Beiträge von Iunia Serrana

    Serrana war sich alles andere als sicher gewesen, wie Sabina auf ihren Vorstoß reagieren würde und musste sich jetzt sehr zusammenreissen, um vor Erleichterung nicht laut aufzuatmen. Viel war da noch nicht zwischen Sabina und ihr, aber es war eindeutig ein Anfang, auf dem man aufbauen konnte, und das fühlte sich gut an.


    "Ja, das ist eine gute Idee. Wir wollen ja schließlich nichts vom Stück verpassen." sagte sie lächelnd und löste die Arme wieder von ihren Knien, um von der Stufe aufzustehen. "Schau, da kommt auch Adula, sie wird uns begleiten und auf uns aufpassen."

    "Ja, das könnte wohl passieren. Wobei Großmutters körperliche Angriffe manchmal sogar angenehmer sind als die anderen Dinge, die ihr noch so einfallen, wenn sie wütend ist." Serranas Blick verdunkelte sich leicht, als sie an die vielen Gelegenheiten dachte, bei denen Germanica Laevina nur mit Worten alles und jeden niedergemäht hatte, gleichgültig, ob es sich dabei um ihren Mann, ihre Enkelin oder ihre Sklaven gehandelt hatte. Gut, dass das jetzt ein Ende hatte, wenn auch nur für sie selbst, denn die Sklaven der Casa Germanica waren gerade erst dabei, sich an den Ernst des Lebens zu gewöhnen. Mit einem kleinen Seufzer rückte sie sich ein paar Kissen so zurecht, dass sie sich bequemer hinlegen konnte und stützte sich dann auf einem Ellenbogen auf. Mittlerweile konnte Serrana schon etwas entspannter über ihr ungeborenes Kind nachdenken, trotzdem schlich sie auch diesmal wieder ein kleines Gefühl der Panik mit ein, die sie schnell mit einem unbekümmerten Lächeln zu kaschieren suchte. Bald....ja, lang würde es jetzt nicht mehr dauern, bis das Kind geboren würde...


    "Ja, du hast Recht, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es nur noch ein paar Monate dauern wird. Aber ich sag dir eins: mein Kind kriegt Großmutter nicht in die Fänge, dafür werde ich sorgen."

    "Ein alter Freund....wie nett, dass er das tun will. Für ihn muss es doch auch ganz furchtbar sein." murmelte Serrana, der die ganze Tragweite ihrer eigenen Bemerkung erst bewusst wurde, nachdem sie diese ausgesprochen hatte. Allein die Vorstellung, sie selbst müsste die Beerdigung von Calvena oder Septima organisieren, war so entsetzlich, dass sich ihr Verstand weigerte, sie auch nur ansatzweise weiter zu spinnen. Sie hatte Axilla eher unbewusst berührt, doch als diese derart heftig zusammen zuckte, fuhr auch Serrana selbst zurück, und ihre Hand blieb unschlüssig in der Luft hängen, während ihre Cousine auf diese schreckliche Art und Weise zu lachen anfing. Das allein löste bei Serrana schon ein gehöriges Maß an Panik und Grauen aus, doch spätestens bei der nächsten Bemerkung hatte sie das Gefühl, dass ihre Eingeweide von einer eisigen Hand zusammengepresst wurden und sich das Kribbeln auf ihrer Haut noch verstärkte. Sie selbst hatte ja schon häufiger Vermutungen dieser Art in Bezug auf ihr eigenes Schicksal geäussert, aber dass so etwas jetzt ausgerechnet aus Axillas Mund kam, die doch so offensichtlich den Aberglauben ihrer Cousine kritisiert hatte, machte das Ganze noch viel beängstigender. Ganz abgesehen davon, dass sie Axilla bislang noch nie eine einzige Träne hatte vergießen sehen.
    Serranas linke Hand legte sich automatisch wie zum Schutz über ihren mittlerweile schon recht deutlich gerundeten Bauch, während die andere sich vorsichtig Axillas Haar näherte, kurz davor jedoch erneut in der Luft stockte.


    "Du solltest so etwas Schreckliches nicht sagen, Axilla. Warum solltest du denn verflucht sein? Du....du hast doch niemandem etwas getan."

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    Artanes


    Artanes nickte dem Sklaven der bewusstlosen Frau zu und wartete, bis dieser zurückgekommen und seiner Herrin etwas angezogen hatte. Und das nicht etwa aus besonderer Rücksichtnahme heraus, sondern weil er jetzt nur noch daran interessiert war, die vermeintliche Frevlerin und damit auch die weitere Verantwortung so schnell wie möglich beim zuständigen Pontifex abzuladen. Dafür war es nötig, so schnell und unauffällig nach Rom zu kommen, und eine halbnackte Frau in Begleitung mehrerer Männer würde wohl eher das Gegenteil bewirken.


    "Steig mit ihr auf das Pferd und halt sie fest." wies er den dunkelhaarigen Diener an und machte seinen noch verbliebenen Helfern ein Zeichen, sich um ihn und die beiden zu scharen. "Wir werden sicher noch ein paar Pferde irgendwo auftreiben, aber jetzt müssen wir endlich los." Ein letzter, immer noch ein wenig ungläubiger Blick auf den so übel heimgesuchten Hain, dann setzte sich der kleine Tross in Bewegung Richtung Rom.

    Natter? Hatte er ihre Großmutter gerade allen Ernstes Natter genannt? Serrana vergaß über dieser Vorstellung sogar ihren bisherigen Ärger und begann zu kichern.


    "Pass bloß auf, dass Großmutter nicht erfährt, wie du sie nennst, sonst beisst sie dich am Ende noch wirklich." Natter, du liebe Güte, das kam ja schon fast einer Gotteslästerung nahe...


    "Ja, ich glaube auch nicht, dass der Tiberius ein besonders strenger Vater ist." stimmte sie Sedulus dann zu. "In dieser Hinsicht hat Faustina wirklich Glück gehabt, ich glaube auch nicht, dass er ihr irgendeinen Ehemann einfach aufzwingen wird."

    "Er ist an zweiter Stelle, oder? Meinst du, Tolimedes kann es noch schaffen?" Inzwischen war Serrana genauso vom Rennfieber infiziert wie alle anderen um sie herum und ihre Hand krallte sich regelrecht in den Arm ihres Mannes, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst war. Schade, dass man als Dame der Gesellschaft ruhig sitzen bleiben musste, am liebsten wäre sie aufgesprungen und herumgehoppst wie all die Zuschauer auf den weniger vornehmen Plätzen.

    "Ja, ich bin Camilla." nickte Serrana bestätigend in Richtung des Tiberiers, bevor sie sich zu ihrem Mann wandte, um dessen Rätsel zu hören. "Oje, das werde ich ganz sicher nicht lösen können, mit den Mythen der nördlichen Völker jenseits der Alpen kenne ich mich überhaupt nicht aus." Beim Thema Thermen lagen die Dinge dann schon wieder anders.


    "Du solltest auf jeden Fall mal die Thermae Agrippae besuchen." sagte sie zu Faustina und nahm sich noch ein paar Oliven. "Die sind wirklich sehr schön und komfortabel, und man ist nach kürzester Zeit auf dem neuesten Stand, in allen Belangen, die für Rom von irgendeiner Bedeutung sind."

    Sie behielt Sedulus genau im Auge, während er auf ihre Gegenfrage antwortete und entspannte sich angesichts seiner überzeugend arglosen Reaktion schließlich wieder ein wenig.


    "An ihrem Alter? Was meinst du denn damit?" Erneut stieg ein leichter Unwille in Serrana empor, und sie ärgerte sich selbst, dass sie sich ständig persönlich angesprochen und sogar angegriffen fühlte. Vermutlich hatte ihr Mann gar nicht daran gedacht, dass Tiberia Faustina kaum jünger sein konnte als sie selbst.
    "Ist ja auch egal." sagte sie daher und zuckte mit den Schultern. "Auf jeden Fall hat sich offensichtlich keine Germanica Laevina um ihre Umgangsformen gekümmert, was ihre Kindheit vermutlich wesentlich angenehmer gemacht hat als meine."

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    Artanes




    Wieviel Zeit war eigentlich vergangen, seit er den Weihrauch in die Glutschale gestreut und mit seinem Opfer hatte beginnen wollen? Artanes hatte inzwischen jegliches Zeitgefühl verloren und ging noch eine Weile wie ein Schlafwandler zwischen den Bäumen umher, bis sein Verstand endlich wieder vernünftig zu arbeiten begann und er selbst die ersten Befehle brüllte, um an diesem Ort des Grauens zu retten, was noch zu retten war. Er trommelte die Überlebenden zusammen, und nach kurzer Befragung hatte sich der Gehilfe eines Medicus gefunden, dem es gut genug ging, um sich zumindest notdürftig um die vielen Verletzten zu kümmern. Der Rex Nemorensis packte selbst so gut wie möglich mit an, hielt den einen oder anderen bei der Untersuchung wild um sich schlagenden fest und tat sein Bestes, um mit anderen Helfern die überall im Hain umherliegenden Verwundeten zu finden und zu einer gemeinsamen Sammelstelle zu bringen. Immer wieder musste er seine Arbeit unterbrechen, um den verzweifelten Menschen Trost zu spenden und ihnen gut zuzureden, obwohl das noch nie seine große Stärke gewesen war.
    Aus den Augenwinkeln bekam er irgendwann auch den Sturz seiner Gefangenen mit, fuhr jedoch mit seiner Arbeit fort, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie noch am Leben war und es offensichtlich auch bleiben würde. Irgendwann würde sich der Medicus auch um sie kümmern, aber im Moment hatten die Menschen Vorrang, die zum Teil noch viel noch schwerer verletzt waren als sie. Der hellhaarige Sklave, der in ihrer Gesellschaft gekommen war, schien einen kurzen Disput mit einem dunkelhaarigen Fremden zu haben, der es offensichtlich eilig hatte, fortzukommen und Artanes warf ihm einen fragenden Blick zu, bevor er sich wieder den Verletzten zuwandte.
    Und wieder verging eine ganze Weile, bis plötzlich erneut Hufgetrappel durch den Hain schallte, diesmal jedoch nur von einem einzelnen Pferd, das sich im Galopp näherte. Artanes sprang auf und sprang förmlich darauf zu, nachdem er seinen eigenen Boten wiedererkannt hatte.


    "Ich komme direkt von Pontifex Tiberius persönlich." stieß dieser atemlos hervor, nachdem er mit wackeligen Knien abgestiegen war. "Er hat befohlen, die Gefangene unverzüglich zu ihm nach Rom zu bringen, um sie verhören zu können. Du solltest keine Zeit verlieren."
    Artanes nickte und sah dann wieder zu der bewusstlosen Frau hinüber, die sich immer noch nicht wieder rührte. "Gut, dann machen wir uns auf den Weg, aber wir werden dein Pferd brauchen, um sie zu transportieren." Eigentlich verließ er den Hain und seine Schützlinge nur höchst ungern, aber immerhin gab es ja jetzt jemanden, der sich ein wenig um sie kümmerte, bis wirkliche Hilfe aus Rom eingetroffen war.

    Serranas Nase kräuselte sich leicht angewidert bei dem ihrer Meinung nach nicht gerade besonders reizvollen Bild vom Hund und seinem Geschäft. Trotzdem war sie bereits schon wieder so milde gestimmt, dass sie auf die Frage ihres Mannes mit ja antworten wollte, als er eine ganz und gar ungünstige weitere Frage hinterher schickte.


    "Die Tiberia? Wieso kommst du denn jetzt auf die?" fragte sie erst verwirrt und dann zunehmend misstrauisch, während sich ihre Stirn erneut in Falten legte. "Was willst du denn von mir hören? Dass ich sie hübsch finde oder witzig? Oder dich frage, wie sie dazu kommt, dich beim Cognomen zu nennen? Schließlich hat sie dich doch heute zum ersten Mal gesehen, oder irre ich mich da etwa?"

    "Was soll das heissen, du bist dir da nicht so sicher?" hakte Serrana alarmiert nach, ließ den Vorhang jetzt endlich Vorhang sein und heftete den Blick auf ihren Mann. Hatte sie ihm etwa schonmal das Gefühl gegeben, irgendwie unzufrieden mit ihm oder ihrer Ehe zu sein? Fieberhaft ging sie in Gedanken die vergangenen ersten gemeinsamen Monate durch, doch ihr fiel keine andere Gelegenheit ein, die dazu gepasst hätte. Sie war so beschäftigt mit ihrer Grübelei, dass sie beinahe verpasst hätte, auf Sedulus' nächste Bemerkung zu antworten. Ein wenig nahm ihr bereits seine Entschuldigung den Wind aus den Segeln, aber so ganz wollte Serrana es dann doch nicht unter den Tisch fallen lassen.


    "Na schön." sagte sie brummiger, als sie eigentlich noch war. "Aber es hätte ja nun wirklich gereicht, wenn du gesagt hättest, dass dir die Art und Weise dieser Hochzeit nicht zugesagt hat."

    Serrana fuhr herum, als sie plötzlich die Stimme in ihrem Rücken hörte, doch dann erkannte sie ihren Schüler und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.


    "Salve, Flavius Flaccus. Wie schön, dass du so zeitig gekommen bist. Ich fürchte, ich habe dir bei unserem letzten Treffen keinen genauen Zeitpunkt genannt, entschuldige bitte." Sie machte eine einladende Geste in den Raum hinein und drehte sich dann einmal um die eigene Achse.


    "Also, das wird in der nächsten Zeit unser Reich sein. Es ist nichts besonderes, wie du siehst, aber wir haben genug Arbeitsmaterial zur Verfügung und die wichtigen Tempel sind nur einen Katzensprung entfernt." Sie wollte gerade fortfahren, als sie ein erneutes Räuspern an der Tür unterbrach, das diesmal allerdings eindeutig von einer weiblichen Stimme stammte. Und diese Stimme gehörte wiederum zu einer schon etwas älteren, kleinen und drahtigen Frau mit eisgrauem Haar, die nun den Raum betrat und den beiden Anwesenden zunickte.


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    Pedania Iunor



    "Und das....." fügte Serrana mit einem Blick auf den Neuankömmling hinzu und lächelte erneut,"...das ist die ehrwürdige Aeditua Pedania Iunor. Sie wird den praktischen Teil deiner Ausbildung übernehmen, weil ich ja leider derzeit nicht an Opferhandlungen teilnehmen kann. Pedania, darf ich dir Flavius Flaccus vorstellen? Er ist seit kurzem Discipulus des Cultus Deorum."

    Also doch. Kein Unfall, kein Überfall, sondern Selbstmord. Das letzte mögliche Schlupfloch schwand dahin, und Serrana schluckte, während sie langsam die letzten Meter zurücklegte, die sie noch von ihrer Cousine trennten und sich dann vorsichtig am äussersten Ende der selben Bank niedersetzte, ohne Axilla aus den Augen zu lassen. Näher an diese heran traute sie sich irgendwie nicht, aber sie wollte auch nicht stehenbleiben und zu ihr hinuntersehen in so einem Moment. Und jetzt? Was sagte man nur in so einer Situation? Oh, tut mir leid, dass dein Mann sich umgebracht hat? Serrana schluckte erneut und nickte dann einfach nur, als Axilla sagte, sie wisse den Grund dafür nicht. Welcher Grund konnte dafür auch in Frage kommen? Zumindest in Serranas Augen schien es keinen zu geben, schließlich hatte Axilla nie von irgendwelchen Schwierigkeiten gesprochen. Im Grunde war das aber auch egal, denn das Grauen über die Art und Weise, in der Aelius Archias seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, überdeckte zumindest in diesem Augenblick noch jede Frage nach einem warum. Als Axilla dann erwähnte, sie habe sich die Leiche ihres toten Mannes angesehen, bildete sich auf Serranas Armen sofort eine Gänsehaut. Man brauchte nicht allzuviel Phantasie, um sich vorzustellen, welche Zerstörungen ein Sturz von einem derart hohen Felsen an einem Körper anrichten würde, und Serrana wünschte sich plötzlich, sie hätte Axillas Mann niemals persönlich kennengelernt, um ihn sich nicht in diesem Zustand vorstellen zu müssen. "Piso? Wer ist das?" fragte sie irritiert nach, als ihre Cousine einen Namen erwähnte, der ihr völlig unbekannt vorkam. Dann sprach diese davon, dass sie das Tuch von der Leiche ihres Mannes gezogen hatte, und Serranas Gänsehaut breitete sich noch weiter über ihren Körper aus, selbst ihre Kopfhaut schien jetzt zu prickeln. Axilla wirkte immer noch unnatürlich ruhig, doch dann begann fuhr plötzlich eine Art Schütteln durch ihren Körper, und Serrana hob instinktiv die Hand und berührte ganz leicht den Arm ihrer Cousine, blieb jedoch auf ihrem Platz sitzen.


    "Axilla, soll ich Adula vielleicht zu Crios in die Taberna schicken, damit er herkommt oder dir etwas zubereitet, damit es dir etwas besser geht?" Allzuviel Ahnung von Medizin hatte Serrana nicht, aber Axilla stand ganz offensichtlich unter Schock, was angesichts der Umstände auch kaum verwunderlich war.

    "So war das nicht gemeint, und das weißt du auch ganz genau!" entgegnete Serrana ärgerlich. Wieso drehte er ihr denn plötzlich die Worte im Munde herum und stellte sie als hochnäsig dar?


    "Und es ärgert mich nicht, DASS du deine Meinung über diese Hochzeit gesagt hast, sondern WIE. Wir waren zum ersten Mal in diesem Haus eingeladen und kannten weder Tiberius Dolabella noch seine Tochter mehr als flüchtig, und du berichtigst mich einfach, als wäre ich ein dummes kleines Ding Und noch dazu bei Sachen, die meine Familie betreffen! Du glaubst ja nicht, wie demütigend das war, was sollen denn diese Leute von mir denken?" Und das war genau der springende Punkt, der Serrana am meisten piesackte, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte.

    Das konnte er sie doch unmöglich allen Ernstes fragen! "Wenn du es unbedingt wissen willst, mir hat deine Ausdrucksweise nicht gepasst." antwortete Serrana, die den Stoff des Sänftenvorhangs nach wie vor in der Hand hielt, ihren Mann jetzt aber doch dabei ansah. Bei seinen nächsten Worten verfinsterte sich ihr bislang nur schmollendes Gesicht nur, und ihre Augen begannen zu funkeln. "Wie schön, dass du dieses Thema ansprichst. Ich persönlich war nämlich bislang der Meinung es zu verdienen, dass man mir in der Öffentlichkeit nicht über den Mund fährt. Und sprich nicht so über die Götter, du hörst dich ja schon an wie Großmutter." Serrana stieß ein kleines Schnauben aus, zog einen Flunsch und sah wieder auf die Straße hinaus.

    Serrana hatte mittlerweile zwei zögernde Schritte gemacht, blieb jedoch erneut wie angewurzelt stehen, als Axilla sich zu ihr umdrehte und sie mit diesem Blick ansah. Ein seltsamer Blick, den sie noch nie zuvor an Axilla gesehen hatte, und der sie noch unsicherer machte, als sie ohnehin bereits war .Irgendwie hatte diese Situation etwas unwirkliches, und für einen abstrusen Moment wünschte Serrana sich, ihre Cousine möge, wie schon häufiger zuvor, wütend werden und sie anfauchen , damit alles wieder vertraut und weniger gespenstisch wurde.


    "Ich....ich hab mich sofort auf den Weg gemacht, nachdem ich gehört habe, was passiert ist." sagte sie schließlich und versuchte, den Blick nicht allzu auffällig auf Axillas dunklem Trauergewand ruhen zu lassen. "Es....ist doch passiert, oder?" Natürlich war die Chance, dass all die Menschen draussen in den Strassen falsch lagen, im Grunde gleich Null, aber aus irgendeinem Grund würde es für Serrana erst endgültig Realität sein, wenn sie es aus dem Mund ihrer Cousine selbst gehört hatte. Und so lange blieb die Möglichkeit bestehen, dass alles nur ein furchtbares Missverständnis war, ein Gerücht, das sich von Strasse zu Strasse weiter verbreitet und dabei immer schlimmer geworden war wie so viele andere zuvor. Natürlich ließ Axillas Kleid nur ein Schlussfolgerung zu, aber vielleicht war es ja auch ein Unfall gewesen, oder ein Überfall, oder.... Alles schien irgendwie gnädiger zu sein als die Vorstellung, dass ein frischverheirateter und wohlhabender junger Mann sich selbst von einem Felsen in den Tod gestürzt hatte.

    Ein kurzer Blick hinüber zu Sabina zeigte Serrana, dass sich die Kleine bei diesem Thema offenbar genauso unwohl fühlte wie sie selbst. Kein Wunder eigentlich, schließlich hatten sie in dieser Hinsicht sehr ähnliche Erinnerungen und Erfahrungen... Ein wenig unschlüssig kaute sie einen Moment lang auf ihrer Unterlippe herum, dann entschied sich Serrana, einen kleinen Vorstoß bei ihrer Stieftochter zu wagen. Ewig davor zurückschrecken würde sie ohnehin nicht können, also war dieser Augenblick so gut wie jeder andere.


    "Weißt du, Sabina," begann sie vorsichtig und dachte gut über jedes einzelne Wort nach, das jetzt ihren Mund verließ, "es ist jetzt schon elf Jahre her, seit meine Mutter starb, aber sie ist immer noch sehr wichtig für mich. Ich denke sehr oft an sie, und weil ich sie jetzt nicht mehr sehen kann, hab ich das hier immer bei mir, das hat nämlich ihr gehört." Serrana nahm vorsichtig die Kette mit der kleinen silbernen Sonne ab und zeigte sie Sabina, bevor sie Luft holte und weitersprach.


    "Die eigene Mutter ist immer etwas besonderes, und das ändert sich auch nicht, wenn sie stirbt. Dann ist es erst recht wichtig, dass man die Erinnerung an sie in Ehren hält, weißt du? Ich hab das bei meiner Mutter immer getan und würde deshalb auch nie erwarten, dass du etwas anderes machst. Verstehst du, was ich damit sagen will?"