie so oft in Rom gab. Frauen füllten Krüge, Kinder planschten in den recht warmen Herbsttemperaturen und wurden nur von den routinierten omnipräsenten Händen ihrer Mütter davon abgehalten im Trinkwasser zu baden. Vala schürzte die Hände übereinander und gönnte sich selbst einen Schluck Wasser, während er darauf wartete, dass die Römerin seine Einladung zu einem unverfänglicheren Gespräch annahm.

    "WIR werden noch eine Weile warten müssen, Senator.", witzelte Vala, der schließlich auch auf eine Antwort seines Patrons zu einigen Fragen wartete, die ihm das Leben in Rom etwas weniger undurchsichtig machen sollten.


    "Mich treiben zweierlei Dinge um, Senator.", begann Vala nach einem Happen seine Anliegen zu erläutern, erfreut, dass der Patrizier so unvermittelt auf den Punkt kam, "Einerseits möchte ich dir von einem Projekt berichten, dass die Struktur der Provinzen, sowohl kaiserlicher wie auch senatorischer grundlegend verändern, nein, lass mich sagen: optimieren soll. Der Comes der Regio Germania Superior, Tiberius Caecilius Metellus, hat zusammen mit meinem Vetter, Tiberius Duccius Lando, eine Neustrukturierung der Provinzen und eine Verlagerung der Verwaltung in die unteren Ebenen entworfen, um die Civitates stärker in ihre eigene Verwaltung einzubinden und sie letztendlich noch stärker dem Vorbild Roms anzugleichen. "


    Vala nahm sich die Zeit, etwas von seinem Teller zu essen während der Senator still über seine Worte nachdachte, und begann nach einem Schluck ausserordentlich guten Weines (sofern ein Amateur auf dem Gebiet, wie Vala es war, das überhaupt beurteilen konnte) mit seinem zweiten Anliegen: "Zudem bin ich auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld. Meine Arbeit beim Praefectus Praetorio geht dem Ende zu, und ich würde mich gerne näher in das politische Feld begeben, da ich doch großes Interesse an der Mechanik habe, die das Reich aufrecht hält."

    "Soldat?", antwortete Vala verwirrt, und sah an sich herab, hatte er etwa zugenommen? Sicherlich hatte er das.. auch wenn stete Bewegung ihn fit hielt, die Tatsache, regelmäßige und oft auch üppige Mahlzeiten zu sich zu nehmen hatten wohl in den vergangenen Monaten die Rippen verdeckt und seine Wangen etwas voller werden lassen. Etwas. So sah er wohl nichtmehr aus wie ein abgerissener Landstreicher, sondern wie einer, der harte Arbeit gewohnt war, und genug zu Essen bekam, um diese auch körperlich niederzuschreiben.


    "Ich denke, wir sollten am Tiber gen Palatin zurückgehen... ich kann mir nicht vorstellen, dass der Aventin die richtige Gegend ist, in der schöne Damen von Stand umherwandeln.", lud Vala sie ein, sich durch die Menge am Hafen zu schlängeln und in ruhigere Gefielde zu wandern. Auch, weil er irgendwann wieder zurück musste, schließlich wartete immer Arbeit auf ihn, solange es hell war, und oft auch danach.
    "So.. und jetzt bist du aus dem Land der großen unbehaarten Tiere und der anderen Wunder nach Rom gekommen...", begann Vala unverbindliches Palaver, während sie am Tiber entlanggingen, "...da frage ich mich: warum? Die großen Pläne eines Vaters, der seine Tochter mit einem wohlhabenden Römer verheiraten will? Eine Mutter, die für ihre Tochter eine Laufbahn bei den Templa vorsieht? Oder ganz triviale Langeweile?"

    Vala hörte zu, ohne dem was sie sagte wirkliche Aufmerksamkeit zu schenken. Die typisch männliche Fähigkeit, bestimmte Informationen abzuspeichern ohne sie wirklich zu beachten, um sie in kritischen Momenten wie "Schatz, hörst du mir überhaupt zu?", oder "Was ist deine Meinung dazu?" oder "Sag doch auch mal was.." sofort abzurufen und direkt zu verarbeiten, kam hier jedoch nicht zum Zug, denn die junge Frau verzichtete auf Gegenfragen. Wie sie es normalerweise taten. Frauen interessierten sich eigentlich nicht für ihr Gegenüber, außer, sie hatten den Eindruck, dass ihr Gegenüber ihr Informationen zukommen lassen könnte, die sie später weiterverwerten, ergo weitererzählen konnte. So auch hier: Minutenlang wurde Vala zugelabert (und würde später sicherlich als 'so ein guter Zuhörer' charakterisiert), und das schlechte Gewissen der jungen Frau manifestierte sich letztendlich wirklich erst am Ende ihres Redeschwalls.


    So wieder zurück in die Aktivität gezwungen, lächelte Vala verlegen, während er überlegte wie er aus dieser Sache herauskam. Wollte er ihr seinen Namen sagen? Namen waren Macht. Seine Mutter hatte ihm einmal erzählt, dass jemand Macht über einen besaß, sobald er den Namen eines Menschen kannte. So auch Linus, der Vala immer öfter bereuen ließ, ihn seinen germanischen Namen genannt zu haben. Mit dem römischen war er weniger restriktiv, wenn auch nicht wirklich freigiebig.


    "Man könnte meinen, Rom wäre ein Dorf.", entgegnete Vala eloquent, und versuchte sich fortan darin, etwas zu erzählen ohne tatsächlich etwas von sich zu verraten, "Senator Decimus Livianus... eine der ersten Personen, die ich hier in Rom zu sehen bekam. Genauso wie deine Cousine, wenn man es genau nimmt. Ich bin vor einigen Monaten nach Rom gekommen, und habe hier eine Stelle als Scriba eines Offiziers der Prätorianer angenommen. Mittlerweile fällt es mir leichter, mich auf Rom einzulassen, das war anfangs nicht so.. allerdings macht die Stadt es mir auch nicht gerade leicht. Deshalb ist es vielleicht so interessant, von deinen Wüsten zu hören, von Hannibals Elefanten und dem fruchtbaren Nil, das lässt Rom vielleicht etwas weniger fremd erscheinen, wenn man sich daran erinnert, dass es Länder gibt die NOCH fremder sind. Aber wollen wir uns hier weiter unterhalten, und den Männern im Weg stehen, oder uns langsam in Gegenden aufmachen, die weniger geschäftig sind?"


    Man konnte ruhigen gewissens behaupten: Vala hatte es einfach drauf.

    Linus von Patrae
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    "Stell dich nicht so an. Hast du nicht erzählt, du wärst schon einmal hier gewesen?", höhnte der alte Grieche, als Vala ihm folgend das Apoditerium verließ und sich zaudernd die Füße wusch.
    "Sehr richtig.", erwiderte der junge Germane patzig, und warf seinem Lehrer einen genervten Blick zu, "Was eine Erinnerung ist, die ich gerne vergessen würde." Zu plastisch waren noch die lachenden Gesichter des Claudius und des Quintiliers gewesen, die ihn bei seinem ersten Thermengang belächelt hatten, während er das Gefühl hatte bei lebendigem Leibe gekocht zu werden.
    "Red keinen Unsinn, Junge, Erinnerungen sind das wichtigste, das ein Mensch besitzt. Ohne sie wären wir nicht, was wir sind, sie lassen uns aus dem lernen, was uns geschieht, und prägen uns für künftige Erlebnisse. Das solltest du zu schätzen wissen, auch wenn deine barbarische Herkunft hier in Rom wenig gilt: sie hat dich zu dem gemacht, was du bist, und sie wird das Fundament für das sein, was du einmal erreichen wirst.", fiel Linus wieder in seine gewohnte Art zu predigen, was seiner Meinung nach sinnvoll war, während Vala sich Schritt für Schritt in das Tepidarium begab, um sich den Straßenschmutz von den Gliedern zu waschen. Das Wasser war für seine Verhältnisse, der er bisher einen weiten Bogen um das warme Wasser im Balneum der Casa Prudentia gemacht hatte, immernoch heiß, aber er zwang sich, sich daran zu gewöhnen. Und irgendwann war es schon fast erträglich, auch wenn er das Gefühl hatte, dass jede Bewegung einen neuen Schauer von Hitze durch seinen Körper jagen würde.
    "Ist das der einzige Grund, warum du mich hergelotst hast, alter Mann, willst du mich mit heißem Wasser foltern?", versuchte Vala sich selbst von der Hitze abzulenken, und sich auf das Gespräch mit dem alten Mann zu konzentrieren. Dass dieser wieder einmal über die germanische Herkunft Valas philosophierte, störte ihn zwar, aber er hatte wohl kaum eine andere Möglichkeit, als sich die Gedanken des Griechen anzuhören, wenn er irgendwas lernen wollte, was später von Wert für ihn sein konnte.
    "Ein interessanter Gedanke, bedenkt man, dass Wasser sich in letzter Zeit in meine bevorzugte Art, dich zu bestrafen zu entwickeln scheint. Was ist eigentlich aus dem jungen Mädchen geworden? Ich hoffe für dich, dass du nichts getan hast, was uns in ein paar Monaten echte Probleme bereiten würde. Auch wenn diese Stadt der Molloch der Verlogenheit ist, muss man nach außen immernoch die Tugenden des Divus Augustus zelebrieren. Ein Bastard mit einer römischen Bürgerin wäre... unvorteilhaft, wenn du verstehst, was ich meine.", Linus sprach diese Worte mit einer Stimme, die ausdrucksloser nicht sein konnte, und Vala wusste, dass die Masquerade perfekt war, hinter der der Stoiker seine Gedanken versteckte. Wahrscheinlich war er immernoch angefressen über die Art und Weise, wegen einer hübschen Frau abserviert worden zu sein, und Vala kam der Gedanke, einmal klarstellen zu müssen welche Prioritäten seine Triebe pflegten.
    "Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig, alter Mann? Wenn es stimmt, was man euch Griechen nachsagt, muss ich dich leider enttäuschen. Männer haben mir definitiv unten zu viel, und oben zu wenig. Wobei...", er warf einen kritischen Blick auf den Griechen, der sich im Becken nebenan reinigte, "..vergiss das mit dem oben zu wenig. Ich glaube, mit deinen Brüsten könntest du es mit jeder Matrona aufnehmen."
    Ein Schwall Wasser, der in seine Richtung flog zeugte davon, dass der Grieche mal wieder die Fassung verloren hatte. Wenn auch nur für einen Moment: "Werd nicht frech, Junge.", polterte Linus mit zunehmend zusammengebissenen Zähnen, "Du weißt nicht, was du da redest.. die Liebe zwischen Männern ist nicht nur das Entladen animalischer Triebe, sie ist die Vervollkommnung des menschlichen Zusammenseins. Eine Frau gebiert dir einen Sohn, aber wahre Liebe, die Erlangung des höheren Seins, das kann dir nur das Zusammensein mit den deinen schenken."
    Vala stockte einen Moment, und fragte sich ernsthaft, wo dieser Thermenbesuch noch hinführen würde: "Wenn das dein Ernst ist, wirst du den Rest dieses Thermenbesuchs alleine absolvieren dürfen. Ist dir das klar, alter Mann? Wenn du deine abstruse Männerliebe nicht für dich behälst, behalte ich mein Gold für mich, habe ich mich verständlich ausgedrückt?"
    Linus schien tatsächlich einen Moment lang nachzudenken, bevor er mit trotzig erhobenem Haupt aus dem Becken stieg und in den nächsten Raum trat, wohin Vala ihm mit gebührend Abstand folgte: "Kaltblütiger Barbar, der du bist. Ich werde damit leben müssen, dir nicht alle Vorzüge der hohen Kultur meiner Ahnen beibringen zu können. Aber sei es drum: wenn es meine Kinder ernährt, soll es so sein."
    Sie betraten das Caldarium, und die gestiegene Temperatur ließ Vala innerlich erschauern: zu plastisch war noch die Erinnerung an die erste Konfrontation mit dem heißen Wasser. Und tatsächlich: während der Grieche sich locker in ein Becken gleiten ließ, brauchte Vala gefühlte Stunden, um bis zu den Schultern ins Wasser zu sinken.
    "Also, Linus, warum sind wir hier?", fragte Vala noch einmal, als er sich insoweit aklimatisiert hatte, dass er nicht Gefahr lief, bei jeder Bewegung aus dem Becken zu springen und sich direkt ins Frigidarium zu werfen.
    Lucius Accius Damio
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    "Wenn ich diese Frage beantworten dürfte..", erklang eine Stimme aus einem anderen Becken, und Valas Kopf ruckte zur Seite, als sich einer der anderen Anwesenden in ihr Gespräch einklinkte, "..ich bin Lucius Accius Damio, und mein guter Freund Linus dort hat mir von einem vielversprechenden jungen Mann erzählt, den näher anzusehen sich lohnen würde."
    Valas Blick schwenkte zu Linus zurück, der wissend schmunzelte, und warf diesem einen vorwurfsvollen Blick zu. Wenn es etwas gab, das Vala hasste, dann waren es Überraschungen. In seiner Heimat bedeuteten Überraschungen nicht selten den Tod, und so tat Vala sein möglichstes, um immer alle Eventualitäten ins Auge fassen zu können. Hier hatte er anscheinend versagt.
    "Aha. Und wer ist Lucius Accius Damio, wenn ich fragen darf?", sprach Vala, alle falsche Höflichkeit und Reservation vergessend, so sehr grämte es ihm, in einer Situation zu stecken, die er nicht unter Kontrolle hatte. Was allerdings auch Sinn machte: Linus hatte ihn an einen Ort gelockt, an dem Vala sich ohnehin unwohl fühlte, weil er mit etwas konfrontiert wurde, das er nicht beherrschen konnte, und seine Schwäche offenbarte.
    "Lucius Accius Damio..", begann der Fremde, "..verdient sein Geld mit Pamphleten, Schriftstücken, Gesetzestexten und der Beratung offensichtlich orientierungsloser Politiker. Und jener, die einmal orientierungsvolle Politiker werden wollen. Und du sollst auf dem Weg sein, einer zu werden." Der Fremde lächelte ihn an, die Arme auf den Rand des Beckens gestützt und Vala mit wissenden Augen musternd. Der jedoch wandte sich wieder zu dem Griechen, der immernoch selbstgefällig lächelnd da hockte, und warf diesem einen kritischen Blick zu: "Hat dich dein stoischer Sachverstand verlassen, oder warum stellst du mich einem Mann vor, der dich ersetzen könnte?"
    Doch als Antwort erntete er nur ein süffisantes Lächeln: "Kann er nicht. Du wirst sehen, dass Damio und ich uns auf vollkommen verschiedenen Pfaden bewegen. Ich denke, er wird mit deiner impulsiven und emotionslastigen Art dort besser arbeiten können, wo ich es nicht kann. Es gibt Dinge, die ich dich nicht lehren kann. Und es gibt Dinge, die er dich nicht lehren kann."
    Vala verstand langsam, dass er anscheinend nicht der einzige war, der Pläne mit sich selbst hatte, etwas, was ihn zutiefst beunruhigte.
    "Aha..", konterte er daher ein wenig hilflos, "..und was soll mich das ganze kosten? Habt ihr schon einmal daran gedacht, dass ich als Scriba nicht der bestverdienendste Mann Roms bin?"
    "Dein Geld interessiert mich nicht..", entgegnete der Accier, "..noch nicht. Lass es mich so beschreiben: ich investiere meine Zeit in deine Zukunft. Und irgendwann wird es sich auszahlen, glaube mir... wenn du mir Gelegenheit gibst, dir Dinge zu zeigen, die du nicht siehst, und mir einfach ein wenig zuhörst."

    "Dann solltest du dich von meiner Heimat fernhalten, so glaube ich, du würdest dort im Sommer erfrieren.", witzelte Vala, als sie das Wetter als kalt bezeichnete, und dass sie meinte, nichts von der Politik zu verstehen bestätigte sein Vorurteil, dass die hellenistisch-beeinflussten Provinzen des Ostens ihre Frauen lieber wegsperrten, als sie am öffentlichen Leben teilhaben zu lassen. Wieder einmal war er ob der Verschiedenheit der Lebenswelten erstaunt.. bei den Stämmen in der Heimat waren Frauen nicht selten die lautstärkeren Stammespolitiker, die sich eigentlich nur in Fragen der Kriegsführung zurückhielten. Was also sollte er mit einem Hausweib anfangen, die offensichtlich keine Ahnung von dem hatte, wie die Welt um sie herum gelenkt wurde? Sich einfach auf das einlassen, was sie wusste: "Dann vergiss die Politik, und erzähl mir von deiner Heimat.. wie ist es dort? Zwei meiner Verwandten sind vor garnicht mal allzu langer Zeit dort gewesen, und erzählten von riesigen Tieren ohne Fell, von Gegenden, die nur von Sand bedeckt seien, und von Bauwerken die Älter seien als die ältesten Reiche der Griechen. Und von der Sonne, die so hoch am Himmel wandert, dass es keinen Fleck gibt, der nicht von ihr erhellt wird."
    Letzter Punkt war von besonderem Interesse für Vala. Zwar war er im Panoptikum der germanischen Götter- und Geisterwelt behaftet, wo die Sonne sich stets als fruchtbringende Göttin manifestierte, und gerade deshalb durch Wintersonne und Sommersonne gefeiert wurde, doch die Erzählungen seiner Verwandten, dass die Sonne im Süden eine wahre Plage sei, wollte und konnte er nicht glauben.


    Dass sie aus Tarraco kam, aber in Alexandria gelebt hatte, fiel Vala schon auf, wahrscheinlich war sie Mitglied der Reichsnobilität, die immer dort lebte, wo es in der Administration zu arbeiten und/oder viel Geld zu verdienen gab. Er würde sich später mit der Gens Iunia beschäftigen müssen.. obwohl... kannte er da nicht wen?


    "Sag..", begann er so unverbindlich wie möglich und wich dezent der Frage nach seinem Namen aus, "..bist du rein zufällig mit einer Narcissa verwandt? Oder mit einer Serrana?"
    Zwar hatte er mit den beiden nicht mehr Kontakt gehabt als die eine ominöse Einladung zu einer Cena die SEHR ruhig verlaufen war (Dagmar hatte ihm später vorgeworfen, die Frauen mit seinem Auftreten eingeschüchtert zu haben), aber er konnte sich das irgendwo nicht vorstellen. Die eine schüchtern zurückhaltend, die andere reserviert ebenso, und die junge Frau, die jetzt vor ihm stand, war das auf eine andere Art und Weise. Eine Art und Weise, die Vala glauben ließ, hier leichtes Spiel zu haben. Oder zumindest die Jagd ein wenig genießen zu können, auch wenn sich am Ende nichts dabei ergeben würde, ergeben durfte.

    Kyniker. Stoiker, Sokratiker, Platoniker, Hedonisten, Epikuriker, Eklektiker, Gnostiker: für Vala alle das gleiche. Alte Leute, die komisches Zeug brabbelten anstelle die Welt mit Taten zu verändern.
    Mit süffisantem Lächeln hörte Vala sich die dahergebrabbelte Erklärung der jungen Römerin an, nickte ab und an, als würde er verstehen (obwohl er tatsächlich sehr versucht war, sie für bekloppt zu erklären), und erkannte den Grund, warum sie den alten Zausel verstand, er aber nicht: sie sprachen griechisch. Er blickte ihr überrascht her, als sie sich einfach umdrehte, ein paar Schritte weiterrannte und ihren Schuh suchte. Vala war garnicht aufgefallen, dass sie nur einen Schuh an hatte, bis zu diesem Moment. Als sie sich bückte, kam er nicht umhin den sich in der recht seltsam geschnittenen Tunika abzeichnenden Körperbau zu mustern. Ein hochgezogene Augenbraue und ein anerkennender Pfiff waren alles, was der Germane von sich gab, doch als sie wieder zurückkam, gab Vala sich wieder arglos und brav. Als sie ihn aufforderte, sich auszuziehen konnte er ein breites Haifischgrinsen nicht unterdrücken, und es brauchte einige Anstrengung einen unflätigen Witz zu in seinem Kopf zu lassen.
    Ihre Sorge um seine Gesundheit ließ ihn nur fragend den Kopf schütteln: "Erkälten? Warum sollte ich das tun? Das wird schon nicht passieren..."


    Der Gedanke kam ihm irgendwie absurd vor. Natürlich war es in Rom merkbar kälter geworden, aber es war noch weit von dem entfernt, was er in seiner Heimat an winterlichen Zuständen gewohnt war. Eigentlich war der römische Winter wie der germanische Frühsommer."Da, wo ich herkomme ist das hier noch recht warmes Wetter.", schmunzelte er sie an, und strich sich die nassen Haare hinter die Ohren, "Und was machen wir jetzt, Iunia Axilla? Wenn wir es genau nehmen, schuldest du mir eigentlich eine Lektion in römischer Politik. Aber ich gebe mich auch mit alexandrinischen Lehren zufrieden.."

    Linus von Patrae
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    Dem alten Griechen stand dann doch kurzzeitig der Mund offen, als das Mädchen auf Koine antwortete, konnte dann auch nicht verhindern, dass er anerkennend den Mund zu einem Lächeln verzog. Was nichts daran änderte, dass er nicht einsah den Tag jetzt schon verloren zu geben: "Na, dann hätten wir das ja jetzt geklärt. Können wir jetzt fortfahren?"
    Er blickte den jungen Germanen, der immernoch triefte wie ein begossener Wolf (die erst sehr viel später durch Zucht so entstellt werden, dass man sie Pudel genannt werden würden), durchdringend an, aber dieser hatte nur Augen für die Frau, was in Linus so ziemlich alle Alarmglocken schrillen ließ. Er kannte diesen Blick. So blickten die Biester im Theatrum Flavium, bevor die einen Gladiator fein säuberlich auseinanderrissen. Als Stadtrömer hatte er natürlich nie die Bekanntschaft jagender Wölfe gemacht, aber so in etwa stellte er sich das vor.


    "Nein. Nein! NEIN!!!", schalt er seinen Schüler, und wedelte drohend mit dem Stock. Und was machte das Mädchen? Es spielte Reh. Linus sah mit wachsendem Entsetzen, wie sich hier Rollen zu manifestieren begannen, die mit der gehobenen Kultur und der Politik des größten und schillernsten Reichs nicht im geringsten etwas gemeinsam hatten. Linus sah ein, dass er bereits verloren hatte, und griff zum zweiten Mal heute zu einer äusserst verzweifelten, aber nicht unwillkommenen Lösung: er schlug zu.
    Dieses Mal allerdings war der Germane vorbereitet gewesen, und fing den Schlag kurz vor seiner Schädeldecke ab, und knurrte den Griechen grimmig an.
    "Wir sind noch nicht fertig, Alrik!", versuchte Linus ein letztes Mal, den gesunden Menschenverstand in seinem Schüler zu wecken, doch ohne Erfolg: "Doch, das sind wir."
    Linus, der sich gerade erst wieder an die Autorität seiner Position gewöhnt hatte, stand mit offenem Mund da, während der Germane die süffisant schmunzelnden Augen nicht von der jungen Frau nahm: "Du darfst gehen Linus, ich bin dir dankbar für das, was du mir heute beigebracht hast. Wir machen übermorgen weiter..."
    Fassungslos, so abserviert zu werden sobald der junge ein hübsches Mädchen vor die Fänge bekam, drehte Linus sich um und stolzierte davon, vollkommen vergessend, dass er ja eigentlich am Stock lief. Die lauten Flüche über den jungen triebgesteuerten Barbaren waren noch einige Sekunden lang zu hören, und die Art und Weise, wie Linus sich darüber ereiferte war bar jeder stoischen Zurückhaltung, die er sonst eigentlich pflegte.


    "Iunia Axilla.", wiederholte Vala den Namen seiner Gegenüber, als wäre er das Kennwort zu einem sagenumwobenen Schatz, "Ich glaube, ich muss mich für meinen Begleiter entschuldigen. Auch wenn er sich der Stoa verschrieben hat, lässt seine Beherrschung manchmal stark zu wünschen übrig. Nun aber genug von diesem alten Zausel, darf ich mir die Frage erlauben, was dich in den Hafen verschlägt? Ich kann mir wahrlich sicherere Gegenden für eine Bürgerin Roms vorstellen... besonders für ein so hübsches Ding wie dich."

    Linus von Patrae
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    "Mädchen, lass den da gefälligst drin.", orderte Linus mit gewohnter Souveränität die junge Frau, den ihn immernoch wütend anstarrenden Vala im Wasser des Tibers treiben zu lassen, er kam nicht umhin, auf griechisch ein wenig nachzustochern, im vermeintlich festen Wissen, dass ihn sowieso keiner verstand: "Póte boró1 na koitázo1 sto stí1thos sas, antí na akoúsoun eména, pou boreí akómi1 kai na vgei mónos"*


    Vala selbst verstand natürlich kein Wort, war sich aber sicher, dass es nichts nettes gewesen war, und versuchte seinen Lehrer noch ein Stück weit finsterer anzusehen, bevor er zu einem Stück der Kaimauer schwamm, an dem er sich hochziehen konnte. Was folgte, war ein (in Germania nicht unübliches)Lehrstück germanischer Unbekümmertheit: einmal oben angekommen schüttelte er sich einen Großteil des Wassers aus den Haaren, die ihm daraufhin ein ziemlich wildes Aussehen verpassten, und zog sich ohne großes Federlesen die Tunika über den Kopf, um mit einigen Handgriffen auszuwringen. Gedanken um die Hafenarbeiter machte er sich nicht, war die römische Unterschicht doch ebenfalls nicht gerade zimperlich im Umgang mit Nacktheit. An die Frau dachte er garnicht mehr, bis ein gebrülltes "Elender Barbaros! Sieh zu, dass du deinen wilden Körper bedeckst!" ihn sich umdrehen ließ, und sich zum ersten Mal gewahr wurde, dass die Frau, nur weil er ihre Einladung ihm hochzuhelfen nicht angenommen hatte, sich nicht automatisch in Luft auflöste.


    "Achso, ja...", war alles, was ihm schlaues zu der Situation einfiel, als er die zusammengedrehte Tunika wieder entdrehte, und sich mit souveräner Langsamkeit wieder bekleidete. Er warf dem alten Mann einen giftigen Blick zu: "Du kannst froh sein, dass das hier wie Sommer ist, alter Mann."
    Was ihm nur ein spöttisches Lächeln einbrachte: "Das hier, junger Barbar, ist der römische Winter. Und jetzt entschuldige dich gefälligst..."
    So wieder auf die Anwesenheit der jungen Frau aufmerksam gemacht, wandte sich Vala an eben diese, und kratzte sich verlegen am Kopf, dessen Haare immernoch trieften: "Eh... ja... entschuldige bitte diese Situation, DIE GANZ UND GARNICHT MEINE SCHULD WAR.", ein Seitenhieb auf den alten Griechen musste drin sein, "Ich würde mich ja gerne vorstellen, aber in Anbetracht dieser Situation werde ich mich wohl Nemo nennen müssen."
    Ein gekonntes Lächeln unterstrich die Hilflosigkeit seiner Situation. Einmal aus dem Takt gebracht, fand er doch immer wieder zurück...


    *[SIZE=7]"Wenn er auf deine Titten starren kann, anstelle mir zuzuhören, kann er da auch wieder alleine rauskommen." Modernes, computergeneriertes griechisch, und mit Sicherheit sowas von falsch... aber lustig..[/SIZE]

    "Was genau machen wir jetzt eigentlich hier?", stellte Vala eine ziemlich dumme Frage, die ihm gleichzeitig aber notwendig vorkam, denn ihm ging die Geheimniskrämerei seines Begleiters mit zunehmender Dauer ihres Herumirrens auf dem aventinischen Hügel ziemlich auf den Sack. Linus hatte ihn mit wenigen Worten aus der Casa Prudentia gelockt, just als Vala sich darüber wunderte, wie Orpheus nur so dumm gewesen sein konnte, sich kurz vor Ende doch noch umzudrehen und seine Eurydike damit aus der Hand zu geben. Linus hatte das mit "Denk mal drüber nach.." abgetan, und ihm gesagt, dass an diesem Tag eine Lektion an der Reihe war, die fundamental für sein Verständnis von römischer Politik sein würde.
    Was Vala nicht im geringsten erklärte, warum sie auf dem Aventin durch die Gegend liefen. Dessen nicht genug, bestand Linus darauf, seine Masquerade mit dem Stock weiter aufzuführen, was ihr Tempo ins unerträgliche verlangsamte. Sie sprachen auf dem Weg über dies und das, und Vala wunderte sich immer wieder, wie der alte Grieche aus Belanglosigkeiten aus seinem Leben bedeutungsschwangere Zusammenhänge konstruieren konnte. Oder vorgab, es zu tun.


    Linus von Patrae
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    Der alte Grieche wischte die Frage nur beiseite, und murmelte ein halbverständliches "Gleich sind wir da.", bevor er unvermittelt in eine Kurve einbog, die mehr wie ein Loch zwischen zwei großen Insulae aussah, denn wie eine wirklich gewollte Straßenführung.
    Erst als Valas Nase einen Geruch aufnahm, der sich stark von dem Siff unterschied, der auf den aventinischen Straßen herrschte, bekam er eine Ahnung, warum sie herkamen: "Zum Tiber hätten wir auch am Quirinal gekonnt, macht es Sinn, durch die ganze Stadt zu laufen?"
    Der Blick, den er für diese Frage erntete war vernichtend. Nein, schlimmer: hochmütig und herabblickend. Linus hatte es sich angewöhnt, Vala wie ein ungezogenes Kind zu behandeln, wenn er Dinge nicht verstand, oder einfach schneller redete als nachdachte. Und das schlimmste war: der alte Mann wusste, was er damit mit Valas Stolz anrichtete.
    Wenige Minuten später standen sie vor enormen hölzernen Aufbauten, Lastkränen, Fluss- und Seemöwen stritten sich um Abfälle und geplatzte Behältnisse und links und rechts von ihnen erhoben sich gigantisch anmutende Lagerhäuser.
    "Der Hafen...", erkannte Vala laut denkend, wohin ihn der alte Mann geführt hatte, während derselbe darauf verzichtete, dies wie normalerweise als gedankenlose Unbeherrschtheit zu tadeln.
    "Richtig. Der Hafen.", sprach Linus triumphierend, und freute sich insgeheim sehr darüber, den Jungen überrascht zu haben, auch wenn er ihn später schelten würde, dass derlei Überraschungen irgendwann sein Tod sein könnten. Vala sog die Eindrücke dieses Fleckens Rom, den er noch nie gesehen hatte, wie ein Schwamm in sich auf, und war schier überwältigt von der Masse an Waren, die hier anscheinend jede Stunde umgeschlagen wurden. Linus trabte derweil munter weiter, während das rhythmische Klopfen seines Stocks auf Plasterstein vom Lärm des geschäftigen Hafentreibens übertönt wurde. Es dauerte einige Minuten, bis sie sich durch die Masse an Arbeitern, Schiffseignern, Verwaltern und Bettlern hindurch an eine Stelle bewegt hatten, von der sie bequem den ganzen Hafen im Blick hatte, und dieser Anblick verschlug Vala schlicht die Sprache: es mussten tausende Quadrantales und Talenta sein, die hier umgeschlagen wurden. ZIGTAUSENDE.
    "Nun, junger Duccius.", begann der Grieche mit dem für ihn typischen Erzählton, "DAS HIER ist Rom." Vala war dieses Mal schlau genug, nicht dumm nachzuhaken, und überließ es stattdessen seinem Lehrer, zu vermuten, dass der Junge Germane nicht die geringste Ahnung hatte, was er damit meinte: "Hier werden tagtäglich Unmengen an Getreide umgeschlagen, mit denen Rom ernährt wird. Dieses Schiff hier..", er deutete wahllos auf eines der Schiffe, die Flussaufwärts von Wind und Zugtieren in den Hafen geschleppt wurden, "..bringen das Korn, das in Aegyptus gedeiht, und von dort nach Ostia verschifft wird. Dieses Korn ermöglicht das Rom, wie wir es kennen. Der Kaiser lässt es aus seiner Provinz nach Rom schaffen, und verteilt es dort an die Bevölkerung. Warum tut er das, Alrik?"
    Vala zuckte zusammen, als der Grieche ihn bei seinem germanischen Namen nannte. Das tat er normalerweise nur, wenn Vala in Gedanken abgedriftet war, und er hasste ihn dafür. Nicht, dass er seinen germanischen Namen nicht mochte. Aber dieser war ausschließlich seiner Familie vorbehalten, wenn überhaupt. Alrik war ein Mensch, den es seiner Meinung nach nichtmehr gab. Die Frage des Griechen stellte ihn schon vor eine schwerere Aufgabe, konnte Vala doch mit keiner Hilfestellung rechnen. Irgendwann, nach langwierigen Minuten in denen der alte Grieche passiv und emotionslos das Treiben des Hafens beobachtete, rang Vala sich zu einer Antwort durch: "Weil damit verhindert wird, dass die Bevölkerung Roms hungert, und sich vielleicht gegen den Kaiser erhebt?"
    Linus nickte zufrieden, blickte Vala jedoch nicht an, als er weiter zu erzählen begann: "Das ist es, aber längst nicht alles. Korn bedeutet Macht. Früher, als die Menschen noch eigenes Land besaßen, und der Senat die Macht in Händen hielt, war das Leben in Rom ein ständiges Hin und Her in politischen Dingen. Aber wie in jedem Reich setzten sich auch hier die Eliten durch, erlangten immer mehr Grund, und selbst die Gracchen mit ihrem ambitionierten Programm scheiterten, obwohl es genau dem entsprach, was das Volk eigentlich brauchte. Aber die Eliten haben garkein Interesse daran, das Volk selbstständig und autark sein zu lassen. Denn damit wäre es schwerer zu kontrollieren. Dass der Princeps sich mittlerweile selbst gegen diese enorm mächtige Elite durchgesetzt hat, liegt in der Natur der Dinge: er kontrolliert das Korn. Er kann es sich leisten, das Volk zu ernähren, auch wenn es Unsummen verschlingt. Brot und Spiele, junger Duccius, Brot und Spiele. Gib dem Pöbel zu fressen, und er hungert nicht, gib ihm etwas zum beglotzen, und er denkt nicht nach. Wenn du das erreicht hast, hast du die Liste der Instanzen, die du kontrollieren musst erfolgreich verkürzt. Und der Senat ist damit einer seines größten Kräfte beraubt: der Meinungsmache. Denn wenn der Pöbel keine eigene Meinung hat, gibt es niemanden, der sie beeinflussen kann."
    Vala brummte nur als Zustimmung, hatte er doch schon etwas ganz anderes im Sinn: eine Frau trieb sich zwischen einer in der Nähe werkelnden Menge an Hafenarbeitern herum, und der Anblick irritierte ihn dann doch.
    "Junge, hörst du mir zu?", hakte der alte Mann nach, der dem Blick des Jungen folgte, und ebenso die Frau erblickte, "Was hab ich dir zum Thema Frauen gesagt? Ich kann dir den ganzen Tag die Geheimnisse der Res Publica vorpredigen, wenn du eine Frau siehst, ist das alles wieder weg! Ist das zu fassen?"
    Linus schlug zu. Hart. Und nicht mit irgendwas: auf einmal offenbarte sich Vala, warum der alte Grieche seinen Stock so pflegte, denn das Holz krachte mit einem tumben Klang auf seinen Hinterkopf, und der junge Germane stolperte, vollkommen unvorbereitet getroffen, einen Schritt weit nach vorne, und lief Gefahr über die Kaimauer in den Tiber zu fallen. Der alte Grieche ließ sich jedoch nicht lumpen, und stupste Vala mit der Spitze seines Stocks sachte in den Rücken. Gerade genug, um Vala vollkommen seines Gleichgewichts verlustig werden zu lassen, und ihn mit einem lauten Platschen in den Tiber fallen zu lassen.
    Als Vala wieder auftauchte, spie er eine ganze Armada an römischen und germanischen Flüchen gegen den Mann aus, und schimpfte aus dem Wasser heraus wie ein Rohrspatz gegen die Dreistigkeit des alten Mannes.
    "Das wird dich lehren, in meinen Stunden mit dem Sack zu denken, anstelle mit dem Kopf!", witzelte Linus vergnügt auf seinen Stock gelehnt an der Kaimauer stehend und mit einem süffisanten Blick auf Vala herabblickend.


    Sim-Off:

    Wenn eine Grazie der Auslöser dieses Fauxpaxs sein möchte, ist sie hiermit herzlich eingeladen. ;)

    "Hat der Mann Referenzen?", hakte Vala nach, bevor er seine persönlichen Stücke vom Schreibtisch klaubte, um seinen Feierabend anzukündigen.


    "Ich würde ungerne einem Mann vertrauen müssen, der bereits einen Politiker an die Wand gefahren hat. Hast du Erfahrung mit dem? Oder einer aus deiner Familie?"

    "Eh... wir sind mit den für Rom und die Göttin angemessenen Opferriten nicht vertraut, daher wären wir schon dankbar dafür, wenn du uns dabei helfen könntest.", gab Vala ziemlich zerknirscht zu. Allerdings würde er die Augen dabei offenhalten, schließlich wollte er den Status, sich nichtmehr von Könnern an der Hand nehmen lassen zu müssen so schnell wie möglich überwinden. Was auch notwendig war, wollte er sein Ziel erreichen.

    "Dafür meinen Dank.", erwiderte Vala ehrlich, und verging sich an den aufgetischten Speisen, "Dann wäre der Hauptgrund meines Kommens eigentlich auch schon abgehakt.. damit es nicht langweilig wird, darfst du mir erzählen, wie es dir seither ergangen ist. Und was die Arbeit für einen Konsul so mit sich bringt, ich bin mir sicher, da gibt es einiges, das erzählenswert ist."

    Vala wurde schweigsam, und wusste nicht genau, ob er es schaffte, sein Unwohlsein so zu verbergen. Sie erzählte von den verschiedenen Ländern und Langeweile, und er fragte sich, ob es ein Zeichen der verwöhnten und vielleicht auch entfremdeten römischen Gesellschaft war, von Ländern als schön zu sprechen.
    Gut, er hatte nicht wirklich viel von der Welt gesehen. Germania, die Ländereien der Stämme, waren für ihn voll von Erinnerungen. In diesem Waldstück gab es eine Schifflegung, in jenem Sumpf waren vor Jahren Römer geopfert worden, als ein kleiner Stamm es geschafft hatte, eine Handelskarawane aufzureiben, nur um nachher von eben jenen Stämmen angegriffen zu werden, die das Ziel dieser Karawane gebildet hatten. Ein Hügel war ein taktisch wichtiger Punkt, ein Fluss eine Lizenz zum Handel und eine Ebene immer, IMMER die Wiege eines kleinen Dorfes. Gallien war nicht anders gewesen, auch wenn sich die Fauna langsam geändert hatte. Krieg, Handel, Religion, Macht. Überall.
    "Hmhmhm...", brummte er deswegen auch nur als Antwort, weil er nicht glaubte, sich mit einer Frau darüber unterhalten zu können. Auch wenn die Menschen seiner Heimat ein Bild von Gleichstellung pflegten, in dem der Mann den starken Arm der Götter darstellte, und die Frau die fruchtbringende Natur, gab es doch gewisse Trennlinien zwischen diesen beiden Prinzipien, und die fingen dort an, wo eine Hand ein Schwert ergriff. Zwar standen Frauen immer als letzte Wehrlinie, aber die wurde so gut wie nie eingesetzt. Ein Mann war ersetzbar. Eine Frau war es nicht.


    "Das ist der große Unterschied, wie ich finde.", versuchte Vala sich wieder in das Gespräch einzuklinken, "Ihr Römer lebt in einem Haus und doch nicht zusammen. Wir wohnen zuhause mittlerweile auch in eigenen Zimmern, aber es hat lange gedauert, um uns daran zu gewöhnen. Bei einigen mehr, bei anderen weniger. Bei euch ist das irgendwie anders: ich kann ohne meine Familie im Rücken hier einiges erreichen, man muss zwar immernoch die richtigen Leute kennen, aber ich komme nicht automatisch um, sollte ich versuchen mich alleine in Rom durchzuschlagen. In meiner Heimat ist das anders. Bist du allein, stirbst du."


    Er zog die Lippen schmal, als sie sich bei ihm entschuldigte, und entlarvte Valas Masquerade augenblicklich als wirkungslos. Was ihn letztendlich mehr aufregte als die Fragerei der Römerin. Er brummte etwas unverständliches als Antwort, und wischte die Entschuldigung mit einer klaren Handbewegung beiseite, und betrachtete die Sache damit auch als erledigt.

    Wussten sie nicht. Allerdings wussten sie es, sich in Phrasen auszudrücken die dem Verständnis des jeweiligen Gesprächspartners anscheinend nicht entgegenkamen. Hätte Vala das gewusst, hätte er wahrscheinlich an seinem Latein zu zweifeln begonnen. Oder an dem vom Vescularier. Da er es allerdings nicht wusste, glotzte er weiterhin treudoof drein, und machte sich keine derartigen Gedanken. Die machte er sich eher über die Fragen, mit denen der Praefectus ihn sogleich löcherte.


    "Ich bin der Sohn des Flavius Duccius Germanicus, Bürger Roms, Quaestor des Reiches und Tribun der zweiten Legion sowie der Julia Duccia Germanica, Bürgerin Roms, Duumvir Confluentis und Magistrix Scriniorum der Regio Germanica Superior.", betonte Vala so unverfänglich wie möglich seinen Status als vollwertiger Bürger des römischen Reiches. Er wollte sich nicht von Anfang an in die Barbarenecke drängen lassen, aber auch nicht den Eindruck erwecken, den Praefectus korrigieren zu wollen.


    "Ich habe bisher bei meiner Familie in der Provinz Germania gelebt und gelernt. Mein Patron ist Marcus Vinicius Hungaricus, Consular des Reiches und amtierender Legat der Provinz Germania. Ich lebe seit einigen Monaten in Rom und verdinge mich als Scriba Personalis des Praefectus Praetorio Tiberius Prudentius Balbus.", Vala erinnerte sich zwar noch sehr genau daran, dass Balbus ihm geraten hatte, ihn wegen eines gespannten Verhältnisses zum Vescularier nicht zu erwähnen, aber dumm war Vala auch nicht: der Schaden, Dinge zu verheimlichen die nur allzu leicht herauszufinden waren wäre größer gewesen, als für ein paar Tage als neutral zu gelten Gewinn gebracht hätte.


    "Der Bruder meines Patrons, Marcus Vinicius Lucianus hat sich bereit erklärt, den Vorschlag anzuhören, sowie der Konsul Interesse hat erklären lassen."

    "Meinen Dank.", mit diesen Worten verabschiedete Vala sich beim Scriba, klopfte an die Tür des nächsten Officiums und wartete bis er hereingerufen wurde.


    "Salve Praefectus Urbi Vescularius.", grüßte Vala den Mann förmlich, und nutzte die kurze Zeit um den Mann gründlich zu mustern. Der Mann erschien auf den ersten Blick arglos, fast harmlos, wäre da nicht das geringe Hintergrundwissen Valas, das ihn zwang diesen Mann als fähigen Machtpolitiker zu betrachten. Wie sonst brachte man sich quasi unersetzbar in die Nähe des Kaisers, und erhielt zahlreiche Kompetenzen, die eigentlich nur diesem vorbehalten waren? Sicherlich, nicht nur, weil er ein guter Kerl und Freund war...


    "Mein Name ist Titus Duccius Vala, ich bin gekommen, um dir ein Projekt vorzulegen, das sicherlich deinem guten Willen bedürfen wird. Es geht um die Reform des Provinzwesens und seiner Struktur. Wenn ich dir erläutern darf, worum es im Detail geht?", Arglosigkeit konnte Vala auch. Nichts hielt einen länger am Leben als jemanden glauben zu machen, man könne kein Wässerlein trüben. Und so blickte Vala den Mann treudoof an, vollkommen in die Rolle des tumben Mittelsmanns geschlüpft.

    "Du hast es dir also anders überlegt.", sagte Vala als er sich der Casa seiner Familie näherte, und den auf einem Sims hockenden Mann entdeckte. Das siegessichere Grinsen konnte er sich mit Mühe und Not verkneifen, wusste er doch, wie wichtig es war, sich jetzt nicht überheblich zu geben und dem Mann seinen Stolz zu lassen, egal wie tief dieser schon gesunken sein mochte.


    Linus von Patrae
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    "Das könnte man so nennen, ja.", raunte der alte Grieche Linus von Patrae, als der junge Germane sich näherte, "Du hast mein Schreiben also erhalten?"


    "Selbstverständlich. Allerdings musste ich mir das griechisch übersetzen lassen.", gab Vala freimütig zu. Dass er griechisch lernen musste hatte ihm schon sein Patron nahegelegt, und er machte kein Geheimnis daraus, dass das noch einer der Punkte war, die er abarbeiten musste, "Liege ich richtig in der Annahme, dass das ein Wink mit dem Zaunpfahl war?"


    "War es.", raunte der Mann kaum hörbar und mit einer Stimme, die nach Plattentektonik klang. Er ließ sich von dem Sims rutschen, und erst jetzt sah Vala, dass der Mann am Stock ging. Nicht wie ein gebrechlicher Greis, schließlich war Linus einer jener Griechen, die es mit Askese hatten. Wie hatte Balbus ihn noch genannt? Stoiker. Vala konnte nicht wirklich viel damit anfangen, aber dass dieser Mann am Stock ging, passte nicht wirklich in das Bild. Und Linus bewegte sich auch kaum so, als würde er den dunkelbraunen und seltsam gepflegten (er würde später erfahren, dass Linus das Ding regelmäßig mit Öl einrieb) Stock kaum als Stütze benutzen. Und dann begriff er: der alte Grieche spielte ein Spiel.


    "Gehört dieses gebrechliche zu deinen Tricks, die du aufführst, um andere zu täuschen, Linus?", fragte Vala gerade heraus, und fühlte sich beinahe sofort ziemlich dumm, eine so offensichtliche Antwort auch noch erfragt zu haben.


    "Ist das so auffällig?", entgegnete Linus, der sich überrascht und enttäuscht gab, und sah seinen Stab kritisch an, "Dann bin ich wohl tatsächlich aus der Übung. Aber um deine Frage zu beantworten: ja, das ist einer meiner Tricks. Warum denkst du, funktioniert dieser Trick?"


    Vala stutzte, wollte der Mann ihn verarschen? Das war nichts weiter als ein billiger Straßentrick, um in den manchmal unmenschlich dicht gedrängten Straßen freier voran zu kommen, und um sich Zugang durch Mitleid zu erheischen. Er blickte den Griechen kritisch an, als er ihm seine Gedanken auch so mitteilte. Doch sein Gegenüber schüttelte nur ruhig den Kopf, und ging ein paar Schritte die Straße hinab, darauf wartend, dass Vala zu ihm aufschloss: "Das ist mehr als ein billiger Straßentrick. Wenn es auffällt, ist es das. Aber es geht nicht darum, deinen Gegner glauben zu machen, er sei dir Mitleid schuldig. Es geht schließlich nicht darum, eine Sesterze zu erbetteln. Dort wo du hinwillst wird man sich einen Dreck um Mitleid scheren, und dort wird man dir kaum eine Sesterze als einen Tritt in deinen barbarischen Hintern gegeben. Es geht darum, deine Gegner, und wahrscheinlich auch deine Freunde im Unklaren darüber zu lassen, wozu du wirklich im Stande bist."


    "Aaaaahja...", überlegte Vala laut, und kam nicht umhin eingestehen zu müssen, dass da etwas dran war, "Und deshalb gehst du am Stock, um die Leute über deine Stärke im Unklaren zu lassen?"


    "Deshalb geh ich am Stock.", erwiderte der alte Mann trocken, und trabte betont gebrechlich durch die Seitengassen des Collis Quirinalis, "Was hat man dir geraten, junger Barbar, was du als nächstes in deiner Laufbahn erreichen sollst? Oder noch besser, aber vielleicht auch abstrakter: was willst du eigentlich erreichen, Barbaros?"


    "Gute Frage...", überlegte Vala laut, und kam so schnell nicht zu einem schlüssigen Ergebnis. Einige Minuten, in denen sie schweigend nebeneinander hergingen, und Vala immer wieder Passanten ausweichen mussten, während diesselben immer Linus auswichen, verstrichen, bevor Vala sich zu einem waghalsigen, aber vielleicht deshalb um so ehrlicheren Geständnis durchrang: "Ich will Legat der Provinz Germania werden!"


    Bei dieser Antwort lächelte der alte Grieche süffisant, und deutete einen Moment lang mit seinem Stock auf das Gesicht des jungen Mannes: "Jetzt sind wir schon einmal einen Schritt weiter. Und warum willst du das werden, Junge?"


    "Weil ich...", begann Vala, der sich in dieser Art des Gesprächs immer unwohler fühlte, weil er spürte, dass nicht er den dominanten Part in diesem Dialog stellte, "...dem Reich dienen will?"


    Linus schüttelte verächtlich den Kopf, und sah Vala vorwurfsvoll an: "So sprechen blindwütige Soldaten! So verdreht man einem Idealisten den Kopf! So sprechen Menschen, die noch an die alten Heldensagen glauben. Wenn du willst, dass ich dir helfe dein Ziel zu erreichen, dann sei ehrlich. Also... warum willst du Legat Germanias werden?"


    Weiter ging ihr Weg, und wieder kehrten einige Minuten Stille ein, bevor Vala zu einer neuen Antwort ansetzte: "Weil... ich soviel Macht in Händen halten will, wie nur irgend möglich?"


    Linus zog eine Augenbraue hoch, der tadelnde Blick blieb: "Na na na... wir kommen der Sache näher, aber wir sind noch nicht da. Sei ehrlich, junger Barbaros, sei ehrlich, und sage mir: warum willst du Germania regieren?"


    So zum Nachdenken getrieben dauerte die Stille noch ein gutes Stück länger, und Vala vergaß, wo sie eigentlich waren. Alles in ihm drehte sich nurnoch um diese eine Frage, und auf die Tatsache, dass er sich das selbst wohl noch nie wirklich eingestanden hatte: "Ich will es besser machen. Ich will weiter kommen, als je einer in meiner Sippe. Ich will es besser machen... nein, ich will es wieder gut machen! Ich will meine Familie wieder dorthin führen, wo sie vor Dekaden einmal gewesen ist. Ich will die Fehler Wolfriks ausmerzen! Ich will meine Sippe der Scheiterer in eine der Sieger wandeln! Ich will den Namen Duccia so tief in das römische Reich einbrennen, dass ihn nie wieder jemand vergisst!"


    Dieses Mal lächelte Linus auf eine sehr gewinnende Art und Weise: "Nun, junger Duccius, jetzt sind wir da, wo wir hingehören: an den Anfang. Und irgendwann, irgendwann wirst du dein Ziel erreicht haben... und das hier..", er hob den Stock und deutete auf ein Gebäude. Vala stockte der Atem, als er erkannte wie weit sie eigentlich im Laufe des Gesprächs gekommen waren. Sie standen vor der Curia Iulia: "Das hier ist nur eine Etappe von vielen."