Und da kam es auch schon... auch wenn die junge Frau sich selbst zu rechtfertigen suchte, und sich gegen das Barbarentum als Status an sich aussprach, so rutschten die beiden doch in die ewig gleichen Unterhaltungen, die man führte, wenn einer von beiden kaum aus den eigenen vier Wänden herauskam. Vala bekam das Gefühl, in einem Käfig zu stecken und sich beglotzen lassen zu müssen.
Aber sollte er es ihr anlasten, dass sie so war? Vielleicht war dieses Gefühl, das Vala beschlich, auch einfach nur übertrieben. Aber vielleicht auch nicht.
"Ob es schön dort ist? Es ist anders... vollkommen anders. Ich weiß nicht, ob ich von Schönheit sprechen kann. Immerhin kann das, was man als schön bezeichnet auch ganz schnell das eigene Schicksal besiegeln. Es gibt einige, die von falscher Abenteuerlust und einer emotionalen Stimmung getrieben in meiner Heimat ihr Ende gefunden haben.", murmelte Vala, während sie weiter in Richtung Mercatus gingen, und versuchte nicht allzu angegriffen zu klingen, "Wenn ich mir Italia angucke, kann ich verstehen warum ihr Römer denkt, das Land das ihr Germania nennt sei ein einziges riesiges Stück Wald. Und tatsächlich ist es so, dass der Großteil der Stammesgebiete von Wald bedeckt sind, aber es gibt auch großflächige Sümpfe, und sumpfige Wälder, aber auch große Haine und Wiesen. Gefährlich? Natürlich sind sie das. Aber so wie ich es mitbekomme, sterben hier in Rom mehr Menschen an ihrer Stadt als wenn sie draußen leben würden. Man kommt damit zurecht, das ist der Lauf der Dinge. Wir sind Teil der Natur."
Damit fasste Vala mal sehr, sehr knapp die Einstellung eines Angehörigen der germanischen Stämme zum Leben zusammen: es war Leben und Sterben, geben und nehmen, und das von und durch die Natur, die allgegenwärtig war. Natürlich begriff Vala, dass die Römer sich schon vor langer Zeit aus diesem Kreislauf herausgearbeitet haben, was aber für ihn nicht bedeutete, dass er das gleiche tun würde.
"Das hängt davon ab, wie groß eine Sippe ist.", erläuterte er folgend die Lebenswelt in der Gemeinschaft, "Unsere Winter sind sehr kalt, über Monde hinweg hat man nur Eis und Schnee auf dem Dach und vor der Tür. Da tut man alles, um sich gegenseitig warm zu halten. Ihr habt eigene Zimmer, bei uns wärmt man sich, denn nur in der Gruppe überlebt man. Hätte man in einer einsamen Hufa draußen ein eigenes Zimmer, würde man sehr privat und sehr einsam im Winter erfrieren. Die Tiere leben meist mit im gleichen Haus, das stimmt, aber aus demselben Grund: sie halten das Haus mit warm, und erfrieren selber nicht. In größeren Dörfern gibt es auch Häuser, in denen kein Vieh lebt, weil die Gruppe an Menschen groß genug ist. Aber das ist eher die Ausnahme. In den Stammesgebieten im Reich sieht es dann wieder ganz anders aus: viele leben noch wie früher, aber in den Städten passen sich die Menschen schnell den anderen Lebensweisen an. Was nicht allen gefällt..."
Wobei er vor allem an den erzkonservativen Albin dachte.