Beiträge von Iunia Serrana

    Iunia Serrana, ich rede mit dir...diese Formulierung hatte sie vor allem in ihrer Kindheit sehr häufig gehört, wenn ihre Großmutter mal wieder zu einem ihrer Vorträge angesetzt hatte, um "das Kind" ein wenig an ihrer Weisheit teilhaben zu lassen. Wobei diese das "Iunia" nur selten in den Mund genommen hatte, und wenn, dann hatte es sich meistens angehört, als spucke sie eine versehentlich verschluckte Fliege wieder aus. In jedem Fall war diese unfreiwillige Erinnerung nicht wirklich dazu geeignet, Serranas Stimmungslage in irgendeiner Form zu heben.


    "Ich habe dich durchaus gehört, Germanicus Sedulus." antwortete sie ein wenig spitz und sah zu ihrem Mann hinüber. "Und was deine Frage betrifft: von Seiten unserer Gastgeber war das sicher ein gelungener Abend, ja." Mit diesen Worten öffnete sie den Vorhang erneut und widmete sich wieder den Aktivitäten ausserhalb der Sänfte.

    Der Bote unterdrückte mit Mühe ein Stöhnen. Noch so ein Ritt, diesmal in die Gegenrichtung...Die Anwesenheit des Pontifex und ehemaligen Consuls schüchterte ihn jedoch so erfolgreich ein, dass er bereits nickte, bevor dieser mit seinen Anweisungen durch war.


    "Oja, natürlich Herr! Ich mach mich sofort auf den Weg, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob mein Pferd noch einen weiteren scharfen Ritt in einer Nacht überstehen wird."

    Angenehm gesättigt von dem wirklich hervorragenden Essen war Serrana in die Sänfte gestiegen und hatte es sich auf den Kissen bequem gemacht. Der Rückweg war vermutlich sogar lang genug für ein kleines Nickerchen, aber gleich die erste Bemerkung von Seiten ihres Mannes deutete an, dass daraus wohl eher nichts werden würde. War dieses, zugegebenermaßen recht überzeugend wirkende, arglose Lächeln wirklich echt, oder wollte er sie damit ärgern?


    "Nun, wenn du meinst...." sagte Serrana daher nur und runzelte leicht die Stirn, während sie den Vorhang zur Seite schob, um zu demonstrieren, wie interessant in ihren Augen doch das Geschehen auf der nächtlichen Straße im Vergleich zu dem sich anbahnenden Gespräch war.

    Serrana reckte sich leicht auf ihrem Platz, um Sedulus' Fingerzeig folgen zu können und nickte, als sie unten auf der Rennbahn Tolimedes wiedererkannte. Besondes viel Ahnung von Wagenrennen hatte sie nach wie vor nicht, aber allmählich schwappte ein wenig der Aufregung um sie herum auch auf sie selbst über.


    "Er wird es schon noch schaffen, ich hab da ein gutes Gefühl." antwortete sie mit dem Optimismus der Arglosen und legte die eine Hand auf seinen Unterarm, während sie mit wachsender Spannung dem Lauf der Gespanne folgte.

    "Oh nein, ich bin keine Göttin." schüttelte Serrana den Kopf und lächelte Faustina an. "Ich stand unter dem persönlichen Schutz von Diana, doch ihr Bruder Apollon half meinem Mörder Arruns mich mit einem Speer zu ermorden." Sie ließ den Blick über die angebotenen Speisen gleiten und entschied sich schließlich noch für etwas Gemüse und ein paar Oliven, während ein Sklave ihren Becher erneut füllte.

    "Ja, komm recht bald wieder her. Ich würde mich sehr freuen." strahlte Serrana ihren Cousin an, nachdem auch sie sich erhoben hatte. Ein weiterer Iunier hier in Rom, das war fast zu schön, um wahr zu sein.

    Nach einem weiteren Blick hin zu Adula, die auch weiterhin einfach unbewegt stehenblieb, seufzte Serrana erneut und schüttelte dann resigniert den Kopf. "Nun, sie muss es ja selbst wissen. Ich frag mich nur, wie sie all diese Muskeln behält, wenn sie nichts anständiges isst." Sie sah ein wenig besorgt dabei zu, wie Sedulus sein Bein massierte und runzelte auf seine Frage hin dann nachdenklich die Stirn.


    "Oh, ich weiß nicht so recht. Hier im Haus hast du mir ja schon fast alles gezeigt, aber wenn wir rausgehen, dann muss ich mich auf jeden Fall noch umziehen und mir die Haare vernünftig machen. Ich bin ja vermutlich total zerrupft." Automatisch griff sie mit einer Hand in ihren Haarknoten, den sie sich recht provisorisch nach ihrer beider unfreiwilligem Bad zurechtgemacht hatte, und sofort rieselten ein paar lose Haarsträhnen hinaus und über ihre Schulter. "Naja, du siehst ja, was ich meine." Serrana kicherte leise und spielte mit einer der Strähnen herum, während sie weiter über eine geeignete Unternehmung nachdachte. "Hast du vielleicht eine Idee?"

    "Adula, komm her und nimm dir etwas zu essen und zu trinken." rief Serrana zu ihrer Sklavin hinüber, die nach wie vor kein Gesicht verzog und unbeweglich stehengeblieben war. "Du musst doch auch Hunger haben, wenn du schon so lange auf uns aufpasst." Adula ließ einen undefinierbaren Brummton hören, rührte sich jedoch immer noch nicht, woraufhin ihre Herrin leise aufseufzte. "Sie ist schon ganz schön stur, findest du nicht, Quintus? Als ob sie sich was vergeben würde, wenn sie sich was zu essen nimmt..."Sedulus' nächste Bemerkung quittierte Serrana nur mit einem durchaus spürbaren Knuff in seine Seite, dann ging ihr Blick erst hinunter zu dem von ihm erwähnten Bein und dann wieder hinauf zu seinem Gesicht.


    "Oh, dann sollten wir lieber aufstehen und uns ein bisschen bewegen, was meinst du?" Sie sprang von der Bank auf und streckte ihrem Mann beide Hände entgegen.

    Der Tag war schon schon relativ weit fortgeschritten, als Serrana schließlich an der Casa Iunia ankam um nach Axilla zu sehen. Eigentlich wäre es naheliegend gewesen, das im kaiserlichen Palast zu tun, wo ihre Cousine in den letzten Monaten gelebt hatte, aber eine innere Stimme sagte Serrana, dass sie es zuerst im Stammhaus der Iunier versuchen sollte. Und siehe da, sie hatte Recht mit ihrer Vermutung gehabt, denn ein erschöpft wirkender Araros nickte auf ihre Frage hin und erklärte, dass man domina Axilla zuletzt im Garten gesehen habe.
    Die bedrückte Stimmung, die Serrana seit ihrem Streit mit Sedulus nicht mehr losgelassen hatte, verstärkte sich noch, während sie durch die seltsam stillen Gänge des Hauses ging. Da zur Zeit keine Herrschaften hier wohnten, war die Casa schon lange nicht mehr besonders lebhaft gewesen, doch nun schien über allem eine riesige Wolke des Schweigens zu liegen. Am Ausgang zum Garten blieb Serrana kurz stehen und schluckte, als sie vertraute Gestalt ihrer Cousine ausmachte, die ihr in einiger Entfernung den Rücken zuwandte. Ihr Kopf pochte immer noch leicht vom vielen Weinen, das erst richtig schlimm geworden war, nachdem Sedulus ihr gemeinsames Cubiculum verlassen hatte, und ihre Augen waren, dem vielen kalten Wasser zum Trotz, immer noch geschwollen und rot.


    "Axilla?" sagte Serrana schließlich leise, während sie nach wie vor unschlüssig im Durchgang stehen blieb, als fürchtete sie sich den Garten zu betreten, in dem sie doch schon so viel Zeit verbracht hatte.

    Im Verstehen von sexuellen Anspielungen aller Art war Serrana noch nie die Allerschnellste gewesen, und so dauerte es eine ganze Weile, bis sich ihre Ohren leicht rot verfärbten und sie sich beeilte, das Gespräch wieder in harmlose Gewässer zurückzulenken.


    "Ich bin eine mythische Gestalt. Tochter eines Königs und von einer Göttin beschützt. Ich konnte durch Getreide gehen, ohne es niederzutreten und auf dem Meer wandeln, ohne meine Füße zu benetzen."

    Ein wenig erschrocken, dass sie nun selbst an der Reihe sein sollte sah Serrana von ihrem Teller auf und begann dann fieberhaft über ein passendes Rätsel nachzudenken. Nach einigen Augenblicken erhellte sich ihr Gesicht dann wieder und sie sah die anderen in der Runde lächelnd an.


    "Nun, ich bin eine Frau, und meine Wiege stand hier in Italia, auch wenn ich weit von der Heimat starb. Ein Speer rettete mir einst das Leben und nahm es mir auch."

    Ein wenig steif noch vom langen Liegen richtete Serrana sich wieder auf, setzte sich neben Sedulus und sah diesen überrascht an, nachdem sie zu Adula hinübergeschaut hatte, die nach wie vor ungerührt an der selben Stelle stand.


    "Sie wollte mich ins Bett bringen? Davon hab ich gar nichts mitbekommen." Sie gähnte herzhaft und streckte sich dann nach allen Seiten. "Unfassbar, dass man am hellichten Tag so müde sein kann. Dabei waren wir doch gerade erst aufgestanden." Ein wenig schuldbewusst glitt ihre Hand über die Oberschenkel ihres Mannes. "Und du bist die ganze Zeit so sitzen geblieben? Das muss doch furchtbar unbequem gewesen sein."

    Dass Seneca sich so aufrichtig und unverstellt mit ihr und Sedulus freute, ging Serrana nach den ständigen Streitereien mit Axilla runter wie Öl, und ihr Lächeln wurde breiter. Vielleicht war es ja doch noch möglich, so etwas wie ein iunischen Familienleben zu erschaffen.


    "Vielen Dank, das ist sehr nett von dir. Und das selbe gilt natürlich auch für dich. Ich denke, ich spreche auch für meinen Mann, wenn ich dir sage, dass du hier in diesem Haus immer willkommen sein und Hilfe bekommen wirst." Zumindest von ihr, und so wie sie Sedulus mittlerweile kannte, sicherlich auch von dessen Seite, falls Seneca sich nicht urplötzlich als ein ganz anderer entpuppen würde.

    Da ihr die ganze Situation immer noch unendlich peinlich und unangenehm war, griff Serrana dankbar nach der Rettungsleine, die die Flavia ihr zuwarf.


    "Oh, ich denke, in diesem Jahr wird er sich vermutlich nicht zur Wahl stellen, wir haben nämlich geplant, den Sommer in Germanien zu verbringen. Quintus' Onkel ist bereits dort und wir werden wohl auch bald aufbrechen." Zumindest ging Serrana zum Zeitpunkt der Vestalia noch davon aus, denn ihre Tätigkeit als Ausbilderin eines Priesterschülers war noch genauso Zukunftsmusik wie die Absage der Reise, zu der sich Sedulus nach einiger Überlegung entschließen würde.
    Während Romana jetzt von ihren Anfängen als Vestalin erzählte, lauschte Serrana aufrichtig interessiert, um kurz darauf entsetzt die Augen aufzureissen.


    "Aber diese schrecklichen Christen sind doch keine ernsthafte Gefahr, oder?" fragte sie an Romana gewandt, und allein bei der Vorstellung, das irgendjemand oder irgendetwas ihre so heissgeliebten Götter in Frage stellte, wurde Serrana schon schlecht. Sie würde ihren Tempel jedenfalls nie aufgeben, und wenn ganz Rom von Christen nur so wimmeln würde!

    [SIZE=7]"Ich will ja." [/SIZE]antwortete Serrana so leise, dass sie selbst nicht sicher war, ob sie ihrem Mann wirklich geantwortet oder lediglich die Lippen bewegt hatte. Irgendwie verstand sie sich in diesem Moment selbst nicht. Ein Teil von ihr wusste ganz genau, dass sie Sedulus vertrauen und ihm alles erzählen konnte, und trotzdem brachte sie es nicht fertig und wünschte sich nur noch, sich irgendwo mit einer Decke über dem Kopf zu verkriechen und einfach nicht mehr nachdenken zu müssen. Sie hatte bereits die Hand gehoben, um ihren Mann festzuhalten als dieser zurück zu seinem Sessel ging und ließ sie dann doch hinter seinem Rücken wieder sinken, bevor er etwas davon mitbekommen konnte.


    "Danke, das ist nett von dir." murmelte sie mit einem reichlich kläglichen Lächeln, als er wieder in ihre Richtung kam und ihre Finger glitten über die geschwollene Haut um ihre Augen, bevor sie zu dem kleinen Tisch hinüber schaute, auf dem neben ihren Kosmetika auch eine Schüssel mit kaltem Wasser stand. "Ich...ich werd mich dann mal fertigmachen. Ich weiß ja, wo ich dich finde." Sie sah Sedulus erneut an und biss sich dann auf die Lippen. Warum war das alles auf einmal nur so entsetzlich schwer? Vielleicht würde sie ja später wieder richtig mit ihm sprechen können, wenn sie diesen Besuch bei Axilla hinter sich gebracht hatte.

    Vermutlich gab es deutlich bequemere Orte auf der Welt als diese steinerne Bank im Garten der Casa Germanica, dennoch würde Serrana über einen sehr langen Zeitpunkt nicht mehr derart friedlich tief und erholsam schlafen wie an jenem Vormittag nach ihrer Hochzeit.
    Als sie endlich wieder langsam zu sich kam, hatte sie bereits jegliches Zeitgefühl verloren und brauchte einen kleinen Moment, bis sie realisiert hatte wo sie sich gerade befand.


    "Oh, bin ich etwa eingeschlafen?" fragte sie ein wenig verwirrt und griff instinktiv nach oben, um über Sedulus' Wange zu streichen. "Wie lange sind wir denn schon hier?"

    Ohne es zu ahnen, hatte Sabina mit dieser Frage einen von Serranas wundesten Punkten getroffen, und diesmal kostete es sie schon einiges mehr an Willenskraft, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. "Ich weiß es nicht genau." antwortete sie schließlich wahrheitsgemäß und zog die Beine noch ein bisschen näher an ihren Körper heran, bevor sie das Kinn auf die Knie legte und angestrengt gerade aus starrte.


    "Weißt du, ich glaube, er war ganz furchtbar traurig, weil meine Mutter gestorben ist und hat es einfach nicht mehr ausgehalten, dort wohnen zu bleiben, wo wir gelebt hatten. Und er wusste ja, das meine Großeltern gut für mich sorgen würden, wenn er fort wäre." Seltsam, dass der Gedanke daran nach alle den Jahren immer noch wie ein Stachel in ihrer Haut saß, und das, obwohl Serrana schon viel besser über ihren Vater dachte, seit sie den alten Brief ihres Großvaters gefunden hatte.

    "Wundervoll, dann werde ich dafür sorgen, dass man uns dort einen der Ausbildungsräume zur Verfügung stellt." nickte Serrana zufrieden und dachte dann über einen geeigneten Zeitpunkt nach, um mit dem Unterricht zu beginnen. "Was hältst du von PRIDIE KAL SEP DCCCLX A.U.C. (31.8.2010/107 n.Chr.)? Dann hätte ich noch ein paar Tage, um alles vorzubereiten und die notwendigen Dinge zu besorgen." Sie sah Flaccus abwartend an. Immerhin war es ja auch möglich, dass der junge Flavier bereits andere Pläne oder Verpflichtungen hatte, auch wenn es in Serranas Augen gar nichts wichtigeres als den Dienst an den Göttern geben konnte.