Ja, auf der Suche nach den richtigen Worten war Dives schon eine ganze Weile, genaugenommen praktisch seit er sich vorgenommen hatte Serapio zu schreiben. Es war so einfach gewesen sich vorzunehmen, dass er ihm schreiben würde und so ungleich schwieriger dann auch tatsächlich etwas Brauchbares zu Papyrus oder wenigstens einen ersten Strich auf eine Tabula zu bekommen. Zunächst hatte der Iulier es mit gewöhnlichen Briefen versucht, die aber alle bereits an der ganzen Förmlichkeit der Anrede und solchen Dingen gescheitert waren. Etwa anderthalb Wochen später folgte die Phase, in der er sich dazu entschloss irgendetwas Poetisches zu schaffen, was er wiederum eine Woche darauf dann auch begann, jedoch noch in der selbsen Woche auch gleich wieder aufgab. Dazu war er irgendwie einfach nicht in der Lage. Es folgten zwei Wochen des Belesens in der hauseigenen Bibliotheca - und sogar aus der Casa Iulia in Roma hatte sich der Duumvir (natürlich stets unter irgendwelchen scheinheiligen Vorwänden) diverse Literatur besorgt. Aber auch das Heraussuchen passender, bereits existierender Werke erwies sich als deutlich aufwändiger als gedacht, sodass der Iulier letztlich - er wusste schon gar nicht mehr, wie viele Wochen seit der letzten Begegnung mit Serapio nun mittlerweile ins Land gegangen waren - einfach nur noch eins tun konnte: Hilfe beschaffen!
Einem Duumvir standen dazu natürlich gerade in der von ihm verwalteten Stadt vergleichsweise viele gute Optionen offen. Welche Buchhandlung oder Bibliotheca würde sich schließlich nicht einem der beiden Stadtobersten empfehlen wollen, in der Hoffnung daraus vielleicht gleich noch gut Profit zu schlagen durch irgendwelche Vergünstigungen? So bekam die Bücherei von Portus von höchster Stelle einen besseren Standplatz auf dem Platz der Corporationen zugewiesen, während der Curator Libris der Bibliotheca am Tibris für sein Buch 'Historia Ostiensis' eine Woche lang exklusiven Zugang (allerdings unter Aufsicht) auch in die Bereiche des städtischen Archivs bekam, die der breiten Öffentlichkeit sonst nicht so einfach zugänglich waren. Das Werk würde vor seiner Veröffentlichung dafür jedoch noch einmal durch eine duumvirische Zensur gehen, wo zumindest die pikantesten Details garantiert gestrichen werden würden. Die Buchhandlung in der Nähe des Forums hatte Dives mit einer 'bescheidenen' Spende für sich gewinnen können und den Buchverleih in den Claudiusthermen schlichtweg mit Erpressung. Doch die von allen vorgelegten Ergebnisse waren allesamt unbrauchbar. Teils große Namen mit teils tollen Werken, die aber kaum bis gar nicht den Anlass trafen. Was sollte der Iulier beispielsweise mit einem Gedicht, welches davon handelt, wie Cupido die weiblichen Reize entdeckt? Es war klasse geschrieben, wie er fand, doch es passte einfach nicht zur Sache...
Da kündigte sich ein Archivschreiber der Bibliotheca Marinae, die gleich hinter der Porta Marinae gegenüber dem Forum Marinae gelegen war, an. Der Duumvir konnte sich zwar nicht erinnern, dass er auch an diesen Betrieb irgendwelche Versprechungen gemacht oder gar irgendwelche Geldbeträge gespendet hatte, doch wahrscheinlich hatte man dort einfach davon gehört, dass der Duumvir Iulius spezielle Literatur suchte. Innerhalb einer Branche wäre es schließlich ganz normal, dass derlei Informationen - zumal innerhalb des Stadtgebietes - die Runde machten. So dachte sich Dives auch nichts weiter dabei, als er jenen Herrn in die Villa Iuliana einlud.
| Caius Caelius Caldus
SCRIBA LOGEI - BIBLIOTHECA MARINAE
Es war schon eine ganze Weile her, seit er den Duumvir Iulius Dives, wie der sich neuerdings schimpfte, in einer Taverne getroffen hatte. Noch ein ganzes Stück länger zurück lag sein letzter (bezahlter) Besuch der Villa Iuliana, über den der Caelier noch heute gut schmunzeln konnte. Vor allem, dass der Iulier ihn in der Taverne nicht erkannte hatte, nachdem er doch in gewissen Kreisen - wie auch Caldus zu Ohren gekommen war - nach ihm gesucht hatte! So hatte sich der Scriba Logei also heute aufgemacht zur Villa Iuliana und war gespannt, ob sich der Duumvir heute an ihn erinnern könnte. Jetzt hatten die beiden schließlich nicht nur eine nächtliche Begegnung miteinander, sondern auch eine bei... nunja, immerhin Tavernenlicht.
Zügig wurde der Caelier von der Porta der Villa ins Privatofficium des Duumvir Iulius Dives geführt, wo man sich gegenseitig kurz begrüßte und dem Iulier sogar auffiel, dass er seinen Gegenüber bereits irgendwo her kannte. Doch vorerst hielt er diese Erkenntnis noch unter Verschluss...
"Also... Caelius, was führt dich zu mir? Wie hast du erfahren, dass ich die Hilfe eines belesenen Mannes brauche? Und vor allem: Hast du eine Vorstellung davon, was ich suche?", stellte Dives seine Fragen, denn so ganz genau gesagt, worum es ging, hatte er bislang niemandem - was wohl auch der Grund dafür war, dass er noch immer mit leeren Hände da stand.
"Zunächst: Nenn mich ruhig Caius. Ich denke das wäre durchaus angemessen. Dann: Die Bibliotheca Marinae arbeitet, wie du vielleicht weißt, eng auch mit dem Buchverleih in den Claudiusthermen zusammen. Nach deiner so... zuvorkommenden Anfrage an diesen kannst du dir sicherlich vorstellen, dass auch die Bibliotheca Marinae entsprechend eindringlich informiert wurde. Daher weiß ich, dass du nach spezieller Literatur suchst.", beantwortete Caldus zunächst nur die ersten beiden Fragen, wenngleich ein wissendes Lächeln bei Erwähnung der speziellen Literatur gleichsam schon so eine Andeutung darstellte.
"Wer bist du und was willst du?! Ich weiß, dass ich dein Gesicht kenne, aber ich kenne ganz sicherlich keinen Caelius!", sprach Dives eindringlich und lehnte sich vor auf seinen Schreibtisch, den Caelier mit kaltem Blick fokussierend. Der getroffene Hund bellte.
"Haha, Iulius! Du erinnerst dich wirklich nicht? Du erinnerst dich nicht an den Tag, an dem wir uns wie lange unterhalten haben, nachdem dich dein Freund für ein leichtes Mädchen hat sitzen lassen? Eine Stunde? Zwei? - Komm, enttäusch mich nicht! Ich bin's, Caius! ... Oder erinnerst du dich jetzt vielleicht an Venus' Tag der Launenhaftigkeit? Den Tag, an dem man aufpassen muss, was man einander glaubt; den Tag, an dem wir beiden Süßen..." Genau das war der Grund gewesen, weshalb sich Caldus so auf diesen heutigen Tag gefreut hatte! Wie ein Fisch hatte der Iulier an besagtem Abend angebissen und versuchte sich nun nach Kräften von der Leine zu reißen - vergebens.
"JA! Ja... Ich meine, vielleicht kann ich mich erinnern. Was willst du?!", beendete Dives diesen Vortrag seines Gegenübers. Er konnte sich das nicht mehr länger mit anhören, wenngleich er sich so gänzlich daran wirklich nicht mehr erinnern konnte. Das zweite Treffen in der Taverne, ja. Das war jetzt wieder einigermaßen präsent. Aber hatte er tatsächlich mit diesem Caelius..? Viel gesehen hatte er damals nicht. Er müsste Caldus fühlen, um zu sehen, inwiefern das stimmen könnte...
"Was ich will? Warum so misstrauisch, Iulius? Ich will dir helfen, dass du deinen Freund wieder aus den Fängen dieses Mädchens befreist. Darum geht es doch, oder? Deshalb hat dir doch bisher niemand weiterhelfen können, nicht wahr?!", triumphierte der Scriba Logei sichtlich ob der gezogenen Schlüsse. Jetzt müsste sich Dives erklären...