Es war schon spät am Nachmittag als Seneca das Grabmal seiner Familie erreichte, er war lange nicht hier gewesen, aber irgendwer kümmerte sich immer um das Grab, Axilla, Serrana, Diademata, oder eben die Sklaven, so genau wusste Seneca das eigentlich gar nicht, aber er war froh darüber, dass jemand das Grabmal in Schuss hielt. Dem Iunier war immer etwas mulmig zumute wenn er den kleinen Gang entlanglief welcher zu den Grabplatten führte, nicht etwa wegen den Verstorbenen, sondern weil er diese Bräuche nicht von kleinauf lernte, und deshalb immer befürchtete etwas falsch machen zu können, und was könnte schlimmer sein als der Zorn der Ahnen?
Seneca erreichte die Grabplatten und musste einmal kurz durchatmen als der die Namen seiner Familie las, Flavius Iunius Valentius, Vater, Iunia Lucilla, Mutter, Iunia Lenaea, Schwester. Wieder einmal wurde Seneca schmerzlich bewusst dass er alle verloren hatte, und seine Cousinen, allen voran Axilla, mit welcher er mittlerweile so im Zwist lag, eigentlich die waren, welche ihm am nächsten standen. Und seine Cousins, welche ebenfalls Rom dienten, viel zu wenig Interesse von ihm erfuhren, auch wenn sie in seinem direkten Umfeld dienten, oder war es gerade deshalb? Der Centurio beschloss die Gedanken an die lebenden beiseite zu schieben, und wieder den Ahnen zu gedenken.
Er kniete sich hin, und begann leise zu sprechen...
"Ihr ehrenwerten Iunii, meine verehrten Ahnen, ich, Aulus Iunius Seneca, danke euch für euren Schutz und euren Segen, und möge euch im Tod die Ehre zuteil werden, welche ihr euch im Leben verdient habt.", damit hatte Seneca wieder einmal die offizielle Einleitung abgeschlossen, und kam nun auch direkt zu den Opfergaben, welche er denen die vor ihm waren dareichen wollte, "Ehrenwerte Ahnen, was wäre ich für ein Iunier wenn ich euch nicht gebührende Ehre erweisen würde?", fragte er mehr oder minder rhetorisch während er bereits einige Nahrungsmittel bereitstellte, "Ich bringe euch Kekse, etwas Wurst, Huhn, Trockenobst...", Senecas Augen folgten den Linien zwischen den einzelnen Platten auf dem Boden, sein Gesicht blieb ernst, und es war gezeichnet von den Anstrengungen des Krieges, "Momentan ist es nicht leicht an genug Nahrung zu kommen, keiner die euch gebührt, die Zeiten sind hart.", gab er dann zu, und griff abermals um sich um eine kleine Karaffe vor sich abzustellen, "Ich bringe euch außerdem Wein, Landwein, es ist nicht der beste den ihr je genossen habt, aber er ist ganz gut.", fuhr er etwas nervös fort, und hielt dann kurz inne.
Anschließend sprach der Iunier noch wie üblich zu seinem engeren Verwandtenkreis, und das war schwieriger für ihn als er gedacht hatte..
"Vater, der Krieg ist vorbei, ich lebe, und dennoch freue ich mich nicht.", kurz blickte Seneca nach oben, atmete tief durch, was würde sein Vater, ehrenhaft im Feld gefallen, oder zumindest verschollen, von ihm denken? "Geehrter Vater, ich habe meine Männer immer weiter nach vorne getrieben. Für einen Kaiser der Rom geschadet hat, der uns Iuniern geschadet hat, und dennoch habe ich es als meine Pflicht angesehen, für meinen Eid, meine Ehre... Die Legaten sagten wir seien im Feld ungeschlagen, doch ich selbst war bei der Kapitulation dabei, ich selbst habe die Seiten gewechselt, vielleicht war ich einfach zu Feige den römischen Tod zu wählen. Doch ich sah meine Zeit nicht gekommen Vater, ich wollte meine Männer nicht ins verderben stürzen, oder vielleicht rede ich mir das nur ein.", Seneca fuhr sich durch die Haare, einen kleinen Kloß im Hals hatte er schon, aber er schaffte es diesen schnell wieder zu verdrängen, "Vater, ich hoffe du bist stolz auf mich, oder kannst irgendwann wieder Stolz auf mich sein. Ich diene Rom, ich diene dem Kaiser, welchem auch immer, doch ich wollte mich nicht ins Schwert stürzen. Wenn ich im Feld falle, dann stehend im Kampf, nicht so, nicht jetzt.", nochmal seufzte der Iunier, und "wandte" sich dann an seine Mutter, "Geliebte Mutter. Wie oft hätte ich deine weisen Ratschläge in letzter Zeit gebraucht, auch wenn ich sie als Junge nicht zu schätzen wusste, so habe ich nun verstanden dass du nur das beste für mich und unsere Familie im Sinn hattest.", Seneca lächelte kurz als er seiner Mutter gedachte, viel zu lange war sie nun schon fort, und er ertappte sich immer wieder beim vergessen, ihr Aussehen, er hatte es nur noch grob im Kopf, aber ihre Stimme hatte er noch im Kopf als wäre es gestern gewesen als sie zu ihm sprach, "Ich liebe eine Frau die nicht die meine ist. In ihrem Herzen vielleicht. Aber es wird wohl niemals mehr als das werden Mutter... Axilla,", Seneca grinste kurz bei diesem Namen, hatten sich die beiden in letzter Zeit nur noch gefetzt wie die Kesselflicker, "..Axilla hat versucht mir diese Gefühle auszutreiben, eventuell zurecht, doch ohne jeden Erfolg. Ich weiß was du mir sagen würdest Mutter, und ich möchte dich zufriedenstellen, doch habe ich diesen Weg gewählt, und ich sehe vorerst keine Abzweigung. Wer weiß was noch geschieht? Dieser Krieg hat einiges durcheinandergebracht. Und ich bin sicher dass du irgendwann mit Wohlwollen auf mich blicken kannst.", 'auch das wäre geschafft', dachte sich der Iunier und wandte sich schließlich an seine Schwester, seine kleine Lenaea, "Liebe Schwester. Es vergeht wohl kein Tag an dem ich nicht an dich denke. Ich vermisse dich, auch wenn ich mich in der Casa Iunia nicht über zu wenig weiblichen Einfluss beschweren kann, fehlst du mir doch sehr. Du wirst es nicht glauben, aber du bist Tante! Irgendwie... Es ist alles noch sehr kompliziert, aber ich gebe mein bestes, sowie ich es schon immer getan habe, auch wenn es nur darum ging dich zu necken. Ich hoffe wir sehen uns wieder Lenaea, doch bis dahin habe ich hier noch vieles vor mir, ich möchte ja dass meine Schwester zu mir aufblicken kann.", Seneca lächelte kurz, und fuhr mit dem Finger über ihren Namen, "Ich muss jetzt los. Verzeih. Aber ich komme bald wieder hierher, versprochen.", noch einmal hielt Seneca inne, nur kurz, dann erhob er sich wieder und verließ das Grab seiner Ahnen, irgendwie leichter als zuvor, freier, auch wenn die Rückmeldungen wie immer etwas dürftig waren.